Horst Schroeder

Aufsätze aus der Zeit des Kaiserreichs

1911 1916 1917 1918    
           

1911

John Galsworthy. LE, Bd. 13, Nr. 15 (1. Mai 1911), 1090-1094.
Porträt des englischen Schriftstellers, geschrieben aus Anlaß des am 6. März 1911 erschienenen Romans The Patrician. – „Wie Lord Byron mit Grillparzer, wird es den Deutschen mit Galsworthy ergehen – a devil of a name, to be sure, for posterity; but they must learn to pronounce it. [Tagebuch, 12.01.1821] Sie können die Bekanntschaft mit diesem englischen Romanschriftsteller nicht länger ablehnen, es sei denn, daß sie sich bei Auswahl ihrer Lektüre, selbstgenügsam, auf die heimische Produktion beschränkten. – Von dem alten Erbfehler der Deutschen, ihrer Vorliebe für alles Ausländische, kann längst nicht mehr die Rede sein; wenigstens nicht in der Literatur. Der modische Jean de France läuft in ungezählten Exemplaren heut auf allen Gassen herum; der literarische Jean de France ist dafür um so seltener geworden. Kein Zweifel, die Ausländerei im Roman hat bei uns gründlich abgewirtschaftet. Man darf darin ein erfreuliches Zeichen für die Erkenntnis des eigenen Wertes sehen und fühlt sich fast versucht, von einer Gesundung zu sprechen, da wir zum Glück nationale oder chauvinistische Erwägungen in der Kunst nicht gelten lassen. Tatsache ist: Erfolg, breiten Erfolg hatte in den letzten Jahren von ausländischen Erzeugnissen nur das Sensationelle hierzulande (Bücher wie Ssanin [von Michail Petrovitsch Arzybaschew (1909)] oder Das gefährliche Alter [von Karin Michaelis (1910)]), während die reine Kunst des Auslands jetzt vielfach an verschlossene Türen klopft. ● Ein reiner Künstler ohne alles Bluffende und Blendende, ohne alles Marktschreierische und Massenködernde ist John Galsworthy, der heute der englischen Welt als einer ihrer Besten gilt. Sein Ruhm ist verhältnismäßig jungen Datums. Erst an der Schwelle der Vierzig trat er in die grelle Sonne des Erfolgs. Seine früheren Romane – Villa Rubein (1900), A Man of Devon (1901), The Island Pharisees (1904), unter dem Pseudonym John Sinjohn veröffentlicht –, noch ohne scharf umrissene Persönlichkeit, doch in ihrem dunkeln Drange des rechten Weges sich bewußt, vielfach vag, doch mit einer unverkennbar bitteren Note und von satirischen Streiflichtern erhellt, vermochten das britische Lesepublikum nicht zu erwärmen, weil ihre eigene Blutwärme gering war. Hier entlud sich kein Temperament; hier bereitete sich ein Charakter vor. Nichts von Sturm und Drang ist darin, nur ein wehes, wundes Lächeln. – Erst 1906, Galsworthys annus mirabilis, brachte ihm, im Roman wie im Drama, die allgemeine Aufmerksamkeit. The Man of Property, den man als die englischen Buddenbrooks bezeichnen darf (deutsch unter dem Titel Der reiche Mann bei Bruno Cassirer, Berlin, erschienen), stellte ihn mit einem Schlage in die vorderste Reihe. Wie bei Thomas Mann war das Erstaunen der bis dahin zurückhaltenden Menge groß, daß tastenden Anfängen ein so rundes, reifes, als Kulturbild unvergängliches, in der Detailschilderung meisterhaftes Werk gefolgt war. Der Verwunderung gesellte sich bald die Bewunderung, als Galsworthy mit The Silver Box (ich habe diese ihres deutschen Erweckers noch harrende Komödie Der Zigarettenkasten genannt [1909; deutsche Erstaufführung 1914 (s. Sektion ‚Selbständige Veröffentlichungen’)]) einen vollen Sieg auf der Bühne errang. – Seitdem ist die Kette seiner Triumphe nur ein einziges Mal gerissen: als das Court Theatre [Savoy Theatre] in London das allzu skizzenhafte Schauspiel Joy aufführte [Premiere 24.09.07]. Das Drama Strife, in dem ohne alle Parteilichkeit, mit gemessener Objektivität der Kampf zwischen Kapitalisten und Arbeitern behandelt wird, ließ die Engländer erkennen, daß dieser Schriftsteller, wie jeder Brite, in das soziale Leben der Nation einzugreifen entschlossen war [Uraufführung am 09.03.09 am Duke of York’s Theatre]. Und mit seiner Tragödie Justice (Justiz) wagte er es sogar, die mittelalterliche Grausamkeit des englischen Gefängnissystems anzugreifen; keineswegs in tendenziöser Weise, sondern einfach durch ein getreues Abbild der herrschenden Zustände [Erstveröffentlichung und Uraufführung 1910; deutsche Übersetzung durch MM und deutsche Erstaufführung 1913 (s. Sektion ‚Selbständige Veröffentlichungen’)]. Den Braven traf nicht die Ächtung des Volkes, das ungern an seinen durch die Zeit, aber nur durch die Zeit sanktionierten Einrichtungen rütteln sieht, sondern die Achtung vor seiner guten Tat ging so weit, daß sich das Parlament alsbald mit der Reform der Strafanstalten beschäftigte. Welchem deutschen Drama unserer Tage wäre ein so praktischer Erfolg beschieden gewesen? (Man wird mit Interesse vernehmen, daß es dem Engländer John Galsworthy gelungen ist, durch eine novellistische Studie, enthalten in dem Sammelbande A Motley [1910], die Entlassung eines zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten deutschen Gefangenen zu erwirken. Ich würde diese unglaublich klingende Tatsache nicht mitteilen, wenn sie mir nicht von einem Berliner Staatsanwalt bestätigt worden wäre. [Cf. H. V. Marrot, The Life and Letters of John Galsworthy (1935), S. 259: ‚In late May, 1910, he (Lord Northcliffe) and Galsworthy together went over the Moabit Prison in Berlin. There they saw two prisoners serving life-sentences, one of whom was the inspiration of the sketch The Prisoner in A Motley; and one of the two was released through their joint efforts.’]) ●● Ob der Dramatiker Galsworthy Sitz und Stimme bei uns erwerben wird, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Der Romanschriftsteller wird schon deshalb seinen Weg machen, weil wir nicht mit allzu vielen Ebenbürtigen gesegnet sind. Möglich, daß er auf eine kleine Gemeinde beschränkt bleiben wird. Denn er schreibt weder für den Bildungsmob noch für den gebildeten Snob, sondern – mit Lessing [Klopstock] zu reden – für wenige Edle [Der Messias, I. 19]. Aber gerade diese werden an seiner unfehlbaren Technik, an seiner erlesenen Wortkunst (er wird als einer der besten englischen Stilisten geschätzt), an seinem glänzenden Kunstverstand ihre Freude haben. Kunstverstand – ja, das ist es. Kein Himmelstürmer dräut mit Felsblöcken; kein Prometheus schwingt die lodernde Fackel; kein Dilettant strebt ahnungslos ins Blaue: ein feiner Mensch, der die Grenzen seiner Kraft kennt, verweilt mit Geschmack und Takt auf dem Boden der Wirklichkeit. Was er will, das kann er. Er weiß, worauf es ankommt, und arbeitet das mit sicherer Hand heraus. Unerbittlich in seiner Wahrheitsliebe, verfällt er nie in einen brutalen Realismus. Schönfärberei liegt ihm so fern wie die krasse Deutlichkeit der Dinge. Wo er sie einmal geben zu müssen glaubt, nimmt er ihr das Abstoßende, indem er das gemein Gegenständliche, ähnlich wie Clara Viebig, zum Symbolischen zu steigern bemüht ist. Er individualisiert die Typen, er typisiert die Individuen. Fast hinter jeder seiner Gestalten sieht man eine lange Reihe von Charakteren der gleichen Art auftauchen; jede wächst ins Typische hinauf und hat die Sondermerkmale des Einzelwesens. – Von Galsworthys dramatischen Figuren gilt dies noch in erhöhtem Maße. Man denke an die arme Mrs. Jones im Zigarettenkasten: schon der Name so alltäglich wie möglich, die Trägerin selbst ein Alltagsgeschöpf, und doch wird diese Mrs. Jones die schlichte Frau aus dem Volke; ihr unverdientes Unglück ist die Tragik der Gattung. Man denke an den leichtsinnigen Bankangestellten in Justiz: jeder nervöse junge Mann in London, dem die Versuchung in Form von Banknoten so bedrohlich auf den Leib rückt, ist irgendwie William Falder, und an dem Schicksal dieses Einzelnen wird mit tödlicher Sicherheit gezeigt, wie das Rad der Justiz einen armen Teufel, der, nachdem er für seinen Fehltritt gebüßt, wieder hochkommen möchte, schonungslos zermalmt. Oder ein Beispiel aus dem Roman The Man of Property: hinter jedem Forsyte steht eine unendliche Zahl gleichgearteter Engländer, die in ihrer Gesamtheit die upper middle class ausmachen. ●● Diese Klasse, der Rumpf des britischen Weltreichs, ist Galsworthys Domäne. Kein Schriftsteller hat ihre Vertreter je schärfer gesehen, ihre Schwächen so durchleuchtet, ohne für ihre Vorzüge blind zu sein. Zum Glück ergeht es Galsworthy nicht wie Dickens oder Anzengruber, die Gestalten aus höheren Gesellschaftsschichten nur gesperrt oder verzerrt darzustellen vermochten. Daß er auch in der Aristokratie Bescheid weiß, dafür bürgte schon der Roman The Country House [1907] und das noch unveröffentlichte Drama The Eldest Son [1912]. Den vollgültigen Beweis erbringt jetzt sein Roman The Patrician (London, William Heinemann). – Die Handlung ist, wie immer bei Galsworthy, möglichst einfach. In einem Satze zu erschöpfen. […] Die Handlung, wie gesagt, äußerst karg und doch eine Fülle des Geschehens. Keine stofflichen Überraschungen, auch nicht einschneidende innere Wandlungen – dazu sind alle Charaktere zu sehr in sich gefestigt –, sondern Zuckungen, Vibrationen, seelisches Erbeben und Erleben unter der scheinbar ruhigsten Oberfläche. Mögen Galsworthys Menschen noch so schwere Krisen durchmachen, sie verlieren nie die Herrschaft über sich selbst. Jeder von ihnen bleibt noch in Stürmen captain of his soul [William Ernest Henley, ‚Invictus’ (1888)]. Das Motto, das an der Spitze des neuen Buches steht: ‚Charakter ist Schicksal’ [‚Character is Fate’], geleitet alle Geschöpfe dieses eminent britischen Schriftstellers durch das Labyrinth des Lebens. Sie besitzen von Haus aus nicht stoische Unerschütterlichkeit, die ein Resultat ist, sondern insulare Selbstbeherrschung, die angeboren ist. Sie meistern freilich nicht das Leben, aber das Leben hat auch nicht Gewalt über sie. – Vor allem: sie lassen in Gegenwart andrer nie sehen, welche Kämpfe und Krämpfe sich in ihrer Brust begeben. Sie scheinen unberührt und sind innerlich doch tief gerührt, vielleicht sogar in den Tiefen aufgerührt. Sie weigern sich, ihre Gefühle zu zeigen, wie es die gute Sitte des Landes vorschreibt. Sie haben eine erstaunliche faculty for dumbness. Nichts wäre verkehrter, als Galsworthys Menschen gefühlsarm oder gar blutleer nennen zu wollen; aber wortarm sind sie, wortarm bis zu einem Grade, daß der mit englischem Gemütsleben nicht vertraute Kontinentale leicht zu dem falschen Schluß kommen wird, sie sagten nichts, weil sie nichts zu sagen hätten, weil nichts in ihnen vorgehe. Diese Inselmenschen, von denen jeder auf einer Separatinsel zu hausen scheint, können nicht, wie Tasso, der Natur nachrühmen: ‚Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede, die tiefste Fülle meiner Not zu klagen.’ [V, v. 3430 f.] Ihnen gab kein Gott zu sagen, wie sie leiden. – An einer Liebesszene sei veranschaulicht, wie weit diese extreme Sparsamkeit mit Worten geht. […] Wortkarger hat sich wohl nie eine Werbung im Roman abgespielt; doch was zwischen den Worten, mehr noch: zwischen den Zeilen steht, ist aufschlußreich genug und verschweigt uns nicht das wahre Wesen dieser schweigsamen Menschen. Höchste Kunst, fast schon Virtuosität bewährt sich hier. – Wir Deutschen sind mehr für Gefühlsentladung als für eine so singuläre Zurückhaltung. Darum stehen uns die romanischen Menschen in der Kunst meist näher. Ich führe gern den Racine’schen Helden an, der in die pathetische Klage ausbricht: ‚Madame, je me suis tu cinq ans’, im Gegensatz zu dem Schäfer in Thomas Hardys Roman Far from the Madding Crowd, der viel länger schweigt, ohne seine Neigung durch ein Sterbenswörtchen zu verraten [vgl. MMs Buchbesprechung vom 01.01.05]. Bei dem Franzosen ist die Hauptsache: nicht daß er fünf Jahre schweigt, sondern daß er es endlich herausschreit. Der Engländer würde sich eher die Zunge abbeißen. Ich weiß wohl, das britische Temperament ist der Kunst nicht immer förderlich, und es wird auch Galsworthys Anerkennung in Deutschland erschweren. Aber sein außerordentliches Können steht fest, obgleich ihm das Hinreißende versagt ist. In einem Lande, wo so viel fortissimo gesprochen wird – auch in der Literatur –, sollte ein Künstler des piano schon als Ausnahmeerscheinung fesseln.“

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1916

Gerichtstag. NZZ, Nr. 2124, Sechstes Sonntagblatt, 24. Dezember 1916.
Gedicht in Prosa. – „Und Gott sprach zu einem seiner Engel: ‚Laß am Geburtstag meines Sohnes alle Opfer dieses Krieges vor mir erscheinen.’ – Und der Engel ergriff eine der für den Tag des jüngsten Gerichts bereit stehenden Drommeten und gab den Seelen der Gefallenen das Zeichen, vor ihren Richter zu treten. – Und als sie den Ton der silbernen Tuba vernahmen, machten sie sich sogleich auf den Weg. Obwohl die Schatten gar keinen Raum für sich beanspruchten, war auf allen Straßen des Himmels ein solches Gedränge, daß die Engel nicht wie sonst ihre Flügel ausspreiten konnten, sondern eng an sich schmiegen mußten. – Die Erzengel, als Leiter der Himmelspolizei, achteten besonders darauf, daß keiner sich dem Rufe entzog, und trieben die Säumigen zur Eile an. – Siehe! Da fanden sie die Seele eines gemeinen Soldaten, die sich abseits hielt und sich zu verbergen suchte. – ‚Was zauderst du?’ redete sie einer der Erzengel an. ‚Hast du den Ruf nicht gehört, und willst du ihm nicht folgen?’ – Und die Seele antwortete: ‚Ich schäme mich.’ – ‚Was hast du begangen?’ erwiderte ihr der Erzengel. ‚Gott kennt deine Sünde, auch ohne daß du sie vor Ihm bekennst.’ – ‚Ich konnte Menschen, die mir nichts getan haben, nicht hassen. Darum zog ich einem Leben, das mir das Morden zur Pflicht machte, den freiwilligen Tod vor. Meine Kameraden ziehen mich deshalb der Feigheit …’ – ‚Und du glaubst, daß der höchste Weltenrichter diese Tat unverzeihlich finden wird?’ – ‚Ich glaube, daß nur Er sie verzeihlich, ich glaube, daß Er sie nur zu verzeihlich finden wird. Darum schäme ich mich, mit reinem Gewissen vor Ihm zu stehen, wenn meine Brüder alle schuldbeladen vor Ihn hintreten.’“

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1917

Die Zukunft der Deutschen Bühne. Fünf Vorträge und eine Umfrage, hrsg. vom Schutzverband deutscher Schriftsteller, (Berlin 1917), 127.
Am 10. Mai 1917 verabschiedete der Schutzverband deutscher Schriftsteller im Berliner Beethovensaal – gemeinsam mit dem Goethe-Bund, dem Verband deutscher Bühnenschriftsteller, der Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände und der Gesellschaft für Theatergeschichte – folgende Entschließung: „Die Zukunft der deutschen Bühne darf und kann nicht abhängig gemacht werden von obrigkeitlicher Bevormundung, noch von Stimmung und Willensäußerung einzelner Gruppen oder organisierter Massen; sie kann nur in der Freiheit geistiger Entwicklung dem Volke Kraft und Erhebung zuführen. Diese Freiheit verlangt, daß die deutschen Bühnen sich mehr als bisher den jungen schöpferischen Begabungen öffnen und den deutschen dramatischen Eigenbau nicht zu Gunsten der ausländischen Bühnenschriftsteller zurückdrängen. Wenn auch die Pflege der Weltliteratur im Sinne Goethes ein stolzes Erbteil der deutschen Bühne bleiben muß, so darf doch keine Kraft des eigenen Bodens durch die Teilnahmslosigkeit der Bühnenmachthaber verkümmern.“ Die Entschließung wurde anschließend zum Gegenstand einer öffentlichen Umfrage gemacht, in der sich 92 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur zu Worte meldeten, darunter auch Meyerfeld: „Ich erkenne nur eine Zensur an: den guten Geschmack. Der wird (vielleicht) durch die lebenslange Beschäftigung mit Kunstdingen, niemals von Polizeiorganen erworben. Denken ließe sich: ein Areopag von Staatsmenschen, die – nach ungeschriebenen Gesetzen – eine Art Zensur ausüben; eine Behörde von Staatsbeamten, denen der Buchstabe über den Geist geht, ist dazu nicht imstande. – Landesgrenzen in der Kunst sind so verblödend wie Parteien in der Politik. Heimisches verdient selbstverständlich vor Fremden gleichen Ranges den Vorzug. Ausländische Erzeugnisse mittlerer Güte haben auf deutschen Bühnen nur dann etwas zu suchen, wenn sie ethnographischen Wert besitzen; ausländische Kunstwerke gehören auf sie. – Man ehrt das Alter im Leben – seiner Enttäuschungen wegen; man ehre die Jugend in der Kunst – um ihrer Versprechungen willen.“

Verallgemeinerungen. NZZ, 3. Juni 1917, Zweites Sonntagblatt, Nr. 997.
Plädoyer gegen Verallgemeinerungen, insbesondere in Bezug auf Volksgemeinschaften. – „Als abschreckendes Beispiel einer maßlos übertreibenden Verallgemeinerung ist jedermann die Geschichte vom rothaarigen Kellner geläufig. Ein Engländer, der zum erstenmal nach Deutschland kommt, wird von einem rothaarigen Kellner bedient und trägt sogleich in sein Tagebuch ein: alle deutschen Kellner (oder vermerkt er gar: alle Deutschen?) sind rothaarig. Worin liegt die Komik der weit verbreiteten, in vielen Fassungen überlieferten Anekdote? Darin, daß einer einmaligen, von Sr. Majestät dem Zufall mit spielerischer Laune gebotenen Erscheinung allgemeine Gültigkeit zugeschrieben, daß Schicksalswillkür als Gesetzmäßigkeit ausgegeben wird. Hier rennt ein fixes Trugschlußverfahren die ehernen Satzungen der Logik über den Haufen. Hier brüstet sich die flüchtige Beobachtung des Augenblicks mit dem Schein einer auf tiefe Kenntnis gegründeten Erfahrung. Der Neuling gebärdet sich als Adept. – Unser Engländer – man gebe sich keiner Selbsttäuschung hin – ist überall zu Hause. Bei sämtlichen Völkern des Erdballs. Bei den Amerikanern so gut wie bei den Lappländern (bei den zu Mammutmaßen neigenden Amerikanern vermutlich mehr). Bei ‚all sorts and conditions of men’. Hoch und niedrig, reich und arm, jung und alt schwelgen in voreiligen Folgerungen. […] – Dieses Musterbeispiel [‚Alle deutschen Kellner sind rothaarig’] […] liegt auch, bis zu einem gewissen Grade, den Rassetheorien zugrunde, sofern sie über somatische Sonderzüge, d.h. Eigentümlichkeiten der Körperbeschaffenheit, hinausgehend seelische Eigenheiten der Völker über einen Kamm zu scheren trachten. Lessing erkannte jedem Menschen, wie seine eigene Nase, seinen eigenen Stil zu […]; die Herren Rassetheoretiker – Nachkommen des alten Prokrustes, die jeden so lange strecken oder an Haupt und Gliedern kürzen, bis er sich ihrer Formel fügt – lassen dem Menschen nicht einmal die eigene Seele. Und doch zählen, wenn die körperlichen Besonderheiten der Menschen nach Millionen rechnen, ihre seelischen nach Myriaden. Das paßt den Schematikern schlecht in den Kram. Ihnen steht das System höher als das der Regel spottende Einzelwesen. Ordnet es sich nicht willig ein, so wird, mehr keck als sanft, Gewalt gebraucht. Bietet es selbst nicht mehr die geringste Handhabe zur Einschachtelung, so werden die Vorfahren auf Herz und Nieren geprüft. Wenn nur die Fälschung gelingt! – Nicht ohne Genugtuung haben wir es erlebt, daß die auf Verallgemeinerungen beruhenden, blöden Kollektivurteile, die über ganze Völker im Schwange waren, insgesamt während des Krieges elendiglich Schiffbruch litten. Es hat sich herausgestellt, daß an dem niederträchtigen Geschwafel kein wahres Wort ist. Wie oft wurde uns vorgeredet, daß das eine Volk wohl impulsiv, aber nicht ausdauernd sei! Wie oft mußten wir hören, daß ein anderes Volk in der Erfindung von Ideen wenig, nur in deren Verwertung etwas geleistet habe! Wie oft wurde, zum Zwecke der Verhetzung, die eine Rasse gegen die andere mobil gemacht! Sie sollten jetzt, Wehmut in der Brust, Demut im Herzen, voreinander den Hut ziehen, weil jede von ihnen ungeahnte Kräfte entwickelt hat. Begreiflicher, weil der Verblendung entsprungen, doch ebenso bedauerlich sind die haarsträubenden Verallgemeinerungen, die der Krieg selbst erzeugt hat. Ein ganzes Volk, eine unendliche Vielheit von schwarzen und weißen Böcken, wird kurzerhand mit einem Schimpfwort abgetan. Jede Regung eines andern Volkes soll in einem sogenannten Nationallaster ihre Erklärung finden. Und so geht es ohne Grazie und ohne Geist weiter. Ach, der Krieg verdummt die Besten! Zum Glück machen die Kämpfer selbst den Unfug am wenigsten mit. Das läßt vielleicht erhoffen, daß sie später dazu berufen sind, den Wahn zu zerstreuen. – Sie haben – wir alle haben die Pflicht, weil wir wissen, daß die Verachtung der Volkheiten nicht von heut auf morgen ausgetilgt werden kann, die Achtung vor dem Einzelwesen zu predigen, zu fördern, zu beweisen. Und wenn auf tausend Ungerechte nur ein Gerechter käme, dürfte man nicht über die Gesamtheit den Stab brechen. Es gilt, die alten Verallgemeinerungen, mehr noch die neuen, die nur die Gemeinheiten hervorheben, beherzt über Bord zu werfen. Die Morgenröte einer besseren Zukunft wird an dem Tage leuchten, da man den Menschen nicht mehr nach einer zufälligen Stammesangehörigkeit, sondern nach seinem eigenen Werte beurteilt. In diesem Sinne wollen wir arbeiten und nicht verzweifeln.“

Noralgie. NZZ, 17. Juni 1917, Drittes Sonntagblatt, Nr. 1096.
Über das Schwanken der Menschen im 1. Weltkrieg zwischen Hoffen und Bangen. – „Kein Druckfehler liegt hier vor. Weder Neuralgie noch Nostalgie ist gemeint; nicht der körperliche Nervenschmerz und nicht die durch Heimweh hervorgerufene seelische Verstimmung, so lockend es wäre, gerade dieser, die jetzt Millionen von Männern als Opfer fordert, eine Betrachtung zu widmen. Gemeint ist die zwischen Sorge und Hoffnung schwankende Beklommenheit, die auf der Frau des Rechtsanwalts Torwald Helmer lastet – besser bekannt unter dem Namen Nora. Sie hat vor Jahren, wenn auch aus den edelsten Beweggründen, eine strafbare Handlung begangen. Gelangt diese zur Kenntnis ihres Mannes, so ist es um ihr Glück geschehen. Der Mitwisser droht Enthüllung an; Nora zittert vor den Folgen. Wird er den Brief, der ihre Tat aufdeckt, in den Kasten werfen? Der Unhold, der Gewalt über ihr Schicksal hat, entfernt sich; Nora öffnet die Vorzimmertür und lauscht. ‚Es fällt ein Brief in den Briefkasten. Mit einem unterdrückten Aufschrei läuft Nora durchs Zimmer’ (lautet die Bühnenanweisung) und flüstert dann nach kurzer Pause: ‚Im Briefkasten’. – Dieses lakonische ‚Im Briefkasten’, das über das Lebensglück einer dichterischen Gestalt entscheidet, hat ungeahnte Bedeutung für alle oder doch fast alle Zeitgenossen gewonnen. Selbst wenn es sich nicht um die Bedrohung der persönlichen Freiheit, um den Eingriff eines Unholds handelt – wem bangte nicht vor einer Nachricht, die er durch die Gitterstäbe des engen Gehäuses schimmern sieht? Die Blicke aller Mütter, Frauen, Bräute, Schwestern, die einen lieben Angehörigen im Felde haben, hängen angstvoll an dem kleinen Kasten aus Holz oder Blech. Es hat sich eine furchtbare Macht angemaßt, birgt zahllose schicksalsschwere Mitteilungen, zerrt an den Nerven der armen Erdenkinder, grinst sie an, wenn er leer ist, jagt ihnen durch ein Stück Papier einen panischen Schreck ein, verläßt sie zu keiner Stunde des Tages in ihren Gedanken, schleicht sich bei Nacht in ihre ruhelosen Träume und setzt ihrer verzehrenden Ungeduld sein ewig unerschütterliches ‚Ich kann warten’ hämisch entgegen. – […] Wie richtig hat Ibsen die Phantasie der Frau beurteilt, wenn er seiner Nora in solcher Lage die Worte in den Mund legt: ‚Im Grunde ist es doch eine Seligkeit, auf das Wunderbare zu warten!’ Und wir wollen wünschen, daß Noras bittere Enttäuschung recht, recht vielen Frauen erspart werde, daß sie nicht mit ihr zum Schluß blutenden Herzens sagen müssen: ‚Ich glaube an keine Wunder mehr.’ – ‚Im Briefkasten’ und ‚Das Wunderbare’ – so heißen die beiden Akte einer Tragödie, die sich während der letzten drei Jahre in ungezählten Variationen täglich, stündlich in fast allen Ländern unserer mißhandelten, zum Zerrbild entstellten Erde abgespielt hat. Zwischen der Furcht vor einem von Menschenhand verhängten Unabwendbaren und der Hoffnung auf übernatürliche Hilfe pendelt heute das Leben von Millionen. Im Briefkasten – das bedeutet die Unfreiheit, die Gebundenheit, die Machtlosigkeit des Menschen. Das Wunderbare aber ist, daß dieser unlösbar an sein Schicksal geschmiedete Staubgeborne, vermöge der ihm und in aller Schöpfung nur ihm verliehenen Phantasie, einen Flug zu den Sternen nimmt und an das Wunderbare glaubt. ‚O wunderbar, wunderbar und höchst wunderbarlich wunderbar und nochmals wunderbar,’ heißt es bei Shakespeare in Wie es euch gefällt.“

Was siehest du aber ... NZZ, 22. Juli 1917, Zweites Sonntagblatt, Nr. 1344.
Protest gegen die Schwarz-Weiß-Malerei des Weltkrieges in den am Krieg beteiligten Ländern: „‚Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? … Was siehest du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr? … Du Heuchler, ziehe zuvor den Balken aus deinem Auge, und besiehe dann, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest.’ [Matthäus 15:14, 7:3-5.] – Von allen Weisheitssprüchen des Evangeliums, das nun schon drei Jahre lang außer Kraft gesetzt ist, wird kaum einer täglich, stündlich öfter vergessen als dieser. Nicht so sehr von denen, die mit Waffen, wie von denen, die mit Worten kämpfen. In den am Kriege beteiligten Ländern erscheint heute selten ein Zeitungsblatt, das nicht wissentlich und freventlich gegen jenen Satz verstößt. Der Feind muß beharrlich, hartnäckig, wahnsinnig – und ist es schon Wahnsinn, so hat er doch Methode – als der schwarze Mann, als Schreckgespenst, als Popanz, als die Wurzel alles Übels, als Abschaum und Schandfleck der Menschheit, als Inbegriff aller Scheuel und Greuel dargestellt werden. Das gehört zum Handwerk des unedlen Mars. – Vor grauen Jahren verkündete zwar ein edler Mensch im Osten als wichtigstes Gebot seines Völkerfriedenstraumes das ‚Liebet eure Feinde’; aber mit so weitentrückter Heilsbotschaft läßt sich weder ein Krieg beginnen noch gewinnen. Andere Gefühle müssen erzeugt, künstlich geweckt, konsequent geschürt, systematisch großgezogen werden, wenn der Krieg nicht infolge antagonistischer Unterernährung ein vorzeitiges Ende finden soll. […] – Mit dem ‚Hasset eure Feinde’ – das hat man allmählich gesehen – ging es auf die Dauer nicht, geht es nur bei beklagenswert primitiven Seelen. Es gibt keinen Kollektivhaß auf einer gewissen Bildungsstufe der Menschheit. Man kann wohl einen einzelnen, aber niemals wahllos eine Gesamtheit hassen. […] Das ist das psychologische Moment des Hasses. – Auch das physiologische versagt. Denn der Haß ist seiner ganzen Natur nach ein so hemmungsloser Trieb der Menschenbrust, daß er nur eine beschränkte Spanne vorhält. Der Haß ist wie ein Gewitter, das nach Entladung lechzt und dann (vielleicht) reinigende Kraft besitzt. Haß läßt sich nicht auf Flaschen füllen, die nach Bedarf entkorkt werden können. […] – Man mußte sich also beizeiten nach einem Ersatzartikel umtun. Er heißt: ‚Verunglimpft eure Feinde’. Das ist das Feldgeschrei oder mehr noch (man soll den Kriegern Gerechtigkeit widerfahren lassen) das Geschrei des heimatlichen Hinterlandes geworden. […] Von einem englischen Dichter stammt das wundervolle Wort: ‚Vulgarity is the behaviour of others’. Will sagen: was man selbst tut, ist wohlgetan; nur der liebe Nebenmensch ist einer Entgleisung fähig. Das eigene Benehmen kann sich niemals eines Taktfehlers schuldig machen; bloß das Verhalten der andern ist gemein. Hier liegt die krasseste Form der Selbstverhimmelung und zugleich die witzigste Paraphrase des biblischen Gleichnisses vor. – Aus der harmlosen Sprache des Gesellschaftslebens in den wühlerischen Ton unserer Tage übersetzt: Verbrechen ist nur, was der Feind tut. […] Auf der einen Seite alles Licht, auf der andern aller Schatten. Hier walten höhere Rücksichten vor, wird das Tun von edlen Motiven bestimmt; dort rast Zerstörungssucht, hat die Hölle ihre Schlünde geöffnet, denn das Sinnen und Trachten des Feindes ist böse ‚von Mutterleib und Kindesbeinen an’. […] – Absolute Vorurteilslosigkeit wird man von keinem heute Lebenden erwarten dürfen. Es ist nicht möglich, im Gewitterregen ohne Schutz trocken zu bleiben. Ebensowenig vermag man, wenn die dicken Hagelkörner der Verleumdung niederprasseln und der Sprühregen der Verhetzung ununterbrochen rieselt, die eigene Haut völlig unbenetzt zu erhalten. Denn der Mensch ist nun einmal, bei allem redlichen Willen zur Objektivität, aus Neigung und Abneigung zusammengesetzt. Selbst der Dichter steht nicht mehr ‚auf einer höhern Warte als auf den Zinnen der Partei’. Die einzige höhere Warte, auf die er flüchten kann, ist der unzerstörbare Turm der Menschlichkeit. Aber wehe ihm, wenn er heute nicht die Strickleiter des Volksgenossentums nachzieht! Sogar Goethes erlauchtes Beispiel wäre nicht imstande, ihn vor der Wut des Haufens zu bewahren. – Vorurteilslosigkeit wird man also von keinem verlangen; doch brauchte darum nicht die Urteilslosigkeit als verbreitetste Seuche des Kriegsaberwitzes ungezählte Opfer zu fordern. […] – Die meisten Menschen sind andere Menschen geworden. Sie schmücken die Fassade des Staatsgebäudes mit weithin leuchtenden Riesenbuchstaben, die zum Durchhalten auffordern, und innerhalb ihrer vier Wände verwünschen, verlästern, verfluchen sie den unseligen Krieg. Wenn man ihre Zeitungen liest, könnte man wähnen, es gäbe keine ‚Kleinmütigen’ unter ihnen; wenn man ihre privaten Äußerungen liest, muß man sich wundern, daß es noch Großmäulige unter ihnen gibt. Alle wissen, daß es sich so verhält, und dennoch reden sie nur von der Müdigkeit der andern. Alle kennen die Wahrheit und dürfen sie nicht sagen. Alle müssen die Friedensschalmei in ihrem Hause überhören und sollen nur die Kriegstrompete im Lager des Feindes hören. Ihr Ohr lügt nicht minder als ihr Auge, das stets nur den Balken im Auge des Nächsten zu gewahren vorgibt. – Aber den meisten Menschen ist überhaupt nichts mehr daran gelegen, die andere Seite zu hören. Wer einen Prozeß führt, kann nicht umhin, von den Schriftsätzen seines Gegners Notiz zu nehmen. Wenn es erlaubt ist, den Krieg in diesem Bilde zu sehen, muß man mit schmerzlichem Bedauern feststellen, daß hier die Schriftsätze des Gegners ungelesen verworfen werden. Das nur bis zur eigenen Nasenspitze reichende und daher unheilvolle Prinzip: ‚Right or wrong – my country!’ hat sich noch einseitiger verschärft, weil der Krieg für das eigene Land kein Unrecht duldet. Gäbe es daheim ein Unrecht, so hieße das in der Sprache der Bibel, daß man den Splitter im eigenen Auge sähe, und viel, sehr viel wäre gewonnen: ein Halt auf der abschüssigen Bahn, die zwei Blinde unfehlbar in die Grube fallen läßt.“

Kleinkrieg der Worte. NZZ, 19. August 1917, Viertes Sonntagblatt, Nr. 1524.
Aufruf zur Beendigung des Weltkriegs und zur Völkerverständigung unter Wortführung der Dichter: „Wie neben dem dröhnenden Erzschritt der Iliade die Batrachomyomachia, der Froschmäusekrieg, einhertrippelt, gleichsam das epische Satyrspiel im Anschluß an die purpurbehangene Tragödie, törichterweise demselben Homer zugeschrieben und doch nicht ohne Tiefsinn, als habe der Herold des Heldentums schon um das vom Kampfe scheinbar unzertrennliche Gezänk und Gestänk gewußt – fast so nimmt sich neben dem sakralen Ernst der Schlachten der Froschmäusekrieg der Worte aus. Seinem Umfang nach noch größer, seiner Temperatur nach nicht weniger hitzig, in seinen Mitteln keineswegs wählerisch, in seinen Wirkungen wenn möglich noch verheerender, hat er, in seinem Kontrast von Aufplusterung und Hilflosigkeit, beinah eine komische Randleiste, wäre es nicht so hoffnungslos niederdrückend, daß er zu keinen greifbaren Ergebnissen führen will. Die Parteien reden nicht miteinander, doch uneingestandenermaßen füreinander, und reden aneinander vorbei. Wie an pathetischen Stellen in den frühen Werken Wedekinds. Ein Wechsel von Worten, die den Gegner wohl erreichen, aber nicht im geringsten erweichen. Monologe, deren akustisches Echo nach dem Muster ‚Wesel – Esel’ gebildet ist, deren seelisches Echo ausbleibt. – Nun hat man uns oft gesagt, vorläufig sprächen noch die Waffen, die Zeit der Worte sei noch nicht angebrochen. Hat es so oft wiederholt, daß die billige, allzu billige Wahrheit auf jedem Marktplatz zu kaufen ist. Wollte man sich diesen Standpunkt zu eigen machen – und besonnene Sprecher, nicht die Rufer im Streite, haben es offenbar getan, wie ihr Verstummen beweist –, so müßte man freilich überzeugt sein, daß in absehbarer Zeit eine Entscheidung des Krieges durch Waffengewalt zu erzielen wäre. In allen Ländern soll es jedoch Beurteiler geben, die dies nach drei Jahren militärischer Höchstleistungen verneinen zu dürfen glauben. Sofern sie dem immer näherrückenden Untergang Europas nicht müßig zuschauen wollen, bleibt ihnen also doch nichts anderes übrig, als auf das dem Menschen von der Natur gegebene Mittel zur Verständigung um keinen Preis länger zu verzichten. Schweigen heißt auf alle Fälle: den Krieg verlängern, selbst wenn Reden nicht heißt: den Krieg abkürzen. Schweigen ist Gold – für die Kriegslieferanten. – […] Wir haben ein bis zum Überfließen volles Triennium der Tat erlebt; anders als Goethes Theaterdirektor fühlen wir uns zu dem Ausruf gedrängt: ‚Der Taten sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Worte seh’n!’ – Worte der Verständigung, nicht Worte zum Fenster hinaus in die leere Luft gesprochen, Worte, die zum andern Ufer, nicht Worte, die weiter in die Irre führen. Die Sprache muß sich wieder auf ihre natürliche Aufgabe besinnen, muß die ihr von der Kultur zugeschobene außer acht lassen. Des Vollblut-Diplomaten Talleyrand Ausspruch, die Sprache sei dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen, hat keine Gültigkeit mehr für ein Geschlecht, das sich in den Urzustand zurückgeschleudert weiß. ‚Nature’s end of language’, wie es der Nachtgedanken-Dichter Young genannt hat, der Naturzweck der Sprache muß wieder zu seinem ungeschmälerten Rechte kommen. Und wo Aufrichtigkeit gesät wird, sollte Vertrauen geerntet werden. […] – Wer sollte das Wort führen? – Es ist leichter zu sagen, wer es nicht führen soll. Die nicht, die mit dem Aufwand aller Worte es nicht vermocht haben, die aus tausend Wunden blutende Menschheit auch nur um einen Schritt dem ersehnten Ziele näher zu bringen, sondern sie immer tiefer ins Verderben zu ziehen. […] Nun laßt die andern, die beschämt geschwiegen haben oder vergrämt schweigen mußten, auch einmal ungehemmt zu Worte kommen. Gewährt ihnen Redefreiheit, nur drei Wochen lang – nein, nur drei Tage lang, und man darf unbekümmert jede Wette eingehen, daß sie uns um ein tüchtiges Stück vorwärts bringen werden. Aus dem einfachen Grunde, weil sie die ungeheure Kluft gar nicht erweitern können. Ein Stillstand auf abschüssiger Bahn wäre schon ein Fortschritt, ganz so wie der Arzt den Stillstand einer unheilbaren Krankheit als günstiges Symptom zu betrachten geneigt ist. – Wer soll das Wort führen? Man verlange keine Namen, sie sind vielen vertraut … Mir schwebt eine griechische Sage oder eine von Herodot überlieferte Erzählung vor: als irgendein Volk einmal in furchtbarer Not war, aus der niemand Rettung wußte, richteten sich in der Versammlung der wehrfähigen Männer plötzlich aller Augen auf den Dichter. […] Wollte man im Ernst auf Dichter als Wortführer von Friedensvorbesprechungen hinweisen, man müßte ein homerisches Gelächter als Antwort befürchten. Und doch muß bei manchen der Gedanke im Unterbewußtsein vorhanden gewesen sein; sonst hätte in der schweren Zeit der Not nicht so oft die Forderung nach einer Politisierung der Poeten laut werden können (was immerhin müheloser zu erreichen wäre als eine Poetisierung der Politiker). Der Dichter steht nun einmal von alters her im Rufe eines unpolitischen Lebewesens, ganz so wie er häufig, zum Ärger der Philister, ein amoralisches Lebewesen ist. Dafür besitzt er die Gabe, das Unwahrscheinliche durch seine Wortkunst als Realität hinzustellen – wie es ein Romantiker [nein: Goethe] ausgedrückt hat: ‚Märchen, noch so wunderbar, Dichterträume [Dichterkünste] machen’s wahr.’ – Vielleicht wären sie auch imstande, das Märchen des Friedens wahr zu machen. Dann handelte es sich darum, Dichter zu finden, die nicht minder freimütig als Goethe erklären: ‚Bin Weimaraner, Weltenbürger’; Dichter, die, ohne ihre Volksangehörigkeit einen Augenblick zu verleugnen oder zu vergessen, dennoch ihre kosmopolitische Gesinnung höher bewerten; Dichter, deren Vaterland Europa heißt und deren Herz für die am Rande des Abgrundes taumelnde Menschheit wärmer schlägt als für die vom allgemeinen Kataklysmus bedrohte eigene Nation. – Solche Dichter gibt es. Sie haben in allen Ländern ihre Stimme erhoben. Sie brauchen nicht mehr um Anerkennung zu betteln. Sie können über den Widerstand des blindwütigen Banausen getrost zur Tagesordnung übergehen. Ihr Licht möge in der Finsternis scheinen. Ihnen gehört die Zukunft.“
     Zu dem Artikel, der mit vollem Namen gezeichnet war und als Leitartikel ‚über dem Strich’ erschien, veröffentlichte die NZZ am 28.08.17 (Nr. 1583) die Zuschrift eines Lesers, der Anstoß nahm an MMs Gewichtung von Wort und Tat und seiner Maxime „Die Tat geht unter in der Zeit; das Wort allein hat Ewigkeit“: „Was nun aber den zitierten Vers […] und die daran geknüpften Betrachtungen betrifft, so will es mir scheinen, als ob damit die Tat nicht die ihr gebührende Würdigung erfahre. Es dürfte daher nicht unangebracht sein, den Ausführungen des Autors die folgende grundsätzlich verschiedene Auffassung entgegenzuhalten: […] Große Taten haben ihre Diener nach Jahrtausenden noch. So dient der Historiker Mommsen dem Genie des Julius Cäsar, wenn er mit besten Kräften dessen Persönlichkeit darzustellen versucht. Ja, ich möchte sagen: die Geschichte brauchte eben eine hervorragende Darstellung der Persönlichkeit des Julius Cäsar, und hätte Herr Mommsen die Aufgabe nicht unternommen, so hätte es eben jemand anderer, und zwar noch ein Zeitgenosse von ihm getan. So stark und unvergänglich scheint mir Cäsars Lebenswerk. – […] Erst wenn man hinuntersteigt zu den alltäglichen Dingen, mögen sich Wort und Tat zu einem grauen Einerlei vermischen. Da ist es auch ganz belanglos. Da aber, wo die Tat dem ursprünglich Schöpferischen nahesteht, ist sie das einzig Lebendige.“

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1918

Weingartner als Redner. NZZ, 22. Januar 1918, Zweites Mittagblatt, Nr. 109.
Kritische Anmerkungen zu Felix von Weingartners Vortrag über die „Grenzen der Musik“ (Beethoven-Saal, 11.01.18). – „Mußte es sein? Felix v. Weingartner, der Meisterdirigent, ein begnadeter Mann der Praxis, fühlte den Drang, sich wieder einmal als Musiktheoretiker zu betätigen, und glaubte auch seine Berliner Gemeinde mit dem schon in Wien gehaltenen Vortrag über die ‚Grenzen der Musik’ im Beethoven-Saal bekannt machen zu müssen. […] Vor unserm geistigen Auge stand ein des Gottes und seines erhabensten Dieners voller Feldherr, wie er, etwa in der Neunten, mit zum Himmel gereckten Armen Begeisterung weckt und das Letzte aus seinen Spielleuten herausholt; vor unserm körperlichen Auge stand ein mit der Brille bewaffneter, seines Schopenhauers voller Sprecher, der sorgsam erwogene Philosopheme in österreichisch gefärbter Mundart ablas und Geist träufelte. Felix, Felix, gib mir meine Illusionen wieder!“

Wiedersehen mit Moissi. NZZ, 6. März 1918, Erstes Morgenblatt, Nr 314.
Porträt des Schauspielers Alexander Moissi (1880-1935). – „Zuletzt sah ich ihn am 9. April 1914. Als den unterernährten Studenten in Strindbergs haßüberfüttertem Drama von der Mutterbespeiung, welches bei uns Der Scheiterhaufen genannt wird. […] Zuletzt schrieb ich hier über ihn am 6. Oktober 1913 […]. Und über seinen Fedja in Tolstois Lebendem Leichnam  war am 17. Februar 1913 in diesen Blättern zu lesen […]. Dann kam der Weltkrieg, und Moissi warf sich, vom allgemeinen Rausch mit fortgerissen, dem tätigen Leben in die Arme. Doch bald ermattet sank die Hand. Der Heldentraum zerrann; aufs neue begann die Historionenwirklichkeit. […] Ich krame weiter in persönlichen Erinnerungen. Gemeinsam verbrachte Winterabende in Berlin steigen auf, strahlende Sommertage in London. Ein rußgeschwärztes Bureau in der City; ein Gottesdienst ohne Gott in Bayswater; Laienpredigten im Park; zielloses Wandern durch die Straßen, das regelmäßig bei Gatti endete. Von London aus schickte ich ihm nach Zürich, wo er gerade gastierte, den Entwurf eines Christus-Dramas von George Moore: Der Apostel, das an Kühnheit der Idee seinesgleichen in der Weltliteratur sucht und wie auf Verabredung totgeschwiegen wurde. Der Schauspieler Moissi griff mit echter Begeisterung nach einer unerhörten Rolle. ‚Das Stück wird ungeheures Aufsehen machen, obwohl es gänzlich einfach, nicht sensationslüstern geführt ist. Ich kann kaum schlafen, seitdem ich das kenne. Der Jesus ist eine herrliche Rolle für mich, ich muß sie kriegen!’ Er wird sie nie kriegen; denn selbst wenn einer die Vermessenheit besäße, dem Szenarium George Moores blühendes Fleisch anzusetzen, es wäre ausgeschlossen, daß die Dichtung, die an den Wurzeln des Christentums rüttelt, jemals zu öffentlicher Aufführung freigegeben würde. […] – Diese Stimme haftet im Ohr wie der Klang eines Instrumentes, auch wenn man sie jahrelang nicht gehört hat. Diese Stimme ist unvergeßlich wie ein Rot Tizians. Oder wie das Lächeln der Mona Lisa. Oder wie das Vibrato der Duse, womit sie als Kameliendame in das eine Wort ‚Armando’ alle Lust und alles Leid der Liebe preßte – unverlierbar in einem langen Leben. Hier wird auch der Unterschied fühlbar. Die Stimme der Duse war das Echo der Seele, während Moissis Stimme gefrorene Musik ist, zu ihrer eigenen Grammophonplatte zu erstarren droht. […] Über alles Trennende hinweg grüße ich den edlen Sprech-Sänger Moissi.“

Le malade imaginaire. Zur Verdeutschung des Titels. LE, Bd. 20, Nr. 12 (15. März 1918), 701-703.
Plädoyer, den Titel von Molières Komödie im Deutschen statt mit Der eingebildete Kranke, besser mit Der eingebildet Kranke wiederzugeben: „Euer Ohr kann sich noch nicht an den fremden Klang gewöhnen … Wenn euer Auge den richtigen Titel erst ein paarmal gelesen hat, werdet ihr euch wundern, daß ihr dem falschen so lange Bürgerrecht verliehen habt. Fortan heiße Molières Komödie im Deutschen: Der eingebildet Kranke.“ – Der Romanist Victor Klemperer (1881-1960) – über die Fachgrenzen hinaus heute allseits bekannt durch seine in der NS-Zeit heimlich geführten Tagebücher (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten) – bemerkt übrigens in seiner Molière-Ausgabe (Leipzig 1950) im Hinblick auf Le Malade imaginaire, daß man „im Deutschen wohl richtiger Der eingebildet Kranke – ich weiß nicht, wo ich den nie durchgedrungenen Vorschlag einmal gelesen habe – als wie üblich Der eingebildete Kranke sagen würde“ (S. XXXVI).

Der Hokuspokus der Geschichte. NZZ, 9. Mai 1918, Erstes Blatt, Nr. 608.
Kritische Anmerkungen zum Begriff der Objektivität in der Geschichtsschreibung und zur Sinnhaftigkeit des Weltkrieges. – „Wie sind die armen Schulkinder zu bedauern, die dereinst die Ereignisse dieses Krieges auswendig lernen müssen! Ein solcher Wust von Namen, Zahlen, Begebenheiten – riesengroß, hoffnungslos. […] Indes, die Schulkinder sind vielleicht am wenigsten zu bedauern. Sie nehmen das Überlieferte ungeprüft hin, machen sich selten Gedanken darüber, zweifeln weder an der Richtigkeit des ihnen vorgesetzen Stoffes noch an der Aufrichtigkeit des Garkochs, kaufen lächelnd – wie man sich gemeinhin ausdrückt – die Katz’ im Sack. Für sie besteht kein Unterschied zwischen dem friedlichen Lehrbuch der Algebra und einer bellikosen Darstellung, zwischen der Logarithmentafel und dem Geschichtsbuch, während für den Erwachsenen kaum ein Unterschied zwischen einem Geschichtsbuch und einem Geschichtenbuch ist. Für die Kinder steht unerschütterlich fest: was da aufgezeichnet ist, hat sich so und nicht anders zugetragen. Der Aufzeichner, von solcher Gutgläubigkeit gerührt, möchte sprechen: Lasset die Kindlein zu mir kommen… – Doch er ist sich bewußt, daß er auch mit andern Lesern zu rechnen hat. Mit Lesern, die während der letzten Jahre einen großen Teil ihrer Zeit damit hingebracht und sich redlich (wenn’s nur redlich war!) abgemüht haben, den Dingen auf den Grund zu kommen; mit Lesern, denen täglich die alte, ewig heikle, ewig ungelöste Frage auf den Lippen schwebt: was ist Wahrheit? – Ja, was ist Wahrheit! Das fragt sich mancher beklommen, wenn er die widerspruchsvollen Darstellungen des einfachsten Vorfalls in verschiedenen Zeitungen liest. […] Verhält es sich so schon bei winzigen Geringfügigkeiten – denn die Prozesse von Privatmenschen gehen das Wohl oder Wehe der Menschheit nichts an –, so wird man ermessen können, welche Kluft einmal die Darstellungen des Weltkriegs trennen wird. Jedes Land wird schließlich den Bericht seines Generalstabs, seine offizielle Lesart der militärischen Ereignisse herausgeben. Tot capita, tot sensus – soviel Köpfe, soviel Auffassungen; soviel Federn, soviel Fassungen. Und nachdem alle Vorarbeiten geleistet sind, wird zu guter Letzt, doch anders als der Poet bei der Teilung der Welt, der Historiker, das Banner der Wissenschaftlichkeit entrollend, sich über den Stoff hermachen. Wie weiland Brennus sein Schwert in die Waagschale warf, wird er den Ölzweig der Objektivität als das Entscheidende mitbringen. Doch die großen Fische, die auf diesen Köder anbeißen, sind im Aussterben begriffen. – Was es mit der vielgerühmten Objektivität, der rostzerfressenden Waffe des Wissenschaftlers, für eine Bewandtnis hat, das hat ein Geschichtsschreiber vom tönenden Pathos und lodernden Temperament Heinrich v. Treitschkes mit unumwundenen Worten ausgesprochen. Jenseits der sogenannten exakten Wissenschaften glaubt kein denkender Mensch von Fleisch und Blut mehr an diesen Hokuspokus, wofür es das gute deutsche Wort Schwindel gibt. Von den frühesten Zeiten an haben denkende Menschen nicht einmal dem lieben Gott völlige Objektivität zugetraut. Die alten Juden hielten sich für das auserwählte Volk, womit sie dem höchsten Wesen eine einseitige Parteinahme zu ihren Gunsten unterschoben; und die verhältnismäßig jungen Amerikaner gefallen sich (obwohl schwerlich andern) noch heut in solchem Glauben. Wie ganze Völker wähnen auch Individuen, sie seien bei der allerobersten Stelle besonders gut angeschrieben. Wenn sie aber, anthropomorpher Vorstellung gemäß, schon nicht imstande ist, sich ihrer Sympathien zu entäußern, wodurch sich unverkennbar Subjektivität kundgibt – wie sollte der staubgewordene Sterbliche dazu fähig sein? – […] Zu den wertvollsten Erkenntnissen dieses Krieges gehört es für uns, daß wir täglich an der Wiege eines Ruhmes stehen, der bestimmt ist, Nachruhm zu werden, und so einen Einblick in die Geschichtsfabrik gewinnen. Wenn die Gegenwart nur aus der Vergangenheit begriffen werden kann, so ist es selbstverständlich, daß wir unser Wissen um die Gegenwart auf die Vergangenheit anwenden. Was wir als Kinder erlernt, als Jünglinge erforscht haben, das erfährt nun tragikomische Korrektur durch das, was wir als Männer erlebt haben. Nichts ist so von Grund auf umgewühlt worden wie unsere Vorstellung vom Krieg selbst. Welche Vergeudung von Zeit und Arbeitskraft liegt darin, daß für die Menschen Leben nicht einfach Lernen, sondern Umlernen heißt! Am Ende ist freilich Umlernen noch fördersamer als mit Irrlehren in die Grube fahren. Aber anscheinend will es die Welt nicht besser: was sie in Jahrzehnten des Aufstiegs gewirkt hat, trennt sie in drei blutigen Jahren des Absturzes wieder auf. Wann wird dieser Penelope der Retter Odysseus erscheinen, der ihr das sinnlose Zerstörungswerk erspart!“

Aus X. NZZ, 25. August 1918, Erste Sonntagausgabe, Erstes Blatt, Nr. 1114.
Aufruf zur Beendigung des Krieges. – „Nicht wahr, man gibt kein Staatsgeheimnis preis, wenn man verrät, daß in Deutschland an manchen Orten augenblicklich kein Überfluß herrscht? Und in Berlin – das weiß jedes Kind – ist die Verpflegung besonders schwierig. Zumal für einen Junggesellen, der gewohnt war, sieben Einladungen wöchentlich zu empfangen, und jetzt, im Hinblick auf die eigenen Vorräte in Küche und Keller, mit dem weisen Bias wehmütig sprechen kann: ‚Omnia mea mecum porto.’ – Um mir die leidige Magenfrage (wie Wippchen gesagt haben könnte) vom Halse zu schaffen, fuhr ich für einige Wochen aufs Land. Zum ersten Male seit Kriegsausbruch verließ ich das Weichbild Berlins. – Früher vertrat ich gerne den Standpunkt, man solle von Berlin zum Vergnügen nur süd- oder westwärts reisen. Diesmal aber ging es, durch die verrückten Zeitumstände bedingt, gen Norden; zur Rechtfertigung meiner unhaltbaren Theorie wenigstens gen Nordwesten. Nach X. (Den Namen werdet Ihr nie erfahren.) – Eine Klavierkünstlerin hatte von dort geschrieben, sie habe in einer Woche sechs Pfund zugenommen; dank einer täglichen Ration von drei Litern Milch und ähnlichen dem Körper Fett zuführenden Stoffen. Eine bessere Empfehlung ließ sich kaum denken. Und sie war nicht übertrieben. Jeden Morgen, jeden Nachmittag, jeden Abend stand ein Litertopf Milch – ein gefüllter, bitte! – neben meiner Tasse. Auch sonst wurden Speisen aufgetischt, die der beklagenswerte Großstädter längst aus dem Gesichtsfeld verloren hatte – sagenumwobene Speisen einer gesegneten Vorzeit. – […] Warum ich das mitteile? Gewiß nicht, um den Futterneid meiner verehrten Schweizer zu wecken. Ebenso wenig, um für das wertgeschätzte X. die Reklametrommel zu rühren. Sondern einfach, weil mir dieser modus vivendi nach vier Kriegsjahren eine ganz große Überraschung war. So läßt sich noch immer in Deutschland leben! Das gibt es hierzulande überhaupt noch! Man fällt von einer Mahlzeit zur andern aus einer Verwunderung in die andere. […] Da aber so eingehend bei dieser Hauptsache (von minderem ethischen Belang) verweilt wird, will ich auch unumwunden bekennen, daß ich einen Zweck damit verbinde. Ich möchte diese Zeitung als Plattform, als Stentor, als Megaphon benutzen, möchte mit aufrichtiger Überzeugung von hier aus in die Welt rufen: gebt euren Wahn auf, Deutschland könne durch den Hunger bezwungen werden! – […] Tatsachen, Freunde, Tatsachen; keine Räsonnements. Sie drängten sich dem unverblendeten Beobachter zu derselben Zeit auf, als Herr v. Kühlmann im deutschen Reichstag seiner Meinung Ausdruck gab, daß eine Entscheidung dieses Krieges rein militärisch vielleicht nicht zu erzielen sei. Aus solchem Munde an solcher Stunde hat ein solcher Satz verstimmt. Darum enthielt er doch einen Truismus, eine heut von der überwiegenden Mehrzahl der Menschheit geglaubte Ansicht. Und was sich inzwischen militärisch ereignet hat, dürfte geeignet sein, dieser Mehrheit noch manchen Anhänger zuzuführen. – Wenn aber dieser Krieg nicht mit Waffengewalt allein entschieden werden kann, worauf sich die Hoffnung der einen Partei gründen durfte; und wenn anderseits die Hoffnung der Gegenseite, den Feind wirtschaftlich zur Strecke zu bringen, sich nicht verwirklichen läßt – wozu dann noch dieses nutzlose Blutvergießen, dieses Hinschlachten der europäischen Jugend? Fragt die Führer der Völker! Sie werden diese Tatsachen bestreiten. Aber heute, wo die Menschheit in allen Ländern gleichermaßen von leiblichem Verderben und seelischer Not bedrängt ist, kommt es nicht mehr darauf an, was einzelne national beschränkte Geister denken und für richtig halten. […] Welcher verständige Mensch hielte diesen Krieg heute nicht, hielte die Fortsetzung des Krieges nicht für Wahnsinn? Er trete vor, damit wir ihn in eine Irrenanstalt sperren lassen können. – … Ich wollte von X. erzählen. Da sind glücklicherweise noch verständige Menschen […] – nirgends eine verbohrte Ansicht. Bei keinem war die für Halbgebildete so bezeichnende Dummheit anzutreffen, die sich in einen Gedanken verrannt hat und jede abweichende Meinung schroff zurückweist. Aus allen klang die lautere Stimme der Menschlichkeit, ein warmes Mitgefühl für die Leiden aller. Da werden Gemeinplätze zu tiefen Weisheiten, und die Sittenlehre sämtlicher Religionen schrumpft zu zwei oder drei Leitsprüchen zusammen. Davon waren diese schlichten Seelen durchdrungen, daß die Menschen überall so empfinden müßten wie sie selbst, und daß das häßliche, hetzerische Gerede, das in den Zeitungen widerhallte, nur die Kundgebung einiger weniger sei, die aus irgendwelchen Gründen zu national übertriebenen Äußerungen gezwungen waren. Sie drückten es wohl nicht so aus, aber sie fühlten es dumpf, daß ‚die wilden Esel des Nationalismus’ [H.G.Wells, Mr Britling schreibt bis zum Morgengrauen] die Menschheit auf diesen Irrweg gestoßen hatten und sie dort festzuhalten bemüht waren, weil ihnen vor dem Tag der Abrechnung graute, der ja doch einmal kommen mußte. – Und Menschlichkeit durchaus lag in ihrem Verhalten gegenüber den Kriegsgefangenen. […] Hierher sollte man eine ‚Greuel-Kommission’ schicken, damit sie in Wort und Bild aufzeichne, wie die Kriegsgefangenen in Deutschland behandelt werden. Der stille Betrachter konnte sich des Gedankens nicht erwehren: möchten es doch die Gefangenen überall so haben! Dann wären sie berufen, wenn sie dereinst heimwärts ziehen, den riesengroßen, jetzt hoffnungslos scheinenden Haß mit der Wurzel auszureißen und sich für ihre Person zu dem unvergänglichen, alle menschliche Güte umfassenden Schibboleth zu bekennen: ‚Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.’“

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zuletzt aktualisiert: 10.08.16