Horst Schroeder

Aufsätze aus der Zeit des Dritten Reiches

1933          
           

1933

Ruhm von vorgestern. Eine Hochsommerplauderei. NZZ, 22. Juli 1933, Morgenausgabe, Nr. 1335.
Causerie über die Vergänglichkeit des Ruhms, angeregt durch ein Erlebnis im Reform Club in London im Juni 1931. – „Ort der Begebenheit: der Reform-Club in London. Zeit: vor zwei Jahren; Mitte Juni, an einem Sonntagabend. Gegen 8 Uhr war ich der einzige Gast in dem herrlichen Speisesaal, der bequem seine hundert Menschen faßt. Wer bleibt auch an einem strahlenden Sommersonntag im dumpfen Häusermeer der Stadt! Das hatten sich offenbar auch die Kellner gesagt, denn es waren nur ganz wenige Tische gedeckt. Kaum hatte ich mich an einem niedergelassen und mein Essen bestellt […], so erschienen vier alte Herren, die am Nebentisch Platz nahmen. – Ob ich wollte oder nicht – ich mußte ihre Unterhaltung mit anhören. […] Meiner Schätzung nach mußte der jüngste der vier alten Knaben seine sechzig Jahre gut und gern auf dem Buckel schleppen; es stellte sich aber bald heraus, daß er die Siebzig längst überschritten hatte. Vier Menschenkinder, die mehr als dreihundert Jahre zählen, verbreiten eine Aura der Ehrfurcht um sich. Die Altersfrage wurde sehr eingehend erörtert, weil die Vier zu einer Geburtstagsfeier zusammengekommen waren. Mit einem Ohr am Nebentisch, mit dem andern in mich hineinhorchend, konnte ich meine Betrachtungen über die Langlebigkeit (longevity) anstellen, die in England kein Problem mehr, sondern schon Tatsache geworden ist. In den Todesanzeigen der Times findet man täglich die Namen von Neunzigjährigen. […] – Nett, die vier Greise zu beobachten. Ob sie das dinner-jacket anhatten, kann ich heute nicht mehr sagen; aber auch ohne das machten sie den adrettesten Eindruck. […] Wären meine Tischnachbarn Reeder oder Börsianer oder Tierbändiger gewesen, so hätte sich mein Interesse vermutlich rasch verflüchtigt. Ihre Unterhaltung erwies indes schnell, daß sie ‚vom Bau’ waren: keine Poets, Essayists, Novelists, auch keine Zeitungsschreiber oder -leiter, wohl aber hatten sie mit dem Buchhandel zu tun. Zwei oder drei von ihnen waren Verleger, am Ende gar Inhaber großer Verlagshäuser (die Aura der Ehrfurcht nahm zu). – Der eine hatte noch mit Henry James in Verbindung gestanden. Wer weiß heute noch etwas von Henry James? […] Ein anderer erzählte von Oscar Wilde, den er persönlich gekannt hatte, und seinem Bruder Willie, der immer im Dalles, meistens witzig und selten nüchtern war. Ah, meine Herren Verleger, da hätte Ihnen Ihr Tischnachbar auch so mancherlei erzählen können; doch er zog es vor, in seiner Anonymität zu verharren. Aber seltsam mutete es ihn an, daß die Unterredung in seiner Gegenwart justament auf den von ihm zum Nachruhm emporgetragenen Dichter verfiel, ohne daß die Herren eine Ahnung hatten, wer er war. ‚Oscar is made in Germany’, sagte der Sprecher lachend; und der ihn gemacht hat, saß unerkannt dabei… – Ein wenig seltsam konnte es auch scheinen, daß dieses langlebige Quartett sich darauf mit der Kurzlebigkeit des Ruhms beschäftigte. – Zum Verständnis des folgenden seien ein paar Worte über Mrs Humphry Ward vorausgeschickt. Sie war im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts eine sehr vielgelesene Romanschriftstellerin, deren Bücher mit Vorliebe religiöse und weltanschauliche Streitfragen behandelten. Das gebildete Lesepublikum samt den Snobs hing ebenso an ihr wie die untern Volksschichten an Marie Corelli. Wälzer wie Robert Elsmere oder Helbeck of Bannisdale haben bestimmt Auflagen von mehreren zehntausend Exemplaren erreicht. Nach dieser Erläuterung können wir zu den schmausenden Verlegern in den Reform-Club zurückkehren. – ‚Ich geben Ihnen auf, zu raten’, sagte der eine Greis, ‚wieviel Bücher von Mrs Humphry Ward im vorigen Jahr verkauft worden sind.’ – ‚Natürlich ist sie mausetot’, erwiderte ein zweiter (‚dead as a door-nail’, sagte er wörtlich), ‚aber ein paar hundert Exemplare, sollte ich denken, werden noch jedes Jahr Absatz finden.’ – ‚Wenn Sie es ganz genau wissen wollen: 87.’ – Allgemeines Erstaunen. Auf eine so geringe Zahl waren selbst diese Fachmänner nicht gefaßt. Der Herr am Nebentisch, wiewohl kein Fachmann, wunderte sich nicht allzusehr, denn er erinnerte sich eines Gesprächs, das er kurz vor seiner Abreise aus Berlin mit einem bekannten deutschen Verleger gehabt hatte. Der hatte ihm von einem berühmten deutschen Dichter (wozu den Namen nennen!) erzählt: was das Nachleben seiner Werke betreffe, so sei es gerade so, als ob er nie gelebt habe. Und das war vor dem Kriege, war noch im Kriege ein Prominentester. – Andere Zeiten, andere Götter.“

Lohnende Kapitalanlage. NZZ, 4. August 1933, Abendausgabe, Nr. 1411.
Über die Wertsteigerung von Kunstwerken und Erstauflagen von Büchern im Laufe der Jahrhunderte. – „Jeder hat schon einmal die Geschichte von dem Pfennig gehört oder gelesen, der, bei Christi Geburt angelegt, mit Zinsen und Zinseszinsen in den seither verflossenen nahezu zweitausend Jahren – vorausgesetzt, daß er unberührt geblieben und heil durch die Höllenwanderung der Inflation gegangen wäre – heute eine Summe darstellte, die dem gesamten Vermögen der Welt gleichkommt oder es noch übertrifft. […] Aber manchmal ist es noch gewinnbringender, den Pfennig statt auf Zinsen und Zinseszinsen an Sachwerten anzulegen: da kann man, wenn man Glück hat, selbst noch die Früchte der guten Anlage ernten. Zu diesen Sachwerten, an denen schier unglaubliche Überraschungen erlebt werden, gehören Kunstwerke und Erstauflagen von Büchern. Vor kurzem [am 11.07.33] war hier (Nr. 1263) mitgeteilt worden, daß für die erste Folio-Ausgabe von Shakespeares Werken annähernd eine Viertelmillion Schweizerfranken bezahlt wurde. Vielbegehrt ist auch die erste Auflage der Gedichte des schottischen Heimatpoeten Robert Burns, die er vor seiner geplanten Auswanderung auf eigene Kosten drucken ließ. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte man diesen sogenannten Kilmarnock-Burns auf einer Auktion in Leith für einen Schilling erstehen; im Jahre 1929 wurden dafür bei Sotheby in London 2450 Lstr. erzielt. Der eine Schilling ist in rund achtzig Jahren also auf das 49tausendfache seines Wertes gestiegen. Woraus sich ergibt, daß nicht nur Bücher ihre Schicksale haben, sondern auch der für sie aufgewendete Preis.“

Ein Großverdiener. NZZ, 16. August 1933, Abendausgabe, Nr. 1477.
Der 1931 verstorbene englische Romanschriftsteller Arnold Bennett, der „unwahrscheinlich hohe Honorarsätze“ bezogen hatte. – „Im August-Heft der […] Monatsschrift Die Literatur [LE, Bd. 35, S. 613] wird auf die vor noch nicht langer Zeit veröffentlichten Tagebücher des im März 1931 verstorbenen englischen Romanschriftstellers Arnold Bennett hingewiesen, der als ‚ein Sohn des goldensten bürgerlichen Kapitalismus’ bezeichnet wird. ‚Jahraus, jahrein hat er auf den Penny genau seine Honorare und sonstigen Einkünfte berechnet, und man muß sagen, sie waren fürstlich!’ Der Glossator knüpft daran die Bemerkung, die publizistischen Verhältnisse in England und erst recht in Amerika hätten das Entstehen solcher Spielarten ungleich mehr begünstigt als bei uns, und will darin einen Beweis sehen, daß die Schriftstellerei in jenen Ländern unvergleichlich mehr industrialisiert worden sei als bei uns. Dem gegenüber darf betont werden, daß der Fall Bennett durchaus ein Unikum darstellt. Wer die in England üblichen Honorare kennt, weiß, daß sie, selbst für den Schriftsteller von Rang, keineswegs viel günstiger sind als bei uns, und in Amerika werden neuerdings die Brötchen wesentlich kleiner gebacken – es sei denn, daß es sich um die Sensation irgendeiner Zelebrität von heute, also einer Obskurität von morgen, handle. Den deutschen Großverdiener mit dem englischen zu vergleichen, geht schon darum nicht an, weil dessen Absatzgebiet unendlich viel größer ist: jeder halbwegs erfolgreiche englische Roman darf neben der Ausgabe für das Mutterland auf eine solche in U.S.A. und in den Kolonien rechnen. – Es ist wahr, Arnold Bennett bezog unwahrscheinlich hohe Honorarsätze. Wenn ich es nicht mit eigenen Ohren aus seinem eigenen Munde gehört hätte, würde ich es für unglaubhaft halten. Es mögen vier oder fünf Jahre her sein, da kam Bennett eines Mittags im Londoner Reformklub, wo ich mit mehreren jüngern Schriftstellern lunchte, an unsern Tisch und erzählte uns freudestrahlend, er habe soeben einen neuen Vertrag mit seinem amerikanischen Agenten abgeschlossen. Während er bisher für jedes Wort bloß 1½ Schilling (= 2 Schweizerfranken) erhalten habe, bekomme er künftig – einerlei, ob es sich um einen Aufsatz oder um ein Interview handle – für jedes Wort 2½ Schilling. ‚Dann würde ich an Ihrer Stelle nur noch and und if schreiben,’ versetzte der immer schlagfertige Osbert S[itwell]. Aber zeugte es nicht von Bennetts kindlich argloser Natur, daß er vor Kollegen, mochten sie sich immerhin seine Freunde nennen, so rührend offen von seinen märchenhaften Einnahmen sprach? Bisher galt meines Wissens Rudyard Kipling als Rekordhalter des höchsten Honorars, das ihm (täusche ich mich nicht) für sein Gedicht ‚The absent-minded Beggar’ gezahlt worden war. Wenn ihn Arnold Bennett nicht überholt hat, so folgt er ihm doch dicht auf den Fersen, wenn auch nicht mit Versen. – Anfang Juli wurden übrigens 600 von Bennetts Briefen an seinen Neffen für 125 Lstr. in London versteigert. Der tote Bennett ist also kein Rekordhalter.“

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zuletzt aktualisiert: 10.08.16