Horst Schroeder

Buchbesprechungen aus der Zeit des Kaiserreichs

1901 1902 1903 1904 1905 1906
1907 1908 1909 1910 1911 1912
1913 1914 1915 1916 1917 1918

1901

Herod. Ein neues englisches Drama. NZZ, 7. Januar 1901, Nr. 7, Zweites Abendblatt.
Stephen Phillips, Herod: a tragedy. London & New York: John Lane 1901. ● „Die Engländer haben einen neuen Dramatiker. Heil ihm und ihnen! Am 31. Oktober wurde in Her Majesty’s Theatre in London Herodes, eine Tragödie von Stephen Phillips, aufgeführt. Der Beifall des Publikums war groß; der Beifall der Kritik war größer. Herbert Beerbohm Tree spielte die Hauptrolle und wurde als Erbe Sir Henrys gefeiert. Es war ein Ereignis. Am nächsten Morgen verkündete die Times, England habe wieder einen dramatischen Dichter. Jetzt liegt die Buchausgabe vor und gestattet, das im Überschwang der ersten Begeisterung abgegebene Urteil in aller Ruhe nachzuprüfen. [...] Wir können es begreifen, daß die Engländer in Stephen Phillips ihren dramatischen Messias begrüßen. Aus dem Wust der Zirkusposse hat er sie zu einer Höhenkunst geleitet. Er hat die Matadoren Henry Arthur Jones und Pinero schon heute aus dem Feld geschlagen. Aber er wird den schnell erworbenen heimischen Ruhm noch befestigen müssen, wenn er vor der strengen Kritik des Auslandes bestehen will. Doch, denk ich, ist es Lobes genug, wenn man ihm nachsagen darf, er vermöge sich auch in Hebbels erdrückender Nachbarschaft zu behaupten. Die Schauspieler, scheint es, sind die Befruchter der englischen Bühne: Shakespeare, Sheridan (wenigstens ein Schauspielerkind) und Stephen Phillips.“ ●● Vgl. MMs Besprechungen in der FZ vom 26.03.01, der NR vom Nov. 1901, der NZZ vom 26.05.02 sowie im LE vom 15.06.02.
 
Das Shakespeare-Jahrbuch. LE, Bd. 3, Nr. 8 (15. Januar 1901), 537-539.
Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft, hrsg. Alois Brandl & Wolfgang Keller, Bd. 36 (Berlin: Langenscheidt 1900). ●● „Ein stattlicher Band, gerade 500 Seiten stark, seines Zeichens der sechsunddreißigste. Seit [Friedrich August] Leos Tode [1898] zeichnen die Professoren Alois Brandl-Berlin und Wolfgang Keller-Jena, der Meister und der Schüler, als Herausgeber. Das Unternehmen ist in Langenscheidts Verlag übergegangen. Kürzlich wurden von dem neuen Verleger Werbeschriften versandt. Namentlich die Bühnenkreise sollen in weiterem Umfang, als dies bisher geschehen ist, herangezogen werden. Mustern wir nach dieser Richtung hin das Mitglieder-Verzeichnis, so begegnen uns wirklich darin nur die Namen einiger weniger Hofschauspieler, die sich an den Fingern einer Hand herrechnen lassen. In sechsunddreißig Jahren hat es die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft auf ganze 266 Mitglieder gebracht. Und dabei wird noch mit Genugtuung erwähnt, daß sich der Zuwachs des letzten Jahres auf 41 Mitglieder beläuft: im Vergleich zu der Gesamtzahl allerdings ein beträchtlicher Prozentsatz. [...] Die am Schluß jedes Jahrbuchs abgedruckte Liste zeigt ferner, daß die Mitglieder zum großen Teil aus Universitäts-Dozenten, aus Stadt- und Universitätsbibliothekaren sowie aus Theaterdirektoren bestehen. Aber Shakespeare ist doch, sollte man meinen, Gemeingut aller Gebildeten und gehört der zivilisierten Welt. Wie erklärt sich dann diese über alle Maßen geringe Teilnahme? Das ist der Kardinalpunkt, wie man auch die Sache drehen und wenden mag. [...] ● Ob freilich das Shakespeare-Jahrbuch in seiner jetzigen Gestalt dazu angetan ist, seine Netze weiter auszuwerfen, mag eine offene Frage bleiben. Die Beiträge des letzten Bandes können die Antwort nicht zweifelhaft erscheinen lassen. Die Wissenschaft wächst nicht auf Einem Acker, und wenn sie Nachbarland hinzuerobern will, muß sie nach Kräften bemüht sein, das Unkraut philologischer Klaubereien zu jäten, die Schlingpflanzen einer zünftigen Gelehrsamkeit mit Stumpf und Stiel aus ihrem Boden herauszureißen. Wir fürchten immer das Gespenst einer Halb- oder Afterwissenschaft. Sobald die deutsche Wissenschaft auf den Marktplatz hinabsteigt, glaubt sie, ihrer Würde etwas zu vergeben. Daher diese ängstliche Scheu, einen frischeren Lufthauch eindringen zu lassen. Und wahrlich, wir haben doch genug Zeitschriften, die in staubigen Bibliotheken ihr Einsiedlerdasein fristen. Das Shakespeare-Jahrbuch müßte danach streben, ihnen möglichst wesensfremd zu werden. Es dürfte ruhig einen Teil seiner Beiträge der Anglia oder den Englischen Studien oder dem Archiv überlassen. Es könnte einen Teil seiner Rezensionen über Bord werfen. Es könnte sogar die hundert Seiten seiner Shakespeare-Bibliographie entbehren, obwohl diese mit peinlichster Sorgfalt von Herrn Albert Cohn seit der Begründung der Gesellschaft [1864] durchgeführte Arbeit für jeden Forscher eine wahre Fundgrube ist. Gewiß ist es leichter, das Entbehrliche auszuscheiden als nützliche neue Vorschläge zu machen. Aber warum lädt man nicht zeitgenössische Dichter wie Hauptmann und Maeterlinck, meinethalben auch Sardou und Sudermann, warum nicht zeitgenössische Forscher wie Theodor Mommsen, meinethalben auch Virchow und Haeckel, warum nicht zeitgenössische Schauspieler wie Kainz und Frau Duse, meinethalben auch Irving und Sarah Bernhardt, ein, sich über den größten Dramatiker einmal zu äußern? Wer weiß, ob dann nicht in Einem Jahr den Fahnen Shakespeares mehr Anhänger zuströmten, als jetzt in 36 Jahren herbeigeschlichen sind! Doch das sind am Ende nur ‚idle thoughts of an idle fellow‘ [Buchtitel von Jerome K. Jerome (1889)]. ● Wir haben es mit dem 36. Band des Shakespeare-Jahrbuchs zu tun und wollen mit seinem Inhalt ab ovo beginnen, das ist in diesem Fall ein huldvolles Schreiben des Großherzogs Carl Alexander [von Sachsen], der an der Jahrhundertwende der Gesellschaft auch weiterhin seinen Beistand verspricht. Dann folgt der Jahresbericht über das abgelaufene Jahr, als dessen wichtigste Tatsachen wohl die Ausschreibung einer Preisaufgabe ‚Shakespeares Belesenheit‘ und die Ernennung [Frederick James] Furnivalls zum Ehrenmitglied der Gesellschaft sind [VIII-XV]. Dem Herkommen gemäß schließt sich hieran der Festvortrag, den diesmal Heinrich Bulthaupt in Weimar gehalten hat über ‚Raum und Zeit bei Shakespeare und Schiller‘ [XVI-XLII]. Wenigstens die Hauptsätze des Bremer Dramaturgen seien hervorgehoben: [...] Was die Neuzeit dagegen in dieser Beziehung geleistet hat, will Bulthaupt nicht als Bereicherung gelten lassen. Das gibt ihm Veranlassung zu einem Ausfall gegen den Naturalismus, insbesondere gegen den Fuhrmann Henschel. Uns erschien gerade die Technik dieses Werkes bewundernswert, und von wichtigen Wandlungen, die der Held in den Zwischenakten durchmacht, ist bis jetzt noch nicht die Rede gewesen. Auch für Gerhart Hauptmann, den ‚Kronprätendenten der Moderne‘, wie Bulthaupt ihn nennt [XLI], ist die Kunst schon lange keine Wirklichkeit mehr. Auch für ihn gibt es auf der Bühne nur noch einen symbolischen Raum und eine symbolische Zeit. ● An der Spitze des Bandes steht das Moralspiel The longer thou livest, the more fool thou art, dessen Originalausgabe in einem einzigen Exemplar auf dem Britischen Museum liegt, das uns bisher nur aus [John Payne] Colliers Inhaltsangabe bekannt war [History of English Dramatic Poetry to the Time of Shakespeare (1831), I, 352-358] und das Brandl jetzt, mit Einleitung versehen, zum erstenmal neugedruckt hat [1-64]. Das Amüsanteste an dieser Moralität scheint mir der langatmige Titel. Darum hätte ich es lieber in Brandls Sammelband, Quellen des weltlichen Dramas in England [vor Shakespeare (1898)], als im Shakespeare-Jahrbuch gesehen. Auch die umfangreiche, neunzig Seiten füllende Studie Wolfgangs von Wurzbach über Philip Massinger mit ihren weitschweifigen Inhaltsangaben wäre vielleicht zweckentsprechender separat erschienen, als daß sie das Shakespeare-Jahrbuch zu belasten brauchte [128-217]. Höchst reizvoll ist dagegen [Gottfried August] Bürgers bizarre Übersetzung der Hexengesänge aus dem Macbeth, die Jacob Minor aus der Berliner Litteratur- und Theaterzeitung (vom 21. Oktober 1780) mitteilt. Darin begegnen kühne onomatopoetische Verse, die das Grausige des Originals wiedergeben sollen; auch von Dialektausdrücken wird darin Gebrauch gemacht [122-127]. ● Unter den anderen Beiträgen seien noch drei genannt: Eugen Kilian steuert eine Abhandlung über ‚Shakespeare auf der modernen Bühne‘ bei, die eines theaterkundigen Mannes Regiebemerkungen enthält [228-248]. Karl Frenzel verbreitet sich sehr allgemein über ‚die szenische Einrichtung der Shakespeare-Dramen‘, ohne etwas von Belang darzubieten [256-266]. Eugen Zabel [249-255] will über weibliche Hamlets plaudern, hat aber weder Sarah Bernhardt noch die Sandrock gesehen und hilft sich ziemlich skrupellos damit, daß er Ludwig Hevesy zum Wort aufruft. [...] Ob Herr Zabel die Französin in ihren besten Rollen gesehen hat, kann uns wirklich gleichgültig sein; wenn er sich über weibliche Hamlets ausläßt, sollte er aus eigener Kenntnis heraus urteilen. ● Die Bücherschau umfaßt ein Viertelhundert Werke, die auf ungefähr vierzig Seiten erledigt werden [288-326]. Darunter befinden sich teilweise rein philologische Schriften, deren Rezension eigentlich nur den Verfasser und den Rezensenten interessiert. Wohl aber darf man sein Erstaunen darüber ausdrücken, daß die wichtigste Erscheinung des Jahres – die wichtigste, trotz allem, was sich dagegen vorbringen läßt – Friedrich Vischers Shakespeare-Vorträge sozusagen unter den Tisch gefallen oder totgeschwiegen worden ist. Der Freiburger Professor [Arnold] Schröer hat darüber in 34 Zeilen berichtet [299-300]. Es läßt sich zweifellos in 34 Zeilen ungemein viel sagen. Um uns zu sagen, daß das Buch als Ausdruck der interessanten Persönlichkeit von Wert sei, was wir alle, nebenbei bemerkt, längst gewußt haben, dazu waren nicht einmal 34 Zeilen nötig.“ ●●● Meyerfelds Kritik blieb nicht unwidersprochen: nur einen Monat später antwortete Alois Brandl für die Shakespeare-Gesellschaft mit einer ausführlichen ‚Programmerklärung‘: „Was im zweiten Januar-Heft dieses Blattes Max Meyerfeld über das neueste Jahrbuch der Shakespeare-Gesellschaft sagt, zeigt mir, daß es wirklich nicht überflüssig ist, die Geheimnisse dieses Gegenstandes einmal vor der Öffentlichkeit zu enthüllen. Gottlob, seine Kritik ist nicht eine lahme Lobhudelei, nicht das ‚Sie müssen nur Geduld haben‘ des Arztes, der einen Schwindsüchtigen rettungslos sinken sieht. Es gibt ein Tadeln, das stolz macht, weil es eine steigerungsfähige Schaffenskraft anerkennt; und Bücher, die zehnmal umgebracht werden müssen, pflegen erst recht weiter zu leben. Auch sind die Ausführungen Meyerfelds nicht von der grausamen Sachkenntnis getragen, die ein Erwidern abschneidet oder unangenehm macht: sie haben einige von den Schwächen, die jungen Damen interessant stehen; sie laden ein zu frischer Hin- und Widerrede. [...] Max Meyerfeld, den ich von den elementaren Seminarübungen bis zur Doktorprüfung geführt habe, belehrt mich [...], daß Quellendrucke und Bibliographien entbehrlich seien, und daß ich gefeierte Dichter oder Darsteller, wie Hauptmann, Kainz, Irving und Frau Duse, bitten solle, ihre Ansichten über Shakespeare ins Jahrbuch zu schreiben. Herr Doktor, danke bestens für Ihren wohlgemeinten Rat; derartiges habe ich bereits vor zwei oder drei Jahren getan und kann Ihnen auch einige Antworten zeigen, alle in der Tonart ‚freundlich dilatorisch‘ – die meisten Adressaten waren allerdings zu beschäftigt, um zu antworten, was ihnen im Grunde nicht übel zu nehmen ist. Können Sie mehr erreichen, so trete ich Ihnen die Schriftleitung gerne ab. [...] Scharfe Kritiken werden uns nur anspornen, denn wir arbeiten nicht aus Eitelkeit, sondern für die Sache. Und so danke ich es dem gestrengen Herrn, der sich an der Shakespeare-Gesellschaft die Sporen verdienen wollte, daß er mich veranlaßt hat, eine Programmerklärung zur Diskussion zu stellen, für die mir sonst der Veröffentlichungsgrund gefehlt hätte.“ (‚Aus der Werkstätte der Shakespeare-Gesellschaft‘, LE, Bd. 3, H. 10 [15.02.1901], 671-677).

Neue Romane. ES, Bd. 29, Nr. 1 (? März 1901), 139-143.
Mrs Alexander (Pseud.), Through Fire to Fortune. Leipzig: Tauchnitz 1900; Frances Mary Peard, Donna Teresa. Ebd. 1900; Robert Hichens, The Slave. Ebd. 1900; Percy White, Mr. Bailey-Martin. Ebd. 1900; H. G. Wells, The Plattner Story and others. Ebd. 1900. ● Datiert 20.10.1900. ●● „In einer spitzigen notiz zu Shakespeareʼs sonetten schlägt Franz Grillparzer (Werke XVI, 158) vor, ‚man sollte überhaupt diese sonette auf sich beruhen lassen... Man überlasse sie den literatoren, deren straußenmagen alles verdaut.‘ Die literatoren werden es sich gerne gefallen lassen, daß ihnen ein dichter solche dichtergaben zuweist. Trotz straußenmagen scheint ihnen aber anderes, wie viele der neuen erscheinungen des englischen romans bei Tauchnitz, unverdaulich. [...] Solchem balderdash gegenüber ist nur ein verfahren berechtigt: ihn totzuschweigen. Percy White darf mit den übrigen nicht in einen topf geworfen werden, weil er höheres angestrebt hat, und H. G. Wells mit seinen phantastischen short stories, den kürzlich ein überschwenglicher lobredner als nachfolger Jules Verneʼs ausgab, hat in seinen noch phantastischeren romanen wenigstens proben eines gediegeneren könnens abgelegt. ●● Wer von Mrs. Alexander [1825-1902], der rastlosen greisin, einen roman gelesen hat, kennt auch ihre andern. Nirgends ein individueller charakter, nirgends ein eigener gedanke. Was sie schildert, ist nicht aus dem vollen menschenleben aufgegriffen, sondern aus der belletristik herausdestilliert. Es sind nur second hand-abdrücke der wirklichkeit. Sie bedarf einer außergewöhnlichen begebenheit, um die sie das gefüge ihrer handlung schichtet. Nicht die personen als solche reizen sie, nicht die freude an dem menschlichen charakter als solchem gibt ihr die feder in die hand, sondern sie geht von einem ausgefallenen fall aus. Diesmal ist es eine feuersbrunst. [...] ● Frances Mary Peard [1835-1923], von der die Tauchnitz-sammlung bereits 14 romane aufgenommen hat, wußte kein anderes thema zu finden als das von dem einen mann und den beiden schwestern, eine komplizierte variante des typus: ein mann und zwei frauen. [...] Nach der eigenen note hab ich vergeblich in dieser geschichte ausgeschaut. ● Offenbar war es Robert Hichens darum in seinem über alle maßen weitschweifigen roman The Slave zu tun. Zwei bände, zusammen 619 seiten, braucht dieser verfasser; ein anderer hätte auf 19 seiten dasselbe erledigen können. [...] Was soll uns diese dem kolportage-roman ebenbürtige fabel? [...] Sonst ist viel die rede von einer für Wagner schwärmenden dame. Der englische Wagnerkult ist, aus den romanen zu schließen, nur eine modesache. George Moore als einziger darf als ein adept des meisters gelten. ● Ganz in der übersinnlichen welt bewegt sich H. G. Wells mit The Plattner Story and others. Die short story – 17 sind in diesem band vereinigt – bedarf heute, da sie so überwuchert, einer besonders bestimmten physiognomie, wenn sie sich einprägen soll. Ich finde H. G. Wells nüchtern und trocken, ohne den saftigen humor oder den eindringlichen stil, der solche kleinigkeiten würzen könnte. [...] Auch in diesem band wie in seinen zukunftsromanen macht er von der unmöglichen voraussetzung allzu reichen gebrauch. [...] Wer mit solchen übertriebenheiten und verstiegenheiten schalten will, muß den mut zur rücksichtslosigkeit haben. [Vgl. MMs Besprechung im LE vom 15.10.00.] ● Den besitzt Percy White in vollstem maße, und er ist sich dessen wohl bewußt. Er prahlt mit seiner aufrichtigkeit, die zarte gemüter verletzt. [...] Doch verrät sich auf schritt und tritt, daß der verfasser über den personen und der handlung steht. Er treibt eigentlich ein frivoles spiel mit dem leser. Seine absichtlichkeit verstimmt. Aber dem englischen publikum kann es nicht schaden, wenn es einmal ‚vom weichen flaumenbette des schlaffen indifferentismus aufgegeisselt‘ wird [Heinrich Heine, Briefe aus Berlin, 16.03.1822]. [Vgl. MMs Rezension im LE vom 15.10.00.] ● Und so bleibt von diesen fünf büchern nur die beichte des Percy White übrig, die der ‚straussenmagen der literatoren‘ verträgt.“

Neues vom englischen Büchertisch. FZ, 26. März 1901, Nr. 85, Erstes Morgenblatt.
Stephen Phillips, Herod. London / New York: John Lane 1901; John Oliver Hobbes [Mrs Craigie], Robert Orange. London: Fisher Unwin Juli 1900; Anthony Hope [Anthony Hope Hawkins], Quisanté. London: Methuen Okt. 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1900; Gertrude Atherton, Senator North. London / New York: John Lane Sept. 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1900; Mrs Humphry Ward, Eleanor. London: Smith, Elder Nov. 1900; Oswald Crawfurd, The New Order. London: Grant Richards 1900; Walter Besant, The Fourth Generation. London: Chatto & Windus Sept. 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1900; F. Anstey [Thomas Anstey Guthrie], The Brass Bottle. London: Smith, Elder 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Anon. [Laurence Housman], An Englishwoman’s Love-Letters. London: John Murray 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901. ●●● „[...] Man könnte beinahe das Gesetz aufstellen: Stücke, die in England gedruckt werden, sind der Bühne fremd; Stücke, die das Theater bezwingen, stehen jenseits der literarischen Prüfung. Eine rühmliche Ausnahme bildet hier Stephen Phillips mit seiner Tragödie Herodes. Am 31. Oktober 1900 wurde sie zum ersten Mal in Her Majesty’s Theatre aufgeführt; am nächsten Morgen gaben die Zeitungen die Parole aus, England habe wieder einen Dramatiker. Uns wird es sehr schwer, in den Jubel einzustimmen. Hebbels gigantischer Schatten taucht auf, und ein Epigone sollte nicht in solchem Schatten kämpfen. Das heißt mutwillig Vergleiche herausfordern. Hat einmal ein Stoff seinen Meister gefunden, so sollten ihn die Schüler links liegenlassen. [...] Die englischen Kritiker haben natürlich keine Ahnung von Hebbels Herodes und Mariamne. Ihr Landsmann Phillips scheint ihn aber gekannt zu haben. Es gibt wenigstens allerhand Anzeichen dafür: des Herodesʼ nachtwandlerische Neigung, Mariamnens Sterbeworte u. dgl. Sonst ist der Dichter von Paolo and Francesca dem Dichter der Nibelungen so unähnlich wie möglich. [...] Hebbels Hauptinteresse haftet, wie ehedem an Genoveva, hier an Mariamnen. Phillips schiebt Herodes in den Vordergrund. Er ist überhaupt die einzige Figur, die Teilnahme heischt; alle anderen, die Königin eingeschlossen, sind Schemen. [...] Heimische Beurteiler haben den Blankvers überschwenglich gepriesen. Die Freude an dem neuen Dichter mag die Überschätzung seiner poetischen Fähigkeiten erklären. Reiner und stärker erklangen diese in seinen Gedichten und in dem bisher unaufgeführten Liebesdrama Paolo and Francesca. Doch der Dramatiker hat hier dem Theater eine reife Gabe geschenkt. [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ vom 07.01.01, der NR vom Nov. 01, der NZZ vom 26.05.02 und dem LE vom 15.06.02.] ● Von den bereits im Sommer [1900] veröffentlichten Romanen ist Robert Orange, eine Fortsetzung der School for Saints [1897], von John Oliver Hobbes (Mrs. Craigie) nachzutragen. Fortsetzungen sind Modeartikel, von der Nachfrage, nicht von der Inspiration erzeugt. Wenn sie so lose angehängt sind wie diese, bedarf es kaum des ersten Teils zum Verständnis. (Auch das zweite Dschungelbuch kann per se genossen werden.) Amüsanter als die nicht ganz einwandfreie, bis zur Dürftigkeit spärliche Handlung sind die Aphorismen, die dem flotten Dialog als Lichter aufgesetzt sind. [...] Die Liebe richtet [...] in diesem Gesellschaftsroman aus dem Jahre 1869 wahrhaft Verheerungen an. Alle Nebenpersonen, die im übrigen recht stiefmütterlich ausstaffiert sind, werden auf diesem weiten Felde engagiert. Aber der springende Punkt bleibt Roberts Romfahrt. Wie weit George Moore mit Evelyn Innes und namentlich mit John Norton aus den Celibates auf John Oliver Hobbes eingewirkt hat, wage ich nicht zu entscheiden. Hier wie dort ist der Katholizismus der Hafen für liebeskranke, gestrandete Herzen. [Vgl. MMs Rezensionen in der NZZ vom 23.11.00 und vom 20.04.01.] ● Romantisch und skrupelvoll wird Robert Orange genannt; romantisch und skrupellos ist Anthony Hope’s Quisanté. In seinem Bild sind die widerstreitendsten Züge gemischt. Er ist Egoist bis zur Schwelle des Verbrechertums und liebt May mit glühender Inbrunst. [...] Gegenüber seiner früheren, mehr spielerischen, gefallsüchtigen, tänzelnden Art sind hier bei Anthony Hope unverkennbare Ansätze zu einem Streben nach psychologischer Vertiefung zu bemerken. Freilich, der indirekten Charakteristik wird zu viel aufgelastet. Er bildet nicht, er redet. [...] Das ganze Drum und Dran, das Wahlmanöver mit seinen bedenklichen Kabalen geben wir billig her. Uns fesselt nur das Verhältnis Quisantés zu seiner Frau, Lady May Gaston. [...] Quisanté läßt sie nicht locker, er droht, nie von ihr zu lassen. Und er hält Wort. Nachdem er auf dem Gipfel seines Ruhms, von seinen Wählern umjubelt, ein anderer Bethlen Gabor [Fürst von Siebenbürgen (1580-1629)], zusammengebrochen ist, trauert seine Witwe zwei Jahre um ihn. Wieder pocht der alte Liebhaber an, wieder erhält er einen Korb, aber diesmal nicht aus freier Entschließung heraus, sondern die Macht des toten Quisanté erstreckt sich noch über das Grab. Sie kann nach ihm keinen andern lieben. Anthony Hope hat also hier einen Svengali-Typ aufgerufen; einen Svengali ohne Hypnose. Das Psychologische hätte unbeirrter zum Ziele schreiten können, wenn ihm das politische Beiwerk nicht den Weg versperrte. [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ vom 23.11.00 und vom 20.04.01.] ● Dieses beansprucht auch in Senator North von Gertrude Atherton ungebührlich viel Platz. [...] Für den Amerikaner mag das aufregend sein, für uns ist es einschläfernd. Gertrude Atherton hat jedoch diesmal auf die Sensationswürze verzichtet, mit der Patience Sparhawk [1897] reichlich papriziert ist, und ist zu der schlichteren Art der American Wives and English Husbands [1898] zurückgekehrt. [...] [Vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 24.04.01.] ● Politische Quelquechoserien umranken auch Mrs. Humphry Ward’s Eleanor. [...] Diese drei Personen [Edward Manisty, seine Cousine Mrs. Eleanor Bourgoyne und die Amerikanerin Lucy Foster] werden – fünfhundert Seiten sind dazu nötig – bis in alle Fasern zerlegt. Die übrigen Mitwirkenden [...] sind belanglos. Trotz des Mangels an äußerer Handlung werden reiche seelische Spannungen erzeugt. Mrs. Humphry Ward hat sich aus den Niederungen des Gouvernanten-Romans hier zu freier Kunst aufgeschwungen. Das Sonnenland des Humors scheint ihr für alle Ewigkeit verschlossen. Aber das religiöse Steckenpferd ist zum Glück einmal an die Krippe gebunden. [...] Möglich, daß Eleanor einen Wendepunkt in ihrem Schaffen bedeutet. [Vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 24.04.01.] ● Politisch-merkantile Fragen sind die Quintessenz in Oswald Crawfurdʼs The New Order. Sie gehören überhaupt nicht in ein belletristisches Werk, sondern in die Tagesjournale über den Strich. Wenn es außerdem wahr ist, ‚daß in England eine Rede mehr Hörer in einer Stunde überzeugen wird, als ein Buch Leser in zwölf Monaten‘, so bleibt es rätselhaft, warum Mr. Crawfurd zur Form des Romans gegriffen hat. Er hätte ja seinem eigenen Rezept zufolge sich nur auf die Rednerbühne zu stellen und seine beiden Philippiken wider den Freihandel in die Volksmenge hineinzudonnern brauchen. [...] Dabei wird verschiedentlich nach Deutschland hinübergeschielt. Ein deutscher Professor, Herr Eberhardt, gehört sogar zu den Wanderagitatoren wider den Freihandel. Er findet das Ale ‚gloirous‘, müht sich vergebens ab, zwei Engländer in die Mysterien des Skat einzuweihen und bildet den Mittelpunkt allerhand ergötzlicher Gespräche. [...] Er singt ein Loblied auf die Moral des Schauerromans, der so edlen Zweck auf seine Fahne geschrieben hat. Immerhin, moralische Zwecke liegen dem Roman näher als politisch-propagandistische. [Vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 21.11.00.] ● So denkt gewiß auch der gute Sir Walter Besant, dessen Fourth Generation eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand ist. Das biblische Motiv von dem eifervollen Gott, der die Missetaten der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht, wird rein kausal behandelt. Die Ausführung spottet der Beschreibung. Im übrigen hat Sir Walter Recht: ‚Man ist geneigt, die Verantwortlichkeiten des Erfolges zu vergessen.‘ Sonst hätte er nicht einem Kriminalkommissar sein Material entwandt. [Vgl. MMs Besprechung in den ES, Bd. 29, Nr. 3 (? Nov. 1901).] ● Leider hat sich auch F. Anstey (eigentlich Thomas Anstey Guthrie), der Verfasser der prächtigen Schulschnurre Vice Versa, an einer guten Idee versündigt, indem er den Roman The Brass Bottle daraus formte. Der Einfall, einen Jinnee in die Geschicke eines armen Architekten eingreifen zu lassen, nach dem Vorbild von 1001 Nacht, wird zu Tode gehetzt. Aber eine Einzelheit wie Professor Anthony Futvoye als unfreiwilliger Vierfüßler ist unvergeßlich. [Vgl. MMs ausführlichere Besprechung in den ES, Bd. 30 (1902).] ● Ein aller Sensation bares Bändchen, das lediglich als document humain gelten möchte, hat einen Mode-Erfolg ohnegleichen errungen. Es erschien anonym wie die Erzählungen der Gräfin [Elizabeth von] Arnim. Das muß für den englischen Leser von eigenem Reiz sein. In den Zeitschriften zerbrechen sich die die Leute die Köpfe, wer die Verfasserin [!] sein könnte. Der Verleger, John Murray, kann nicht genug Exemplare beschaffen. Sonderbar, höchst sonderbar! Trotzdem macht das Buch ohne alle Handlung, mit seinen glühenden Liebesbeteuerungen und seiner stillen Wehmut dem Geschmack der Engländer mehr Ehre als Marie Corelli und die gepfefferte Tagesware. An Englishwoman’s Love-Letters umfaßt 86 Liebesbriefe. Weiter nichts! [...] 86 Briefe, auf die die Antwort fehlt, sind ein Torso. Sie kommen mir vor wie ein Duett, dessen einer Mitwirkender stockheiser geworden ist. [...] Er scheint ein harmloses Geschöpf, von stattlichem Äußern, sonst ein ‚Wald- und Wiesen-Engländer‘, nicht ganz auf ihrer geistigen Höhe. Was steht ihrer Verbindung im Weg? Schon das Vorwort gefällt sich in mystischer Verschleierung. Und dann bricht plötzlich die Katastrophe herein. Das Verlöbnis muß aufgelöst werden. Keinem von beiden Teilen fällt irgendwelche Schuld zu; sie sind gleichmäßig die Opfer der Umstände. [...] Eine Zeit lang schmeichelt sie sich noch in den Wahn hinein, es sei alles beim Alten. Bald aber stirbt sie an gebrochenem Herzen. Byron meinte: ‚‘Tis dangerous to read of loves unlawful‘ [Don Juan, Canto III, stanza 12, l. 96]; der heutige Engländer entscheidet: es ist pikant, von verbotener Liebʼ zu lesen. Braut und Bräutigam stehen in einem sehr engen Verwandtschaftsverhältnis zu einander. Warum können sie nicht als Bruder und Schwester weiterleben? Man denke an den Schandfleck von Anzengruber [1877, rev. 1884]: die Reindorfer-Leni hat den Mut, dem Urlauber-Florian die Wahrheit zu gestehen. Das gehört zum Grandiosesten in der neueren Romanliteratur. Freilich, hätte die Verfasserin ihr Geheimnis preisgegeben, so wäre kein Grund für den ungeheuren Erfolg ersichtlich, den ‚einer Engländerin Liebesbriefe‘ davongetragen haben. Die literarischen Qualitäten sind es jedenfalls nicht. [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ vom 24.04.01, der VZ vom 03.10.01 und der NR vom Nov. 01.]“ ●●● In leicht gekürzter Form wieder abgedruckt im LE, Bd. 3, Nr. 15 (1. Mai 1901), 1041-1047 (Rubrik ‚Echo der Zeitungen‘ ).

Neuere englische Belletristik. (1). NZZ, 20. April 1901, Nr. 109, Morgenblatt.
Israel Zangwill, The Mantle of Elijah. London: Heinemann 1900; Anthony Hope [Anthony Hope Hawkins], Quisanté. London: Methuen 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1900; John Oliver Hobbes [Mrs Pearl Mary Teresa Craigie], Robert Orange. London: Fisher Unwin 1900. ●● „Im November des vorigen Jahres wurde in dieser Zeitung einigen englischen Romanen, die aus der Fülle der Erscheinungen durch die Persönlichkeit ihrer von früheren Büchern her bekannten Verfasser hervortraten, das Prognostikon gestellt. [Siehe die Nrn. 323-325 vom 21.-23.11.1900.] Jetzt, nachdem diese Romane einer eingehenden Musterung unterzogen wurden, gilt es, das damalige Urteil zu bestätigen oder auch hie und da zu berichtigen. Von einer überragenden Leistung, als welche bei dem Tiefstand der zeitgenössischen englischen Dramatik Stephen Phillipsʼ Tragödie Herodes* praeter propter zu verzeichnen war [* Vergl. Neue Zürcher Zeitung Nr. 7, Zweites Abendblatt], ist leider auf dem Gebiet der Belletristik nicht die Rede. Romane, die dem Unterhaltungsbedürfnis der Menge genügen, Romane, die hundertmal erzählt, noch einmal vorgetragen werden, in Hülle und Fülle; aber nicht der Roman, das Kunstwerk, nach dem wir sehnsüchtig ausschauen und dessen wir harren wie die Chiliasten der Erfüllung ihrer Träume vom Wunderreich. [...] ● England lebt im Kriegszustand. Seit Jahren hat die Gemüter nichts so erregt wie die Guerilla gegen das wackere, schier unbezwingliche Burenvolk. Ist auch schon mehrmals das Ende dieses Kleinkriegs proklamiert worden, so scheinen die Gegner doch wenig Neigung zu verspüren, dieser optimistischen Anschauung zum Siege zu verhelfen; und die Engländer müssen nach wie vor am eigenen Leibe erfahren, wie sehr sie den zähen Feind in [Edmond] Leboeuf’schem Überlegenheitsdünkel unterschätzt haben. Wir werden diese Romane also als einen Niederschlag der vorherrschenden Stimmung gelten lassen dürfen. Und wenn der südafrikanische Krieg auch nicht beim Namen genannt wird [...], so erkennt der Leser doch mühelos, daß hier unter imaginärem Namen ziemlich deutliche Anspielungen auf Zeitgeschehnisse vorliegen. Die Autoren halten der Nation ein wenig den Spiegel vor. So mag man es sich erklären, daß die Politik, die sonst nur über dem Strich ihr Feld hat, in den Roman hineingezogen wird. ● Selbst der Ghettodichter Israel Zangwill, dessen Domäne bislang das enge, von Mauern umschlossene Judenviertel war, hat sich mit seinem jüngsten Roman The Mantle of Elijah auf das Gebiet der Politik hinausgewagt. Ein Krieg gegen Novabarba wird hier als Vorwand gebraucht, um den Engländern allerlei Wahrheiten zu sagen. [...] Novabarba könnte Südafrika heißen. [...] So hat Elias Mantel ein aktuelles Mäntelchen. [...] – ‚Die Natur hat das Leben aus Krieg und Liebe gewoben‘: mit diesem Motto können die beiden auseinanderstrebenden Teile des Romans zusammengelötet werden. Der erste ist [...] fast ganz politischer Natur; der zweite eine Ehestandsgeschichte. Mit dieser dürftigen Skizzierung der Handlung ist der Reiz des Buches jedoch keineswegs erschöpft. Er liegt vor allem in den geistreichen Gesprächen. Sie sind dem Verfasser nicht so sehr ein Mittel der Charakterisierung geworden wie ein Ventil seines Witzes. [...] Leider ist bei diesem Schwelgen in espritvollen Einzelheiten die Charakteristik merklich zu kurz gekommen. Die Personen sind mehr konstruiert als geschaut im Gegensatz zu den Menschen aus den Ghettogeschichten. Bei allem Aufwand fehlt ihnen das Lebendige; sie stehen nur mit einem Fuß auf dieser festen Erde. [...] Und so scheint mir, mit dieser Erweiterung seines Stoffbezirks Israel Zangwill kein besonders großer Wurf gelungen zu sein. [Vgl. MMs Besprechung im LE vom 15.12.01.] ● Dagegen sei dem oberflächlicheren, bisweilen übergebührlich oder ungebührlich seichten Anthony Hope (eigentlich: Anthony Hope Hawkins), der seither als erstes und einziges Gebot die Forderung des Publikums: ‚Du sollst und mußt amüsieren!‘ anerkannte, bereitwillig zugestanden, daß sein letzter Charakterroman: Quisanté gegenüber früheren Leistungen, wie dem spielerischen Königsspiegel [The King’s Mirror (1899)], einen beträchtlichen Fortschritt bedeutet. Wenigstens das Streben nach psychologischer Vertiefung ist diesmal unverkennbar. Es ist mehr angedeutet als erreicht, mehr gewollt als gekonnt; aber daß überhaupt etwas gewollt wird, was jenseits der stofflichen Neugier liegt, darf hervorgehoben werden. [...] Trotz vielen Bedenken wollen wir Anthony Hope beim Namen nennen und seinen letzten Roman als Hoffnung auf eine gedeihliche Weiterentwicklung im künstlerischen Sinne ansehen. [Vgl. MMs Rezensionen in der NZZ vom 23.11.00 und in der FZ vom 26.03.01.] ● Wie die Hexe Politik die Charaktere verdirbt, haben uns Mr. Broser (bei Zangwill) und Quisanté gezeigt. Daß sie nicht gleichmäßig über alle Gewalt hat, ergibt sich aus John Oliver Hobbesʼ (Mrs. Craigie) Robert Orange. Quisanté ist romantisch und skrupellos; Robert Orange romantisch und skrupelvoll [...]. Der Katholizismus drückt dem Wesen Robert Oranges den Stempel auf. Aus ihm heraus haben wir seine Handlung zu verstehen [...]. Er flieht die Welt und will in einer engen Zelle genesen. In stiller Abgeschiedenheit lebt er bis an sein Ende bei den Jesuiten dahin. [...] Der Schoß der alleinseligmachenden Kirche nimmt die reuigen Sünder oder auch nur auf dem Ozean der Liebe gestrandeten Herzen auf. [...]“ ● Schluß der Besprechung in Nr. 113 vom 24.04.01.

Neuere englische Belletristik. (2). NZZ, 24. April 1901, Nr. 113, Morgenblatt.
John Oliver Hobbes [Mrs. Craigie], Robert Orange [Schluß]; Mrs Humphry Ward, Eleanor. London: Smith, Elder Nov. 1900; Gertrude Atherton, Senator North. Leipzig: Tauchnitz 1900; Anon. [Laurence Housman], An Englishwoman’s Love-Letters. London: Murray 1900. ●● „Gleichwohl läßt sich die Verfasserin von einer gewissen Willkür nicht freisprechen. Dem Schluß fehlt das Zwingende. Er erscheint nur als eine von vielen Lösungen, nicht als die einzig mögliche und darum notwendige Lösung. [...] Robert ins Kloster; Brigit auf die Bretter. Aber auch sonst richtet die ‚Liebesleidenschaft‘ in diesem Roman, der auf die bessere englische Gesellschaft des Jahres 1869 ein Streiflicht fallen läßt, wahre Verheerungen an. [...] Sonst besteht der Roman zu drei Vierteln aus Füllsel. Da ist zunächst das politische Beiwerk, in dessen Mittelpunkt Disraeli gerückt ist. Der kluge Staatsmann schüttelt einen ganzen Sack Aphorismen aus. Und der Dialog wird durchgängig mit so behender Grazie, wie bei Zangwill mit solchem Esprit gehandhabt, daß man darüber die Dürftigkeit der Handlung einigermaßen vergessen kann. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ vom 23.11.00 und in der FZ vom 26.03.01.] ● Davon [von Esprit] besitzt Mrs. Humphry Ward, die eifrige Verfechterin religiöser Streitfragen, kaum ein Quentchen. Der Vorwurf gänzlicher Humorlosigkeit, den man so oft gegen die Frauen erhoben hat, findet an ihr eine Stütze. Alles kommt bei ihr gepreßt und beklommen, dumpf und unfrei heraus. [...] Wenn man die Frauen nach dem von Wassermann aufgestellten Schema in die vier Klassen der Königinnen, Gouvernanten, Köchinnen, Dirnen einteilen will, ist sie eine rechte Gouvernantennatur. Und sie schreibt auch für Gouvernanten. [...] Solche Lieblingsthemen der Literatur wie das Verhältnis eines Mannes zu zwei Frauen müssen, wenn sie zum x-tenmal erzählt werden, wenigstens eine persönliche Note erhalten. [...] Aber die unerläßliche Forderung, dem abgegriffenen Vorwurf Eigenes mitzugeben, wird nicht erfüllt. Er, Edward Manisty, ist [...] der haltlose Liebhaber, ein Günstling der Frauen, [der] durch sein stattliches Äußere, seine zur Schau getragene geistige Überlegenheit und sein blasiertes Gebaren in gleichem Maße einnimmt. Die eine, Mrs. Eleanor Burgoyne, Edwards Cousine, ist seine Egeria, mit einem Ausdruck von George Meredith ‚the understanding Feminine‘ [The Tragic Comedians, Kap. 4]. Die andere, Lucy Foster, eine amerikanische Unschuld vom Lande, fesselt ihn durch ihre körperlichen Reize. Wie die Entscheidung ausfällt, muß dem blödesten Leser vom ersten Augenblick an einleuchten. [...] Eleanor unterliegt; [...] Lucy trägt den Sieg davon. Und da Eleanor stets hinfällig war, wird es der Verfasserin nicht schwer, ihr Ende zu beschleunigen und sie an gebrochenem Herzen sterben zu lassen. – Das ist für 504 Seiten ein karger Gegenstand, und es bedarf daher psychologischer Kleinarbeit, um ihn ergiebiger zu machen. Die drei Hauptpersonen sind jedenfalls mit großer Anschaulichkeit dargestellt. [...] [Vgl. MMs Besprechung in der FZ vom 26.03.01.] ● Als letzter Roman dieser Reihe, die Politik und Liebe vermischt, sei ein amerikanischer angeführt: Senator North von Gertrude Atherton. Hier werden die beiden Saiten zu gleicher Zeit angeschlagen, aber sie tönen nicht recht im Akkord zusammen. Amerikanische Politik und der Krieg mit Spanien sind uns gar zu entlegen. Wie bei John Oliver Hobbes Disraeli als handelnde Person auftritt, wird bei Gertrude Atherton der Schatten Alexander Hamiltons aufgerufen. Wir wohnen mehreren stürmischen Senatssitzungen bei, wir lernen die Stimmung der Senatoren und des Volks kennen, sowohl in New York wie in Washington; wir schauen in das Treiben eines politischen Salons: innere Teilnahme vermag all das nicht auszulösen. Zwei Liebeshandlungen laufen parallel; die eine, das Leitmotiv, damit verquickt, die andere speziell für den Wild West zugeschnitten. Die eine episch umständlich, die andere dramatisch explosiv; die erste allgemein menschlich mit gutem Ausgang, die zweite eine amerikanische Tragödie. [...] [Vgl. MMs Besprechung in der FZ vom 26.03.01.] ● ‚Als ie diu liebe leide ze aller jungiste gît‘, wie immer die Liebe sich zuletzt in Leid verkehrt: so singt der Nibelungendichter am Schlusse seines Werkes. Kein besseres Motto wüßte ich für die fünf Romane, die im Vordergrund des Interesses stehen, zu wählen. Und wenn von dem politischen Einschlag abgesehen wird, der in den Liebesteppich dieses Quintetts eingewirkt war, so kann hier noch ein sechstes Buch angefügt werden, das kein Roman im landläufigen Sinne, aber eine Liebesurkunde von seltener Offenherzigkeit ist: An Englishwoman’s Love-Letters. Der Verfasser (oder richtiger die Verfasserin) hat es vorgezogen, ungenannt zu bleiben, was den Eindruck des Geheimnisvollen entschieden vermehrt und nachgerade eine englische Mode zu werden verspricht. Wenigstens lehren uns mehrere Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, wie sich das Publikum mit Vehemenz auf anonyme Veröffentlichungen stürzt. Der Reiz des Geheimnisvollen liegt hier auch im Stofflichen oder vielmehr in der Einkleidung des Stofflichen. Denn obwohl von einem Stofflichen nicht gut die Rede sein kann, da das Buch bloß aus 86 Liebesbriefen besteht, hat das roh Stoffliche dem aller Handlung baren Bande einen echten Sensationserfolg beschert. [...] Mit Liebesbriefen freilich ist es eine eigene Sache. Einmal erwecken sie leicht ein Gefühl des Neids, und dann sind so vertrauliche Mitteilungen selten für einen Dritten bestimmt. Zu einem Genuß werden sie nur, wenn der Schreiber ein psychologisches Seziermesserchen zu handhaben wußte. In einigen Stücken hat es die Korrespondentin wenigstens verstanden, ihr Herz auszuschreiben, uns bis auf den Grund ihrer arglosen Seele blicken zu lassen. Als Kunstform wird dagegen die Briefform nicht behandelt. Dazu gebricht es dem Stil an der Durchbildung. Immerhin macht diese stille, wehmutsvolle Lektüre dem Geschmack der Engländer mehr Ehre als Schauergeschichten und die gepfefferte Tagesware. [Vgl. MMs Besprechungen in der FZ vom 26.03.01, in der VZ vom 03.10.01 und in der NR vom Nov. 01.]“

Leben und Werke Peter Pindars (Dr. John Wolcot) von Dr. phil. Theodor Reitterer. Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Jg. 55, Bd. 106 (N.S. 6), (ca. Juni 1901), 408-409.
Wiener Beiträge zur englischen Philologie, Heft 11. Wien & Leipzig: Braumüller 1900. ● „[...] Es ist eine edle und lockende Aufgabe für den Literarhistoriker, das Andenken an solche zu Unrecht verschollenen Männer aufzufrischen. Theodor Reitterer [1869-1960] hat sich ihr mit sichtlicher Liebe und bemerkenswertem Geschick unterzogen. Er hat es in so amüsanter Weise getan, als ob ein Funke von seines Helden Laune auf ihn übergesprungen sei. Nicht minder erfreulich ist es, daß ihn die eingehende Beschäftigung mit seinem Gegenstand nicht etwa zu einem unbedingten Lobredner gemacht hat, wie es nur zu häufig [bei] den Knappen, die den literarischen Ritterschlag erwerben wollen, begegnet [phil. Diss. Wien 1893]; sondern Reitterer weiß sich den nötigen Abstand zu wahren [...]. Eben darum scheint mir aber der Vergleich mit Heine (S. 149) nicht angebracht: dessen Satiren tragen den Ewigkeitszug, während Wolcots Spötteleien die Weite der Perspektive fehlt. – Anfechtbar, weil unorganisch, ist Reitterers Einteilungsprinzip [...]. Gegen Einzelheiten wäre Verschiedenes einzuwenden. [...] Völlig entgleist ist der Satz [...]. Auffällig ist das Fehlen jeder Angabe, daß Peter Pindar der Revisor der englischen Lieder in Thomsons Sammlung war, zu der Burns die schottischen Gedichte beisteuerte. – Daß Mozart zu zweien von Wolcots lyrischen Gedichten, wie sich der Verfasser absonderlich ausdrückt, ‚die Melodie und die Begleitung geschrieben‘ (S. 14) hat, ist gewiß irrtümlich [...]. Auf die Drucklegung ist viel Sorgfalt verwandt. Kleinere Versehen sind auf S. 35, 51, 55, 57, 73, 93, 128, 143 stehen geblieben.“

Das Shakespeare-Jahrbuch. NZZ, 4. August 1901, Nr. 214.
Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft, hrsg. Alois Brandl & Wolfgang Keller, Bd. 37, Berlin: Langenscheidt 1901. ●● „Kürzlich wurde in einer angesehenen englischen Zeitschrift, in einer der wenigen, die rein literarischen Charakter tragen, das Shakespeare-Jahrbuch totgesagt. [Bezug nicht ermittelt.] Sterbliche, denen diese Unbill angetan wird, versichert der Volksmund bekanntlich, gleichsam zur Entschädigung, eines besonders langen Lebens. Professor Alois Brandl, der spiritus rector des Shakespeare-Jahrbuchs und sein einer Herausgeber, hielt es aber doch für angemessen, sich nicht bei dieser vagen Prophezeiung zu beruhigen, sondern sandte eine Berichtigung ein. Die englische Zeitschrift, die der ‚deutschen Forscherarbeit am Stratforder‘ [Brandl, ‚Aus der Werkstätte der Shakespeare-Gesellschaft‘, LE, Bd. 3, H. 10 (15.02.1901), 675], statt ihr die tatkräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, ein Schnippchen geschlagen hatte, konnte nichts besseres tun als im durchbohrenden Gefühl ihrer Ignoranz schweigen. ● Das Shakespeare-Jahrbuch lebt; sein siebenunddreißigster Band legt davon Zeugnis ab. Ja, es darf die erfreuliche Tatsache gemeldet werden, daß sich die Zahl der Mitglieder im abgelaufenen Jahr wieder um 46 vermehrt hat, so daß sie zur Zeit 325 beträgt (1898 betrug sie nur 220). [...] ● Daß über den bedeutendsten Seelenkünder der Hochrenaissance noch ein weites Gebiet zu erforschen ist, zeigt uns jeder neue Band des ihm gewidmeten Jahrbuchs. Da es ‚in erster Linie für die Forschung‘ da ist [Brandl, ‚Werkstätte‘, 672], soll ihm ein gewisser archivalischer Wert gewahrt bleiben durch den Wiederabdruck eines seltenen, nur in wenigen Exemplaren erhaltenen Stücks aus Shakespeares Zeit. Diesmal fiel die Wahl auf The Wars of Cyrus, eine schwächliche Arbeit unter den Nachahmungen des Tamerlan von Marlowe [1-58]. Selbst sein Herausgeber [Wolfgang Keller] läßt sie nur als einen ‚Typus jener ersten Blankversstücke‘ gelten [1]. Auf demselben Boden steht die bis ins einzelste gehende Shakespeare-Bibliographie [314-383], jetzt von dem Bibliothekar Dr. [Richard] Schröder besorgt, die indes diesmal fast zur Hälfte ihres Umfangs zusammengeschrumpft ist. ● Die übrigen Beiträge wenden sich an eine größere Gemeinde. An ihrer Spitze steht regelmäßig der Festvortrag, der auf der Generalversammlung in Weimar gehalten wird, den diesmal der Münchner Intendant, Herr [Ernst] von Possart übernommen hatte. ‚Welches System der Szenerie ist am besten geeignet für die Darstellung verwandlungsreicher klassischer Dramen, insbesondere der Shakespeareʼschen?‘ lautet sein etwas langatmiger Titel [XVIII-XXXVI]. Um so knapper wird die Antwort gegeben, eigentlich mit drei Worten: [Carl] Lautenschlägers drehbare Bühne [installiert 1896 im Residenztheater München]. [...] ● Bei weitem das größte Interesse mußte jedoch die Antwort der Shakespeare-Gesellschaft auf einen Artikel des Gießener Professors Wilhelm Wetz erwecken. Er machte es sich zur Aufgabe, mit allem Nachdruck die sogenannte Schlegel-Tieckʼsche Übersetzung zu bekämpfen und ihre Verdienste herabzusetzen, und verlangte eine eklektische Ausgabe, die von jedem Stück die beste der vorhandenen Übersetzungen brächte. Ich habe diese Ausführungen, die zuerst in einer Fachzeitschrift erschienen [Englische Studien, Bd. 28 (1900), 321-365], in der Frankfurter Zeitung [vom 11.01.1901, Erstes Morgenblatt] vor ein größeres Forum getragen [in einer Zuschrift, von der Redaktion „Der entthronte Schlegel“ betitelt], und von hier sind sie in viele deutsche Blätter übergegangen. Von vornherein habe ich festgestellt, wie bedenklich Wetz über das Ziel schießt, und den Gedanken einer eklektischen Ausgabe als unkünstlerisch abgelehnt, wobei es ziemlich belanglos ist, wie weit der Eklektizismus ausgedehnt wird, denn in seiner letzten Konsequenz würde er darauf hinauslaufen, daß Vers für Vers in möglichst vollendeter Übertragung aneinander gereiht würde. Denselben Standpunkt nimmt jetzt Wilhelm Dibelius ein [‚Zur „Schlegel-Tieckʼschen“ Shakespeare-Übersetzung‘, 303-305], und Paul Heyse nennt das Feuilleton Wetzens in der Frankfurter Zeitung [vom 19.01.1901, Erstes Morgenblatt], worin er sich gegen meine Ausdeutung verteidigt hatte , ‚völlig absurd‘ [XLVIII]. ● Die Shakespeare-Gesellschaft, die natürlich in erster Linie berufen wäre, diese Verbesserung des Schlegel-Tieckʼschen Texts in die Wege zu leiten, mußte sich über die an ihre Adresse gerichtete Herausforderung äußern. Zu diesem Zwecke wurden Ludwig Fulda, Paul Heyse und Adolf Wilbrandt, die sich als unsere ersten Verdolmetscher hervorgetan haben, um ihre Ansicht befragt, und aufs neue wurde der Wert der aus einem Geist heraus geborenen Schlegel-Tieckʼschen Übersetzung anerkannt, wenn man auch die Schwächen der Nachfolger keineswegs beschönigte [XXXVII-LV]. Zudem wurde auf die Schwierigkeit hingewiesen, einen populären Text zu verdrängen; Schauspieler und Sänger hängen besonders zäh am Hergebrachten, so daß man nicht einmal den Unsinn aus den landläufigen Operntexten ausroden kann. Darum erklärte sich die Shakespeare-Gesellschaft für die ihr zugeschobene Aufgabe inkompetent, da sie ‚einen gottbegnadeten Übersetzer, wie er nötig wäre, um Schlegel-Tieck in den Schatten zu stellen, nicht aus dem Boden zu stampfen oder mit der Laterne zu suchen‘ vermöge [LIII]. Es war das einzige, was sie tun konnte, immer mit der Betonung des Satzes, daß das Bessere der Feind des Guten sei. Ein Teil der deutschen Presse freilich schien mit dem Vorwurf, die Gesellschaft habe nicht recht Farbe bekannt, nur allzugern bei der Hand. Auch Professor Wetz hatte vergessen, daß das Besserungsbedürftige nicht direkt schlecht zu sein braucht, und es ist allemal leichter, das Ratsame einer Verbesserung anzuempfehlen, als die richtigen Mittel und Wege dafür auszufinden. ● Unter den Abhandlungen verdient Max Friedländers Versuch, die Kompositionen zu Shakespeares Dramen zusammenzustellen, an allererster Stelle genannt zu werden [85-122]. Das ist eine vortreffliche, überaus vollständige Arbeit, die keinen Wunsch offen läßt, es sei denn den, daß ihr von Zeit zu Zeit Nachträge geliefert würden. [...] ● Die deutsche Literatur in ihren Beziehungen zu Shakespeare ist durch zwei Aufsätze vertreten: Richard M. Meyer, der unermüdliche, dessen Name man in allen deutschen Revuen begegnet, zergliedert Otto Ludwigs Shakespearestudium, das, wie er zu beweisen versucht, mehr das künftige Drama eines Ibsen, als das vorhandene Master Williams beschreibt [59-84]; und Albert Leitzmann läßt sich über Platens Verhältnis zu Shakespeare aus, soweit seine Tagebücher darüber Aufschluß geben [216-230]. [...] Weniger kann ich mich für Rudolf Fischers Repertoirestudie über Shakespeare und das Burgtheater erwärmen [123-164], weil der Verfasser seiner Neigung zum Schematisieren und Rubrizieren allzusehr die Zügel schießen läßt [...]. Julius Cserwinkas Regiebemerkungen zu Shakespeare, hauptsächlich zu der Geisterszene in Richard III., gebührt dagegen volle Anerkennung [165-180]; jeder Regisseur sollte sich das ad notam nehmen. ● Die Bücherschau [241-269] umfaßt diesmal nur fünfzehn Werke. Wenn Leon Kellner dreieinhalb Seiten gewidmet werden, erscheint es fast ungerecht, daß Friedrich Vischer mit einunddreißig Zeilen abgespeist wird. Die Länge einer Rezension sollte sich doch im allgemeinen dem Wert des betreffenden Werkes anpassen. Mit keiner Silbe wird aber hier erwähnt, daß Vischers Macbeth-Übersetzung alle vorhandenen übertrifft, daß Dorothea Tieck jetzt ausrangiert werden kann. [...] ● Von sehr problematischem Wert ist die Theaterschau über die Londoner Bühnen, weil sie nicht aus der eigenen Anschauung des Urteilenden hervorgegangen ist, sondern sich lediglich auf fremde Zeugnisse stützt [306-307]. Wer da weiß, wie wenig zuverlässig die Londoner Theaterreporter sind, wird ermessen können, wie selten sich unser Urteil mit dem ihrigen deckt. Deshalb sollte das Shakespeare-Jahrbuch [sich] nicht mit der Reproduktion englischer Kritikerstimmen begnügen, sondern William Archer (vielleicht auch Max Beerbohm) oder einen aus den eigenen Reihen, der die Vorstellungen wirklich gesehen hat, mit dieser Aufgabe betrauen.“ ● Vgl. MMs Besprechung des Bandes im LE vom 01.06.02.
 
Les Romanciers anglais contemporains. LE, Bd. 3, Nr. 22 (15. August 1901), 1581.
Monographie (Paris: Perrin 1900) von Yetta Blaze de Bury (184.?-1902), Tochter von Henri Blaze de Bury (1813-1888). ● „Bei Heine fand ich zufällig unter den Gedanken und Einfällen folgende literarische Notiz: ‚Blaze de Bury [Ecrivains et poètes de l’Allemagne (1846)] beobachtet die kleinen Schriftsteller durch ein Vergrößerungsglas, die großen durch ein Verkleinerungsglas.‘ Für die Verfasserin dieser Studien über zeitgenössische englische Romanschreiber trifft dies teilweise zu. Schlimmer ist, daß sie ihre Bewertung meist nur auf zwei Bücher stützt. In der Auswahl der Romane ist einiges Geschick bekundet, aber die Analysen sind oft, trotz der Ausführlichkeit, irreleitend. [...] Die Aufsätze sind, scheint es, aus Zeitungsartikeln hervorgegangen und für die Buchausgabe ein wenig zugestutzt worden. [...] Ich finde: Y. Blaze de Bury kann dem Kenner wenig sagen, dem Unkundigen wahrscheinlich noch weniger. Nur insofern kann ihre Sammlung Gutes stiften, als sie die Zweifler und hochmütigen Verächter überzeugen muß, daß die englische Romanliteratur der Gegenwart einige Namen ins Treffen zu führen hat, die es getrost mit Vertretern anderer Völker aufnehmen können. [...]“

Das Schaffen des Schauspielers. LE, Bd. 3, Nr. 24 (15. September 1901), 1726-1727.
Zwei Arbeiten des Schauspielers, Schauspiellehrers und Autors Ferdinand Gregori (1870-1928). Untertitel: I. Wesentliches und Unwesentliches seiner Kunst. II. Die Bühnendarstellung der Hamlet-Rolle. Berlin: Dümmler 1899. ● „Durch seine Tätigkeit an verschiedenen Berliner Bühnen bekannt, anscheinend mehr zu den denkenden Künstlern gehörend als zu denen, die aus einer Vollnatur heraus schöpfen, hat es Ferdinand Gregori unternommen, von der Warte seiner nachschaffenden Kunst in das Nebelreich der Spekulation hinabzusteigen. [...]“

Neuere englische Belletristik. [I]. VZ, 3. Oktober 1901, Nr. 463.
Anon. [Laurence Housman], An Englishwoman’s Love-Letters. London: Murray 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901; George Egerton [Mary Chavelita Dunne Bright], Rosa Amorosa. London: Grant Richards Juni 1901; Elinor Glyn, The Visits of Elizabeth. London: Duckworth 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Rhoda Broughton, Foes in Law. London: Macmillan 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901; John Oliver Hobbes [Mrs Craigie], The Serious Wooing. London: Methuen Juli 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Maurice Hewlett, The Life and Death of Richard Yea-and-Nay. London: Macmillan 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901; George Moore, Sister Teresa. London: T. Fisher Unwin 1901. ●●● „Vor ein paar Jahren herrschte bei unseren Dramatikern einmal die Einakterseuche. Ein ähnliches literarisches Asthma ist jetzt unter den englischen Romanschreibern ausgebrochen: die Briefwut. Am häufigsten und bedrohlichsten tritt die Epidemie als Liebesbriefwut auf. [...] Der Krankheitserreger war neuerdings An Englishwoman’s Love-Letters (Liebesbriefe einer Engländerin); die Verfasserin blieb ungenannt und trotz aller Demaskierungsaufforderungen unbekannt. 86 Liebesbriefe sind in dem hübschen Morris-Einbande zusammengepfercht. Das ist von vornherein unkünstlerisch: Liebesbriefe wollen wie petits fours, doch nicht in solcher Anhäufung genossen sein [...]. Auch das ethnographische Interesse, das der Titel heraufbeschwört, wird nicht befriedigt. Die Polin würde ihre Liebesbeteuerungen sicher stürmischer äußern, auch statt Meredith ihrem Erkorenen etwa Sienkiewicz empfehlen; trotzdem hat die Sammlung kein Anrecht auf einen Platz im Museum für Völkerkunde. Wenn ihr gleichwohl ein Massenerfolg beschieden war, so gründete sich dieser auf eine rein stoffliche Neugier: man riet hin und her, warum die Liebenden nicht zusammenkommen können. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in der FZ (26.03.01), in der NZZ (24.04.01) und in der NR (Nov. 01).] ● Ganz spät, nachdem sich die Welle längst verlaufen, naht der Poet – George Egerton mit der im Titel Rosa Amorosa an eine Havannazigarre gemahnenden Sammlung von ‚Liebesbriefen einer Frau‘. Trotzdem die geschätzte Novellistin in gewissem Sinne ihre Priorität beteuert, müssen wir doch feststellen, daß die Einkleidung mit jenem Buch viel Ähnlichkeit besitzt. Auch hier gefällt sich die Verfasserin in dem holden Schein, die Briefe seien wirklich an einen Mann gerichtet und ihr nur zur Herausgabe anvertraut worden. [...] Es sind deren neunzehn, mit dem Begleitschreiben zwanzig. Sie sind wohl der Zahl nach beträchtlich zusammengeschrumpft, doch ihrem Umfang nach entsprechend gewachsen. Briefe von achtzehn Druckseiten sind ein Widerspruch in sich selbst, tun dem Charakter der Briefform Gewalt an [...]. Freilich, ein durchgreifender Unterschied gegenüber jener anderen Sammlung ist zu erwähnen: George Egerton kann schreiben. [...] R.A. versteht sich auf diese Kunst, kein Winkelchen im Seelengehäuse ihres mit Kosenamen überschütteten Geliebten bleibt undurchstöbert. George Egerton hat hier eine Form gefunden, die ihren Fähigkeiten auf halbem Wege entgegenkommt. Ihre Vorliebe für das Aphoristische, die ihren Novellen die Geschlossenheit versagte, kann sich hier schrankenlos austummeln [...]. Hier werden letzte Aufschlüsse über das Wesen der Liebe dargeboten. [...] Natürlich handeln nicht alle Briefe gleichmäßig von der Liebe. [...] Auch literarische Gespräche – merkwürdigerweise wieder über Meredith – fehlen nicht. [...] Rosa Amorosa – Rosa Aromatica: ein milder Havannaduft liegt über diesem abgeklärten Buche, diesem Bekenntnis aus Spätherbsttagen der Liebe. [Vgl. die Besprechungen in der NZZ (15.10.01) und im LE (15.12.01).] ● Wie süßlicher Teezigarettengeruch strömt es dagegen aus den Blättern von Elinor Glyns The Visits of Elizabeth (Elisabeth auf Besuch). Ein Erfolg macht Mode; zwei Erfolge machen einen dritten. Elisabeth: der Name hatte noch vom ‚deutschen Garten‘ der Gräfin Arnim her einen guten Klang; die Briefform empfahl sich stillschweigend durch die Nachfrage der Menge. War dort die Gegenüberstellung deutscher und englischer Bräuche teilweise zum komischen Relief benutzt, es wird hier Frankreich aufs Korn genommen und aus der Vergleichung der verschiedenen Umgangsformen oberflächliche, aber dankbare Wirkung abgeleitet. Sobald wir außer acht lassen, ob wir ein Recht haben, uns zu amüsieren, dürfen wir ruhig zugeben, daß wir uns amüsieren. Ja, es läßt sich nicht leugnen, daß diese Briefe wirklich Briefe sind, mit der Frische des momentanen Eindrucks ausgestattet. Die Londoner Range Elisabeth schreibt ihre ersten Erlebnisse unter ihrer aristokratischen Verwandtschaft nieder. ‚La jeune fille anglaise est la plus rouée des vestales‘, las ich irgendwo in einem französischen Roman [nein, sondern in der französischen Ausgabe von George Moores autobiographischem Roman (1888) Confessions of a Young Man (Confessions d’un jeune Anglais [1889], S. IV), wo der Satz im Vorwort des Herausgebers ausgewiesen ist als eine von John AʼDreams (Pseud. von James David) stammende Bemerkung in seiner Rezension von George Moores Buch in The Hawk am 10.04.1888 (Langenfeld, Nr. 39)]: Elisabeth kommt diesem Ideal sehr nahe. Sie ist der Typus der modernen Ingénue; nichts Menschliches ist ihr fremd; sie heuchelt blütenweiße Unschuld und hat es faustdick hinter den Ohren sitzen. Kein Wunder, daß diese schnoddrigen jungfräulichen Berichte gierig verschlungen werden. [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ (15.10.01), in der NR (Nov. 01) und im LE (15.12.01).] ● Französisches und englisches Wesen stoßen auch in Rhoda Broughtons Foes in Law zusammen (ich bin in Verlegenheit, einen entsprechenden deutschen Titel vorzuschlagen, ‚die feindlichen Schwägerinnen‘ klingt ein wenig hanebüchen). Seit mehr als dreißig Jahren behauptet sich die Verfasserin, die man eine englische Gyp genannt hat, in der Gunst der Lesewelt; sie findet sogar in den Augen der wenigen Edlen Gnade, vermutlich weil sie – o seltenes Geschenk bei Frauen – etwas wie Humor besitzt. John Norton, der Held einer hervorragenden Novelle von George Moore [in der Sammlung Celibates (1895)], hat in seiner Bücherei zwei Bände von ihr neben Fielding und Smollett und Dickens und Thackeray stehen [Kap. 2]: das ist ein feines Kompliment für Rhoda Broughton. Man rühmt ihren Menschen nach, sie seien Stockengländer; an ihnen lasse sich insulares Denken und Fühlen unverfälscht studieren. Eine weitere Eigentümlichkeit ihrer Romane ist, daß sie mit Vorliebe in der sogenannten besseren Gesellschaft spielen und gegen deren Vorurteile zu Felde ziehen [...]. Alles, was Konvention heißt, ist ihr in tiefster Seele zuwider; das sinnlose Ducken unter Bräuche, die nur die Überlieferung für sich haben, erregt ihren Unwillen. Ihnen hat sie den lebenslänglichen Krieg erklärt. Und wo fände sie da ein weiteres Feld als im konservativen England, das so vielen ‚Urväter Hausrat‘ [Faust, 408] mitschleppt? Auch hier wird eine eingefleischte Ordnungwächterin ad absurdum geführt. [...] So triumphiert Rhoda Broughton. Schaut her, ihr Engländer, das gesunde Neue fegt stets die alten Vorurteile mit eisernem Besen zur Türe hinaus [...]. [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ (15.10.01), im LE (15.12.01) und in den ES von 1902 (Bd. 30).] ● In noch höhere Kreise geleitet uns John Oliver Hobbes (Mrs. Craigie) mit The Serious Wooing (Die ernste Freite). Das Bild, das hier von der besten Gesellschaft, die noch lange nicht die gute ist, entrollt wird, trägt offenkundig die Züge der Karikatur. Diese männlichen Mitglieder des Adels sind Trottel, Lumpen, Simplicissimus-Gestalten. Und in dieses Haut goût-Milieu ist ein weibliches Wesen anderer Prägung hineingestellt, eine Unbefangene, Vorurteilslose, die an dem Recht zu lieben und aus Liebe zu heiraten festhält. [...] ‚Geschichte eines Herzens‘ nennt John Oliver Hobbes im Untertitel ihre Erzählung. Sie hält nicht, was sie verspricht: das Seelische geht ziemlich leer dabei aus. Und was für irrationale Gestalten werden [...] vorgeführt [...]. Aber das Drum und Dran ist, wie immer bei ihr, ergötzlich, wäre es noch mehr, wenn es sich weniger pretiös geben wollte. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ (15.10.01), im LE (15.12.01) und in den ES von 1902 (Bd. 30).] ●● Nach all diesen kurzatmigen und kurzlebigen Erzeugnissen ist noch von zwei vollgültigen Romanen zu berichten, die abseits von der Tagesliteratur stehen; der eine bedeutsam durch das, was sein Verfasser gewollt, der andere von bleibendem Werte durch das, was sein Verfasser gekonnt hat; der eine bei allem Aufwand von Personen und Ereignissen kaum über äußerliche Wirkung hinausgehend, weil sein Verfasser noch zwischen zwei Stühlen sitzt, der andere trotz des Verzichts auf alle landläufigen Begebenheiten von tiefster Innerlichkeit, weil seinem Verfasser künstlerische Konsequenz in hohem Maße eignet; der eine ein historischer, der andere ein moderner Seelenroman. ● [...] Daß Maurice Hewlett beim historischen Roman oder eher noch bei der romantischen Historie landen würde, war nach den Waldschwärmern [The Forest Lovers] und den Italienischen Novellen [Little Novels of Italy] zu erwarten. The Life and Death of Richard Yea-and-Nay (Leben und Tod Richards Ja-und-Nein) nach einem Spottnamen des Troubadours Bertran de Born, hat es bewahrheitet. Von allen englischen Herrschern umgibt Richard Löwenherz der reichste Sagenkranz. Hewlett war modern genug, den Roman nicht zur bloßen Nacherzählung von Geschichte und Mythe herabsinken zu lassen. Er hat seinen Helden gewappnet und aus der Zeit hervorspringen, in ihr wurzeln lassen. Und doch wächst ihm die Romantik über den Kopf. Ganze Partien, die sich gegen Schluß hin zusammendrängen, kranken an einer verstiegenen Romantik, die sich gar schlecht mit dem realistisch gezeichneten Helden verquickt. Durch das Kunstwerk geht ein Riß; der Künstler hat ihn nicht zu kitten gewußt; die beiden Teile klaffen auseinander. Wir sagen zu der lebensvollen, historisch fundierten Darstellung dieses Richard Ja-und-Nein ‚ja‘, zu den frei erfundenen Zutaten ‚nein‘. [...] Trotz seiner Mängel nötigt das Ganze Hochachtung ab als ein Versuch, einer brach liegenden, entwerteten Gattung neues Blut zuzuführen. Maurice Hewlett kann vielleicht einmal – das wagte ich schon vor zwei Jahren zu behaupten [in der FZ vom 07.12.1899] – ein englischer Conrad Ferdinand Meyer werden. [Vgl. die Besprechungen in der Zeit  (12.10.01), der NZZ (16.10.01) sowie im LE (15.12.01).] ● Es liegt im Wesen des historischen Romans, daß sich sein Inhalt verhältnismäßig leicht wiedergeben läßt. Je stärker dagegen die innere Aktion, die seelischen Erschütterungen, um so schwieriger wird die Nacherzählung der Fabel. Um den Kampf zwischen Sinnlichkeit und Religiosität handelt es sich in George Moores Sister Teresa (Schwester Teresa), der kürzlich erschienenen Fortsetzung von Evelyn Innes. Wie man den gewaltigen Schluß der Macht der Finsternis nur aus Nikitas Glauben an Erlösung begreifen kann, muß man sich hier stets vor Augen halten, daß Evelyn Katholikin ist. Um alles in ihrem Dasein, selbst um die frühen musikalischen Übungen mit ihrem Vater, rankt sich der Glaube. Evelyn flieht mit ihrem Liebhaber nach Paris, um ihre Stimme ausbilden zu lassen; sie wird zugleich eine Abtrünnige. Die Kunst übertönt die Religion; Wagner verdrängt Palestrina. Die Erotik umgarnt sie. Doch [...] kann Evelyn im Irrgarten der Liebe den Glauben nicht völlig einbüßen. Das ist die gesunde Stelle, von der aus die Heilung erfolgt. [...] Der Sieg der Kunst über die demütige Jungfrau, das war ein plötzliches Auflodern; der Sieg der Religion über die Geliebte Sir Owen Ashers, über die gefeierte Wagnersängerin, gleicht einem langsamen Abbrennen. Rasch kommt Evelyn zu einer Vergangenheit; unendlich schwer wird Schwester Teresa die Vergangenheit los. Es ist ein ermüdender Krankheitsverlauf mit manchen Rückfällen, doch mit einer späten Genesung. [...] Alle Stadien dieses geistigen Entwicklungsprozesses werden mit seltener Meisterschaft aufgedeckt. George Moore ist ein Seelenkünder ersten Ranges, ein unvergleichlicher Psycholog. Von den wunderbar geheimnisvollen Reizen seines Buchs läßt sich keine Vorstellung erwecken. In einzelnen Zügen verrät sich ein wahrhaft genialer Blick für die Gründe und Abgründe der Menschennatur. [...] Andererseits soll nicht verschwiegen werden, daß der Roman jeglicher Handlung im alltäglichen Sinne bar ist und von dem Leser ein stilles Versenken in die zartesten Schwingungen der Menschenseele verlangt, auch daß er an mehreren Stellen zu sehr in die Breite geht und beherzte Kürzungen vertragen könnte. Aber es ist wirklich an der Zeit, daß in Deutschland George Moore Aufmerksamkeit geschenkt wird; denn er bietet so viel dar, was mit unseren modernen Kunstanschauungen Hand in Hand geht. [Nicht in Langenfeld.] [Vgl. die Besprechungen in der NZZ (16.10.01) und in den ES von 1902 (Bd. 31) sowie die Essays ‚Evelyn Innes und ihr Dichter‘ (Zeit, 24.08.01) und ‚George Moore‘ (LE, 01.10.01).]“

Der neue Kipling. VZ, 11. Oktober 1901, Nr. 477, Morgenausgabe.
Rudyard Kipling, Kim. London: Macmillan 1901. ● „[...] Diese winzige Inhaltsangabe bildet etwa das Gerüst des neuen Buchs Kim von Rudyard Kipling. Dem Weltruf seines Verfassers entsprechend, erschien es gleichzeitig in England, den britischen Kolonien, Amerika, Kanada, Deutschland [Leipzig: Tauchnitz], Frankreich, Dänemark, Norwegen und Schweden. Kein zeitgenössischer Schriftsteller, selbst Zola und Ibsen nicht, verfügt über eine solche Lesegemeinde; keiner der Vergangenheit, darf man mit einiger Sicherheit behaupten, hat sie je besessen. Und dieser Mann vollendet im Dezember erst das 36. Lebensjahr, hat also kaum das Alter überschritten, das Friedrich Spielhagen einmal als das geeignetste zum Debüt in der Öffentlichkeit bezeichnet hat. Wahrlich, dieser Tatsache steht man mit ehrfürchtigem Staunen gegenüber; es könnte einem ‚vor der Götter Neide‘ grauen [Schiller, ‚Der Ring des Polykrates‘]. Die Originalausgabe ist bei Macmillan in London erschienen; sie zeigt auf dem erdbeerfarbigen Einband einen goldenen Elefantenkopf und ist von des Dichters Vater, John Lockwood Kipling, mit köstlichen Illustrationen geschmückt, die nach Basreliefs reproduziert sind. [...] Kim ist der Vertreter der allgeschäftigen, rastlosen, verschlagenen, listigen und wohl auch hinterlistigen Gegenwart; Teshoo Lama verkörpert die weisheitsvolle, leidenschaftslose Vergangenheit, ein Purun Bhagat von Anbeginn [Anspielung an ‚The Miracle of Purun Bhagat‘ im Second Jungle Book (1895)]. In ihnen spiegelt sich das Doppelwesen ihres Schöpfers. Rudyard Kipling ist die glänzende Personalunion von Journalist und Dichter; von Journalist im besten Sinne, der die Fähigkeit besitzt, das Momentane, den Augenblickseindruck zu gestalten. Die aber seinen Dichterberuf in Zweifel zu ziehen wagten, die Richard le Gallienne und Genossen, die das Brutale seiner Weltanschauung und – nicht mit Unrecht manchmal – seine aufdringliche imperialistische Tendenz rügten, mögen sich eines Besseren belehren an dem Lama und Kim.“ ●● Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ vom 16.10.01, der Zeit vom 26.10.01 und im LE vom 15.12.01.

Ein neohistorischer Roman. Zeit, Bd. 29, Nr. 367 (12. Oktober 1901), 25-26.
Maurice Hewlett, The Life and Death of Richard Yea-and-Nay. London: Macmillan 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901. ● „[...] Der Kunstgeschmack ist Änderungen unterworfen. [...] Eine Gattung stirbt ab und aus, nachdem sie ihren Höhepunkt überschritten hat, weil es ihr an selbständigen Fortsetzern, an lebenskräftigen Vertretern gebricht. Diesen Verlauf weist der historische Roman in England auf. Walter Scott war sein Gipfel. [...] Die Strömung, die den historischen Roman emporgetragen hatte, ebbte sanft ab. Das Bedürfnis der Menge war befriedigt; die Gattung lag brach. [...] Maurice Hewlett, ein Kenter von Geburt, ist vielleicht dazu berufen, den historischen Roman wieder heranzubilden; seine letzte Gabe: Leben und Tod Richards Ja-und-Nein (The Life and Death of Richard Yea-and-Nay) berechtigt zu einigen Hoffnungen und hat kräftigen Widerhall geweckt. Einstweilen hat er aber doch mehr gewollt als gekonnt. Er wollte einen realistischen Richard Löwenherz – die andere Bezeichnung führt er nach einem Spottnamen Bertrans de Born – auf die Beine stellen, und das ist ihm auch teilweise glänzend gelungen; die Hypertrophie der Romantik, an der die Handlung leidet, stellt sich ihm jedoch entgegen und hebt seine besten Absichten wieder auf. Ein realistischer Held inmitten einer im bösen Sinne romantischen Fabel: das will nicht recht zusammen stimmen. [...]“ ● Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, der NZZ vom 16.10.01 und im LE vom 15.12.01.

Neue englische Belletristik. (1). NZZ, 15. Oktober 1901, Nr. 286, Morgenblatt.
George Egerton [Mary Chavelita Dunne Bright], Rosa Amorosa. London: Grant Richards 1901; Elinor Glyn, The Visits of Elizabeth. London: Duckworth 1901; John Oliver Hobbes [Mrs Craigie], The Serious Wooing. London: Methuen 1901; Rhoda Broughton, Foes in Law. London: Macmillan 1900. ●● „Es war mit einiger Gewißheit vorauszusehen, daß der ungeheure und ungeheuerliche Erfolg der Liebesbriefe einer Engländerin (Love-Letters of an Englishwoman), über den ich an dieser Stelle (in Nr. 113) berichten durfte, nach Kräften ausgeschlachtet werden würde. [...] Daß danach an allen Ecken und Enden Liebesbriefe aufflattern würden, brauchte uns [...] nicht sonderlich in Erstaunen zu setzen. [...] Dagegen durften wir uns wohl darüber wundern, daß selbst George Egerton, die durch verschiedene Übersetzungen auch bei uns hinlänglich bekannte und geschätzte Novellistin, die Mode mitgemacht hat. [...] Auch Rosa Amorosa ist nichts anderes als eine Sammlung von Liebesbriefen. Auch hier wird ein Anlaß gesucht und gefunden, um die Herausgabe dieses document humain – mehr sollen und wollen sie nicht sein – zu bemänteln. Auch hier spielt sich die Verfasserin nur als Herausgeberin auf, die einen Freundesdienst leistet. [...] Da wir kürzlich aus den Zeitungen erfahren haben, daß George Egerton eine dritte Ehe eingegangen, dürfen wir immerhin der Vermutung Raum geben, daß wir es hier mit einem Bekenntnis aus Spätherbsttagen der Liebe zu tun haben, und können verstehen, warum die Verfasserin einen Strohmann (oder eigentlich eine Strohfrau) vorgeschoben hat. [...] Natürlich handeln nicht alle Briefe gleichmäßig von der Liebe. Daneben nehmen die literarischen Betrachtungen einen ziemlich breiten Raum ein; das englische Lesepublikum wird einer nicht sehr schmeichelhaften Kritik unterzogen. Auch in diesem Teil abseits vom Hauptthema verrät sich auf Schritt und Tritt das feine Urteil der Novellistin, etwa wenn sie die Behauptung aufstellt, der Roman spiele für uns mit zunehmendem Alter keine Rolle mehr, so daß wir, fortan nur interessierte Zuschauer, Memoiren und Briefe bevorzugen als die wirklichen Urkunden wirklicher Leben und Ereignisse. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01 und im LE vom 15.12.01.] ● Hat uns hier eine abgeklärte Frau geziemend unterhalten, so kommt in The Visits of Elizabeth (Elisabeth auf Besuch) von Elinor Glyn ein vorlauter Backfisch zu Wort. Die Briefform empfahl sich zur Zeit stillschweigend durch die Nachfrage der Menge. Hier berichtet eine Tochter ihrer kränklichen, verwitweten Mutter über ihre ersten Reiseeindrücke in Frankreich und England. Elisabeth, eine echt moderne ‚Großstadtpflanze‘ von siebzehn Lenzen, löst ein Rundreisebillet, um ihren hochwohlgeborenen Verwandten Antrittsvisiten abzustatten. Sie soll einen Blick in die vornehme Welt tun. Die Aristo- und Plutokratie bilden ihre Absteigquartiere; Barone, Marquis, Lieutenants, Lords, Ladys, auch ein leibhaftiger Herzog ihren täglichen Umgang. [...] Die Ingénue spielt vor den Herren die zimperliche Maid, hat es aber in Wahrheit faustdick hinter den Ohren sitzen. [...] Ein Moralist könnte hier seine ergiebigen Studien treiben an dieser Faulbaumblüte und in diesem Highlife-Milieu. Trotz alledem läßt sich dem Buch ein gewisser Reiz nicht absprechen. Namentlich die ersten Briefe sind durch diesen – man kann nur sagen – schnoddrigen Ton unwiderstehlich. Je weiter man vorrückt, um so mehr löst sich das Wohlgefallen in Bitternis auf, denn die Flitter enthüllen am Ende nur ein manieriertes Gestell. Mehr als eine ganz beschränkte Anzahl dieser jungfräulichen Ergüsse läßt sich überhaupt nicht auf einen Hub genießen. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der NR vom Nov. 01 und im LE vom 15.12.01.] ● In ein ebensolches Haut goût-Milieu führt uns John Oliver Hobbes (Mrs. Craigie) mit The Serious Wooing (Die ernste Freite). ‚Gedichte eines Herzens‘ nennt sie ihre Erzählung im Untertitel. Damit lockt man freilich keinen Hund hinterm Ofen hervor, wenn man so wenig zu bieten weiß wie diesmal die Verfasserin des Robert Orange. Ihr Hauptmerkmal besteht darin, daß sie um die Dinge herumredet. So rührt sie stets ein interessantes, wenn auch noch so unwirkliches, Drum und Dran an, läßt ihrer pretiösen Art die Zügel schießen, aber das Substantielle wird nur so obenhin behandelt. Ihre sämtlichen Menschen sind uns – Hekuba [...]. Nach Robert Orange bedeutet diese Geschichte, die nicht Kopf und nicht Fuß hat, einen bedenklichen Abstieg in die Tiefe. [Vgl. die Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, im LE vom 15.12.01 sowie in den ES von 1902 (Bd. 30).] ● Auf einer verhältnismäßig anständigen Mittelhöhe weiß sich noch immer Rhoda Broughton zu halten, die seit einem Menschenalter die Gunst der Lesewelt besitzt. [...] Die Vertreterinnen zweier feindlicher Weltanschauungen prallen aufeinander. Die eine huldigt einem anstandsdamenhaften ‚Erlaubt ist, was sich ziemt‘, die andere einem schrankenlosen ‚Erlaubt ist, was gefällt‘. Lettice Trent ist Stockengländerin; konservativ daher, versteht sich, vom Scheitel bis zur Sohle [...]. Marie Kergouet, ihres Bruders Frau, ist Französin, leichtblütig und ausgelassen, künstlerisch veranlagt und übermütig: sich den Teufel um Brauch und Sitte kümmernd, ganz dem Augenblick lebend. [...] Rhoda Broughton hat die im Grunde selbstverständliche Geschichte mit gutem Humor und braver Tendenz vorgetragen. Bei ihr kann man insulares Fühlen und Denken noch an der Quelle studieren. Tiefere Wirkungen zu erzielen, ist nicht mehr ihr Ehrgeiz. [Vgl. auch hier MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, im LE vom 15.12.01 sowie in den ES von 1902 (Bd. 30).] ●● Damit verlassen wir die Niederungen der Tagesliteratur – George Egerton sei allerdings nicht mit den übrigen in einen Topf geworfen – und steigen hinan in die Höhenluft der nicht an den Tag und die Season gebundenen Kunst. Von drei Leistungen ist zu berichten, die mit anderem Maßstab gemessen sein wollen. Eine davon ist noch nicht bis zum Gipfel vorgedrungen, verdient aber eine Sonderstellung dadurch, daß ihr Verfasser Großes angestrebt hat.“

Neue englische Belletristik. (2). NZZ, 16. Oktober 1901, Nr. 287, Morgenblatt.
Maurice Hewlett, The Life and Death of Richard Yea-and-Nay. London: Macmillan 1900; George Moore, Sister Teresa. London: T. Fisher Unwin Juli 1901; Rudyard Kipling, Kim. London: Macmillan Okt. 1901. ●● „Es war zu erwarten, daß Maurice Hewlett nach den Forest-Lovers [1898] und den Italienischen Novellen [Little Novels of Italy (1900)] beim historischen Roman oder richtiger vielleicht: bei der romantischen Historie landen würde. The Life and Death of Richard Yea-and-Nay (Leben und Tod Richards Ja-und-Nein), nach einem Spottnamen des Troubadours Bertran de Born, hat es bewahrheitet. In Richard Löwenherz fand der Dichter einen Stoff, der seiner romantischen Neigung auf halbem Wege entgegenkam; denn von allen englischen Herrschern umsprießt keinen ein reicherer Sagenkranz. [...] Die verstiegene Romantik der Handlung, die eines Achim von Arnim nicht unwürdig wäre, schlägt ihm indes ein Schnippchen und hebt seine besten Absichten nachträglich auf. Ein realistischer Held in diesem romantischen Gewirr der Handlung: das ist ein Widerspruch, der sich nicht übersehen läßt, und man hat die Empfindung, der Autor habe sich zwischen zwei Stühle gesetzt. [...] Trotzdem müssen wir Maurice Hewlett das Zeugnis ausstellen, daß er vielleicht berufen ist, den historischen Roman, der augenblicklich völlig brach liegt, neu zu befruchten. Er bringt eine realistische Ader mit, die ihn zum Walter Scott der Zukunft machen kann. Denn wenn der historische Roman zu neuer Blüte gedeihen soll, muß er den Anschluß an die Gegenwartskunst zu gewinnen suchen. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der Zeit vom 12.10.01 sowie im LE vom 15.12.01.] ● Diese tritt uns in höchster Vollendung in George Moores Sister Teresa (Schwester Teresa) entgegen. Es handelt sich hier nicht um einen neuen Roman, sondern lediglich um den zweiten Band von Evelyn Innes, der nach leidiger englischer Gewohnheit drei Jahres später als sein Vorgänger erschien. [...] George Moore läßt seine Heldin den Kampf zwischen Sinnlichkeit und Religiosität weiter kämpfen. Die Erotik wird hier durch die Kunst geweckt und wach erhalten. [...] Diesen Sieg der Kunst über die Religion hatte uns der erste Band vorgeführt. Im zweiten sehen wir, wie die Religion langsam und beschwerlich der Sinnlichkeit Herr wird und damit auch die Kunst unterjocht, ja erstickt. Es ist ein ermüdender Wandlungsprozeß, der in einer Läuterung, freilich auch in einer vorzeitigen Zermürbung gipfelt. [...] Evelyn Innes, deren Sehnen und Verlangen es einstens war, die Kundry in Bayreuth darzustellen, weil sie ihr Leidenschaft von ihrer Leidenschaft geben wollte, – Evelyn Innes ist nicht mehr. Sie wird eine büßende Kundry. Sie empfängt den Namen Teresa, der von ihr bewunderten Heiligen. Die Wagnersängerin erhält das Ordensgewand, Ring und Schleier. [...] Diese Skizze des Inhalts möge andeuten, worin die außerordentliche Stärke des Romans beruht. George Moore ist ganz Analytiker, Psycholog. Darum läßt sich von den wunderbar geheimnisvollen Reizen seines Buchs keine Vorstellung geben. Der des Englischen unkundige Leser wird hoffentlich bald in die Lage versetzt werden, Evelyn Innes und Schwester Teresa in deutscher Sprache zu genießen; er möge die Gelegenheit nicht versäumen. Denn wenn er unter den heimischen Autoren Umschau hält, wird er kaum einen finden, der so die zartesten Schwingungen der Menschenseele zu belauschen weiß. [Nicht in Langenfeld. - Vgl. MMs Essays ‚Evelyn Innes und ihr Dichter‘ (Zeit, 24.08.01) und ‚George Moore‘ (LE vom 01.10.01) sowie seine Besprechungen des Romans in der VZ vom 03.10.01 und in den ES von 1902 (Bd. 31).] ● Auf eine Reinigung und Läuterung läuft auch Rudyard Kiplings neues Buch Kim hinaus. Es ist dieser Tage, dem Ruhm seines Verfassers gemäß, in allen Kulturländern erschienen, in der alten und in der neuen Welt. Von allen zeitgenössischen Autoren wird keiner so gelesen wie der Anglo-Inder Rudyard Kipling; kein Dichter der Vergangenheit hat je auch nur im entferntesten ein solches Publikum besessen. Und diese Fülle der Leser, die in der ganzen zivilisierten Welt zu Hause sind, mag uns doch zugleich ein Gradmesser sein für die Verehrung, deren sich Kipling erfreut. [...] Es wäre vergebliches Bemühen, von dem Reichtum dieses Buches auch nur einen schwachen Begriff geben zu wollen. Es ist ein Kompendium indischen Lebens. Das Wunderland zu Füßen des gewaltig ragenden Himalaya wird uns gleichsam mutoskopartig vor die Blicke gezaubert, in lauter Einzelbildern. Für Kipling besitzt jeder Vorgang eine Eigenbedeutung, die nicht angetastet werden darf, die nicht zu Gunsten der Gesamtwirkung geschmälert wird. Jeder Vorgang muß sich bei ihm sozusagen ausleben. Erst in zweiter Linie wird er ein- und untergeordnet. [...] Aus dieser Doppelstellung heraus erklärt es sich, daß bei ihm [Kipling] der Journalist und der Poet eine glückliche Vereinigung gefunden haben. Er sieht alles, er weiß unendlich viel; aber zugleich verdichtet und gestaltet er. So ließe sich für ihn Hans Sachsens schönes Sprüchlein dahin abändern: Rudyard Kipling ist ein Jou–rnalist und Poet dazu. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 11.10.01, in der Zeit vom 26.10.01 sowie im LE vom 15.12.01.]“

Ein neuer Kipling. Zeit, Bd. 29, Nr. 369 (26. Oktober 1901), 56.
Rudyard Kipling, Kim. London: Macmillan 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901. ● „[...] Die Wanderschaft [des Lama] bildet den Mittelpunkt dieser Erzählung. Um sie breitet sich ein Diorama von Land und Leuten aus. Indien mit dem Glauben und Aberglauben seiner Bewohner, mit der herrschenden und beherrschten Kaste, mit seiner Fülle der Sprachen; große Städte und einsame Dörfer, reiche Ebenen und ragende Berge, das erwachende und das in der Glut des Sommernachmittags schwelende Indien zieht an unseren Augen vorüber. Nie zuvor hat Rudyard Kipling ein reicheres und wohl auch umfangreicheres Bild von dem Wunderland zu Füßen des Himalaya entworfen: ein Kompendium indischen Lebens. Nie zuvor aber hat Rudyard Kipling sich weniger um die Geschlossenheit des Romans gekümmert als hier. Lauter Einzelbilder zaubert er hervor. Besonders den mittleren Partien fehlt der innere Halt. [...] Rudyard Kipling hat eine wahrhaft kindliche Freude an den Begebenheiten als solchen. Selbst in dem Roman, der seine Charakterisierungskunst herausforderte, weil ihm nicht das fremdländische Kolorit zustatten kam, ich meine: Das Licht erlosch, hat den Dichter doch ein Vorgang gereizt, der die Achse der Handlung wurde. Wie wird das unabwendbare Schicksal des Erblindens, fragte er sich, das Tun und Lassen eines Malers bestimmen? Hier war ihm das Erblinden soviel wert wie sein Maler. In den Erzählungen hat dann gelegentlich diese Freude an den Ereignissen allzusehr die Führung ergriffen; was Wunder bei einem Manne, dem eine wahrhaft unerschöpfliche Erfindungsgabe eignet? Er besitzt in weit höherem Maße noch als Bret Harte dieses Rüstzeug des geborenen Epikers. Damit paart sich eine ungeheure Sachkenntnis auf den verschiedensten Gebieten des Wissens, die merkwürdigerweise nichts Aufdringliches hat, überall durch ihre Selbstverständlichkeit besticht. Wer ihm nachrühmen wollte, nichts Menschliches sei ihm fremd, der könnte den Bezirk des Menschlichen nicht weit genug spannen. Ja, er beleiht die Tiere mit der Sprache und erhebt sogar Maschinen zum Rang von Lebewesen. Alle diese Vorzüge mögen es erklären, daß Rudyard Kipling ein Welteroberer ist, daß er vornehmlich zu den sinnenfroheren Völkern spricht. Er hat auch bei uns aufrichtige Verehrer, laute Bewunderer. Aber so recht von Herzensgrund zu lieben vermögen wir ihn nicht; denn einmal hat es der Dichter bisher versäumt, die eigene Persönlichkeit zu erschließen (nur in Stalky & Co sind autobiographische Züge eingeflossen), und sie suchen wir doch hinter allen Werken; zum andern aber kommt der moderne Mensch mit seinen feineren psychischen Regungen hier zu kurz. Nach dem Kranz, der auf dem höchsten Gipfel der Dichtung winkt, hat Kipling die Hand nicht gereckt; ein letzter Tröster, der uns durch das Labyrinth der Seele geleitet, ist er nicht geworden und wird er vermutlich nie werden.“ ● Vgl. MMs Rezensionen in der VZ vom 11.10.01 und im LE vom 15.12.01.

Neue Romane. ES, Bd. 29, Nr. 3 (ca. Nov. 1901), 457-459.
Walter Besant, The Fourth Generation. Leipzig: Tauchnitz 1900; William Edward Norris, The Flower of the Flock. Ebd. 1900; Marie Corelli, The Master-Christian. Ebd. 1900. ● Datiert 12.01.1901. ●● „Diese drei romane haben nichts gemeinsam; es sei denn, daß sie sämtlich hinter den anforderungen, die wir an den modernen roman stellen, weit zurückbleiben. Der erste ist unmöglich; der zweite albern; der dritte unmöglich und albern. ● Sir Walter Besant, der Doyen, habe den vortritt. Der inhalt seiner kriminalistischen studie kann nicht besser erschöpft werden als durch das eine zitat aus den Piccolomini: ‚Das eben ist der fluch der bösen tat, daß sie fortzeugend immer böses muß gebären.‘ Das biblische motiv von dem eifervollen gott, der die missetaten der väter heimsucht bis ins dritte und vierte geschlecht, rückt in soziale beleuchtung: an die stelle der theologischen ahndung soll die natürliche folge treten. Zu diesem zweck wird ein erschreckend weitläufiger apparat aufgeboten, der die aufdeckung eines 70 jahre zurückliegenden verbrechens bewirken soll. Die blühende phantasie ist dem verfasser von All Sorts and Conditions of Men treu geblieben; in einzelheiten stellt er aber an den vernunftbegabten leser geradezu entehrende zumutungen. [...] Die geschichte selbst wird mit seniler weitschweifigkeit und ermüdender kleinigkeitskrämerei vorgetragen. [...] [Vgl. MMs Besprechung in der FZ vom 26.03.01.] ● W. E. Norris erzählt mit vielem hin und her eine liebesgeschichte; ein rennen mit hindernissen. [...] ● Miss Hannah More (1745-1833), das bekannte mitglied des Blue Stocking Club, hatte im jahre 1799 eine schrift veröffentlicht, die von dem damaligen bischof von London der geistlichkeit in seinem hirtenbriefe aufs wärmste empfohlen wurde. Die zeiten haben sich geändert. Heute sind die frauen wilde anklägerinnen und reißen erbarmungslos den schleier von sozialen schäden. Miss Marie Corelli leuchtet eifervoll in das purgatorio der katholischen kirche hinein und liebäugelt damit, daß ihr buch auf den index gesetzt wird. In all ihrer weltlichkeit und sündhaftigkeit soll die allein selig machende kirche enthüllt werden. Das geschieht in einem roman voll melodramatischer effekte, der eigentlich ein verkapptes pamphlet ist. [...] Die fingerdick aufgetragene, zeitgenössischen regungen schmeichelnde und selbst dem blöden durchschnittsleser mundgerechte tendenz hat dem Master-Christian einen in der geschichte des romans, nicht nur des englischen, unerhörten erfolg bei der masse verschafft. Die kunst geht leer dabei aus; mehr als der literar- wird sich der kulturhistoriker mit diesem zeitdokument zu befassen haben. [Vgl. MMs Besprechungen in der FZ vom 09.10.00, im LE vom 15.10.00 und in der NZZ vom 22.11.00.]“

Englische Erfolge. NR, Bd. 12, Nr. 11 (November 1901), 1177-1183.
Publikumslieblinge der englischen Literatur, allgemein und speziell (An Englishwoman’s Love-Letters [anon. (Laurence Housman)], The Visits of Elizabeth [Elinor Glyn] und Herod [Stephen Phillips]). ●●● „[...] Das englische Publikum ist Alleinherrscher, Autokrat. Die Kritik kann wohl, obgleich ein Buch der Menge gefällt, kein gutes Haar daran lassen, aber sie vermag nicht, wenn sich die Menge (meistens aus rein stofflichen Gründen) ablehnend verhält, trotzdem einen Erfolg durchzudrücken. Um ein einziges Beispiel anzuführen: von Ibsen wendet sich der Durchschnittsengländer, der Thomas Hardy vielleicht noch zu würdigen weiß, mit geheimem Grauen ab. Alle Versuche, die die literarischen upper ten (es sind wirklich eher zehn als zehntausend) unternommen haben, um dem Magus aus dem Norden auf dem Inselland Stimmrecht zu verschaffen, haben nur zu einem beschleunigten Rückzug der Zehntausend geführt; die guten Übersetzungen, für die sich Männer wie William Archer und Charles Herford verwandt haben, sind auf unfruchtbaren Boden gefallen. [...] Der insulare Geschmack weicht nicht nur, soweit die Zunge in Betracht kommt, erheblich von dem europäischen ab. Ein Volk, dem Alfred Austin als poeta laureatus geboten wird, darf seinerseits der eifernden und geifernden Marie Corelli die Palme reichen: eine komische Figur als Hofdichter, eine Dame mit tragischen Allüren der Liebling des Volks und der Günstling der verstorbenen Königin. Zwischendurch schreiben indes auch Charles Swinburne, George Meredith, Thomas Hardy, Rudyard Kipling und der verfemte George Moore in englischer Sprache. ● Der Kontinent ist gegen britische Erfolge mißtrauisch geworden, nicht erst seit den Pyrrhus-Siegesnachrichten aus Südafrika. Das made in England unter der Schutzmarke der Leier ist im Kurs beträchtlich gesunken. Seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts ist der Stillstand und dann gewaltiger Rückschritt erfolgt. Der alternde Goethe konnte sich noch an dem Glanze eines Sterns der höchsten Höhe erfreuen, redete sich trotz der Verschiedenheit der Temperamente, was er bei Heinrich von Kleist nicht vermochte, in wahre Begeisterung für Lord Byron hinein und hob mit Recht hervor, was bis zum heutigen Tage Gültigkeit bewahrt hat, daß wir seine Verdienste vielleicht besser zu schätzen wissen als die Engländer selbst. Goethe wurde für Byron, was Carlyle für Goethe. Und auch Walter Scott erhielt von ihm den Geleitsbrief [...]. Nach dem kontinentalen Siegeslauf des Ivanhoe-Dichters mußte eine singuläre Erscheinung kommen, die aus dem phantastischen Reich der Vergangenheit in die rauhe, ja brutale Wirklichkeit der Gegenwart einlenkte, doch nicht, ohne noch durch Gefängnisfenster einen Ausblick auf ein sonniges Himmelsfleckchen zu verstatten. Charles Dickens umspannte die Menschheit mit der Eisenklammer des Mitleids; er ließ wie keiner vor ihm die Mühseligen und Beladenen zu sich kommen; er mischte eine handgreifliche Tendenz mit einer kräftigen Dosis volkstümlichen Humors und verzuckerte so die bittersten Pillen. Dann ließ Thackeray die Glöcklein seiner Schalkskappe erklingen und erntete für Vanity Fair durch den ausgesprochen lehrhaften Zug allgemeinste Bewunderung. Was sonst zu uns herüberdrang, von Enoch Arden [Tennyson] abgesehen, vermochte dagegen nicht mehr Fuß zu fassen, obwohl ein Troß von Dolmetschen bereit stand. Vor wenigen Jahren endlich [1897] wurde Kipling durch ein äußeres Ereignis sehr vorübergehend in den Blickpunkt des Interesses gerückt [mit seinem Gedicht Recessional]: ein ‚Run‘ auf die Leihbibliotheken fand statt. – Das wäre etwa in knappsten Strichen eine Skizze der englischen Invasion von Byron bis auf unsere Tage. [...] ● Es wäre verlockend und aufschlußreich, hier eine Liste derer anzufügen, die nicht auf fremden Boden verpflanzt werden konnten oder dort infolge ihrer ausgeprägt insularen Eigenart verkümmerten; bei Robert Browning, der sich bislang gegen alle Versuche gesträubt hat, zu verweilen; und am Beispiel Alfred Tennysons darzutun, wie sich der Geschmack zweier Völker in verschiedener Richtung äußert. George Eliot [...] müßte uns von einem beherzten Übersetzer erst wieder mundgerecht gemacht werden, wenn sie auf unsere Zeit [...] wirken sollte. Auch George Meredith und Thomas Hardy bedürften eines Mannes, der zwei Sprachen mit gleicher Vollendung handhabt; einstweilen sind bei uns kaum mehr als ihre Namen bekannt. [...] ● Was tut’s? Die Unkenntnis schmettert den Satz hinaus, England spiele im literarischen Völkerkonzert nicht mehr mit. In der Lotterie der europäischen Bühne ist es allerdings eine Niete. Aber vom Roman sollte man doch mit Rücksicht auf die Leistungen im eigenen Lande weniger verächtlich sprechen. [...] Freilich, das mag rückhaltlos eingeräumt werden, daß die moderne französische Romanliteratur in ihrer Mannigfaltigkeit für den Betrachter ergiebiger und ihm wohl auch leichter zugänglich ist, während er sich bei der englischen durch einen Urwald von Gestrüpp und Schlingpflanzen hindurchzuarbeiten hätte. Aber war das Steigen besonders mühevoll, so ist es nachher doppelt erquicklich, sich in reiner Höhenluft gesund zu baden. Auf den Wiesen von South Wessex, wo Tess of the d’Urbervilles [Thomas Hardy] ihr beschwerliches Tagewerk verrichtet, weht köstlich frischer Balsam ... ●●● Von hier bis zu den beiden novellistischen Erzeugnissen, die letzthin einen außergewöhnlichen Tageserfolg davongetragen haben, ist ein Abstieg in die Tiefe mit Siebenmeilenstiefeln. Trotzdem haben sie in ihrer Eigenschaft als geistige Nahrung für viele Zehntausende ein Recht auf Beachtung, sei es auch nur, daß sie in ihrer Hohlheit aufgedeckt werden. [...] Sie heischen kein bestimmtes Maß von Geduld, sondern können oder wollen eßlöffelweise genossen werden. So schmeicheln sie der Kurzatmigkeit der Zeit, die den Dreibänder längst in die Rumpelkammer geschickt hat und jetzt auf dem Wege zu sein scheint, das feste Gefüge des Romans zu sprengen, um sich ungezwungener im Zickzack der short story ergehen zu können. Nur so erklärt sich die augenblicklich herrschende Vorliebe für Briefsammlungen, die plötzlich mit der Heftigkeit der Pilze nach dem Regen emporgeschossen sind. [...] ● An Englishwoman’s Love-Letters (Einer Engländerin Liebesbriefe) [1900] sind keine neue Variation über das alte Thema von entzwei gebrochenen Herzen. Das Stoffliche ist ausgeschaltet, und man kommt doch nicht daran vorbei. Schon das Vorwort kokettiert mit dem Reiz des Geheimnisvollen. Eine Verlobung wird plötzlich gelöst. Das Warum bleibt als Stachel zurück. Der Leser braucht von Haus aus wenig Veranlagung zur Neugierde zu besitzen; hier wird er sich allemal in Mutmaßungen ergehen. [...] Und da die Leute schon beim Rebusraten waren, zerbrachen sie sich gleichzeitig die Köpfe darüber, wer wohl die Verfasserin sein könne. [...] Leider sind die Briefe nicht einmal spezifisch englisch, wie der Titel erwarten ließe. [...] Mehr als das ethnographische fällt das künstlerische Manko ins Gewicht. Nirgends wird die Briefform als wahre Kunstform gehandhabt. Die 86 pathetischen Ergüsse gehören zu der verbotenen Gattung des Langweiligen. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in der FZ vom 26.03.01, in der NZZ vom 24.04.01 sowie in der VZ vom 03.10.01.] ● Waren es hier die unbekannte Verfasserin und die pikante Einkleidung, die dem Publikum zu schaffen machten, so tat es ihm in The Visits of Elizabeth (Elisabeth auf Besuch) [1900] der pikante Stoff und die Persönlichkeit der jugendlichen Verfasserin Elinor Glyn [geb. 1864] an. Die Entstehungsgeschichte dieses Buchs ist lehrreich, weil sie zeigt, wie sich ein Erfolg an den andern hängt und aus zweien ein dritter herausgesiebt werden kann. Elizabeth stammt natürlich aus den Tagebuchblättern der Gräfin Arnim [Elizabeth and Her German Garden (1898)]: der Name ist in frischer Erinnerung. War dort Deutschland als Schauplatz gewählt und die Gegenüberstellung deutschen und englischen Wesens zum komischen Relief benutzt, so wird hier der Abwechslung halber Frankreich herangezogen und aus der Vergleichung der verschiedenen Landesbräuche oberflächliche, aber dankbare Wirkung geschlagen. Die Briefform hat gewiß unsere Englishwoman hergegeben. Wiederum der Abwechslung halber sind sie diesmal nach Hause an die Mutter gerichtet. Also: Elizabeth, eine siebzehnjährige Ingénue – eine letzte degenerierte Anverwandte Becky Sharps [Vanity Fair] – löst sich ein Rundreisebillet, um ihren wohlgeborenen Sippen und Magen Antrittsvisiten abzustatten und dabei einen Blick in die vornehme Welt zu tun.[...] Anfänglich werden einige pikante Abenteuer angedeutet, dann nimmt die Toilettenfrage überhand, schließlich taucht sogar das Gespenst der Langeweile auf. Auf jeder Seite müssen wir uns aber doch sagen: so schreibt keine junge Dame von siebzehn Lenzen und so benimmt sich keine junge Dame von siebzehn Lenzen, die ihr sog. Début in der Gesellschaft gibt. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der NZZ vom 15.10.01 und im LE vom 15.12.01.] ● Beide Briefsammlungen sind einer Meute von Parodisten zum Opfer gefallen. Die Adressaten kommen zu Wort. Der Bräutigam der Engländerin schüttet sein Herz aus [Thomas W.H. Crosland, An Englishman’s Love-Letters (1901)], oder die kokettere Mutter der koketten Tochter vergnügt sich auf ihre Art in Luzern und im Carlton Hotel [W.R.H. Trowbridge, The Letters of Her Mother to Elizabeth (1901)]. Diese Parodien glänzen zwar nicht durch literarische Ambitionen , aber ich finde sie amüsanter als die Originale. Der spaßhafte Mr. Barry Pain [Another Englishwoman’s Love-Letters (1901)] meint zu seiner eigenen Rechtfertigung: Dienstboten zerbrechen immer nur kostbare Gegenstände; manchmal indessen erleben wir die Freude, daß auch ein Gegenstand, der uns längst ein Dorn im Auge war, auf diese Weise zu Schaden kommt. Wenn wir hinterher schimpfen, verbergen wir damit nur die innere Genugtuung. ●● Nach diesen beiden Erfolgen populi gratia gewährt es doppelte Befriedigung, von einer künstlerischen Tat zu sprechen. Ich meine das Drama Herodes von Stephen Phillips [Herod (1901)]. [...] Seine Technik verrät dem Kundigen sogleich, daß dieser Mann im Bereich der Bühne zu Hause ist. Er hat als Schauspieler von der Pike auf gedient, ehe der Ehrgeiz der Produktivität in ihm erwachte, und hier jene unentbehrliche Kenntnis erworben, die dem englischen Theater die schönsten Früchte beschert hat. Die Art, wie er eine große Tragödie gleichsam spielend in drei verhältnismäßig kurzen Akten meistert, verdient uneingeschränkte Bewunderung. [...] Alles ist aufs engste zusammengedrängt, nur dem Gesetz der dramatischen Einheit unterworfen. Kein Moderner hat sich je bewußter an die Shakespeareʼsche Primitivität angelehnt, ist kühner über die Forderungen des Raums und der Zeit hinweggeschritten. [...] In der Bewältigung und Führung der Handlung liegt des Engländers Stärke. – Nicht in der Charakteristik. Auf Herodes allein konzentriert sich sein Bemühen. [...] – Die Sprache des Stücks ist von heimischen Beurteilern überschwenglich gepriesen worden. Mir scheint sie zu mathematisch abgezirkelt, zu erklügelt, nicht frei genug quellend. Am meisten erinnert sie an die Glätte des alternden Tennyson. [...] In dem Liebesdrama Paolo und Francesca erklang die Musik der Sprache in reinerer Tonart. Denn Stephen Phillipsʼ wahre Begabung, darüber kann füglich kein Zweifel obwalten, liegt auf lyrischem Gebiet. [...] Doch die Engländer freuen sich des neu erstandenen Dramatikers und jubeln ihm zu als dem Prinzen, der das Dornröschen der Bühnenkunst aus jahrhundertelangem Schlafe wachgeküßt hat. Heil ihm und ihnen! Der Ruhmestitel eines Shakespeare up-to-date ist ihm gesichert. [Vgl. MMs Besprechungen in der NZZ vom 07.01.01 und in der FZ vom 26.03.01.]“

Neue englische Romane. LE, Bd. 4, Nr. 6 (15. Dezember 1901), 369-374.
Israel Zangwill, The Mantle of Elijah. London: Heinemann 1900; Anthony Hope [Anthony Hope Hawkins], Tristram of Blent. London: Murray 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; John Oliver Hobbes [Mrs Craigie], The Serious Wooing. London: Methuen 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; George Egerton [Mary Chavelita Dunne Bright], Rosa Amorosa. London: Grant Richards 1901; Elinor Glyn, The Visits of Elizabeth. London: Duckworth 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Gertrude Atherton, The Aristocrats. London: John Lane 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Elisabeth von Arnim, The Benefactress. London: Macmillan 1901; Rhoda Broughton, Foes in Law. London: Macmillan 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Maurice Hewlett, The Life and Death of Richard Yea-and-Nay. London: Macmillan 1900 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Rudyard Kipling, Kim. London: Macmillan 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901. ●●● „[...] Am ehesten hat vielleicht die Stimmung der Zeit in The Mantle of Elijah von Israel Zangwill ihren Niederschlag gefunden. Der düstere Ghettodichter hat sich damit auf das Glatteis der Politik hinausgewagt. Ein vom Zaun gebrochener Krieg gegen Novabarba bietet willkommene Gelegenheit, den Engländern allerlei Wahrheiten zu sagen. [...] Dabei ist leider die Charakteristik seiner Personen zu kurz gekommen. Einige davon [...] scheinen zwar nach lebenden Modellen geformt: intuitiv erschaut sind sie aber nicht [...]. So verdirbt die Hexe Politik dem geistreichen Zangwill in zwiefacher Weise die Charaktere. Immerhin, er wollte über sich hinaus. [Vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 20.04.01.] ● Dagegen hat sich Anthony Hope schnell wieder auf sich selbst besonnen und ist nach dem rühmlichen Aufstieg seines Quisanté mit Tristram of Blent zu seinem Stammsitz zurückgekehrt. Noch immer lockt ihn der Abenteurer, zur Zeit der bevorzugte Held im englischen Roman. Höchst anziehend, ein wenig geheimnisvoll, mit einem Wort: quisantesk ist auch Tristram; nur fehlt ihm das Svengalihafte, die geistige Überlegenheit des jüdischen Sprößlings. Eine geistige Verwandtschaft des Schöpfers und seiner Geschöpfe scheint vorhanden zu sein. Hope ist ein rechter Schäker: er türmt den Ossa auf den Pelion und zur Abwechslung wieder den Pelion auf den Ossa – wie’s Euch gefällt! [...] [Vgl. MMs Rezension in der VZ vom 25.03.02.] ● Kaum noch ernst zu nehmen ist John Oliver Hobbes (Mrs. Craigie), die in The Serious Wooing ihrer pretiösen Art die Zügel schießen läßt. Alles an dieser Herzensgeschichte ist Hautgout, das Milieu sowohl wie die Einkleidung. Die Verfasserin brennt ein Feuerwerk von Scherz, Satire, Ironie ab; davon werden weder ihre Menschen noch die Leser warm, und da die tiefere Bedeutung fehlt, erscheint sie selbst nicht einmal in hellerem Lichte. [...] [Vgl. die Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der NZZ vom 15.01.01 und in den ES von 1902 (Bd. 30).] ● Nicht minder beliebt als der Abenteurer [...] war letzthin der bacillus amoris. Und zwar trieb er besonders in Briefform sein Wesen, seitdem die Englishwoman (vgl. LE III, Heft 15 [Nachdruck von MMs Besprechung in der FZ vom 26.03.01]) den Anstoß gegeben. Sogar George Egerton machte mit Rosa Amorosa die Mode mit. Um sich gegen den Vorwurf der Nachahmung zu schützen, beteuert die geschätzte Novellistin feierlich ihre Priorität, und gerade durch die Versicherung, sie habe mit der anderen Dame nicht in Wettbewerb treten wollen, lenkt sie unsere Aufmerksamkeit auf die mehr als zufälligen Ähnlichkeiten. Aber das ist ja rein äußerlich. Das innere Erlebnis kommt zum Ausdruck, und die Nachricht von der Wiedervermählung George Egertons hat mich in dem Glauben bestärkt, daß wir es hier trotz der irreführenden Umhüllung mit einem Bekenntnis aus Spätherbsttagen der Liebe zu tun haben. [...] Meine prinzipiellen Bedenken gegen derartige Liebesbriefsammlungen, die nicht Dichtung und nicht Wahrheit sind, hat indes auch Rosa Amorosa nicht hinwegzuräumen vermocht. Hoffentlich haben wir die Krankheit überstanden und bleiben vor Rückfällen bewahrt. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01 und in der NZZ vom 15.10.01.] ● Einstweilen ist allerdings von dort her noch der Brief als Darstellungsmittel, als Kapsel der Handlung zurückgeblieben; ein anderer Erfolg wirkte in dieser Beziehung vorbildlich: The Visits of Elizabeth von Elinor Glyn. Das berühmte Motiv der Weltliteratur, das in den Lettres persanes des Montesquieu wie in Shakespeares Vorspiel zu Der Widerspenstigen Zähmung auftaucht, liegt in letztem Betrachte auch diesen Ergüssen des Backfischs Elizabeth zu Grunde. Es sind Reisebriefe einer Großstadtpflanze, der la grace du vice eignet. Ein Moralist könnte hier seine ergiebigen Studien treiben an der Faulbaumblüte und in dieser Highlife-Gesellschaft. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, der NZZ vom 15.10.01 und in der NR vom Nov. 01.] ● Auch die Amerikaner mußten ihre ‚Elizabeth auf Besuch‘ haben. Gertrude Atherton hat sie ihnen in The Aristocrats geschenkt. Der Titel des Buchs ist doppelsinnig: einmal spielt es unter Aristokraten, zum andern unter einem Volke, das infolge des Trust-Systems auf dem Wege zur Aristokratie ist; der nächste Schritt wird die Monarchie sein. [...] Die Briefe schwellen hier schon zum Umfang eines kleinen Notizbuchs an. Besonders freimütig sind die literarischen Bekenntnisse. Jetzt wissen wir, warum die amerikanischen Schriftsteller so herzlos sind: sie töten ihr Herz ab, ehe sie an die Arbeit gehen. Die Beziehungen der Geschlechter überlassen sie ruhig den dekadenten Völkern; die neue Welt will damit nichts zu tun haben. Denn um in der amerikanischen Literatur groß zu sein, hat man nur ein Eunuch zu sein, während es in der englischen genügt, langweilig zu sein. Das ist Gertrude Atherton mit ihrer Vorliebe für schöne, geistreiche, elegant gekleidete, smarte Frauen allerdings nicht; doch gilt sie, glaubʼ ich, für eine Größe der amerikanischen Novellistik, wenigstens in den U.S.A. [Vgl. MMs Besprechung in der VZ vom 25.03.02 und in den ES von 1902 (Bd. 30).] ● Die Engländerin in Frankreich bei Elinor Glyn; die Engländerin in Amerika bei Gertrude Atherton; um einem fühlbaren Mangel abzuhelfen, durfte die Engländerin in Deutschland nicht fehlen. Die Verfasserin von Elizabeth and her German Garden füllt mit The Benefactress  diese Lücke aus. Damit hat sie die Tagebuchblätter über Bord geworfen und den Weg zum Roman gefunden, den Kreis ihrer Angehörigen verlassen und Phantasiegestalten aufgerufen. Immerhin konnte sie ihrem Landstrich, der pommerschen Küste, treu bleiben und einen hübschen, unverbrauchten Stoff in der Nähe von Stralsund auf Gut Kleinwalde ansiedeln. Anna Estcourt, Engländerin von Geburt wie die Verfasserin, plötzlich nach Deutschland verschlagen wie die Verfasserin und Herrin einer Besitzung, die jährlich vierzigtausend Mark abwirft, will ein Heim für wohlgeborene christliche Damen, die das Leben unsanft angepackt, eröffnen. [...] Das herzliche schwesterliche Verhältnis, das der ‚Wohltäterin‘ in ihren schönen Träumen vorgeschwebt, will sich nicht einstellen; eine gewisse Steifheit und Kälte, ganz abgesehen von den lächerlichen Rangstreitigkeiten, wird nicht überwunden. [...] Mit ihrem ‚Mischmasch-Pantheismus‘ lassen sich die Menschen in der Theorie vielleicht glücklich, in der Praxis sicher nur unzufrieden machen. Das Problem wird von der Verfasserin und der Heldin gleich spielerisch genommen. Zum Glück wird die Menschenliebe bald von einer stärkeren Liebe übertönt. ‚Man bedarf der Leitung und der männlichen Begleitung‘: diese lieblichen Verse Wilhelm Buschs [Die fromme Helene] trägt der Roman als Motto. [...] Der heiteren Gegenüberstellung englischer und deutscher Personen, obwohl für letztere die Karikatur übermäßig in Anspruch genommen wird, darf man sich freuen und sich mit Schiller darüber wundern, ‚wie unsere Weiber jetzt auf bloß dilettantischem Wege eine gewisse Schreibgeschicklichkeit sich zu verschaffen wissen, die der Kunst nahe kommt‘ [Brief an Goethe vom 30.06.1797]. [Vgl. MMs Besprechung in der VZ vom 25.03.02.] ● In noch höherem Maße besitzt diese Schreibgeschicklichkeit Rhoda Broughton, deren Foes in Law ihre angestammte Fähigkeit, Stockengländer auf die Beine zu stellen, wiederum bekunden. Vertreterinnen zweier feindlicher Weltanschauungen prallen aufeinander. Die eine huldigt, echt englisch, einem anstandsdamenhaften ‚Erlaubt ist, was sich ziemt‘; die andere, echt französisch, einem schrankenlosen ‚Erlaubt ist, was gefällt‘. Lettice Trent ist die vollendete Gouvernantennatur; Tugendpächterin und -wächterin; Hüterin des häuslichen Herds und der Familienüberlieferungen; eine jüngere Tante Adelheid aus Fontanes Stechlin. [...] Hier [...] wird [sie] durch überlegenen Spott aus ihrer Rolle hinausgedrängt und so gründlich bekehrt, daß sie sogar den Bruder ihrer feindlichen Schwägerin lieben lernt. Die Veteranin Rhoda Broughton hat so viel Kultur, daß sie immer noch ihre jüngeren Kolleginnen um ein erkleckliches überragt. Ich glaube, sie hätte Anlage, so etwas wie ein weiblicher Fontane zu werden. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der NZZ vom 15.10.01 sowie in den ES von 1902 (Bd. 30).] ● Wie einen wiedererstandenen Walter Scott feiert man schon Maurice Hewlett, der mit The Life and Death of Richard Yea-and-Nay nach seinen romantischen Historien beim historischen Roman gelandet ist. Richard Löwenherz, ob der Zwiespältigkeit seines Wesens von dem streitlustigen Bertran de Born ‚Ja-und-Nein‘ getauft, steht im Mittelpunkt: ein realistischer Richard. Das ist das Bedeutsame an Hewletts Roman, daß er mit der Charakterisierung dieses sagenumwobenen britischen Herrschers den Anschluß an die Gegenwartskunst gefunden hat. Wenigstens im ersten Teil. [...] Sobald der Dichter aber den festen Boden unter den Füßen verliert, die französische Erde verläßt und die Kreuzfahrer ins heilige Land geleitet, wirft er sich romantischem Gruseln in die Arme und zerstört, was er geschaffen. Ein Riß geht durch das Kunstwerk in seiner ganzen Ausdehnung. Hewlett kommt mir vor wie die Kinder, die mühsam einen Schneemann bauen und hinterher übermütig auf ihm herumtrampeln. So bleibt vom Ganzen nur eine prächtige Charakterstudie übrig. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der Zeit vom 12.10.01 sowie in der NZZ vom 16.10.01.] ● Eine solche bildet gleichfalls den Kern des neuen Romans Kim von Rudyard Kipling. Damit ist er auf indischen Schauplatz nach dem Stalky-Ausflug zurückgekehrt [Stalky & Co. (1899)], und neue Kraft strömt in ihn über, sobald er Mutter Erde berührt. Wie eine Wandeldekoration zieht asiatisches Leben in seiner ganzen Mannigfaltigkeit an unseren Blicken vorüber; wir staunen ob der Totalität dieser shifting scenes. Landschaftliches, Kulturelles, Ethnographisches, Folkloristisches, Religiöses: all das wird an dünnem Handlungsfaden aufgereiht. Nur an der Kunst des Verdichtens mangelt es oft dem Dichter; daß das Schwerste vom Sammeln das Durchsieben ist, würde Kipling leugnen. Ihn darum aber nur als Journalisten gelten zu lassen, ist ebenso kurzsichtig wie ungerecht. Denn Kim und der Lama konnten nur aus eines Künstlers Hand hervorgehen. Damit legt er einen poetischen Gehalt in sein Werk, das sonst trotz aller Fülle leer wäre. Die Gegensätzlichkeit von Weltlichem und Heiligem, Diesseitigem und Jenseitigem, von Gegenwart und Vergangenheit ist das Schwungrad des Romans. [...] Die buddhistische Erfüllungs- und Erlösungslehre gibt den feierlichen Schlußakkord her. Auf Kipling selbst scheint diese Läuterung zurückgewirkt zu haben: rein gewaschen ist er von aller Tendenz, und eine milde, versöhnliche Stimmung lagert über seinem Freskogemälde von Land und Leuten Indiens. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 11.10.01, in der NZZ vom 16.10.01 sowie in der Zeit vom 26.10.01.]“

nach oben

1902

Besprechungen. ES, Bd. 30, Nr. 1 (ca. Januar 1902), 124-126.
Hermann Pesta, George Crabbe: eine Würdigung seiner Werke. (Wiener Beiträge zur englischen Philologie, Bd. 10). Wien: Braumüller 1899. (Zugleich phil. Diss., Wien 1896.) ● Datiert 15.10.1900. ● „[...] Eine monographie über den dichter des Borough haben wir sehr wohl vertragen können; denn Crabbe ist ein rechtes aschenbrödel der literaturgeschichten, die meist in einem halben dutzend zeilen über ihn hinweghuschen. [...] George Crabbe ist heute vergessen, obwohl ihn Byron und Wordsworth und Walter Scott mit lobsprüchen schier überhäuft haben. [...] Dr. Pesta [...] nimmt seinem helden gegenüber eine möglichst unbefangene stellung ein; billigt oder verwirft; kargt nicht mit anerkennung oder tadel. Dabei gibt er mehr, als der titel seiner schrift vermuten läßt. Er beschränkt sich nicht nur auf ‚eine würdigung seiner werke‘, sondern schickt auch einen ausführlichen lebensabriß voraus, der gerade für Crabbe unentbehrlich ist. [...]“

Neuere Erzählungsliteratur. ES, Bd. 30, Nr. 1 (ca. Januar 1902), 129-134.
Doyle, Arthur Conan, The Green Flag, and other stories of war and sport. Leipzig: Tauchnitz 1900; Anstey, F. [Pseud. von Thomas Anstey Guthrie], The Brass Bottle. Leipzig: Tauchnitz 1901; Jacobs, W. W., A Master of Craft. Leipzig: Tauchnitz 1901; Broughton, Rhoda, Foes in Law. Leipzig: Tauchnitz 1901; Pemberton, Max, The Footsteps of a Throne. Leipzig: Tauchnitz 1901; Hornung, Ernest William, Peccavi. Leipzig: Tauchnitz 1901; Harte, Bret, Under the Redwoods. Leipzig: Tauchnitz 1901. ● Datiert Ende Sept. 1901. ●● „Ich verzichte diesmal, sieben Tauchnitz-Bände in das Prokrustesbett einer Formel einzuspannen. Romanciers, novellisten, novellettisten; männer, frauen; Engländer, Amerikaner, Australier; abenteurer, charakteristiker; tragiker, humoristen; tageslieferanten, seelenspäher; wer möchte sich vermessen, dieses wahllose gemisch unter einen hut zu bringen? So sei denn jeder einzeln vorgenommen, ‚die guten ins töpfchen, die schlechten ins kröpfchen‘, nach der Tauchnitz-anciennetät. ● Der schottische Arzt Arthur Conan Doyle (geb. 1859 in Edinburg) hat mit Sherlock Holmes, einer detektivgeschichte nach amerikanischer revolverart, seinen ruf begründet und ihn letzthin durch sein buch über den südafrikanischen krieg [The great Boer war] vermehrt. Man sieht sofort: er gehört zur gruppe der ereignisausmünzer, für die wir nicht mehr allzuviel übrig haben. Die vorliebe für sensationell-kriminalistische stoffe und solche aus dem kriegs- und sportsleben prägt sich auch in den unter dem titel The Green Flag vereinigten Erzählungen aus. Beide gattungen, der freude an den geschehnissen entspringend, sind den Engländern ans herz gewachsen; ihresgleichen wuchert üppig, mit illustrationen geschmückt, in den zeitschriften für den familientisch. Der literarhistoriker hat mit den geschichten kaum mehr zu tun als der kunsthistoriker mit den bildern. Immerhin weiß Dr. Doyle durch die natürliche steigerung, mit der seine âventiuren vorgetragen werden, sogar dem sportaußenseiter den atem zu benehmen. Ein ihm eigentümlicher kunstgriff besteht darin, daß ein anfangs scheinbar nebensächlicher zug plötzlich zu ungeahnter bedeutung emporschnellt; so z. b. in The three Correspondents und in den beiden auf ein rachemotiv aufgebauten schauergeschichten The new Catacomb und The Lord of Château Novi. Letztere spielt im deutsch-französischen krieg 1870/71 und erzählt, wie ein preußischer offizier auf höchst grauenvolle weise zu schaden kommt. An Maupassants Fräulein Fifi denkt man besser nicht. ● Überraschungen sind nicht minder das tägliche brot F. Ansteys, der eigentlich Thomas Anstey Guthrie heißt und 1856 in Kensington geboren ist. Wenn man seinen namen nennt, fällt einem sogleich Vice versa ein, die schwarze perle der schulschnurren [1882]. Ihr verfasser gehört zu denen, die mit einem werk in die literaturgeschichte kommen. Denn was er seither geschaffen, schimmert noch bisweilen matt oder zehrt von aufgespeichertem glanz. In The Brass Bottle wird eine gute idee aufgeblasen, bis sie platzt. Horace Ventimore, ein junger, unbeschäftigter baumeister, besucht im auftrag des professors Anthony Futvoye eine versteigerung und ersteht auf eigene kosten eine messingflasche, der beim öffnen des deckels ein geist oder Jinnee entsteigt. Fakrash-el-Aamash, glücklich über seine befreiung von vieltausendjähriger knechtschaft, bezeugt seinem erlöser seine dankbarkeit auf alle mögliche und unmögliche art, geht jedoch dabei so täppisch zu werke, daß seine wohltaten für den Empfänger unannehmlichkeiten werden. Eine wahre Pandorabüchse von verlegenheiten schüttet er so über den armen Horace aus. Das beschwörungsmotiv ist uns aus den märchen von 1001 nacht geläufig; ein zweites, der weltliteratur angehörendes, das dem vorspiel der Bezähmten Widerspenstigen wie den Lettres persanes des Montesquieu zugrunde liegt, wird nur gestreift. Wie leicht hätte sich aus dem Jinnee der bessere wilde machen lassen, dem Londons übertünchte höflichkeit vor augen und zu gemüte geführt wird! Merkwürdig, daß Anstey, der sonst seine humoristischen stoffe um- und umgräbt, diesen schatz nicht gehoben hat. Statt dessen läßt er seinen Jinnee allerhand schabernack anrichten und verwandelt ihn gar gegen das ende hin aus einem guten alten herrn in einen ziemlich widerborstigen gesellen, mit dem nicht angenehm kirschen essen ist. Sich und ihm sichert der tausendkünstler zum schluß einen famosen abgang, indem er allen personen die erinnerung an sein erdenwirken als letzte tat aus dem gedächtnis löschen läßt. Damit werden wir auf dem flügelroß der erfindung wieder auf festen boden gesetzt. Nur ist das ganze von vornherein zu durchsichtig angelegt; ein guter einfall wird zu tode gehetzt. Aber so ein schwabenstreich wie die verzauberung des orientalisten in einen grauen vierfüßler mit langen ohren, der mit den hinterbeinen ausschlägt, ist doch von überwältigender komik. [Vgl. MMs Besprechung in der FZ vom 26.03.1901.] ● Auf eine nicht eben alltägliche voraussetzung hat auch William Wymark Jacobs (geb. 1863 in London) A Master of Craft gebaut; nicht alltäglich trotz onkel Bräsig und seinen ‚drei brauten‘. Ein avis au lecteur würde in dem satze gipfeln: bitte, nehmt die tatsache hin, daß ein herzbezwingender schiffskapitän mit drei bräuten gesegnet ist; macht euch über eine so verzwickte lage weiter keine gedanken und seid froh, daß ihr – nicht seid wie der. Es ist recht vergnüglich zu lesen, wie der schwerenöter vor dem herrn zwei der mädchen abschüttelt, um die dritte heimzuführen, wie diese aber, als er am ziel zu sein hofft, schon ihre hand seinem früheren ersten steuermann gereicht hat. Draus zieht der geneigte leser die lehrʼ: spaße nicht mit frauenzimmern, auf daß sie nicht mit dir spaßen, und werʼs am tollsten treibt, der bleibt zum schluß noch unbeweibt. Jacobsʼ lustige seemannsgeschichten scheinen auch bei uns ihr dankbares publikum zu finden; einer empfehlung bedürfen sie darum nicht mehr. ● Das läßt sich Rhoda Broughton nicht nachsagen. Obwohl sie drüben zu den angesehensten weiblichen federn gehört oder (richtiger vielleicht) gehörte, ist sie bei uns kaum dem namen nach bekannt. Man rühmt ihren gestalten ihr stockengländertum nach. Das tritt wenigstens an einer person ihres jüngsten romans Foe in Law zutage. Es handelt sich hier um den kampf zweier temperamente: englisches und französisches wesen stoßen aufeinander; überlieferung und fortschritt befehden sich; konvention und individualität ringen um die oberherrschaft; hie Trent, hie Kergouet. Über den ausgang des streits kann füglich kein zweifel obwalten: Rhoda Broughton steht ganz auf seiten der einen partei. Die zopfträgerin unterliegt; ja, sie wird so gründlich bekehrt, daß sie ins feindliche lager übergeht. In Lettice Trent steckt ein stück engländertum. Das festhalten am hergebrachten bedingt zugleich schroffe ablehnung der neuen richtung; und aus dem gegner wird ja nicht nur in romanen oft ein freudiger anhänger, sobald er sich nur die mühe genommen hat, verstehen zu wollen. Wenn überdies noch eine heirat die ‚foes in law‘ verbindet, fragt man sich nur am ende, ob der ganze aufwand vonnöten war. Aber es geschieht in so anheimelnder weise, die hartnäckige prinzipienreiterin wird so spielend ad absurdum geführt, daß man den gemeinplatz, auf den das buch in letztem betrachte hinausläuft, verzeiht. Die charakteristik gibt weder nach der guten noch nach der schlechten seite zu besonderen bemerkungen anlaß: eine gewisse routine entschädigt für den mangel an verinnerlichung. Alles schwimmt hübsch oben auf. Erwähnenswert erscheinen dagegen die beiden ersten kapitel in technischer beziehung, insofern als der dialog mit jongleurhafter geschicklichkeit gehandhabt wird. Überhaupt ist der moderne englische roman darin dem deutschen überlegen; wie wenige schriftsteller gibt es bei uns, die einen natürlichen dialog zu schreiben wissen. Für uns ist er jedenfalls erst eine neuere errungenschaft; nur vereinzelte haben sich an Fontanes beispiel geschult. England hat nicht nur in diesem punkte die ältere kultur vor uns voraus und die größere fixigkeit. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, in der NZZ vom 15.10.01 und im LE vom 15.12.01.]. ● Von letzterer besitzt Max Pemberton (geb. 1863 in Birmingham) sein reich gemessen teil. Wenn man mit Taine den roman in bewegung gesetzte psychologie nennen will, muß dieser ausspruch für Pemberton etwas verändert werden: er setzt die europäische landkarte in bewegung; dabei geht leider nur die psychologie leer aus. Er fädelt ein, doch er näht nicht. Er stampft eine kühne voraussetzung aus dem boden, doch er weiß ihr keine früchte abzugewinnen. Er schürzt einen knoten, doch er löst ihn nicht oder haut ihn durch. So wird unsere aufmerksamkeit noch schneller verscherzt als erregt; zur teilnahme an dem geschick der handelnden personen verdichtet sie sich nie. – Lord Dane, der mit allen vorzügen des leibes, des charakters und des portemonnaies ausgestattete romanheld, trifft eines abends in gesellschaft (Grosvenor Place, das sagt alles!) die junge Fürstin Fèkla Dolgorouki, die mit allen vorzügen des leibes, des charakters und des portemonnaies ausgestattete romanheldin. Er trifft sie – da ist schon das außergewöhnliche – am spieltisch; noch mehr: sie besitzt eine tolle spielleidenschaft, ein familienerbstück überdies, und ist in gefahr, von der russischen regierung deswegen verbannt zu werden. Natürlich flößt ihm das bezaubernde geschöpf alsbald eine tiefere neigung ein. Diese treibt ebenso rasch den spielteufel aus und hat nur noch politische schwierigkeiten zu überwinden und einen nebenbuhler aus dem felde zu schlagen. Die voraussetzung: der zusammenstoß von spielleidenschaft und liebesleidenschaft wird glatt verabschiedet, herausgezogen. Was schwebt nun in der luft, die einführung oder die ausführung? Ist es ein kartenhaus ohne grundstein oder ein steinhaus auf kartengrund? ● Nicht minder beliebt als die höchsten gesellschaftskreise ist der pfarrer in der zeitgenössischen belletristik. Er hat wohl den älteren stammbaum für sich, ist aber allmählich aus der rolle des friedlichen mittlers und salbadernden raisonnneurs verdrängt worden, um blut von unserem blute und fleisch von unserem fleische zu werden. Die demokratische entwicklung der zeiten läßt sich an der gestalt des geistlichen in der literatur prachtvoll studieren, wie denn gerade der pfarrer im englischen roman dankbarsten stoff zu einer monographie böte. Der roman Peccavi von Ernest William Hornung brauchte darin nicht angeführt zu werden, obwohl er spannend und ergreifend ist, weil er doch nur stoffliche wirkungen auslöst. ‚Ich habe gesündigt‘: mit dem reuevollen geständnis des priesters setzt die handlung ein. Bei dem begräbnis des mädchens, das er verführt hat, bekennt er sich dem vater des mädchens als schuldig. Sühne soll der rest seines lebens sein. Von vornherein wird so ein schiefes verhältnis geschaffen: der autor führt seinen helden weder ins leben ein noch läßt er ihn schuldig werden; er läßt ihn schuldig sein und überläßt ihn dann kurzerhand der pein. Ein leben voll buße und zerknirschung ist aber nicht dazu angetan, uns an große versündigungen glauben zu machen. Wir müssen vor allem die leidenschaften miterleben, wenn wir des mitleids fähig werden sollen. Dieser künstlerische fehler rächt sich bedenklich. Der voraussetzung, an die wir nicht glauben wollen, gesellt sich eine voraussetzung, an die wir beim besten willen nicht glauben können. Der geistliche baut mit seinen eigenen händen eine neue kirche, da die alte in flammen aufgegangen ist. Hier wird denn doch der wahrscheinlichkeit unerlaubte gewalt angetan. Sunt certi denique fines [Horaz, Satiren, I. i. 106], sonst wird nächstens der himmel erklettert oder der ozean ausgeschöpft. Ich glaube, mir danach die weitere inhaltsangabe ersparen zu dürfen. Hornung arbeitet stark und galeriewirksam mit tränenerpressenden motiven; nur ist die rührung von der katharsis so weit entfernt wie das fürchterliche vom tragischen. ● Über Bret Harte läßt sich schwer etwas neues sagen. Sein letzter novellenband Under the Redwoods hat mich persönlich wieder in der überzeugung bestärkt, daß die rein stoffliche geschichte doch einer überwundenen gattung angehört. Von hier haben wir sicherlich nicht das heil der literatur zu erwarten. Freilich, Bret Harte erzählt besser als die meisten seines standes, mit stärkeren Aufreizungen; seelisch schwingt nichts in uns. ●● So würde ich diesmal von der siebenzahl Rhoda Broughton den Preis zuerkennen oder eher noch ihr ein accessit bewilligen.“
 
Anglicana. (Einige neue Werke über englische Sprache und Literatur). (1). NZZ, 6. Februar 1902, Nr. 37 Morgenblatt.
Muret, Eduard & Sanders, Daniel, Enzyklopädisches englisch-deutsches und deutsch-englisches Wörterbuch. Teil 1 (2 Bde): Englisch – Deutsch. Berlin: Langenscheidt [1900]; Dictionary of National Biography, ed. Sidney Lee. Erstes Supplement, 3 Bände. London: Smith, Elder, & Co. 1901. ●● „Das verflossene Jahr, dem in literarischer Beziehung kaum das Symbol der sieben fetten Kühe gelten kann, hat uns noch einige Werke auf den Weihnachtstisch gelegt, die uns mit Freude und Bewunderung erfüllt haben. ● Dazu gehört an erster Stelle das Wörterbuch von Muret-Sanders. ‚Rühmend darfs der Deutsche sagen, höher darf das Herz ihm schlagen‘ [Schiller, ‚Die deutsche Muse‘]: wir besitzen nun endlich ein würdiges Wörterbuch für das Englische und Deutsche. Muret ist das englische Wörterbuch. Jeder, der sich mit der englischen Sprache und Literatur etwas eingehender zu befassen hat, wird oft die Mängel der vorhandenen Wörterbücher empfunden haben. Die verbreitetsten von ihnen, [Felix] Flügel [Allgemeines Englisch-Deutsches und Deutsch-Englisches Wörterbuch (1891 ff.)] und Thieme-Preußer [Friedrich Wilhelm Thieme & Emil Preußer, Neues vollständiges kritisches Wörterbuch der englischen und deutschen Sprache (1. Aufl. 1859)], waren nicht ausreichend. Wollte man etwa einen Roman von Kipling lesen, so sah man sich auf Schritt und Tritt im Stich gelassen und mußte zu englischen Wörterbüchern, wie dem großen Century Dictionary [1889-1891], seine Zuflucht nehmen, um sich in zweifelhaften Fällen Rats zu erholen. Das hat man jetzt nicht mehr nötig. Die Langenscheidtʼsche Verlagsbuchhandlung, die uns bereits für das Französische den Sachs-Villatte geschenkt [Karl Sachs & Césaire Villatte, Enzyklopädisches französisch-deutsches und deutsch-französisches Wörterbuch (1900)], hat nun für das Englische ein ebenso vorzügliches Werk herausgebracht. In Anbetracht der gewaltigen Leistung ist auch der Preis (84 Mark für vier Riesenbände) nicht zu hoch bemessen. Denn Muret-Sanders stellt einen Besitz für die Ewigkeit – κτῆμα εἰς ἀεὶ – dar, soweit dieser Ausdruck für ein Wörterbuch verwendbar ist. Die Sprache nämlich befindet sich, wie alle menschlichen Dinge, in einem ständigen Fluß. Sie ist stets dem Gesetz der Entwicklung unterworfen. Darum läßt sich nie von absoluter Vollständigkeit reden, nur von einer Vollständigkeit, wie sie Menschenkraft erreichen kann. In dem Augenblick, da ein solches Wörterbuch erscheint, entrichtet es auch schon der Wandelbarkeit der Sprache und damit der Vergänglichkeit seinen Tribut; zwischen der Abfassung und Vollendung des Werkes liegt ein Zeitraum, den die Sprache nicht übersprungen hat, in dem sie unablässig tätig war, wie das Blut im menschlichen Körper. Auch ihr strömt immerwährend neues Blut zu, und von keiner Sprache dürfte dies in höherem Maße gelten als gerade von der englischen, deren unermeßlichen Reichtum keiner je in begeisterteren Worten gepriesen hat als der größte Sprachmeister aller Zeiten, als Jakob Grimm. Aber abgesehen von dieser natürlichen Schranke hat das Muret-Sanderʼsche Wörterbuch einen beinahe unnatürlichen Grad der Vollkommenheit erreicht. Was es vor seinen Vorgängern so ungemein auszeichnet, ist die Berücksichtigung der Umgangssprache. In diesem Punkte machte sich früher manchmal eine gänzlich unangebrachte Zimperlichkeit bemerkbar. Die betreffenden Bearbeiter hätten klüger gehandelt, wenn sie sich auf ein Wort Shakespeares (im zweiten Teil Heinrichs IV.) berufen hätten: ‚ – – wie eine fremde Sprache, der zulieb notwendig man das unehrbarste Wort ansehen und lernen muß‘. Schlechterdings gibt es in der Sprache nichts Unehrbares; auch hier ist das Natürliche nicht schimpflich, und was die Sprache prägt, gehört in ein Wörterbuch, wenn auch nicht immer in ein Krönungsgedicht. Nach dieser Richtung hat sich Muret-Sanders also mit Recht keinerlei Beschränkung auferlegt. Dadurch ist das neue Wörterbuch von vornherein viel moderner als seine Vorgänger. Ich benutze es nun seit zwei Monaten und staune täglich ob seiner nie versagenden Reichhaltigkeit wie Zuverlässigkeit. Selbst ein hapax legomenon wie ‚unbosomer‘ (in Thackerays Pendennis: ‚that great unbosomer of secrets, the cigar‘ [Kap. 24]) fehlt nicht. Besondere Sorgfalt ist auf die sog. idiomatischen Redensarten, auf vulgäre Ausdrücke, auf Sprichwörter und drgl. verwandt; hier wird mit Erfolg stets nach dem genau entsprechenden Ausdruck im Deutschen gesucht, etwa ‚Mrs. Jones‘ mit ‚Tante Meier‘ wiedergegeben usf. Aus all dem erhellt, daß der Langenscheidtʼsche Verlag uns das Standard-Wörterbuch der englischen Sprache beschert hat. Die Kosten des Unternehmens belaufen sich auf eine halbe Million Mark; möge das deutsche Volk dem opfermutigen Verlag seine Mühe reichlich lohnen. Wenn ich zum Schluß eine kleine Ausstellung machen möchte, so geschieht es deshalb, weil sie sich am ehesten verbessern läßt; sie richtet sich gegen das Gewicht der Bände. Noch ist man in Deutschland nicht hinter das Geheimnis gekommen, umfangreichen Werken eine gewisse Handlichkeit zu geben; die Engländer benutzen schon lange dafür ein dickeres, aber leichteres Papier und wissen so, auch äußerlich, ihre Nachschlagebücher für den Gebrauch zu empfehlen. [Vgl. MMs Besprechung im LE vom 15.05.02.] ●● Das abgelaufene Jahr sah ferner die endgültige Vollendung des Dictionary of National Biography, um dessen Gelingen sich das berühmte Londoner Verlagshaus von Smith, Elder u. Co. unvergängliche Verdienste erworben hat. Kaum waren die 63 Bände dieses Werkes, das man eine englische Allgemeine Deutsche Biographie nennen könnte, in die Welt hinaus gesandt, so stellte sich das Bedürfnis heraus, die vorhandenen Lücken auszufüllen. Der erste Band war 1885, der letzte 1900 erschienen; dieser nicht zu vermeidende Zwischenraum brachte es mit sich, daß einige Männer, die in der Ruhmeshalle englischen Geisteslebens nicht fehlen durften, infolge ihres Anfangsbuchstabens aber nicht aufgenommen werden konnten, weil nur die Toten im D.N.B. ihren Ehrenplatz finden, übergangen werden mußten. Robert Browning z. B. starb erst im Dezember 1889, d. h. zu einer Zeit, als der betreffende Band des Werkes schon abgeschlossen war. Für die notwendig gewordenen Ergänzungen hätte sich wohl der Jahrhundertanfang als Abschluß empfohlen. Aber einen besseren und zugleich pragmatischeren als den Todestag der Königin Viktoria hätte das Werk nicht haben können, und so ward der 22. Januar [1901], der Grenzstein einer wichtigen Epoche englischer Geschichte, der historische terminus ad quem für das D.N.B. In der denkbar kürzesten Zeit wurde die noch ausstehende Arbeit bewältigt, im Verlauf zweier Monate drei Supplementbände, die insgesamt tausend Artikel umfassen, herausgebracht. Hier hat die Wissenschaft ein Tempo eingeschlagen, wie es bei uns unerhört ist; haben die Engländer die größere Technik vor uns voraus, so wird man ihnen deswegen noch nicht Mangel an Gründlichkeit vorwerfen dürfen. Allein die Arbeit des Sichtens nötigt uneingeschränkte Hochachtung ab: viertausend Artikel waren dem Herausgeber zur Aufnahme vorgeschlagen, nur ein Viertel davon ließ er passieren. Wieviel Erwägungen und Beratungen mag das im einzelnen erfordert haben! Nun ist das monumentale Werk glücklich unter Dach, und der Dank des englischen Volkes gebührt, neben dem uneigennützigen Verleger George [Murray] Smith, der leider die Vollendung nicht mehr erlebt hat [gest. 06.04.1901], dem ausgezeichneten Herausgeber Sidney Lee [1859-1926, geadelt 1911], der sich namentlich als Shakespeare-Forscher eines bedeutenden Rufs erfreut. Aus seiner Feder stammt auch die Biographie der Königin Viktoria, die von allen Artikeln den meisten Raum (111 Seiten) einnimmt – übrigens ein Muster von Sachlichkeit. Wir finden ferner in den drei Supplementbänden, um einige der wichtigsten Namen aufzuzählen, Nekrologe auf Matthew Arnold, Richard Blackmore, Ford Madox Brown, Robert Browning, Edward Burne-Jones, Gladstone, Thomas Huxley, Lord Leighton, Max Müller, John Millais, William Morris, John Ruskin, Arthur Sullivan, Oscar Wilde. Diese kleine Auslese wird jeden, der sich – sei es mit der Politik, sei es mit der Wissenschaft, sei es mit der Kunst der Engländer – zu beschäftigen hat, davon überzeugen, daß das D.N.B. unentbehrlich ist. Unter den Mitarbeitern haben sich auch mehrere Damen hervorgetan. Im einzelnen sind die Artikel mehr referierender als charakterisierender Natur. Das scheint durchaus begreiflich, wenn man in Betracht zieht, daß die dargestellten Persönlichkeiten und Ereignisse häufig noch zu sehr in der Wertschätzung der Zeitgenossen schwanken, um den Darsteller die nötige Entfernung gewinnen zu lassen, um ihm ein Urteil sine ira et studio zu ermöglichen. Über die Königin Viktoria ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, so wenig wie über den old man (Gladstone) oder über den verfemten Oscar Wilde. Unserem Geschmack würde allerdings gelegentlich eine schärfere ‚Stellungnahme‘ zusagen. So kann man etwa den in seiner Art gewiß vortrefflichen, weil das Material erschöpfenden Artikel über John Ruskin lesen und eine Menge aus dem Leben dieses ästhetischen Bahnbrechers erfahren, ohne von seiner Kunstlehre mehr als eine blasse Vorstellung zu erhalten. Es ist eben nicht leicht, hier die Grenze zu ziehen, denn sobald man sich auf eine kritische Würdigung einläßt, liegt die Gefahr vor, daß man sich pro oder contra entscheidet. Mit feinstem Takt hat dies z. B. Sidney Lee selbst in den letzten Abschnitten seines Lebens der Königin getan, indem er keineswegs in die bei den Engländern übliche Verhimmelung ihrer Queen einstimmte, sondern auch ihre Schwächen hervorhob. Wenn man bedenkt, daß dieser Nekrolog in einem halben Jahr gemeistert wurde, wird man mit Ausdrücken höchster Anerkennung nicht geizen dürfen. Jedenfalls besitzen die Engländer in dem Dictionary of National Biography einen Nationalschatz, der auch andern Völkern reichlich zugute kommt.“
 
Anglicana. (Einige neue Werke über englische Sprache und Literatur). (2). NZZ, 7. Februar 1902, Nr. 38 Morgenblatt.
Friedrich Theodor Vischer, Shakespeare-Vorträge, Bd. 4, hrsg. Robert Vischer. Stuttgart: Cotta 1901; William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum. Übersetzt A. W. v. Schlegel. Einleitung und Anmerkungen von Gregor Sarrazin. Berlin: Fischer 1902; George Gordon Byron, Sämtliche Werke in neun Bänden. Übers. Adolf Böttger. Hrsg. und aus anderen Übersetzungen ergänzt sowie mit einer biographisch-kritischen Einleitung von Wilhelm Wetz. Leipzig: Max Hesse 1901. ●● „Über die rein literarischen Erscheinungen will ich mich kürzer fassen, obwohl ich da allerhand auf dem Herzen hätte. Von diesen sind an erster Stelle die im Verlag der Cottaschen Buchhandlung erscheinenden Shakespeare-Vorträge des schwäbischen Ästhetikers Friedrich Theodor Vischer [1807-1887], die bis zum vierten Band gediehen sind, zu erwähnen. Er umspannt die erste Reihe der Königsdramen: König Johann, Richard II., die beiden Teile von Heinrich IV. und Heinrich V. Zum Unterschied von den früheren Bänden wird hier die Übersetzung mehrfach nur stückweise und meist im engen Anschluß an Schlegel gegeben. Immerhin konnte ich einige Verbesserungen konstatieren [...]. Den unvergänglichen Wert der Schlegelschen Übersetzungen, denen auch sonst noch verschiedentlich durch [Otto] Gildemeister nachgeholfen wird [1867 ff.], vermögen solche Verbesserungen nicht zu schmälern; ja, ich finde – im Gegensatz zu neueren Interpreten, die auf Schlegel nicht hold zu sprechen sind –: je mehr ich mich mit Schlegel beschäftige, und je mehr ich sehe, wie die Nachfolger auf seinen Schultern höher zu steigen bestrebt sind (was ihnen zweifellos hie und da gelungen ist), um so mehr wächst meine Achtung vor dem klassischen Übersetzungsmeister. Schlegel hat zwar auch nicht ohne Vorlagen gearbeitet, aber er besaß nirgends so gute Vorlagen, wie sie seine Nachfolger an ihm haben. Wo ein Großer so Gutes, teilweise Unübertreffliches geleistet, können die Kleineren im einzelnen über ihn hinausgelangen und noch Besseres schaffen, den Gesamtwert seiner Leistungen vermögen weder sie noch etwelche Fürsprecher der Verkannten dauernd Abbruch zu tun. Was diesem vierten Bande der Vischerʼschen Vorträge bleibende Bedeutung sichert, ist die glänzende Analyse des Komischen, an der Figur Falstaffs illustriert. [...] Das ist das Gehaltvollste, was uns die vier Bände bis jetzt boten. [...] ● Ein einzelnes Shakespeareʼsches Drama, den Sommernachtstraum, hat der Verlag von S. Fischer (Berlin) seiner entzückend ausgestatteten Pantheon-Ausgabe einverleibt. Da in diesem Blatte bereits von dieser Ausgabe die Rede war, möchte ich nicht nachträglich ausführen, daß mir die Einleitung von Professor Gregor Sarrazin und die acht Anmerkungen zum Schluß einen etwas nüchternen Eindruck hinterlassen haben. [...] ● Neben Shakespeare war von den englischen Dichtern Byron wohl am häufigsten auf dem deutschen Weihnachtstisch vertreten, weil ihn der Verlag von Max Hesse (Leipzig), der sich besondere Verdienste um volkstümliche Klassiker-Ausgaben zu wohlfeilem Preis erwirbt, in neuem Gewand erscheinen ließ. Professor Wilhelm Wetz hat die Herausgabe übernommen. Erstlich steuerte er eine ‚biographisch-kritische Einleitung‘, gemeinhin Lebensbeschreibung, bei, die 179 Seiten zählt. Ich wünsche mir den künftigen Byron-Biographen nicht ausführlicher – aber anders als Wetz. Vielleicht hat ihn die Volkstümlichkeit des Unternehmens an der Entfaltung seiner Kräfte gehindert. Jetzt dringt von diesem schönen Lebensrausch, nein mehr: von diesem Lebensfieber kein Hauch zu uns herüber. Wer dereinst Byrons Vita schreibt, muß viel erlebt, vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt haben. Wem kritische Biographie so viel bedeutet als: nicht zu allem, was der Held tut und läßt, Ja und Amen sagen, dann hat Wetz seine Aufgabe zur Zufriedenheit aller gelöst – denn er steht Byron im Grunde kühl bis ans Herz hinan gegenüber, sowohl dem Menschen wie dem Dichter. Von der Entwicklung des letzteren erfahren wir fast nichts. Dazu wären allerdings literaturhistorische Exkurse nötig, und die lagen vielleicht wiederum außerhalb des Unternehmens. Auch die Einschätzung der einzelnen Dichtungen erregt zum mindesten unser Erstaunen: Kain wird recht wegwerfend abgetan, an Manfred eigentlich nur ‚die schwere, tragische Stimmung‘ gutgeheißen, dagegen Sardanapal als eine der reichsten Schöpfungen angepriesen. Professor Wetz scheint gern mit seiner Ansicht allein stehen zu wollen; es erweckt den Eindruck, als ob es ihm eine heimliche Freude bereite, anders zu urteilen wie die blöden Literaturhistoriker. Ich fürchte nur: er wird mit seinen Umkehrungen wenig Anklang finden. Endlich werden nach der stilistischen Seite nicht alle Anforderungen erfüllt. [...] Ich verzichte gern auf weitere Beispiele. Im ganzen gebʼ ich trotzdem Wetzʼ Biographie vor der unlängst erschienenen Ackermannʼschen den Vorzug [Richard Ackermann, Lord Byron: sein Leben, seine Werke, sein Einfluß auf die deutsche Literatur (1901)]. Zweitens hat Wetz die Übersetzung von Adolf Böttger zugrunde gelegt [Byrons sämtliche Werke (1841 ff.)]. Das heißt Gildemeister, dessen Name nicht einmal erwähnt wird, bitteres Unrecht tun. Denn Gildemeister ist einstweilen die deutsche Byron-Übersetzung [Lord Byrons Werke (1864 ff.)]. Der außerordentlichen Schwierigkeiten, die Byron jedem Mittler bietet, bin ich mir wohlbewußt; Böttger ist ihnen, wie ich durch zahlreiche Belege feststellen kann, kaum gewachsen. [...] Professor Wetz mag noch im einzelnen wacker nachgeholfen haben. Aber ich möchte bezweifeln, daß ein Mann mit durchgebildetem Stilgefühl die Böttgerʼsche Übertragung des Don Juan zu Ende lesen kann. – Gleichwohl gebührt dem Verlag ein Wort des Dankes, daß er den des Englischen Unkundigen eine vollständige Ausgabe der poetischen Werke Lord Byrons zu überaus niedrigem Preise dargeboten hat. [...]“
 
Goedeke up-to-date. NZZ, 28. Februar 1902, Nr. 59 Morgenblatt.
Richard Moritz Meyer, Grundriß der neueren deutschen Literaturgeschichte. Berlin: Georg Bondi 1902. ●● „Der bekannte Berliner Literaturhistoriker Richard M. Meyer hat seiner viel bewunderten und viel gescholtenen, aber von allen und vor allem viel benutzten Geschichte der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, die bereits in zweiter Auflage vorliegt, einen Grundriß der neuern deutschen Literaturgeschichte [...] an die Seite gestellt und damit Karl Goedekes unentbehrliches Werk, das bei den Romantikern schließt, bis auf unsere Tage fortgesetzt. Aus praktischen Bedürfnissen ist das Buch, wie im Vorwort dargetan wird, hervorgegangen: es soll dem Anfänger einen Fingerzeig geben, wie er sich über diesen oder jenen neuern Autor unterrichten kann. [...] Daneben erhebt Meyer auch auf Wissenschaftlichkeit begründeten Anspruch. [...] Endlich dient das Buch, wie der Verfasser hervorhebt, noch einem persönlichen Zweck: es soll die alte Anklage, die deutschen Universitätslehrer seien der zeitgenössischen Dichtung abhold, aus der Welt schaffen. ● Es wird sich im folgenden erweisen, wie dieser Grundriß seine Aufgabe gelöst hat. Dabei sollen die drei oben aufgestellten Punkte in umgekehrter Reihenfolge zur Sprache kommen. ● Richard M. Meyer verfolgt nach seinem eigenen Eingeständnis ein rein menschliches Ziel mit seinem an Goedeke anknüpfenden Grundriß. Er will zeigen, daß sich die deutschen Literaturhistoriker nicht nur auf die ältere Literatur beschränken, sondern auch Erscheinungen des Tages [...] mit heißer Mühe studieren. Es ist bekannt, daß gegen Wilhelm Scherers unübertroffene Literaturgeschichte vielfach Vorwürfe erhoben wurden, weil sie mit Goethes Todesjahr plötzlich abbricht [...]. Aber wer auch nur einen flüchtigen Blick in unsere Zeitschriften wirft [...], dem muß es einleuchten, daß unsere Dozenten – zumal in Berlin – bestrebt sind, mit der zeitgenössischen Produktion gleichen Schritt zu halten. Erich Schmidt, der glänzendste Vertreter der modernen Literaturgeschichte, hat erst kürzlich [1901] im zweiten Band seiner Charakteristiken seine Essays gesammelt, die den dichterischen Größen seiner Zeit gewidmet sind. Seit langem werden an deutschen Hochschulen Vorlesungen über Ibsen gehalten. In Bonn hat ein Professor ein Buch über Hauptmann, Sudermann, Wildenbruch e tutti quanti herausgegeben. Ein Berliner Privatdozent schrieb bald nach der ersten Aufführung von Gerhart Hauptmanns Florian Geyer eine Studie über die Behandlung des Dialekts in dieser Historie. Zeitgemäßer kann man doch eigentlich nicht mehr sein. [...] ● Das Blatt hat sich gewendet. Heute wird die Forschung eher den Vorwurf zu hören bekommen, sie laufe allzuschnell hinter den Ereignissen her, sie lasse oft die nötige Distance vermissen [...], es mangle ihr an der wissenschaftlichen Objektivität. Da hätten wir nun die schöne Phrase, die Heinrich v. Treitschke in einen wahren furor teutonicus versetzte [Brief an den Vater vom 19.11.1864]. An das Ammenmärchen von der wissenschaftlichen Objektivität glaubt kein vernünftiger Mensch heutzutage mehr. Jedes Buch trägt den Stempel der Persönlichkeit, ob es Die Leiden des jungen Werther oder Die deutsche Literatur des neunzehnten Jahrhunderts heißt, ob es eine Autobiographie oder eine Darstellung der Präposition dià in Xenophons Anabasis ist. Nur über das Maß der Subjektivität kann man geteilter Meinung sein. Und da will es mir allerdings scheinen, daß Professor Meyer zu weit gegangen ist. [...] ● Damit bin ich bei dem zweiten Punkt, der Wissenschaftlichkeit, angelangt. Ich darf wohl die Bemerkung vorausschicken, daß mir persönlich das Motiv des gekränkten Ehrgeizes fern liegt, da meine Arbeiten vornehmlich der englischen Literatur gelten. [...] Aber die andern, die Totgeschwiegenen, die Beleidigten! Sie werden Zeter und Mordio schreien, daß der Artikel und jener Vortrag von ihnen fehlt. So viel persönliche Rach- und Schmähsucht sich da im einzelnen einschleichen mag: in ihren Angriffen wird mehr als ein Körnchen Wahrheit stecken. Daran wird Meyers Versicherung, sein Pflichtgefühl gegen die Leser sei größer als die Furcht vor den Rezensenten, nicht viel ändern können. Eben dieses Pflichtgefühl hätte ihn vor Anfeindungen zu bewahren vermocht, wenn er sein Buch beherzt Grundriß zu meiner Literaturgeschichte genannt hätte. Dann war man von vornherein darauf vorbereitet, einer durch und durch persönlichen Arbeit zu begegnen: ich, Richard M. Meyer, will euch, meinen Schülern, die Werke herzählen, die mir bei Abfassung meiner Literaturgeschichte gute Dienste getan haben. Darauf läuft ja im Grunde das Buch in seiner jetzigen Gestalt hinaus. [...] ● Konnte man auch nicht unbedingte Vollständigkeit erwarten [...], so durfte man sich doch eine Auswahl nach irgendwelchen Prinzipien versprechen. Richard M. Meyers Prinzip ist aber zum großen Teil lediglich der Zufall. Seiner Verantwortlichkeit war er sich gewiß in jedem Falle bewußt, die Wissenschaftlichkeit wird jedoch von rein persönlichen Empfindungen beeinflußt. Wie er im Vorwort freimütig bekennt, hat er sich vorzugsweise an diejenigen kritischen Organe gehalten, deren er ‚seit Jahren für ihre Berichterstattung zu Dank verpflichtet‘ sei. Diese Organe mögen die besten sein – in ihrer Bevorzugung liegt trotzdem eine schwer zu rechtfertigende Einseitigkeit. [...] ● (Nebenbei möchte ich einige Irrtümer und Druckfehler anführen, die mir in den englischen Angaben aufgefallen sind: S. 3 fehlt unter den englischen Literaturgeschichten die wichtigste, Chambers Cyclopaedia; S. 66 wird als Gesamtausgabe für Byron eine Frankfurter vom Jahre 46 namhaft gemacht, statt dessen wäre die neue von Murray am Platz; S. 114 wird die Keats-Biographie von Colvin ins Jahr 89 verlegt, sie ist bereits 87 erschienen, und der Herausgeber der kritischen Keats-Ausgabe heißt nicht Norman, sondern Forman; S. 163 endlich (auch im Index) wird George Eliot fälschlich mit ‚ll‘ geschrieben.) ● Der Brauchbarkeit des Werkes werden diese Bedenken keinen Abbruch tun. Als erster Versuch, dessen Schwierigkeiten niemand verkennen sollte, verdient es ein volles Lob, wenn ihm auch vielleicht nicht viele Nachfolger dieser Art zu wünschen sind [...].“
 
Neuere Erzählungsliteratur. ES, Bd. 30, Nr. 2 (ca. März 1902), 325-328.
Bagot, Richard, Casting of Nets. Leipzig: Tauchnitz 1901; Atherton, Gertrude, The Aristocrats. Leipzig: Tauchnitz 1901; Gerard, E. [Emily de Laszowska], The Extermination of Love. Leipzig: Tauchnitz 1901; Hobbes, John Oliver, The Serious Wooing. Leipzig: Tauchnitz 1901; Savage, Richard Henry, In the House of his Friends. Leipzig: Tauchnitz 1901. ● Datiert 17.12.1901. ●● „Diese fünf bücher können in zwiefacher weise sortiert werden: entweder nach der nationalität oder nach dem geschlecht ihrer verfasser. Im ersteren falle stehen zwei englischen drei amerikanische romane gegenüber (wobei die unter dem namen John Oliver Hobbes schreibende Mrs. Craigie, da sie in Boston geboren ist, zu den Amerikanern gezählt wird, wiewohl sie in England ihre ausbildung genossen und ihren ruf erlangt hat). Im letzteren falle stehen zwei männer drei frauen gegenüber. Beide gruppen heben sich scharf voneinander ab.In ihrer verwegenen art glaubt Gertrude Atherton den unterschied so fassen zu können: ‚To be great in English literature youʼve only to be dull; but to be great in American literature youʼve got to be a eunuch’ (Aristocrats, p. 169). Das will besagen: die zeitgenössischen englischen romanschreiber – denn nur um diese handelt es sich bei dem völligen mangel an dramatikern – lassen sich starke anreizungen, die amerikanischen die beziehungen der geschlechter entgehen. Es ist etwas wahres daran. Nur lassen wir die langweile, diesen rein persönlichen empfindungsfaktor, nicht als ästhetischen maßstab gelten; und Gertrude Atherton, eine literarische größe in den U.S.A., straft sich selbst lügen durch ihren roman American Wives and English Husbands [1898], der übrigens bislang ihr bester geblieben ist. Dafür, daß ihr die andern nicht den gefallen tun, ihr leichtfertiges wort wahr zu machen, ist sie weniger verantwortlich. ● Denn niemand wird Richard Bagotʼs problemroman Casting of Nets, ein freundliches gegenstück zum Helbeck of Bannisdale der Mrs. Humphry Ward, ‚dull‘ finden können. Vielmehr läßt sich schwerlich eine amüsantere behandlung der mischehe denken. Bagot greift das immerhin heikle thema mit frischfröhlicher unbefangenheit an, als ob irgend ein tagesereignis in einer gesellschaft besprochen werden sollte. Dabei macht er aus seiner antiklerikalen, antipäpstlichen gesinnung kein hehl und ist mit allen seinen sympathien auf der seite der protestanten, während sich die schwarzen böcke, die intriganten, die wühler, die skrupellosen seelenfischer und proselytenmacher, im katholischen lager zusammenfinden. Wo andere sittliche entrüstung und hohles pathos aufgeboten haben, führt Bagot ein ironisches lächeln ins treffen, das nicht minder wirksam ist. Kluge und feine aussprüche im einzelnen werden als angenehme würze der überaus flott erzählten handlung, die etwa in dem satz gipfelt: ‚wenn katholiken haß säen, ernten protestanten liebe‘, dankbar hingenommen. Und so parteiisch auch licht und schatten verteilt sind, das psychologische kommt nicht zu kurz dabei. In der stattlichen reihe von romanen, die letzthin ein tummelplatz religiöser fragen waren, ist dieser unbedingt der kurzweiligste. [Vgl. MMs Rezensionen in der VZ vom 25.03.02 und im LE vom 15.06.02.] ● Dagegen muß des lesers brust mit dem dreifachen erz der geduld gewappnet sein, wenn er Richard Henry Savageʼs In the House of his Friends bis zu ende genießen kann. Es ist der amerikanische roman eines Amerikaners für Amerikaner. Der autor der Offiziellen frau [1892], die vor einigen jahren unsere bühnen unsicher machte, wird sich schwerlich durch dieses werk neue freunde werben. Er bleibt allzusehr im lokalen stecken; seine geschichte – ein amerikanischer fall Dreyfus aus dem bürgerkrieg von 1861 – ist mühsam in die geschichte hineinkomponiert; die nie vorhandenen stofflichen oder menschlichen interessen werden durch die technische schwerfälligkeit, ja geradezu durch das unvermögen des gestaltens, das auf schritt und tritt an krücken einhergeht, vollends verscherzt. ●● Kaum besser schneiden die drei frauen ab. Ihre bücher gehören zu der jetzt üppig wuchernden epigrammatischen gattung. ‚Geistreich um jeden preis!‘ ist ihre parole. Mag auch die menschendarstellung darüber in die brüche gehen, wenn nur die verfasserinnen ihren witz in ein helles licht rücken. Und was sie geist der zeiten heißen, das ist im grund der damen eigner geist. ● Am radikalsten verfährt vielleicht E. Gerard (nicht zu verwechseln mit ihrer schwester Dorothea) in The Extermination of Love. Alles übel der welt stammt vom bacillus amoris; er muß daher mit stumpf und stiel ausgerottet werden. Das ganze, wie schon aus der widmung (To thee whose mark twain hemispheres attest) ersichtlich, ist als satire angelegt. Zum schluß wird plötzlich eine pathologische erklärung zu geben versucht. So treibt die verfasserin mit uns psychologischen hokuspokus und macht sich selbst einen strich durch die rechnung. Im einzelnen brennt sie ein feuerwerk des witzes ab; dabei kann sie aber nicht verhindern, daß ihr das ganze abbrennt. ● Die liebe, die hier theoretisch von einem gelehrten bekämpft wird, siegt trotz aller kabale in The Serious Wooing von John Oliver Hobbes. Aber was die heldin deswegen erdulden muß, prallt an uns ab, weil die karikatur keine anderen mächte neben sich leidet. Das übermaß der näschereien läßt nur einen üblen geschmack zurück. Ein wahrer zitatenplatzregen ergießt sich über uns. Von einer inneren anteilnahme kann bei dem mehr verdrießlichen als ergötzlichen drum und dran nicht mehr die rede sein. [Vgl. MMs Besprechungen in der VZ (03.10.01), NZZ (15.10.01) sowie im LE (15.12.01).] ● In der form des briefes kann sich dieses wenigstens ungehemmter entfalten. So reitet Gertrude Atherton in The Aristocrats ihr steckenpferd ohne alle hindernisse. Der englische Tagesroman The Visits of Elizabeth von Elinor Glyn hat hier seine amerikanische bearbeiterin gefunden. Eine fülle mehr oder minder geistreicher bemerkungen, hauptsächlich politischer und literarischer natur, wird in kümmerlicher handlungsattrappe dargereicht. [Vgl. auch hier MMs Besprechungen im LE (15.12.01) und in der VZ (25.03.02).] ● An diesen drei weiblichen federn läßt sich erkennen, welche verheerungen zur zeit der bacillus animi anrichtet. Der roman wird zu einer sammlung von epigrammen erniedrigt. Aber die summe von gedanken ergibt noch lange keine leitende idee.“
 
Ein Dichterknabe. LE, Bd. 4, Nr. 12 (15. März 1902), 826-827.
Helene Richter, Thomas Chatterton. Wien & Leipzig: Wilhelm Braumüller 1900. (Wiener Beiträge zur englischen Philologie, Nr. 12.) ● „Hat man Victor Hugo das enfant sublime der Weltliteratur genannt, so kann Thomas Chatterton als ihr enfant terrible gelten; freilich nicht im landläufigen, scherzhaften Sinn, sondern in ursprünglicher Bedeutung, die gesteigerte Tragik in sich birgt. Am 20. November 1752 ward der Wunderknabe in Bristol geboren; am 24. August 1770 endete der vom Leben zernichtete Jüngling freiwillig in London sein Dasein. Wer uns die einzelnen Stationen dieses Dornenwegs aufzeichnen will, braucht keines großen literarhistorischen und psychologischen Aufwands. Bei Chatterton liegt alles auf der Hand. Nur ein bißchen Liebe und Mitleid wird sein Biograph mitbringen müssen. Eine zureichende deutsche Darstellung hat ihm bisher gefehlt: H. Püttmann (1840) hat längst der Zeit seinen Zoll entrichtet. Aber wir besitzen die ausgezeichnete zweibändige Ausgabe seiner Werke von Skeat, die kaum einen Wunsch offen läßt und in sprachlicher Beziehung Musterhaftes bietet. Helene Richter, die an Shelley ihre Kraft erprobt hat, ist in diese Lücke getreten und versuchte, uns die deutsche Chatterton-Biographie zu schenken. Am besten haben mir ihre Übersetzungen gefallen; sie bekunden beträchtliche Sprachgewandtheit und sorgsames Anpassungsvermögen. [...] Darstellerisch scheint sie mir ihre Aufgabe weniger glücklich gelöst zu haben. Es gab zwei Wege: entweder wollte sie eine wissenschaftliche Biographie leisten, dann durfte die sprachliche Untersuchung nicht unter den Tisch fallen, denn Chattertons altertümelnder oder richtiger: mittelaltertümelnder Stil in den sog. Rowley-Dichtungen erheischt eine eingehende Behandlung; oder aber, und dieses Verfahren hätte ich vorgezogen, ihre Darstellung hätte einen mehr popular-wissenschaftlichen Anstrich genommen und sich statt an den engen Kreis der Fachgelehrten an ein größeres Publikum gewandt, wobei allerdings die peinlich genauen Ausführungen aus der Bristoler Lokalgeschichte geopfert werden mußten, damit das rein Menschliche stärker hervortreten konnte. So hat sich Helene Richter eigentlich zwischen zwei Stühle gesetzt. Ihr Fleiß und wissenschaftlicher Eifer sei rückhaltlos anerkannt. In diesem Bestreben ist sie aber so weit gegangen, daß es der Darstellung an Höhen und Tiefen mangelt. Es fließt alles breit und gemächlich dahin; ihre Objektivität enthält sich beinahe jedes kritischen Urteils. Bei größerer Gedrängtheit hätte sich wohl von selbst mehr Schärfe eingestellt. ● [...] Diese Andeutungen mögen dartun, ein wie dankbarer Gegenstand Thomas Chatterton dem Biographen ist. Helene Richter hat ihn zwar nicht erschöpft, doch ergiebig ausgenutzt; und ihre Übersetzungen sind allen Lobes wert.“ ●● Vgl. MMs Buchbesprechung in den ES, Bd. 31, Nr. 1 (ca. Juli 1902) sowie seinen Essay über Chatterton in der Nation vom 05.10.1901. Siehe Sektion ‚Aufsätze‘.
 
Neue Canterbury-Geschichten. (1). NZZ, 24. März 1902, Nr. 83 Morgenblatt.
Maurice Hewlett, New Canterbury Tales. London: Constable 1901; Leipzig: Tauchnitz 1901. ● „Die Dichter sind die Jäger, die Stoffe sind das Wild. In der Literatur herrscht freies Jagdrecht. Ein jeder kann nach Herzenslust pürschen. Es bedarf dazu keines besonderen Erlaubnisscheines; nur einer gewissen Befähigung, deren kein Beruf gänzlich entbehren kann. Sonst kommt der Förster und macht kurzen Prozeß mit dem Wilderer. Unermeßlich ist der Wald, zahllos das Wild. Beschränkungen gibt es schlechterdings nicht. Nur davor sollte sich der Neuling hüten, seinen Pfeil auf ein Wild abzudrücken, das ein Meisterschütz ins Herz getroffen hat. Denn niemand braucht leichtsinnig Vergleiche heraufzubeschwören. Und wer sich etwa vermessen wollte, einem Richard III. oder Wilhelm Meister  nachträglich aus Größenwahn eine Salve aufzubrennen, würde an jenes Tier der Fabel erinnern, das sich dem toten Löwen zuletzt nähert. Unbildlich gesprochen: Stoffe, die ein Begnadeter der Schatzkammer der Weltliteratur einverleibt hat, sollten den von der Muse Gestreichelten bis zu einem gewissen Grad sakrosankt sein. ● Maurice Hewlett, der mit frischfröhlichem Halali in den Waldschwärmern [The Forest Lovers (1898)] auszog, scheint mich Lügen strafen zu wollen; denn schon der Titel seines jüngsten Werks Neue Canterbury-Geschichten wagt sich kecklich an den Vater der englischen Literatur heran, nicht ihm den Kranz von der Stirne zu reißen, aber ohne alle Bedenken gegen die Nachbarschaft. Warum auch? [...] ● Gewiß, Chaucers Pilger waren nicht die einzigen, die zum Grab des heiligen Thomas nach Canterbury wallfahrten. Aber wenn ein moderner Dichter diese Einkleidung benutzte, sollte er eigentlich etwas zum Einkleiden haben, müßte er auch seinerseits danach trachten, lebendige Figuren auf die Beine zu stellen. Hewlett hat diesen Ehrgeiz nicht besessen. Seine Rahmenfabel ist läppische Maskerade; Auspolsterung, die nicht hält; falsches Etikett, dem sprühenden Prolog Master Geoffreys abgelöst. Kleinlaut bittet darum der Nachahmer, den Erzählungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den Erzählern. [...] Meinem Gefühl nach hat Maurice Hewlett, der nach seinem historischen Roman Richard Ja-und-Nein [The Life and Death of Richard Yea-and-Nay] unter der Verantwortlichkeit des Erfolges stand, erst hinterher seine sechs Erzählungen zusammengekittet, um sich und ihnen literarischen Anstrich zu geben. – Sieht man aber gnädig von dieser Leimerei ab, so wird einem die Lektüre ungetrübten Genuß gewähren. Die Liebe ist allemal der Grundakkord, anders als bei dem variationsreichen Chaucer (man wird die Erinnerung nicht los); die Liebe ist das Scharnier, um das sich die sechs Geschichten drehen. Im übrigen sind sie von recht ungleichem Werte. ● Ganz farblos bleibt nur die tragische Schüssel, die Hauptmann Salomon Brazenhead, ein aus George Farquhars Lustspiel Der Werbeoffizier [The Recruiting Officer] bekannter Bramarbas, den Wallfahrern aus den Vorräten seiner Erfahrungen in Italien zur Verdauung vorsetzt: ‚die Halbbrüder‘ [‚The Half-Brothers‘] [...] ● Ein Alter und ein Junger streiten in ‚Peridore und Paravail‘ [‚Peridore and Paravail‘] um dieselbe Erkorene. [...] Grauser Hexenspuk verbrämt diese Legende, die nicht unpassend einem Beichtvater in den Mund gelegt wird. ● Ohne alle Beziehung zur Person des Vortragenden bleibt die ‚Apfelprobe‘ [‚The Cast of the Apple‘], die sich in ihrer heiteren Schlußwendung eines Motivs aus der antiken Sage bedient. Odysseus war, als es galt, den in Weiberkleidern steckenden Achilles zu entdecken, auf das Mittel verfallen, eine Mädchenschar durch den Lärm der Kriegstrompete zu schrecken, worauf der heroische Jüngling sogleich zu den Waffen griff, dadurch sein Geschlecht verratend. [...] ● Was hier die Ähnlichkeit zuwege gebracht, bewirkt in ‚Eugenio und Galeotto‘ [‚Eugenio and Galeotto‘] die Verkleidung. Wenn wir arglos genug sind, den Wert der Poesie nicht ausschließlich von der Wahrscheinlichkeit abhängig zu machen, werden wir mit unbefangenem Lächeln die Doppelheirat hinnehmen, die Geschlechtsgenossen eingehen. Hewlett hat sich dieses Tändelspiel aus der Welt der Renaissancekomödie geholt, und von Shakespeare kennen wir die Gepflogenheit, den vornehmen Protagonisten ein Dienerpaar zu gesellen, das die Torheiten der Herren nachlebt. ● Ein ernsteres Gesicht zeigt der Dichter in der Erzählung von der holden Gräfin Alys und König Eduard III., die den Reigen eröffnet [‚Countess Alys‘]. Ein Londoner Skribent gibt sie zum besten, der Enkel jenes Sängers Lancelot Corbet, dem herrlicher Lohn für seine unentwegte Minne ward. [...] In allen ihren Herzensnöten findet [...] Dame Alys bei Lancelot, dem treuen Erzieher ihrer Stiefsöhne, Trost. Dankerfüllt reicht sie ihm zu guter Letzt ihre Hand. [...] Dem schüchternen Skribenten, der diese gute Mär vorträgt, sitzt der Schalk im Nacken. ● Aus Maurice Hewlett selbst spricht er in der weitaus besten Geschichte des Bandes, die ihm eine den Tag überdauernde Bedeutung sichert, in der Legende vom heiligen Gervase von Plessy [‚Saint Gervase of Plessy‘]. Zwar berührt sie sich stofflich mit der von Chaucer der Priorin zuerteilten Legende [‚The Prioress’s Tale‘] – auch hier ist es eine Priorin, die sich zu Wort meldet – aber inhaltlich wächst sie darüber hinaus und gemahnt uns an das wundervolle Siebengestirn Gottfried Kellers [Sieben Legenden]. Die Geschichte der Priorin gehört nicht zu den Perlen Chaucerscher Erzählungskunst, so lieb uns Madame Eglantine durch die Charakteristik im Prolog der Canterbury Tales wird [...]. Sie kündet das Lob Marias in einer nicht sehr gewählten Tonart. Noch durch den Mund von Kindern wird ihre Güte gepriesen. Denn die Juden haben dem siebenjährigen Chorknaben Hugh von Lincoln, der, obwohl er kein Latein versteht, ‚Alma redemptoris mater‘ auswendig zu singen weiß, den Hals durchgeschnitten und ihn in eine übelduftende Grube geworfen. Aber durch ein Wunder stimmt noch der tote Knabe, ‚this gemme of chastitee‘ trotz seiner Jugend, sein hellschmetterndes Loblied auf die Mutter Gottes an, verrät so seine grausamen Mörder, denen der verdiente Lohn für ihre Freveltat wird und hört nicht eher zu singen auf, auch als er schon vor dem Hochaltar auf der Bahre liegt, bis ihm der Abt das Korn, das ihm Maria unter die Zunge gelegt, aus dem Munde nimmt. Schon damals schlachteten also die Juden einen Christenknaben, der ihnen ein öffentliches Ärgernis bereitet, und wurden zur Strafe aufgehängt. Immerhin hielt Edward Burne-Jones gerade diese Legende eines Gemäldes für würdig, das die Geschichte der Priorin aller Greuel entkleidet und seinen bestrickenden Farbenreichtum darüber ausgießt [The Prioress’s Tale]. Seine Madonna mit dem lichtblauen Mantel, mit den weißen Lilien ist freilich in ihrer süßen präraphaelitischen Schönheit ein rechter Anachronismus.“
 
Neue Canterbury-Geschichten. (2). NZZ, 25. März 1902, Nr. 84 Morgenblatt.
Fortsetzung und Schluß der Rezension. ●● „Wie hat nun der moderne Dichter den Stoff Master Geoffreys gewandt? Er hätte etwa die Macht des Gesanges verherrlichen können, dem die Rolle des Rächers zufällt; doch nichts davon. Maria greift überhaupt nicht mehr in die Handlung ein, und indem er so das Wunder ausschaltet und statt dessen die Mutterliebe als treibenden Faktor einführt, hebt er die Geschichte ins Menschliche empor. Eine zweite Veränderung, die auf den ersten Blick belanglos scheinen mag, betrifft das Alter des Knaben: er ist hier um sieben Jahre älter geworden, also vierzehnjährig. [...] Aber Hewlett hatte das vorgeschrittene Alter des Jünglings nötig, um neben der Mutterliebe eine keimende Liebe zum weiblichen Geschlecht hineinzubringen und damit den Grund zu seinem köstlichen Schluß zu legen. ● Sein Hugh von Lincoln heißt Gervase von Plessy, eines Brückenaufsehers und einer Hökerin Sohn, Vorsänger der Chorknaben und von seinen Eltern für den geistlichen Beruf bestimmt. Da wird er eines Tages kurz vor Ostern von der Straße weggezogen, und da der Ritualmord offenbar schon damals in den Köpfen spukte, fällt der Verdacht auf die Juden. Ihre Häuser werden durchsucht, in ihrer Synagoge wird nachgeforscht, doch nichts ans Licht gefördert. Selbst das hölzerne Kreuz, das man in einem geheimen Gewölbe unter dem Tempel entdeckt, liefert nicht genügendes Belastungsmaterial, da der wenig schneidige Stadthauptmann sich bei der Erklärung beruhigt, ein solches Kreuz könne vielleicht Wunder wirken und die Herzen der Ungläubigen wandeln. In Wahrheit ist Gervase von einer Judenfrau geraubt worden. Sie überfüttert ihn mit Näschereien, wodurch sie ihn gefügig macht, streift ihm mit Hilfe einer Genossin die Alltagsgewandung ab und wirft ihm, nachdem sie seinen Körper auf seine Makellosigkeit hin geprüft, ein weißes Leinenhemd mit purpurseidenem Gürtel über. Darauf führt sie ihn in die Gebethalle: vor versammelter Gemeinde muß der Chorknabe mehrere seiner Hymnen singen. Er soll ihr König werden; denn sie harren des Messias, dessen Ankunft Jesaias verkündet, und hoffen, daß das, was einmal geschehen, sich ein zweitesmal ereignen werde. Nun ziehen sie ihm ein rotes Gewand mit weißem Gürtel an und setzen ihm die Dornenkrone auf. Doch Gervase bittet sich als letzte Gnade noch ein Gespräch mit Sornia aus, der einen der beiden Frauen, die ihn schon vorher durch vertrauenerweckende Zeichen ermutigt hat. Sie verspricht, ihn zu retten, denn sie besaß einstens einen Sohn und ihr Herz sehnt sich nach einem Kinde, mit reiner mütterlicher Inbrunst. Alsdann wird Gervase mit feierlichem Gepräng gekreuzigt. Stirbt er, so ist er nicht der wahre König, der da kommen soll und muß. Zur Nachtzeit aber schneidet ihn Sornia ab, erwärmt den Erstarrten an ihrem Busen, trägt ihn auf starken Armen davon und flüchtet mit ihm in ein Dorf, wo sie von Häuslern bereitwillig aufgenommen werden. Hier erholt sich Gervase bald. Seine Retterin fühlt sich durch seine Zuneigung reich belohnt und hegt und pflegt ihn treulich, besonders bei Nacht, da sie mit ihm ihr Lager teilt. Das hindert ihn indessen nicht, tagsüber der goldhaarigen Persilla, der lieblichen filia hospitalis, nachzulaufen, so daß sich Sornia der Eifersucht nicht erwehren kann. Zudem bringt ihr freundlicher Wirt die Nachricht heim, die Juden hätten unter den Verfolgungen zu leiden. Da entschließt sich Sornia, zurückzukehren und sendet ihren Glaubensgenossen die Botschaft, sich an einem bestimmten Abend in der Synagoge zu versammeln. Plötzlich ertönt hinter einem Vorhang Gervases Gesang, Dies irae und Salve, caput cruentatum. Die Israeliten sind zuerst vor Schreck gelähmt, wie sie des Gekreuzigten ansichtig werden, aber dann außer sich vor Freude. Ihr König ist auferstanden wie jener, von dem die Sage geht. Beseligt rennen sie vor des Bischofs Haus; alle wollen zum Christentum übertreten. Und an Pfingsten findet die Massentaufe statt, wobei Gervase als Heiliger der Kirche fungiert. Fortan soll er nahe der Stadt in einer Zelle hausen, ein leuchtendes Licht und Beispiel für die Christenheit. Auch Persilla hat sich zu der großen Begebenheit eingefunden. In der Dämmerung stiehlt sich Gervase zu ihr hinaus, nimmt in einem letzten Kusse von seiner irdischen Liebe Abschied und bittet sie, die kleinere Zelle neben der seinigen zu beziehen: Seite an Seite wollen sie wohnen, Seite an Seite dereinst im Grabe liegen, Seite an Seite den Himmel gewinnen. Und Persilla wird eine Heilige. Und weithin dringt der Ruf ihrer Frömmigkeit. Sornia aber bleibt blutenden Herzens allein zurück. ● Maurice Hewlett hat dieser in der Erfindung überaus glücklichen Legende den ganzen Zauber der Schlichtheit geliehen; einer Schlichtheit, die uns bei ihm nicht minder als bei Gottfried Keller entzückt. Um dieses kleinen Juwels willen wird man immer wieder gern bei den Neuen Canterbury-Geschichten einkehren. Die Engländer, denen ihre besten zeitgenössischen Poeten durch eine Vorliebe für das Reflexive entfremdet worden sind, dürfen in Hewlett einen naiven Märchenerzähler von dichterischer Gestaltungskraft begrüßen.“
 
Neuere englische Belletristik. II. VZ, 25. März 1902, Nr. 141, Morgenausgabe.
Gertrude Atherton, The Aristocrats. Leipzig: Tauchnitz 1901; Elisabeth von Arnim, The Benefactress. London: Macmillan 1901; Richard Bagot, Casting of Nets. London: Arnold 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Anthony Hope [Anthony Hope Hawkins], Tristram of Blent. London: Murray 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; John Fraser, Death the Showman. London: T. Fisher Unwin 1901; Lucas Malet [Mrs Mary St Leger Harrison], The History of Sir Richard Calmady. London: Methuen 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Maurice Hewlett, New Canterbury Tales.London: Constable 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901. ●●● „Eine Amerikanerin möge den Reigen eröffnen. Spät kam sie, doch sie kam – noch gerade zur rechten Zeit, just als in England die Briefsammlungen, von denen das letzte Mal hier die Rede war [am 03.10.1901], im Zenit der Nachfrage standen. Elinor Glyn schickte die englische Demi-Vierge nach Frankreich (The Visits of Elizabeth); Deutschland erhielt in der Person der sentimentalen Engländerin, die mehr ihrer Schöpferin als ihrem Nationale entsprach, eine eigens entsandte Spezialberichterstatterin (The Benefactress); Gertrude Atherton ließ die Weltdame übers Meer gehen. So empfingen die Amerikaner ihre ‚Elisabeth auf Besuch‘ in The Aristocrats. Das Buch erschien anfänglich anonym, offenbar weil sich allerlei Wahrheiten bequemer unter dem Schutze dieser Tarnkappe vorbringen ließen, und eine Verlegernotiz besagte, die Leute hätten sich den Kopf zerbrochen, wessen Feder solche Gifttropfen politischer und literarischer Art ausgespritzt habe. Eigentlich konnte man keinen Augenblick im Zweifel sein. Die Beschreibung der Landschaft am Boulder- und Chipmunk-See, der romantischen Adirondacks wies mit Fingern auf den Senator North [1900], nur daß dort die Szenerie, dem Inhalt konform und dem Gesetz der ‚pathetic fallacy‘ unterworfen, mit leuchtenderen Farben gemalt war; mehrere Bemerkungen über Mischehen zwischen Engländern und Amerikanerinnen knüpften in ihrer ergötzlichen Einseitigkeit direkt an die American Wives and English Husbands [1898] derselben Verfasserin an. Die Aristokraten bieten also nur alte Gedanken in neuem Gewande. Vielleicht sind sie hie und da noch schroffer gefaßt, auf die Spitze getrieben, um ihnen eine Spitze zu geben. Unter der Fülle dieser feuilletonistischen Betrachtungen bricht das schwache Gebäude der Briefform zusammen; sie ist nur noch ein modischer Vorwand, eine Seidenblatthülle für eine Muschelsammlung. Denn ein Brief von dreiunddreißig Druckseiten bedeutet einen Widerspruch in sich selbst, ebenso wie ein Epigramm von dreiunddreißig Druckzeilen. Freilich Gertrude Atherton reicht uns so viele Knackmandeln, Rosinen, Fondants, daß sie nicht nur unsere Bedenken einlullt, sondern uns auch den winzigen Handlungskern vergessen läßt. Dessert ist alles. Den Amerikanern werden vermutlich die politischen Knallbonbonverse in Prosa am meisten behagt haben. Da wird Bryans Demokratentum als Plebejertum bespöttelt, McKinley als das große historische Geduldspiel ohne Schlüssel hingestellt, das Trustsystem als der Vorabend der Monarchie ausgegeben, die Republik der U.S.A. in eifrigem Snobtum auf dem Wege zur Aristokratie (daher der Titel!) geschildert. Gertrude Athertons Steckenpferd ist die Aristokratie oder vielmehr jene ‚Vierhundert‘, die wir uns in der Fünften Avenue wohnen denken. Nicht minder freimütig, zum Platzen geistreich sind ihre literarischen ‚Sprüch‘, um einen trefflichen bayrischen Ausdruck zu gebrauchen; wenigstens einer davon sei hier im Wortlaut mitgeteilt: ‚Um in der englischen Literatur groß zu sein, braucht man nur langweilig zu sein; aber um in der amerikanischen Literatur groß zu sein, hat man ein Eunuch zu werden.‘ Auf diese weibliche Größe der amerikanischen Literatur scheint ein [Edmond] Rostandʼscher Vers wie gemünzt: ‚Elle [il] ouvre son esprit comme une bonbonnière!‘ [LʼAiglon (1900), I. iv.] [Vgl. die Besprechungen im LE vom 15.12.01 und in den ES, Bd. 30, Nr. 2 (März 1902).] ●● Für die folgenden englischen Romane trifft das eben genannte Stichwort ganz und gar nicht zu. Wenn sie denn schon unter einen Hut gebracht werden sollen, so ist es das aristokratische Milieu, was sie vereinigt. Während sich die Amerikaner seltsamerweise seit einigen Jahren um die Pflege des historischen Romans mühen, bevorzugen die Engländer zur Zeit die höheren Gesellschaftskreise im modernen Roman. ‚Es gibt viel in England zu bewundern, aber das Beste ist die Achtung vor dem Rang‘, schrieb einst Walter Besant [All Sorts and Conditions of Men (1882), ch. 25], und die Novellisten scheinen aus dieser Vorliebe des Volks Kapital zu schlagen. Bei uns liebäugeln sie zwar genug mit dieser oberen Gesellschaft, haben aber oft wenig Ahnung, wie es in ihr zugeht, so daß ein Gekränkter einmal den Ausspruch tat, Ossip Schubin [Pseudonym von Aloisia Kirschner (1854-1934), Verfasserin seinerzeit populärer Gesellschaftsromane] sei die einzige, die einen Hofball beschreiben könne. Den englischen Schriftstellern läßt sich dagegen die nötige Sachkenntnis und Fühlung mit den adligen Kreisen nicht abstreiten, und so unmögliche Gestalten, wie sie sich bei unseren beliebtesten Lustspiellieferanten tummeln, wären auf der englischen Bühne nicht denkbar. ● Ein wenig zur Karikatur neigt bloß die adlige Verfasserin [Elisabeth von Arnim] der Benefactress, der in diesen Blättern schon Erwähnung geschah. Sie zeigt ihre deutschen Standesgenossinnen nicht gerade von der vorteilhaftesten Seite und gibt ihnen als Haupteigenschaft jenen Ahnenstolz, jenes Klassenbewußtsein der besseren Menschen mit, das möglicherweise der Britin am lächerlichsten oder auch am verdrießlichsten erscheinen mag. Doch ihr Spott zieht immer Glacéhandschuhe über, als wolle er sagen: tutʼs auch nicht weh? Nur im Schlußkapitelchen nimmt sie einen beherzteren Anlauf; da wird es ihr blutig ernst, wenn sie die Schäden des deutschen Voruntersuchungsverfahrens aufdeckt, und wir können sie nicht mehr der Übertreibung zeihen, seitdem jüngst ein Fall aus der Wirklichkeit ihre Darstellung in vielen Punkten bestätigt hat. Das ließe sich allerdings einwenden, daß hier das Opfer Axel von Lohm heißt; über die Bedeutung der drei Buchstaben scheint sich die Verfasserin nicht recht klar geworden zu sein. Armut ist keine Schande, selbst für Aristokratinnen nicht; weil sie ihnen aber eine doppelte Last ist, haben sie kein Recht, die Hände in den Schoß zu legen und sich von einer Wohltäterin speisen zu lassen. Die Wohltäterin selbst weiß den Wert der Arbeit zu schätzen, und zwischen den Zeilen klingt für die weiblichen Schmarotzer die Mahnung: Laboremus. Diese Passivität ist am Ende noch verzeihlich, verwerflich wird dagegen ihre rege Tätigkeit, wo es gilt, die reiche Erbin einzufangen. Von einer so glänzenden Aussicht gelockt, eilt der Sohn der Frau v. Treumann, Husarenoffizier in einem feudalen Regiment, mit dem Schnellzug herbei und erblickt in der edlen Menschenfreundin sofort die künftige Bezahlerin seiner Schulden. In diesem Punkte sind alle Mittel heilig. [Vgl. die Besprechung im LE vom 15.12.1901.] ● Noch gewissenloser verfährt die adlige Sippe in Richard Bagots Casting of Nets (Seelenfischer), da es sich darum handelt, einen Ketzer zur allein seligmachenden Kirche zu bekehren. Es ist binnen kurzem der soundsovielte englische Roman, der das Problem der Mischehe aufgreift. Lord Walter Redman, einer jener gefährlichen Protestanten, die nicht protestieren, heiratet die strenggläubige Katholikin Hilda Cawarden. Er verspricht, sich nach katholischem Ritus trauen zu lassen und seine Kinder in der Religion der Mutter aufzuziehen; als Gegenleistung verlangt er nur, daß man ihn unbehelligt lasse. Die unerwünschten Komplikationen, zu denen nach dem Ausspruch eines verbohrten Beichtvaters solche Verbindungen allemal führen, bleiben auch hier nicht aus. Aber wo die Katholiken Zwietracht säen, ernten die Protestanten Liebe. Hilda ist zwar überzeugte Katholikin, doch Bekehrungsgedanken liegen ihr fern. Sie liebt ihren Gatten auch als Andersgläubigen. Da setzt die Verwandtschaft, an der Spitze die einflußreiche Großmutter, im eigentlichen Sinne des Wortes Himmel und Hölle in Bewegung, um den Lord, einen großen Hecht für die Sache der Kirche, ins Netz zu ziehen. Heuchlerische Priester bedrängen die junge Frau, die sich Mutter fühlt, mit den unlautersten Mitteln. Die Kirche fordert von ihr die Errettung des Ketzers; andererseits darf sie laut Abmachung nicht an seiner Glaubensfreiheit rütteln. Als eine Folge dieser seelischen Pein bringt Hilda ein totgeborenes Kind zur Welt. Das hilft ihr über die geistige Krisis hinüber. Wie sie in ihrer schwersten Stunde bei Walter vor den Nachstellungen ihrer Glaubensgenossen Zuflucht findet, schließt sie sich fortan enger an ihn. Aus aller Kabale geht die Liebe neu gestärkt hervor. Zur Nachkur geht Hilda mit ihrem Gatten nach Rom. Auch hier überläßt er, der auf dem Standpunkt steht, Kirchengehen sei eine Gewohnheitssache wie das Zähneputzen, die Genesende ihrem Glauben und ihren besseren Instinkten. Der Einblick in die money-making machine des Katholizismus bewirkt und vollendet den Umschwung in ihrem Fühlen und Denken. Der Prunk der Kirche im anno santo prallt an ihr ab. Und wie Luther einst seinen Glauben verlor, als er nach Rom kam, ergeht es Hilda. Freiwillig nimmt sie Walters Glauben an, damit das Kind, das sie erwartet, dem Vater nicht entfremdet werde. Beseligt über dieses Opfer, sucht er den Anschluß an die Religion und kniet dankbar neben der jungen Mutter am Altar der Dorfkirche nieder. Diese immerhin heiklen Begebenheiten werden mit einer frischfröhlichen Unbefangenheit erzählt, mit einer überlegen lächelnden, weltlichen Miene, die im kirchlichen England wahres Entsetzen hervorrufen mag. Bagot hat sich selbst wohl in der Gestalt des Freigeists Shirley eingeführt. Aus seiner antiklerikalen, antipäpstlichen Gesinnung macht er kein Hehl. Sie hat ihn verleitet, die Karten gar zu ungleichmäßig zu verteilen. Aller Schatten fällt auf die Gegenpartei. Im katholischen Lager sind die Wühler, Ketzer, Intriganten, Seelenfischer, Proselytenmacher, kurz die schwarzen Böcke vereinigt. Hier sammelt sich jene Kraft, die stets das Böse will und nur das Gute schafft – wenigstens bei Bagot. Wo andere mit sittlicher Entrüstung gewütet haben, bietet er nur ein freundliches Lächeln auf. Trotz der offenkundigen Tendenz läßt er jedoch dem Psychologischen sein Recht werden. Man darf getrost behaupten, daß dieser Roman von allen, die einen so ernsten Konflikt behandelt haben, bei weitem der amüsanteste ist. [Vgl. die Rezensionen in den ES, Bd. 30, Nr. 2 (März 1902) und im LE vom 15.06.1902.] ● Amüsant bleibt Anthony Hope selbst da, wo er eine so sträflich flache Geschichte erzählt wie den Tristram of Blent. Noch immer hat es ihm der Abenteurer angetan. Insofern ist Tristram ein Vetter des Quisanté, seines vorletzten Helden [1900]; aber es fehlt ihm die geistige Überlegenheit, das Svengalihafte des jüdischen Sprößlings. Nur für die Weiber hat dieser Tristram mit seiner geheimnisvollen Abstammung etwas Anziehendes. Er ist ein Quacksalber auf dem Eitelkeitsmarkt der Liebe. Nebenher ein kleiner Schwindler. Hope spielt auf und die Puppen tanzen nach seiner Pfeife. Bald läßt er seinen Tristram den illegitimen, bald den legitimen Erben sein. Er läßt ihn sich mit einem Landgänschen verloben, nur damit die Verlobung wieder aufgehoben werden kann, einer polnischen Witwe Neigung einflößen, seine Cousine Cecily Gainsborough – eine Schönheit, wie sie ihr großer Namensvetter gern gemalt – lieben. Das wäre indes noch nicht Verwicklung genug. Das Landgänschen hat gleichzeitig noch einen Major berückt und liebt einen dummen Landwirt (es ist nun einmal das Schicksal der Landwirte, als gutmütige, aber beschränkte Kerle dargestellt zu werden). Der Autor freut sich hämisch, daß es so viele Knoten zu lösen gibt. Eins zwei drei hat er sie geschürzt mit einer taschenspielerhaften Fingerfertigkeit. Er ist der französische Schwankdichter im englischen Roman. Er macht das Unglaubliche möglich und das Unmögliche glaublich. Alles mit einem wohlgefälligen Schmunzeln, als wolle er fragen: bin ich nun nicht ein verteufelt geschickter Racker? Doch bleibt es zu bedauern, daß der Mann, der mit Quisanté einen höheren Anstieg zu nehmen schien, so schnell wieder ins alte Fahrwasser zurückgelenkt. Auf einen Quisanté geht leider ein Dutzend Tristrams. [Vgl. die Besprechung im LE vom 15.12.01.] ● Zum Verbrechen führt die Eitelkeit in John Frasers Death the Showman (Schausteller Tod). In einer deutschen Zeitschrift war diesem homo novus eine verherrlichende Besprechung zuteil geworden; ich möchte mich jedes Urteils enthalten und einfach den Inhalt nacherzählen, das ist bisweilen die wirksamste Kritik und Antikritik. In der Dorfkirche zu San Nicolai im Pustertal, zu Füßen des Ortler, steht ein Schrein, darinnen ruht eine Prinzessin Laura, mit einem kostbaren Smaragd geschmückt. Wie die Brillantensklavin bei Robert Hichens [in The Slave (1899)] hängt die Amerikanerin Mrs. Jack Cade an diesem Stein von unschätzbarem Wert. Also stiehlt sie ihn. Dabei hat sie das Mißgeschick, einen Amethyst zu verlieren. Ihr Gast, der Türke Mukhtir Bey, findet ihn. Er stellt die Diebin zur Rede; sie leugnet. Später gesteht sie es ein und verspricht, den Smaragd gegen den Amethyst auszuliefern. Aber sie kann sich nicht davon trennen und gibt vor, den entwendeten Stein verloren zu haben. Trotzdem besitzt sie die Kühnheit, ihr Eigentum durch eine Mittelsperson zurückzuverlangen. Dieser reinen Seele hat die Gaunerin vorgelogen, ihr eigener Mann, Mr. Cade, habe sich an dem Stein vergriffen. Die reine Seele liebt den Mann der anderen und verhandelt, um ihm die Schande zu ersparen, mit dem Türken. Der ist hinterlistig und gewinnsüchtig. Zwar hat er Weib und Kind daheim – als Orientale vielleicht auch Weiber –, aber da er weiß, daß er nur noch kurze Zeit zu leben hat, will er sich die Frist seines Erdendaseins versüßen und heischt ein Opfer von der reinen Seele: sie soll ihm als Begleiterin folgen. Nur als Begleiterin; mehr wagt der verliebte Türke nicht zu fordern, der schämige Verfasser zu bieten. Schweren Herzens reist sie dem Todeskandidaten nach Ischl nach. Da er durch den Krach der Iradye-Bank – also auch in der Türkei kracht es – sein Vermögen einbüßt, hat sie noch obendrein die Kosten zu tragen. Nun nimmt die poetische Gerechtigkeit ihren Lauf. Beim Forellenfang stürzt die Smaragdräuberin in die reißende Drau und ertrinkt. Bald danach erliegt Mukhtir seiner Krankheit. Mr. Cade folgt errötend den Spuren des starken Mädchens nach Spanien, und den Trost, dessen sie bedarf, wird ihr der Witwer nicht vorenthalten. Der Verfasser hat einen außergewöhnlichen Vorfall versprochen, mit dem viele Geschicke verknüpft sind. Zu diesem Zweck bemüht er so ziemlich alle Nationen und durchstreift die europäische Landkarte. Am Ende findet jedes Ding noch seinen Lobredner. [Vgl. auch den Hinweis auf diesen Roman im LE vom 15.06.02.] ● Auch jedes menschliche Wesen seinen Biographen, wie Lucas Malet, die Tochter Charles Kingsleyʼs, mit ihrer History of Sir Richard Calmady bezeugt. [...] Ohne die unerträgliche Weitschweifigkeit hätte dieser Roman ein bedeutendes Charakterbild werden können. Lucas Malets gute Absichten sind unverkennbar; aber der Mangel an Prägnanz zerstört jede Stimmung. Eine rechte Fühlung mit den dargestellten Menschen will sich nicht einstellen, kann sich nicht einstellen, da wir streckenweise die Übersicht in diesem Labyrinth verlieren. Ein großer psychologischer Apparat wird aufgeboten; Lucas Malet hat den Mut, alles zu sagen – darin eine seltene Erscheinung unter den zeitgenössischen englischen Novellisten! –, aber sie besitzt nicht die Kunst des Verschweigens, des Andeutens. Von allen Schlacken losgelöst, steht ihr Romanrichard als ein Knirps neben dem Richard des Dramas; daß überhaupt die Erinnerung an Shakespeares Helden in uns auftaucht, ist nicht das schlechteste Kompliment für diese Schriftstellerin. [Vgl. MMs Besprechung in den ES, Bd. 31, Nr. 2 (Sept. 1902), mit der vorliegende Rezension weitgehend identisch ist.] ● Einen anderen Großen der englischen Literatur, Geoffrey Chaucer, fordert Maurice Hewlett kecklich heraus, indem er einen Band Erzählungen frisch, fromm und frei New Canterbury Tales nennt. [...] [Vgl. MMs ausführliche Besprechung der Sammlung in der NZZ vom 24./25.03.1902.]“
 
Juda, der Unberühmte. LE, Bd. 4, Nr. 13 (1. April 1902), 928-929.
Thomas Hardys Roman Jude the Obscure, ins Deutsche übersetzt von A. Berger. Stuttgart u. Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt 1901. ● „[...] Die Übersetzung, die bei Thomas Hardys Vorliebe für kunstreich verschlungenen Periodenbau ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden hat, liest sich streckenweise ganz leidlich. Oft ist es ein bloßes Übersetzen von einem Sprachufer zum andern. An Fehlern, Ungenauigkeiten, Mißverständnissen im einzelnen ist kein Mangel; sie seien verschwiegen, weil die Übersetzerin doch die redliche Absicht durchblicken läßt, ein lesbares Deutsch darzubieten. Geradezu ärgerlich verfehlt ist dagegen der Titel. [...] Jude the Obscure ist der Mann im Schatten, der nicht hochkommen kann, ein armer Teufel, der sein ganzes Leben hindurch vergeblich ringt [...]. Daß ‚Jude‘ zum Juda wurde, läßt sich in diesem besonderen Fall einmal entschuldigen; im allgemeinen gilt jedoch für Eigennamen aufs strengste die Mahnung hands off! [...] Hier hat die Übersetzerin eigensinnig aus der Sue des Originals eine Suse gemacht; sofort schleicht sich ein fremder Zug in das Charakterbild dieses quicken, ätherischen Geschöpfs ein, und unnötigerweise wird die Erinnerung an eine ‚Traumsuse‘ heraufbeschworen. [...]“
 
Ein Märchenbuch von Oscar Wilde. Nation, Bd. 19, Nr. 31 (3.Mai 1902), 491-492.
The Happy Prince and Other Tales. Illustriert von Walter Crane und Jacomb Hood. 3. Aufl. London: David Nutt 1902. (Mason, Nr. 316). ● „Hoch über der Stadt steht die Statue des Glücklichen Prinzen. [...] Das ist in dürftigen Worten der Inhalt eines über alle Maßen schönen Märchens von Oscar Wilde. Man kann nur in Ausdrücken höchster Bewunderung davon erzählen. Man vergißt völlig, wer es geschrieben; daß sein Dichter ein modern Blasierter war, der den sterbenden Fechter, wie sein Geistesverwandter Heine sagte, in der eigenen Brust trug [Buch der Lieder, ‚Die Heimkehr‘, XLIV]. Man fühlt sich Kind und staunt. Man weiß nicht, was man mehr anstaunen soll: die Ursprünglichkeit und den Reichtum der Phantasie, den hohen Sinn in kind’schem Spiele, den feinen Humor, der aus dem Märchen wunderhold träufelt, oder den Wohllaut der Sprache, einer verwünschten Sprache, die nach Friedrich [Theodor] Vischers Wort den Klang erweckt, als brächte man zum Spaß unanständige Töne hervor [Auch Einer: eine Reisebekanntschaft, 9. Aufl., Bd. 2, Stuttgart 1902 (1. Aufl. 1879), S. 185]. ... – Freilich, Oscar Wilde verleugnet sich auch in diesem Gewande nicht ganz. Durch das Hinterpförtchen der Satire schlüpft er herein. Die reichen satirischen Zutaten stören mitunter den naiven Märchenton – für die Kinder wenigstens, die Erwachsenen hören auch daraus noch Melodie, wie wenn die Oboe, der Schalk des Orchesters, ein süßes Gegenthema mit stachligen Ranken umspinnt. An Clemens Brentano mag man sich erinnert fühlen. Etwa wenn die nachplappernden Stadträte verspottet werden, wenn der Professor der Ornithologie die Schwalbe im Winter erblickt und, sprachlos über dieses Phänomen, einen Artikel für den Lokalanzeiger der Stadt schreibt, in dem sehr viele unverständliche Ausdrücke vorkommen. Und echtester Wilde ist es, wenn der Liebhaber mit der Dame seines Herzens auf den Balkon hinaustritt, um ihr von der wundervollen Macht der Liebe vorzuschwärmen, und sie spitz erwidert: ‚Hoffentlich wird mein Kleid zur rechten Zeit für den Hofball fertig; die Näherinnen sind so träge.‘ Die Frauen sind ihm eben eitel und dumm, nichts weiter. Sogar ein Wortspiel kann der unerschöpfliche Präger von Paradoxen nicht unterdrücken: ‚There is no Mystery so great as Misery‘. [...] ● Vor zwölf Jahren [1888] ist das Märchenbuch erschienen. Walter Crane hat ihm seine sich trefflich anschmiegenden Zeichnungen mit auf den Weg gegeben; an erster Stelle den Glücklichen Prinzen mit dem sonnig heiteren Antlitz, die geliebte Schwalbe fragenden Blicks auf seiner Schulter sitzend. Jetzt hat ein Londoner Verleger einen Neudruck veranstaltet, da alles, was der Sträfling von Reading Gaol der Welt geschenkt, wie die päpstliche Bulle dem Scheiterhaufen überantwortet wurde. Gleichzeitig hat man auch wieder Wildes dramatischen Erstling Vera oder die Nihilisten ans Licht gezogen [Mason, Nr. 624]. Wir nehmen es als gutes Zeichen: die modernen Puritaner kommen doch allmählich von ihrer Auffassung der Welt als Kleinkinderbewahranstalt ab und lassen sich vom Frührot des zwanzigsten Jahrhunderts erleuchten.“ ●● Vgl. die Besprechung in der Zeit vom 19.07.1902.
 
Der große Muret. LE, Bd. 4, Nr. 16 (15. Mai 1902), 1108-1110.
Muret, Eduard & Sanders, Daniel, Enzyklopädisches englisch-deutsches und deutsch-englisches Wörterbuch. 1. Teil (2 Bde): Englisch-Deutsch. Berlin: Langenscheidt [1900]. ●● „Endlich haben wir ein englisches Wörterbuch! ... Thieme-Preußer und Flügel, die landläufigen Nachschlagewerke, reichten wohl für den Schulgebrauch aus, waren aber dem unermeßlichen Reichtum der Umgangssprache nicht gewachsen. Für einen Roman von Walter Scott genügten sie; bei Thackeray versagte häufig schon ihre Weisheit; bei einem Modernen, etwa Anthony Hope, ließen sie auf Schritt und Tritt im Stich. Zum Glück gibt es ausgezeichnete englische (oder amerikanische) Wörterbücher für die englische Sprache: Webster und Murray und das Century Dictionary, die uns stets aus der Verlegenheit halfen. ● Mit keinem von diesen braucht das von der Langenscheidtʼschen Verlagsbuchhandlung herausgegebene Werk den Vergleich zu scheuen. Einmal übertrifft es alle Vorgänger in Deutschland an Umfang: der englisch-deutsche Teil umfaßt in zwei Bänden 2460 Seiten zu je drei Spalten, zu je 82 Zeilen. Dann aber auch an Inhalt. Die Umgangssprache, diese Straßenschönheit, wird in ganz anderem Maße wie früher berücksichtigt. In England gibt es nämlich keine Akademie, die cerberusartig die Reinheit der Sprache bewacht und jede Redensart erst auf Herz und Nieren prüft, ehe sie in die Ahnengalerie zugelassen wird. Die Umgangssprache ist zwar keine Lady, aber eine gute Bürgerliche, und sie spielt in der Literatur eine gewichtigere Rolle als bei uns. So vermehrt die englische Literatur ihren Sprachschatz immer mehr auf Kosten der Reinheit. Aber das war von jeher das Prinzip des Englischen, das seine Grenzen nie schutzzöllnerisch absperrte. Konnte sich doch das Französische fast die Rechte einer eigenen Dynastie auf dem Inselland anmaßen. Populär, bei den unteren Volksschichten beliebt ist dieses nie geworden; aber in gehobener Rede füllt sie [sic] würdig ihren Platz aus. Und noch jetzt strömt dem alten Sprachstamm immer neues Blut zu, namentlich aus den Kolonien; mit dem Unterschied, daß die neuen Eindringlinge demokratischer Natur sind, während die französischen Elemente, wie gesagt, häufig ihre adlige Sonderstellung bewahrt haben. ● Ich betrachte es als ein Hauptverdienst Murets, daß er die Umgangssprache überall herangezogen hat. Freilich, es gibt da gewisse Grenzen, und sie sind nicht leicht einzuhalten. Der conversational talk hat einen gefährlichen, wenn auch gutmütigen, frohgelaunten Nachbar: das Slang. Slang ist beileibe nicht von vornherein Jargon, wie man oft in Deutschland wähnt. Das ist es nicht. Was es ist, darüber gehen die Meinungen noch auseinander. Vielfach nur Alltagsrede mit gesundem, derberem, schlagkräftigem Anstrich; eine nicht amtliche Sprache, nicht hall-marked, im Gegensatz zu dem echten Metall, das den Stempel der Innung trägt. Aber jeder gebraucht sie, gebraucht sie gern, der Herzog so gut wie der Kutscher, die Frau Professor (die, nebenbei bemerkt, in England glücklicherweise nicht existiert, sondern nur Mrs. Soundso) ebenso wie die Aufwaschfrau. Im Handumdrehen kann indes das Slang zum Argot, zum Cant werden. Jeder Stand hat sein eigenes Slang. Es gibt ein Börsenslang, ein Theaterslang, ein Rennbahnslang usf. Das ist in toto Jargon, und er ist naturgemäß in der Hauptstadt zu Hause und am ausgeprägtesten.  Hier heißt er Cockney: spezifisch Londoner Gemeinsprache und wohl auch gemeine Sprache, deren sich jedoch die Lebemänner der Provinz, und nicht nur diese, gleichfalls bedienen. Noch eine Stufe tiefer steht das Rotwelsch, die Gaunersprache, die in Schimpfnamen und sexuellen Dingen groß ist. Muret hat diesen entarteten Kindern der Sprache ihr volles Recht werden lassen und war erfolgreich bemüht, sie entsprechend einzudeutschen. So ist sein Wörterbuch vollständiger geworden als irgend eines seiner Vorgänger. ● Freilich, absolute Vollständigkeit ist schlechterdings unmöglich, da sich die Sprache in einem ewigen Fluß befindet. Ein Lexikon ohne Lücken käme mir vor wie das Leben ohne Wünsche. Aber man darf wohl sagen: der große Muret hat erreicht, was menschliche Kraft zu leisten vermag. Man wird das Gefühl der Bewunderung nicht los. Wo man ins volle Sprachenleben hineingreift: man staunt über die zweckmäßige Anordnung in diesem Makrokosmos. Und je mehr ich darin nachforschte, um so brennender ward mein Verlangen, irgend welche Mängel zu finden. Allein ich habe bis jetzt nicht einmal einen Druckfehler zu entdecken vermocht. Und was ich mir bei täglichem Verweilen in dieser Sprachschatzkammer aufgezeichnet habe, ist kaum der Rede wert. Da es die Pflicht eines jeden ist, hier wacker mitzutun, will ich das Wenige nicht verschweigen, was mir aufgefallen oder eingefallen ist: [...] Damit mag es genug sein. ● Wenn sich der deutsch-englische Teil einer ähnlichen Vollendung wie der englisch-deutsche rühmen kann, dann hätten wir das deutsche Wörterbuch, nach dem wir schon so lange ausschauen. [...]“ ●● Vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 6.2.1902.
 
Eine stille Geschichte. (Wistons). NZZ, 20. Mai 1902, Nr. 138 Morgenblatt.
Amber, Miles [Pseudonym von Ellen Melicent Cobden, verheiratet 1885-1899 mit dem Maler Walter Richard Sickert], Wistons: a story in three parts. London: T. Fisher Unwin 1902. (First Novel Library). ● „T. Fisher Unwin, der Londoner S. Fischer, hat eine Erstlingsromansammlung (First Novel Library) ins Leben gerufen und sie vielversprechend mit Wistons von Miles Amber eingeleitet. Die Frage erhebt sich: wem ist mit dem neuen Unternehmen gedient? Den Anfängern in erster Linie. Der Weg in die Öffentlichkeit soll ihnen geebnet werden. Freilich in England herrscht auf novellistischem Gebiet noch immer eine solche Überproduktion, daß man Neulingen die Lage nicht schwarz genug malen kann. Zumal bei der bekannten Abneigung des britischen Lesepublikums gegen unbekannte Namen. In dieser Hinsicht ist die First Novel Library ein Danaergeschenk für die literarischen Rekruten. Doch kann sie der Literatur zum Teil anschlagen. Denn ihr tut die Zuführung unverbrauchten Bluts not. Wie bei uns der dramatische, fehlt in England der novellistische Nachwuchs. Die Alten sitzen zu fest in der Gunst der Zeitgenossen. Ich wüßte nicht einen einzigen Schriftsteller, der sich in den letzten Jahren ehrenvoll durchgerungen und behauptet hätte. Man darf also dem Verleger Dank wissen, daß er gegen diese Konstellation Front macht, und ihn beglückwünschen, daß er als ersten einen homo novus ans Licht gezogen, dessen Namen man sich einstweilen merken darf. [Wie man sieht, war Meyerfeld nicht bewußt, daß der Name „Miles Amber“ ein Pseudonym war und daß es sich bei dem Autor um eine Frau handelte.] ● Erstlingswerke sind in der Regel der Niederschlag starker Erlebnisse; wenigstens bei starken Naturen. Wenn man indes bei Miles Amber vergeblich nach dem Erlebten ausschauen dürfte, so braucht man darum nicht voreilig auf die Persönlichkeit zu schließen. Einstweilen ist er noch im Bann des Erlernten. Und zwar scheint ihn hauptsächlich die moderne skandinavische Literatur beeinflußt zu haben. Daneben findet sich bei dem Anfänger noch eine ganze Reihe von Zügen, die zum Urväter-Hausrat der Belletristik gehören. Von den Engländern hat keiner nachhaltiger auf ihn gewirkt als Thomas Hardy. Speziell mit seinem Werk Far From the Madding Crowd. Miles Amber hätte seinen Roman, der jetzt nach der Örtlichkeit Wistons heißt, ebenso gut Fern vom Weltenlärm nennen können. Hat Thomas Hardy die Bauern des alten Wessex mit zäher Liebe dargestellt, so führt sein Schüler nach Sussex, ohne daß dieses Sussex von jenem Wessex sehr verschieden wäre. [...] Gegenüber der Indifferenz des Schauplatzes sind die Menschen teilweise mit um so individuelleren Zügen ausgestattet. Wenigstens die Bewohner von Wistons, während die Figuren aus der großen Welt, die Londoner Gesellschaft, ganz im Schemenhaften stecken bleiben. So kommt es, daß das erste Buch des Romans vortrefflich, das zweite völlig nichtssagend geworden ist; das dritte hält die Mitte zwischen den Extremen. ● [...] Eine große Symphonie des Schweigens ist dieses erste Buch. Stille, verschlossene Menschen hausen beieinander; selten oder nie sprechen sie miteinander, und wenn sie miteinander sprechen, sprechen sie aneinander vorbei. Aber sie machen auch von ihrem Schweigen kein Aufhebens, wie jener Held bei Racine, der pathetisch erklärt: ‚Je me suis tu cinq ans, Madame.‘ [Bérénice, I, iv. 209 f.: von MM des öfteren zitiert, z. B. in der Buchbesprechung vom 01.01.1905]. Sondern gleichen dem Pächter Gabriel Oak bei Thomas Hardy, der lautlos wartet, bis seine Stunde schlägt. ‚Far from the madding crowd‘ leben die Bewohner von Wistons in ihrem engen Zirkel und wollen nicht, daß ihnen jemand ihre Kreise störe. Und als Oberstimme schwebt fröhliches Kinderlachen darüber, doch es dringt nicht bis zu den Erwachsenen. ● Stünden die beiden folgenden Bücher auf der Höhe dieser stillen Geschichte, dann würden wir vor Miles Amber als vor einem Poeten den Hut ziehen. Doch nun tritt der Macher in seine Rechte, da die Geschicke der beiden Töchter erzählt werden. ● [...] Um dieser einen Gestalt willen [der Dienerin Betty] wird man manche Kreuz- und Quersprünge, die sich der Autor gestattet, ruhig hinnehmen. [...] Miles Amber steckt noch ganz in den Anfängerschuhen, aber sein Buch ist trotz vielen Irrungen voll menschlicher Züge, voller als die Romane manches routinierten Veterans. Und Betty darf in gemessenem Abstand neben Cäcilie v. Sarryn [in dem Schlußband der Romantrilogie Deutscher Adel um 1900 von Georg von Ompteda (1902)] genannt werden. Ich glaube, man darf sich einstweilen den Namen Miles Amber merken. [Tatsächlich erschien von ‚Miles Amber‘ nur noch der autobiographische Roman Sylvia Saxon (1914).]“
 
Herodes. NZZ, 26. Mai 1902, Nr. 144 Morgenblatt.
Stephen Phillips, Herodes: eine Tragödie. Autorisierte deutsche Ausgabe. Mettmann: Hugo von der Heyden 1902. ● „Der gedächtnisstarke Leser wird sich vielleicht erinnern, daß ich ihn vor Jahr und Tag (es war in der NZZ vom 7. Januar 1901) mit dem englischen Dramatiker Stephen Phillips und seiner Tragödie Herodes bekannt gemacht habe. Jetzt liegt sie uns in einer autorisierten deutschen Ausgabe vor, deren Verfasser sich nicht genannt hat [...], und dem des Englischen Unkundigen ist damit Gelegenheit gegeben, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ich habe das Drama mit seinen Vorzügen und Schwächen zur Zeit so ausführlich besprochen, daß ich jetzt nur noch mit ein paar Worten auf die Übersetzung einzugehen brauche. Sie ist mit Fleiß und Sorgfalt angefertigt. Man spürt überall das Bemühen, den Wortlaut des Originals möglichst getreu wiederzugeben. Wer da weiß, wie die landläufigen Übersetzer den Text obenhin behandeln, wird das als einen Vorzug betrachten. Aber man kann auch die Treue übertreiben, und von diesem Fehler ist die vorliegende Arbeit nicht freizusprechen. [...] Durch sein sklavisches Festhalten am Buchstaben ist das Drama beträchtlich an Umfang gewachsen. [...] Doch sei darauf nicht allzuviel Gewicht gelegt. Bedauerlicher ist die Schwunglosigkeit des Übersetzers. [...] Oder es begegnen undeutsche Partizipialkonstruktionen [...] Auch an Mißverständnissen fehlt es nicht [...]. Ich möchte trotzdem die Übersetzung nicht mit den Dutzendarbeiten in einen Topf werfen, weil sie das redliche Bemühen verrät, sich dem Original unterzuordnen und anzupassen. Ob es allerdings zweckmäßig war, Stephen Phillips gerade mit dem Herodes einzuführen, und dadurch für jeden deutschen Leser Hebbels Riesenschatten heraufzubeschwören, will mir recht fraglich erscheinen.“
 
Shakespeare-Jahrbuch. LE, Bd. 4, Nr. 17 (1. Juni 1902), 1222-1223.
Bd. 37, hrsg. Alois Brandl & Wolfgang Keller. Berlin: Langenscheidt 1901. ●● „Professor Brandl hat in diesen Blättern (III, Heft 10) die löblichen Grundsätze dargelegt, die ihn bei der Herausgabe des Shakespeare-Jahrbuchs leiten, als Erwiderung auf einige Vorschläge, die ich an dieser Stelle gemacht hatte. [Vgl. MMs Rezension von Bd. 36 des Jahrbuchs im LE vom 15.01.1901] ● In der Zwischenzeit hat die Shakespeare-Gesellschaft nicht nur eine stattliche Vermehrung ihrer Mitgliederzahl erlebt, sondern auch durch ihre Stellung zu der angeregten Revision der Schlegel-Tieckʼschen Übersetzung vielfach die Öffentlichkeit beschäftigt (vgl. LE III, Sp. 618, 1126, 1484, 1623). Diese schien nur allzu bereit, sich auf die Seite der Angreifer zu schlagen und die Gesellschaft für ihr ausweichendes Verhalten eines unangebrachten Quietismus zu zeihen. Zweifellos hat die Eidam-Wetzʼsche Verbesserungstheorie auf den ersten Blick etwas Bestechendes; das Prinzip des Fortschritts, das in ihr zum Ausdruck gelangt, findet allemal willige Anhänger, die von den Schwierigkeiten, die sich einem solchen Unternehmen entgegentürmen, nichts wissen oder nichts wissen wollen. Auch sind nicht alle Argumente, die die Shakespeare-Gesellschaft bewogen, sich der ihr zugeschobenen Aufgabe gegenüber für inkompetent zu erklären, glücklich oder stichhaltig. Wenn z. B. Herr von Possart im Hinblick auf die Mozartʼschen Operntexte geltend machte, daß die Schauspieler zäh an dem einmal eingebürgerten Wortlaut festhalten und sich nicht von der ‚schwungvollen‘ Übertragung Schlegels trennen wollen [LIII], so ließe sich ihm doch erwidern, daß er selbst sich um den gereinigten Figaro Verdienste erworben hat [...]. ● In zweierlei Beziehung schießt Wetz bedenklich übers Ziel. Zunächst unterschätzt er, in der Sucht, ein Besseres zu erlangen, das Gute: er verkennt oder schmälert Schlegels Verdienste. Und wenn er noch fünfundzwanzig Stellen aufstäche, in denen seiner Meinung nach Schlegel von den Nachfolgern übertroffen worden ist, so vermöchte er doch dem Gesamtwert dieser Übertragung nicht Abbruch zu tun. Auch ist das Material, das er bis jetzt angefahren hat, keineswegs so überzeugend, daß wir nicht das Recht hätten, anderer Ansicht zu sein. Zweitens verlangt er einen Übersetzer, der gar nicht verbessern, sondern ‚in selbständigem Ringen mit dem Dichter‘ diesen aufs neue eindeutschen soll [‚Zur Beurteilung der sog. Schlegel-Tieck’schen Shakespeare-Übersetzung‘, ES, Bd. 28, Nr. 3 (1900), 363]. Als ob sich der Sprachgewaltige nur so aus dem Ärmel schütteln ließe! Wer möchte es da der Shakespeare-Gesellschaft verdenken, wenn sie sich außer Stande fühlte, den Gottbegnadeten aus dem Boden zu stampfen? ● Ich meine, es gäbe vorderhand eine realere Aufgabe zu erfüllen, der sich kein Vorstand aus dem oder jenem Grunde zu entziehen brauchte. Wie wäre es, wenn die deutsche Shakespeare-Gesellschaft einmal die Bühneneinrichtung der Dramen des Elisabethiners in die Hand nähme? Da diese meist den Umfang eines Theaterabends übersteigen, hält sich jeder Regisseur für befugt, nach Gutdünken an dem Text herumzustreichen. Es existieren zwar gedruckte Bühnenausgaben, aber von ihrem Ruhme ward bisher nichts vernommen, und noch immer ist die Willkür des Regisseurs oder die mündlich überlieferte Schablone summa lex. Wäre es nicht an der Zeit, daß uns eine einheitliche Standard-Ausgabe zum Gebrauch der Bühnen geschenkt würde? Da könnten sich der Vorstand der Shakespeare-Gesellschaft und Wetz zu freundnachbarlichem Wirken vereinigen. ● Über das Jahrbuch will ich mich kurz fassen. Die Schlegel-Tieck-Debatte gibt ihm heuer einen polemischen Anstrich, wird jedoch durch die Gutachten der Dichter-Übersetzer Fulda, Heyse, Wilbrandt  mehr ausweichend als ausreichend behandelt [XXXVII-LV]. Ernst v. Possarts Festvortrag mit der langatmigen Frage: ‚Welches System der Szenerie ist am besten geeignet für die Darstellung verwandlungsreicher klassischer Dramen, insbesondere der Shakespeareʼschen?‘ [XVIII-XXXVI] empfängt eine sehr knappe Antwort: Lautenschlägers drehbare Bühne. Wenn man liest, daß sich diese von München aus angepriesene Erfindung kürzlich in Wien nicht einmal bei einer Aufführung der Lustigen Weiber von Nicolai bewährt hat, darf man erst recht keine Zweifel haben, wenn es sich um eine personenreiche Historie Shakespeares handelt. – Aus der Zahl der Beiträge verdient Max Friedländers Zusammenstellung der Werke Shakespeares in der Musik den Preis [85-122]: das ist weit mehr als ein erster Versuch, denn schon jetzt staunt man über die Vollständigkeit und die geschickte Anordnung des Materials. Richard M. Meyers Aufsatz über Otto Ludwigs Shakespeare-Studien ist zugleich belehrend und anregend [59-84]. Schade nur, daß diese Arbeiten nicht auf anglistischem Boden erblüht sind. Dagegen scheint mir der sonst vortreffliche Rudolf Fischer in der Repertoirestudie über Shakespeare und das Burgtheater allzuviel Gefallen an methodologischen Schubfächern zu finden [123-164]. Erwähnt sei noch, daß Friedrich Theodor Vischer diesmal mit einunddreißig Zeilen abgefertigt wird [248], daß die Zeitschriftenschau [270-305] gut, die Londoner Theaterschau [306-307] dagegen von sehr problematischem Wert ist.“ ●● Vgl. MMs Besprechung des Bandes in der NZZ vom 04.08.1901.
 
Aus der englischen Bücherwelt. LE, Bd. 4, Nr. 18 (15. Juni 1902), 1239-1244.
Stephen Phillips, Herodes. Eine Tragödie. Autorisierte deutsche Ausgabe. Mettmann: Hugo von der Heyden 1902; ders., Ulysses. A Drama in a Prologue and three Acts. London: John Lane 1902; Samhain: an occasional review,hrsg. für das Irish Literary Theatre von William Butler Yeats. Dublin 1901; Thomas Hardy, Poems of the Past and the Present. London & New York: Harper & Brothers 1902; Miles Amber [Mrs Ellen Melicent Cobden], Wistons: a story in three parts. London: T. Fisher Unwin 1902. (First Novel Library); John Fraser, Death the Showman. London: T. Fisher Unwin 1901; Richard Bagot, Casting of Nets. Leipzig: Tauchnitz 1901; Lucas Malet [Mrs Mary St Leger Harrison], The History of Sir Richard Calmady. London: Methuen 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Maarten Maartens [Joost Marius Willem van der Poorten-Schwartz], Some Women I have known. London: Heinemann 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901; Maurice Hewlett, New Canterbury Tales. London: Constable 1901 / Leipzig: Tauchnitz 1901. ●● „Wenn einmal von einem englischen Drama Notiz zu nehmen ist, dann gebührt einer solchen rara avis der Vorrang. Und wenn es gar von Stephen Phillips stammt, versteht sich solche Ehrenbezeugung von selbst – obwohl der Kritiker diesmal seinem Werk nicht allzuviel Ehre bezeugen kann. Der Dichter des Herodes (ein Anonymus hat ihn jetzt sehr wortgetreu und recht gespreizt übersetzt) schnitt mit Paolo und Francesca [1900] besser ab als mit dieser zusammengeschrumpften Staatsaffäre; schnitt mit seinen zartnervigen, sanft wogenden Gedichten besser ab als mit der von präraphaelitischer Sinnlichkeit erfüllten Liebestragödie. [Vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 26.05.02.] Ihren tiefsten Punkt hat einstweilen diese Abwärtsbewegung im Ulysses erreicht. Seitdem sich Phillips dem schauspielerischen Auftraggeber Beerbohm Tree verschrieben, hat er wohl sein alljährliches Theaterstück geliefert, ist aber keinen Schritt weiter gelangt, so daß er mit seinem jüngsten Erzeugnis etwa auf der Höhe von Herrn [August] Bungerts [Oper] Odysseusʼ Heimkehr [1896] steht. Es ist schmerzlich, das sagen zu müssen; denn Stephen Phillips schien berufen, das englische Drama aus den Niederungen der Tagessensation emporzuführen. Und nun gibt er sich bereits dazu her, wie irgendein fingerfertiger Bühnenspekulant ein Ausstattungsstück aufzuputzen, und scheut sich nicht, die Odyssee dramatisch auszuschlachten. Vom Himmel durch die Hölle auf die Oberwelt, aus dem Olymp über Ogygia, Kalypsos Eiland, durch den Hades gen Ithaka wandelt er ‚mit bedächt’ger Schnelle‘ [Faust, ‚Vorspiel auf dem Theater‘ ], das Beste dem Dekorationsmaler und dem Schneider überlassend. [...] Freilich die Sprache erhebt diesen Operntext streckenweise über das Mittelmaß. Die Götter reden in heroischen, die Heroen in Blankversen, die gemeinen Freier in gemeiner Prosa. Es ist nicht die Sprache der homerischen Welt, die der moderne Bearbeiter zurückruft, sondern die gemessene Sprache Tennysons. Und wenn die Engländer ihre Enttäuschung einstweilen noch verbergen und sich an diesen Einäugigen klammern: Stephen Phillips ist schwerlich der Mann, der ihnen das heiß ersehnte literarische Drama schenken wird. – Darum ist die Sache, für die sie jetzt so hoffnungsfreudig eintreten, noch nicht verloren. Die Hebung des Dramas wird eifrig begehrt, und zwar nicht etwa von wenigen verstiegenen Geistern, sondern die Gesamtheit der Gebildeten hat erkannt, daß es so nicht weitergehen könne. Im kommerziellen England suchen sie wirklich ein literarisches Drama zu begründen. Leider fehlt der Bewegung bis jetzt der Name eines Führers. Mit Schlagworten läßt sich allerdings so wenig ein Drama schaffen wie eine Schlacht mit Plänen gewinnen. ● Das empfinden auch die Iren, die der dramatischen Kunst zu einer neuen Blüte verhelfen möchten. Sie sind von der Nutzlosigkeit künstlerischer Bestrebungen in London überzeugt und haben sich daher abgesondert, um eine spezifisch irische Heimatkunst hervorzubringen. Sie soll der Belebung irischer Sagen und Märchen dienen und die alte, unterdrückte Sprache wieder in ihre Rechte einsetzen. Edward Martyn, George Moore und W. B. Yeats haben ihr Programm in einer Broschüre Samhain (der keltische Name für den Winteranfang) mit glühendem Enthusiasmus entwickelt. Aber ihnen mangelt es einstweilen nicht minder an einer überragenden Leistung, an der Illustration zu ihren Ideen, die vorderhand noch in der Luft schweben. Auch Diarmuid and Grania [1901], eine dramatische Bearbeitung der berühmten nationalen Sage, von George Moore und Edward Martyn [richtig: Yeats] gemeinschaftlich verfaßt, kann kaum mehr als ein nationales Interesse beanspruchen. Wenn es dieser Sezessionistengruppe gelingt, den guten Willen in die Tat umzusetzen, dann wird die englische Bühne aus der irischen Bewegung ihren Vorteil ziehen. Die redlichen Bemühungen hüben wie drüben verdienen Ansporn und Teilnahme. ● Um das Drama ringt man wenigstens: die Lyrik aber liegt fast ganz brach. Nur selten schießt auf diesem Stoppelacker ein Halm empor. Die Poeten haben offenbar zu der persönlichsten Art der Kundgebung das Zutrauen verloren; die Leser finden an den Scheinpersönlichkeiten des Romans mehr Gefallen. Selbst Thomas Hardys Poems of the Past and the Present leben hauptsächlich von den Zinsen des Epikers. Und doch sind sie für den Menschen Hardy ein ehrenvolles Zeugnis. Hier setzt er sich mit den letzten Fragen auseinander, die er seinen Schilderungen von Land und Leuten in Wessex nicht zumuten darf. Hier macht sich sein Pessimismus Luft. Hier wird der freundliche Anreger zu einem grimmigen Ankläger der grausamen Natur. Hier packt ihn der Menschheit ganzer Jammer, und verzweiflungsvoll tönt uns sein ‚Ich verstehe die Welt nicht mehr‘ entgegen. Die Verse an und für sich gewinnen erst als Beitrag zu Thomas Hardys Lebensauffassung Relief. ● Da hat der Roman vor den beiden Nachbargebieten doch einen beträchtlichen Vorsprung: er kann mit Positivem aufwarten. Diesmal fällt die Ernte sogar nach der literarischen Seite hin nicht unergiebig aus. Über Mannigfaltigkeit der Form war nie zu klagen; die Mannigfaltigkeit des Inhalts läßt nichts zu wünschen übrig. Augenblicklich ist der historische Roman einmal wieder am Ruder. Aber Autoren wie F. Marion Crawford (Marietta [1901]), S. Levett-Yeats (The Traitor’s Way [1901]), Henry S. Merriman (The Velvet Glove [1901]), Max Pemberton (Pro Patria [1901]), Stanley J. Weyman (Count Hannibal [1901]) u. a. bewegen sich zu sehr in den worn-out conventions, als daß die fadenscheinige Gattung unter ihren Fingern einen neuen Schnitt erhielte. Vielfach ist es nur ein Flüchten aus der Gegenwart in eine unkontrollierbarere Vergangenheit: ein Zugeständnis der Ohnmacht gegenüber dem klippenreichen Leben, das uns umrauscht. ● Alle diese Veteranen der Routine übertrifft der Anfänger Miles Amber an Mut. Der Verleger Unwin hat ihm den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt und seine neu begründete ‚First Novel Library‘ vielversprechend mit Wistons eingeleitet. [...] [Siehe die weitgehend identische Besprechung des Romans in der NZZ vom 20.05.02.] ● Ein anderer Neuling, John Fraser, wird sich vermutlich nie in so interessanter Frisur vorstellen. Der Titel seines Romans Death the Showman trägt eine symbolistische Stirnlocke zur Schau; mehr ist nicht daran. Man liest ihn zu Ende wie einen spannenden Prozeßbericht. [Vgl. die ausführlichere Besprechung in der VZ vom 25.03.02.] ● Den Problemroman vertritt Richard Bagot mit Casting of Nets. In diesem freundlichen Gegenstück zum Helbeck of Bannisdale der Mrs. Humphry Ward wird das heikle Thema der Mischehe mit schalkhafter Unbefangenheit behandelt, als ob ein Arzt über einen Krankheitsfall eine Humoreske schreiben wollte. [...] [Vgl. MMs Besprechungen in den ES 30, Nr. 2 (März 1902) und in der VZ vom 25.03.02, mit denen die vorliegende Rezension weitgehend übereinstimmt.] ● Von der Ehe bis zur Wiege geleitete uns Bagot; von der Wiege bis zur Ehe ihres Helden führt uns Lucas Malet, Mrs. Mary Harrison, Charles Kingsleys jüngste Tochter, in ihrer History of Sir Richard Calmady. Das Buch ist als Charakterroman großen Stils gedacht; und soweit sein Umfang in Frage kommt, wird dies eingelöst. [...] Für ein so dickes Werk ist, wenn ihm auch die Anerkennung für das große Wollen nicht versagt werden soll, das Können zu gering, die Ausbeute dementsprechend spärlich. [Vgl. MMs ausführliche und nahezu identische Besprechungen in der VZ vom 25.03.02 und in den ES, Bd. 31, Nr. 2 (Sept. 1902).] ● Der dünne Novellenband des englisch schreibenden Holländers Maarten Maartens Some Women I have known bietet nach der Richtung des künstlerischen Genusses mehr. Eine Galerie zwölf pikanter Frauenköpfe tut sich auf. Darunter steht als Leitspruch: Das Weib ist das ewige Rätsel. Einerlei welcher Nationalität es angehört. Naturgemäß oder vielmehr literarischer Tradition zufolge vertritt die Französin den Typus der Dirne, die Engländerin den der Gouvernante. Es sind mehr Bücherbekanntschaften als Individualitäten aus dem Leben. Warum wird die Französin nicht einmal als opferwillige Mutter und Erzieherin, die Engländerin als Geschöpf der Sinne dargestellt? Von der schablonenhaften Auffassung entfernt sich teilweise die erfreulich selbständige Durchführung. Ihren Gipfel erreicht sie in den beiden holländischen Novellen, in ‚John‘ und ‚Meess‘. Jene ist bedeutsam als keck hingepinselte Charakterskizze, diese durch den reichen Stimmungsgehalt. Alle zwölf Frauengeschichten, den Frauen ohne Geschichte gewidmet, drehen sich um die Beziehungen zu den Männern, als ob ihr Leben erst durch diese Kardinalfrage die höhere Weihe empfinge. Irgendwo heißt es: die Herzen der Frauen sind kein Spielzeug für Männer; dagegen lehnen sich die Frauen auf, aber die Männer lassen es sich bei Maarten Maartens gern gefallen, daß sie zum Spielzeug in schönen Händen werden. So stimmt der Holländer das alte Lied von Samson und Delila an. Die Fülle der Variationen täuscht über die Eintönigkeit des Refrains hinweg. ● Bei weitem die wertvollste Spende verdanken wir Maurice Hewlett, der durch die New Canterbury Tales seine italienischen Novellen [Little Novels of Italy (1899)] in den Schatten gestellt und in die erste Reihe vorgerückt ist. [...] [Vgl. MMs ausführliche Besprechungen in der NZZ vom 24./25.03.02, in der VZ vom 25.03.02 sowie in den ES, Bd. 31, Nr. 2 (Sept. 02)].“
 
Literatur und Kunst. NZZ, 25. Juni 1902, Beilage zu Nr. 174
Georg Hirschfeld, Freundschaft: Novelle. Berlin: S. Fischer 1902. ● „,Armer Georg Hirschfeld, an dem sich le malheur d’être poète so tragisch erfüllt!‘ Mit diesen Worten schloß ich vor zwei Jahren [richtig: ‚vor zwei Monaten‘] meine Besprechung seines letzten Dramas, des Märchens Der Weg zum Licht, das in seiner Unselbständigkeit fast einen peinlichen Eindruck hinterließ. Zum Dramatiker fehlt eben Hirschfeld so gut wie alles. Jetzt hat er die Scharte durch eine Novelle Freundschaft (bei S. Fischer in Berlin erschienen) ausgewetzt und seine Anwartschaft auf den Dichterehrentitel aufs neue bewiesen. [...] Georg Hirschfeld sollte für sich daraus die Nutzanwendung ziehen, daß die jährliche Lieferung eines Theaterstückes über seine Kräfte geht, während ihm die Novelle oder der Roman Gelegenheit gibt, seinen Ruhm, der durch Bühnenschlappen gelitten hat, neu zu befestigen.“ ● Vgl. MMs ‚Berliner Theater- und Kunstbriefe‘, Nr. 7, Teil 1 in der NZZ vom 28.04.1902. (Siehe Rubrik ‚Theater‘.)
 
Helene Richter, Thomas Chatterton. ES, Bd. 31, Nr. 1 (ca. Juli 1902), 127-132.
Wien u. Leipzig: Wilhelm Braumüller 1900. (Wiener Beiträge zur englischen Philologie, Nr. 12). ● „Wir besitzen für Chatterton die ausgezeichnete zweibändige ausgabe von [walter w.] skeat [1871], die kaum einen wunsch offen lässt und namentlich die sprache der Rowley-dichtungen eingehend und verdienstvoll behandelt. Eine deutsche biographie [...] hat uns bisher gefehlt; denn [hermann] püttmann (1840) ist gründlich veraltet. Helene Richter [Wien 1861 – ermordet Theresienstadt 1942], die sich schon an Shelley versucht hatte [1898], wollte diese lücke ausfüllen. Mit dem schwergepäck des hopliten tritt sie auf den plan, aber die wissenschaftliche rüstung beengt und beklemmt sie ein wenig. Das tatsächliche material, das sie emsig und vollständig anfährt, lässt sie nicht recht zu einer plastischen darstellung gelangen. Chatterton kann so gut wie Shelley eine biographin vertragen, etwa im gegensatz zu Byron, dessen künftigem biographen wir nicht genug verve wünschen können, damit dieser schöne lebensrausch nicht in schlafrock und pantoffeln nacherzählt werde. Chatterton braucht liebe und mitleid. Niemand wird sie ihm versagen, der die herzbewegenden Londoner briefe des vom leben zernichteten einmal gelesen hat. Die schrullen und fehler des eigenwilligen, pathologisch veranlagten knaben brauchen darum nicht übersehen zu werden. Sein charakterbild ist so scharf umrissen, dass es nie in der literaturgeschichte geschwankt hat. Obgleich der frühreife den problematischen naturen angehört, gibt er doch keine rätsel auf. ● Die sprachliche untersuchung, die die Rowley-dichtungen heischen, hat Helene Richter [...] unter den tisch fallen lassen. [...] Auf Skeat gestützt, hätte das sprachliche in ein paar sätzen erledigt werden können; ganz zu entbehren ist es aber in einer so umfangreichen biographie, die bei belanglosen dingen oft lange verweilt, nur schwer. Chatterton’s angelsächsische kenntnisse sind etwa die eines studenten im ersten semester. [...] Der irrtümer ist fast kein ende. Merkwürdig bleibt es aber, dass dieses mit eigenen zutaten angerührte gemisch das poetische element des Bristoler wunderkindes ist. [...] ● Als eine sehr angenehme, wenn auch nicht durch den charakter der wissenschaftlichen monographie erforderliche zugabe müssen die eingestreuten übersetzungsproben gelten. Hier hat Helene Richter vortreffliches geleistet. Es lohnte sich wohl, diese übersetzungen selbständig herauszugeben. Nur selten wird ihr der reim zur fessel; selbst schwierigere versmasse werden mit anerkennenswerter geschicklichkeit gehandhabt. Gerade darum möchte ich einige ausstellungen und verbesserungsvorschläge nicht unterdrücken: [...]; doch wäre es ungerecht, auf solche kleinigkeiten gewicht zu legen in anbetracht der sorgfalt, die auf das ganze verwandt wurde. ● Den schlüssel zu Chatterton besitzen wir in dem ebenso wichtigen wie richtigen selbstbekenntnis: ‚Sie müssen wissen, dass neunzehn zwanzigstel meines wesens stolz sind.‘ Aber statt dagegen anzukämpfen und die gefährliche anlage zu bezwingen, schwelgt der knabe, dem durch des vaters vorzeitigen tod der strenge erzieher geraubt war, förmlich in diesem stolz. [...] Ich habe versucht, zu den wichtigsten ereignissen in Chattertons leben stellung zu nehmen. Helene Richter hat sich oft nur auf eine objektive darstellung beschränkt, wie sie sich auch bei der einschätzung der gedichte nicht recht mit ihrem urteil hervortraut. [...] Zu einzelheiten hätte ich folgendes anzumerken: [...]“ ●● Vgl. MMs Rezension im LE vom 15.03.1902 sowie seinen Essay über Chatterton in der Nation vom 05.10.1901. Siehe Sektion ‚Aufsätze‘.
 
Oscar Wilde: The Happy Prince and Other Tales. Zeit, Bd. 32, Nr. 407 (19. Juli 1902), 45-46.
Illustriert von Walter Crane & Jacomb Hood. 3. Aufl. London: David Nutt 1902 (Mason, Nr. 316). ● „Zwei Werke von Oscar Wilde sind unlängst in Neuauflage in London erschienen, sein dramatischer Erstling Vera or the Nihilists aus dem Jahre 1882 (bei Wright & Jones) [ein Raubdruck (s. Mason, Nr. 624)] und die Märchensammlung The Happy Prince and other Tales aus dem Jahre 1888: ein erfreuliches Zeichen dafür, daß sich die Engländer auf den Jahrhundertanfang besinnen und die mittelalterliche Strenge, die sie den Dichter bei Lebzeiten fühlen ließen, nach seinem Tode nicht fortzusetzen gedenken. Daß Oscar Wilde mit seinem an Heine gemahnenden Selbstzersetzungstrieb in den Gefilden des Märchens als ein von kindlicher Glorie Umstrahlter einherwandeln würde, ließen seine übrigen Schriften kaum vermuten. Die glühende Phantasie, die er wie ein Pfauenrad z. B. in Dorian Gray und teilweise in der Salome aufschlägt, kann sich hier ungehemmt entfalten. Man kann ihm nur Clemens Brentano im ungezwungenen Spiel der Sinne an die Seite stellen. Und wie der Romantiker ruft er die Satire als Bundesgenossin auf, indem er etwa die Schwunglosigkeit des Philisters, die am Praktischen klebende Sinnesart des Bureaukraten oder die heillose Eitelkeit des weiblichen Geschlechts bespöttelt. Die redselige Einfalt Wilhelm Grimms ist diesem modernen Blasierten versagt, aber seine Satire ist zum Glück nicht mit dem bitterbösen Gift eines Swift gemischt. Erwachsene werden sie als Paprika, doch nicht als Asa foetida empfinden; sie wird den Genuß der Kinder nicht beeinträchtigen. Unter den fünf in diesem Bande vereinigten Märchen gebührt dem ‚Glücklichen Prinzen‘, der der Sammlung den Titel gegeben, die Palme. [...] Ich kann mich nicht erinnern, je ein entzückenderes Märchen gelesen zu haben. Und die Sprache umflutet es mit einem Wohllaut, daß die hartnäckigsten Zweifler an der Melodie des Englischen, das nach Friedrich [Theodor] Vischer Gott im Lachkrampf erfunden haben soll [Auch Einer: eine Reisebekanntschaft, 9. Aufl., Bd. 2, Stuttgart 1902 (1. Aufl. 1879), S. 185], eines besseren belehrt werden können. In der Gesellschaft dieses Kleinods müssen die anderen Spenden des Bandes etwas verblassen. Doch besitzt ‚Die Nachtigall und die Rose‘ immer noch genug eigene Leuchtkraft. In der ‚Rakete von Stand‘, einer Unterhaltung verschiedener Feuerwerkskörper, feiert die Phantasie des Dichters wahre Orgien: wir dürfen Oscar Wilde hier als Vorläufer Rudyard Kiplings ansprechen; allerdings verleugnet sich hier zum Schaden des naiven Märchentons seine paradoxe Art nicht, etwa wenn er die Empfindlichkeit einer Person dahin erklärt, daß sie beständig, weil sie selbst Hühneraugen hat, anderen Menschen auf die Füße tritt. Solche Auswüchse sind indes nicht von Belang. Wer in einer Feiertagstunde den ‚Glücklichen Prinzen‘ liest, fühlt sich belohnt genug, und wer ihn den Kindern vorliest, wird ihre Augen leuchten sehen.“ ●● Vgl. MMs Rezension in der Nation vom 03.05.1902.
 
Quellenstudien zu Robert Burns 1773 bis 1791. LE, Bd. 4, Nr. 21 (1. August 1902), 1507-1508.
Erweiterte Fassung einer Dissertation (Halle 1899) von Otto Ritter (1876-1963). Erschienen in der Reihe Palaestra, hrsg. Alois Brandl & Erich Schmidt, Bd. 20. Berlin: Mayer & Müller, 1901. – „Mit treufleißiger Belesenheit in der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts und rastloser Emsigkeit hat sich Otto Ritter bemüht, alles zusammenzutragen, was Robert Burnsʼ Abhängigkeit von seinen Vorgängern zu erweisen imstande ist. Obwohl sich die Untersuchung nur bis zum Jahre 1791 (einem recht willkürlich gewählten Einschnitt) erstreckt und noch eine beträchtliche Zahl von Liedern aussteht, darf man sagen, daß kein neuerer Lyriker bisher in diesem Umfang auf seine Quellen hin geprüft worden ist. Die Burns-Philologen werden an dieser, Kleinstes und Allerkleinstes buchenden, Arbeit ihre Freude haben. Sie verschmäht es nicht, die allgemeinen Erörterungen zu einem Gedicht gelegentlich auf knapp zwei Seiten abzutun und den Einzelheiten volle siebeneinhalb Seiten zu widmen. Unsere Erkenntnis des Dichters wird dadurch um keinen Schritt gefördert, weil der Verfasser zwar stets das Entlehnte ausfindig zu machen weiß, aber nur in seltenen Fällen das Eigene hervorhebt. So betriebene Quellenstudien sind nichts anderes als literarische Motivenjägerei, die einen Dichter als Plagiator erscheinen läßt. Burns fällt, wie wir erst seit einigen Jahren wissen, keineswegs aus dem Rahmen der englischen Lyrik; doch gehört er, so sehr er sich dem Gedankenkreis des 18. Jahrhunderts einfügt, wofür Ritter zahllose Belege im einzelnen beibringt, bekanntlich der ganzen Welt an. Und diese muß schaudernd zusehen, wie ein Sänger, dem Apoll ‚der Lieder süßen Mund‘ [Schiller, ‚Die Kraniche des Ibykus‘] geschenkt, hier zerfasert wird. Käme einer und würde in ähnlicher Weise – sagen wir – Hölderlin kurz und klein schneiden, er würde uns einen schlechten Dienst erweisen. Diese Erwägungen haben mich zur Zeit bestimmt, die Dissertation Ritters in den Englischen Studien [Bd. 28, H. 1, (1900), 125-129] abzulehnen, und wenn er mich dafür jetzt in der Vorrede seines Buches hämisch anfährt, so lasse ich mir das mit Seelenruhe gefallen.“ ● In Ritters Vorwort heißt es: „[Vorliegende Schrift] ist hervorgegangen aus einer Abhandlung, die im Jahre 1897 den Königlichen Preis der Universität Berlin erhielt. Ihr erster Teil erschien 1899 als Dissertation unter dem Titel Quellenstudien zu Robert Burns für die Jahre 1773-1783. – Die im selben Jahre erschienene Broschüre von Meyerfeld, Robert Burns. Studien zu seiner dichterischen Entwicklung (eine Preis-Konkurrenzarbeit, wie ich zum Verständnis und zur Würdigung der Meyerfeldʼschen Kritik meiner Dissertation in den Englischen Studien, Band 28 bemerken will), hat mich nichts Neues lehren können; ein paar Punkte, in denen ich mich mit M. in Übereinstimmung fand, lag kein Anlaß vor, zu tilgen.“ (S. I Anm.)
 
Neuere Erzählungsliteratur. ES, Bd. 31, Nr. 2 (ca. Sept. 1902), 303-313.
George Moore, Sister Teresa. Leipzig: Tauchnitz 1901; Lucas Malet [Mrs. Mary St. Leger Harrison], The History of Sir Richard Calmady. Leipzig: Tauchnitz 1901; Maurice Hewlett, New Canterbury Tales. Leipzig: Tauchnitz 1901. ● Datiert Ende Febr. 1902. ●● „Nach all den tageswichtigkeiten und -nichtigkeiten, die der referent an dieser stelle anzeigen mußte, gewährt es ihm besondere freude, daß er einmal kunstwerken gegenübersteht. Doch von verschiedenem gepräge und wert. Lucas Malet, Charles Kingsleys jüngste tochter, hat die brücke, die sich zwischen wollen und können spannt, noch nicht ganz überschritten; sie will einstweilen noch mehr als sie kann, darum gewinnen wir bei aller anerkennung ihrer guten absichten kein inneres verhältnis zu ihrem roman. Maurice Hewlett, der uns zuletzt mit seinem modern-realistischen Richard Löwenherz [The Life and Death of Richard Yea-and-Nay] eine probe seines talents gegeben, fordert diesmal einen großen der englischen literatur kecklich in die schranken: Meister Chaucer würde sich seines begabten schülers freuen. George Moore endlich, ein Ire von geburt, der sein bestes in Frankreich gelernt, nimmt darum einen hervorragenden platz unter den zeitgenössischen schriftstellern englands ein, weil er individuelle menschen individuelle schicksale erleben läßt; das kann ihm in einer periode, in der so viele am typus hängen, nicht hoch genug angerechnet werden. ●● Gerade deswegen gehen vielleicht die ansichten über ihn so weit auseinander. Bewundert viel und viel gescholten: das gilt von keinem andern mehr als dem dichter der Esther Waters [1894]. Am ehesten denke ich seinem roman Sister Teresa, der den zweiten teil seiner Evelyn Innes bildet, gerecht zu werden, indem ich hier das urteil eines kritikers [E. P. Evans] einer angesehenen deutschen fachzeitschrift [Die schöne Literatur: Beilage zum Literarischen Centralblatt für Deutschland, Jg. 3, Nr. 3 (01.02.1902), S. 42] anführe; nicht um mich auf eine wohlfeile polemik einzulassen, sondern um zu zeigen, wie ein autor mißverstanden werden kann: ‚In dem vor drei jahren erschienenen roman Evelyn Innes bleibt es unentschieden, ob die in wilder ehe lebende heldin sich der demimonde ganz anschließen oder ins kloster gehen und das gelübde der keuschheit ablegen werde. Wir bemerkten damals [Literarisches Centralblatt für Deutschland, Jg. 1899, Nr. 12 (25.03.99), Sp. 421], wenn dieser schluß nicht als künstlerisch verfehlt zu bezeichnen sei, so dürfte er auf eine fortsetzung der erzählung hindeuten. Im vorliegenden roman Sister Teresa hat die leichtsinnige dame den entschluß gefaßt, als ordensschwester den rest ihres lebens der andacht zu widmen. ... Den mittelpunkt des interesses bildet die eingehende schilderung des täglichen lebens der nonnen, die in bezug auf eifersucht, frivolität und andere nichts weniger als verehrungswürdige charakterzüge es mit den ehrgeizigsten und listigsten modedamen aufnehmen könnten. Wenn der verf. das beschauliche leben der klosterschwestern verspotten wollte, so hat er diese absicht durch seine ausführliche und äußerst anschauliche darstellung völlig erreicht. Auch Sister Teresa bleibt beim schluß der erzählung am scheidewege stehen und scheint in der schwebe zu hängen und nicht bestimmen zu können, ob sie das heilige gelübde halten oder heimlich in die welt zurückkehren soll. Dem anschein nach werden wir ihr nochmals [irgendwo] begegnen.‘ ● Aus dieser kritik läßt sich ungemein viel lernen, weil sie in jedem punkt verfehlt ist. Evelyn Innes schloß mit einem fragezeichen: die heldin schwankte zwischen dem kloster und der bühne, war noch unentschlossen, ob sie fortan die vita contemplativa einer nonne führen oder zur vita activa der künstlerin zurückkehren solle. [...] Klipp und klar ist dieser konflikt am schluß des ersten bandes angedeutet, in seinen umrißlinien entworfen. Was daran künstlerisch verfehlt sein soll, hat uns der kritiker wohlweislich verschwiegen. Durchaus falsch ist aber die vermutung, Evelyn könne ‚sich der demimonde ganz anschließen‘; das will doch besagen: sie werde eine ‚waif‘ werden. Mit solchen ausdrücken sollte man überhaupt kunstwerke verschonen. Denn es ist unendlich leicht, die berühmtesten gestalten der weltliteratur ins gemeine hinabzuzerren, Ödipus etwa einen blutschänder, Gretchen eine kindesmörderin und Philine eine dirne zu nennen. ● [...] Mit hinreißender schönheit wird geschildert, wie die primadonna den anschluß an die nonnen, diese geschlechtslosen wesen, sucht. Das gelingt nur unvollkommen, weil an ihrer persönlichkeit noch allerlei imponderabilien aus einer anderen welt, aus der welt haften. Geradezu eine entstellung ist es, wenn von diesen sanften, unschuldsvollen, von präraphaelitischer weichheit umflossenen geschöpfen behauptet wird, sie könnten es ‚in bezug auf eifersucht, frivolität und andere nichts weniger als verehrungswürdige charakterzüge mit den ehrgeizigsten und listigsten modedamen aufnehmen‘. Man denke etwa, wie Diderot in der Religieuse dieses milieu behandelt hat, wie er geheime laster mit einer beispiellosen schlüpfrigkeit beschreibt, um den ganzen unterschied von dem Mooreʼschen gemälde zu erfassen. Wenn den frommen schwestern kleine menschliche schwächen beigelegt werden – gleichsam ein letztes überbleibsel jener welt, deren leidenschaftlichkeit nicht mehr an ihre zelle brandet –, so ist das ein überaus feiner dichterischer zug. Von einer ‚verspottung‘ kann nicht im entferntesten die rede sein. Ganz im gegenteil: mit einer rührenden liebe wird dieses sorglose, aber enge dasein dargestellt, im einzelnen mit bewundernswerter kenntnis. Und ebenso gröblich mißverstanden wird das ende, wenn gesagt wird, auch Sister Teresa scheine in der schwebe zu hängen und nicht bestimmen zu können, ob sie das heilige gelübde halten oder heimlich in die welt zurückkehren soll. [...] Schwester Teresa gehört dem kloster. Sie hat späte pflichten gefunden. Aus der gefeierten Wagner-sängerin wird eine gesanglehrerin. Und auch ihrem werkeltag wird die sonntagstille scheinen. ● Man könnte einwenden: es ist kein gutes zeichen, wenn ein autor so mißverstanden werden kann. Das schicksal, sollte ich denken, ist größeren als George Moore nicht erspart geblieben. Auch wird es hier nicht durch die neigung zum hineingeheimnissen verschuldet, denn die ‚äußerst anschauliche darstellung‘ rühmt sogar sein widersacher. Damit hat er einen wesentlichen zug des dichters bezeichnet, das was ihn über die meisten zeitgenossen erhebt. George Mooreʼs kunst ist ganz auf seelenanalyse angelegt. Von handlung im landläufigen sinn, der sich an die äußerlichen geschehnisse hält, ist bei ihm nur ein geringes maß übrig geblieben. [...] Psychologische wandlungen sind zu offenbaren, und darauf versteht sich Moore in hervorragendem maße. Er seziert seelen mit wahrhaft wissenschaftlicher sorgfalt, die jedoch nie in theoretisieren ausartet, dagegen gelegentlich zu wiederholungen greifen muß. In dem bestreben, jedes winkelchen in diesem gehäuse zu durchleuchten, die denkbar größte plastik zu erzielen, bewegt sich der dichter mitunter in einer kreislinie. [...] So ist diese wiederholung zu einem charakteristischen merkmal seines stils geworden. [...] Hätte der dichter selbst nicht die empfindung, daß das stilistische seiner werke verbesserungsfähig, so wäre er nicht stets zu umformungen geneigt. Evelyn Innes liegt bereits in einer dritten, Sister Teresa in einer zweiten fassung vor, und noch immer ist die endgültige form, in die der dichter sein buch zu bringen wünscht, nicht erreicht. Zweifellos, das ist eine schwäche, die hoffentlich nicht bei andern überhand nimmt, aber sie legt beredtes zeugnis für den hohen künstlerischen ernst George Mooreʼs ab. Den können heute selbst seine gegner nicht mehr leugnen. [Vgl. MMs Besprechungen des Romans in der Zeit vom 24.08.1901 und in der NZZ vom 16.10.1901.] ●● Von dem stilistischen stil will ich zuerst sprechen, indem ich zu Lucas Maletʼs History of Sir Richard Calmady übergehe. Der roman hat beträchtliches aufsehen erregt, durch seine form nicht minder als durch den inhalt. Es ist das umfangreichste novellistische erzeugnis, das England seit den tagen der Eliot gehabt hat [...]. Dabei umspannt der roman keineswegs das gesamte leben seines helden [...], sondern nur den abschnitt von der geburt bis zu seiner vermählung. Und es ist überdies ein leben, dem von vornherein die taten versagt sind. Diese äußere hypertrophie wird durch nichts gerechtfertigt und hat sich im einzelnen bitter gerächt, indem die verfasserin wahre satzungetüme aufrollt. Schon auf s. 15 des ersten bandes begegnet die folgende julklapp von verschachtelungen: [...] Leider steht ein solches satzungeheuer nicht vereinzelt da. Wenn die verfasserin glücklich einmal bei einem punkt angelangt ist – und wir atmen dann erleichtert auf –, ist es nur ein einschnitt fürs auge; der gedanke aber flutet darüber hinweg. Vermittelst der Concatenatio wird der fröhliche anfang an das fröhliche ende geknüpft, etwa in des dritten buches sechstem kapitel: [...] Auf schritt und tritt stößt man auf dieses stilmittel, so daß die aufmerksamkeit beständig von dem inhalt auf die arg verwahrloste form abgelenkt wird. [...] ● Lord Byron und Richard III., will mich bedünken, haben bei Richard Calmady Pate gestanden; ein dichterleben und eine dichterische figur. Von seinem königlichen patron hat er nicht nur den taufnamen, sondern auch [...] manchen charakterzug, vor allem die vanité de monstre und die dämonie. Von Byron hat er die körperliche verunstaltung, nur daß sie bei ihm zu einer scheußlichen verkrüppelung geworden ist. Richard Calmady fehlen die unterschenkel. Sein vater hat bei einem sturz vom pferd beide beine gebrochen, und eines mußte ihm sogar kurz vor seinem hinscheiden noch amputiert werden. Lady Calmady, die sich in gesegneten umständen befand, bringt ein kind zur welt, dessen mißgestalt in direktem zusammenhang mit dem schrecklichen unfall steht. [...] Auf diesem zwergenhaften körper sitzt aber ein apollinischer kopf, wobei man wiederum an Lord Byron zu denken geneigt ist. Im gegensatz zu Byronʼs mutter, deren grausamkeit in der Bertha des ungeformten mißgeformten [The Deformed Transformed] verewigt ist, scheint mir Richards mutter erfunden. Sie ist ganz hingebung, aufopfernde liebe. Jeden wunsch ihres sohnes erfüllt sie, um ihn für die ungerechtigkeit der natur zu entschädigen. [...] Durch diese rührende güte zieht sie aber ein selbstsüchtiges wesen groß, bei dem es nur eines geringsten anlasses bedarf, um alle niedrigen instinkte hervorbrechen zu lassen. Richard wünscht nämlich sich zu verheiraten [...]. Aber die furchtbare enttäuschung bleibt nicht aus: das mädchen, das sich unter dem einfluß seiner sippe bereit erklärt hatte, Richards frau zu werden, findet in elfter stunde noch den mut, das verlöbnis zu brechen [...]. Dieser alltägliche vorfall führt zu einer umwälzung in Richards charakter. Alle bösen triebe, die bisher unter der obhut seiner mutter verborgen geblieben waren, stürzen hervor. [...] Kann er nicht die liebe eines weibes erringen – erklärt er brutal seiner mutter –, so will er wenigstens die liebe der weiber erkaufen. Nicht anders wie Richard III. in seinem berühmten eingangsmonolog ruft er aus: ‚Ich bin gewillt, ein bösewicht zu werden.‘ Und er besorgt es gründlich. Zur rechten zeit scheint sich Lucas Malet wieder Lord Byrons zu erinnern: sie läßt ihren helden nach Italien eilen und sich dort einem ausschweifenden lebenswandel ergeben. [...] Und vielleicht hätte ihn die verfasserin auch noch nach Griechenland geleitet, um einen heroischen abschluß zu gewinnen, wäre ihr held überhaupt zu einer solchen aktion fähig gewesen. Statt dessen streckt ihn ein nervenfieber nieder. Wie ihn die heiratsabsage aus den angeln gehoben hat, renkt ihn die krankheit wieder ein. Er genest unter der pflege seiner mutter und kehrt nach England und damit zu gesitteten verhältnissen zurück. Dort widmet er sich der sozialen aufgabe, und die poetische gerechtigkeit beschenkt ihn sogar zu guter letzt noch mit der hand eines wackren, liebenswerten mädchens. ● Es mag die verfasserin gereizt haben, die entwicklung dieses absonderlichen wesens, ‚a unique development as much outside the normal social as outside the normal physical law‘ [Bk. III, ch. 9], aufzuzeichnen. Hätte sie dies in einem band und in einer weniger geschwollenen darstellung vermocht, dann besäßen wir vielleicht einen charakterroman mehr. Bereitwillig sei anerkannt, daß Lucas Malet die ausgetretenen geleise vermeidet, daß sie eigenes zu geben bestrebt ist. Aber sie geht nicht auf das leben als auf die erste quelle zurück, sondern schöpft mehr oder minder aus der belletristik. Und darum kommt sie nicht über second-hand impressions hinaus. Es ist kein zufall, daß uns von den sämtlichen personen dieses dickleibigen romans, abgesehen von dem helden, nicht eine einzige näher tritt. [...] Aber als größten mangel empfinde ich doch das mißverhältnis zwischen form und inhalt. [Vgl. die ausführlichen Besprechungen in der VZ vom 25.03.02 und im LE vom 15.06.02.] ●● In dieser beziehung war Maurice Hewlett vor eine schwierigere aufgabe gestellt, als er daran ging, Neue Canterbury-geschichten zu erzählen. Man staunt ob dieser kühnheit des modernen, der den anschein erweckt, als wolle er dem vater der englischen literatur den kranz von der stirne reißen. Wahlverwandtschaften, La Comédie Humaine oder Vanity Fair sind gewiß titel, die sich manchem schriftsteller empfohlen hätten; doch hielt sie künstlerische bescheidenheit zurück, sich in die nachbarschaft der meister zu wagen. Hewlett meint es übrigens gar nicht so tragisch; er hat sich nur die rahmenfabel von Chaucer geholt und wollte ein paar gute geschichten vortragen, für die er um einen sammelnamen verlegen war. Dabei sind sie eigentlich viel mehr in der art des Boccaccio ausgefallen. Gewiß, Chaucers pilger waren nicht die einzigen, die zum grabe des heiligen Thomas nach Canterbury wallfahrten. Doch hätte der moderne dichter nicht mit einem leuchtenden etikett prunken sollen, wenn seine einkleidung bloße staffage blieb. Denn von der wohl überlegten anordnung, die Chaucers gewaltiger torso durchblicken läßt, von dem gesetz der abwechslung und des kontrasts, das für ihn maßgebend war, von der wechselseitigen kunst der charakteristik, die jeder erzählung erst durch die person des erzählers ein besonderes relief lieh, von all dem kann füglich bei einem halben dutzend geschichten nicht gut die rede sein. Immerhin war der nachahmer bemüht, seinen strauß mit einer passenden schleife zusammenzubinden und die personen einigermaßen mit dem inhalt der histörchen in einklang zu bringen. Eine künstlerisch schwerwiegende leistung war das bei der sechszahl der vortragenden nicht. Übrigens scheint Hewlett diesen umstand empfunden zu haben, denn in seinem prolog, der nichts weiter als ein avis au lecteur ist, bittet er ein wenig kleinlaut, den erzählungen mehr aufmerksamkeit zu widmen als den erzählern. Danach möchte ich mich richten und von diesen wechselbeziehungen, die keiner erörterung bedürfen, nicht notiz nehmen. ● Die liebe ist das gemeinsame thema dieses sextetts, das variationsreich besungen wird. [...] Um dieses kleinen juwels willen, das die sammlung birgt [‚Saint Gervase of Plessy‘], kann man sogar den gefallsüchtigen titel vergessen und den Neuen Canterbury-geschichten ein dankbares angedenken bewahren. Und die Engländer, denen ihre besten zeitgenössischen dichter durch die neigung, sich im irrgarten der reflexion zu tummeln, entfremdet  worden sind, dürfen in Maurice Hewlett einen naiven märchenerzähler von poetischer gestaltungskraft begrüßen. [Vgl. die Besprechungen in der NZZ vom 24./25.03.1902 und in der VZ vom 25.03.1902.]“
 
Max Schmidt, Happy-go-Lucky Land. ES, Bd. 31, Nr. 3 (ca. Nov. 1902), 433-434.
Untertitel auf Umschlag: England through German glasses. London: T. Fisher Unwin 1901. (Datiert 04.04.02.) ● „Vierzig jahre hat der verfasser dieser kleinen schrift mit den Engländern zu tun gehabt: an erfahrung kann es ihm da wahrlich nicht mangeln. Wäre sie allein von der länge der zeit abhängig, dann könnten unsere erwartungen nicht hoch genug gespannt werden. Doch mancher lernt es nie – und dann noch unvollkommen, sagt der volksmund. Zwar erklärt herr Max Schmidt emphatisch (s. 8), mit stolz dürfe jedermann bekennen: ‚civis Britannicus sum‘, das hindert ihn indes nicht, zwei seiten später die Engländer ‚the most ignorant of the great nations and, at the same time, the most opinionated‘ zu nennen. In neun weiteren kapiteln werden die regierung, die flotte, das heer, die hochkirche, die erziehung, der sport, die trunksucht, die koloniale tätigkeit und die gesellschaft der engländer durchgehechelt. Eine wahre kapuzinade wird vom stapel gelassen; nur fehlen ihr die forschheit und der witz, die sie erträglich machen könnten. [...] Man brauchte überhaupt von diesem buch nicht notiz zu nehmen, wäre es nicht bei einem ersten Londoner verleger erschienen.“
 
Shakespeare-Jahrbuch. LE, Bd. 5, Nr. 5 (1. Dezember 1902), 356-357.
Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft, hrsg. Alois Brandl & Wolfgang Keller, Bd. 38, Berlin: Langenscheidt 1902. ●● „Der Streit um die sog. Schlegel-Tieckʼsche Shakespeare-Übersetzung – mehr als eine anglistische Fachfehde, weniger als eine wissenschaftliche Begebenheit – hat ein kurioses Ende gefunden: der Vorsitzende der Shakespeare-Gesellschaft, Herr Dr. Oechelhäuser, hat die Revision der von ihm im Auftrage der Gesellschaft veranstalteten Volksausgabe Herrn Professor Hermann Conrad übertragen.* [*Anm. der Redaktion: „Diese Anzeige ging uns vor Oechelhäusers Tode (am 25.09.1902) zu.“] Die Volksausgabe, die demnächst von der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart herausgegeben wird, findet also unter den Auspizien der Gesellschaft, die Revision jedoch nur im Namen ihres Präsidenten statt. Dieses etwas merkwürdige Verhältnis, das die Gesellschaft nicht im Einvernehmen mit ihrem Vorsitzenden zeigt, wird im diesjährigen Jahrbuch so unklar oder so zweideutig ausgedrückt, daß der unbefangene Leser auf den Gedanken kommen muß, die Revisionisten hätten den Sieg errungen. Tatsächlich ist die Gesellschaft bei ihrem Beschluß vom vorigen Jahre: sie fühle sich außerstande, ‚eine poetische Überbietung dieser klassischen (Schlegel-Tieck) Übersetzung zu organisieren‘, stehen geblieben [Bd. 37, LIII]. Um so seltsamer berührt es daher, daß die von ihr geplante Volksausgabe nun doch durchgebessert wird, obgleich die Gesellschaft im Prinzip dagegen ist. Ich muß gestehen: mir fehlt das Organ für diese diplomatischen Schachzüge. Und mir fehlt es auch dafür, daß der Vorsitzende auf Herrn Conrad verfallen ist. Oder bildet er sich allen Ernstes ein, die Personalunion von Forscher und Dichter, die Ludwig Fulda mit Recht in seinem Gutachten verlangte [Bd. 37, XLIV], in dem Lichterfelder Professor gefunden zu haben? [Hermann Conrad (1845-1917) war von 1888 bis 1910 Lehrer an der Hauptkadettenanstalt in Berlin Lichterfelde.] Dann möge er sich die Mühe nehmen, die Verbesserungsvorschläge, die Herr Conrad im letzten Shakespeare-Jahrbuch unterbreitet [‚Grundsätze und Vorschläge zur Verbesserung des Schlegelʼschen Shakespeare-Textes. I.‘, 212-223], einmal auf Herz und Nieren zu prüfen. Das Literarische Echo ist nicht der Ort, um die philologische Kleinarbeit, zu der Conrads Verbesserung herausfordert, abzuladen. Ich sage nur so viel: was Brandl im vorigen Jahre von Wetzens Angriffen behauptete, das deutsche Volk müsse sich danach beinahe schämen, so lange an Schlegel-Tieck geglaubt zu haben [Bd. 37, XLI], hier wird es aufs neue zur Wahrheit; denn die Übersetzung des König Johann, eines Dichters Arbeit, wird zerpflückt und zerkleinert, als ob es ein Schulaufsatz von Karlchen Mießnick wäre. Was Herr Conrad aber dafür bietet, ist mindestens in der Hälfte aller Fälle pedantisch und unkünstlerisch. Er setzt ein prosodisches Monstrum in die Welt wie den Blankvers: ‚Ziffer die Zahl der Toten mehren und‘ [221], erspart uns nicht das echt schulmeisterliche ‚Der, welcher spricht‘ [222] (is, qui!), glaubt, die Zahl der Verse willkürlich steigern zu dürfen, versagt, sobald es auf dichterischen Ausdruck oder subtiles Stilempfinden ankommt; kurz: dieser Revisor bedarf selbst eines Revisors. Man wundert sich fast, daß solche Verbesserungsvorschläge gedruckt werden, im Shakespeare-Jahrbuch gedruckt werden, dessen Herausgeber selbst ein so fein abwägender, sorgsamer Stilist ist. (Allerdings im Jahresbericht stehen Dinge, die nicht einmal mehr in einer wissenschaftlichen Publikation erlaubt sein sollten: Inversion nach ‚und‘ [IX], ‚Befürwortung seitens‘ [X], derselbe, dieselbe, dasselbe u. dgl.) Noch ist es Zeit, die Volksausgabe vor dem Schlimmsten zu behüten: wenn die deutsche Shakespeare-Gesellschaft auch nichts mit der Revision zu tun haben will, läßt sie diese aber im Auftrag ihres Präsidenten ‚durch eine bedeutende Kraft‘ (heißt es im Jahresbericht [IX]) – durch einen wenig geeigneten Herrn besorgen, dann: semper aliquid haeret. Daß Herr Conrad auf diesem Gebiet nicht durchaus verläßlich, bestätigt übrigens im Jahrbuch selbst F. P. v. Westenholz, sein vorzüglichster Rezensent [‚Shakespeares Macbeth (...), übersetzt von Friedrich Theodor Vischer. Mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Professor Dr. Hermann Conrad (...)‘, 257-262].● Von den Beiträgen hat Carl Grabau den längsten und den wichtigsten beigesteuert. Jener ist ein Neudruck von Ben Jonsons Komödie Every Man in his Humour (nach der ersten Quartausgabe) [1-97], dieser seine Mitteilung über die englische Bühne in Shakespeares Zeitalter [230-236]. Danach kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß das berüchtigte Brett, dessen Existenz Brandl z. B. bestritt (vgl. LE III, 673), vorhanden gewesen sein muß. [An der angegebenen Stelle hatte Brandl geschrieben: ‚... Vielmehr sind über keinen Dichter, weder alter noch neuerer Zeit, so viele Irrlehren verbreitet, wie über Shakespeare. (...) Bald soll sein Theater keine Dekoration gehabt haben; die geistreichsten Luftschlösser von der Zaubergewalt seines bloßen Wortes wurden auf das Brett gebaut, auf dem „Venedig“ oder „Ein Garten“ gestanden haben soll, obwohl die Forschung dies Brett längst als die Mißdeutung einer Dramenstelle in die Rumpelkammer verwiesen und für die eine Hälfte der Shakespeare’schen Bühne ein Gerüst mit Versatzstücken dargetan hat, das der Münchener Drehscheibe an synoptischer Wirkungsfähigkeit noch überlegen war.‘ (‚Aus der Werkstätte der Shakespeare-Gesellschaft‘, LE, Bd. 3, H. 10, [15.02.1901], 673)] Grabau hat dies scharf und unwiderleglich aus den Bühnenanweisungen eines alten Stückes [William Percy, The Cuck-Queanes and Cuckolds Errants (1601)] geschlossen: darin waren vier, meilenweit auseinander liegende Ortschaften zu gleicher Zeit der Schauplatz; die Orientierung der Szene mußte also durch Aufschriften erfolgen. ● Der Festvortrag von Professor J. Schick aus München Die Entstehung des Hamlet [XIII-XLVIII] gleicht einem bayrischen Königsschloß: goldstrotzend, aber durch seine prunkende Pracht ermüdend. Zum Meister fehlt Schick nur die Beschränkung. Ruhepunkte der Darstellung kennt er nicht. Auf 35 Seiten drängen sich allein 16 griechische Zitate zusammen, von lateinischen, französischen, englischen zu geschweigen; daneben flammen Fremdwörter wie Chiaroscuro [XV], Cynosur [XVI], Panoplie [XXVIII] usw. auf. Inhaltlich am bedeutungsvollsten sind seine Auslassungen über Thomas Kyds Urhamlet [XVI ff.] und seine Auffassung vom heldenhaften Hamlet [XXXV ff.]. Bisweilen geht allerdings seine üppige Phantasie mit ihm durch: er hört mit [Gregor] Sarrazin aus dem Hämmern der Waffenschmiede und dem Rufen der Schildwachen einen Nachklang des großen Armada-Jahres heraus [XIX]; er weiß mit apodiktischer Gewißheit, daß Shakespeare Hamlet am meisten geliebt, am meisten sich selbst gleich gezeichnet hat [XXVI]; er vernimmt hinter Fortinbrasʼ kargen Schlußworten ‚die Eroica oder den Siegfrieds-Trauermarsch‘ [XXXII] u. dgl. Der Festvortrag schüttet eine Überfülle von Anregungen aus, aber häufig genug ist der Widerspruch ihr Echo. ● Allgemeinem Interesse dürfte etwa noch der Aufsatz von August Fresenius über den ‚getanzten Shakespeare‘ begegnen [144-152]. ● Bibliographie [350-438] und Zeitschriftenschau [296-338] stehen auf bewährter Höhe; die Theaterschau [339-349] scheint dagegen noch immer verbesserungsfähig: was etwa über Irvings Coriolan erzählt wird, kann niemand ernst nehmen, der diese Shylockʼhafte Karikatur des römischen Tribuns gesehen. [In der ‚Theaterschau‘ hieß es über Irving in der Titelrolle seiner Coriolan-Inszenierung: ‚Sein Coriolan war durchaus erhaben, vornehm in jeder Bewegung, vielleicht zu ruhig in Momenten großer Leidenschaft; auch einige unschöne Gesten wurden von der Londoner Kritik getadelt.‘ (340 f.)]“ ●● Vgl. MMs Besprechung von Bd. 37 des Shakespeare-Jahrbuchs in der NZZ vom 04.08.1901.

nach oben

1903

Neuere Erzählungsliteratur. ES, Bd. 32, Nr. 1 (ca. März 1903), 140-142.
Datiert 10.12.1902. – Leonard Merrick, When Love flies out o’ the Window (Leipzig: Tauchnitz 1902); Mrs. W. K. Clifford, Woodside Farm (Leipzig: Tauchnitz 1902). ● Zum Roman von Leonard Merrick: „[...] Der sinn seines buches kann nur der sein: Künstlerehen sind ein gebrechling ding und tragen häufig den keim zu zerwürfnissen in sich. Im Theaterdirektor [1902, Originaltitel The Actor-Manager (1898)] war derselbe vorwurf mit ungleich grösserer folgerichtigkeit behandelt. [...] Und wie es meistens zu geschehen pflegt, wenn man eine ansprechende geschichte wiederholt: der zweite aufguss fällt dünner, matter aus. [...] Danach kann es keinem zweifel unterliegen, dass uns Der theaterdirektor künstlerisch höher stehen muss. Die formelle geschicklichkeit des minderwertigeren buches soll deshalb nicht unterschätzt werden. Leonard Merrick ist ein angenehmer unterhalter, der nie dem fluch der langeweile verfällt. Zudem weiss er in der welt oder doch in seiner welt, dem kulissenreich, gut bescheid und führt uns gleich gewandt in Paris, London und New York herum. [...]“ ● Zum Roman von Mrs. Clifford: „Auf die bekanntschaft mit Mrs. Clifford war ich eigentlich gespannt; ich dachte in ihr eine englische Mrs. Craigie zu finden. [Pearl Mary Teresa Craigie (1867-1906), geb. Richard, angloamerikanische Schriftstellerin, besser bekannt unter ihrem Pseudonym John Oliver Hobbes.] Jetzt, nachdem ich Woodside Farm genossen, halte ich es mit dem ehrbaren landvolk von Chidhurst: ‘Writing books, which was not work at all, but the sort of thing that people did when they had nothing else to do.’ [...] Der roman selbst macht einen erschreckend dilettantischen eindruck. [...] Das ist ja überhaupt das elend der zeitgenössischen belletristik in England, dass noch kaum ein hauch von moderner weltanschauung bis zu ihr gedrungen ist. Alle erfindungen der neuzeit kommen diesen menschen zugute; sie handeln modern, aber sie denken häufig noch wie die romantypen des 18. jahrhunderts. Und denken sie einmal modern, wie etwa in Hardy’s Jude the Obscure, so gebricht es ihnen an mut, die konsequenzen ihres denkens auf sich zu nehmen: sie betrachten sich als opfer ihrer eignen ideenwelt.“ ● Vgl. zu diesen beiden Romanen auch MMs Besprechung im LE vom 15.02.03.

Neue englische Romane. LE, Bd. 5, Nr. 10 (15.Februar 1903), 666-671.
Leonard Merrick, When Love flies out o’ the Window (London: Pearson 1902; Leipzig: Tauchnitz 1902); Mrs W. K. Clifford, Woodside Farm (London: Duckworth 1902; Leipzig: Tauchnitz 1902); Arthur Conan Doyle, The Hound of the Baskervilles (London: Newnes 1902; Leipzig: Tauchnitz 1902); Jerome K. Jerome, Paul Kelver (London: Hutchinson 1902; Leipzig: Tauchnitz 1902); Rudyard Kipling, Just so Stories (London: Macmillan 1902; Leipzig: Tauchnitz 1902); George Douglas, The House with the Green Shutters (Leipzig: Heinemann & Balestier 1901 [“The English Library”, Bd. 210]). ●● Hinsichtlich des Romans von Leonard Merrick vgl. MMs o. g. Besprechung in ES, Bd. 32, Nr. 1. ● „Schärfer schon muß man Mrs. W. K. Clifford anfassen, weil sie prätentiöser auftritt. Woodside Farm hält einen Vergleich mit Rhoda Broughtons Foes in Law nicht aus. [...]“ Vgl. im übrigen auch zu Mrs. Cliffords Roman die o. g. Rezension in ES, Bd. 32, Nr. 1. Hinsichtlich Rhoda Broughtons Foes in Law, siehe Meyerfelds Besprechungen in der VZ vom 03.10.01, der NZZ vom 15.10.01 sowie im LE vom 15.12.01. ● Zu Conan Doyle: „Er ist kürzlich in den Ritterstand erhoben worden, hoffentlich mehr aus Anerkennung für seine Geschichtsschreibung des Burenkrieges als um The Hound of the Baskervilles willen. [...] Für meinen Geschmack hat das ganze Genre [der Kriminalgeschichte] mit der Literatur so wenig Fühlung wie das Gesundbeten mit der ärztlichen Wissenschaft, obwohl Charles Dickens und Paul Lindau sich mit Erfolg an diesem psychologischen Hokuspokus beteiligt haben.“ ● „In neuer Gewandung tritt uns diesmal Jerome K. Jerome entgegen. Paul Kelver stellt seinen ersten Versuch auf dem Gebiet des Romans dar. Ein Witzblattillustrator, der plötzlich auf den Gedanken verfiele, die Schlacht bei Trafalgar zu malen, könnte keinen gewaltigeren Sprung wagen. [...] Offenkundig ist Jeromes erster Roman teilweise eine Autobiographie; wo die Dichtung anfängt und die Wahrheit aufhört, das wird freilich kein künftiger Philologe untersuchen. Heute, wo sich jeder Landpfarrer berufen fühlt, die Geschichte seines Lebens aufzuzeichnen, braucht der frohgelaunte Plauderer Jerome ob solchen Beginnens nicht zu erröten. Aber Autographien gewinnen nur durch die überragende Persönlichkeit des Erzählers oder durch außerordentliche Erlebnisse ein Interesse; in ersterem Fall ein künstlerisches, in letzterem ein stoffliches. Auf diese Arbeit trifft keine der beiden Bedingungen zu. [...] Die humoristische Ader, die in Jeromes Skizzen unversieglich floß, sickert in Paul Kelvers trockener Lebensgeschichte so dünn, daß wir mehr von diesen köstlichen Tropfen zu haben begehren. Die lustige Person wollte uns einmal seriös kommen, und wir konnten nicht genug von ihren Schnurren kriegen.“ ● „Kürzer war der Weg, leichter die Häutung für den Dschungelpoeten, der sich zum Märchenerzähler entwickelte. So oft stand Rudyard Kipling schon mit einem Fuß auf Märchengrund, daß es nur noch eines ganz kleinen Schritts bedurfte, den er jetzt in Just so Stories* getan, um in der Kinderstube zu landen. [* Auch in deutscher Übersetzung (unter dem Titel Heitere Geschichten) erschienen (Berlin, „Vita“ Deutsches Verlagshaus [...])]. ‚Selig sind, die da Märchen schreiben, denn Märchen sind à l’ordre du jour‘, scherzte Goethe einmal in einem Briefe an Schiller [vom 26.09.1795]. Doch wir dürfen dem wütigen Deutschenhasser nicht mit Anspielungen aus unserer klassischen Literatur aufwarten, sonst – – . Man kann politisch unzurechnungsfähig sein und doch einen guten Kinderonkel machen. Erstaunlich sicher hat Kipling den Märchenton getroffen, darin Oscar Wilde überbietend, der doch nie versäumte, einiges Gewürz für Erwachsene anzubringen. Im Gegensatz zu Wildes phantastischen Orgien bevorzugt der Kenner der zoologischen Höhen und Tiefen, dem nichts Tierisches fremd ist, das realistische Märchen. Bei ihm redet, was da kreucht und fleugt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. [...] Sicher ist der Märchenonkel Rudyard eine liebenswertere Figur als der politische Hanstapps.“ ● „Wenigstens ein literarisches Werk strengster Observanz ist mir aus der Mißernte des letzten Herbstes begegnet: The House with the Green Shutters von George Douglas [1869-1902]. [...] Was dieses Haus mit den grünen Läden auszeichnet und turmhoch über die Marktware erhebt, ist sein konsequenter Naturalismus, der in der englischen Literatur unserer Tage einzig dasteht, nichts gemein hat mit den blumeranten schottischen Idyllikern vom Schlage der Barrie und diesen Douglas zu einem bäuerlichen Zola macht. Aber frei von aller Tendenz und Lehrhaftigkeit. Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel wäre etwa zum Vergleich heranzuziehen. Im Grunde handelt es sich um eine Familien-Katastrophe von erschütternder Wucht. [...]“

Der Tod und die Maske. LE, Bd. 5, Nr. 10 (15. Februar 1903), 721.
Gleichnisse von Rudolf Kassner (Leipzig: Inselverlag 1902). – „Seinem vielversprechenden Erstling, dem gärenden Essayband Die Mystik, die Künstler und das Leben [s. MMs Besprechung im LE vom 01.11.00], hat Rudolf Kassner diese Gleichnisse folgen lassen. Der Mystik ist er treu geblieben, von Künstlertum und Leben hat er sich abgewandt; in Anbetracht seiner Jugend [geb. 1873] ein bedeutungsvoller Schritt. Leider fehlt seiner Mystik die tiefere Bedeutung. Von tieferer Trivialität wäre man eher versucht zu reden. ‚Sembianza avevan nè trista nè lieta’ [‚Sie sahen weder trüb noch heiter aus’ (Dante, Inferno, IV. 84]: das steht an der Spitze dieser Gleichnisse, die schattenhaft vorüberschwirren. Ob sie sich inhaltlich an Apulejus oder Herodot anlehnen, von Leoncavallo oder Rudolf Lothar (König Harlekin [1900]) inspiriert sind oder eigener Erfindung entstammen wie ‚Der große Narr’ – übrigens das eindringlichste Gleichnis des Bandes, das wie ein verwehtes Blatt aus einem Totentanzzyklus anmutet –: sie haben wirklich weder trauriges noch frohes Aussehen, gestaltenlos zerrinnen sie im Winde. Und auch die Sprache zeigt nirgends eigenes Gesicht. Vom dumpfen Bann des Zarathustra konnte sie sich noch immer nicht befreien. Daneben scheint sie dem Wiederholungsrhythmus Oscar Wildes gelauscht zu haben, ohne indes einstweilen in das Geheimnis seiner musikalischen Wirkung eingedrungen zu sein. Vielleicht haben sich Maeterlinck’sche Klänge hinzugesellt. – Rudolf Kassner sollte doch nie vergessen, daß es nur den größten Meistern des Stils erlaubt ist und gelingt, dunkel zu sein. Seine Dunkelheit fällt einem auf die Nerven und läßt sehnlichst nach mehr Licht verlangen. Wo wir auch anklopfen, hohl tönt es zurück. Und so ergeht es uns zum Schluß wie seinen beiden Derwischen Madschid und Adschib: sie fanden alles selbstverständlich und ohne tiefe Bedeutung [‚Eine Burleske’, S. 145].“

Erinnerungen an Oscar Wilde. Neue deutsche Rundschau, Bd. 14, Nr. 4 (April 1903), 400-407.
Robert H. Sherard, Oscar Wilde. The Story of an Unhappy Friendship (London: Privatdruck 1902), übersetzt von Hermann Freiherr von Teschenberg unter dem Titel: Oscar Wilde. Die Geschichte einer unglücklichen Freundschaft (Minden, Westf.: Bruns 1903). – „Sechzehn Jahre war Robert Harborough Sherard mit Oscar Wilde befreundet. Von jener ersten Pariser Zeit, da der Name des irischen Dichters meteorhaft aufflammte, bis zu dem verhängnisvollen Schritt, der nach der Verurteilung Wildes Schicksal endgültig besiegelte, also fast bis zu seinem Tode: Sherard hatte damals, nachdem Oscar Wilde den Lockungen seines fatalen Freundes Lord Alfred Douglas erlegen und ihm in seine Villa nach Posilipo gefolgt war, in einem Londoner Klub eine abfällige Bemerkung über diesen Akt der Verzweiflung fallen lassen, die dem Dichter schleunigst hinterbracht wurde und ihn zu einem Brief voll heftiger Invektiven hinriß. Selbst dem Gefallenen war nichts mehr zuwider als Moralpredigen. Eine lügenhafte Zwischenträgerei hatte die vielleicht berechtigte, sicher in milden Ausdrücken gehaltene Kritik aufgebauscht und dadurch zu einer Entfremdung geführt, die nicht mehr zu beseitigen war, da sich Wilde nicht von dem wahren Sachverhalt überzeugen lassen wollte. Wenn sich jetzt die Freunde auf den Boulevards in Paris begegneten, wo sie fünfzehn Jahre zuvor wie Triumphatoren einherwanderten, so gingen sie schweigend aneinander vorüber, nur einen schwachen Handgruß austauschend. Mit einer schrillen Disharmonie schließt dieser innige Bund dreier Lustren. – Immerhin hätte Sherard auf den unglücklichen Untertitel Die Geschichte einer unglücklichen Freundschaft, den er für seinen wahrhaft fürstlich ausgestatteten Erinnerungsband an Oscar Wilde wählte, besser verzichtet. Wenn sich wahre Freundschaft dem Bibelwort zufolge erst in der Not bewährt, dann hat es diese in vollem Maße getan. Von Freunden war Oscar Wilde, der Liebling des Glücks, umdrängt, wie ein römischer Imperator von einem Schmeichlerheer umschwärmt. Aber als ihn das Schicksal, das ihn so jäh emporgehoben, in die tiefste Nacht hinabstieß, da zerstoben sie in alle Winde, verleugneten ihn, schämten sich seiner. In jener fürchterlichen Zeit des entfesselten Volksunwillens, der mit bestienhafter Grausamkeit sein Opfer verlangte, da eine ganze Nation gegen einen Einzelnen aufstand, gehörte persönlicher Mut dazu, sich zu dem Verfemten zu bekennen. [...] Wahrhaftig, es gehörte persönlicher Mut dazu, den Verkehr mit dem ‚Sündenbock‘ aufrecht zu erhalten. Robert Sherard war der Einzige, der bei ihm ausharrte. Und auch jetzt, wo noch immer kein Bühnenleiter sich getraut, den Namen des vielgespielten Komödiendichters auf den Theaterzettel zu setzen, verdient es anerkannt zu werden, daß der Freund beherzt für den aus dem Gedächtnis der Zeitgenossen Ausgelöschten in die Schranken tritt und [ihm] eine vorurteilslosere Würdigung ermöglicht. – Persönliche Erinnerungen sind es, von aufrichtiger Bewunderung diktiert, mit treuer Liebe festgehalten; keine kritische Biographie, aber wertvolles Material zu einer solchen, dessen der künftige Geschichtsschreiber des Wilde’schen Lebens nicht entraten können wird. Offenbar lag es nicht in Sherards Absicht, mehr zu bieten. Ganz Freund, durfte er bewundern, bloß bewundern und brauchte die Stimme des Zweifels nicht aufkommen zu lassen. Sein Lebensbild hat sich zu einem Denkmal der Freundschaft verengt. [...]“

Bernard Shaw. LE, Bd. 5, Nr. 15 (1. Mai 1903), 1039-1040.
Drei Dramen [Candida, The Devil’s Disciple und Arms and the Man], übertragen von Siegfried Trebitsch (Stuttgart: Cotta 1903). ● „Dieses Buch hat es schon zu einem gewissen Ruf gebracht: Rudolf Lothar [1865-1943] glaubte, es über den Klee loben [‚Neue Dramen‘, Neue Freie Presse (Wien), 11.01.03], Professor Leon Kellner [1859-1928], es in Grund und Boden bohren zu müssen [‚Eine verunglückte Übersetzung‘, Neues Wiener Tagblatt, 22.01.03]. Dagegen opponierte der Verfasser aus Leibeskräften. [Bezugspunkt nicht ermittelt.] Schließlich mischte sich das Original ein und deckte mit gutem Humor den Dolmetsch [‚Ein Teufelskerl. Selbstkritik‘, Die Zeit (Wien), 22.02.03] (vgl. Sp. 690 u. 837). [In Spalte 690 – Ausgabe vom 15.02.03, Rubrik ‚Echo der Zeitungen‘ – hieß es: ‚Die kürzlich erschienene Übersetzung von drei Dramen Bernard Shaws (durch Siegfr. Trebitsch) wird von Leon Kellner im N. W. Tagblatt (22) als gänzlich verunglückt dargestellt. Rudolf Lothar dagegen lobt denselben Übersetzer (N. fr. Pr. 13785) als ‚dichterisch verständnisvoll und sprachlich geschickt‘. Und in Spalte 837 – Ausgabe vom 15.03.03, ebenfalls Rubrik ‚Echo der Zeitungen‘ – war zu lesen: ‚Der britische Dramatiker Bernard Shaw sendet der W. Zeit (144) eine humorvolle, bemerkenswerte Selbstkritik, in der er übrigens für die von Leon Kellner angegriffene Übersetzungskunst Siegfried Trebitschs eintritt.‘] Wer hat recht? Selbstverständlich hat nur das Urteil Anspruch auf Beachtung, das sich auf einen Vergleich mit dem Original stützt. Abgesehen von ein paar Fachmännern, macht sich heute kaum jemand so beschwerliche Arbeit. Wimmelt es in einer Übersetzung nicht von undeutschen Wendungen, so ist man rasch bei der Hand, ein Lob für sie abfallen zu lassen; ob sie den Ton des Originals trifft oder gar den Rhythmus, darum kümmert sich niemand. Rudolf Lothar hat es sicher nicht getan, denn er rühmt Trebitsch als ‚dichterisch verständnisvoll und sprachlich geschickt‘. Auch ohne einen Blick in Shaw geworfen zu haben, wäre er zu solchem Urteil befugt, wenn sich die Übertragung wie ein gut geschriebenes deutsches Buch läse. Was hält Lothar von Ausdrücken, wie den folgenden: ‚die Mauer (es ist von dem Zimmer eines Pastors die Rede) ist mit Bücherfächern versehen‘; ‚einen gebundenen Band‘; ‚dem Kamin gegenüber hängt noch ein Bücherschrank über einem Buffet‘; ‚das unausweichliche Hochzeitsgeschenk‘; ‚ein Geistlicher, fähig wann immer, was immer er will zu sagen‘; ‚er verfügt über eine gesunde Körperbeschaffenheit‘? Ich habe ihm dieses Sträußchen nur aus den szenischen Anmerkungen zum ersten Akt des ersten Stücks zusammengebunden. Mit Leichtigkeit könnte ich solche Stilblüten fast auf jeder Seite sammeln; manches ist für den Briefkasten des Kladderadatsch reif, etwa S. 31: ‚er trägt braune Lederschuhe aus Segeltuch‘. Professor Kellner wäre nicht zu seinem verdammenden Urteil gelangt, hätte er nicht das Original zur Vergleichung herangezogen. Da mag sich Shaw tausendmal seines Übersetzers ritterlich annehmen, er wird ihn nicht retten können. Ich habe leider die drei Dramen nicht im Original vor mir, aber trotzdem wage ich die Behauptung, daß es mit Trebitschs Kenntnissen von der englischen Sprache nicht zum besten bestellt sein kann. Sonst hätte er nicht an einer entscheidenden Stelle ‚Master Eugene‘ nicht mit ‚Meister Eugen‘ wiedergeben können (sollte er nie gehört haben, daß man in England die Knaben bis ins Jünglingsalter mit ‚Master‘ anredet?); sonst hätte er nicht den Titel The Devil’s Disciple Ein Teufelskerl verdeutscht und dadurch den Sinn in ärgerlicher Weise verschoben; sonst würde er nicht jedes ‚whatever‘ oder ‚whenever‘ wie ein blutiger Anfänger ‚was immer‘ oder ‚wenn immer‘ übersetzen. Auch seine Kenntnisse von der englischen Literatur, soweit sie in der Einleitung hervortreten, wecken zum mindesten Befremden: da findet sich (S. XIII) ein Absatz über Henry Fielding, den man, gelinde gesprochen, Geschwafel nennen muß, und eine Bemerkung über Dickensʼ Little Dorrit, die vielleicht mit Absicht so unklar wie möglich ausgedrückt ist. [S. XVIII] ● Trotz alledem [...] verdient Siegfried Trebitsch Anerkennung, weil er als erster George Bernard Shaw eingeführt hat; zweifellos einen der originellsten Geister im heutigen England, gleichzeitig aber auch ein höchst bizarres Talent. Ein Universalkönner, der in jedem Sattel gute Figur macht: als Essayist, als Kritiker, als Agitator, als Romancier, als Dramatiker. Er kann, was er will; doch er will nicht, was er kann: die gerade Linie der Entwicklung einhalten. Seine Begabung gefällt sich im Zickzackkurs, folgt, statt der Konsequenz, der Laune und erscheint darum nicht immer in echtem oder doch eigenem Lichte. Er ist ein großer Anempfinder, ein schwacher Empfinder und gar kein Finder. Die Versatilität des Iren feiert in ihm ihren Triumph. Sobald ihm eine neue Anregung zuströmt, krempelt er sich von Grund aus um. Seine leicht empfängliche und bewegliche Natur wird von der Sprunghaftigkeit beherrscht. Man denkt bei ihm stets an die jüngere deutsche Romantik, der auch Friedrich Schlegels Ideal, der Tusch und Trompetenstoß des Witzes, ein wenig vorschwebte. ● Wollte man ihn erschöpfen, so müßte man seine sämtlichen Werke chronologisch heranziehen. Dann könnte man die Methode seiner Proteusnatur entdecken. Doch ist es mißlich, sich nach den vorliegenden drei Dramen ein Bild von ihm zu machen (ich kenne ihn außerdem als Kritiker der Saturday Review und seinen sprudelnden Roman Love among the Artists [1900]). Man verknüpft eben leider – das ist das Verhängnis dieses Vielgestaltigen – keine feste Vorstellung mit ihm. Er irisiert wie ein Changeant-Sonnenschirm auf den Boulevards. Aber wo man ihn packt, ist er interessant. Überall bricht eine Besonderheit bei ihm durch: ‚something odd‘ haftet ihm wie einer Romanfigur des achtzehnten Jahrhunderts an. Auch seinen Dramen, die in Wirklichkeit verkapselte Novellen sind. Wucherische Schlinggewächse von szenarischen Bemerkungen umspinnen sie. Dagegen sind dʼAnnunzios schönheistrunkene Regievorschriften Epigramme, die ins Kleinste gehenden Personenangaben der deutschen Naturalisten psychologische Steckbriefe. Der feinnervigste Schauspieler steht Shaws mimischen Filigrananweisungen hilflos wie ein Kind gegenüber. Es ist daher nicht abzusehen, wie sich seine Dramen, von denen etwa zwei Drittel durch die Darstellung versinnlicht werden können, im vergröbernden Lichte der Bühne ausnehmen werden. Mir scheint, das Beste an ihnen fällt unter den Tisch. Doch mag immerhin von Candida noch genug dichterische Pose, von dem Teufelsjünger genug Handlungskern, von Arms and the Man [Helden] genug grotesker Humor übrig bleiben.“ ●●● Vgl. die Buchbesprechung ‚Bernard Shaw und sein Dolmetsch‘ (ES, Bd. 33 [1904]) sowie den Aufsatz ‚G.B.S.‘ (Nat.Ztg., 14.05.1903). Siehe Rubrik ‚Aufsätze‘.

Neuere englische Belletristik. IV: Mrs Humphry Ward – Elinor Glyn. VZ, 2. Mai 1903, Nr. 203.
Mrs. Humphry Ward, Lady Rose’s Daughter (London: Smith, Elder  Co. 1903; Leipzig: Tauchnitz 1903); Elinor Glyn, The Reflections of Ambrosine (London: Duckworth 1902; Leipzig: Tauchnitz 1903). ● „[...] Unter den englischen Romanschriftstellerinnen steht etwa seit einem Jahrzehnt Mrs. Humphry Ward an der Spitze, von der Volksgunst und der Nachfrage des Lesepublikums getragen. Der wie ein Nationalheiliger verehrte Schulmann Dr. Arnold von Rugby war ihr Großvater, der literarische Oberpriester Matthew Arnold ihr Oheim. Die zweiundfünfzigjährige Frau ist also nach der Richtung erblich belastet. Allein das erklärt ihre führende Stellung nur zur Hälfte. Ihr eigenes Verdienst beruht darauf, daß sie die Langeweile literaturfähig gemacht hat. [...] Damit bewegt sich Mrs. Humphry Ward überdies ein wenig auf dem Boden der Tradition, und Tradition gehört zu den Hausgöttern der Kultur eines Volkes. Nur darin hat die Nichte Matthew Arnolds einen Schritt nach vorwärts gewagt, daß sie die Überlieferung – das Vorrecht der oberen Stände – popularisierte, dem Bildungsbedürfnis der Gouvernanten anpaßte. Sie ist die Schöpferin des Gouvernantenromans geworden, wie Ruskin der Kunstapostel der Bürgerlichen wurde. [...] Das Blut des Großvaters regt sich in ihr, die sonst nicht gerade über einen Überschuß von Temperament zu klagen hat. Ich denke mir: sie trägt stets ein schwarzes Gewand mit einem weißen Spitzenkragen. – Ihre nach der Seite des Verstandes hin neigenden Vorzüge konnten sich am ehesten auf dem von vielen Bewerbern heiß umstrittenen Tummelplatz der Religion bewähren. [...] Man braucht nur religiöse Zeit- und Streitfragen anzuschneiden, um des Beifalls der Menge gewiß zu sein. Die Theologie ist die melkende Kuh für die Romanschreiber. Robert Elsmere [1888] wurde das Babel-Bibel für die Engländer. – Diese erste Periode Mrs. Humphry Wards reicht bis zum Helbeck of Bannisdale (1898), umspannt also gerade ein Jahrzehnt. [...] Mit Helbeck of Bannisdale wurde aber das religiöse Steckenpferd Mrs. Humphry Wards an die Krippe gebunden. Ihre zweite Periode, die animalische, beginnt mit Eleanor (1900). Wer in so vorgerücktem Alter der Liebe huldigt, wird entweder von einem Paroxysmus der Leidenschaft ergriffen oder entsagt voll Menschenfreundlichkeit zu Gunsten der Jugend. Letzteres schien Mrs. Ward mehr zu behagen. Es ist eben alles Temperamentssache. Ihr feiner Spürsinn für den Zeitgeschmack verriet sich auch hier, indem sie die Liebe in den höchsten Kreisen ansiedelte. [...] – Man durfte mit gutem Grund vermuten, daß Eleanor einen Wendepunkt in ihrem Schaffen bedeuten werde. Auf dieser Bahn ist sie jetzt bei Lady Rose’s Daughter angelangt. Schon der Titel läßt keinen Zweifel darüber, daß wir uns in der aristokratischen Gesellschaft bewegen. Es wimmelt in dem Buch von Lords, Ladies, Bischöfen, Herzoginnen und was sonst noch. [...] – Für diese Enge ihres geistigen Blicks, die unkünstlerische, durchaus spießerliche Auffassung der Welt ist Mrs. Humphry nicht verantwortlich zu machen. Damit hat sie ihren Erfolg bei den Zeitgenossen errungen. Es bleibt noch ein Wort über ihren Stil zu sagen: er trägt den Stempel der Unpersönlichkeit. Dieser Stil ist der Mensch. Erscheinungen wie Mrs. Humphry Ward, die zu einer solchen Machtstellung gelangen konnte, haben die Schuld daran, daß die englische Literatur der Gegenwart von oberflächlichen kontinentalen Kennern mit einem geringschätzigen Achselzucken abgetan wird. Unter einer Ungerechten haben eben zehn Gerechte zu leiden. ●● Nur einen typischen Wert besitzt auch Elinor Glyn, die sich rasch zu einem Liebling der Leihbibliotheken aufgeschwungen hat. [...] Die von ihr gepflegte Gattung könnte man mit einem Wort als Literaturschmöker bezeichnen. Ihr Vorhandensein setzt eine Verfeinerung des Volksorganismus voraus, deren Ernte der Einzelne einheimst, ohne gesät zu haben. Er ist nicht Schöpfer, sondern lediglich Geschöpf. – Wie Mrs. Humphry Ward in ihrer zweiten Periode hält sich Elinor Glyn mit Vorliebe in der vornehmen Welt auf, in der Welt, in der man sich nicht langweilt oder nur mit Anmut langweilt. Aber während man bei der Verfasserin von Lady Rose’s Daughter eine geheime Bewunderung für die geschilderten Kreise durchfühlt und sie einem adligen Fräulein aus der Provinz vergleichen möchte, das einmal bei Hofe eingeladen wird, nicht genug Augen und Ohren hat, um alle Eindrücke in sich aufzunehmen, und in schlecht verhüllter Devotion erstirbt –, bewegt sich Elinor Glyn mit der Selbstverständlichkeit und natürlichen Grazie eines holden Weltkinds in dieser Sphäre. Ihre Wirkung ist denn auch gerade die entgegengesetzte: sie ist amüsant, amüsant um jeden Preis, koste es, was es wolle. [...] Ihre Frivolität streift gelegentlich die Grenze des Erlaubten. Ein gelindes Grauen muß bei solchen Stellen britische Familienmütter mit heiratsfähigen Töchtern beschleichen. Zu ihrer Entschuldigung könnte sich Elinor Glyn auf Thackeray berufen, der ja auch die aristokratische Gesellschaft seiner Zeit nicht in einem Bilde von strahlender Reinheit malte. – Wie Basen seiner genialen Becky Sharp nehmen sich die modernen Ingénues aus, die Elinor Glyn mit leichter Hand beschwört. In The Visits of Elizabeth, ihrem Erstling, brach die Geschichte an der Schwelle der Ehe ab. The Reflections of Ambrosine könnte man nach Elizabeths Besuchen Elizabeths Heimsuchungen nennen. Damit wäre das Buch als Fortsetzung gekennzeichnet. Denn abgesehen von der Verschiedenheit des Namens gleichen sich beide nach Einkleidung und Stil aufs Haar. Wie gesagt, Ambrosine ist die Zwillingsschwester des Luderchens Elizabeth. Sie heißt nach ihrer Ururgroßmutter Ambrosine Eustasie de Calincourt, die so schön war, daß ihr Robespierre das Leben schenken wollte, wenn sie ihm einen Kuß gäbe; sie aber zog es vor, auf ihrem Karren zur Guillotine zu fahren, eine Rose unter ihre Nase haltend, um den Geruch der gemeinen Leute abzuwehren. [...] – Über dem ersten Buch des Romans, das Ambrosine wie einen Kobold in der Häuslichkeit der Großmama schalten läßt, ruht ein poetischer Abendschimmer. Da sind Elinor Glyn zwei Kabinettfiguren aus dem ancien régime gelungen: die alte Dame, die für La Rochefoucauld schwärmt, und ihr früherer Verehrer, der Marquis de Rochermont, der zweimal im Jahr zu Besuch kommt und in Putzschachteln seine Perücken mitbringt. [...] Sobald jedoch das Gespenst der Ehe auftaucht – die mittellose Ambrosine wird mit einem steinreichen Parvenü vermählt –, geht die Poesie zum Teufel: die Geister der Satire kichern aus allen Ecken. [...] Peinlich wird die Sache allerdings im Schlußkapitel, dem vielleicht Sudermanns Es lebe das Leben seine frischen Spuren aufgedrückt hat. [...]“ ●● Hinsichtlich Glyns Roman The Visits of Elizabeth vgl. MMs Besprechungen in der VZ vom 03.10.1901, in der NZZ vom 15.10.1901, in der NR vom Nov. 1901 sowie im LE vom 15.12.1901.

Neue englische Romane. LE, Bd. 5, Nr. 22 (15. August 1903), 1528-1534.
Rosamond Langbridge, The Flame and the Flood (London: T. Fisher Unwin / Leipzig: Unwin’s Library 1903); Elinor Glyn, The Reflections of Ambrosine (London: Duckworth 1902 / Leipzig: Tauchnitz 1903); Rhoda Broughton, Lavinia (London: Macmillan 1902 / Leipzig: Tauchnitz 1903); Mrs Humphry Ward, Lady Rose’s Daughter (London: Smith, Elder & Co. 1903 / Leipzig: Tauchnitz 1903); Mary Cholmondeley, Moth and Rust (London: Murray 1902 / Leipzig: Tauchnitz 1903); A[lfred] E[dward] W[oodley] Mason, The Four Feathers (London: Smith, Elder & Co. 1902 / Leipzig: Tauchnitz 1903); George Moore, The Untilled Field (London: T. Fisher Unwin 1903 / [leicht gekürzt und überarbeitet] Leipzig: Tauchnitz 1903). ●● Zu Rosamond Langbridge’s Roman s. MMs Besprechung in der FZ vom 12.02.1904. ● Zu Elinor Glyn: „Ihr künftiger Biograph wird zu untersuchen haben, ob in ihren Adern französisches Blut floß; nur so ließe sich ihre lasterhafte Grazie erklären. Denn was diese Frau in The Reflections of Ambrosine mit einem Lächeln auf den Lippen an Zynismen zum besten gibt, erregt sogar unser Erstaunen. Dabei hat sie sich literarisch seit ihrem Erstling The Visits of Elizabeth  entschieden vervollkommnet. [...] Ambrosine selbst gleicht dem Luderchen Elizabeth aufs Haar. Wurde diese bis zur Schwelle der Ehe geleitet, so sehen wir ihre Zwillingsschwester mit einem gar zu sehr karikierten Parvenü vermählt, nachdem ihr ein Marquis die heilsame Lehre eingeschärft: ‚Fermez les yeux et pensez à autrui – après vous aurez les agréments.‘ (Das ist das stärkste, was ich je in einem englischen Roman gelesen habe!) [...]“ Siehe zu diesem Roman auch MMs Besprechung in der VZ vom 02.05.1903. ● Über Rhoda Broughton: „Von derselben überreifen Kultur, die eine Erscheinung wie Elinor Glyn gezeitigt, zehrt auch Rhoda Broughton in vollem Maße. Nur dadurch übertrifft sie ihre jüngeren Kolleginnen, daß sie auf alle Stimulantia einer äußeren Handlung nahezu verzichten kann, vermöge ihrer spielenden Fertigkeit, den Dialog zu führen. Darin hat sie eine Höhe erreicht, die bei uns der alte Fontane als einziger besessen. Ihr letzter Roman Lavinia ist sehr dünn ausgefallen; was der Inhalt schuldig bleibt, ersetzt aber die Technik, vor allem die Geschicklichkeit der Konversation. Die Veteranin hat offenkundig nicht mehr viel zu sagen; doch wie sie es sagt, das erhält zur Not noch ihr Prestige.“ ● Zu Mrs. Humphry Ward: „Mrs. Humphry Ward wird es büßen, wenn sie in Überschätzung ihrer Kraft auf dem jetzt betretenen Wege fortfährt. Vor zwei Jahren – [in der FZ vom 26.03.1901] – glaubte ich hier prophezeien zu dürfen, daß Eleanor einen Wendepunkt in ihrem Schaffen bedeute. Das ist insofern eingetroffen, als sie ihr religiöses Steckenpferd an die Krippe gebunden hat, um in vorgerückterem Alter die Freuden und Leiden der Liebe zu besingen. Ihre animalische Periode hat spät, hätte besser nie begonnen. Denn nun entpuppt sich ihre Gouvernantennatur in all ihrer Plattheit. [...] Auch sonst lugt die Altjüngferlichkeit aus allen Ecken hervor. [...] – Es ist Pflicht, einen Roman von Mrs. Humphry Ward zu durchleuchten, weil sie den Engländern als ihre erste zeitgenössische Schriftstellerin gilt. Die Enge ihres künstlerischen Horizonts, ihre puritanisch-pedantische Weltauffassung und die Unfähigkeit inneren Erlebens sind Gründe genug, um einen Massenerfolg zu erklären.“ Vgl. auch die o. g. Besprechung in der VZ vom 02.05.1903. ● Zu Mary Cholmondeley: „Gar bald hat auch Mary Cholmondeley ihr wahres Gesicht enthüllt. Nach Red Pottage – [siehe MMs Besprechung in der FZ vom 26.04.1900] – durfte man etwas von ihr erwarten; etwas anderes, als daß sie sich der Sensation in die Arme würfe. Moth and Rust ist Magazin-Porridge. [...]“ ● Über A.E.W. Masons Four Feathers: „Wie anders nehmen sich dagegen The Four Feathers von A.E.W. Mason aus! Dem deutschen Geschmack, der durch psychologische Schachzüge etwas verzärtelt worden ist, wird die Fülle sinnenfälliger Handlung, die diesen Roman auszeichnet, vielleicht gegen den Strich gehen; in England, dem skandinavische Einflüsse nichts anzuhaben vermochten, war sie ein so starker Empfehlungsbrief, daß man in Mason einen kommenden Mann begrüßen zu dürfen glaubte. Die Vorgänge haben gewiß, das räumen wir willig ein, den Reiz des Unverbrauchten, obschon ein Nebenstrang völlig parallel läuft mit dem Hauptstrang in Kiplings Light that failed. Die vier Federn sind nicht in einen Topf zu werfen mit Sudermanns Drei Reiherfedern, denen das Symbolische höhere Weihe leihen soll, sondern es hat damit folgende Bewandtnis: weil der Feigling Harry Feversham kurz vor Ausbruch des Krieges sein Abschiedsgesuch einreicht, schicken ihm drei Regimentskameraden je eine weiße Feder, denen seine Braut die vierte hinzufügt. Ein braves Mädchen mag keinen Drückeberger zum Mann nehmen, die Verlobung wird also aufgehoben. Der Charakter dieses unprinzlichen Homburg ist trefflich angelegt und der Umschlag, den die tödliche Beleidigung hervorruft, durchaus glaubhaft. Doch fesselnder als Harrys Rehabilitierung [...] ist uns die Person seines Freundes Durrance, der infolge eines Sonnenstichs erblindet. Erblindet und sehend wird. – [...] Kipling, scheint mir, hat zuerst in seinem nie wieder übertroffenen Lebensbuch Das Licht erlosch auf die Physiologie der Blindheit gebührende Rücksicht genommen, in seinem Dick Heldar einen realen Blinden gezeichnet. Von ihm lernte Mason augenscheinlich; aber er versenkte sich noch mehr in das Wesen dieser Unglücklichen. [...] So verschiebt sich, wie gesagt, die Anlage des Romans: der Blinde tritt in den Blickpunkt des Interesses. Wir sind darüber nicht böse, weil die psychischen Vorgänge eine intimere Charakterzeichnung bedingen. Noch hat sich Masons Kunst nicht bis zu komplizierter Analyse aufgeschwungen; daß er auf dem besten Wege dazu ist, beweist sein Durrance. Auch der Stil verdient ein besonderes Wort der Anerkennung: sein reines, sich edler Schlichtheit befleißigendes Englisch meidet alle gesuchten Wendungen, mit denen die Damen jetzt gar zu sehr brillieren.“ ● Über George Moore und The Untilled Field: „Indem ich mich dem feinsten Führer durch das ‚innere Labyrinth‘ (wie Hebbel sagt) der Menschenbrust, George Moore, und seinem jüngsten Werke, der Novellensammlung The Untilled Field, zuwende, muß ich eine persönliche Bemerkung vorausschicken: ich habe einiges daraus übersetzt und lange vor Vollendung des Bandes in deutschen Zeitschriften veröffentlicht. Man würde mir daher schwerlich diejenige Objektivität zutrauen, die man billigerweise vom Kritiker verlangen darf. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als auf eine Besprechung zu verzichten, was ich nur ungern tue, weil George Moore bei uns wenig gekannt oder gar verkannt wird. Wohl aber darf ich ein paar Worte über die Vorgeschichte der Novellen beifügen. – Sie verdanken der Heimatliebe des Dichters ihre Entstehung. Er ist darin wirklich, wonach sein Sehnen trachtete, eins geworden ‚mit dem Instinkt der Rasse‘ [The Bending of the Bough (1900), Act III]. Seine Feder hat sich in den Dienst der guten Sache gestellt. Doch die Tendenz ist künstlerisch allemal die schlechtere Sache. Der Mensch hat über den Poeten, die Politik über das Kunstwerk den Sieg davongetragen. Immerhin, wenn die Erbitterung den Vers schafft, stand sie bei diesen Novellen Pate. Es schmerzte ihn, da er, ein verlorener Sohn, in sein Vaterland heimkehrte, dieses ‚westliche Tibet‘ [The Untilled Field, S. 304, 357, 385] unaufhaltsam dem Verfall preisgegeben zu sehen. Ursprünglich wollte er das in einer Einleitung zum Ausdruck bringen; er hat sie dann unterdrückt, vermutlich weil es ihn nicht gelüstete, zu reden, statt zu bilden. Aber ich glaube, sie ist ein so treuer Spiegel seiner Gefühle, daß sie eher als ein Kommentar hier Platz finden möge: [...] Vom menschlichen Standpunkt muß man eine derartige patriotische Anwandlung schätzen; vom literarischen dem Verfasser das Los seines James Bryden (in der Erzählung ‚Heimweh‘) wünschen: den leidet es nicht lang in der Heimat, weil ihm der Dunst der Großstadt in der Nase sitzt. Das ungepflügte Feld (ist übrigens Irland tatsächlich so sehr Neuland?) mag den rüstigen Sämann locken: der alte Kulturboden England hat ihm doch seltenere Früchte getragen, reichere Ernte abgeworfen. Auf alle Fälle bleibt die Gabe inneren Erlebens an George Moore bewundernswert – einerlei, ob er die Dinge auf sich zukommen läßt, oder selbst auf die Dinge zukommt.“ ●● Siehe auch MMs Besprechung von Moores Novellensammlung in der FZ vom 12.02.1904.

Brownings jüngster Biograph. VZ, 22. August 1903, Morgenausgabe, Nr. 391.
Gilbert Keith Chesterton, Robert Browning, London: Macmillan 1903, (English Men of Letters, N.S., Nr. 7). ● „Wieviele Vermutungen haben nicht gescheite Leute darüber geäußert, was Maurice Maeterlinck den Anstoß zu seiner Monna Vanna gegeben haben möge. Die einen behaupteten, ein Gemälde von Rubens, die andern, die Legende von Godiva. Der Dichter ließ all das kluge Gerede stillschweigend über sich ergehen. Erst als ihm ein amerikanischer Professor [William Lyon Phelps (1865-1943)] unwiderleglich nachwies, daß ihm Robert Brownings Tragödie Luria stark angeregt habe, brach er das Schweigen, räumte seine Abhängigkeit von diesem Renaissancedrama ein und fügte den Ausdruck der höchsten Bewunderung für den englischen Dichter hinzu [‚Maeterlinck and Robert Browning‘, The Academy and Literature, Bd. 64, Nr. 1623, (13.06.1903), 594-595]. ● Bei dieser Gelegenheit ist es vielen zum Bewußtsein gekommen, daß man in Deutschland von dem großen Robert Browning fast nichts weiß. Im günstigsten Falle kennt man seinen Namen. Nach einer Übersetzung seiner Werke, die zwei stattliche Bände von je achthundert Seiten füllen ([The Poetical Works, ed. Augustine Birrell,] London, Smith, Elder  & Co. [1896 ff.]), wird man sich vergeblich umschauen. Eine deutsche Biographie gibt es von ihm nicht. Wer etwas über seine Ehe mit Elizabeth Barrett – das einzige Ereignis seines Lebens – erfahren will, der lese jetzt Ellen Keys Menschen (Berlin, S. Fischer, 1903). Das begeisterungstrunkene Buch wird ihn der irdischen Sphäre entrücken, daß er in einem Luftballon zu schweben vermeint. Aber aus der Vogelperspektive lernt man nicht einmal ragende Kirchtürme, geschweige denn winzige Erdenmenschen kennen. Ja, wer ihn aus der Nähe gesehen hat, der darf getrost zu Ellen Key in den Sokrateskorb steigen, womit ich nicht sagen will, daß sich die andern unter Umständen in der Gesellschaft der holden Schwärmerin nicht wohler fühlen. ● Dagegen standen die deutschen Geschichtsschreiber der englischen Literatur bisher ausnahmslos auf dem Boden nüchternster Wirklichkeit. [Richard] Wülker erinnert ein wenig an den Greis auf dem Dache, wenn er seinem Unwillen darüber Luft macht, daß man den ‚stark überschätzten‘ Browning ‚mit vollem Unrecht, neben, ja sogar über Tennyson‘ stelle [Geschichte der englischen Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Verbesserter Neudruck, Leipzig: Bibliographisches Institut 1900, 603]. Es wäre nicht minder lächerlich, schriebe ich den Satz nieder: man kann Richard Strauß mit Franz Abt [populärer Komponist und Kapellmeister (1819-1885)] nicht vergleichen, weil er sich nie des Beifalls der Menge erfreut hat. Eduard Engel [1851-1938] andererseits verfiel wohl seinerzeit in den Fehler der mit dem Wort schnell fertigen Jugend, wenn er in einer Literaturgeschichte den Satz in die Welt sandte: ‚Robert Browning läuft Gefahr, von der Nachwelt nur mit dem Beinamen „der Gatte von Elisabeth Browning“ genannt zu werden.‘ [Geschichte der englischen Literatur von ihren Anfängen bis auf die neueste Zeit, Leipzig: Wilhelm Friedrich 1883, 519]. Mit demselben Rechte dürfte ich behaupten: Friedrich Schlegel lebt nur als Gatte Dorotheens fort. ● Und doch, ein Vorwurf läßt sich gegen niemand erheben, der Browning ablehnt, ihn vielleicht sogar aus der Reihe der Dichter streicht. Jeder Mensch – zumal jeder Ausländer – wird ein ganz persönliches Verhältnis zu ihm haben, wie die Mystiker zu ihrem Gotte, vertrauensselige Gemüter zu ihrem Beichtvater, philosophisch Aufgeklärte zu Häckel. Mit einer wegwerfenden Geste: das ist ja alles Hokuspokus, können die Skeptiker nichts ausrichten. Es gibt eben gewisse Dinge, die jeder mit sich selbst ausmachen, vor dem Areopag des eigenen Gewissens verantworten muß. Aber die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, daß die erbitterten Browning-Gegner, sind sie Nicht-Engländer, seine Sprache, sind sie Engländer, den Sinn seiner Sprache nicht verstehen. Noch ein [so] großherziger advocatus diaboli wie Oscar Wilde, der Browning den Charakteristiker in Shakespeares unmittelbare Nachbarschaft rückte, meinte mit Bezug auf seine Sprache, er könne in tausend Zungen stammeln [in ‚The Critic as Artist‘]. Mir hätten bisweilen Browningʼsche Verse nicht fremder klingen können als ein vorhistorischer Dialekt des Botokudischen; und doch kehrte ich immer wieder zu ihm zurück, wie ein gebranntes Kind, das den Ofen nicht scheut. ● Zweierlei folgt hieraus mit Notwendigkeit: Browning ist unübersetzbar; Browning ist dunkel. Unübersetzbar, weil sich das Chaos seiner Gedanken nicht einfangen läßt. Der gute Übersetzer ist stets ein Stilglätter, ein Polierer der Sprache. Das Chaos des Originals kann er nur aus sich selbst heraus gebären, aber nicht übertragen (in doppelter Bedeutung), nicht künstlich okulieren. Und der gute Übersetzer muß ferner klären, erklären. Denn Dunkelheiten des Stils nehmen sich in einer fremden Sprache wie unbehauene Stellen eines Marmorblocks aus; wie verwischte Flächen einer Radierung. Schade, daß Otto Gildemeister [1823-1902] nie mit Browning gerungen hat: er wäre der einzige gewesen, der vielleicht mit diesem tückischen Gegner fertig geworden wäre. Vielleicht. ● Über Brownings Dunkelheit sind mehr Anekdoten im Umlauf als über Mozart das Wunderkind. Am bekanntesten dürfte die folgende sein: Eine seiner Bewunderinnen bat ihn einst um Auskunft über einen besonders schwer zu enträtselnden Vers, worauf die Antwort einlief: ‚Als das Gedicht entstand, kannten nur zwei Leute seine Bedeutung – Gott und Robert Browning. Jetzt weiß Gott allein, was es bedeutet.‘ [S. 1] Wie eine schlechte Anekdote wirkt auch nur die Gründung der Browning-Society [1881], die schon bei Lebzeiten des Dichters unter dem Protektorat der Wissenschaft [– Gründungsvater war der renommierte Philologe Frederick James Furnivall (1825-1910) –] einmal wöchentlich [richtig: monatlich] zusammenkam, um Charaden zu lösen. In ihrer gänzlichen Hilflosigkeit telegraphierte sie einmal nach Venedig, um sich an berufenster Stelle Rats zu erholen, und sie erlebte die Freude, noch an demselben Abend die bezahlte Rückantwort auf die Frage, was sich Mr. Browning bei Vers soundsoviel irgendeines Werkes gedacht habe, zu erhalten; sie lautete so lakonisch wie möglich: ‚Nichts. Browning.‘ Wahrhaftig, er hatte allen Grund, den Himmel anzuflehen, er möge ihn vor seinen Freunden schützen. ● Trotzdem versichert uns sein jüngster Biograph G. K. Chesterton (English Men of Letters. New Series. London, Macmillan & Co., 1903), er sei klug genug gewesen, seine eigene Dichtung zu verstehen; ‚und wenn er sie verstand, können wir sie verstehen‘. [S. 1] Dagegen lassen sich gewichtige Zeugenaussagen ins Feld führen. Carlyle schrieb einmal, seine Frau habe Sordello mit großem Interesse gelesen und möchte nun gerne wissen, ob Sordello ein Mann, eine Stadt oder ein Buch sei. [S. 34] (Was ist dagegen ein impressionistisches Gemälde?) Tennyson behauptete, er hätte nur die erste Zeile: ‚Wer will, kann die Geschichte von Sordello hören‘ und die letzte: ‚Wer wollte, hat die Geschichte von Sordello hier gehört‘ verstanden und die beiden Zeilen seien Lügen. [ebd.] Douglas Jerrold, der Lustspieldichter [1803-1857], war eben von einer Krankheit genesen und machte sich an die Lektüre des Sordello, aber er legte gar bald das Buch aus den Händen: ‚Mein Gott, ich bin verrückt. Meine Gesundheit habe ich wieder, aber mein Verstand ist dahin. Ich kann nicht mehr zwei Zeilen in einem englischen Gedicht verstehen.‘ [S. 34 f.] Und auch der große Wordsworth, der selbst gelegentlich das Orakeln liebte, mußte in Browning einen überlegenen Auguren anerkennen; wenigstens sagte er, als man ihm von der Flucht seines Kollegen und Miß Barretts erzählte: ‚Ich hoffe, sie verstehen einander – keinem andern gelingt das.‘ [S. 69] ● Nein, Brownings Dunkelheit läßt sich nicht aus der Welt schaffen, wenn man sie auch als eine primäre Eigenschaft auffaßt, die aus seinem individuellen Ausdrucksvermögen fließt, aus einer so großen Leidenschaft für das Leichtbegreifliche, daß sich seine Rede überstürzte und verdreht wurde. Was verschlägt es, ob man ihn nun dunkel nennt, weil er tief war, oder ihn tief nennt, weil er dunkel war? ● Doch da ich bei deutschen Lesern weder die Kenntnis von Brownings Leben noch gar von seinen Werken voraussetzen darf, wäre es lächerlich, wollte ich hier zu seinem letzten Biographen Stellung nehmen, ohne vorher von dem Menschen und dem Dichter erzählt zu haben. Aber man kann Robert Browning völlig aus dem Spiel lassen und doch von G. K. Chesterton sprechen. Denn sein Buch besitzt prinzipielle Bedeutung. Es ist die amüsanteste Biographie, die mir je zu Gesicht gekommen ist. Mehr eine Conférence als eine Vita. Ein Paradoxenschießen nach der Zielscheibe Browning. Und doch trifft dieser Kunstschütze häufiger ins Schwarze als die Verfasser dickleibiger Folianten, die uns mit ihrem aufgeführten Material erdrücken. ● Chesterton stammt aus der epigrammatischen Schule, die zur Zeit in England, besonders im Roman, viele Anhänger zählt. Sie dient im letzten Betrachte einem Persönlichkeitskult. Der darzustellende Gegenstand ist ihr Anlaß und Vorwand (teilweise), sich selbst, den eigenen Geist in bengalische Beleuchtung zu setzen. Erste Bedingung hierzu ist natürlich das Vorhandensein einer persönlichen Note. In Deutschland gilt sie, bei dem Künstler zwar für unentbehrlich, bei dem Mann der Wissenschaft aber noch immer vielfach als quantité négligeable. Was wir Objektivität der Wissenschaft nannten, ist längst im Spiritus eines pathologischen Museums eingeschrumpft. Sie mag einmal in vergangenen Zeiten eine schöne ideale Forderung gewesen sein; heute jedoch gibt es dafür ein gutes deutsches Wort, und das heißt nach Ibsen Lüge. Sobald wir das Reich der exakten Wissenschaften verlassen, wird die vielberufene Objektivität ein Schönheitspflästerchen für Temperamentlosigkeit. Treitschke hat das so ausgedrückt: ‚Jene blutlose Objektivität, die gar nicht sagt, auf welcher Seite der Darstellende mit seinem Herzen steht, ist das gerade Gegenteil des echten historischen Sinns. Alle großen Historiker haben ihre Parteistellung offen bekannt.‘ [Brief an den Vater vom 19.11.1864] ● Alle großen Literarhistoriker nicht minder. Die Bedeutung ihrer Werke liegt in der Persönlichkeit des Verfassers. Vor Hermann Grimm mag es vielleicht achtunddreißig Goethe-Biographen gegeben haben; jeder Dritte verfaßte nach bewährtem Apothekerrezept: er braute aus anderen Flaschen einen neuen Heiltrank zusammen. Da kam Hermann Grimm und schuf ein Kunstwerk – nicht indem er von Goethe gab, sondern von sich selber. [Goethe, 2 Bde (1877)]. Subjektivität ist das Einzige, was in Kunst und Wissenschaft dauernd Wert verleiht.* [* Anmerkung der Redaktion: ‚Wir geben diese Äußerung, die selbst eine äußerst subjektive ist, unter der Verantwortung des Autors wieder, obgleich der cum grano salis zu nehmende Satz sicherlich nicht auf jede Art wissenschaftlicher Betätigung angewendet werden kann.‘] Die Geschichte der Kunst sammelt sich, wie in einem Brennpunkt, in der Geschichte der Künstler; die Wissenschaft wird in der Lebensarbeit einiger großer Geisteshelden zusammengerafft. ● Das Material darf also für den Biographen, sofern er den Ehrgeiz des Künstlers hat, kaum mehr sein als die Farben für den Maler: Rohstoff, in den er seine Seele legt. Was wirklich geschah, das Tatsächliche gewinnt erst künstlerische Bedeutung, wenn es durch das Medium eines Temperaments offenbart wird; sonst steht er auf einer Stufe mit Zeitungsneuigkeiten. [Ein Echo von Zolas berühmter Definition: „Une oeuvre dʼart est un coin de la création vu à travers un tempérament“ (Mes haines) [1866].] Ein Porträt, das uns nur die Psyche des Modells gäbe, das was man in der Alltagssprache Ähnlichkeit nennt, sänke zur Photographie hinab, könnte diese den Geist einfangen. So fließen auch in der Biographie zwei Lebensströme zusammen: das Ich des Darstellers und des Dargestellten verbinden sich zu höherer künstlerischer Einheit. Keiner hat das mehr empfunden als Goethe, da er die Geschichte seines Lebens durch seine Lebensbeschreibung krönte und sie Dichtung und Wahrheit nannte. Klingt das nicht wie ein Hohn auf alle Wissenschaftlichkeit, die sich mit ihrer Objektivität brüstet? ● Dichtung und Wahrheit mischt Chesterton so selbstherrlich wie möglich, um einen Browning nach seinem Ebenbilde zu gestalten. Man mag gegen ihn einwenden, was man wolle: wo man diesen Browning packt, ist er interessant. Schon in der Grundauffassung, dem prachtvoll herausgearbeiteten Widerspruch zwischen höchstem Verstand und einfachstem Temperament. ‚Problematische Naturen sind immer unendlich leichter zu verstehen als der natürliche Mensch; denn der komplizierte Mensch führt ein Tagebuch seiner Stimmungen, übt die Kunst der Selbstzerlegung und Selbstoffenbarung und kann uns sagen, wie er dazu kam, dieses zu fühlen oder jenes auszusprechen. Aber ein Mensch wie Browning weiß so wenig von dem Zustand seiner gemütlichen Bewegungen wie von dem Zustand seines Pulses.‘ [S. 1-2] Vieles, was dieser Biograph vorbringt, erhebt sich über seinen Gegenstand hinaus zu allgemeiner Bedeutung. Er fährt die Kanone des überlegenen Verstandes auf und sprengt kleinliche wissenschaftliche Hypothesen in die Luft. ● Die Abstammung eines Menschen – als ein Teil der Taineschen Lehre vom Milieu – muß immer herhalten, wenn es gilt, Besonderheiten des Wesens zu ergründen. Bei Browning hatten die Biographen von jeher ein weites Feld. Der eine führte seinen Stammbaum bis ins Mittelalter zurück; ein anderer behauptete, in seinen Adern flösse jüdisches Blut; ein dritter legte Nachdruck auf seine kreolische Großmutter. Chesterton läßt sich gar nicht ernstlich darauf ein, solche Phantastereien zu beweisen oder zu widerlegen, er macht sie einfach lächerlich. ‚Gegen keine dieser drei Theorien läßt sich etwas Triftiges vorbringen, so wenig wie zu ihren Gunsten; vielleicht sind sie, irgendeine von ihnen oder allesamt, wahr, aber sie sind zwecklos. Sie sind etwas, das in Geschichte und Biographie weit schlimmer ist als falsch – sie führen irre ... Aber es ist die Sünde und die Schlinge der Biographen, daß sie in allem Bedeutung wittern. Diese allzu große Bereitwilligkeit, sich Fingerzeige zunutze zu machen, ist ein unvermeidlicher Teil jener geheimen Heldenverehrung, die das Herz der Biographie ist. Der Verehrer großer Männer sieht Zeichen von ihnen, lange bevor sie auf Erden zu erscheinen beginnen, und gibt wie ein alter mythologischer Chronist Stürme und fallende Sterne als ihre Herolde aus.‘ [S. 5-7] Was Browning recht ist, kann allen biographierten Opfern billig sein. Gerade in Deutschland hat diese atavistische Spürsucht seltsame Blüten getrieben und zu recht schädlichen Auswüchsen geführt. Charles Kingsley, dessen Zeugnis sich Chesterton nicht entgehen läßt [S. 8], hat diese Modekrankheit einmal ergötzlich verspottet: ‚Seine Mutter war eine Holländerin und daher in Curaçao geboren; sein Vater war ein Pole, und daher wurde er in Petropaulowski erzogen;  trotz alledem war er ein so vollkommener Engländer, wie je einer seines Nächsten Hab und Gut begehrte.‘ [The Water Babies, Kap. 4] ● Mehr als die gelehrte Hypothesenjägerei interessiert uns die Tatsache, daß Robert Brownings Mutter die Tochter eines deutschen Kaufmanns William Wiedermann [richtig: „Wiedemann“] war, der sich in Dundee niederließ und eine Schottin heiratete [S. 12; fälschliche Schreibung von Chesterton übernommen]. Natürlich schreibt man des Dichters metaphysische Neigung dieser schottisch-deutschen Personalunion zu. [ebd.] Aber Chesterton warnt auch hier mit Recht davor, aus einem Maulwurfshügel einen Berg zu machen. [ebd.] Und so bricht überall bei diesem jüngsten Browning-Biographen der Kritiker durch, der für hero-worship [S. 7] nichts übrig hat und sie in die richtigen Grenzen zurückweist. ● Darum glaubte ich seinem Buch einen prinzipiellen Wert zusprechen zu dürfen. Freilich, er verfällt gelegentlich aus Freude an dem Geist, der stets verneint, in den Fehler, das Gegenteil der landläufigen Ansicht beweisen zu wollen – nicht aus Überzeugung, sondern aus dialektischer Vorliebe, aus dem Wohlgefallen am Paradoxen. Schade, daß man deutschen Lesern nicht mehr Proben davon bieten kann, so lange ihnen Browning ein Buch mit sieben Siegeln ist. Hoffentlich tragen Ellen Keys Huldigungsschrift und Maeterlincks volltönendes Kompliment dazu bei, daß man sich in Deutschland nun etwas eingehender mit diesem apokryphischen britischen Dichter befaßt.“ ●● Die Rezension nimmt viel von dem vorweg, was MM noch einmal in seiner Sammelrezension über ‚Die Brownings‘ im LE vom 01.06.1905 ausführen sollte.
 
Hamlet Prinz von Dänemark. LE, Bd. 5, Nr. 23 (1. September 1903), 1654-1655.
Rudolf Fischer, ‚Revision und Erneuerung’ von Schlegels Übersetzung, mit einer ‚Einleitung und Erläuterungen‘ (Berlin: S. Fischer [1902]). – „F[riedrich] A[ugust] Leo [1820-1898], der verdiente Shakespeare-Amateur, hat bereits im Jahre 1853 Beiträge und Verbesserungen zu Shakespeares Dramen herausgegeben, ohne indes damit durchgedrungen zu sein. Er bot einen Separatband philologischer Konjekturen; in den Text der Dramen hat er sich nicht eingefügt, vielleicht nicht einfügen wollen. Man sieht: der Plan eines gereinigten Shakespeare gehört nicht erst unseren Tagen an. Rudolf Fischer [1860-1923] hat zum ersten Mal ein einzelnes Drama in der Schlegelschen Übersetzung nach dem Stand der heutigen Forschung, aber mit möglichster Schonung des Schlegel’schen Wortlauts durchgebessert. Er hat durchschnittlich jeden fünften Vers gefeilt. Es sind oft nur ganz kleine Änderungen, doch da sie den Hamlet betreffen, der zu einem Teil unseres Selbst geworden, machen sie sich trotzdem bemerkbar. Die sicher sehr mühevolle Arbeit ist mit gutem Geschmack und vor allem mit Pietät gegenüber Schlegels Nachdichtung vollzogen. Jeder mag sich jetzt ein eigenes Urteil bilden, ob er diese Korrektur billige. Ich kann mich, wie erst kürzlich hier dargelegt [in der Besprechung des Shakespeare-Jahrbuchs Bd. 38 im LE vom 01.12.1902], für das Prinzip durchaus nicht erwärmen. Mir bleibt es Flickarbeit, im besten Fall Kunststopferei. Hat man den ersten Schritt einmal unternommen, so ist ein Ende nicht abzusehen. Nach Fischer wird [Hermann] Conrad kommen und seine Emendationen vorzeigen, und nach Conrad wird wieder ein anderer kommen, der Fehler auswetzt, und schließlich wird jeder verlangen, der einmal einen zweifelhaft überlieferten Vers eingerenkt zu haben glaubt, daß man seine Hypothese gebührend berücksichtige. Warum nicht? Er hat ein Recht dazu, und es geht in einem Aufwaschen hin. Von Schlegel wird dann schließlich nur noch ein Gerippe übrig bleiben. Niemand aber wird unterlassen zu versichern, Schlegels Werk besitze einen hohen Kunstwert: nur entspreche es dem heutigen Stande der Wissenschaft nicht mehr ... – Ich wünschte von Herzen, Rudolf Fischer fände keinen Nachfolger. Im einzelnen ließe sich doch über seine Verbesserungen reden und mit ihnen rechten: ist z.B. ‚Lärm des Irdischen’ poetischer als ‚Drang des Irdischen’ (im Monolog des dritten Akts)? Verdient ‚geckenhaft’ (in des Polonius’ Mahnung) den Vorzug vor ‚grillenhaft’?“
 
„Die erste deutsche Wilde-Biographie.“ Nat.Ztg., 11. September 1903, Nr. 492, Morgenausgabe.
Felix Paul Greve, Oscar Wilde, (Moderne Essays, H. 29) (Gose u. Tetzlaff: Berlin 1903). (Nicht in HH und Kohl). ●● „Mit diesem volltönenden Namen umgürtet – die Buchhändler glauben neuerdings, geistige Erzeugnisse bedürften wie Weinflaschen eines Etiketts oder wie Havanna-Zigarren einer ‚Leibbinde’ –, sieht man jetzt in den Schaufenstern ein noch nicht drei Bogen starkes Heftchen, das Oscar Wilde gewidmet und von Felix Greve verfaßt ist. Bescheidener nennt dieser sein Büchlein selbst bloß einen ‚Versuch, die Wege zu zeigen, wie man Wilde als Problem behandeln könnte’ [S. 44], und er steht (leider nur in der Theorie) auf dem durchaus richtigen Standpunkt, der Dichter gehöre zu den Menschen, ‚deren man nur durch die Biographie habhaft werden kann’ [ebd.]. – Hätte er sich das Richtschnur sein lassen, so hätte er immerhin auf sechsundvierzig Seiten ein in den Umrissen scharfes Bild entwerfen können. Hätte all das halbwahre oder phantastische Gerede, das diese widerspruchsvolle Persönlichkeit umschwirrt, über Bord geworfen. Hätte das Labyrinth der Vermutungen gemieden, um auf der geraden Straße der Tatsachen unbeirrt dahinzuschreiten. Hätte Biographie geboten und nicht den unhaltbaren Satz aufgestellt, der das ganze in der Luft schwebende Gebäude krönt: ‚Wenn wir von Oscar Wilde reden, meinen wir meist jenen Menschen, der nie existierte, wir meinen einen Typus, von dem Wilde nur ein unvollkommener Vertreter war’ [S. 43]. Ja, hätte er! – ● Freilich, es ist sehr schwer und sehr mühevoll, den Menschen, der existierte, der noch nicht drei Jahre tot ist, sich zu vergegenwärtigen und aus unserer Zeit heraus zu erklären. Darum so schwer, weil uns noch so wenig zuverlässiges Material vorliegt und die Werke des Dichters an einem einzigen Orte vollständig zu finden sind: im Britischen Museum. (Der Katalog der königlichen Bibliothek in Berlin [der heutigen Staatsbibliothek] weist lediglich eine im Jahre 1897 als Manuskript in München erschienene Schnurre Der Geist von Canterville auf [Signatur: 8 Zd 11563 (Kriegsverlust)], d.h. also nichts.) Aber unmöglich, obwohl vielleicht noch verfrüht, wäre es doch nicht, heute schon auf Grund des Vorhandenen ein Fundament zu legen, auf dem der künftige Geschichtsschreiber der Wildeschen Vita weiter bauen könnte. – Greve nennt als seine beiden wichtigsten Quellen den Aufsatz von André Gide ([‚Oscar Wilde’,] L’Ermitage [Bd. 13, H. 6], Juni 1902 [S. 401-429]) und das Buch von Robert Harborough Sherard mit dem wenig geschmackvollen Titel: The Story of an Unhappy Friendship (Greening u. Co., London, 1902). Er überschätzt den gewiß vortrefflichen Zeitschriftenaufsatz, den er nach Kräften ausbeutet, ohne zu wissen, daß die in der ersten Hälfte mitgeteilten Parabeln von Wilde selbst als ‚Gedichte in Prosa’ in der Fortnightly Review vom Juli 1894 veröffentlicht worden sind. Er unterschätzt Sherards ‚höchst ungeschickte und törichte Verteidigung’ [S. 44], indem er vergißt oder vergessen will, wieviel Positives er ihr doch verdankt. Sherards Denkmal der Freundschaft ist zwar von keinem Künstler errichtet, behält aber als menschliches Dokument seinen kulturellen Wert. ● Damit ist Greves Kenntnis so ziemlich erschöpft. Nichts wäre überflüssiger, als auf Vollständigkeit in der Aufzählung der Makulatur Gewicht zu legen. Doch ich sollte denken, in diesem Falle sei es doppelt Pflicht des Biographen gewesen, sich nach literarischen Hilfsmitteln umzutun, wenn er seine Aufgabe ernst genommen hätte, weil er die zahlreichen Irrtümer, die verbreitet sind, berichtigen und selbst vermeiden konnte. Wie würden wir im Vollgefühl der wissenschaftlichen Verantwortlichkeit über einen Mann herfallen, der, mit ungenügenden Vorkenntnissen ausgerüstet, sich erdreistete, einen deutschen Dichter zu monographieren! Auf dem Gebiete der englischen Literatur, in der die Ignoranz ihre Orgien feiert, scheint zur Zeit die Parole ausgegeben: erlaubt ist, was gefällt. Die Übersetzer aus dem Englischen haben von der Sprache kaum mehr als einen blassen Schimmer – ich verzichte hier auf Namen –, und wenn sie sich gar als Literarhistoriker aufspielen, kommen die ergötzlichsten Albernheiten zum Vorschein. Das Autodidaktentum in Ehren! Indes ist es geboten, ehe die heillose Stümperei in dieser Disziplin noch weiter einreißt, die Fahne der wissenschaftlichen Vorbildung einmal wieder hoch zu halten. ● Nun zurück zu Herrn Felix Paul Greve, der auch als Übersetzer ein ansehnliches Sündenkonto bei mir hat. Er kennt nicht den von dem gewissenhaften Thomas Seccombe stammenden Artikel über Oscar Wilde im dritten Supplementband [1901] des als Nachschlagewerk unentbehrlichen Dictionary of National Biography. Hätte er ihn gekannt, seine Biographie wäre weniger fehlerhaft. Hätte er ihn gekannt, er zitierte den Titel des Dramas The Duchess of Padua richtig [Auf S. 12 nennt Greve das Drama kurz und bündig ‚die Duchess of Parma’. Später (S. 42) gibt er sich vorsichtiger und schreibt: ‚Die Duchess of Parma (oder of Padua) kenne ich nicht; ich zweifelte eine Zeit lang, ob sie je existiert hat. Doch es steht fest, daß sie aufgeführt worden ist.’ Und in der Bibliographie ganz zum Schluß (S. 46) heißt es noch vorsichtiger: ‚The Duchess of Parma (oder of Padua). (Scheint nie erschienen zu sein. Über den Titel schwanken die Angaben. In den Ankündigungen von Elkin Mathews steht: Duchess of Parma.)’] und wüßte, daß es schon im Jahre 1881 [1891] in Amerika aufgeführt wurde. Hätte er ihn gekannt, er spräche nun und nimmer von The Portrait of Mr. W.H., worin Wilde seine verschwenderisch geistreiche Deutung der Shakespeareʼschen Sonette niederlegte, als von einer kleineren satirischen Novelle [S. 7]. Hätte er ihn gekannt, er brauchte nicht den Sterbetag des Dichters falsch anzugeben [‚Dezember 1900’ (S. 14)]. Ja, hätte er! – Ferner hat Greve das Buch von Walter Hamilton: The Aesthetic Movement in England [1882] nicht berücksichtigt. Da hätte er lernen können, welche Fäden den Kunstreformer Wilde mit seinem Zeitalter verknüpfen und wie er zu den Präraphaeliten, zu Morris und Ruskin, seinem verehrten Lehrer, Beziehungen unterhielt. Dann würde Greve nicht behaupten, die Bewegung habe sich scheinbar an Tennyson angeschlossen [S. 25], und er ließe Rossetti seinen ehrlichen Namen [S. 26 ff.]. – Endlich käme noch der achte Band des monumentalen Werkes von A[lfred] H. Miles: The Poets and the Poetry of the Century [London: Hutchinson 1898] in Betracht. Daraus hätte Greve ersehen müssen, daß die Gedichte trotz der Anklänge an Swinburne und Browning keineswegs ‚frei von allem’ sind, ‚was ihn später so scharf bezeichnet’ [S. 7]. Wie kann sich überhaupt ein Biograph ein Erstlingswerk entgehen lassen, das so wie dieses den ganzen späteren Menschen in sich birgt? Nebenbei sind einige Gedichte klassizistische Spenden allerersten Ranges, die den großen Stilkünstler und -künsteler ahnen lassen. In anderen schlägt er eine Gefühlssaite an, die er nachher geflissentlich aus seinem Oeuvre verbannte oder zu verbannen strebte, um dem amusischen Leben durch eine erträumte Schönheit Paroli zu bieten. Aber es ist die Tragik seiner Theorie, daß ihm das Leben, wenn er es auch mit der Peitsche verjagt, immer wieder durch ein Hinterpförtchen in die Dichtung hineinschlüpft. ● Ich weiß, diese Bücher sind im Handel vergriffen, die Gedichte sehr selten geworden. Mildernde Umstände sollen daher dem Biographen gern zugebilligt werden; doch man kann ihn nicht von jeder Schuld freisprechen. Er nimmt alles Tatsächliche auf die leichte Achsel. Ihm kommt es nicht darauf an, aus Wildes Vater einen ‚geistreichen und liebenswürdigen Gelehrten’ [S. 7] zu machen – was der Wirklichkeit ebensowenig entspricht, wie wenn man Goethes Vater derartig charakterisieren möchte. Er mißachtet die Chronologie der Werke und ergeht sich in gewagten Behauptungen, die er niemals beweisen könnte. Übrigens rührt die Übersetzung von Barbey d’Aurevillys Ce qui ne meurt pas [What Never Dies] nicht von Wilde her; die Firma Wright u. Jones in Chelsea [ein berüchtigter Verleger von Raubdrucken] treibt mit solchen Neudrucken ein einträgliches Geschäft. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einmal hervorheben, daß Wilde nach Verbüßung seiner Strafe keineswegs in kläglichem Elend dahinsiechte: seine Freunde haben ihm bis zu seinem Lebensende pünktlich eine Jahresrente von siebenhundert Pfund ausgezahlt. Mit mehr als 14.000 Mark kann ein Einzelner in Paris sehr anständig leben. Wilde freilich, der das Geld zum Fenster hinauswarf, wie ein Kind bunte Glasperlen, konnte es nicht. Er lebte in einem schäbigen Gasthof, um bei Paillard zu speisen [einem der führenden Pariser Restaurants], und der König im Exil fühlte sich nicht wohl, wenn er nicht wenigstens dem Kellner seine Herrlichkeit zeigen durfte, indem er ihm einen Louisdor als Trinkgeld schenkte. Unter solchen Umständen hätte er ebenso spielend das Doppelte und Dreifache durchgebracht. ● Immer bleibt das Leben dieses singulären Menschen seine merkwürdigste Schöpfung. Er selbst hat es als das große Drama seines Lebens bezeichnet, daß er sein Genie in sein Leben, nur sein Talent in seine Werke legte. Seine Kunsttheorie, die der realen Welt spottete, um in einem erträumten siebenten Himmel der Schönheit zu genießen, führte notwendigerweise zu dieser Tragik. Er hatte so lange die Ästhetik der Lüge gepredigt, daß man ihm nicht glaubte, als er die Wahrheit sprach: denn damit strafte er sich selbst Lügen. Er will der Hydra Wirklichkeit die Köpfe abschlagen, und stets wächst ihr ein neuer nach. Am Dorian Gray findet Greve ganz richtig heraus, daß das Schicksal des Helden eine Wendung nimmt, ‚als hätte Wilde in einer Ahnung des Kommenden sich selber sein künftiges Leben vorgezeichnet’ [S. 17]. Dieses Motiv der Ahnung begegnet aber keineswegs nur in dem Roman, sondern es beschattet den wehmütig-heiteren Grundton der Märchen, es treibt sich noch verkappt in dem Mummenschanz der Komödien herum. Wo ist es nicht das Ahnungsmotiv? Man möchte es das Autobiographische nennen, das er in seine sämtlichen Werke hineingeheimnißt hat. ● Dieses autobiographische Element mußte der Biograph herausschälen. Und zweitens war zu zeigen, wie der letzte Improvisator sich der zeitgenössischen englischen Literatur einordnet: bei dem Mangel an Vorarbeiten ein schweres, aber äußerst dankenswertes Unternehmen. – Statt dessen ergeht sich Greve vielfach in dem, was der Altbaier treffend ‚Sprüch’ nennt; in ungedeckten Redensarten, die recht hübsch klingen, bei denen jedoch so gut wie nichts herauskommt. Ich greife aufs Geratewohl einen solchen Satz heraus: ‚Er vergötterte die Jugend, aber er war nie jung, denn Pose ist immer das Zeichen des Alters’ [S. 11]. Man braucht nicht über die Künste Wildeʼscher Paradoxie zu gebieten, um das Gegenteil mühelos zu beweisen: er war nie alt, weil er sich ewig für die Jugend begeisterte und einen wahren Päan auf sie anstimmte; das Apollohafte, das Greve auf der nächsten Seite betont, schließt doch ewige Jugend ein. Noch ein Beispiel: ‚Die Gesellschaft war eine jener nackten, brutalen Tatsachen, die die Mächte des Lebens ausmachen. Wilde verhöhnte sie, aber er stand nie über ihr.’ [S. 8] Mit dem gleichen Recht könnte man sagen: die Gesellschaft war für ihn ein schöner, idealer Traum. Und wer verhöhnt, steht eigentlich allemal über der Sache, hat sich zum mindesten innerlich von ihr befreit. Was nützen also solche janusköpfigen Gedanken? Ich wünschte, unsere Essayisten nähmen etwas mehr von der matter-of-fact-Darstellung der Engländer an, statt nach französischem Vorbild einer fabulistischen Neigung die Zügel schießen zu lassen; die Anmut der Form brauchte darunter nicht zu leiden.“ ●● Vgl. auch MMs Kurzrezension im LE vom 15.01.1904.
 
Lord Byron [...]. Die Belesenheit des jungen Byron. LE, Bd. 5, Nr. 24 (15. September 1903), 1722-1724.
Emil Koeppel, Lord Byron (Berlin: Ernst Hoffmann 1903); Ludwig Fuhrmann, Die Belesenheit des jungen Byron, phil. Diss. Berlin (Friedenau bei Berlin: Martin Kindler 1903). ● „In kurzer Zeit ist Koeppels Buch die dritte deutsche Byron-Biographie: erst kam [Richard] Ackermann, der sich an die ‚studierende Jugend beiderlei Geschlechts‘ wandte [Lord Byron: sein Leben, seine Werke, sein Einfluß auf die deutsche Literatur (Heidelberg: Winter 1901), V] – nichts weiter; auf ihn folgte [Wilhelm] Wetz im psychologischen Volkston [Byrons sämtliche Werke in neun Bänden, übers. von Adolf Böttger, hrsg. von Wilhelm Wetz (Leipzig: Hesse 1901)]; Koeppel ist der new-comer in diesem Triumvirat. So sehr er seine Vorgänger überholt, so wenig ist sein Buch die deutsche Byron-Biographie. – ‚Man kann dem künftigen Darsteller von Byrons Schaffen nicht genug Verve wünschen,‘ schrieb ich irgendwann ahnungsvoll, ‚damit dieser schöne Lebensrausch nicht in Schlafrock und Pantoffeln nacherzählt werde.‘ [Siehe MMs Besprechung von Helene Richters Chatterton-Monographie in den ES, Bd. 31, Nr. 1 (Juli 1902).] Heinrich v. Treitschkes fulminanter Aufsatz [‚Lord Byron und der Radikalismus‘ (1863)] schwebte mir damals vor der Seele; auf seinen Spuren, schien es mir, müsse man wandeln, wolle man dieses reichbewegte Leben ausschöpfen. Die Verwandtschaft der Temperamente leuchtete mir als ideale Forderung voraus. Ich dachte an einen Mann von Welt, der vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt hat, nicht an einen Stubengelehrten. Und doch hätte auch er es leicht, seine Byron-Begeisterung immer neu anzufachen: er brauchte nur an Goethes Fackel [s. Eckermanns Gespräche mit Goethe] seinen Span in Brand zu stecken, sich von dem Gefühlsbacchanal des Greises einen dionysischen Becher fortzustehlen. Auf dieses glorreiche Erbe gestützt, sind wir Deutschen – im Gegensatz zu den Engländern – den Anfeindungen des Tages gewachsen, und die heiseren Stimmen des Zweifels und der Nörgelsucht werden die eine nie übertönen. – Um so auffälliger ist es, daß Byrons jüngste Biographen ihrem Helden ausnahmslos kühl gegenüberstehen; noch kühler als Otto Brahm seinem Kleist. Das unterscheidet sie zunächst von den älteren Männern, den [Felix] Eberty [Lord Byron (1879)] und [Karl Friedrich] Elze [Lord Byron (1870)]. Sie werden nicht warm an ihrem Gegenstand, weder in der Zuneigung noch im Widerspruch. Ackermann schwingt sich zum Niveau der höheren Töchterschule auf; Wetz operiert mit dem Maßstab des Normalmenschen, der Professor und Familienvater ist; Koeppel, der Tennyson gerecht wurde [Tennyson (1899)], wird gegen Byron ungerecht, weil er nicht über seine Natur hinaus kann. Wer wie Koeppel am Schluß seiner Vita erklärt: ‚An dem Leben Byrons können auch wir uns nicht freuen, aber man hat es jetzt doch besser verstehen gelernt‘ [249], der wäre gerechter gegen sich selbst und andere gewesen, hätte er sich einer solchen Aufgabe überhaupt nicht gewidmet. – Der Biograph sei Rechtsanwalt oder Staatsanwalt; er finde den Mut, rückhaltlos zu verteidigen oder anzuklagen, je nachdem er es mit seinem menschlichen Standpunkt vereinigen kann. Er sei nur eines nicht: ein laues Bad. Lieber lüge er das Blaue vom Himmel herunter oder das Schwarze aus der Hölle herauf. Ich will mich nicht hinreißen lassen, den Satz aufzustellen: der Biograph verliebe sich in sein Modell, aber ich möchte nachdrücklich der Auffassung widersprechen, daß es die Pflicht einer kritischen Biographie sei, vom Schreibtisch aus alles zu bekritteln. – Die Tage, da Byron von seinen öffentlichen Anklägern in den Schmutz gezerrt ward, sind vorüber. [John Cordy] Jeaffreson [The Real Lord Byron (1883)] und [Harriet] Beecher-Stowe [Lady Byron Vindicated (1870)] haben nicht nur den Menschen begeifert, sondern auch die Wertschätzung des Dichters litt darunter – in England bekanntlich so sehr, daß man systematisch darauf aus war, ihn in die zweite Reihe zurückzudrängen. Byron, der Mensch, hat durch die neue Gesamtausgabe vielfach gewonnen [The Works of Lord Byron, ed. R. E. Prothero & E. H. Coleridge, 13 Bde, (1898-1904)]; vielleicht kommt das dem Dichter dereinst zugute. Diesem lassen zwar seine deutschen Biographen Gerechtigkeit widerfahren, aber an dem Menschen können sie nicht genug mäkeln, als ob sie den Engländern hier die Hand reichen wollten. – Nach dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung scheint es nicht geraten, Koeppel wegen Einzelheiten zu belangen, ihm Vorwürfe darüber zu machen, daß er für das Prometheische in Byrons Charakter kein Organ hat, daß er sich Höhepunkte wie Byrons Verhältnis zu Napoleon und Goethe entgehen ließ, daß er für die Darstellung der Ehe des Dichters und zu ihrer spannenden Vorgeschichte das neue Quellenmaterial nicht ergiebiger genutzt hat. Sein Herz war nicht dabei. Das sichert ihm eine Generalabsolution. Wir aber harren sehnsüchtiger als bisher des Byron-Biographen ...“ ●● Vgl. MMs Besprechung der Byron-Ausgabe von Wilhelm Wetz in der NZZ vom 07.02.1902 sowie MMs Aufsatz ‚Byron up-to-date. Eine Parallele‘ in der VZ vom 20.03.1903. ●● Zu Ludwig Fuhrmanns Dissertation: „Die anglistischen Dissertationen in Berlin gelten seit einer Reihe von Jahren nicht mehr den Präpositionen in Cynewulfs Elene und ähnlichen grammatikalischen Herbarien. Erfreulicherweise wird die Literatur der neueren Zeit bearbeitet. Um aber die Doktoranden nicht auf das Glatteis der Ästhetik zu führen, gibt man ihnen Themen mehr lexikographischer Art. So werden ihre Erstlinge wenigstens brauchbare Nachschlageheftchen, die als documentum eruditum ihres Sitzfleisches gelten können. Auch die vorliegende Arbeit ist mit rührendem Fleiß angefertigt. Die Dichterkonkordanz umfaßt – wenn ich richtig gezählt habe – 478 Namen. Nun sieht man, wie haltlos Walter Scotts Ansicht ist, Byrons Belesenheit ‚sei weder in Poesie noch Geschichte sehr ausgedehnt gewesen‘ [110, mit Verweis auf Scott, Recollections of Lord Byron], und Sir Leslie Stephen hätte das nicht so ohne weiteres nachschreiben sollen [ebd., mit Verweis auf Stevensʼ Eintrag zu Byron im Dictionary of National Biography]. Die deutsche Literatur, um die allein es uns hier zu tun sein kann, stellt knapp ein Dutzend Vertreter. Der Vollständigkeit wegen hätte ich Grillparzer aufgenommen, trotzdem er für den jungen Byron, d. h. bis zum Jahre 1816, nicht in Betracht kommt, und vielleicht zu erweisen gesucht, ob ein Zusammenhang zwischen Sappho und Sardanapal besteht.“
 
Der wahre Don Juan. Nat.Ztg., 18. Oktober 1903, Morgenausgabe, Nr. 556.
George Bernard Shaw, Man and Superman (London: Constable 1903). ●● „Aus vier ziemlich gleichwertigen Teilen besteht das neue Drama Man and Superman (Mensch und Übermensch) von Bernard Shaw: dem Stück selbst, einer unorganischen Einlage, dem Vorwort und dem Anhang. Der Verfasser mag in Verlegenheit gewesen sein, für die auseinanderstrebenden, selbständigen und selbstherrlichen Teile einen gemeinsamen Gattungsnamen zu finden. Er wußte sich nicht anders zu helfen als durch zwei disparate Begriffe, die er im Untertitel zusammenkoppelte: ‚eine Komödie und ein philosophisches System‘ (A Comedy and a Philosophy). Die Komödie birgt [den] Kern. Dieser Kern bildet wiederum die innere Schale für die Philosophisterei. Ihre äußere Schale sind die an den bekannten ‚verrohten‘ Times-Kritiker Arthur Bingham Walkley gerichtete Widmungsepistel und ‚das Handbuch des Revolutionärs in der Westentasche‘. Letzteres hat eine Person des Stückes zum Verfasser: den Nachfahren Juan Tenorios, Molières, Mozarts und Byrons berühmten Helden. Da er im England des zwanzigsten Jahrhunderts lebt, heißt er John Tanner und ist von Beruf M. d. r. F. (gleich Mitglied der reichen Faulenzer). Shaw begnügt sich nämlich nicht mit der Versicherung, sein Tanner habe ein geistvolles Buch geschrieben – das könnte uns jeder weismachen, und nicht einer von hundert Schriftstellern kann es durch die Tat erweisen –: wenn er einem den Makel anhängt, so bleibt er seinem Wort nichts schuldig; und da hierfür in der Komödie selbst kein Platz ist, läßt er das Werk am Schluß folgen. Nun mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden. ● Sehen wir von allem Drum und Dran ab, so bleibt folgendes als Inhalt der Komödie übrig: [...] So erhebt sich die Farce doch aus den Niederungen der Situationskomik zu einer gewissen symbolischen Höhe. Aber sie erhält erst Relief durch die alle Ökonomie der Bühne sprengende Einlage im dritten Akt, ein Intermezzo von durchaus selbständigem Gepräge – Shaws Don Juan. [...] ● Das Zwischenspiel vom wahren Don Juan nimmt sich inmitten der grotesken Umrahmung aus wie ein Rembrandt unter harmlos karikaturistischen Skizzen für den Punch. Ein Spaßmacher besinnt sich plötzlich darauf, daß die Bühne nicht unbedingt auf alle geistigen Werte zu verzichten braucht, und schüttet nun eine Pandorabüchse von Ideen aus. Aber dieses Interludium im Inferno rückt zugleich die Gestalten in die für ihre Beurteilung unentbehrliche Beleuchtung. Sie zeigen im Dunkel der Hölle ihr anderes Gesicht. – Freilich, der kluge Kritiker Walkley hat durchaus recht, wenn er seinen Freund Shaw damit aufzieht, das, was er Drama nenne, sei in Wirklichkeit nur Erklärung. Die Idee wird bei ihm nicht im Mörser der Handlung zerstoßen, durch die Charaktere und an ihnen zerrieben, sondern schwimmt obenauf wie die Fettblasen auf einer schlecht abgeschöpften Suppe. So kommt es, daß der wortgewandte, in allen Sätteln der Dialektik gerechte Erklärer den Dramatiker, dem sich nicht wie der Goetheʼschen Frau des Brahmanen die bewegte Welle ‚herrlich zu kristallner Kugel‘ ballt [‚Paria: Legende‘], immer an die Wand drückt. Und ich für meinen Teil stelle den Schriftsteller Shaw – zur Hälfte Philosoph, zu einem Viertel Quacksalber, zum andern Hansnarr – weit über den Dichter.● Er hat sich auch diesmal in der Widmungsepistel wieder glänzend bewährt. Ein Kritiker und Essayist ersten Ranges – ich wüßte keinen Ebenbürtigen im heutigen England zu nennen – spricht hier über die eigene Arbeit. Das Persönliche, das in seinen Werken stiefmütterlich bedacht ist, wird zum Schoßkinde seiner Vorreden. Hier bekennt der Mann offen Farbe, dem es sonst häufig beliebt, im Schellengewand und mit der Peitsche sein loses Spiel zu treiben. Er wollte also ein modernes Don Juan-Drama geben ohne des Helden ‚tausend und drei‘ Abenteuer – ein gefährliches Unterfangen, denn auf britischen Bühnen sind die Stücke verpönt, in denen die natürliche Anziehung der Geschlechter die Triebfeder der Handlung ist. Vom philosophischen Standpunkt aus ist Don Juan ein Mann, den seine Triebe in Konflikt mit den bestehenden Gesetzen bringen, obwohl er gegen die moralische Unterscheidung von gut und böse nicht abgestumpft ist. [...] ● Damit hat Shaw, der Übermensch, seiner eigenen Definition zufolge, sein Mütchen noch nicht gekühlt. Auf die Philosophie der Liebe folgt sein politisch-ethisches Lehrbuch: eine verschwenderisch geistreiche Spende. Sie besteht aus zwei Teilen, kürzeren Aufsätzen und einer Sammlung von Epigrammen. Fast jedes von ihnen ist ein Schlager, inhaltlich pointiert, formell geschliffen. Aber wozu in aller Welt dieser ungeheure Aufwand? In letztem Betrachte doch nur, um aufs neue darzutun, daß dieser amüsante Künstler, der den besten Iren nicht nachzustehen braucht und die zeitgenössischen Engländer mit wenigen Ausnahmen überflügelt hat, – daß Bernard Shaw herrlich reden, aber nur spärlich bilden kann. Der Verstand findet bei ihm ein Edelmannsmahl, das Herz eine Armeleutsbrühe.“ ●● Am 18. Sept. 1903 schrieb Shaw an Siegfried Trebitsch: „Meyerfeld has extracted from my publisher a review copy of the Superman.“ Und am 22. Okt. 1903 fügte er hinzu: „Meyerfeld sent me his article, which I have not yet had time to wade through.“ (Bernard Shaw’s Letters to Siegfried Trebitsch, ed. Samuel A. Weiss, [Stanford, Ca.: Stanford UP 1986],  62, 65). ●● Vorliegende Buchbesprechung ist in weiten Teilen identisch mit MMs Rezension im LE vom 01.02.1904 und mit seiner Kritik der Aufführung des Stückes an den Kammerspielen des Deutschen Theaters im Dezember 1906 (siehe NZZ vom 29.12.1906).
 
Ein alter Anglomane. Nation, Bd. 21, Nr. 5 (31. Oktober 1903), 73-75.
Karl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782, hrsg. Otto zur Linde, Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, Heft 126 (Berlin: Behr 1903). ● „[...] Wir sind im Jahre 1782. Karl Philipp Moritz, erst fünfundzwanzig Jahre alt und schon Professor am Köllnischen Gymnasium in Berlin, unternimmt seine Reisen eines Deutschen in England. Otto zur Linde [1873-1938] hat sie jetzt neu herausgegeben mit jener wissenschaftlichen Gründlichkeit, auf die wir uns immer noch etwas zugute tun dürfen. Man liest diese Reisebeschreibung, nicht nur wie jedes Buch aus früheren Tagen mit kulturgeschichtlichem Interesse, mit antiquarischer Neugier sozusagen, sondern überdies mit herzlichem Behagen: denn die Treuherzigkeit, die anspruchslose Bescheidenheit des Verfassers in körperlichen und geistigen Dingen hat sogleich etwas Anheimelndes. Wie eine altväterliche gute Stube. Außerdem hat Moritz aber auch seine persönlichen Verdienste: er schreibt schlicht, mit einer wohltuenden Natürlichkeit, die nichts von ihren Reizen eingebüßt hat, und er beobachtet teilweise ganz ausgezeichnet.  [...] Moritz ist noch treuer Chronist, dessen Aufzeichnungen sich der Objektivität befleißigen. Das schließt den Vorwurf der Anglomanie aus. Kritiklose Verhimmelung alles Englischen liegt ihm wirklich fern. Wenn er bewundert, – und er ist nicht blasiert genug, auf das Horazische Nil admirari zu schwören – so verrät sich darin die Lauterkeit seines Charakters. [...]“ ● Vgl. MMs Besprechung im LE vom 15.06.1904.
 
Shakespeare-Jahrbuch [Bd. 39]. LE, Bd. 6, Nr.4 (15. November 1903), 286-287.
„,Die Waffen ruhn, des Krieges Stürme schweigen.‘ [Schiller, Die Jungfrau von Orleans, IV.1] Keinen besseren Anfang weiß sich der Referent, nachdem der Streit um die Revision von Schlegel-Tiecks Übersetzung ausgetobt hat. Auf der Generalversammlung wurden ‚die in der Öffentlichkeit vorgekommenen Mißverständnisse für vollkommen erledigt‘ erklärt [XIII]; im Titel der neuen Ausgabe wird es klipp und klar heißen: ‚Shakespeares dramatische Werke usw., revidiert von Prof. Dr. H. Conrad auf Veranlassung des Herausgebers Dr. W. Oechelhäuser‘ [XIII]. Die Gesellschaft hat zwar ‚die Verbesserung des Textes durch ein Privatunternehmen als dankenswert bezeichnet, sich aber nicht dazu verstanden, die Arbeit eines einzelnen Revisors mit ihrem Namen zu decken; denn dies würde doch den Erfolg haben, daß das Publikum ... die Revision als eine kaum zu übertreffende Musterleistung betrachten würde.‘ [343] Die Gesellschaft muß natürlich ‚mit umsichtiger und unbefangener Erwägung vorgehen‘ [XII]; denn ‚das Vertrauen, das unserem Urteil entgegengebracht wird, gibt uns in gewisser Art den Rang einer Akademie‘[XII]. Und Akademien sind selbstverständlich unfehlbar wie der Papst. Nein, es war alles von vornherein in schönster Ordnung. Jeder hat zwar aus ihrem Beschluß vom vorigen Jahr etwas anderes herausgelesen; daraus wird aber mit meisterhafter Diplomatie der Schluß gezogen: ‚so wird denn doch wohl ihr Vorgehen das richtige gewesen sein.‘ [343] Wie konnte man nur zu den schiefen Auffassungen kommen! ‚Wahrhaftig, Horatio, ich habe seit diesen drei Jahren darauf geachtet: das Zeitalter ist so spitzfindig geworden, daß‘ – ich muß Hamlets Worte umkehren – ‚der Hofmann dem Bauer auf die Fersen tritt‘ [vgl. Hamlet, V.1]. ● Ein Nachruf auf Wilhelm Oechelhäuser [den verstorbenen langjährigen Präsidenten der Shakespeare-Gesellschaft (1820-1902)] steht an erster Stelle [VII-X]. Dann folgt der Festvortrag von Dr. Eugen Kilian: Der Shakespeare’sche Monolog und seine Spielweise [XIV-XLII]. [...] Brandls Abhandlung über das berühmte Sendschreiben des Dichters der Nachtgedanken an Richardson spürt dessen Quellen nach und findet inhaltlich nur mäßige Fortschritte [1-42]. Ein Aufsatz von Rudolf Krauß beschäftigt sich mit Ludwig Schubart, dem Sohn des Gefangenen vom Hohenasperg, als Shakespeare-Übersetzer [69-73]; eine weitere Abhandlung von Kilian mit Schreyvogels Shakespeare-Bearbeitungen [87-120]. Hermann Conrad endlich setzt seine Verbesserungsvorschläge des Schlegelschen Shakespeare-Textes fort [179-201]. Kleinere Mitteilungen (darunter eine solche über die Bearbeitung des Julius Cäsar von Friedrich Hebbel), Nekrologe, eine Bücher-, Zeitschriften- und Theaterschau, sowie eine Bibliographie vervollständigen wie üblich den Inhalt des Bandes [222-436].“
 
Schweinepapa Polonius. NZZ, 8. Dezember 1903, Morgenblatt, Nr. 340.
George Horace Lorimer, Letters from a Self-made Merchant to his Son, veröffentlicht in deutscher Übersetzung unter dem Titel Briefe eines Dollarkönigs an seinen Sohn. ● „Aus den Letters of a self-made merchant to his son [1903] von dem Amerikaner George Horace Lorimer [1867-1937] sind in der durch Olga von Oppen besorgten deutschen Übersetzung (Egon Fleischel & Co., Berlin [1903]) Briefe eines Dollarkönigs an seinen Sohn geworden. Die meisten Dollarkönige sind wohl self-made men, aber die wenigsten self-made men sind Dollarkönige. Man wollte offenbar die Scylla eines Fremdwortes im Titel vermeiden und fiel der Charybdis einer Begriffsverschiebung in die Hände. Was wir Dollarkönig nennen, ist mehr noch als drüben der Multimillionär, sind ein paar weiße Raben wie Morgan, Carnegie und wenige andere. Sicher gehört der Chef der Schweinefleisch-Versand-Großhandlung Graham & Co. in Chicago, der schreibselige Mr. John Graham, an der Börse unter dem Spitznamen ‚Der Alte-Schweine-Graham‘ bekannt, nicht zu der Elite der Yankee-Crassen, ein so krasser Yankee er sonst auch ist. ● Was soll die Wortklauberei? wird der ahnungslose Leser denken, der in der Regel vom Eingang des Johannes-Evangeliums ‚Im Anfang war das Wort‘ mit Recht nichts wissen will. Und doch – man kommt nicht drum herum. Denn, wie nach einem Ausspruch des jungen [richtig: alten] Theodor Fontane alles Erlebte erst etwas wird durch den, der es erlebt [Der Stechlin, Kap. 22], so wird auch alles Geschriebene erst etwas durch den, der es schreibt. Ein Brief erhält Farbe, Relief, Bedeutung durch den Schreibenden. Seine Persönlichkeit gibt dem Inhalt Schwungkraft. Wenn wir eine fremde Handschrift auf einem Briefumschlag erblicken, suchen wir uns zuerst zu vergewissern, wer der Absender ist; die Unterschrift interessiert uns mehr als die Mitteilung, weil uns diese sofort in einem andern Lichte erscheint, wenn wir uns an einen bestimmten Menschen halten können, während wir, ohne den Verfasser zu kennen, von dem Inhalt nie so stark berührt werden. Anonyme Briefe wandern daher bei vernünftigen Empfängern meistens in den Papierkorb; schmerzt uns der aus dem Hinterhalt abgeschossene Pfeil noch so sehr und mag er einen längst gehegten Verdacht in uns bestärken, wir fahnden zunächst nach dem unbekannten Schützen: so eng sind das Geschriebene und der Schreibende in unserer Vorstellungswelt verknüpft. Goethes Reisebriefe aus Italien wären heute ein vergessenes Buch, spräche nicht aus jeder Zeile der Tasso-Dichter zu uns. Man wird mir die Junius-Briefe entgegenhalten als Beispiel dafür, daß der Inhalt, losgelöst von der Persönlichkeit, die Jahrhunderte zu überdauern vermöge – aber gerade in diesem Fall hat der Reiz des Geheimnisvollen die Gemüter von Anfang an beschäftigt, und mindestens ebensosehr, wie die freimütigen Bekenntnisse die Zeitgenossen erhitzten, hat es sie gelockt, die eiserne Maske des Verfassers zu lüften. ● Der Brief ist das intimste Offenbarungsmittel und zugleich das persönlichste. Im strengen Sinn ist er an zwei Menschen gebunden: den Absender und den Empfänger. Je mehr der Schreibende von sich gibt und je mehr er dies dem seelischen Habitus des Empfängers anzupassen versteht, um so näher kommt er dem Ideal des Briefes. Jeder hat seinen eigenen Stil, aber nicht einer von hundert kann seinen Stil assimilieren. Ein Künstler des Briefschreibens wird darin indes seine vornehmlichste Aufgabe erblicken. Schlimmster literarischer Kuppelei macht sich der sog. Liebesbriefsteller schuldig, d. i. eine Sammlung von gefühlvollen Rezepten, die von ungezählten Individuen im Verkehr mit ungezählten benutzt werden können. Das Gegenstück dazu wären etwa die Liebesbriefe der Brownings: so nur konnte Robert Browning an Elizabeth Barrett, seine spätere Gattin, schreiben; so nur konnte sie ihm antworten; an jede andere hätte er anders schreiben müssen. ● Alle literarischen Briefwechsel sind darum im höchsten Maße Persönlichkeitsdokumente, wenigstens in der Zeit ihres Entstehens, mögen sie auch der Nachwelt als Zeitspiegelungen gelten. Der Reiz des Persönlichen verblaßt naturgemäß. So betrachten wir heute die Korrespondenz Elisabeth Charlottens von Orléans [Liselotte von der Pfalz] oder die Erziehungsbriefe des Grafen Chesterfield mehr als Abbilder ihrer Epoche, denn als Ausstrahlungen ihrer Schöpfer; aber den Lesern des achtzehnten Jahrhunderts stand die Persönlichkeit des englischen Knigge durchaus im Vordergrund. ● Mir scheint, ein solches Interesse mangelt dem amerikanischen Chesterfield, dem alten John Graham. Was ist denn dieser Schweinepapa für ein Kunde? Ein robuster self-made man, einer, der sehr klein angefangen und sich durch seiner eigenen Hände Arbeit zu Wohlstand und infolgedessen auch zu einem gewissen Ansehen emporgeschwungen hat. Die Welt fragt ja nicht viel danach, wie einer etwas geworden ist, wenn er etwas geworden ist; die Mittel heiligen in ihren Augen den Erfolg. Und von der Höhe seines Erfolges blickt nun der alte Graham um sich und erteilt, wie weiland Polonius seinem Laertes, gute Ratschläge seinem Sohn Pierrepont, der im intimen Kreise ‚Ferkelchen‘ genannt wird. Er begleitet ihn von der Immatrikulation an der vornehmen Harvard Universität durch alle Stadien seiner raschen Geschäftslaufbahn bis zur Schwelle der Ehe. In zwanzig umfangreichen Briefen wird dieses Ziel durchmessen. Für alle Lagen des Lebens hat der Vater eine Anekdote bereit, einen Vorfall aus seinem eigenen bewegten Dasein, mit dem sich bequem operieren läßt. ● [...] John Graham ist der Fleisch gewordene, der Schweinefleisch gewordene common sense (wofür man gewöhnlich ‚gesunder Menschenverstand‘ sagt, obwohl man oft ‚gemeiner Menschenverstand‘ dafür sagen sollte.) [...] ● Am Schluß des zweiten Briefs, der zehn Druckseiten füllt, heißt es: ‚Das Leben ist zu kurz, um allzulange Briefe zu schreiben‘ (im Original steht sogar nur: ‚um Briefe zu schreiben‘, wie denn die Übersetzung manches verwischt, trotzdem sie ganz lesbar ist). Diese Ansicht hat in Amerika längst Bürgerrecht erworben: das Briefschreiben kommt aus der Mode. Man telegraphiert. Wo fände auch ein Großkaufmann, der sicher dem Sprichwort time is money huldigt, die Zeit [...], um eine Epistel von zwanzig Druckseiten vom Stapel zu lassen? Und wenn er auch unter einem redenden Stern geboren sein sollte, so vernachlässigt er das Geschäft nicht, so wirft er die Zeit nicht zum Fenster hinaus. Das können sich nur Tagediebe wie die Dichter und ähnliche Gesellen, die nichts Besseres zu tun haben, gestatten. So klafft von vornherein ein Widerspruch zwischen dem Korrespondenten und der weitschichtigen Korrespondenz. ● Schwerer wiegt der innere Widerspruch zwischen Vermögen und Fühlen, zwischen der Steuerklasse und Sinnesart des Schreibers. Wenn irgendwo, besteht in Amerika der Satz richesse oblige zu recht. Es ist erstaunlich, welche Kultur der Reichtum in dieser Bildungsbarbarei binnen kurzem schafft. Um so absurder wirkt es, daß dieser ‚Dollarkönig‘ wie der erste beste Käsehändler seinem Jungen Sparsamkeit predigt, ja in Geldfragen eine kleinbürgerliche Knauserigkeit hervorkehrt. Er weiß, wird man einwenden, wie schwer es sich verdient und wie leicht es sich ausgibt; er ist überdies der Ansicht, derjenige sei der gemeinste Mensch, der den Großmütigen spiele mit Geld, das er nicht selbst im Schweiße seines Angesichts erworben habe. Du lieber Himmel, dann könnte die gute Hälfte aller Millionärssöhne zu ihren Erzeugern sprechen: verzeih, daß ich geboren bin. Nein, es ist doch ein Unterschied zwischen den Briefen, die man in einem Dorf vom Reichtum hat, und den amerikanischen Riesenvermögen. Sobald der Wohlstand eine gewisse Grenze überschritten hat, verliert er jede Berührung mit der Schäbigkeit, hört der Parvenü auf, ein Knicker zu sein, und beginnt, ein Snob zu werden. Das hat [Octave] Mirbeau so wenig für seinen Isidore Lechat berücksichtigt [in Les affaires sont les affaires (Geschäft ist Geschäft), 1903], wie Lorimer für seinen Sohn John Graham, obwohl der französische Geschäftstiger seinem Sohn gegenüber eine offene Hand hat. Beiden geht das Kulturprotzentum ab, das erraffter Reichtum allemal mit sich führt. Ein John Graham ist stolz darauf, daß sein Junge genau darin Bescheid weiß, ob man die Pasteten vor dem Eis serviert, oder wie man ein Automobil lenkt, und es ist geradezu lächerlich, wenn ein ‚Dollarkönig‘ seinem studierenden Sohn allen Ernstes schreibt und vorschreibt, er möge es sich zum Prinzip machen, nicht mehr auszugeben, als er zu verdienen imstande sei. Eine absurde Übertreibung liegt auch in Pierreponts geschäftlichem Werdegang. Der Alte verlangt, daß sein Filius von der Pike auf diene, doch nicht um alles kennen zu lernen – was eine berechtigte Forderung wäre –, sondern weil er die Überzeugung vorschiebt, nur der könne den freien Platz in seinem Privatkontor ergattern, der sich von der untersten Stufe emporarbeite. Darin spricht sich eine Geringschätzung der Bildung aus, wie sie im allgemeinen Leuten vom Schlag Mr. John Grahams nicht eignet. Solche Vermögensautodidakten haben vor nichts so sehr Respekt wie vor der Bildung, und auch der Schweinepapa ist nicht davon frei: er lobt den Wert der Theorie und meint, alles, was man gelernt habe, könne man in seinem Geschäft gebrauchen, vom Latein bis zur Dichtkunst. [...] ● Dieses echt yankeehafte Evangelium rücksichtsloser Smartheit, geschäftlicher Gerissenheit hat dem Buch seinen großen Erfolg eingetragen. Auch die Amerikaner haben Ideale, jedes Volk seine kitzliche Stelle. Mir persönlich ist der Ton dieses Erziehungsromans widerlich, und ich habe manche Episode, z. B. die von dem Kot fressenden Knaben, als eine arge Versündigung wider den guten Geschmack empfunden. Aber ich möchte nicht verkennen, wie das Buch bis in die Fingerspitzen nationalpsychologisch ist, ein wie echtes Denkmal die neue Welt hier erhalten hat. ● Und ich bin auch nicht blind für seine literarischen Qualitäten, die sich hauptsächlich in einer glücklichen Gabe äußern, pointierte, stellenweise sogar epigrammatische Sätze zu prägen. Einige Proben mögen das erläutern: ‚Nach Geld heiraten und ohne Geld heiraten (warum übrigens?) ist beides ein Verbrechen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß man eine Frau mit Vermögen heiratet, wohl aber dagegen, ein Vermögen mit Frau zu heiraten.‘ – Oder: ‚Man prahlt nicht mit dem, was man weiß, sondern mit dem, was man zu wissen glaubt. Große Worte und kleine Kenntnisse gehen Hand in Hand.‘ – Oder: ‚Zwei Sünden werden auf dieser Welt nie verziehen – der Erfolg und der Mißerfolg. Die, welche Erfolg haben, können es einem Menschen nicht vergeben, daß es ihm nicht glückt; und die, welche keinen Erfolg haben, sind entrüstet, wenn es ihm glückt.‘ ● Ich aber sage: wir gönnen den Amerikanern ihren wirtschaftlichen Erfolg von Herzen und sind weiter nicht böse darüber, daß es ihnen literarisch noch immer nicht so recht glücken will, obschon sie sehr eifrig Goethes vortrefflichem Rate folgen: ‚Benutzt die Gegenwart mit Glück!‘ [‚Den Vereinigten Staaten‘].“ ●● Vgl. Charles Eustace Merrimans Lorimer-Parodie Letters from a Son to his self-made Father (Briefe an Papa) [1904] und MMs Besprechung im LE vom 15.08.1904.

nach oben

1904

Bernard Shaw und sein Dolmetsch. ES, Bd. 33, H. 1 (1904), 143-156. [Datiert „Juli 1903“].
George Bernard Shaw, Plays: Pleasant and Unpleasant (2 Bde, London: Grant Richards 1901); ders., Three Plays for Puritans (ebd., 1901); ders., Novels of his Nonage no. 4: Cashel Byron’s Profession. Newly revised (ebd., 1901); ders., Drei Dramen: Candida – Ein Teufelskerl – Helden. Übertragen von Siegfried Trebitsch (Stuttgart / Berlin: Cotta 1903). – „Hätte der kritiker George Bernard Shaw je den Goetheschen grundsatz ‚Bilde, künstler, rede nicht!’ vernommen, der dichter Bernard Shaw hätte es schwerlich für nötig gehalten, seinen werken umfangreiche einleitungen voranzuschicken, die sich mitunter zu abhandlungen auswachsen. Er fühlt sich aber ersichtlich in der rolle des ausrufers sehr wohl: ‚Treten Sie ein, meine herrschaften; Sie werden bei mir noch nie gesehene kuriositäten schauen.’ Kein buch von ihm ohne kommentar, der sich gelegentlich nicht mit einer vorrede begnügt, sondern auch noch eine nachrede beifügt, z.b. über das preisboxen (in dem roman Cashel Byron’s Profession). […] Abgründe tun sich nirgends bei Shaw auf, dunkle stellen sind nicht einmal unter dem mikroskop bei ihm zu entdecken: eine Shaw-Society wäre also ein totgeborener verein. Wenn der dichter trotzdem das recht für sich in anspruch nimmt, den interpreten seiner eigenen werke zu spielen, so haben wir es mit einer künstlerischen laune zu tun, mit der wir uns im besonderen falle gern abfinden, der wir aber im allgemeinen keine nachfolgerschaft wünschen möchten. Denn es bleibt dabei: ‚Bilde, künstler, rede nicht!’ – zumal in einer zeit, die den kunsttratsch so entwickelt hat wie unser papiernes jahrhundert. ● Allerdings, G.B.S. – die gefürchtete chiffre des kritikers der Saturday Review – verstand sich trefflich auf die kunst, andere zu zerpflücken; und wenn er auch das handwerk an den nagel gehängt hat, um sich ganz dem produzieren zu widmen, so vermochte er doch nicht den kritiker auszutreiben. G.B.S. schreibt jetzt die kritik seiner eigenen bücher. Und er schreibt noch immer sehr amüsant, voll kaustischen humors, wie er in seiner heimat Irland üppig wuchert, voll aggressiver tücke und versteckter bosheit. Sein stil schwelgt in paradoxien, wie sie die Iren in der modernen literatur mit vorliebe pflegen (Oscar Wilde, George Moore). Aber man hat häufig die empfindung, als könnte er in jedem augenblick ausrufen: ‚Glauben Sie das etwa am ende? Ich selbst glaube es nicht.’ Dieser gewitzigte lacht sich beständig ins fäustchen. Er sagt zu allem mit bravour: nein! Und vermöge seiner einseitig ausgebildeten dialektischen fähigkeit gelingt es ihm spielend, die schlechtere sache zur besseren zu machen und umgekehrt. […] – In den vorreden steckt der mensch. Sie sind ihm das ventil für seine rhetorischen tausendkünste, für das brillantfeuerwerk seines geistes. […] ‚Ich schreibe vorreden, wie es Dryden tat, und abhandlungen wie Wagner, weil ich’s kann; und ich gäbe ein halbes dutzend von Shakespeares stücken für eine einzige vorrede, die er hätte schreiben sollen.’ ([Three Plays for Puritans] p. XXII). Wer das leichtfertig für bare münze nehmen wollte, der kennt den erzschalk Shaw noch lange nicht. Denn im schlusssatz dieser apologie des vorworts desavouiert er sich selbst (p. XXXVI): nachdem er als nihilist des ruhms dazu aufgefordert hat, alles renommee aus der welt zu schaffen, spricht er die hoffnung aus, dass dieses vorwort dazu dienen möge, sein eigenes aus dem wege zu räumen, – dann wäre es reichlich der mühe wert gewesen, es zu schreiben. Wir aber, des ewigen saltomortales müde, trösten uns mit der weisheit des Goethe’schen herrn: ‚Von allen geistern, die verneinen, ist mir der schalk am wenigsten zur last.’ [Faust, 338 f.] ● Man wird sehr bald merken, warum ich mich auf eine so genaue zergliederung dieser Shaw’schen gedankenpuppe eingelassen habe. Zunächst natürlich, weil die vorreden ein eigenartiges präludium bilden, in dem der kenner des kontrapunkts den komponisten, will sagen: der verstandesmässig bewusste kritiker den gefühlsmässig unbewussten dichter an die wand drückt. Zweitens, um darzutun, wie dieses gemisch aus wahrem und paradoxem, aus verspottung der welt und selbstpersiflage cum grano salis  oder, da es schon reichlich mit attischem salz gewürzt ist, mit der nötigen reservatio mentalis aufgefasst sein will. Denn nichts wäre verkehrter, als in den konkav- und konvexspiegeln des Shaw’schen lachkabinetts getreue abbilder des menschlichen lebens oder auch nur seiner gedankenwerkstatt zu erblicken. Sein vornehmlichster zweck bleibt immer: lachend die halbwahrheit zu sagen; den leser sanft vor den kopf zu stossen; seinen widerspruch herauszufordern, um diesen mit fechtergewandtheit abzustechen, und ihm stets die überzeugung beizubringen, dass G.B.S. der überlegenere kopf oder doch rabulist ist, je nach dem mass der naivetät oder gewitztheit, die dem gegner eignet. Nur vor einem muss man sich hüten: zu glauben, was dieser ungläubige mit erstaunlicher fingerfertigkeit vorhext. ● Alles, was ihm seine kritiker vorgeworfen haben, besteht denn auch zu recht. […] Freilich, die englischen kritiker verfallen diesem selbstherrlichen gegenüber in den alten fehler, der auf dem inselland nicht auszusterben scheint: seit Byron’s zeiten haben sie an neue, unbequeme erscheinungen einen kleinlichen moralmassstab angelegt, der – von den zahlreichen opfern seien nur ein paar genannt – Shelley und Keats, die präraffaeliten und zuletzt noch Oscar Wilde zur strecke brachte. So ärgern sie sich auch an Bernard Shaw; er ist ihnen ein dorn im auge. Auf uns wirkt dies verhalten um so befremdlicher, als wir immer wähnten, man wisse in England mehr als anderwärts einen sense of humour zu schätzen und suche ihn allen dingen abzugewinnen. Wir Deutschen, denen man im ausland gern völlige humorlosigkeit nachsagt, freuen uns zum unterschied von den britischen vettern möglichst widerborstiger querköpfe in der literatur (die zeitgenossen Frank Wedekind und Peter Altenberg mögen dies beweisen). Wir würden uns auch eines komischen kauzes und einer kämpfernatur wie Bernard Shaw’s freuen, eben weil er kein hehl daraus macht, die dinge anders zu sehen als die mehr oder minder beschränkten mitlebenden. – Im grunde brüstet er sich mehr damit, will er sie mehr anders sehen, als dass er sie wirklich anders sieht. […] Er sieht bloss schärfer als die herde, was jeder kritiker tun muss. Kritisieren heisst ja streng etymologisch nichts andres als scharf sehen. – Und seine begabung ist durchaus kritischer natur. Sein auge hat nie ‚in schönem wahnsinn’ gerollt [Shakespeare, Sommernachtstraum, V. i]. Nie hat seine bildungsreiche phantasie wahrgenommen, was die kühlere vernunft nicht begreift. Er hat keine ahnung von der ‚autonomie des schöpferischen gedankens und der tyrannischen gewalt, die ihm über den eigenen erzeuger ohne rücksicht auf dessen wohl und wehe verliehen ist, und verwechselt den kreationsakt mit der uhrmacherkunst’, wie sich Hebbel einmal ausdrückt [in dem Review-Essay ‚Shakespeare und seine Zeitgenossen’ (1859/61), Friedrich Hebbels sämtliche Werke in zwölf Bänden, Bd. 9 (1902), S. 247], der wenigen einer, die über die seltene personalunion von dichter und richter verfügten. Aus allen ecken und enden seiner dramen lugt uns der kritiker Shaw entgegen. Besonnenes abwägen, berechnende verstandesarbeit ersetzt bei ihm die inspiration. Er steht immer über seinen personen, die er mit der meisterschaft der reflexion wie schachfiguren hin- und herschiebt. Man kann sich des gefühls nicht erwehren, dass diese geschöpfe aus scherz, satire, ironie und tieferer bedeutung, wenn der autor einmal versäumt, über sie zu lächeln, sich über sich selbst lustig machen: winzige abbilder der seltsamkeit ihres schöpfers. Als rechenexempel der dramatischen algebra könnte man nach einem auf den dichter der Emilia Galotti gemünzten worte Friedrich Schlegels [‚Über Lessing’ (1797)] die dramen des irischen kritikers bezeichnen. Und ich wüsste sie nicht besser zu charakterisieren als durch die sätze, mit denen der Hamburger dramaturg allzu bescheiden die grenzen des eignen könnens absteckte: ‚Ich fühle die lebendige quelle nicht in mir, die durch eigene kraft sich emporarbeitet, durch eigene kraft in so reichen, so frischen, so reinen strahlen aufschiesst; ich muss alles durch druckwerk und röhren aus mir heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermassen gelernt hätte, fremde schätze bescheiden zu borgen, an fremdem feuer mich zu wärmen und durch die gläser der kunst mein auge zu stärken.’ [Hamburgische Dramaturgie, 101.-104. Stück] – Was sich mit der höchsten fähigkeit des kritikers: in fremde seelengehäuse hineinzuschlüpfen, erreichen lässt, das trägt Bernard Shaw gute früchte. Nicht die abstrakte freude am menschlichen charakter als solchen reizt ihn zur gestaltung, sondern die konkretere freude an menschen in einer gewissen situation, am problem. Ohne dem drama with a purpose’, also dem tendenzstück zu schmeicheln, wahrt er sich in allen lagen die rechte eines kühlen spectator ab extra. […] ●●● Siegfried Trebitsch, einem jungen Wiener schriftsteller, gehört das verdienst, dem deutschen publikum die bekanntschaft mit diesem selbständigen geist vermittelt zu haben. Der übersetzer wollte sogar noch ein übriges tun und steuerte eine charakteristik Bernard Shaw’s bei oder eigentlich eine revue der tatsachen, die mit den einzelnen dramen in verbindung stehen: ort und zeit der aufführung, darsteller, aufnahme bei der presse u. dgl. Im ersten satz seiner einleitung bittet er um die erlaubnis, ‚von ihm zu sagen, was ich über ihn weiss’ (s. VII). Liest man sie zum erstenmal durch, so freut man sich seiner kenntnisse und denkt befriedigt: dieser dolmetsch hat sich wenigstens mit seinem schutzbefohlenen beschäftigt, – die gewöhnlichste pflicht des anstands, die indes bei dem heutigen schnellbetrieb des buchfabrizierens nicht immer beobachtet wird. Inzwischen lässt man sich von dem englischen verleger die originale kommen, um sie zum vergleich heranzuziehen. Man studiert Shaw’s eigene vorreden und bemerkt sofort: hier ist die quelle, aus der sich Trebitsch getränkt hat. Die gewöhnlichste pflicht des anstands wäre es freilich gewesen, offen und ehrlich zu bekennen: ‚Ich verdanke meine wissenschaft diesem gewährsmann; vom ersten bis zum letzten wort habe ich mir alles von ihm einflüstern lassen.’ Trebitsch sagt gar nicht, was er weiss, sondern wiederholt nur fast buchstäblich, was Shaw gesagt hat. Ich muss eine probe seiner methode geben: […] Doch schon sind wir an der pforte der hölle angelangt. Lasciate ogni speranza voi ch’entrate. [Divina Commedia, I. iii. 9] […] Jeder kann sich einmal täuschen lassen. Wir würden Trebitsch daraus noch nicht den strick drehen. Sein unglück oder seine knabenhafte ignoranz will es leider, dass er Shaw auf schritt und tritt missversteht. […] Ich kann hier natürlich nur das gröbste geschütz auffahren; einzelheiten würden ausserdem zu viel raum verschlingen. Aber ich bewundere Siegfried Trebitsch ob seiner grandiosen keckheit, mit der er es fertig bringt, seinen namen unter den aus Shaw skrupellos abgeschriebenen essay zu setzen. ● Nach diesem heitern auftakt durfte man sich auf einige überraschungen gefasst machen, wenn man die übersetzung selbst nachprüfte. Denn hier handelt es sich nicht darum, eine stelle etwa dem geist nach wiederzugeben, sondern sie durch den sprachlichen ausdruck zu erschöpfen. – Ich bin im laufe der jahre gegen die übersetzer aus dem Englischen besonders misstrauisch geworden, weil sich zu viel unberufene an die schwierige arbeit heranwagten. Im günstigsten falle brachten sie ein leidliches Deutsch mit, obwohl auch dieses erste, stillschweigende erfordernis nur von einem geringen prozentsatz erfüllt wurde. Dann waren die rezensenten leichtfertig mit einem lobe bei der hand. Das mass ist jetzt voll geworden. Die skandalöse, unser ganzes schrifttum blossstellende misswirtschaft soll nicht noch weiter einreissen. Den armen Wilde hat man neuerdings wieder entsetzlich verschimpfiert. Leute, die vom Englischen kaum eine ahnung hatten, stürzten über diesen stilkünstler ersten ranges her und gaben ihn dem gelächter der kundigen preis. Es ist an der zeit, dass endlich ein riegel vorgeschoben wird. Aber Trebitsch soll sich nicht beklagen, weil ihn gerade das verhängnis ereilt. Unsere vornehmste verlagsbuchhandlung [Cotta] hat sich seiner angenommen: das möge einen strengeren massstab rechtfertigen. An der schande können sie zu gleichen teilen tragen, wenn überhaupt noch ein gefühl der verantwortlichkeit vorhanden ist, die man einem fremden autor schuldet. […] ● Fangen wir jetzt mit Candida an. […] Auf drei druckseiten habe ich diese gröbsten schnitzer herausgepickt; mit einem dutzend unwichtigerer könnte ich noch aufwarten, wäre es nicht bereits genug des grausamen spiels. Man mag sich danach ein urteil bilden, wie diese Candida  verunreinigt worden ist. […] – Noch denkt man in unverwüstlichem optimismus: dem übersetzer sind im anfang einige menschlichkeiten passiert; vielleicht hat er während der arbeit gelernt, – das eine wenigstens gelernt, dass das lexikon sein bester freund wäre. Noch soll man den stab nicht über ihm brechen, bevor man mehr material beisammen hat. Sehen wir also das zweite stück etwas näher an! Im original heisst es: The Devil’s Disciple; bei Trebitsch: Ein teufelskerl. Das wort hat den vorzug der kürze, verschiebt aber völlig den sinn; denn teufelskerl ist durch die umgangssprache entwertet: viel eher schweben einem dabei die weiber als der böse vor. Gerade das sexuelle heldentum will jedoch Shaw vermieden wissen. Es bleibt also nichts andres übrig, als sich enger an den titel anzulehnen und entweder: Des teufels jünger oder Im bund mit dem teufel zu sagen. […] Damit können wir von diesem Teufelskerl abschied nehmen. Wenn nach all dem noch eine steigerung im bereich des möglichen ist, mag man sie im letzten stück Arms and the Man suchen. Doch wahrhaftig, ich würde schändlicheren missbrauch mit meiner zeit treiben als Siegfried Trebitsch mit der englischen sprache, wollte ich einem toten noch zweiundvierzig wunden beibringen.“

Von und über Oscar Wilde. LE, Bd. 6, Nr. 8 (15. Januar 1904), 541-544.
Robert Harborough Sherard, Oscar Wilde. Die Geschichte einer unglücklichen Freundschaft (übers. Hermann Freiherr von Teschenberg) (Minden: Bruns [1903]); Felix Paul Greve, Oscar Wilde (Moderne Essais, H. 29) (Berlin: Gose & Tetzlaff 1903); Oscar Wilde, Das Bildnis Dorian Grays (übers. Felix Paul Greve) (Minden: Bruns [1903]); Oscar Wilde, Fingerzeige (übers. Felix Paul Greve) (ebd. [1902]); Oscar Wilde, Bunbury (übers. Felix Paul Greve) (ebd. [1902]); Oscar Wilde, Das Granatapfelhaus (übers. Felix Paul Greve) (Leipzig: Insel 1904); Oscar Wilde, Der glückliche Prinz (übers. Else Otten) (Leipzig: Seemann 1903); Oscar Wilde, Die Ballade vom Zuchthause zu Reading (übers. Wilhelm Schölermann) (Leipzig: Insel 1903). ●●● „Seitdem ich hier (LE V [01.01.03], 458 ff.) über ‚Oscar Wilde in Deutschland’ berichtet habe, ist der tote Dichter zu reichem Nachleben erwacht. Hätte er diese Renaissance erlebt, wer weiß, wie sich sein Schicksal gewandt hätte! Es ist doch ein bloßer Zufall oder vielmehr die grausige Tragik des Zuspät, daß er jetzt erst, drei Jahre nach seinem Tode, von den Übersetzern und Theaterdirektoren ans Licht gezogen wird. Warum hat man seine Salome nicht schon vor fünf Jahren aufgeführt? Ganz abgesehen von den Tantiemen, die ihm dann zugeflossen wären und die man nun seinen beiden, ohnedies hart und ungerecht genug bestraften Söhnen nicht vorenthalten sollte, hätte den entlassenen Zuchthaussträfling, der mehr als je zuvor nach Ruhm lechzte, nichts so sehr vor geistigem Marasmus bewahren können wie die Anerkennung. Er verschmachtete ja vor Durst nach Erfolg. Er konnte ohne den Beifall der Menge ja nicht leben. Daran ging er zugrunde und seine Kunst am Mitleid. Daß er noch imstande war, zu schaffen, beweist der fulminante Aufsatz, den er wenige Tage nach seiner Befreiung im Daily Chronicle veröffentlichte [am 28.05.1897]: ein Protest gegen die Grausamkeit der Gefangenenbehandlung, der künstlerisch und menschlich das jüngst erschienene Buch von Hans Leuß [Aus dem Zuchthause: Verbrecher und Strafrechtspflege (1903)] aufwiegt; beweist die ungeheure Zuchthausballade, sein Schwanengesang. ● Über Robert Harborough Sherards Freundschaftsdenkmal mit der kolportagehaften Aufschrift habe ich mich bald nach der Herausgabe des Originals an anderer Stelle ausgesprochen (vgl. LE V [01.05.03], 1050 [nein, sondern NR 14, Nr. 4 (April 1903), 400 ff.]). Als ich das Buch zum ersten Male las, hat mich sein Inhalt menschlich tief erschüttert, und es bleibt als Materialsammlung so lange von Wert, bis sich die besser unterrichteten Freunde zu Wort melden. Inzwischen habe ich nämlich erfahren, daß auch Sherards Tatsachen – namentlich was die letzte Pariser Zeit betrifft – vielfach nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Künstlerisch ist die Ausbeute sehr gering. Der Dichter mußte hinter dem Freunde zurückstehen. – Die Übersetzung des Buches sollte eigentlich mit Grabesschweigen übergangen werden, denn sie versündigt sich an der deutschen Sprache; aber es scheint mir doch Pflicht, dies dem Freiherrn v. Teschenberg nachdrücklich zu sagen, umsomehr, als der Dramaturg des ‚Neuen Theaters’ es offenbar unter seiner Würde fand, den Text der Frau ohne Bedeutung [übersetzt von Isidore Leo Pavia und Hermann Freiherr von Teschenberg], von ergötzlichen Verstößen gegen den Sinn zu geschweigen, auch nur sprachlich zu säubern [Premiere 04.09.03]. ● Felix Paul Greve war theoretisch auf dem richtigen Wege, als er den Satz vertrat, Oscar Wilde (so schreibt sich übrigens der Vorname und nicht Oskar) gehöre zu den Menschen, deren man nur durch die Biographie habhaft werden könne. In der Praxis treibt er aber damit schnöden Mißbrauch. Alles Tatsächliche behandelt er mit souveräner Verachtung. Ist das so Sitte in modernen Essais? Indes auch rein essayistisch gefällt er sich in verworrenen und verwirrenden Redensarten, die weder den Menschen noch den Dichter zu deuten vermögen. Kläglich scheitert er in dem Beginnen, Wilde aus der ästhetischen Bewegung in England zu erklären. Wie ein Zugeständnis der eigenen Unzulänglichkeit klingt es, wenn der Essayist zuguterletzt seinen Haupttrumpf ausspielt: ‚Wenn wir von Oscar Wilde reden, meinen wir meist jenen Menschen, der nie existierte, wir meinen einen Typus, von dem Wilde nur ein unvollkommener Vertreter war.’ [S. 43] ● Etwas eingehender muß ich mich mit dem Übersetzer Felix Paul Greve beschäftigen. Die Erbitterung hat ihm die Feder in die Hand gedrückt, der gerechte Zorn über Herrn Johannes Gaulke, der mit seiner Verschimpfierung des Dorian Gray einen Rekord in der Unkenntnis des Englischen und der Mißhandlung des Deutschen aufgestellt hat. Also entschloß sich Greve zu einer neuen, pietätvolleren Übertragung des Romans Das Bildnis Dorian Grays. Wäre lediglich der deutsche Stil für die Beurteilung eines Übersetzers maßgebend – dieser Ansicht huldigen leider viele mit dem Wort rasch fertige Kritiker –, so brauchte man Greve nicht gerade zu tadeln. Er schreibt zwar Sätze wie den: ‚vor zwei Monaten ging ich auf eine Gesellschaft bei Lady Brandon’ (S. 13), oder den: ‚brutale Vernunft trifft unter dem Intellekt’ (S. 66); spricht von China-Porzellan (China), dem Studium (studio) eines Malers, wenn er das Atelier meint, den fein gemeißelten Nüstern (nostrils) eines Menschen; klebt gelegentlich allzusehr am Ausdruck der Vorlage, wenn er Plattform (platform) für Podium, Stichwort (cue) für Anhaltspunkt, rot-weiße (pink) Unschuld u. dgl. einfach übernimmt – die Flüssigkeit seiner Diktion leidet darunter kaum. Aber es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß man das, was als stillschweigende Voraussetzung gelten sollte, überhaupt erwähnen muß und da zu kritisieren aufhört, wo man früher anfing. – Fühlt man Greves englischen Kenntnissen auf den Zahn, so erlebt man teilweise eine sehr böse Enttäuschung. Um keinen Sprachzweig kann es augenblicklich so schlimm bestellt sein wie um das Englische, denn die Übersetzer, die wenig mehr als das Rüstzeug eines Schulknaben mitbringen, sind durchaus mangelhaft vorgebildet. Mit Fug und Recht schrieb kürzlich [am 28.03.03] Leon Kellner [in seiner Besprechung von MMs Buch Von Sprache und Art der Deutschen und Engländer]: ‚Die heutigen Übersetzungen aus dem Englischen sind – von Ausnahmen abgesehen – ein schreiender Skandal.’ [Nation, Jg. 20, Nr. 26, S. 416.] ● Zunächst hat sich Greve bei den Intentions (warum übrigens Fingerzeige?, aus Scheu vor dem Fremdwort Motive?) die Sache ziemlich bequem gemacht, indem er alle ‚zufälligen Bezüge und Anspielungen auf zeitgenössische Personen und Verhältnisse’ [S. VII] unter den Tisch fallen ließ. Sonst hätte er sie ‚mit mehreren Bänden Anmerkungen’ beschweren müssen [ebd.], versichert er in der Vorrede. Das mag er einem anderen vorreden. [In einem Brief vom 12.03.02 an den Bruns-Verlag schreibt Greve, der Titel Fingerzeige sei ihm von Stefan George empfohlen worden. (Klaus Martens, Felix Paul Greves Karriere, St. Ingbert 1997, S. 323)] Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er sich nach Kräften an den Schwierigkeiten vorbeidrückte. Aber vielleicht ist es ganz gut so. Denn schon der erste Aufsatz reizt nicht gerade unseren Appetit, ihm auch noch in der Rolle des Kommentators zu begegnen. Da wird aus dem bekannten Amerikaner Henry James ein James Henry [S. 12], aus der bekannteren Mrs. Oliphant ein Mr. Oliphani [S. 13]; sind einem die Namen nicht böhmische Dörfer, so gibt es für derartige Oberflächlichkeiten keine Entschuldigung. Doch ich will das noch dem Setzer und nicht dem Übersetzer in die Schuhe schieben. Bedenklicher zu dessen Ungunsten spricht es schon, daß er auch die Druckfehler des Originals fidel mitschleppt. – Der Raum ist kostbar, meine Zeit kostbarer. Zwei Beispiele müssen mir hier genügen, um Greves Lücken im Englischen aufzudecken. In der genialen Würdigung Robert Brownings – an Verwegenheit der Paradoxie übertrifft sie noch den jüngsten Biographen K. G. Chesterton [1903] – heißt es bei dem Übersetzer: ‚Ja, Browning war groß. Und wie wird er im Gedächtnis der Menschen leben? Als Dichter? O nein, nicht als Dichter! Man wird von ihm reden, als von einem, der Dichtung schrieb.’ [S. 110] Was für ein haarspaltender Unterschied! Man kann also Dichtungen schreiben, ohne ein Dichter zu sein. Ein Blick in die Intentions lehrt uns, daß solcher Unsinn nicht auf Oscar Wildes Beet gewachsen ist. Der unterscheidet zwischen ‚poet’ und ‚writer of fiction’, was nichts anderes als Romanschreiber bedeutet. So löst sich das Rätsel von selbst auf. – Der zweite Fall ist womöglich noch krasser. Bulwer [Edward Robert Bulwer Lytton (1831-91)] verurteilt die übertrieben archäologische Genauigkeit bei der Ausstattung Shakespeare’scher Dramen und nennt sie ‚eine der abgeschmacktesten Pedanterien eines Jahrhunderts des Borgens’ [S. 231] (nach Greve). Wer sich darunter etwas denken kann, verdient eine Schaubude auf dem Jahrmarkt! Im Original lautet die Stelle: ‚one of the stupidest pedantries of an age of prigs.’ Da das Wörterbuch für to prig ‚dingen, feilschen’ angibt, wird schleunigst aus dem Verb ein sinnverwandtes Substantiv gemacht, und der Blödsinn siegt. Der prig – ein ganz gewöhnliches Modewort heutzutage – ist der Vetter des Snob; George Eliot definiert ihn in Middlemarch [1871/72] als einen ‚Gesellen, der zeigen möchte, daß er eigene Ansichten hat, aber einer, der einem mit seinen Ansichten stets ein Geschenk macht’. Greves ‚Jahrhundert des Borgens’ verwandelt sich also, da wir keinen Sonderbegriff für prig haben, in ein snobistisches Zeitalter. Und damit ist die Ehre Lord Lyttons wiederhergestellt, Herrn Greves Sündenregister jedoch noch lange nicht erschöpft. [MMs vernichtende Kritik verfehlte nicht ihre Wirkung, wie aus der ‚zweiten, umgearbeiteten Auflage’ von Greves Übersetzung (1906) erhellt, die mit der ‚Anmerkung’ beginnt: ‚Diese neue Ausgabe meiner Übertragung der Intentions unterscheidet sich von der ersten dadurch, daß erstens eine ganze Reihe von Fehlern und Versehen ausgemerzt sind, und daß zweitens jede noch so begründete Auslassung prinzipiell vermieden wurde.’ (S. VII) Zu den von MM im einzelnen vorgetragenen Monita vgl. S. 12, 13, 113, 235.] ● Der Raum ist kostbar, meine Zeit kostbarer. Ich muß mich daher auch bei Bunbury (vgl. zum Titel LE V, 459) auf zwei eklatante Beispiele beschränken. [Hinsichtlich weiterer Schnitzer s. Rainer Kohlmayer, Oscar Wilde in Deutschland und Österreich. Untersuchungen zur Rezeption der Komödien und zur Theorie der Bühnenübersetzung (1996), S. 39 f.] Der Bunburist teilt da mit, sein Bruder sei an einer ernsten Erkältung gestorben – keine sehr wahrscheinliche Todesursache, die der gute Pastor aber für bare Münze hinnimmt, denn er fügt erläuternd bei: ‚I myself am particularly susceptible to draughts’ (ich selbst bin für Zug besonders empfänglich). Was legt ihm Greve in den Mund? ‚Ich selber bin fürs Brettspiel besonders empfänglich.’ Warum nicht gleich: der Himmel hängt voller Baßgeigen oder das Leben ist eine Rutschbahn? Der Ursprung des kindlichen Schnitzers liegt auf der Hand: das Lexikon bucht the draughts ‚das Brettspiel’; folglich wird es ja wohl stimmen. Aus derselben trüben Quelle stammt die seltsame Angabe, daß Liebende einen Knotenstock [lovers’ knot] tragen. Sind im kultivierten England so exotische Sitten zu Hause? […] [In der Ausgabe von 1908 sind die beiden Patzer korrigiert. S. Oscar Wildes sämtliche Werke in deutscher Sprache, Bd. 10, Wiener Verlag: Wien und Leipzig 1908, S. 219, 230.] Im übrigen kann ich noch mit einem ‚wohlassortierten Lager’ aufwarten, ‚und lade ich die geehrten Interessenten zu einer Besichtigung desselben ein’. Trotz alledem ist Felix Paul Greve noch lange nicht der schlimmsten einer. ● Else Otten [1873-1931] hat mit der Geschicklichkeit, die sie durch ihre Übertragungen aus dem Holländischen erworben, den entzückenden Glücklichen Prinzen recht und schlecht aus dem Ärmel geschüttelt. Ohne Liebe sind die Märchen eingedeutscht, ohne Witterung für Nuancen des Ausdrucks, mit einem schlechten oder schlecht benutzten Wörterbuch, durchweg zu hart im Ton. ● Mit desto freudigerer Genugtuung darf man Wilhelm Schölermann für seine Umdichtung der Zuchthausballade rühmen. Er weiß selbst am besten, daß sich bei einem so schwierigen Werk die Meisterschaft nicht gleich auf den ersten Wurf gewinnen läßt, daß hie und da noch größere Wörtlichkeit anzustreben, manche Fessel des Reims abzustreifen sein wird. Doch schon jetzt ist der Balladenrhythmus ausgezeichnet getroffen, nichts Wesentliches im Inhalt verfehlt. Umsomehr nimmt es wunder, daß der Insel-Verlag von dieser schönen Arbeit nur zweihundert Exemplare gedruckt hat. Steigt etwa das Gute im Wert durch den Ausschluß der Öffentlichkeit?“

Neue englische Bücher. LE, Bd. 6, Nr. 9 (1. Februar 1904), 609-618.
Analyse der englischen Gegenwartsliteratur, gefolgt von einer Sammelrezension von Rudyard Kipling, The Five Nations (London: Methuen 1903); William Watson, For England – Poems written during Estrangement (London: John Lane 1904); George Bernard Shaw, Man and Superman (Westminster: Constable 1903); John Davidson, The Knight of the Maypole (London: Grant Richards 1903); George Gissing, The Private Papers of Henry Ryecroft (Westminster: Constable 1903); Henry Seton Merriman [Hugh Stowell Scott], Barlasch of the Guard (London: Smith, Elder 1903); E[dward] F[rederic] Benson, The Valkyries (London: Unwin’s Library 1903); Henry Harland, The Cardinal’s Snuff-Box (London: John Lane 1903); Leonard Merrick, Conrad in Quest of his Youth (London: Grant Richards 1903). ●●●●● „Kürzlich war in einer Londoner Wochenschrift zu lesen, die Wurzel alles Übels sei die Überproduktion; Ehrgeiz und Erwerbssinn trieben den Schriftsteller zu einer wilden Jagd auf Erfolg; und je mehr er um Vermehrung seiner Einnahmen bemüht sei, um so unaufhaltsamer gehe es mit seinem Renommee bergab. – Das trifft zweifellos für die Belletristik in England zu. Sie schwillt immer bedrohlicher an, mit der elementaren Gewalt einer Hochflut. Die Nachfrage des lesegierigen Publikums muß sich von Jahr zu Jahr steigern. Und da es um den Nachwuchs recht kümmerlich bestellt ist oder vielmehr die Neulinge sich nicht durchzusetzen vermögen, weil sie im Kampf gegen den Windmühlenfeind Vorurteil den kürzeren ziehen, so sind die im Sattel der Volksgunst Sitzenden zu immer rascherer Gangart gezwungen. Dabei kann es nicht ausbleiben, daß Roß und Reiter mit der Zeit ihres wohlgepflegten Aussehens verlustig gehen, an Ansehen einbüßen. Längst haben sie keine Lust mehr zu einem Ritt ins romantische Land; schlecht gelaunt und mürrisch, traben sie ihre vorgezeichnete Straße dahin, die stracks auf den Markt führt. Der Reiter, der früh seine Kräfte verbraucht hat, hängt eigentlich nur noch im Sattel, und einzig die Gewohnheit hält ihn noch aufrecht. Aber eines Tages stutzen die Zuschauer doch und wollen ihren Augen nicht trauen, wenn sie auf die erbarmungswürdige Figur aufmerksam gemacht werden. Und, undankbar wie sie sind, schreien sie hinter dem Manne, der einst so stattlich auszog, ihr vernichtendes ‚John Gilpin’ her. [Anspielung auf William Cowpers Diverting History of John Gilpin (1782).] – Wie auf ‚Rotten Row’ [dem berühmten Reitweg im Hyde Park] des Romans eine schier erdrückende Fülle herrscht, die dem ausländischen Beobachter jede Übersicht versperrt, ist in den Seitenalleen der englischen Lyrik und Dramatik eine sehr schwache Beteiligung an der Tagesordnung. Die Gründe liegen auf der Hand: Gedichte und unaufgeführte Theaterstücke gehören nicht zur gangbaren Ware. Die Menge will wenig davon wissen, folglich sind die Verleger nicht darauf erpicht, und wenn zwei – noch dazu die beiden ausschlaggebenden Faktoren – so ein Herz und eine Seele sind, kann der dritte nichts Klügeres tun, als gute Miene dazu zu machen. Die Autoren entsagen also; mit allem Recht: denn das Mißtrauen gegen Anfänger nimmt hier geradezu die Formen eines panischen Schreckens an. Während nicht genug Pracht- und immer prächtigere Ausgaben der toten Dichter veranstaltet werden können, läßt man die lebenden darben oder nötigt sie, sich dem belletristischen Zug der Zeit anzuschließen. – Es wird jetzt in England reichlich geklagt über das doppellebige Wesen Literatur: sie sollte ein Beruf sein, für die Berufenen bestimmt, und sie entfaltet sich mit wachsender Dreistigkeit zu einem üppigen Erwerbszweig, zu einem manuellen Gewerbe, zu technischer Fertigkeit, zu einem Handwerk mit goldenem Boden. Sind auch die Klagen einstweilen noch das einzige Symptom der Besserung, so darf man sich doch schon der Unzufriedenheit freuen: denn sie weht wie ein frischer Windstoß in das Gewölk der Überlieferung hinein. Es beginnt sich auf den lange vernachlässigten Gebieten verheißungsvoll zu regen, und der Chronist braucht diesmal Lyrik und Dramatik nicht völlig mit Mißachtung zu strafen. ●●● Freilich, für Rudyard Kiplings neuesten Sammelband mit dem ungemein bezeichnenden Titel The Five Nations fehlt mir beinahe jedes Organ. Dieser erste Kosmopolit umspannt den Erdball und ist in allen fünf Weltteilen gleich heimisch, obwohl sein stürmisches Herz natürlich Großbritannien oder eher noch: dem größeren Britannien ganz gehört. Seine Leier hat bloß eine Saite, die mit der Wucht der Orgel die Überlegenheit der angelsächsischen Rasse hinausbraust. Zum Glück hat Kipling diesmal auf politische Anspielungen, auf polemische Ausfälle und allergröbste Wurfgeschosse verzichtet, trotzdem er in kriegerischen Tönen schwelgt. Als modernen Tyrtäus muß man Rudyard Kipling dereinst in der Westminster-Abtei darstellen. Denn das beste an seinen patriotischen Liedern ist ihre Marschmäßigkeit, ihr gehackter, ohrenfälliger Rhythmus (meistens Anapäste). Formell verdient auch die Mannigfaltigkeit in der Handhabung des Refrains entschiedene Anerkennung. Aber damit bin ich leider mit den Vorzügen zu Ende. Ich habe oft die quälende Empfindung gehabt, als ob jemand mit einem Beil auf der Sprache herumhacke und sie in rasender Wut kurz und klein schlage. Dabei kann er es doch nicht verhindern, daß ihm melodiöse Fetzen, im pizzicato gleichsam, aufflattern. Alle Musik der Sprache ist erdrosselt. Dazu kommt das rüde Cockney, das zu poetischem Ausdruck denkbar ungeeignet ist. Ihm entspricht die bare Prosafassung der Gedanken, die nur zufällig in Strophen und Zeilen gegliedert scheinen. Und trotzdem gibt es Leute, die für den Lyriker Kipling schwärmen; es mögen gute Menschen sein, aber es sind schlechte Musikanten. Wer Verse nicht bloß mit dem Auge, sondern mit dem Ohr liest, wird die meisten Gedichte der Sammlung als einen Silbenschwall empfinden und einen unerquicklichen Eindruck von ihnen empfangen. Nirgends wird der Stimmung oder landschaftlichem Beiwerk Raum gewährt; in gleichmäßigem Verstandestrott geht es dahin. Ausgenommen seien die innige Schlußhymne Recessional und das schöne Gedicht zum Preise von Sussex. ● Wenn man von Kipling zu William Watsons schmächtigem Bändlein [63 S.] For England – Poems written during Estrangement kommt, ist es einem zu Mute, wie wenn man nach modernstem Tongestammel wieder eine Schumann’sche Melodie hört. Die vierundzwanzig Gedichte sind dazu bestimmt, ihren Verfasser von dem Vorwurf antipatriotischer Gesinnung zu reinigen. Watson, am bekanntesten durch ‚Wordsworth’s Grave’, wendet auf sich den Satz an, den Hazlitt dem Staatsmann Fox widmete: ‚Seine Vaterlandsliebe bestand nicht darin, daß er die übrige Menschheit haßte.’ [‚On the Character of Fox’: ‚his love of his country did not consist in his hatred of the rest of mankind.’] Patriotismus, lehrt er, ist nichts anderes als die edle Sorge um unseres eignen Landes Ehre in den Augen der Welt. England hat sich im Krieg gegen die Buren vergessen; seine angebliche Milde hat es dahin gebracht, daß es noch die Kindeskinder mit dem Haß der Hölle verfolgen werden. Mit gemordeten Säuglingen haben die Briten ihren Pfad gepflastert, und als ‚Baumeister des Verderbens’ stehen sie einzig da. Aber die große Errungenschaft des Menschengeists, die Gerechtigkeitsidee, mußten sie mit Füßen treten. Darum sind ihre Siege eitel. Der wahre Imperialismus verlangte von ihnen, den Feind in ihrer Mitte niederzuwerfen und im Menschenherzen ein Reich zu errichten, das besteht. – Diese nicht erschütternd neuen Gedanken werden in rhetorischer Sprache, die dem Banalen geschickt ausweicht, mit heiligem Zorne vorgetragen. Hier hat sich die Erbitterung, von dem Talent gebändigt, im Vers ein Ventil geschaffen. In England wird man heute die Gedichte mit kühler Gelassenheit hinnehmen; in Deutschland haben sie den Anschluß an die Burenbegeisterung versäumt. Vor zwei Jahren noch hätten sie in beiden Ländern Unheil stiften können. So schnell sichtet und schlichtet die Zeit. ●● Anspruchsvoller denn je gibt sich Bernard Shaw in seiner neuen Komödie Man and Superman, die im Untertitel beherzt ein philosophisches System heißt. War es dem hypertrophischen Grabbe vorbehalten, Faust und Don Juan in einem Drama zusammenzukoppeln [Don Juan und Faust] und als Nebenbuhler der Liebe vorzuführen, so hat der groteskere Ire den Deutschen noch übertrumpft, indem er den verwegenen erotischen Abenteurer auf den Kopf stellte: aus dem Angreifer ist der Überfallene, aus dem Schürzenjäger das gehetzte Wild, aus dem Opferpriester das Opferlamm geworden. So sieht Shaws Übermensch in der Maske Don Juans aus: ein armes Fischlein, dem rettungslos das Netz über den Kopf gezogen wird; ein willenloses Ding, das der Zauberin Circe nicht zu entgehen vermag. Denn in Liebeshändeln ist das Weib die treibende Kraft, eine Boa constrictor, die sich hinterlistig um den zappelnden Mann ringelt. Die ganze Welt hat sie für ihn mit Gruben, Schlingen, Fallen besät: es gibt kein Entrinnen. Mag es auch oft den Anschein haben, als ob die Frau regungslos die Hände in den Schoß lege und ihres Freiers harre – in Wirklichkeit lauert sie nur wie eine Spinne auf die Fliege. Das Weib geht allemal aus dem Duell der Geschlechter als Siegerin hervor; der Mann haftet noch an Faustens altem Irrtum: er glaubt zu schieben, und er wird geschoben. Bedarf diese in ihrer Verallgemeinerung das Lächerliche bedenklich streifende, originalitätssüchtige Theorie einer ernsthaften Widerlegung? Das hieße den Schalk Shaw arg verkennen. Er rückt ja nicht mit dem Schwergepäck eines griesgrämigen Philosophieprofessors an, sondern mit der Frohlaune und dem geharnischten Witz eines belesenen Komödiendichters, in dem überdies ein gut Teil vom Komödianten steckt. Er will gar nicht überzeugen, Anhänger für seine verschrobene Lehre werben, sondern durch Paradoxe verblüffen, uns ein wenig ‚frozzeln’, der Lachlust Vorschub leisten. Und das gelingt ihm streckenweise ganz ausgezeichnet. – Der erste Akt seiner tollen Posse gipfelt in einer glänzenden Verspottung der englischen Prüderie, die in ihrem harlekinartigen Übermut wirklich ihresgleichen sucht. Scherz, Satire, Ironie werden zu einem würzigen Gemisch zusammengerührt. Damit ist die Handlung aber auch fast erschöpft. Nun muß die tiefere Bedeutung allmählich in Szene gehen. Zu diesem Zweck wird eine unorganische, weit über den Rahmen hinausstrebende, doch darum nicht minder amüsante Einlage geboten: Shaws Don Juan. Die Sierra Nevada, das Ziel einer Automobilfahrt, an der sämtliche Personen teilnehmen, wandelt sich aus einem zerklüfteten Gebirge, in dem romantisches Räubergesindel unter Führung des ritterlichen Juden Mendoza haust, zu einer Vorkammer der Hölle. In diesem Inferno versammeln sich die Hauptfiguren zu einem Bacchanal Shaw’schen Witzes und zeigen ihr wahres Gesicht. John Tanner, der verfolgte Held, taucht als spanischer Kavalier Juan Tenorio auf; seine Jägerin Annie als racheschnaubende Doña Ana de Ulloa; ihr sittenstrenger Vormund als die Statue des Komturs; der hebräische Räuberhauptmann als ein Teufel Gounod’scher Provenienz. Es geht sehr gemütlich bei ihnen zu: denn die Hölle ist das Vergnügungslokal der Lasterhaften, während die Tugend sich im Himmel anständig langweilt. Das seltsame Quartett läßt seiner Redseligkeit die Zügel schießen. Vornehmlich wird die Geschlechtsfrage erörtert. Don Juan, ein neunmal Weiser in dieser Gefühlszone, vertritt den zynisch-materialistischen Standpunkt, der Mann sei der Frau nur ein Mittel zum Zweck, Kinder zu bekommen und aufzuziehen. Erst im Laufe der Entwicklung habe er sich aus diesem unwürdigen Frondienst emporgearbeitet, indem er die Zivilisation schuf. Sie bedeute den Versuch, aus sich etwas mehr zu machen als ein bloßes Fortpflanzungsinstrument. Einstweilen hat er die höchste Staffel der Vollendung in dem Philosophen erreicht. Was in früheren Jahrhunderten der Kriegsheld war, ist heute der künstlerische Philosoph oder der philosophische Künstler, ‚the artist-philosopher’: der wahre Übermensch. Aber noch hat die Frau die Waffen nicht gestreckt; ihr Einfluß dehnt sich weiter auf die Ehe aus. ‚Sie ist die ausschweifendste menschliche Einrichtung: das ist das Geheimnis ihrer Volkstümlichkeit. Und eine Frau auf der Suche nach einem Mann ist das skrupelloseste aller Raubtiere. Die Vermengung der Ehe mit der Moral hat mehr dazu beigetragen, das Gewissen des Menschengeschlechts zu vernichten als irgendein anderer Irrtum.’ Im günstigsten Falle sind die Ehen äußerst bequem, ‚sensible people make the best of one another’. – Mit dieser umfänglichen Disputation hat sich der vielseitige Shaw noch lange nicht alles von der Leber geredet. Er benutzt dazu außerdem die Widmungsepistel an den Times-Kritiker [Arthur Bingham] Walkley und einen Anhang, der ‚das Handbuch des Revolutionärs in der Westentasche’ enthält, verfaßt von John Tanner, M. d. r. F. (Mitglied der reichen Faulenzer): echtester Bernard Shaw in seiner wahrhaft beängstigenden Fülle von blendendem Geist. Aber je mehr er spricht, statt zu bilden, desto weniger entkräftet er Walkleys berechtigten Einwand, er gebe Erklärung und kein Drama. Und so ist sein neuestes Stück bei allem Ideenreichtum für die Bühne ein verlorener Schatz; als Ulk zu philosophisch, als Philosophie zu ulkig. Doch wer weiß, welche Überraschungen uns noch von diesem eminenten Kopf bevorstehen, sobald er aufhört, sich gar so absurd zu gebärden? ● Eine Hoffnung des englischen Theaters war auch einmal und ist vielleicht noch John Davidson, der Dichter der Fleet Street Eclogues, dessen Name wenigstens durch die Beardsley- Ausstellung [in der Berliner Sezession im Winter 1903/04] jetzt nach Deutschland gedrungen ist. In seiner jüngsten Komödie The Knight of the Maypole bietet er ein ziemlich bühnenwirksames, harmlos-gefälliges Pastoralspiel, halb im Blankvers, halb in Prosa, mit ernsten und heiteren Motiven in buntem Wechsel. Man fühlt sich an Paul Heyse erinnert. Auch Davidsons Stärke ist der leichtbeschwingte, anmutige Vers, der sich nicht selten zu gangbaren Sentenzen zuspitzt. Wie Heyse lehnt sich der Schotte in der Erfindung der Fabel gern an bewährte Muster an. Hier hat er von der reichbesetzten Tafel der Shakespeare’schen Komödien nach Gutdünken seine Brotsamen aufgepickt: den Bösewicht und den Tugendbold, die dummen, schwatzhaften Konstabler, den bittren Narren. Schade, daß sie in eine allzu durchsichtige Handlung hineingestellt sind. Der edle Gabriel Ashe, den man bei einem Schiffbruch umkommen wähnt, kehrt plötzlich heim, macht seine Testamentsansprüche geltend und wird von seinem habgierigen Vetter nicht anerkannt. Seine ritterliche Art und seine franke Rede gefallen aber dem jugendlich romantischen König Karl II. so gut, daß er den zerlumpten Landstreicher zu seinem Kollegen erhebt, zum Maikönig. Er selbst darf sich seine Königin küren. Wen anders sollt’ er wählen als seine Jugendliebe Agnes Grey? Beim Schmause nach dem Fest lockt sie der König in sein Schlafgemach, und da er den einzigen Ausweg verschließt, befindet sich die heiß umworbene Schöne in einer heiklen Lage. Ein lauter Streit im Vorzimmer, der zu blutigem Handel führt, läßt den König aus seinem Versteck hervortreten. Gabriel, der längst Agnes Grey vermißt hat, sprengt die Tür und nimmt ‚im Sturm sein häuslich Glück’ [Grillparzer, Die Jüdin von Toledo, Akt IV]. Großmütig verzeiht er allen, sogar dem schuftigen Vetter. – Wie gesagt, die Begebenheiten bestechen nicht durch unverbrauchte Reize; auch werden keine seelischen Probleme gewälzt noch komplizierte Charaktere enträtselt. Aber das alles wären (von den positiven Vorzügen abgesehen) Eigenschaften, die dieses dem Auge ebenso wie dem Ohre schmeichelnde Schauspiel einem erholungsbedürftigen Londoner Publikum empfehlen sollten. Um so unergründlicher ist es, daß ein Dichter wie John Davidson, dessen Tragikomödie Selbst ist der Mann [Self’s the man (1901)] sich in Ehren neben dem gefeierten Stephen Phillips behaupten würde, umsonst an die Bühnenpforten anklopft. Dem Narrenkönig, scheint’s, wird in alle Ewigkeit die englische Bretterwelt gehören. ●●● Ja, rätselvoll sind die Wege des britischen Kunstmobs. Wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, kommt in Verruf. Wer ihm nicht Zuckersteine, sondern Brot reicht, wird totgeschwiegen. Keiner hat das mehr am eignen Leibe erfahren als George Gissing, der im Alter von sechsundvierzig Jahren in dem südfranzösischen Badeort St. Jean-de-Luz der Lungenschwindsucht erlag. Er ist nie populär gewesen wie die Unterhaltungslieferanten, kaum jenseits des literarischen Zirkels bekannt. Seine Kunst stand auf zu einsamer Höhe und erniedrigte sich niemals zu ködernden Zugeständnissen. Je mehr ihn die Masse mißachtete, um so weniger ließ er sich beirren, beharrte auf seinem steilen Pfad. Zweierlei mußte diesen Intransigenten dem Gros der Lesezaungäste entfremden: seine Abneigung gegen alle Schönfärberei und sein Bekenntnisdrang. Ihn leitete eine rücksichtslose Offenheit, die ihm von der Menge als offene Rücksichtslosigkeit ausgelegt wurde, als der Wunsch, den satten Bürger vor den Kopf zu stoßen. Er wich den Schattenseiten des Lebens nicht geflissentlich aus, schreckte auch vor dem Unerquicklichen nicht zurück, ohne jedoch irgendwie einen krankhaften Hang zum Pathologischen der Menschennatur oder zu den Geschwülsten des Staatskörpers zu bekunden. Temperament und Veranlagung ließen ihn eben die Welt nicht durch eine rosige Brille, in farbigem Abglanz sehen, sondern er gewahrte ebensosehr die grauen Töne, das Elend, das Unglück und die Ungerechtigkeit, die kein Unbefangener zu leugnen vermag. Eigenes Mißgeschick mag ihn in solchen Neigungen bestärkt haben. Von jeher gehörten seine Sympathien den Mühseligen und Beladenen, denen kein Gott zu sagen gab, was sie leiden. Ihn zog es zu dem unteren Mittelstand, dessen bester Kenner er allmählich wurde. Den Künstler haben Charles Dickens und Zola hauptsächlich befruchtet. Berührt er sich mit dem großen Engländer in der Stoffwahl, so war ihm dessen köstlichste Gabe, der Humor, versagt, und er entfernte sich bewußt von ihm, indem er jede moralische Lehrhaftigkeit ausschaltete. Seine Technik hat am meisten von dem großen Franzosen gelernt. Wie Zola strebte er nach Totalität und eiferte ihm in der Darstellung von Freskogemälden nach. Aber auch hier war er kein sklavischer Nachahmer, denn er verschmähte die heroischen Situationen seines Meisters, den imaginären Anstrich, der seine Gestalten über das realistische Einerlei erhebt. Nie hat George Gissing seine Persönlichkeit aus dem Kunstwerk hinausgedrängt. Ihre Ausstrahlungen begegnen in seinen sämtlichen Büchern. – Rasch waren seine Landsleute, die sich gewöhnt haben, die Literatur als eine Erbauungsstätte zu betrachten, bei der Hand, George Gissing als konsequenten Vertreter des Realismus und Apostel des Pessimismus zu verschreien. Damit war dem Erfolg seiner Romane bei den beneidenswert optimistischen Zeitgenossen ein Riegel vorgeschoben. Jeder Dutzendfabrikant konnte ihn bequem überflügeln. George Gissing, den das Leben nie auf Rosen gebettet hatte, sah sich hier einer undurchdringlichen Dornenhecke gegenüber. Er litt unter seinem Rufe, allein er war zu ehrlich, als daß er seine Überzeugungen verraten hätte. Das Leben mußte ihn bekehren. Und diese Umkehr begrüßte man mit erleichtertem Aufatmen in seinem letzten Werk: The Private Papers of Henry Ryecroft. – Es ist ein Bekenntnisbuch, ein bewegter Abschied vom Leben. Die romanhafte, ein wenig abgenutzte Einkleidung, einen Strohmann als Gefühlsträger vorzuschieben und seine unveröffentlichten Papiere erst nach seinem Tode herauszugeben, raubt den Blättern nichts von ihrem autobiographischen Werte. Ein Veteran der Feder, der durch die Gnade eines Freundes plötzlich zu mäßigem Wohlstand gelangt und aus dem Großstadttrubel in ländliche Abgeschiedenheit flüchtet, blickt in die qualvolle Vergangenheit zurück und genießt der holden Gegenwart. Alle Bitterkeit, die er bis zur Neige kosten mußte, ist ausgelöscht; süßer Friede, im Verkehr mit der Natur genährt, schwellt ihm die Brust. Noch einmal läßt er das Labyrinth des Lebens – gewiß kein Kaleidoskop, aber auch kein trostloses Jammertal – vorüberschweben. Zu dieser in den verschiedensten Variationen behandelten Oberstimme geben Todesgedanken den Baß her. Es ist keine selbstgenügsame Glück im Winkel-Poesie, keine behagliche Philistrosität, die sich da breitmacht, sondern die schwer erstrittene Resignation ist ein letztes Resultat. ‚Denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein’ [Westöstlicher Diwan, ‚Buch des Paradieses’: ‚Einlaß’]: so tönt uns die wehmütig verklärte Weise entgegen. Ein Weltenferner, Sturmgefriedeter spricht. Seine Seele hat in der Kirchhofstille Muße, sich auf sich selbst zu besinnen. Nichts stört mehr das Gleichgewicht seines Gemüts, seine stoische Unerschütterlichkeit; nicht die Ereignisse da draußen, kein ungelegener Besucher – nur die tragische Erkenntnis des Zuspät. Wieviel reicher können alle Daseinsbedingungen entwickelt werden, wenn ihnen bescheidener Besitz zu Hilfe kommt. Unter dem Albdruck materieller Sorge wird das höchste Gut, die Möglichkeit, schlummernde Kräfte zu erwecken, kläglich vertan. – Und doch bedeutet dieses Vale George Gissings keinen Bruch mit seiner Lebensmelodie, bei Henry Ryecroft mündet vielmehr alles, was er geschaffen. Es ist nur der gesteigerte Ausdruck seiner Sehnsucht. Anknüpfungspunkte ergibt schon der frühe Sozialistenroman Demos [1886]. In anderer Tonart bloß kehrt das Thema in New Grub Street [1891] wieder, einem journalistischen Vanity Fair, das vielleicht am ehesten dazu berufen scheint, George Gissings Namen der Nachwelt zu vermitteln. Sie wird ihm den Platz in der Literaturgeschichte anweisen, den ihm seine Zeitgenossen aus blinder Verehrung für Modegötzen verweigert haben. ●●● Vorläufig ging ihnen der Tod Henry Seton Merrimans näher [19.11.1903]. Das war eine Pflicht der Vaterlandsliebe: ergötzte sich doch die alte Königin Viktoria an seinem Roman The Sowers [1896], der demnächst seine Bühnenurständ erleben wird. Die erfolggekrönte Laufbahn dieses kurzweiligen Schriftstellers schloß mit Barlasch of the Guard, einer spannenden Intriguengeschichte, die sich von einem ‚bedeutsamen’ politischen Hintergrund abhebt. Unnötig zu sagen, daß es an einer Liebesaffäre nicht fehlt. Zeit der Handlung: 1812 – Napoleons Zug nach Rußland und das fürchterliche Gottesgericht an den heimkehrenden Truppen. Ort der Handlung: Danzig, Königsberg und der ostpreußische Küstenstrich. Hauptpersonen: der Kaiser als unsichtbarer Lenker des Geschicks und der Sergeant Barlasch von der Garde, der sichtbar die Fäden in der Hand hat. Seine schlichte Herzensintelligenz triumphiert über alle Ränke des Verstandes. Er tut einfach, was er für recht hält, und vereitelt die Schliche eines Geheimspions, der sich unter der Larve des Liebhabers eingeschmuggelt hat. Er geht für die blonden Locken der freundlichen filia hospitalis durch Schnee und Eis. In dem Augenblick, wo sich die Liebenden in die Arme schließen, ist seine Aufgabe erfüllt, und der Autor hat zum Dank für seine hündisch-treue Anhänglichkeit eine russische Kugel bereit. So stirbt der Alte von der Garde ‚als Soldat und brav’ [Faust, 3775]. Der Charaktertypus des wackern Faktotums mit seiner anheimelnden Bonhomie ist nicht übel geraten. Sein Bestes gibt Merriman in der Zeichnung des Milieus, das anfänglich wie ein preußisches Quality-Street [Komödie von J. M. Barrie (1901/2)] anmutet. Die Ereignisse des russischen Feldzugs behandelt er aber gar zu sehr als kritischer Beobachter aus dem Jahre 1903 und entfernt sich dadurch zum Schaden der Illusion vom Boden der historischen Novelle. Wie wenn ein Schauspieler mitten in der Vorstellung an die Rampe treten, die Perücke abnehmen und sprechen wollte: ‚Mein Name ist Haase, ich mache Ihnen jetzt einen französischen Marquis aus dem achtzehnten Jahrhundert vor …’ ●●● Und nun müßte eigentlich ein dicker Strich gezogen werden zum Zeichen, daß die Literatur hier an der Grenze angelangt ist. Doch auch den Lebenden werde ihr Recht! Aus dem Gewimmel der Unterhaltungsproduzenten können nur die klangvolleren Namen herausgegriffen werden – was zwar ein Akt reiner Willkür ist, aber aus Notwehr ein Gebot der Nächstenliebe erscheint. – Da wäre also zuvörderst E. F. Benson, der Verfasser der gleißenden Gesellschaftssatire Dodo [1893]. Sein jüngstes Machwerk nennt sich The Valkyries: eine Kuriosität ersten Ranges. Hielt es Charles Lamb nicht unter seiner Würde, im Verein mit seiner Schwester Mary den Inhalt der Shakespeare’schen Dramen nachzuerzählen und dadurch, mehr als alle Biographen und Kommentatoren, des Dichters Popularität zu fördern, so dünkt sich Benson nicht zu schade, dasselbe für Richard Wagners Operntexte zu unternehmen. Die Walküre eröffnet den Zyklus. Aus dem Libretto, dessen Deutsch der Engländer ja doch nicht versteht, ist ein Prosaroman von 259 Seiten geworden mit möglichst engem Anschluß an den Wortlaut der Vorlage. Die Wagnerianer werden ob solcher Tempelschändung entsetzt die Hände ringen oder – weniger pathetisch – die Sache einfach lächerlich finden. Trotzdem muß anerkannt werden, daß sich Benson mit Geschick aus der Affäre zu ziehen wußte. Es hätte noch viel schlimmer werden können. Immerhin (im Auftrag der Kunst): pereant sequentes! ● Da ist ferner Henry Harland, ehedem Herausgeber der esoterischen Kunstzeitschrift The Yellow Book, mit einer Töchterpensionat-Liebesgeschichte The Cardinal’s Snuff-Box. Auf Seite 10 bereits muß blödester Durchschnittsverstand erraten, daß die Duchessa Beatrice di Santangiolo, jung, schön, katholisch, Witwe, Engländerin von Geburt, und Peter Marchdale ein Paar werden trotz der Glaubensschranken. Der Trick nun ist der: Onkel Kardinal läßt seine Schnupftabaksdose absichtlich in Peters Behausung liegen, damit der redliche Finder seinen Liebeslohn einstreiche, und verdient sich so ein Kuppelpelzchen. In diesem sanft plätschernden Bächlein gibt es eine tückische Stelle: das angelsächsische Publikum muß sich tüchtig die Leviten lesen lassen. ‚Es hat fünfzig Religionen – nur eine Sauce – und überhaupt keinen Sinn für Schönheit. Es kann den Splitter in seines Nächsten Auge sehen; kann sehen, wann ein Geschäft gut, ein Krieg dienlich ist. Aber das eine, was es nie sehen kann, ist Schönheit … Dafür hat es gar kein Gefühl, so wenig ein blinder Wurm die Farben des Regenbogens fühlt.’ Und die andere Backe haut und streichelt Harland zugleich durch den Satz: ‚Es ist der Ruhm der Engländer, unlogisch zu sein.’ Unlogisch zum mindesten nimmt sich so scharfe Abkanzlung in einer harmlos heiteren Erzählung aus. Oder wollte Henry Harland damit den eignen Ruhm retten? ● Da ist zuguterletzt Leonard Merrick mit dem Capriccio Conrad in Quest of his Youth. Ein hübscher Märchenvorwurf, einen Mann auf die Suche nach seiner Jugend zu schicken, wird hübsch in der Wirklichkeit ausgesponnen. In drei Stadien wird das Ziel durchmessen. Ohne in elegische Schwärmerei zu verfallen, wozu die ‚Erinnerungseselei’ [angeblich ein von Brentano geprägter Ausdruck: vgl. MMs Besprechung in der FZ vom 12.02.04] des Helden leicht verführen könnte, vermeidet Merrick gewandt die Gefahr des Läppischen. Nach manchen Irrungen und Wirrungen findet Conrad Warrener, der sich längst davon überzeugt hat, daß man ein Vierteljahrhundert so wenig wie seinen eignen Schatten überspringen kann, seiner Weisheit letzten Schluß: ein Mann ist jung, so oft er sich verliebt. Und das trifft auch auf die englischen Romanschreiber zu: sie hören nicht auf, der Verliebtheit zu huldigen, und machen dadurch einen bestechend jugendlichen Eindruck. – Nichts liegt mir ferner, als die Daseinsberechtigung solcher Lektüre anzufechten oder sie mit literarischen Waffen in den Grund zu bohren. Es gibt so viele Migränegeplagte, von Zahnschmerz und Stockschnupfen Heimgesuchte, nach Zerstreuung Lechzende. An feuchten Sonntag-Nachmittagen, wenn der Nebel draußen auf den Gassen braut, lesen sich so liebenswürdige Bücher sehr angenehm in der behaglichen Wärme des kosigen drawing-room, um am Montag Morgen, wenn das business ruft, schon wieder vergessen zu sein.“

Neue englische Romane. FZ, 12. Februar 1904, erstes Morgenblatt, Nr. 43.
Plauderei über englische Unterhaltungsliteratur, gefolgt von einer Sammelrezension von George Gissing, The Private Papers of Henry Ryecroft (Westminster: Constable 1903); George Moore, The Untilled Field (London: Fisher Unwin; in rev. Form Leipzig: Tauchnitz 1903) [nicht in Langenfeld]; Rosamond Langbridge, The Flame and the Flood (London: T. Fisher Unwin / Leipzig: Unwin’s Library 1903); E[dward] F[rederic] Benson, The Valkyries (London: Unwin’s Library 1903); Leonard Merrick, Conrad in Quest of his Youth (London: Grant Richards 1903); Henry Seton Merriman [Hugh Stowell Scott], Barlasch of the Guard (London: Smith, Elder 1903). ●●●●● „Allmonatlich gibt die Verlagshandlung A. Asher u. Co. in Berlin einen Katalog der neuen Erscheinungen auf dem Gebiete des englischen Schrifttums heraus. Er ist fein säuberlich in Rubriken eingeteilt, die einem das Nachschlagen irgendeines Buchs erleichtern. Unter den Überschriften dieser monthly gazette of current literature befindet sich eine, die stets die meisten Werke aufzuweisen hat: Fiction. Der Deutsche wird geneigt sein, darunter sämtliche poetischen Erzeugnisse zu verstehen – und in der Tat dürfte sich schwer ein prägnanterer Sammelbegriff für Lyrik, Dramatik und Epik finden lassen – aber das Wort hat im Englischen eine seltsame Einschränkung erfahren: Fiction bedeutet nur Belletristik, obwohl doch die Lyrik und Dramatik mit gleichem Recht in das Reich der Fiktion gehören, ja in vieler Beziehung der bevorzugten Schwester den Rang abzulaufen scheinen. – Wann und wieso sich diese merkwürdige Begriffsverengerung [sic] vollzogen hat, vermag ich nicht anzugeben. Am einleuchtendsten wäre die Vermutung, der Roman habe in stärkerem Maße die Einbildungskraft des Schaffenden sowohl wie des Lesers in Anspruch genommen; mehr als die Lyrik, die aus dem Gefühl und zu dem Gefühl spricht, mehr als die Dramatik, die von der Handlung lebt und in England niemals davon abstrahieren wird, wenn auch anderwärts neuere Dichter sie ausgeschaltet und neuere Ästhetiker nachgewiesen haben, daß der veraltete Begriff ‚Handlung’ auf einer mißverstandenen Deutung des Wortes Drama beruhe. Fraglich bleibt es auf alle Fälle, ob die Dramatik, die mit Zeit und Ort verwegner umspringt, der Phantasie nicht mehr zumutet, als die ihr an Ausführlichkeit überlegene und daher die Illusion weniger herausfordernde Epik. ● Aber war die Qualität bei diesem Bedeutungswandel nicht ausschlaggebend, so hat die Quantität dem Roman das sprachliche Übergewicht verliehen. Wie auf dem deutschen Büchermarkt die Pädagogik numerisch an erster Stelle steht, nimmt in dem Asher’schen Katalog die Epik jedesmal den größten Raum ein. – Sonderbar! In Deutschland gelten also die meisten Schriften der Erziehung des Menschengeschlechts, in England dem Unterhaltungsbedürfnis der Massen. Man möchte tiefsinnige und wehmütige Betrachtungen über diese Tatsache anstellen, wenn man sich nicht hüten müßte, übereilte Schlüsse an sie zu knüpfen. Denn wer da behaupten wollte, die Engländer hätten mehr Zeit zur Lektüre als andere Völker, der beginge einen ebenso lächerlichen Irrtum wie jener, der die Deutschen für schlechter erzogen hielte als andere Völker; wohl aber gibt es in England mehr Menschen, deren einziger Beruf darin besteht, to kill time oder wie wir drastischer sagen: die Zeit totzuschlagen. Übrigens sind Pädagogik in Deutschland und Belletristik in England gar nicht so weit voneinander entfernt wie es den Anschein hat: denn der englische Durchschnittsroman, mag er sich auch noch so romantisch oder exotisch geben, verzichtet selten auf didaktische Spaziergänge, so daß der Leser nicht nur unterhalten, sondern auch unterwiesen wird. ● Was hat dem englischen Roman die Vorherrschaft eingebracht? Historisch beantwortet, der Rückgang des Theaters. Seitdem die Puritaner ihren Kreuzzug gegen die vom Teufel besessene Schaubühne unternahmen und die Zensur über sie verhängten, die jede freiere Regung niedermähte oder schon im Keim zertrat, ist das Drama als literarische Gattung verkümmert und dient in unseren Tagen vornehmlich dem public amusement, öffentlicher Lustbarkeit. Während im Theater die Zerstreuungslust der Menge ihre Orgien feiert, geht der Roman auf private amusement aus, verlangt von dem Leser, daß er sich sammle. Und da sich für die Bühne viele Stoffe, hauptsächlich religiöser und sozialmoralischer Natur, von selbst verbieten, weil sie sonst von der Kunstpolizei des Zensors verboten würden, so ist der Roman für die Gebildeten das breiteste Forum der Öffentlichkeit geworden. So sind dem Theater die Verbindungsfäden mit der Literatur verloren gegangen, während der Roman durch die Literatur erstarkte und zu seiner Hegemonie gelangte. – Aus der gesteigerten Nachfrage erklärt sich rein geschäftlich, warum in England so viel Romane produziert werden. (In Zahlen läßt es sich schwerlich ausdrücken, wie weit die Belletristik die Nachbargattungen von Lyrik und Dramatik überholt hat, denn nur ein ganz geringer Bruchteil der englischen Theaterstücke – etwa das, was wir als Lesedrama bezeichnen – erscheint im Druck.) Will man den Riesenbedarf des Publikums an Belletristik, zumal an leichter Unterhaltungslektüre verstehen, so muß man gewisse Besonderheiten des sozialen Lebens in England gebührend berücksichtigen. ● Jene Elite wurde schon gestreift, die auf den Lorbeeren ihrer Zinsen ausruht und es für kein Verbrechen hält, in ihren behaglichen Villen völlig ihren Neigungen zu leben. Bei dem großen Nationalwohlstand in England ist es begreiflich, daß die Zahl dieser – wie Bernard Shaw sagen würde – M. I. R. C. (Members of the Idle Rich Class, zu deutsch: Mitglieder der reichen Faulenzerklasse) [Man and Superman (1903)] den entsprechenden Bevölkerungsprozentsatz in andern Ländern, vermöge der älteren Kultur auch in Amerika, weit übertrifft. Für sie gilt nicht mehr das vulgäre Krämersprichwort: time is money, sondern sie genießen der höheren Weisheit: money is time. Geld ist Zeit; sie haben Geld im Überfluß und ebenso Zeit, was mehr wert ist. Sie kaufen Romane und lesen sie auch, frei von aller Bücherleidenschaft und jeglichem bibliophilem Snobtum. – Aber auch der gewöhnliche Sterbliche, der vorschriftsmäßig sechs Tage im Schweiße seines Angesichts arbeitet, erübrigt wenigstens die langen Abende und die schier endlosen Sonntage für die Lektüre. Die Regelmäßigkeit britischer Lebensgepflogenheiten, die auf die Minute bestimmt sind und mit der Pünktlichkeit der Uhr wetteifern, schafft eine unübersteigliche Mauer zwischen Geschäft und Heim, zwischen Tageswerk und abendlicher Muße, zwischen Werkeltagarbeit und Sonntagsfrieden. Und das seelische Kontrastbedürfnis ist der wichtigste Faktor des englischen Lebens. Auch die Literatur ist ihm unterworfen worden, überhaupt die Kunst im allgemeinen. Ihr fällt die soziale Aufgabe zu, die rosigen Seiten des Daseins aufzuzeichnen, dem grausamen, brutalen Sein, das den Kampf der Ellbogen fordert, eine Welt des holden Scheins entgegenzustellen, bei deren Betrachtung Hirn und Arme ruhen. Man braucht bloß einmal an regnerischen Sonntagen, wenn im offenen Kamin das Feuer flackert – und es geht neun Monate nicht aus – einen Blick in den drawing-room zu tun: da gibt es gar nicht genug Sitzgelegenheiten, in und auf denen man sich bequem ausstrecken kann; sämtliche Familienmitglieder sind in angenehm betäubende, zuträglicher als ein Schlafpulver wirkende Lektüre vertieft; und über diesem Idyll schwebt ein Wölkchen ‚göttlichen Stumpfsinns’. Aber an jedem Abend fast spielen sich so reizvolle Szenen ab. Denn es gibt in England Gott sei Dank keine Kneipen, die zu gemütlichem Sitzen einladen, und das britische Nationalgetränk ist nicht das Bier, sondern der Tee, von dem William Cowper [1731-1800] sang: ‚Die Schalen, die erheitern, doch nicht berauschen’ [The Task, iv. 37f.: the cups that cheer but not inebriate]. ● Dazu kommt ferner der große Einfluß der Frauen, die sich aktiv wie passiv rege an der Literatur beteiligen. Ob es sich nun um Kunstausstellungen, Theatervorstellungen oder Leihbibliothekschmöker handelt: bei ihrer ausgesprochen optimistischen Veranlagung neigt die Frau zu den freundlichen Aspekten des Lebens und möchte am liebsten der Menschheit ganzen Jammer, alles Elend der Kreatur und alle Willkür des Schicksals aus der Kunst verbannt wissen. Die Rücksicht auf diese Majorität des Lesepublikums zwingt die Autoren unters Joch; bei der Stoffwahl, bei der Führung der Fabel sind sie gebunden, so daß die Schönfärberei die Kardinalfrage ihrer materiellen Existenz wird. ● Endlich darf die Reiselust des Engländers nicht vergessen werden. Die schütternde Bewegung der Bahn, die schaukelnde des Schiffs läßt es nicht zu, daß man schwer verdauliche Kost mit- und einnimmt. Als Reisegefährten muß man ein Buch auswählen, das möglichst oft zugeklappt werden kann, ohne daß man inhaltlich entgleist und mühsam zu rangieren hat. Der Roman steht nach der Zeitung noch immer am höchsten in der Gunst der Passagiere. Auch seine Länge ist vielfach nach der Kilometerzahl abgepaßt: er muß gerade so viel Seiten haben, daß er von London bis Glasgow reicht. – Alle diese Umstände haben ein üppiges Ins-Krautschießen der Unterhaltungsliteratur bewirkt (wobei der Ton auf dem ersten Bestandteil des Wortes liegt). Ja, man fand es aus praktischen Bedürfnissen zweckmäßig, die Literatur ins Austragstüberl zu schicken. Wenn sich trotzdem die Unterhaltung auf anständigem Niveau behauptet hat, so verdankt sie das einer reichen Tradition, die dem Einzelnen noch gute Früchte trägt. Aber er entgeht selten, folgt er diesem Wegweiser, der Gefahr der Überproduktion, die seit langem schon als eine schlimme Epidemie für die englische Belletristik wütet. ●●●●● Keiner hat dem Zwang literarischer Arbeit mehr geflucht, ihre verheerenden Folgen lauteren Herzens verwünscht, als der Schriftsteller Henry Ryecroft, dessen hinterlassene Papiere der vor kurzem verstorbene George Gissing in seinem jüngsten Roman herausgibt: The Private Papers of Henry Ryecroft. Als ich diese ergreifende Lebensbeichte, dieses unter Tränen lächelnde Adagio zum erstenmal las, beschlich mich eine Ahnung, daß dem Dichter, der als konsequenter Pessimist verschrieen war, eine Schwinge gebrochen sei. Jetzt weiß ich’s: Es war ein Abschied von diesem leuchtenden Dasein. Er hat seinen Frieden geschlossen mit dem Himmel und den Menschen. Er hat alles Irdische aus verklärter Höhe noch einmal gemustert, und sein Geist schwebt über den Niederungen. Vom Herbste des Lebens blickt er noch einmal auf ferne Erinnerungen zurück und durchwebt den rauhen Teppich der Wirklichkeit mit den goldschimmernden Fäden der Poesie. Für die Melodie dieses Buches wüßt’ ich keine passendere Begleitmusik als den zweiten Satz der Beethoven’schen Sonate Op. 90 in E-dur. Der verhaltene Jubelruf des Steinklopfherhanns bei Anzengruber fällt mir ein: ‚’s kann dir nix g’schegn, ’s kann dir nix g’schegn!’ [Die Kreuzelschreiber (1872)] – ein Resultat in elfter Stunde. – Henry Ryecroft, der seine Memoiren aufzeichnet, ist natürlich trotz der Fiktion kein anderer als George Gissing selbst. Zwanzig Jahre hat er von seiner Feder gelebt, recht und schlecht, meist aber schlecht. So viel Bitterkeit er auch in sich hineingeschluckt, äußerlich war ihm bei seiner strengen Selbstzucht nichts anzumerken; und der bitterste Gedanke war für ihn, nach jahrzehntelangem Kampf unterlegen zu sein. Doch den Fünfziger, dessen Gesundheit und Energie zu wanken begannen, bewahrte ein gnädiges Geschick vor grimmer Not. Ein Freund vermachte ihm in seinem Testament eine jährliche Rente von sechstausend Mark. Nun vertauschte er schleunig die Mietswohnung in der Londoner Vorstadt mit einer Hütte in dem geliebten Devonshire, fest entschlossen, die Feder, seinen alten Kameraden und seinen alten Feind, nicht mehr zu berühren. Hier hauste er mit einer bäuerlichen Aufwärterin in selbstgewählter Einsamkeit. Sturmgefriedet, weltenfern. Aber vom Schreiben konnte der wundenbedeckte Veteran der Feder nicht ganz lassen. Es drängte ihn, wenn die Lust über ihn kam, seine Gedanken und Erinnerungen festzuhalten: Stimmungsakkorde aus dem letzten Lustrum seines Lebens; bis er eines Sommerabends aus der tiefen Stille seines bescheidenen Tuskulums in noch tiefere Stille versetzt ward. Der Herzkranke war sanft hinübergeglitten. – Das ist der häufig benutzte und schon ein wenig abgenutzte Rahmen, in den George Gissing den Reigen seiner Gefühle eingefügt hat; diese hat er dann wieder als den Ausfluß eines meteorologischen Temperaments nach den vier Jahreszeiten angeordnet, und die zahlreich eingetretenen Naturbeobachtungen und -Betrachtungen rechtfertigen sein Verfahren. Auf jeder Seite empfängt man den unmittelbaren Eindruck: all das ist wirklich erlebt. Trotz der Ein- und Verkleidung schaut uns aus jeder Zeile fast George Gissing entgegen. Man spürt seinen Pulsschlag hindurch. Wer seine früheren Werke kennt, in denen freilich eine andere Tonart erklang, wird manches Motiv in den ‚Privatpapieren Henry Ryecrofts’ wiederentdecken. Dröhnte aus Demos [1886] Urwala-Weisheit herauf, die alte, abgegriffene Lehre vom Fluch des Goldes, so wandelt sie sich hier in das Gegenteil: der Segen des Geldes strahlt wie eine Regenbogenbrücke sanft auf einen Lebensabend herab. Henry Ryecroft atmet auf, da ihn der Alb der Sorge ums tägliche Brot verlassen hat, und vollendet seine Menschlichkeit; unter der Wohltat des Besitzes, die den Besitzer zum freigebigen Wohltäter macht, vollzieht sich für ihn höchster Lebensaufschwung. Aber noch ist der neue Herr des Daseins zu sehr an den Sklaven von ehedem gefesselt, noch weilt seine Erinnerung mit Vorliebe bei der trüben Vergangenheit. Henry Ryecroft, der einer vita contemplativa entgegenreift, sieht sich selbst noch als Edwin Reardon, den zur Tagesfron verdammten Schriftsteller aus Gissings bedeutendstem Roman New Grub Street [1891]. Der bleiche Doppelgänger taucht wieder auf. Und doch, wie vergoldet die Ferne! Wie unendlich milder beurteilt Henry das Gewesene als der geistesverwandte Edwin, der von der Viper Gegenwart erdrückt wird. Beide aber mit ihrem Wissensdrang, mit ihrer Sehnsucht nach hellenischem Gestade, mit ihrer Vorliebe für die Stoiker, mit ihrem irre geleiteten Optimismus, wecken die Bewunderung für ihr Urbild: George Gissing. ●●● An Kraft des inneren Erlebens steht ihm George Moore kaum nach. Auch er hat nichts mit den Allzuvielen in der Literatur gemein, die ihre eigne Persönlichkeit verstecken oder Blindekuh mit ihr spielen, wie es im französischen Ziergarten der englischen Belletristik leider zur Zeit Mode ist. Am Mittag seines Lebens ist er heimgekehrt und sieht in seinem Vaterland, in Englands mißhandeltem Stiefkind, ein Aschenbrödel der Kultur: Erin bloß ein ‚ungepflügtes Feld’. So lautet der Titel seiner Novellensammlung – The Untilled Field. Wie der Fürst Nechljudow bei Tolstoi [in dem Roman Auferstehung] kommt mir der mitleidige Ire vor; während er selbst in Freuden schwelgte, hat er seiner Geliebten (und ist die Heimat nicht unser aller Jugendliebe?) vergessen und findet sie nun in beklagenswertem Zustand wieder, der ihn so tief erschüttert, daß er alles für sie opfert, um begangenes Unrecht aus der Welt zu schaffen. Wie die kleine Katuscha zieht Nechljudow-Moore das im Staube liegende Irland liebevoll, in einer Wallung des höchsten Altruismus an seine Brust. – Von Irland, der Hochburg des Christentums im sechsten Jahrhundert, zogen einst die tapferen Apostel aus, um dem Kontinent den neuen Glauben zu bringen. Zum Dank für diese Missionstätigkeit wandte ihm die Kultur, gleichsam als ob sie Nietzsches Schriften vorausgeahnt hätte, den Rücken zu und schlug nie mehr dort ihre Zelte auf. Aber die Hierarchie erkor sich die westliche Insel zum Lieblingsaufenthalt. Stolz erhebt der Klerus das Haupt. Die herrschende Kirche triumphiert in der Tyrannei der Priester, die die Axt anlegen an die Welt-Esche, den menschlichen Willen. Wie die Pilze wachsen kunstverlassene Gotteshäuser aus dem Boden, und die kärglichen Spargroschen der armen Bevölkerung wandern in die Sammelbüchse. Ecclesia triumphans! Doch der Tag der Vergeltung dämmert. Das junge Geschlecht rüttelt an den Ketten. Mit jedem Jahr nimmt die Zahl der Auswanderer zu. Amerika winkt ihnen als das gelobte Land. Im Zwischendeck finden sich die Mißvergnügten zusammen. Geht es ihnen drüben gut, so lockt sie die tief im Iren wurzelnde Liebe zur alten Heimat wohl wieder einmal zurück, aber sie können den Hochmut der Priester nicht mehr ertragen, das graue Elend des Volkes raubt ihnen den Schlaf der Nächte, und sie sind froh, wenn sie den Staub des unglücklichen Landes für immer von ihren Füßen schütteln können. – In solchen trübseligen Klängen bewegen sich die dreizehn Novellen George Moores. Die Tendenz hat sie geboren, der Dichter will auf den Zinnen der Partei stehen; aber die Partei ist die Menschlichkeit, die wider Roms Stachel löckt. Ein Katholik erklärt seiner Religion den Krieg bis aufs Messer. Der heilige Ernst, der den Dichter Moore befeuert, hat seiner Kunst wenig geschadet. Wundervoll hat er in einigen Stücken das irische Gefühlskolorit getroffen. Heimatpoesie, frei von aller Krähwinkelei, blitzt durch das Gewölk. Auch der geographische Charakter ist mit sicherer Hand wiedergegeben. Die einzelne Geschichte, aus dem Ganzen losgelöst, mutet wie ein melancholisches Leitmotiv an, wie die im Buch mitgeteilte nationale Hirtenweise, die ähnlich im Tristan erklingt. Erst in ihrer Gesamtheit, in ihrer zyklischen Rundung schließen sich die Novellen zu einer irischen Sinfonie zusammen, der ein Element allerdings ganz mangelt: der Humor. Neben den grotesk-komischen Iren, als deren gewitzter Fürsprecher zur Zeit George Bernard Shaw erscheint, muß es auch schwerblütigere, schwermütige geben, die von William Butler Yeats, dem Lyriker, und George Moore, dem Epiker, ehrenvoll vertreten werden. ●●●●● Und nun ein beträchtlicher Absturz in die Tiefe – zu den blumigen Auen der Unterhaltungsliteratur. Tauchnitz versorgt uns hier mit generöser Reichhaltigkeit. Offenbar genügte sie den weitgehenden Forderungen der bücherverschlingenden Gemeinde noch nicht; oder aus irgendeinem andern Grund veröffentlicht der Londoner Verleger T. Fisher Unwin seit mehreren Monaten federleichte, dunkelgraue Bände. Sie schmutzen nicht; sie vermehren das Koffergewicht kaum; sie können überhaupt nicht warm genug empfohlen werden, wenn man fünf Stunden im staubigen Eisenbahncoupé sitzt oder Kopfschmerzen hat oder sonst unpäßlich ist oder schonungsbedürftig. Gegen diese freundlichen Spenden ist nicht das mindeste einzuwenden – vor allem nicht von kritischer Warte –, sofern der Herausgeber sich etwa nicht schmeichelt, Unwin’s Library sei dazu angetan, den in manchen Kreisen verdächtigten Leumund der englischen Belletristik zu bessern. Auch wird man vom Referenten nicht verlangen dürfen (trotz Grillparzers Ausspruch vom Straußenmagen der Literaten [Studien zur Literatur, Teil 7: ‚Studien zur englischen Literatur’, Kap. ‚Shakespeare’], daß er mehr als ein gewisses Quantum dieser Mixtur verträgt. ●●● Immerhin, nicht reizlos ist der irischen Pfarrerstochter Rosamond Langbridge [geb. 1880] kecker Erstling: The Flame and the Flood (‚Flamme und Glut’, nach einem Gedicht von Yeats [‚To his Heart, bidding it have no Fear’]). Der Titel versteht sich von selbst: die Flamme ist die Leidenschaft, die Flut die Vernunft. Der Inhalt fast noch mehr. Ein Mädchen liebt einen Künstler, der ist einer Andern vermählt; das Mädchen nimmt aus Ärger den ersten besten Mann. Der erste ist er wohl, denn er wohnt nebenan, der beste auch, denn er trägt sie auf Händen, aber er ist ihr nicht in den Weg gelaufen, sintemal er blind ist. Nach zwei Jahren kehrt der angeschmachtete Klaviervirtuose zurück. Er ist Witwer, sie Mutter geworden. Und nun bricht ihr nicht das Herz entzwei, sondern sie weist pflichttreu den stürmisch Begehrenden ab. Erträglich wird diese frisch angelesene, aber keineswegs immer frisch zu lesende uralte Geschichte durch den irischen Humor, der stellenweise mit seiner ganzen Wetterwendischkeit hervorbricht. Man erschöpft das Buch durch die Charakteristik, die es von Grieg’scher Musik gibt: ‚Seltsam – beinahe bis zur Ärgerlichkeit; voll kleiner Spitzen, Sprünge, Überraschungen; voll ruchloser kleiner Unheimlichkeiten; voll Flecken unwiderstehlicher Launen und Stimmung, aber alles in allem sonnig; ohne gleichen absonderlich – voll eigenartigem Humor – mit kleinen Spritzern einer erlesenen Einfachheit und unerwarteten Zartheit’. Mir scheint das eher ein wohlgelungenes Selbstporträt von Rosamond Langbridge – ‚das Haar eine Phantasie, die Nase ein Scherzo, die Finger eine Tarantella’ – als eine Beschreibung Meister Griegs. [Vgl. im Hinblick auf diesen Roman MMs Besprechung im LE vom 15.08.03.] ●●● Mit einem andern Komponisten will uns E. F. Benson, der Verfasser des gleißenden Gesellschaftsbildes Dodo, in The Valkyries vertrautmachen. Uns? Das wäre abgeschmackt, denn wir kennen Richard Wagners Operntext sehr gut, aber seine des Deutschen nicht mächtigen Landsleute können diese Eselsbrücke einer prosaischen Nacherzählung wohl gebrauchen. Erwägt man, wieviel Charles und Mary Lamb durch ihre platten Inhaltsauszüge zur Popularisierung der Shakespeare’schen Dramen beigetragen haben, so braucht man Benson ob dieses Fremdenführerdienstes nicht zu schelten. Sein Roman verhält sich zur Oper wie ein Skelett zu einem blühenden Körper. Wäre der Versuch für uns nicht gar so lächerlich, man dürfte seine Geschicklichkeit rühmen. Zum Ergötzen der Leser stehe hier der Anfang von Siegmunds Liebeslied: ‚Der Mai ist erwacht und die Stürme schweigen, der Winter ist vorüber und die Herrlichkeit des Frühlings breitet sich um uns aus. Er weckt die warmen Winde, und wie er sie weckt, wehen sie ihn dahin. Hecke und Heide, Feld und Wald duften nach Blumen, und da er sich über die Welt hin bewegt, grüßt ihn Lachen allerorten.’ In Deutschland wird es Benson nicht anders ergehen! [Vgl. zu diesem Werk MMs Rezension im LE vom 01.02.04.] ●●● Bekannter und wohlgelitten bei uns ist der gescheite Unterhaltungsfabrikant Leonard Merrick, der vermöge seiner technischen Fingerfertigkeit nie einen Stoff verdirbt und stets amüsant darauflosplaudert. Seine Vorzüge bewähren sich wieder in der halb sentimentalen, halb pikanten Novelle Conrad in Quest of his Youth (Conrad auf der Suche nach seiner Jugend). Die poetische Grundidee, einen Mann, dem schon die Silberfäden an den Schläfen blinken, der Kindheit friedlich schönen Traum noch einmal träumen zu lassen, hat etwas märchenhaft Anmutiges und erheischte durchaus einen naiven Ton oder lyrische Schwärmerei, wie sie in den Stimmen aller Völker im Liede begegnet. Hier wird sie am Beispiel Conrad Warreners, der aus Laune ein Vierteljahrhundert überspringen möchte, so behandelt, daß man sich des treffenden Ausdrucks Erinnerungseselei von Clemens Brentano bewußt wird [Referenz nicht ermittelt], will sagen: man merkt, wie läppisch die Sache in real-nüchterner Darstellung werden kann. Conrad möchte also wieder neunzehn Jahre alt sein. ‚Wir werden nicht sogleich inne, daß unsere Jugend von uns geht; heimlich schwindet sie dahin, wie unser Haar.’ Und nun experimentiert er wie ein echter Fanatiker der Idee. Er sucht die Stätten auf, wo er einst glücklich war, Paris mit seinem ewig jungen Quartier latin, ein englisches Seebad, das ihm ein Stück Kindheit umschließt; aber überall grinst ihn Enttäuschung an, starrt ihm die Veränderung entgegen. Wie die Örtlichkeiten haben die Menschen ein andres Gesicht bekommen: aus dem kleinen Mädchen, mit dem er im Sand gespielt, ist eine sehr uninteressante, patzige Bürgersfrau geworden. Das leitet zu der zweiten Episode über. Conrad findet seine Jugendgeliebte wieder, noch immer strahlend, noch immer begehrenswert (englische Damen konservieren sich eben erstaunlich geschickt). Damals war sie nachts an das Bett des liebeskranken Jünglings geeilt und hatte tränenreichen Abschied von ihm genommen. Jetzt scheint sich die Szene mutatis mutandis zu wiederholen. Doch Merrick besinnt sich im rechten Augenblick, daß er das der tugendhaften Leserin nicht ungestraft bieten darf, und – läßt seinen Conrad auf dem Posten einschlafen. ‚Träumer! Lebwohl’ schreibt sie auf das Titelblatt des Marquis von Priola [von Henri Lavedan (1902)] und huscht hinaus. So alt ist der arme Conrad schon geworden: erst siebenunddreißig und kann nicht einmal mehr eine halbe Stunde warten. Aber mit diesem niederschmetternden Eindruck sollen wir nicht entlassen werden. Merrick hat überdies sein Steckenpferd, Beschreibung der Kulissenwelt, noch nicht geritten. Es folgt daher ein dritter Abschnitt, der eine Schmierentruppe vorführt und Conrad rehabilitiert. Er verliebt sich, und seiner Weisheit letzter Schluß heißt: ein Mann ist jung, so oft ihn die Liebe packt. Nur hätte er, um zu diesem Treppenwitz vorzudringen, nicht eines solchen Aufwands bedurft. [Vgl. zu diesem Roman MMs Besprechung im LE vom 01.02.04.] ●●● Was Rampen und Soffiten für Leonard Merrick sind, waren Kabale und Liebe für den kürzlich [am 19.11.1903] verstorbenen Henry Seton Merriman (Pseudonym für Hugh Stowell Scott), einen ansprechenden, weil im Grunde anspruchslosen Schriftsteller. Seine letzte Geschichte Barlasch of the Guard (Barlasch von der Garde) dürfte wie seine früheren Glück bei Frauen haben. Sie unterhält, ja mehr noch: sie hält fest. Durch die gangbare Mischung von Intrigue und Liebe, die sich dazu noch von einem politisch bedeutsamen Hintergrund abhebt. Deutsche Leser werden außerdem angenehm überrascht sein, wie gut der Engländer in den preußischen Hafen- und Grenzstädten Bescheid weiß. Und das Herz jedes Patrioten muß höher schlagen, wenn er vernimmt, daß sich die Sturmgesellen des Jahres 1812 im Weißen Rößl zu versammeln pflegten. Auch der folgende Satz wird bei uns unbedingte Zustimmung finden: ‚Vor hundert Jahren fochten berühmte Generale weit mehr und redeten weit weniger als heutzutage … Ein erfolgreicher Krieger, der – tant bien que mal – einen unwichtigen Feldzug oder einen unwichtigen Teil eines Feldzuges beendet hatte, war nicht gezwungen, für den Rest seines Lebens bescheidene Reden über sich selbst zu halten.’ – Merriman führt uns in die Häuslichkeit eines Danzigers, dessen jüngere Tochter gerade mit einem französischen Infanterieoffizier in der Marienkirche getraut worden ist. Als der Hochzeitszug über den Platz schreitet, fährt der kaiserliche Wagen vorbei, und die Neuvermählte glaubt deutlich zu erkennen, wie sich Napoleons Augen auf ihren Erwählten heften. Während des Mahles wird in ihrem Haus Papa Barlasch, ein Gardesergeant, einquartiert, der junge Ehemann – o Ahnungen! – plötzlich abberufen. Auf der Straße trifft er, damit alle Personen gleich schön beisammen sind, seinen Vetter, einen englischen Matrosen, den er voller Freude ins Haus seines Schwiegervaters geleitet, um selbst auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Hinterher entpuppt er sich als Spion im Dienste Napoleons, der in dem alten Danziger das Haupt des Tugendbunds vermutet und es deshalb auf seinen Kopf abgesehen hat. Alle Anschläge aber werden durch die hündisch treue Wachsamkeit Papa Barlaschs vereitelt. Die Intelligenz des Herzens siegt über die Ränke des Verstands. Hat Napoleon unsichtbar die Fäden des Geschicks in der Hand, so ist Barlasch der sichtbare miles ex machina. Auf dem jammerbaren Rückzug aus Rußland kommt der Geheimagent um. Der Vetter, der ihn trotz des eisigen Winters Monate lang sucht, darf zuguterletzt die harrende Braut, eine jungfräuliche Witwe wie Hebbels Judith, heimführen. Barlasch krönt sein Heldenwerk damit, daß er die Liebenden im feindlichen Kugelregen einander in die Arme treibt und stirbt, von einem Russen in die Brust geschossen, pünktlich im Zenith seines Ruhms ‚als Soldat und brav’ [Faust, 3775]. – Die Figur dieses militärischen Faktotums ist nicht übel gezeichnet, oder richtiger: ist mit so viel Bonhomie ausgestattet, daß es allen Leserinnen um den armen Kerl leid tun wird. Vielleicht ist er insofern ein Abbild seines Schöpfers, als auch sein Lebenswerk abgeschlossen war. Die Operation, der er erlag, hat es gnädig mit ihm gemeint, indem sie ihn davor bewahrte, sich selbst beständig zu wiederholen. Das ist ja das Kainsmal der meisten Romanschreiber in England (und nicht nur in England), daß sie von einem Erfolg so lange zehren, bis Kapital und Zinsen aufgebraucht sind. Auch Henry Seton Merriman lief Gefahr, das Kapital angreifen zu müssen. [Vgl. auch zu diesem Roman MMs Besprechung im LE vom 01.02.04.]“

Thomas Hardys Napoleon-Panorama. VZ, 9. April 1904, 3. Beilage, Nr. 165.
Thomas Hardy, The Dynasts (Teil I). – „Wenn plötzlich eine Oper von Johannes Brahms oder ein Drama von Gottfried Keller auftauchte, könnte man in Deutschland nicht mehr erstaunt sein, als man es unlängst in England war, da bekannt wurde, Thomas Hardy habe eine Napoleon-Trilogie verfaßt. Inzwischen ist der erste Teil (bei Macmillan in London) erschienen, und das Erstaunen ist womöglich noch gewachsen. Schon das Titelblatt genügt, um es zu rechtfertigen: The Dynasts – ein Drama aus den Napoleonischen Kriegen, in drei Teilen, neunzehn Akten und hundertdreißig Szenen. Ein gelindes Grauen erfaßt den Kritiker; er denkt gewisser dramatischer Monstrositäten von Robert Browning oder Swinburne und schüttelt das Haupt. Wenn sich diese Engländer im Übermaß unverbrauchter Kräfte auf die Bühne stürzen, entstehen Kolosse, die dem berühmten von Rhodos nichts nachgeben zu wollen scheinen. – Allerdings, diese hundertdreißig Szenen verteilen sich auf drei Machnow-Dramen [sic], und auf das erste mit seinen sechs Akten entfallen nur – es klingt wie Hohn, dieses ‚nur’! – fünfunddreißig Bilder. Das sind sechzehn weniger, als die Originalausgabe Gottfriedens von Berlichingen aufweist, und just zehn Verwandlungen mehr, als Grabbe für die hundert Tage seiner ungeschlachten Napoleon-Tragödie benötigte. Allein dieser kleinen Freude wird sofort wieder ein Dämpfer aufgesetzt, wenn wir das Personenverzeichnis mustern. Darin werden achtundsechzig redende Figuren aufgeführt und etwa drei Dutzend stumme namhaft gemacht, abgesehen von den Statistenmassen der Soldaten, Matrosen, Bürger, Parlamentarier, Priester, Boten und Diener. Alles in allem darf man die Zahl der Mitwirkenden auf fünfhundert veranschlagen. Und auch damit noch nicht genug: dem Aufgebot der menschlichen Bataillone von Fleisch und Blut gesellen sich mehrere Geisterchöre, aus denen wieder eine Reihe ‚schemenhafter Intelligenzen’ handelnd hervortritt: der alte Geist der Jahre, der Geist des Mitleids, Geister des Unheils und des Spotts, der Geist des Gerüchts, der Schatten der Erde. Dementsprechend wird der ganze Kreis der Schöpfung ausgeschritten, der Erdball umspannt. So trägt uns schon der erste Akt im Flug von einer Bergkuppe in Wessex nach Paris ins Flottenministerium, von da nach London ins Haus der Gemeinen [House of Commons], von da in den Hafen von Boulogne, von da zurück nach London in die Wohnung einer adligen Dame und endlich in den Dom nach Mailand, wo sich der Eroberer die alte lombardische Königskrone aufsetzt. Jedem Regisseur muß das Herz im Leibe lachen, wenn er sich einer solchen Riesenaufgabe gegenübergestellt sieht. ● Im Ernst – Thomas Hardy hat natürlich von dem Bretterschaugerüst der modernen Bühne vollständig abstrahiert, da er den unermeßlichen Canevas dieses Marionettentheaters ausbreitete. – Mit den statistischen Angaben ist der Kuriositätenreiz des Werkes schlechterdings erschöpft. Der Dichter hat sich mit der Rolle des Erklärers dieser Guckkastenbilder begnügt. Der menschliche Wille ist weit mehr als im antiken Drama ausgeschaltet; die Herrscher und ihre Minister, die trotz Vorsehung über Wohl und Wehe ungezählter Existenzen entscheiden, sind lediglich als Puppen am Drahte der höheren Mächte gedacht. Selbst Napoleon mußte auf diese Weise zu einem Zwerg zusammenschrumpfen. Das Verfahren wirkt um so absurder, als es sich nicht um irgendwelche phantastische Gestalten handelt, sondern um historische Größen, mit denen die Nachwelt noch engste Fühlung bewahrt. Sie werden gleichsam in die vierte Dimension entrückt. – Auch die Begebenheiten gleiten wie Traumbilder vorüber. Zwei Szenen heben sich vielleicht ein wenig von dem Basrelief ab: die Parlamentssitzung, in der England den Krieg gegen das korsische Ungeheuer beschließt, und Nelsons Tod in der Schlacht von Trafalgar. Erstere gab dem Dichter Gelegenheit, die heimischen Staatsmänner vom Range eines Pitt, Fox, Sheridan als Sprecher anzuführen; letztere dient der Verherrlichung des großen Admirals, der seinen Sieg mit dem Tode bezahlen mußte. Hier wird sogar nicht mit menschlichen Zügen gekargt, und wenn der Sterbende seinem getreuen Hardy – meines Wissens einem Vorfahren des Dichters – die Geliebte empfiehlt, so läßt sich ihm eine gewisse Teilnahme nicht versagen. Aber das sind die Ausnahmen. Alles andere ist nicht dramatisch, sondern panoramatisch dargestellt. Man sitzt vor seinen Gläsern, schaut ein Bild an – ein Glockenzeichen ertönt, und das nächste fällt herab. Die Erläuterungen dazu werden nicht von dem Guckkastenmann gegeben wie in der Jahrmarktsbude, sondern leider von einem Poeten. Das hindert uns jedoch nicht, den Aufwand, der hier schnöd vertan wird, bitter zu beklagen und dem irre geleiteten Geist unser Mitleid zu schenken. – Was für traurige Erfahrungen müssen Thomas Hardys Lebensabend getrübt haben! Er hat das seelische Gleichgewicht völlig verloren. Sein Alter ist freud- und friedenlos geworden. Es heißt, die Aufnahme, die sein letzter vor neun Jahren erschienener Roman Jude the Obscure in England fand, habe ihn so verstimmt; er soll geschworen haben, keinen Roman mehr bei Lebzeiten zu veröffentlichen. Uns erinnert ein solcher Verzicht, fürderhin dem Publikum Perlen vorzuwerfen, an Grillparzers unwiderruflichen Entschluß, kein Drama mehr auf die Bühne zu bringen, nachdem Weh’ dem, der lügt so schmählich ausgelacht worden war. Und Hardy scheint wahrhaftig ebenso Ernst zu machen. Ein Jahrzehnt ist nun bald verflossen, ohne daß er sich anders besonnen hätte. Wohl hat er inzwischen seine Gedichte herausgegeben (Poems of the Past and the Present [1902]), aber der Erfolg war gering, was uns bei der Abneigung seiner Zeitgenossen gegen lyrische Erzeugnisse nicht weiter verwundert. Sie bestätigten aufs neue, daß der beste Schilderer von Land und Leuten in Wessex, der noch heute viel populärer im Inselreich ist als George Meredith, den heiteren Grundton seiner Idyllen eingebüßt und sich einem grämlichen Pessimismus ergeben hat. Die eigene Verbitterung hat ihm die Augen geöffnet für der Menschheit ganzen Jammer und der Grausamkeit der Natur, gegen die er sein leidenschaftliches J’accuse schleudert. In der Heimat des unerschütterlichen Optimismus fielen solche Ergüsse auf steinigen Boden. – Und nun diese unglaubliche Napoleon-Trilogie, die auch Hardys blindeste Verehrer enttäuscht haben muß! Die Saiten seiner Leier sind gesprungen; zusammenleimen lassen sie sich nicht, und um neue aufzuziehen, dazu ist der vierundsechzigährige Mann zu alt. Es bleibt nur die Hoffnung, daß er wie Grillparzer seine Meisterwerke im Pult verschließt, um die Nachwelt zu überraschen.“ – Vgl. die Rezension im LE vom 01.01.05.

Byrons Tagebücher und Briefe. LE, Bd. 6, Nr. 14 (15. April 1904), 1027.
Eine Auswahl aus Byrons Tagebüchern und Briefen, 4. Auflage, neu herausgegeben von Eduard Engel (Renaissance-Bibliothek, Nr. 1). – „,Der weitbekannte, geistvolle Berliner Schriftsteller Eduard Engel [1851-1938], einer der vornehmsten Publizisten Deutschlands’, wie der Verleger in wenig geschmackvoller Weise auf dem Deckel des Buches den Verfasser auspreist, hat seinen früher [1876] Autobiographie genannten Auszug aus Lord Byrons Tagebüchern und Briefen, etwa um das Doppelte vermehrt, in neuer Gestalt und mit neuer Aufschrift herausgegeben. Wieso der für klassizistische Dichtung schwärmende modernste Geist der englischen Poesie in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zu der Ehre kommt, eine ‚Renaissance-Bibliothek’ zu eröffnen, ist mir, offen gesagt, schleierhaft geblieben; ich vermute aber, das Kind sollte einen volltönenden Namen haben – was verschlägt es da, ob er stimmt! – In diesen mit guter Witterung für das, was noch heute mehr als rein literarhistorischen Wert besitzt, ausgewählten Blättern offenbart sich eine glänzende, eigenwillige, selbstherrliche Natur, ein singulärer Mensch, auch in der Pflege des eigenen Genies, dem immer noch kein ebenbürtiger Nachzeichner erstanden ist. Eduard Engel hat die neue englische Ausgabe [1898 ff.], die so viel bedeutsames Material zu Tage gefördert hat, verständig für sein Quodlibet benutzt. Auf die Form ist ersichtlich viel Sorgfalt verwandt: sie genügt den höchsten Anforderungen, wenn man von wenigen etwas saloppen Ausdrücken und dem hartnäckig wiederkehrenden Wort ‚mehre’ (plusieurs) absieht. Knappe Anmerkungen am Schluß klären den Außenseiter rasch auf. Schade, daß das bequeme Inhaltsverzeichnis unter den Tisch gefallen ist.“

Naturalism in the recent German drama with special reference to Gerhart Hauptmann. LE, Bd. 6, Nr. 14 (15. April 1904), 1027-1028.
Alfred Stoeckius (geb. 1875), phil. Diss. Columbia University, New York, 1903. – „Ich will ein paar [von MM ins Deutsche übersetzte] Illustrationsproben aus dieser Dissertation der Columbia University, New York geben: ‚Ibsens Drama besteht, wie das Hauptmanns, vornehmlich aus Dialog’ (S. 22) – sollte es etwa aus Cake-walk und Nigger-songs bestehen? ‚Wir erfreuen uns vieler Dramen, die keine interessante Fabel, keine Entwicklung und Handlung haben, besonders derer von Goethe’ (S. 28). ‚Wir finden in seinen (Hauptmanns) Dramen gar keine Charakteristik vom psychologischen Standpunkt’ (S. 28). ‚Wir haben gesehen, daß Hauptmann keine individuellen Menschen zeichnen, aber daß er Klassentypen hervorbringen kann’ (S. 36). ‚Hauptmann hat keine besondere Befähigung für das Drama, wie z. B. Schiller oder Sudermann’ (S. 41). ‚Die Leute werden nicht imstande sein, den besonderen Wert in dem Werk eines Naturalisten zu erkennen und zu würdigen, am allerwenigsten werden sie dazu im Theater imstande sein, wo sie starke Gemütsbewegungen und mächtige Effekte erwarten’ (S. 41) – o Amerika, o David Belasco [Autor des Stückes, das Puccini zu seiner Oper Madame Butterfly (Febr. 1904) inspirierte]! ‚Hauptmanns Dramen haben im ganzen keinen wirklichen Bühnenerfolg gehabt. Dies ist nur natürlich. Man kann unmöglich vom Schauspieler verlangen, daß er Gefühle und Leidenschaften veranschauliche, die er nicht fühlt … Es gibt keine Möglichkeit, im naturalistischen Drama ein großer Schauspieler zu werden’ (S. 42) – o Rittner, o Else Lehmann! – Der Verfasser dieser Schrift, die ihm den Doktortitel eintrug, ist 28 Jahre alt, deutscher Abkunft und vor zwölf Jahren ‚über den großen Teich’ ausgewandert. Man sieht, wie schnell ihn der amerikanische Geist untergekriegt hat. Wie er schreibt, so denkt drüben der Bildungsplebs. Er zeichnet sich nur dadurch aus, daß er nicht das Steckenpferd der gelben Presse: ‚the immorality of the drama’ reitet. Dabei hat Mr. Alfred Stoeckius zu seinen 45 Seiten 161 Bücher und Zeitschriftenaufsätze benutzt, meistens deutsche Erzeugnisse. Er verdiente, an der neugegründeten, Columbia University angegliederten Journalisten-Hochschule zum Professor der modernen deutschen Literatur ernannt zu werden.“

Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782. LE, Bd. 6, Nr. 18 (15. Juni 1904), 1309-1310.
Carl Philipp Moritz’ berühmtes Reise-Tagebuch, hrsg. von Otto zur Linde, Berlin: B. Behrs Verlag 1903. – „Man darf diesen mit deutscher Gründlichkeit besorgten Neudruck herzlich willkommen heißen; denn er bietet uns, abgesehen von dem antiquarischen Interesse, eine Reisebeschreibung, die sich dem Besten, was wir über England haben, an die Seite stellen kann. Ganz aus der Anglomanie des Sturms und Drangs geboren, verfällt sie doch nie in eine übertriebene oder gekünstelte Verherrlichung englischen Wesens. Von Kind auf war Carl Philipp Moritz dem Britentum zugetan, als Hannoveraner dem Volke vervettert, und persönliche Neigung befreundete ihn früh mit der englischen Literatur. Aber er verfiel nicht in den Fehler so manches ungebildeten Deutschen, das Fremde auf Kosten des Heimischen zu erheben; sondern überall wahrte er sich den freien Blick und die Unbefangenheit. Mit naiver Treuherzigkeit hat er seine Beobachtungen aufgezeichnet, und er verstand zu beobachten; wir können ihn durch die Gegenwart kontrollieren. London, von dem der Professor am Köllnischen Gymnasium natürlich entzückt war, hat sich dank seiner Kultur in den hundertzwanzig Jahren vielleicht weniger verändert als das amerikanische Berlin in den letzten zwanzig Jahren. Die Erfahrungen, die der Fußwanderer auf der englischen Landstraße und in unwirtlichen Gasthöfen gesammelt, haben ihm die gute Laune nicht verdorben. Dieser Teil des Buches gipfelt in einer Skizze Stratfords am Avon. ‚Hier war es, wo das größte Genie, welches vielleicht die Natur je hervorbrachte, geboren ward. Hier bildete sich seine junge Seele, auf diesen Fluren spielte er als Knabe. Und hier in diesen niedrigen Hütten brachte er vergnügt mit einigen Freunden seine letzten Tage zu, nachdem er von dem großen Schauplatze der Welt abgetreten war, dessen Elend, Laster und Torheiten er selbst so meisterhaft geschildert hatte.’ Diese kurze Probe mag den schlichten, anspruchslosen, unaufdringlichen Stil des braven Moritz charakterisieren. Wirklich, Inhalt und Form des Büchleins sind gleich erfreulich.“

Moll Flanders. Nation, Bd. 21, Nr. 38 (18. Juni 1904), 601-603.
Defoes Klassiker aus Anlaß seiner ersten Übertragung ins Deutsche. – „Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders, die, im Newgater Zuchthaus geboren, während eines unruhevollen Lebens von sechzig Jahren fünfmal verheiratet gewesen, darunter einmal mit ihrem leiblichen Bruder, dann zwölf Jahre lang Dirne zu London war, Hochstaplerin, acht Jahre lang nach Virginia zur Strafarbeit verschickt wurde und endlich dennoch reich, fromm und ehrbar starb. – So umständlich lautet der Titel einer nach den ‚eigenhändig niedergeschriebenen Memoiren’ der Heldin aufgezeichneten Geschichte von Daniel Defoe. Sie erschien 1722, drei Jahre nach dem Robinson, und ist jetzt zum erstenmal von Hedda und Arthur Moeller-Bruck ins Deutsche übertragen worden.* (* Verlag von Albert Langen, München [1903].) Kürzer, als der langatmige Titel den Inhalt des Romans zusammenrafft und die Etappen eines bewegten Lebens absteckt, läßt sich das handlungsreiche Buch nicht nacherzählen. Aus der Fülle des Stoffs seien einige Abschnitte herausgegriffen. […] – Im ganzen also, von moderner Warte betrachtet, haben wir ein durch und durch moralisch durchtränktes Erzeugnis der Fabulierkunst vor uns, typisch für den Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts. Die abgebrühte Sünderin kann nicht nachdrücklich genug versichern, was ihr genialer Schöpfer, von seinem eigenen Sohn schimpflich betrogen, am Abend seines wirrenreichen Daseins in einem herzbewegenden Brief niederschrieb: ‚auf jeden Fall möchte ich das Leben in der Gemütsstimmung beschließen: Te Deum laudamus.’ […] – Typisch ist der Roman ferner in seinem ausführlichsten und wichtigsten Teil, der die Diebesabenteuer Moll Flanders’ beschreibt. Von ferne glaubt man schon den Atavismus zu bemerken; mehrmals wird – kaum unbewußt – der Vererbungsakkord angeschlagen: die Mutter eine Diebin, die Tochter ihre würdige Nachfolgerin. Während die Mutter sich einmal zur Langfingerei verleiten läßt und dafür mit der Verbannung büßt, übt die Tochter eine ausgedehnte Praxis mit beispielloser Geschicklichkeit und unerhörtem Glück aus, so daß sie eine beneidete Berühmtheit ihres Standes wird. Auf die Dauer ermüden diese höchst verwegen ersonnenen Gaunereien freilich, so viel im einzelnen für Abwechslung gesorgt ist. […] – Dem entsprechend ist für das Persönliche kein Raum übrig. Das ist auffällig, wenn man sich erinnert, daß dem Robinson Crusoe reichlich autobiographische Elemente zugute kamen. Ein einziger Zug zu Molls Charakterbild scheint eine Zutat aus eigenem: das innige Verhältnis zu ihrem Sohn-Neffen. Im Alter zeigt die unnatürliche Mutter plötzlich eine rührende Liebe, die der Sohn treu erwidert. Eine Ahnung kommenden Unheils möchte man aus dieser Partie herauslesen: es ist bekannt, welche bittere Enttäuschung den armen Dichter treffen sollte; um aus [Hermann] Hettners wundervollem Aufsatz [Buch] zu zitieren: ‚Defoe, der durch seinen Robinson tausend und abertausend Kindern so selige Stunden bereitete, starb aus Gram über sein eigenes Kind.’ [Geschichte der englischen Literatur. Von der Wiederherstellung des Königtums bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. 1660-1770. (4. Aufl., 1881), 316.]“

Aubrey Beardsley als Schriftsteller. NR, Bd. 15, Nr. 8 (August 1904), 894-896.
Aubrey Beardsley: Under the Hill and other Essays in Prose and Verse. With Illustrations. (John Lane: London u. New York 1904). – „John Lane, der bekannte englische Verleger, der glückliche Besitzer von mehr als achtzig Blättern Aubrey Beardsleys, die man zum Teil in der letzten Schwarz-Weiß-Ausstellung der Sezession bewundern konnte [8. Ausstellung der Berliner Sezession, Winter 1903/04], gehört zu den sieben Männern, die sich darum streiten, den Ruhm des jungen Zeichners entdeckt zu haben. Er hat kürzlich die literarischen Versuche seines Günstlings in einem Sammelband herausgegeben. Dadurch bleibt ihnen das Schicksal erspart, in schwer zugänglichen, mehr oder minder vergriffenen Zeitschriften bis zum jüngsten Tag begraben zu sein. – Das Buch ist mit splendiden Freigebigkeiten des Gönners entzückend ausgestattet. Zwei noch unveröffentlichte Skizzen werden ihm in den Augen des Liebhabers einen besonderen Reiz leihen. Die eine ist das Titelbild zu Zolas Abbé Mouret und verrät in der Technik den Schüler der Präraphaeliten, die andere ein ziemlich unbedeutendes Porträt seines ersten Lehrers Fred Brown [1851-1941], der mit einem diabolischen Gesichtsausdruck, die Palette in der Hand, vor einem Schemel steht, als wolle er Zauberkunststücke zum besten geben. Der Einband in seinem etwas überladenen Goldschmuck, wie wir ihn in England seltsamerweise immer noch an der Tagesordnung finden, zeigt Aubrey Beardsleys geliebte Pfauenfedern. Dann folgt die photographische Aufnahme seines Sterbezimmers in Mentone, wo er am 16. März 1898, noch nicht sechsundzwanzig Jahre alt, der Lungenschwindsucht erlag. Wir erblicken darauf vor dem Bett mit seinem zanzariere [Mückennetz] den schmächtigen, zusammengesunkenen Jüngling, dem der Anzug lose am Leibe hängt, in die Lektüre eines Buchs vertieft. Das Gesicht ist leider nicht scharf zu erkennen; an dem verhältnismäßig kleinen Kopfe fällt die niedrige, durch das herabgekämmte Haar verdeckte Stirn auf. Bemerkenswert sind ferner die zahlreichen Bilder an der Wand, der Crucifixus auf dem Schreibtisch und eine Photographie Richard Wagners auf dem Bücherregal. – Mit Recht steht die Novelle Unter dem Hügel an erster Stelle, ein Fragment in zierlichstem und geziertestem Rokoko-Stil, mager in der Erfindung, doch von verblüffendem Reichtum im Detail. So weit die vier vollendeten Kapitel einen Schluß auf den Inhalt zulassen, scheint es sich um eine Paraphrase, vielleicht um eine Parodie der Tannhäuser-Sage zu handeln. In der menuettartig graziösen Widmungsepistel an den [fiktiven] Prinzen und Kardinal Pezzoli, unter dessen Protektion der Dichter die kleine Pinasse seines Witzes segeln läßt, wird das Thema angegeben: danach sollte eine ‚amouröse Passion’ dargestellt werden, die zu der tiefen Zerknirschung der Hauptperson führt; nebenher sollten kanonische Fragen zur Sprache kommen. Folgendes bleibt als Spalier einer von Schlingpflanzen aller Art überwucherten Handlung übrig: Der Abbé Fanfreluche gelangt zur Zeit der Dämmerung, wenn ‚die müde Erde ihren aus Nebelschatten gewebten Mantel um sich tut’, an den düstern Torweg eines geheimnisvollen Hügels, aus dessen Innern zarte Klänge zum Eintritt locken. Die Herrin dieser mysteriösen Behausung – Frau Venus, hier Helena genannt – sitzt gerade am Toilettentisch und läßt sich mit ausgesuchtem Raffinement zum Abend ankleiden. Sie ist von dem Ankömmling entzückt und lädt ihn ein, bei Tisch an ihrer Seite Platz zu nehmen. Fanfreluche vertauscht das staubige Reisekostüm mit einer sehr eleganten Tracht und fühlt sich in der neuen Umgebung offenbar wohl wie ein Pfäfflein im Wintergarten oder wie Otto Erichs gastfreier Pastor im vermeintlichen Damenstift [Anspielung an die Humoreske Vom gastfreien Pastor (1895) von Otto Erich Hartleben (1864-1905)]. Von exquisiten Leckerbissen, die fast zu gut sind, um gegessen zu werden, und seltenen, in Schnee gekühlten Weinen befeuert, die fast zu schön aussehen, um getrunken zu werden, gerät die Gesellschaft [all]mählich in einen dionysischen Taumel, der sich bis zu bedenklichen lasziven Ausbrüchen steigert. Am nächsten Morgen erwacht der Abbé in einem himmlischen Federbett und kostet die Reize des neuen Schlafzimmers feinschmeckerisch aus. Nachdem er die Wohltat des Bades mit allen Schikanen genossen und sich stutzerhaft hergerichtet, eilt er in den Garten, um Helena zu begrüßen. Sie ist gerade dabei, ihr possierliches Lieblingseinhorn Adolphe zu füttern. Adolphe schnaubte … – Damit bricht der pretiöse Torso ab. Der winzige Kern ist nur Vorwand, um ihn in einen Julklapp duftiger, parfümierter, exotischer Schalen zu hüllen. Zumal das vierte Kapitel, das aus mehr Anmerkungen als Text besteht, ist ein großes Potpourri aller Kulturen, ein Meißener Tafelaufsatz mit allen möglichen Lesefrüchten. Malerei, Dichtung, Musik, Religion und Mystik, Kunst und Natur wirbeln in diesem Kaleidoskop durcheinander. Ein wahrer Hexensabbat von Eindrücken tummelt sich hier. Bald sind sie zu holdem Reigen geschlungen, bald flattern sie wirr dahin. Noch persönlicher spricht Beardsley aus den bizarren Nebenfiguren, die der Werkstatt des Zeichners entsprungen zu sein scheinen, und aus einigen Bekenntnissen, wie etwa dem folgenden: ‚Es ist tausendmal zu bedauern, daß Konzerte entweder nur nachmittags stattfinden, wo man träge, oder abends, wo man nervös ist. Man sollte gute Musik wie die Messe anhören – noch vor Mittag, wenn Herz und Hirn durch die weltlichen Einflüsse des zunehmenden Tags noch nicht gar zu sehr befangen und abgespannt sind.’ Seine katholische Inbrunst entlädt sich in dem Preis der peruanischen Jungfrau Santa Rosa, an der er eine Katharina Emmerich – [die westfälische Nonne (gest. 1824), berühmt geworden durch Clemens Brentanos Aufzeichnungen Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich (1833)] – gefunden haben könnte. Ganz echt, ohne allen modischen Firnis mutet ja überhaupt bei diesem ‚Schreiber und Zeichner weltlicher Dinge’, wie er sich hübsch im Geleitwort seiner phantastischen Spende unterzeichnet, die religiöse Schwärmerei an. Als schriftstellerische Leistung ist der Widmungsbrief wohl am höchsten zu bewerten: die Wahl der Worte, die Stellung der Sätze bekundet feinstes Anempfindungsvermögen. Sonst hat der novellistische Versuch am meisten von dem befreundeten Dichter des Dorian Gray gelernt: von keinem anderen stammt das trunkene Schwelgen in Schönheitskatalogen, die eine verwirrende Fülle von Farben, Blumen, Stoffen, Edelsteinen, Kostbarkeiten jeglicher Art und jeglicher Zeit verschwenderisch ausgießen; mit ihm wetteifert Aubrey Beardsley in neronischen Orgien der Phantasie. Er verfügt über eine Floretteleganz und Pastellanmut der Feder, wie sie von englischen Malern nur noch Whistler zu Gebote stand, dem Verfasser der geharnischten Gentle Art of Making Enemies. – Es folgen zwei Gedichte im unverfälschten Stil des Hotel Rambouillet, wie sie Otto Julius [Otto Julius Bierbaum (1865-1910)] in glücklichen Stunden nachempfindet: Die drei Musikanten und die Ballade eines Friseurs, der am Galgen baumeln muß, weil er das dreizehnjährige Prinzeßchen ungeschickt gekämmt hat. Darauf die Übertragung einer Nänie des Catull. Weiterhin disiecta membra aus des Künstlers Tischgesprächen. Einige Proben: George Sand u. a.: Die Musen sind eben doch nur Frauenzimmer, und man muß ein Mann sein, um sie gehörig zu besitzen. – Mendelssohn: Er hat nicht die Gabe des strengen Aufbaus, bloß ein Gefühl für den Zusammenhang der Teile. – Turner: Er ist nur ein Rhetoriker des Pinsels. – Die englische Literatur: Was für eine Stubenhockerin ist doch die englische Literatur! Es wäre Kinderspiel, fünfzig kleinere französische Schriftsteller herzuzählen, deren Namen und Werke in der ganzen Welt bekannt sind; dagegen dürfte es schwer fallen, von unsern größten aufzuführen, deren Schriften außerhalb Englands irgendwie gelesen würden. – Das sind ziemlich anspruchsvolle Titbits, die John Lanes Behauptung, Aubrey Beardsley sei der größte, geistreichste, witzigste und liebenswürdigste Mensch gewesen, den er kennen gelernt habe, nicht ganz rechtfertigen. – In höherem Maße treten diese Eigenschaften in den beiden Briefen zutage, die den Beschluß des Bandes bilden. Der eine davon lautet: ‚An den Herausgeber des Pall Mall Budget. Gegen mein Titelblatt zum Yellow Book sind sowohl in der Presse wie von Privatpersonen so viele Einwände erhoben worden, daß ich mich veranlaßt sehe, Ihren kostbaren Raum in Anspruch zu nehmen, um denen eine Aufklärung zu geben, die mein Bild unverständlich finden. Es stellt eine Dame dar, die auf offnem Felde Klavier spielt. Unverzeihlich affektiert! schreien die Kritiker. Aber hören wir, was Bouvet sagt: „Christoph Willibald Ritter von Gluck pflegte, um sich anzuregen und seine Phantasie nach Aulis oder Sparta zu versetzen, sich mitten ins Feld zu stellen. Sein Klavier hatte er vor sich, auf jeder Seite eine Flasche Champagner. In diesem Zustand schrieb er in der freien Luft seine beiden Iphigenien, seinen Orpheus und einige andere Werke.“ Ich zittre bei dem Gedanken, was die Kritiker sagen würden, hätte ich die beiden Flaschen Champagner angebracht. Und doch nennen wir Gluck keinen Dekadenten.’ [‚Bouvet’ ist eine fehlerhafte Wiedergabe von Beardsleys ‚Bomvet’. Aber auch Beardsleys Schreibweise ist nicht korrekt: der von ihm zitierte Autor schrieb sich (Louis-Alexandre-César) ‚Bombet’ und war ein erstes Pseudonym von Henri Beyle, heute besser bekannt unter seinem späteren Pseudonym Stendhal. Die Gluck-Anekdote findet sich im ‚Fünfzehnten Brief’ von ‚Bombet’s Haydn-Biographie: Lettres écrites de Vienne en Autriche, sur le célèbre compositeur Jh. Haydn (Erstveröffentlichung 1814, englische Übersetzung 1817). Das muß nicht heißen, daß Beardsley die Kenntnis der Anekdote diesem Werk verdankt: wahrscheinlicher erscheint mir, daß er aus zweiter Hand zitiert, und zwar aus C. E. Bournes Bestseller The Great Composers: Stories of the Lives of Eminent Musicians (1. Aufl. 1884; 2. Aufl. 1887; 3. Aufl. 1889; 4. Aufl. 1891; … 11. Aufl. 1912 [S. 73 f.]). Im übrigen sei noch angemerkt, daß ‚Bombet’s Haydn-Biographie bei seinem Erscheinen sogleich als Plagiat von Giuseppe Carpanis Le Haydine overo lettere su la vita e le opere del celebre maestro Giuseppe Haydn (1812) entlarvt wurde. (Hinsichtlich der Gluck-Anekdote siehe Carpanis ‚Dreizehnten Brief’.)] – Es war Aubrey Beardsleys Ehrgeiz, sich auch auf schriftstellerischem Gebiet hervorzutun. Aber trotz entschiedener Begabung, die jeder Federstrich von ihm verriet, will es mich bedünken, als ob diese Leistungen keinen selbständigen Wert zu behaupten vermögen, sondern nur durch seine singuläre Persönlichkeit Relief gewinnen. Sie sind ein schätzbarer Beleg für seine eminente Anpassungsfähigkeit. Vielleicht offenbart sich in seinen Briefen, die wir demnächst zu erwarten haben, eine eigne Schreibmelodie. Einstweilen geht es uns noch wie Frederick Leighton, der beim Anblick seiner Entwürfe zum Yellow Book ausrief: ‚Was für eine wundervolle Linie! Was für ein großer Künstler!’ und dann sotto voce hinzufügte: ‚Wenn er nur zeichnen könnte!’ – Wenn er nur schreiben könnte!“

Briefe an Papa. Diese Briefe schrieb Pierrepont Graham, der Sohn des Dollarkönigs John Graham, an seinen Vater, den Chef der Schweinefleisch-Versand-Großhandlung Graham & Co. in Chicago. LE, Bd. 6, Nr. 22 (15. August 1904), 1604-1605.
Charles Eustace Merriman (Pseud.), Letters from a Son to his self-made Father (1903) in autorisierter deutscher Übersetzung von Alfred Brieger. Berlin: Egon Fleischel 1904. – „Von Hebbel stammt das wahre Wort, man könne so wenig da zu dichten fortfahren, wo ein anderer aufgehört habe, wie man da weiter lieben könne, wo ein anderer aufgehört habe. [Das ‚wahre Wort’ stammt aus der Zeit von Hebbels Überarbeitung von Schillers Demetrius-Fragment, wie Felix Bamberg in seinem Hebbel-Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie, Bd. 11 (1880), S. 184, berichtet.] Trotzdem sind neuerdings Fortdichtungen anderer im Schwange. An Englishwoman’s Love-Letters [von MM 1901 mehrfach rezensiert] z. B. haben etwa ein halbes Dutzend Federn zu Fortdichtungen gereizt. [T.W.H. Crosland, The Missing Answers to “An Englishwoman’s Love-Letters“ (1901); Barry Pain, Another Englishwoman’s Love-Letters (1901); Laurence Housman, The Lover’s Replies to “An Englishwoman’s Love-Letters“ (1901); Fox Russell, A Sportswoman’s Love-Letters (1901/02); Arthur Eliot, Blighted Billets-Doux (1902)]. Gerade bei Briefwechseln, deren Wesen in der Reziprozität besteht, ist es sehr bequem, nach dem Schreiber den Empfänger zu Worte kommen zu lassen. So sind auch diese Briefe an Papa, wie die von Charles Eustace Merriman verfaßten Letters from a Son to his self-made Father mit glücklicher Prägnanz im Deutschen heißen, bloß die Antworten auf George Horace Lorimers Letters from a self-made Merchant to his Son, die mit weniger glücklicher Prägnanz Briefe eines Dollarkönigs an seinen Sohn getauft worden sind und auch in Deutschland ihr Publikum gefunden haben. [Vgl. MM’s Rezension in der NZZ vom 08.12.03.] Darin hatte der Fleisch gewordene, der Schweinefleisch gewordene common sense gesprochen (wofür man gemeinhin gesunder Menschenverstand sagt, obwohl man öfter gemeiner Menschenverstand dafür sagen sollte). Schweinepapa Polonius hatte darin das echt yankeehafte Evangelium rücksichtsloser Smartheit gepredigt und seine Krämerseele in ihrer Gerissenheit Immergrün enthüllt. Ein Weltanschauungs-Schweinefleischextrakt wurde geboten, oder wie es ein Freund Pierreponts ausdrückt: die Briefe waren für einen Schweinehändler zu philosophisch und für einen Philosophen zu schmalzig [S. 97]. Immerhin, es war ein Kern vorhanden. – Nun, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Das Söhnchen macht dem Alten alle Ehre; man darf sogar mit dem galligen [Prokuristen] Milligan behaupten, er sei ein unverschämter Bengel und der ganze Abklatsch des Vaters [S. 78]. Diese Unverschämtheit ist die key-note, der Grundton in den Briefen an seinen Erzeuger; man würde sie vielleicht noch richtiger, wollte sich Berlin dieses Vorrechts begeben, als amerikanische Schnoddrigkeit bezeichnen. Als eine Schnoddrigkeit, die zuweilen an Flegelei grenzt, etwa wenn er meint, es gäbe an der Universität Kerls, die noch viel größere Hanswürste zum – haben als er selbst [S. 19]. Jeder glückliche Besitzer eines Sohnes wird sich infolge dieser und ähnlicher Aussprüche zu der Weisheit aufschwingen, so schreibe kein Sohn an seinen Papa. Aber das ist völlig belanglos: das Ganze will eben als ein recht dreister Witz aufgefaßt werden, als eine Verhohnepiepelung (man wird von dem Ton angesteckt!) der moralschmalzigen Art des Vaters. Mir erschien das Original keinen Augenblick als dem Boden der Wirklichkeit entsprungen; ich sehe daher nicht ein, warum man dieser Parodie mit kleinlichem Wahrscheinlichkeitsmaßstab kommen soll. Der Alte dünkt sich einen Ausbund von Gescheitheit, einen Neunmalweisen, der das Gras wachsen hört, lediglich weil er Geld wie Heu gemacht hat, und muß es nun erleben, wie er von seinem eigenen Fleisch und Blut nach allen Regeln der Kunst geprellt wird. Graham junior lacht sich allemal ins Fäustchen. Die Jugend triumphiert, und das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern eine künstlerische Wahrheit, vor der äußere Wahrscheinlichkeitsbilanzen verbleichen. Im übrigen verspricht Jung-Pierrepont, nicht aus der Art zu schlagen, er wird das Haus Graham mit Ruhm und Nachkommenschaft versorgen. ● Auch in dem Stil der Briefe wird die Verwandtschaft fein durchgeführt. Der Vater besticht vom Gipfel seiner Erfahrung herab durch Epigramme, der Sohn kramt in den Niederungen seines Commisvoyageurtums eine Musterkarte von Anekdoten aus. Geradezu glänzend ist die folgende, die von einem gewissen Job Withers berichtet wird, der die Gewohnheit hatte, jeden Mitreisenden zu fragen, in welcher Branche er mache. ‚Eines Tages saß er also in einem Zuge neben einem imposant aussehenden Herrn, der, wie er nachher erfuhr, ein Professor an der Chicagoer Universität ist. Job versuchte eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, fand aber nur wenig Entgegenkommen. „Schönes Wetter?“ warf er hin. „O ja,“ sagte der Fremde. „Recht schöner Saatenstand.“ „Ziemlich.“ „Meinen Sie, wir werden Regen bekommen?“ „Weiß nicht.“ Etwas pikiert sagte er schließlich: „In welcher Branche machen Sie?“ „In Verstand,“ erwiderte der Professor lakonisch. „So, so, angenehm, was, daß Sie keine Muster davon mitzunehmen brauchen?“’ [S. 289f.] Solcher Witze enthält das Buch nicht wenige, und das ist der Humor davon. ● Die Übersetzung läßt in ihrer Schnoddrigkeit nichts zu wünschen übrig. Sie trifft den Stil des Amerikanischen vorzüglich. Was sich nicht wiedergeben ließ, hat sie beherzt über Bord geworfen, vieles spezifisch Amerikanische, so weit es möglich war, geschickt adaptiert, sogar in Wortspielen eine glückliche Hand bewiesen und die Slang-Ausdrücke oft überraschend getroffen. Bei der Schwierigkeit der Aufgabe muß das besonders hervorgehoben werden. Gelegentlich läuft wohl ein Unding von einem Satz unter wie der folgende: ‚So angetan wurde mir befohlen’ [S. 21] – Wustmann würde nach dem Bakel [Stock des Schulmeisters] schreien [Anspielung auf Gustav Wustmann (1844-1910) und seine populären Allerhand Sprachdummheiten (1891)] –, hoffentlich soll dies aber nur andeuten, daß Pierrepont seine Universitätszeit hauptsächlich zum Bummeln benutzt hat.“

Zwei Shakespeare-Bücher. NZZ, 13. September 1904, Nr. 255, Morgenblatt.
Robert Hessen, Leben Shakespeares, Berlin: W. Spemann 1904, XII, 411 S.; Eduard Engel, Shakespeare-Rätsel, Leipzig: H. Seemann Nachf. 1904, 178 S. – „Früher – etwa noch vor zwei Jahrzehnten – war die Ansicht im Schwange, man wisse von dem aus Stratford stammenden Schauspieler William Shakespeare, der sich dann in London zum größten Dramatiker aller Zeiten entwickelte, kaum mehr, als daß er geboren ward, ein Weib nahm und starb. Dieses geheimnisvolle Dunkel, in dem die Persönlichkeit des Dichters schwebte, konnte dazu führen und hat bei allzu zweifelsüchtigen, skeptischen Köpfen dazu geführt, daß der obskure Schauspieler von dem berühmten Dichter getrennt wurde. Man traute dem ungebildeten oder doch nur halbgebildeten jungen Manne, der eines Tages aus seinem idyllischen Heimatstädtchen fortlief, um im wüsten Getriebe der Weltstadt sein Glück zu versuchen, nun und nimmer die tiefsten dramatischen Schöpfungen der Weltliteratur zu. So entstand der Bacon-Wahn, die Lehre, daß nicht der Schauspieler William Shakespeare, sondern der Philosoph Francis Bacon – der gebildetste Mann seines Zeitalters – jene sieben- oder neununddreißig Dramen geschrieben habe, die noch heute das Entzücken und der Stolz der Menschheit sind. Man fiel eben aus dem einen Extrem ins andere. Dem ungebildeten Schauspieler konnte man diese weisheitsgesättigten Stücke nicht zutrauen; folglich schob man sie dem gebildeten, hypergebildeten, aber völlig undichterischen Philosophen in die Schuhe. Das war natürlich eine kapitale Dummheit, die Ausgeburt irgendeines verrückten Hirnes. Schwindel scheint mir nicht der richtige Ausdruck für diese Irrlehre: Herr [Wilhelm] v. Osten [1838-1909], der Besitzer des klugen Hans, glaubt sicher steif und fest daran, daß sein Überpferd imstande sei, selbsttätig mit Dezimalbrüchen zu rechnen – darum wird man ihn noch lange nicht für einen Schwindler erklären dürfen. – Inzwischen hat die Shakespeare-Forschung nachgewiesen, daß wir über keinen Dichter des elisabethanischen Zeitalters so gut unterrichtet sind wie über den Schöpfer des Hamlet. Eine peinlich genaue Einzelforschung, die auch vor dem scheinbar geringfügigsten Kleinkram nicht zurückschreckt, hat unverdrossen jedes Winkelchen und Eckchen im Leben und Schaffen des Stratforders durchstöbert, hat vor allem auch die zeitgenössischen Dramatiker und Sonettisten, die ‚wie der Sterne Chor’ um die Sonne sich stellen [Schiller, ‚Der Graf von Habsburg’], emsig ausgebeutet. Sidney Lee blieb es dann vorbehalten, die Fülle des Materials unter das Dach seiner Biographie zu bringen [A Life of William Shakespeare (1898)]. Was an Urkunden, Akten, Tatsachen vorhanden ist, hier ist es beisammen, und nach dieser Richtung hin können wir nur durch neue Funde eine Bereicherung unseres Wissens erfahren. Man darf wohl behaupten, daß die Baconianer indirekt ein Sporn für die Shakespeare-Forschung geworden sind, trotzdem sie durch ihren fanatischen Eifer den Fluch der Lächerlichkeit auf sich gezogen haben. – Auch sie haben sich im Laufe der Zeiten wesentlich gewandelt. Man könnte – ein wenig paradox – sagen: die sogenannten Baconianer, soweit sie nicht heillos verbohrt sind, sind überhaupt keine Baconianer, d. h. die Verständigen unter ihnen haben längst der hirnverbrannten Idee Valet gesagt, daß Francis Bacon der Verfasser der Shakespeareschen Dramen sei. Bacon hat so wenig Shakespeares Stücke geschrieben wie [der dänische Literaturkritiker] Georg Brandes [1842-1927] Ibsens Stücke geschrieben hat. Das ist sonnenklar; und nur ein ganz unliterarischer Kopf, dem das poetische Schaffen ein Buch mit sieben Siegeln ist, weil er es mit dem kritischen Zeugungsakt in einen Topf wirft, konnte je einen so unkünstlerischen Gedanken aushecken. Aber, sagen die Nachfahren des Jüngers Thomas, aus der Tatsache, daß Bacon die Werke Shakespeares nicht verfaßt hat, nicht verfaßt haben kann, folgt noch lange nicht, daß sie Shakespeare verfaßt hat, der mythische Shakespeare, ein Stratforder Bauernlümmel (Eduard Engel spricht mit Vorliebe von dem Stratforder Bürgermeisterssohn, was entschieden vornehmer klingt). Sehr wahrscheinlich sind die sieben- oder neununddreißig Dramen überhaupt nicht das Werk eines Mannes: von Bacon (den Engel übertrieben einen ‚literarischen Banausen’ [122] schimpft) stammen sie gewiß nicht; jedoch ebenso gewiß nicht von dem Schauspieler Shakespeare. – Ich war höchlich überrascht, als ich im Sommer dieses Jahres in England war, diese Meinung weit verbreitet zu finden, und zwar nicht etwa bei literarischen Banausen oder sensationslüsternen Zeitungsschreibern, sondern bei Leuten, die sicher ein innigeres Verhältnis zur Kunst haben als der Durchschnittsphilologe. Gegen die überlieferten Tatsachen führten sie den gesunden Menschenverstand ins Feld. Unsere modernen Begriffe vom künstlerischen Schaffen waren ihre Richtschnur. Wo in aller Welt, argumentierten sie, hat es noch einmal einen Menschen gegeben, der, mit so geringer Bildung ausgestattet, wie sie ihm die Schule seines Dorfes bieten konnte, sich im späteren Leben einen so unermeßlichen Wissensschatz angeeignet hätte? Einen Menschen, der alle Gebiete des menschlichen Daseins umspannte; dessen Wortschatz den aller anderen Dichter übertrifft; der alles, was da kreucht und fleucht, besser gekannt hat als irgendeiner vor ihm oder nach ihm; dem die Blumen, die Musik, die Jagd und Gott weiß was sonst noch vertraut waren, wie kaum einem Fachmann; der sich die Kenntnis des Französischen und Italienischen erworben hat u. s. w. All das hat indes nur für den Beweiskraft, der vergessen will, daß wir es hier mit einem singulären Genie zu tun haben, auf das menschlicher Durchschnittsmaßstab eben keine Anwendung finden kann. Sobald wir uns das stets vor Augen halten, werden wir das Außergewöhnliche dieser Erscheinung zu begreifen vermögen und uns nicht mehr über das wundern, was bei jedem andern ein ewiges Rätsel bliebe. – Freilich, die Wissenschaft setzt sich nicht nur stolz über alle solche Bedenken hinweg, sondern sie liefert ihnen vielfach neuen Brennstoff. Sie begnügt sich nicht mit dem immerhin stattlichen, wenn auch lückenhaften Urkundenmaterial, sondern pocht ungestüm an die Pforte, über der ein abschreckendes ‚Ignoramus’ steht. Ihre Objektivität zersplittert dabei. Wo die Kenntnis, die Überlieferung aufhört, da treibt nun die Phantasie ein üppiges Spiel. Hypothesen verwegenster Art tauchen auf; der eine überbietet den andern in Vermutungen, ohne einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit beibringen zu können. Der Vorwurf darf der neueren Shakespeare-Forschung nicht erspart bleiben, daß sie darauf aus ist, viel zu viel zu beweisen, womit sie sich aus dem streng umhegten Bezirke der ‚objektiven’ Wissenschaft auf das grenzenlose Gebiet müßigen Fabulierens hinauswagt: die Literaturgeschichte läuft Gefahr, zum literarischen Roman auszuarten. – Von diesem Vorwurf ist weder Dr. Robert Hessen [geb. 1854], der sich unter dem Decknamen ‚Avonianus’ als Verfasser einer Dramatischen Handwerkslehre [1895; 2. Aufl. 1902] bekannt gemacht hat, noch Prof. Eduard Engel [1851-1938], der streitbare Journalist, ganz frei zu sprechen. Beide wollen zu viel beweisen. Beide sind mit Shakespeare so intim, als ob sie mit ihm in der Mermaid gezecht hätten. Mit beiden geht gelegentlich das Temperament durch, das gewiß ein großer Vorzug, aber auch eine große Gefahr ist. Sie haben auch stilistisch manches gemein: die flüssige Diktion, die bisweilen noch mehr Schliff vertrüge. – Hessen bemerkt sehr treffend in seinem Vorwort: ‚Da jeder bisherige Biograph [begreiflicherweise] die Verpflichtung empfand, dort, wo Urkunden fehlten, dem Leser wenigstens verschiedene Möglichkeiten für die Schicksale des Helden [wie für die Deutung seiner Werke] zu entwickeln, waren einige der fleißigsten Shakespeare-Bücher nicht viel mehr als mit Hypothesen überladene Anhäufungen von Stoff geworden, … mit Erläuterungen beschwert, mit Anmerkungen zu den Erläuterungen und mit Anmerkungen zu den Anmerkungen. Ich habe mich durchweg bemüht, die gesamte biographische Masse restlos in einer fortlaufenden Erzählung aufgehen zu lassen.’ [V] Das ist ihm denn auch gut gelungen, aber nur ist es mitunter zu viel Erzählung geworden, will sagen: Hessen konnte den Fehler, den er an andern mit Recht rügt, nicht völlig vermeiden. So weist er z. B. mit Fug die ganz willkürliche Behauptung zurück, Shakespeare sei je in Italien gewesen (Engel spricht sich mit Nachdruck dafür aus); aber er selbst leistet sich doch recht anfechtbare Deutungsversuche der Sonette. Ich kann beim besten Willen nicht einsehen, welchen Wert solche Konjekturen haben: Meinung steht gegen Meinung; eine ist so belanglos wie die andere und wird es bleiben, wenn uns nicht ein ungeahnter Fund Gewißheit verschafft. – Hessens Buch ist vom Verleger splendid ausgestattet, reich mit Bildertafeln geschmückt, so daß der Shakespeare-Freund auch nach dieser Richtung hin Gefallen an dem Werke finden wird. – Eduard Engel nennt seine sieben aus Zeitungen gesammelten Aufsätze Shakespeare-Rätsel, was eigentlich eine contradictio in adjecto ist, denn der Verfasser tritt sehr selbstbewußt, sehr siegesgewiß vor seine Leser hin. Das so entstandene Büchlein verleugnet seinen Ursprung nicht: Wiederholungen begegnen auf Schritt und Tritt; nicht einmal die wörtlichen Anklänge sind beseitigt, als ob es Engel für zu schade hielte, einen Satz von sich zu streichen. Wenn man auf diese Weise Bücher macht, sollte man doch nicht die Mühe einer umfänglichen Redaktion scheuen. Auch sonst ist mir allerlei übel aufgefallen, am übelsten, wie sich Engel [auf] Seite 90 als intuitiven Dichter neben Shakespeare stellt. [Die Seitenangabe ist ein Druckfehler: ‚am übelsten aufgefallen’ sein dürfte MM eine Passage auf S. 99, in der es um die Autorschaft von Shakespeares Werken geht und Engel die Argumentation zurückweist, wegen der offensichtlichen Vertrautheit des Autors mit juristischen Dingen könnten die Werke nur von Bacon stammen: ‚Als ob man solche Dinge, die doch wahrlich nicht zu den unerforschlichen eleusischen Mysterien gehören, auf keinem andern Wege erfahren könnte, als indem man ein großer Rechtsgelehrter und Staatsmann wie Francis Bacon wäre! Ich selbst habe leider nicht an unserm letzten großen Kriege teilnehmen dürfen trotz meinem guten Willen und habe dennoch eine Novelle aus dem Kriege von 1870 geschrieben, die wahrscheinlich sehr schlecht ist, deren militärischer Teil aber nach der Versicherung mir befreundeter Offiziere tadellos ist’.] Unter den sieben Aufsätzen scheint mir der letzte, ‚Wie Othello entstand’, deswegen den Vorzug zu verdienen, weil Engel hier forsch den Boden der Wissenschaft verläßt und in Form eines Monologes anregende Einblicke in Shakespeares Dichterwerkstatt bietet.“

Literatur und Kunst. NZZ, 16. Oktober 1904, Nr. 288, Beilage.
Siegfried Jacobsohn, Das Theater der Reichshauptstadt, München: Albert Langen 1904. – „Wen es gelüstet, die Entwicklung des Berliner Theaterlebens – und das ist in Wahrheit die Geschichte des deutschen Theaters – von 1870 bis zur Gegenwart kennen zu lernen, der greife zu dieser Darstellung, die ihn auf knappem Raume in anregender Form belehrt. Die Fülle des Materials ist mit gutem Geschick in sechs Kapitel eingeteilt: Berliner Theater nach 1870 – Die Meininger – L’Arronge – Freie Bühne – Brahm – Gegenwart; nirgends wird der Leser durch weitläufige Quellenstudien ermüdet, und doch hat er überall die Empfindung, von einem wohlunterrichteten Verfasser geleitet zu werden. Nur wer seinen Stoff so beherrscht, ist in der Lage, das Überflüssige zu eliminieren und das Wichtige eben dadurch in den Vordergrund zu rücken, daß er das Unwichtige ausscheidet. Freilich, Siegfried Jacobsohn, der Kritiker einer Berliner Montagszeitung [Die Welt am Montag], ist wohl noch zu jung [geb. 1881], um ‚Historie zu machen’ (vielleicht ist diese begeisterungsfrohe, allem Neuen mit fliegenden Fahnen folgende Jugend einer seiner größten Vorzüge). So kommt es, daß die Abschnitte, die er nicht selbst miterlebt hat, in seiner Darstellung naturgemäß hinter den andern, die er mit eigenen Augen verfolgen durfte, weit zurückstehen. Er macht dadurch eigentlich nur seinem Beruf als Kritiker Ehre; denn er besitzt nicht die Gabe intuitiv zu erschauen, wie sie dem Dichter eignet, sondern die seltene Fähigkeit, scharf zu sehen. Sowohl Stücke als Schauspieler. Er vermag nicht nur, den Inhalt eines Bühnenwerks mit wenigen Worten herauszuschälen, sondern es gelingt ihm auch vortrefflich, schauspielerische Leistungen kurz und sicher zu würdigen – ein Vorzug, den nur sehr wenige Berliner Theaterreferenten mit ihm teilen. Die eingestreuten Künstlersilhouetten – von [Emanuel] Reicher, Bassermann, der Lehmann u. a. – gehören vielleicht zum Besten des ganzen Buches. Obschon die Vorzüge der kleinen Schrift in der Schilderung des Gegenwärtigen wurzeln, ist das Urteil des Verfassers keineswegs durch die Kämpfe des Tages getrübt; ja, er befleißigt sich einer wohltuenden Milde, die sich gelegentlich zu euphemistischen Umschreibungen steigert, etwa wenn er Karl Frenzels stumpfes Unterscheidungsvermögen als ‚ruchlosen Optimismus’ [19] bezeichnet  – [Karl Frenzel (1827-1914) war der Theaterkritiker der National-Zeitung] –  oder Bassermanns Reibeisenorgan als eine ‚vom reinen Wohllaut weit abliegende Färbung des Organs’ [125]. Was besonders angenehm berührt und die Lektüre des Buches zu einem Genuß macht, ist die stilistische Gewandtheit des Verfassers, seine prägnante Form. Nur das Mittel, den folgenden Satz durch ein Wort aus dem vorhergehenden weiter zu spinnen  (in der Poesie heißt es Concatenatio), scheint mir allzu reich gebraucht, da es in der Prosa keinen Schmuck der Rede bedeutet. Jacobsohn wird gewiß manchen Widerspruch wecken; dem hat er durch das freimütige Bekenntnis seines Mottos vorgebeugt: ‚Wenn ich nichts zu sagen hätte, als was den Leuten gefiele, schwiege ich gewiß ganz und gar stille’ [Titelseite]. Zum Glück hat er etwas zu sagen und verdient gehört zu werden.“

Essays zur vergleichenden Literaturgeschichte. LE, Bd. 7, Nr. 4 (15. November 1904), 296-297.
Eine Sammlung von Zeitschriftenaufsätzen des österreichischen Übersetzers und Schriftstellers Karl Federn (1868-1943), München u. Leipzig: Georg Müller 1904, 192 S. – „Auf seine vor vier Jahren erschienenen Neun Essays läßt Karl Federn jetzt seine Essays zur vergleichenden Literaturgeschichte folgen. Es ist bloß ein anderer Name für dasselbe Ding: gesammelte Zeitschriftenaufsätze. Eine gewisse Mannigfaltigkeit des Inhalts, der deutsches, englisches, italienisches und französisches Schrifttum berücksichtigt, rechtfertigt vielleicht den Titel, schwerlich aber den Sammeleifer. Denn daß das so zustande gekommene Buch irgendeine Einheit verkörpere, wird nicht einmal sein kluger Verfasser behaupten können und wollen. Zweierlei hat er vor den meisten Feuilletonisten voraus: die Vielseitigkeit der Interessen und einen gefälligen, sorgsam durchgebildeten Stil, der nach der Kunst des Schreibens strebt, ohne der Künstelei zu erliegen. Was in den Spalten einer Zeitschrift mit Anstand besteht, wirkt jedoch im Ewigkeitsrahmen eines Buches wie ein verspritzter Farbenklecks. Das gilt etwa von dem Aufsatz ‚Londoner Theater’, in dem justament drei im Sommer 1902 aufgeführte Stücke besprochen werden: eine Shakespeare’sche Komödie und zwei Melodramen. Darüber steht dann kurz und bündig ‚Londoner Theater’. Wohl nimmt Federn Anlaß, einiges über die kindliche Naivität des englischen Publikums zu sagen, aber die allgemeinen Bemerkungen über die Londoner Schaubühne – ein durch die Fülle der Widersprüche immer wieder lockendes Thema – werden auf zwei Seiten abgetan. Ich nenne das cheek, weil ich keinen stärkeren Ausdruck gebrauchen will. Am besten hat mir der Aufsatz über George Meredith gefallen; er imponiert durch Sachkenntnis, die sogar durch ungenaue chronologische Angaben nicht getrübt wird. Hat Federn wirklich alle Romane dieses großen Unlesbaren gelesen, so beneide ich ihn im Stillen darum. Ludwig Fulda wird der Aufsatz ‚Vom Übersetzen’ – er ordnet sich nicht recht der Sammlung ein – am besten gefallen, denn schon vor Fulda haben Männer gelebt, die das Axiom aufstellten: ‚Zum Übersetzen ist bei weitem nicht so sehr die Beherrschung der fremden Sprache, als vor allem die Bemeisterung der eigenen nötig.’ [15] Auch Federn legt das Schwergewicht darauf, daß der Stil, der Rhythmus, die Melodie des Originals, also das Ungreifbare, das latente Element eines Dichtwerks getroffen werde. Ich bin durchaus derselben Meinung, erlaube mir nur in aller Bescheidenheit die eine Frage: wie ist es möglich, ohne vollendete Kenntnisse einer fremden Sprache hinter ihr letztes Geheimnis – das ist der Stil oder wie man es sonst nennen mag – zu kommen? Ein Ausländer wird ja überhaupt nie (ich mache eine Einschränkung: never or hardly ever) eine fremde Sprache meistern; aber von tausend Ausländern, die imstande sind, ein fremdes Werk in der Originalsprache zu lesen, vermag noch nicht einer zu sagen, worin die stilistische Eigenart des Verfassers besteht. In der Poesie ist es immerhin noch leichter als in der ausgetretenen modernen Prosa. – Die vier aus der deutschen Literatur geschöpften Essays gelten Wassermanns [Geschichte der jungen] Renate Fuchs, den Frauenseelen Gabriele Reuters, den Romanen Emmy von Egidys und Hofmannsthals Elektra.“

Die Sonette von William Shakespeare [...] Shakespeares Sonette […]. JSG, Bd. 40 (1904), 295-298.
Shakespeares Sonette, ins Deutsche übersetzt von Alexander Neidhardt (2. Aufl. Leipzig: Diederichs 1902) bzw. Max J. Wolff (Berlin: B. Behr 1903). – „[…] So sehr mir auch im allgemeinen Wolffs Prinzip widerstreitet, den Dichter von dem Übersetzer zu trennen, so darf ihm doch zugestanden werden, daß man nur bei der Übersetzung das Original zum Vergleich heranzuziehen braucht, die als Dichtung billigen Ansprüchen genügt. In erster Linie kommt es bei metrischen Übertragungen darauf an, prosodisch tadellose Verse und einen einwandfreien deutschen Ausdruck zu gewinnen. Wo diese Forderung nicht erfüllt wird, da kann das Original völlig aus dem Spiel bleiben. Denn was nützt die wortgetreuste, von noch so redlichen Absichten geleitete Übersetzung, wenn sie unsrer eignen Sprache Gewalt antut? – Alexander Neidhardt  scheint mit seinen Kritikern schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, denn er gibt ihnen in der Einleitung gute Ratschläge, wodurch er sogleich Mißtrauen gegen die eigne Bildnerkraft weckt: ‚Das sollte jede Arbeit erwarten dürfen, daß kein Urteil, namentlich kein vergleichendes, gefällt werde ohne gründliche Prüfung derselben ihrem ganzen Umfang und jeder Richtung nach bis auf Herz und Nieren und zwar mit alleiniger Rücksicht auf die Sache; denn da Bücher so gut ihre Schicksale haben wie Menschen, so ist unbegründete üble Nachrede dort ebensowenig zu rechtfertigen als hier.’ [16] Wir wollen ihn also auf Herz und Nieren prüfen und unsre üble Nachrede begründen. Tu l’as voulu, George Dandin! [Molière, Georges Dandin, I. ix: ‚Vous l’avez voulu, Georges Dandin, vous l’avez voulu.’] – […] Und so fände man, wollte man mit der Wollust der Grausamkeit fortfahren, Sprachfehler, verrenkte Wortstellungen, gezwungene Reime im Überfluß. Nach einem würde man vergeblich ausschauen: nach fließenden deutschen Versen. Ich bin der letzte, der die ungeheuren Schwierigkeiten einer solchen Arbeit verkennt, aber sie berechtigen nicht zu einem Herbarium von Stilblüten. Neidhardt selbst erklärt, er habe die Shakespeare-Sonette nur als Vorstudie zu einer Byron-Übersetzung verdeutscht, ‚ohne jede Absicht auf Veröffentlichung’ [16]. Was hat diese löbliche Absicht erschüttert? Der sonst schätzenswerte Verlag von Eugen Diederichs in Leipzig hat sich der Arbeit angenommen, die es schon zu einer zweiten Auflage gebracht hat; doch das beweist nur das eine, daß Verfasser, Verleger und Käufer in gleichem Maße zu bedauern sind. – Wie eine künstlerische Tat wirkt daneben die Übersetzung von Max J. Wolff; aber auch ohne Neidhardts Nachbarschaft steht sie auf respektabler Höhe. Versbau und Reim sind durchweg mit anerkennenswerter Geschicklichkeit gehandhabt. Man hat nirgends die Empfindung, daß diesem Dolmetsch die Form des Sonetts eine Fessel war, obwohl sie ihn nicht gerade zu poetischem Schwung beflügelte. Während das Original hoch oben in den Lüften schwebt, erhebt sich die Übertragung doch beträchtlich über den Boden. […]“

Englische Literatur. Türmer-Jahrbuch 1904, 426-427.
Stephen Phillips, Ulysses; George Douglas, The House with the Green Shutters; Lucas Malet [Mrs Mary St Leger Harrison], The History of Sir Richard Calmady; George Gissing, The Private Papers of Henry Ryecroft; Maurice Hewlett, New Canterbury Tales; A[lfred] E[dward] W[oodley] Mason, The Four Feathers; George Moore, The Untilled Field; die Rezeption Oscar Wildes und George Bernard Shaws in Deutschland. ●●● „Weder auf lyrischem noch dramatischem Gebiete besitzt England, seitdem Meister Swinburnes Lied verklungen, einen Dichter, dessen Werke europäische Geltung haben. Stephen Phillips, auf den bereits vor zwei Jahren an dieser Stelle hingewiesen ward [Türmer-Jahrbuch 1902, S. 399], konnte mit seinem Ulysses nur einen schwachen Achtungserfolg erringen, der ihn über die Grenzen seiner Begabung füglich nicht länger im Zweifel lassen sollte. ● Auch im Roman – sofern der höchste Maßstab angelegt werden soll – ist keine überragende Leistung zu verzeichnen. George Meredith und Thomas Hardy verharren im Schweigen ihres Alters, ohne daß ihnen ein Jüngerer bisher den Kranz von der Stirne gerissen hätte. Sechs Bücher, keineswegs gleichwertig, aber mit literarischen Qualitäten, seien wenigstens durch Namensnennung ausgezeichnet: The House with the Green Shutters von dem inzwischen [1902] verstorbenen George Douglas, ein kraftvolles Gemälde aus dem schottischen Alltagsleben; The History of Sir Richard Calmady von Lucas Malet, der jüngsten Tochter Charles Kingsleys, eine herbe psychologische Studie; The Private Papers of Henry Ryecroft von George Gissing, eine Bekehrung dieses Pessimisten zu einer freudigeren Auffassung des Daseins; New Canterbury Tales von Maurice Hewlett, der Versuch eines anmutigen Plaudertalents, neben Chaucers berühmten Torso einen modernen Wallfahrtszyklus zu stellen; The Four Feathers von A. E. W. Mason, eine im guten Sinne spannende Handlung, die interessante Einblicke in das Seelenleben eines Blinden gewährt; und The Untilled Field von George Moore, ein Novellenband, dessen Hauptmotiv die Vorherrschaft der katholischen Geistlichkeit in Irland, dem ‚Tibet des Westens’, dessen Held das Auswandererschiff. ● Zwei Iren erfreuen sich zur Zeit in Deutschland einer Popularität, wie sie lange keinem Schriftsteller englischer Zunge widerfahren ist: Oscar Wilde und George Bernard Shaw. Beide verleugnen ihre Herkunft nicht: die Vorliebe für das Paradoxe ist ihnen gemein. Wilde feiert diese Auferstehung erst zwei Jahre nach seinem Tode, doch so nachhaltig, daß seine sämtlichen Werke bereits in mehreren Übersetzungen vorliegen, mit Ausnahme seiner Gedichte, einer seiner wertvollsten Spenden. Seine Dramen, vor allem die genial hingeworfene Salome, werden aufgeführt, aber die Gesamterscheinung dieses Künstlers wird von Leuten, die ihn oberflächlich kennen, zum artistischen Gecken herabgezogen. Andererseits scheint man Shaw gegenüber zu einer gewissen Überschätzung zu neigen, die sich teils aus seiner bestechenden Versabilität, teils aus der Überraschung erklärt, in England einem literarischen Bühnenschriftsteller zu begegnen.“

nach oben

1905

Englische Bücher. LE, Bd. 7, Nr. 7 (1. Januar 1905), 470-480.
Räsonnement über Spießigkeit und Modernität der englischen Gegenwartsliteratur, gefolgt von einer Rezension von Charles Algernon Swinburne, A Channel Passage and Other Poems (London: Chatto & Windus 1904); Thomas Hardy, The Dynasts (Bd. I, London: Macmillan 1904); George Gissing, Veranilda (London: Constable 1904); Maurice Hewlett, The Queen’s Quair or the Six Years’ Tragedy (London: Macmillan / Leipzig: Tauchnitz 1904); Warwick Deeping, Uther and Igraine (London: Grant Richards / Leipzig: The English Library 1904); Ethel Lilian Voynich, Olive Latham (London: Heinemann 1904); Elizabeth Robins, The Magnetic North (London: Heinemann 1904); Lucas Cleeve [Adelina Georgina Isabella Kingscote], The Children of Endurance (London / Leipzig: Unwin 1904); John Oliver Hobbes [Mrs Craigie], The Vineyard (London / Leipzig: Unwin 1904); Elisabeth von Arnim, The Adventures of Elizabeth in Ruegen (London: Macmillan 1904). ● „[…] Über die Tugendhaftigkeit der englischen Literatur ist […] jeder Philister entsetzt. Diese Tugendhaftigkeit, die wirklich manchmal ans Gouvernantenhafte streift, ist mit an ihrem üblen Ruf schuld. Schon an den Kirchenportalen des Mittelalters waren die törichten Jungfrauen allemal interessanter als ihre klugen, aber langweiligen Schwestern. Das ist im Laufe der Zeiten nicht anders geworden. Tugendhaftigkeit heißt heute so viel wie Rückständigkeit. Beinahe wenigstens, sofern darin das veraltete Prinzip der Entweder-Oder-Ästhetik zur Geltung kommt. Und rückständig ist die englische Literatur; denn sie hat keine von den Moderichtungen mitgemacht, die der Reihe nach den europäischen Romanmarkt beherrscht haben. Sie hat sich weder von französischen, noch russischen, noch skandinavischen Handelsschiffen ins Schlepptau nehmen lassen, sondern, innerlich unberührt von allen diesen Einflüssen, zog sie im eigenen Gewässer unbeirrt dahin. Sie konnte sich mit insularer Reserviertheit getrost der fremden Contrebande verschließen, weil sie von einer so reichen heimischen Tradition zu zehren hatte, wie kein anderes Land. Sie blieb den angelsächsischen Idealen treu, vor allem ihrem unerschütterlichen Optimismus, den man als ihren Dominantakkord bezeichnen möchte. – Dabei hat es England in unserem Zeitalter nicht an Künstlern gefehlt, die für ihre eigene Person den ‚dernier cri’, der durch die Gassen gellte, vorweggenommen hatten. Lange, lange bevor die komplizierte Psychologie, die Seelenanatomie ihr Banner im Winde flattern ließ, hatte sich George Meredith so ergiebig im Labyrinth der Brust getummelt, so verschlungene Seitenpfade der Menschennatur mit Vorliebe aufgesucht, daß andere Dichter neben ihm auf der geraden Heerstraße zu marschieren scheinen. Ehe noch das blöde Geschrei von der allein selig machenden Heimatkunst jedem Krähwinkler als Heilslehre erscholl, war England in Thomas Hardy ein Heimatkünstler strengster Observanz erstanden. Als dann die photographischen Kleinmaler auf den Schild gehoben wurden, gewahrte die Welt voll Staunen, daß der argusäugige Rudyard Kipling, dem nichts auf, in und unter der Erde seiner Beachtung unwert schien und der das gesamte Gebiet moderner Technik mit universeller Meisterschaft umspannte, über kinematographische Treue und Schärfe verfügte. Wollte man geläuterten Realismus mit einem mystischen Einschlag haben, so brauchte man, ehe der Mystizismus zur Mystifikation ausartete, nur bei dem vortrefflichen George Moore einzukehren. Und farbenfrohe Romantik hatte Maurice Hewlett aus seinem Füllhorn ausgegossen. – Es war alles da. Nur die ausländischen Zuschauer waren nicht da, die es gekannt und gewürdigt hätten. […] ●●● Meister Swinburne hat uns mit einem Gedichtbande beschenkt: A Channel-Passage and other Poems. Die Gesamtausgabe seiner lyrischen Werke, die augenblicklich im Erscheinen begriffen ist, mag ihn zu dieser Sammlung veranlaßt haben. Sie ist dem Andenken seiner beiden Freunde William Morris und Edward Burne-Jones gewidmet […]. Daneben sind aus dem Kreise der Präraphaeliten noch Christina Rossetti (‚A New Year’s Eve’), Frederick Watts und Lord Leighton mit Versen bedacht. Gefühl und Manier sind für sie gleich bezeichnend; Echtheit der Empfindung und Starrheit der Form. Swinburnes Lyrik tönt nicht, wenn sie nicht im Purpurmantel einherschreitet. Sie schwelgt in Allegorien, kann gewisser Requisiten nicht entbehren. Wenn diesem Unsterblichen, den wir uns kaum noch unter den Irdischen vorzustellen vermögen, dereinst ein Denkmal errichtet wird im Pantheon der Nation, versäume der Bildhauer nicht, als Sockelfiguren Life, Love und Death anzubringen. Sie sind für den Dichter der Atalanta, was Prometheus und Napoleon für Byron oder die Freiheit und die Humanität für Schiller waren. Leben, Liebe und Tod sind die Goldranken auf dem seidenen Teppich seiner Lyrik. Er spielt virtuos, aber ein wenig ermüdend auf diesen drei Saiten seiner Harfe. […] Und dieses Cellomotiv von Chopin’scher Süße spinnt sich ohn’ Ende fort. Wie gesagt: es ist ein gut Teil Manier dabei […]. – In einer zweiten Gruppe von Gedichten, den politischen, die sich meistens an Ereignisse der jüngsten Vergangenheit anlehnen, offenbart der Siebenundsechzigjährige fast noch die ungebrochene Kraft des Jünglings, der sich mit seinen Songs before Sunrise die Welt eroberte. Sie sind ein einziger Päan auf England, den Hort der Freiheit. […] Daneben wird nur Italien, dem die englische Dichtung von Chaucer bis Browning, dem Swinburne selbst so viel verdankte, aus vollem Herzen ein begeistertes Lob gezollt. […] Umso schlechter und ungerechter werden die übrigen Länder behandelt. Da ist Rußland, gegen dessen Verbrechen Dantes grausige Höllenvisionen ‚bleich und rein und schmerzlos’ sind wie einer Jungfrau Träume. Da ist Frankreich, vom Feuer der Hölle und des Hasses gespalten. Da ist Transvaal mit seinen Hunden, deren Kiefer schäumen. Da ist – zu schlechterletzt – Deutschland voll lärmender Arglist mit seinen ‚boors and slaves’. Als dieses Sonett [‚On the Death of Colonel Benson’] vor drei Jahren [am 09.11.01] in der Saturday Review erschien – die sinnlose Anglophobie hatte damals ihren Höhepunkt erreicht –, konnte man einen solchen Schimpf zur Not begreifen; jetzt, da sich die Wogen der Erbitterung längst gelegt haben, empfindet man ihn doppelt und möchte wünschen, Swinburne hätte genug Einsicht besessen, um ein so frevles Wort nachträglich zu unterdrücken. […] – Eine dritte Gruppe von Gedichten, meist in der Form von Prologen, gilt der englischen Tragödie vor und nach Shakespeare. Den Preis verdient hier der herrliche Prolog zu Marlowes Doctor Faustus. Aber auch Webster und Massinger, für die Swinburne von jeher eine vielleicht übertriebene Zuneigung hegte, widerfährt volle Gerechtigkeit. Inmitten dieses ‚afterglow of Shakespeare’ steht die leuchtende Sonne des Stratforders, dem (in dem Sonett auf seine Geburtsstadt) als einer Seele ‚unermeßlich wie das Meer’ ein trunkener Hymnus erklingt. – Naturgedichte eröffnen den Band, und von diesen ist mit Fug die Beschreibung eines Sturms während der Überfahrt über den Kanal an die erste Stelle gesetzt. Das Erlebnis reicht bis in das Jahr 1855 zurück, hat also erst nach anderthalb Menschenaltern seinen dichterischen Niederschlag gefunden, was von einer verblüffenden Erinnerungskraft zeugt. Hier paßt sich die wild aufgepeitschte Sprache glücklich dem Aufruhr der Elemente an; dagegen ist sie für mein Gefühl zu stark mit Tropen belastet, wie sich überhaupt Swinburne gern im Ziergarten der Rhetorik ergeht, in einem Garten von südländischer Pracht, in dem eine fahle Oktobersonne auf den selten betretenen Wegen und den kalten Marmorbildern ruht. ●● Nur mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns läßt sich von Thomas Hardys Drama The Dynasts sprechen, das als erster Teil einer Napoleon-Trilogie geplant ist. Es scheint demnach, als ob der verehrte Romancier mit seinem Vorsatz, bei Lebzeiten dem Publikum keine epischen Perlen mehr vorzuwerfen, wirklich Ernst machen wolle: seit der verstimmenden Aufnahme, die sein Jude the Obscure just vor einem Jahrzehnt gefunden, hat er nur lyrische Blüten vom Baume des Pessimismus gepflückt – ein verärgerter Schweigsamer nach Grillparzers berühmtem Muster. Und nun dieses Panoptikum-Drama, das als Kuriosität in der literarischen Schreckenskammer weiter zu leben verdiente. Drei Teile, neunzehn Akte, hundertunddreißig Szenen! Dazu – wenn ich recht gezählt habe – achtundsechzig redende Personen und etwa drei Dutzend stumme, abgesehen von den Statistenmassen der Soldaten, Matrosen, Bürger, Parlamentarier, Priester, Boten und Diener. Und auch damit noch nicht genug: dem Aufgebot der Bataillone von Fleisch und Blut gesellen sich mehrere Geisterchöre, aus denen wieder eine Reihe ‚schemenhafter Intelligenzen’ hervortritt, indem sie bald wie die Hexen im Macbeth die Handlung einfädeln, bald wie der antike Chor mit Betrachtungen umsäumen. So wird der ganze Kreis der Schöpfung ausgeschritten, ein Land nach dem anderen im Fluge durchmessen. […] Welch ein Aufwand war hier schmählich vertan! […] Uns bleibt kein anderer Trost als die Hoffnung, daß Hardy seine Meisterwerke wie Grillparzer im Pult vergräbt, um die Nachwelt zu überraschen. ●● Eine Überraschung für die Nachwelt sollte angeblich auch der als Torso hinterlassene historische Roman Veranilda von George Gissing sein, der sich seit seinem frühen Tode einer ungeahnten Wertschätzung erfreut, als ob die Ironie des Schicksals diesem Schwergeprüften selbst über das Grab hinaus treu bleiben wolle. Das Buch ist – dem Toten sei’s zum Ruhme nachgesagt – eine gelinde Enttäuschung, weil es so unpersönlich ist. […] Gewiß, es ermangelt nicht eines tragischen Interesses, daß ein Mensch, der sich tagsüber mit ungeratenen Schulkindern abplagen mußte, noch die Muße fand zu ausgedehnten archäologischen Studien. Doch die Liebe zu den römischen Klassikern hat sich fast in sämtlichen Romanen Gissings ein Ventil geschaffen und durchzieht als Lebensmelodie die Beichte Henry Ryecrofts. Die kulturhistorische Treue, die sich nirgends mit archaistischer Aufdringlichkeit gibt, mag für den Altertumsforscher etwas Ansprechendes haben und zur Stütze des Hausfräuleins werden, das seine Reminiszenzen aus dem Geschichtsunterricht auffrischen möchte: für die Beurteilung des Kunstwerks ist sie nebensächlich. Und das ist recht farblos ausgefallen. Eigentlich noch farbloser als der das gleiche Thema behandelnde Kampf um Rom, der durch seine Verve und seine heroischen Allüren dem jugendlichen Gemüt so leicht imponiert. Wie [Felix] Dahn verschmäht auch Gissing einen weitläufigen Apparat nicht. Er hat eine Intrige ersonnen, aus der Sardou bequem ein Spektakel machen könnte. Dem bösen Element in Gestalt des falschen Freundes Marcian und der Erzbuhlerin Heliodora steht ein merkwürdig blondes Liebespaar Basil und Veranilda gegenüber, der vornehme, ritterliche Römer vom Schlage des typischen jugendlichen Helden und die Gotin königlicher Abstammung, die sich an Sentimentalität der modernen Britin im Gesellschaftsstück vergleichen läßt. Am meisten individuelles Gepräge haben zweifellos die Kapitel im Kloster auf Monte Cassino, wo Basil unter dem sänftigenden Einfluß des heiligen Benedikt von schwerer Seelenkrise genest. Hier klingt die müde Stimmung, das mannhafte Entsagungsmotiv Henry Ryecrofts nach; hier spricht der vom Todesengel beschattete George Gissing … ●● Dem historischen Roman, der ein wenig in Verruf gekommen ist und auch in England trotz reichster Überlieferung lange Zeit brach gelegen hat, wendet sich der abenteuerfrohe Maurice Hewlett, nachdem er mit seinem Richard Löwenherz [The Life and Death of Richard Yea-and-Nay] daran gescheitert ist, in The Queen’s Quair or the Six Years’ Tragedy aufs neue zu. Und abermals ist ihm seine Aufgabe nur zur Hälfte gelungen. […] Das Buch ist, obwohl es nur sechs Jahre umfaßt, so diffus angelegt, bietet ein solches Mosaik von wirklichen und erdichteten Geschehnissen, von historischen und phantastischen Figuren und spreizt sich streckenweise in einem so prätentiösen Ton, daß es sich selbst alle Wirkung verscherzt. Nicht einmal das Charakterbild Maria Stuarts fesselt auf die Dauer. […] Flackrig wie die Persönlichkeiten ist auch der flackrige, allzu selbstgefällige Stil. In Romanzen oder Legenden könnte er sein schillerndes Farbenspiel weit eher entfalten; tatsächlich hat Hewlett, der so verheißungsvoll begann, seinen holden Erstling, die Forest-Lovers [1898], nie wieder erreicht. ●● Ohne Frage hat Warwick Deeping, der mit Uther and Igraine nicht minder vielversprechend einsetzt, von diesem Vorbild am meisten gelernt. Wenn der kühne Ritter Pelleas, der Bruder eines Königs Ambrosius aus sagenhafter Vorzeit, die von plündernden Unholden nackt an einen Baum gebundene Nonne losbindet, zu sich auf den Zelter setzt und mit ihr durch den Wald reitet, so erinnert dies offenkundig an Prosper le Gai und Isoult bei Hewlett. […] Pelleas-Uther und Igraine sind ganz auf Lieblichkeit gestellt und werden kaum wesenhafter als das Liebespaar bei George Gissing. Aber Uthers keusche Männlichkeit hat etwas überaus Gewinnendes. […] Doch der stärkste Reiz des Buches ist seine – man verzeihe das abgegriffene Wort – poesievolle Darstellung. Die Schönheit und die Glätte der Sprache, die in Kultur getränkt ist, gemahnt an Alma Tademas Pinsel. Das gilt in unseren, vom Naturalismus durchseuchten Tagen beinah als ein Makel, bleibt aber stets eine Herzensweide. ●● Bodenständig ist der Naturalismus zum Heile der englischen Literatur niemals in angelsächsischen Ländern geworden; aus Rußland importiert kann man ihn jedoch in Olive Latham von Mrs E. L. Voynich finden. Im Vergleich mit der vielgelesenen Stechfliege [The Gadfly], einer seltsamen Mischung von psychologischen Problemen und Hintertreppeneffekten, die vor sieben Jahren den Ruf der Verfasserin begründete, bedeutet dieser Roman einen erfreulichen Fortschritt nach der Seite seelischer Vertiefung, so unerfreulich der Gegenstand den britischen Geschmack dünken muß. Es handelt sich darin um die Erschütterungen der englischen Krankenschwester Olive Latham, die zuerst einen schwindsüchtigen Russen, mit dem sie verlobt ist, bis zum Tode pflegt und dann in London Sekretärin des ihm befreundeten polnischen Politikers und Paralytikers Dr Slavinski wird. Die Beschreibung der Zustände in der Familie des Bräutigams und die despotische Willkür der russischen Justiz übertrifft an unerquicklichen Einzelzügen sicher alles, was der zaghafte englische Roman je in dieser Beziehung geleistet hat. Mit Ausnahme einer neurasthenischen Mutter und der jüngeren Schwester Olives sind die vier Hauptcharaktere auf denselben Ton gestimmt: bei aller gegenseitigen Zuneigung haben sie eine mimosenhafte Scheu, ihre Gefühle zu verraten. […] Das ist jene angelsächsische Verschlossenheit, die den Fremden so leicht abstößt und fälschlicherweise als Armut der Empfindung gedeutet wird. Ich mußte an den Pächter Gabriel Oak in Thomas Hardys Far from the Madding Crowd denken: der trägt alle die Jahre das Geheimnis seiner Liebe schweigend mit sich, ohne wie der redselige Franzose [Syrer] bei Racine in die bewegte Klage auszubrechen: ‚Madame, je me suis tu sept [cinq] ans.’ [Bérénice, I, iv. 209 f.] Da hat man die Verschiedenheit des romanischen und germanischen Charakters in einer Nußschale. ●● Bemerkenswert als Schöpfung einer Frau bleibt The Magnetic North von Elizabeth Robins, der eifrigen Ibsen-Vorkämpferin und ausgezeichneten Ibsen-Darstellerin, die sich auch produktiv mit ihrem Roman Die offene Frage [The Open Question (1898)] bewährt hat. In ihrem neuen Werke hat sie vermutlich aufgrund eigener Erlebnisse die Beschwerden der Goldgräberei auf Alaska geschildert, mit männlich festem Griff, in herber Holzschnittmanier, mit einer erstaunlichen Sachkenntnis, wie sie für solche exotischen Stoffe nur noch Kipling mitbringt. […] ●● Daß die Frauen auf dem Felde des Tendenzromans ihren Mann zu stehen wissen, haben sie hinlänglich oft bewiesen; hierbei dürften aber fast immer feminine Kampfobjekte die Veranlassung gewesen sein. Lucas Cleeve, die Frau des Colonel Howard Kingscote, tritt jetzt mit ihrem zionistischen Roman The Children of Endurance in die Reihe der Herzl, Nordau, Zangwill. Man hätte gern etwas von ihr über die englische Judenfrage erfahren, die einem praktisch höchstens im Londoner Ostend entgegentritt, da der Antisemitismus selbst in dem Lande, das Disraeli zum Posten des Premierministers emporsteigen ließ, keine Heimstätte gefunden hat. Den englischen Juden kann es nicht schwer geworden sein, sich zu entnationalisieren und mit dem Volke zu vermischen, dessen Kolonisationsehrgeiz vor dieser Betätigung im eigenen Lande nicht zurückschreckte. Offenbar sind sie sehr gut dabei gefahren. Lucas Cleeve führt uns nun den Sohn eines israelitischen Bankiers vor, Raphael von (!) Ritter (!!), der sich plötzlich auf die Religion seiner Ahnen besinnt. Der wie der Durchschnitt der jüdischen Kinder reich begabte Knabe wächst in einem Milieu auf, das seinen mit Vorliebe bei Jerusalem weilenden Träumen nicht förderlich ist. Das Streben und Trachten des aus Deutschland stammenden Vaters, Ruben von Ritter, ist darauf gerichtet, seinen Ältesten in einen waschechten Engländer zu verwandeln. Seine anderen Kinder sind weit gefügiger: sie heiraten ohne Gewissensbedenken in die verschuldete englische Aristokratie hinein. Auch Raphael verlobt sich – just in Oberammergau – mit einer armen Adligen. Als ihn aber sein Vater enterbt, weil er so ärgerlich aus der Art geschlagen ist, wird der Herzensbund von der Mutter der Braut gelöst. Sie soll es freilich bald bereuen, denn eine Madame Freudenthal aus Paris vermacht dem Schwärmer ihr halbes Vermögen. […] Nun ist er frei und reich. Nun kann er sich seiner armen jüdischen Brüder annehmen, darf sie nach Palästina geleiten und ihr Prophet werden. Hier ereilt ihn im Jahre des Heils 1895 das Verhängnis: während er in der Kirche des Heiligen Grabes eine flammende Osterpredigt hält, wird er von einem Russen erstochen. – Der Roman ist wohl nicht besser, aber auch nicht schlechter als die meisten seines Zeichens. Da der Inhalt an einem abfließt wie Öl von Wasser, hat man Gelegenheit, sich über mehrere unfreiwillig komische Einzelheiten zu freuen. […] ●● John Oliver Hobbes (Mrs. Craigie) muß es einen Akt der Selbstüberwindung gekostet haben, als sie sich entschloß, in The Vineyard zu schlichten Landmenschen und in philiströse Kreise herabzusteigen. Das Mondäne bleibt nun einmal das Element dieser englischen Ossip Schubin von amerikanischer Herkunft. [Ossip Schubin: Pseudonym von Aloisia Kirschner (1854-1934), einer deutschsprachigen böhmischen Schriftstellerin, die in ihren zahlreichen Romanen bevorzugt das Leben der oberen Gesellschaft ihrer Zeit schilderte.] Hier, wo sie nicht in der Gesellschaftsrobe rauschen darf, ist sie bloß eine schlecht verkleidete Salontirolerin. […] ●● Der Reiz der Persönlichkeit, die ihre Anonymität so standhaft bewahrt und die alle Welt als Gräfin Arnim kennt, ist auch schon stark im Verbleichen begriffen. Ihr jüngstes Buch The Adventures of Elizabeth in Ruegen, das die deutsche Tagespresse wie eine dichterische Offenbarung in den Himmel heben zu müssen glaubte, ist für den, der ihre früheren Plaudereien gelesen hat, lediglich eine Variation des alten Themas. Statt ihres Gartens hat sie diesmal die Insel Rügen als Rahmen benutzt, in dem sich ihre unterhaltsamen Figuren mit Grazie bewegen. […] Daneben wird die Gegensätzlichkeit deutschen und englischen Wesens wieder dankbar ausgemünzt. […] Das Ganze ist aber doch sehr dünn instrumentiert, selbst wenn man sich mit der Kargheit der Erfindung auszusöhnen vermag. […]“

Der verlorene Sohn. LE, Bd. 7, Nr. 11 (1. März 1905), 812-814.
Thomas Hall Caine, The Prodigal Son in deutscher Übersetzung und mit einem biographisch-bibliographischen Anhang von H. A. L. Degener (Leipzig: H. A. L. Degener 1904, 2 Bde). – „Schon Hall Caines vorletzter Roman The Eternal City gab zu der ernsten Erwägung Anlaß, ob er noch zur Literatur oder schon zum Warenhaus zu zählen sei. Da ich den ber…ühmten Dichter damals nicht sogleich mit elenden Schmierfinken in einen Topf werfen zu dürfen glaubte, hielt ich es für geraten, in den periodischen Musterungen der englischen Belletristik das schreiende Machwerk mit Grabesschweigen zu übergehen. – Nun ist sein neuestes Werk, Der verlorene Sohn, gleichzeitig mit dem englischen Original (The Prodigal Son, bei William Heinemann in London) in sieben Kulturländern erschienen, ‚und sind Ausgaben für Italien, Spanien, Portugal, Rußland, Polen und Serbien in tätiger Vorbereitung’. Da erwächst dem Kritiker, der in unverwüstlichem Optimismus wähnt, die Menschheit brauche nicht ausschließlich Lokalanzeiger-Schmöker zu lesen, die unabweisbare Pflicht, mit erhobener Stimme zu protestieren. Denn wir haben hier ein gottverlassenes Buch vor uns, in dem die Kunst von einer widerlichen Sensation verkuppelt wird; in dem die Wahrheit mit Dreschflegeln erschlagen wird; in dem sich einer Treibhausglut zuliebe ein krasser Effekt an den anderen reiht. Wartet nur, balde wird diese gepfefferte Mache zu neuem Leben auf allen Vorstadtbühnen erstehen! Es ist ein Jammer – nicht zuletzt um Hall Caine selbst, der an epischer Kraft Zola womöglich noch überbietet und mit dieser Hintertreppen-Geschichte – ich fürchte: für immer – aus der Geschichte des Schrifttums ausscheidet. Was gilt ihm bei seinen ungeheuerlichen Massenerfolgen das Nachleben? – Der Lebende hat recht. Es lebe das Leben! … ● Der Verleger, Übersetzer und Benachworter des Romans hat sich in seiner Trinität folgenden lapidaren Satz geleistet, der hier verewigt zu werden verdient: ‚Die sogenannten Dichter und Dichterlinge neuerer Zeit sind Schwachköpfe oder überspannt oder krank an Leib und Seele, oder sie gefallen sich und dem „Publikum“, im Schmutz zu wühlen, niedere Leidenschaften zu schildern oder zu erregen …’ Immerhin ist dieser drakonische Schimpfer so gnädig, eine rühmliche Ausnahme gelten zu lassen: ‚Unter den wirklich großen Dichtern und Geistesheroen unserer Zeit (ich dächte, es wären lauter Schwachköpfe) und unter denen aller Zeiten und Völker nimmt der Verfasser dieses Buches einen hohen, einen Ehrenplatz ein.’ Man brauchte, um dieses Werturteil zu erschüttern, lediglich eine dürftige Handlungsskizze zu entwerfen; aber selbst das wäre schon zu viel Ehre. Es genügt, ein paar Lichter aufzustecken. […] ●● Die Form des Romans gibt dem Inhalt nichts nach. Ganz so schlecht wie die Verdeutschung wird das Original ja nicht geschrieben sein. Doch die Trivialitäten sind geradezu kolportagehaft dicht gesät. Einige wenige Beispiele: […] – Mir scheint, damit darf man Hall Caine fürderhin den ‚zuschauenden mitleidigen Engeln’ überlassen. Bedauerlich bleibt es auf alle Fälle, daß ein Mann von so hervorragenden Gaben einen derartig strafwürdigen Mißbrauch damit treibt. Was tut’s? Er wird auch weiterhin seine Millionen verdienen. Der Lebende hat recht.“

Besprechungen. ES, Bd. 35, Nr. 1 (ca. 1. März 1905), 144-146.
Stewart F. Butchart, Sind die gedichte „Poem on Pastoral Poetry“ und „Verses on the Destruction of Drumlanrig Woods“ von Robert Burns? (Marburger Studien zur englischen Philologie, Heft 6 [zugleich Diss. Marburg 1901]). Marburg: N. G. Elwert 1903, 60 S. – „Wenn fragen nach der urheberschaft eines gedichtes allein durch den verstand entschieden würden, dann dürfte man getrost behaupten, Stewart F. Butchart [geb. 1869 in Dundee, M.A. St. Andrews 1890] habe keinen zweifel darüber gelassen, dass das vielumstrittene Poem on Pastoral Poetry Robert Burns zuzuschreiben sei. Was sich auf intellektuellem weg erreichen lässt, ist hier geschehen. […] Er gliedert sein thema scharf in drei teile, beschäftigt sich zuerst mit den gegnern seiner ansicht, erörtert dann die chancen der von andern vorgeschlagenen autoren und stützt zuletzt die eigene these. […] Sein bestes gibt dr. Butchart im dritten teil, der der wort- und reimkritik gewidmet ist. Infolge seiner grossen belesenheit in Burns ist er imstande, für jede einzelne phrase belegstellen zu bieten und dadurch seine anfängliche behauptung durch innere kriterien zu erhärten. Soweit überhaupt bewiesen werden kann, dass das Poem on Pastoral Poetry, trotzdem der kompetenteste beurteiler Gilbert Burns es leugnete, von seinem bruder Robert stammt, hat es Butchart wahrscheinlich gemacht. Aber einen eid möchte ich nicht darauf leisten und er hoffentlich auch nicht. ● Eine bemerkung zur sprache der abhandlung. Man lasse die herren ausländer ihre untersuchungen lieber in ihrer muttersprache vortragen, als dass man ihnen das köstliche instrument unserer muttersprache zum klimpern ausliefere. “ [Datiert 25.10.03].

Continental Chit-Chat. LE, Bd. 7, Nr. 12 (15. März 1905), 889-890.
Causerie von Mabel Humbert, geb. Rooke (1869-1943), erschienen in London: F. V. White o. J. [1897], 128 S. – „,Schnickschnack vom Kontinent’ steht über diesem angenehm geplauderten, höchst ergötzlich zu lesenden Büchlein, dessen vielgereiste Verfasserin ein ganzes Arsenal von Anekdoten auskramt. Sie hat sich mit gutem Erfolg in den europäischen Ländern umgeblickt, ohne britische Scheuklappen mitzunehmen [Verf. war mit einem Franzosen verheiratet (Scheidung 1908) und lebte zur Zeit der Abfassung des Buches in Dieppe], hat ein scharfes Auge für die Schwächen der Völker, ein geübtes Ohr für Spracheigentümlichkeiten und eine gewandte Feder, die sich aufs Fabulieren versteht. Der Reihe nach könnten die Kapitel so überschrieben sein: Sprache; Scherereien mit Zollbeamten; Preise in Hotels und Pensionen; Kochkunst; Musik; Hunde und Katzen; Kleidung, Erziehung in Deutschland, Bräuche bei Verlobungen und Hochzeiten (Ende gut, alles gut!). Für das Coupé kann man sich kaum eine amüsantere Lektüre wünschen, obgleich das Amüsante zum Teil so alt ist, daß es Adam seiner Eva nur noch mit Erröten erzählt haben kann. Ein Vorzug und eine Seltenheit dieses englischen Büchleins ist es auch, daß die Proben aus fremden Sprachen richtig angeführt werden; nur einmal hat sich Fräulein [!] Mabel Humbert gründlich verhauen, wenn sie von dem Studentenlied Gaudiamus ignitur spricht. Es scheint demnach, als ob die Damen noch nicht ganz reif wären, um aktiv zu werden.“

Neuere englische Belletristik. VI. VZ, 13. April 1905, Nr. 175.
Erörterung der augenblicklich zu beobachtenden Hochkonjunktur der englischen Gegenwartsliteratur in Deutschland, gefolgt von einer Rezension von Thomas Hall Caine, The Prodigal Son (London: Heinemann / deutsch bei Degener: Leipzig 1904); George Gissing, Veranilda (London: Constable 1904); Maurice Hewlett, The Queen’s Quair or the Six Years’ Tragedy (London: Macmillan / Leipzig: Tauchnitz 1904); Warwick Deeping, Uther and Igraine (London: Grant Richards / Leipzig: The English Library 1904); Anthony Hope [Anthony Hope Hawkins], Double Harness (London: Hutchinson / Leipzig: Tauchnitz 1904); John Oliver Hobbes [Mrs Craigie], The Vineyard (Leipzig: Unwin’s Library 1904); Elisabeth von Arnim, The Adventures of Elizabeth in Ruegen (London: Macmillan 1904); Lucas Cleeve [Adelina Georgina Isabella Kingscote], The Children of Endurance (Leipzig: Unwin’s Library 1904); Ethel Lilian Voynich, Olive Latham (London: Heinemann 1904); Jerome K. Jerome, Tommy and Co. (Leipzig: Tauchnitz 1904). ● „Unsere Verleger haben mit einem Mal die englische Literatur entdeckt. Es hat lange gewährt – unverhältnismäßig lange, wenn man bedenkt, wie vieles bei uns über die Grenze gelangt –, dafür wird jetzt aber der Import aus Großbritannien um so eifriger gepflegt. Gleichzeitig läßt sich ein entschiedener Rückgang der französischen Einfuhr feststellen. Zwar haben die Durchschnittsromane und vielleicht mehr noch die pikanten Novellen, die aus Paris kommen, noch immer ihr bestimmtes Absatzgebiet und erfreuen sich der besonderen Zuneigung gewisser Halbkreise; aber es scheint doch, als sei man der ewigen Ehebruchsmelodie, mag sie noch so blendend instrumentiert sein, auf die Dauer ein wenig überdrüssig geworden. Andererseits hat der englische Roman wegen seiner Feuer- und Diebesfestigkeit in Deutschland stets bei den Zeitungsredakteuren Gnade gefunden. Sie brauchten keinen Augenblick zu befürchten, die Gefühle irgendeiner zimperlichen Leserin zu verletzen: die englische Herkunft war ein Bürgschein für die Salonreinheit. Ferner empfahlen sich diese Werke durch die äußerlich spannende Handlung, die eigentlich bei der Teilung in so viele Schnitzel Grundbedingung ist; denn welcher vernünftige Mensch läßt sich, ohne aufzubegehren, zum Sklaven des Raums [sic] erniedrigen, wenn nicht als Entschädigung seine Phantasie angeregt oder seine Neugier mit eisernen Klammern festgehalten wird? Das spannende Moment ist also gewissermaßen der Zucker, mit dem die bittere Pille der schmerzlichen Abhängigkeit vom Raum bestreut ist. Was jedoch den Zeitungsleuten (zumal in der Provinz) willkommen war, schien unsern Verlegern, die sich natürlich nur von literarischen Ambitionen leiten lassen, häufig nicht gut genug. Dazu kam, daß die Neunmalweisen allerorten ausschrieen, die Produktion bei den englischen Vettern sei auf dem Zirkusniveau gelandet, die simple Familiengeschichte und der grelle Abenteurerschmarrn nährten jenseits des Kanals Herz und Gemüt. – Und nun regnet es etwa seit Jahresfrist englische Übersetzungen. Die mit ebensoviel Verleumdungssucht wie Unwissenheit ausposaunte Mär, daß es drüben keine Künstler gäbe, ist gründlich erschüttert. Wenigstens die Berufler sind bekehrt, wenn sich auch das große Publikum in begreiflicher Weise zurückhält. Ja, man darf ihm mit Freuden nachsagen, daß es gegenwärtig von seiner geradezu sprichwörtlichen Auslandsschwärmerei geheilt ist. Man mag einmal die Frage aufwerfen, wer in Deutschland denn überhaupt noch englische Romane im Original liest. Daß sich gegen frühere Zeiten ein beträchtlicher Umschwung vollzogen hat, ist unbestreitbar. Wie beispiellos populär waren, von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an, Dickens und Thackeray bei uns! Heute noch sprechen die älteren Leute mit Stolz von ihnen, schwelgen in seligen Erinnerungen an ihre erste Lektüre der Pickwickier oder des Eitelkeitsjahrmarktes und flüchten aus dem heillosen Realismus unserer Tage zu ihren Lieblingen, bei denen sie herzerquickenden Humor und erhebende Empfindung suchen. Es wäre ruchlos anzunehmen, daß sie diese Schriften in deutschen Übertragungen gelesen hätten, denn wie schlecht Dickens von dem ‚ersten Übersetzervolk der Welt’ (es wird bald eine Legende sein!) behandelt worden ist, das spottet jeder Beschreibung. Der Verlag Bernhard Tauchnitz in Leipzig könnte den Rückgang ziffernmäßig bezeugen. Wir haben unverkennbare Symptome dafür. Die vortreffliche Sammlung Heinemann – neuerdings The English Library genannt – gibt in sehr reichlich bemessenen Zwischenräumen nur noch ganz schwache Zeichen von sich, als wolle sie andeuten, daß sie nicht sterben kann; und die von dem Londoner Verleger F. Fisher Unwin begründete, in Leipzig angesiedelte Unwin’s Library macht krampfhafte Anstrengungen, um den Eindruck zu verwischen, daß sie nicht leben kann. Tauchnitz selbst behauptet sich, von solchen Konkurrenzunternehmungen unangefochten, auf der Höhe des Unterhaltungsromans, aber ich glaube, das Hauptkontingent seiner Leser stellen die den Kontinent bereisenden Angelsachsen und – die übersetzenden Damen. Ihre Anzahl oder Unzahl beweist vielleicht am schlagendsten die Abkehr des deutschen Publikums von englischem Lesefutter, wenn man nicht – was noch näher liegen mag – annehmen will, daß das Angebot in keinem Verhältnis zur Nachfrage steht. Denn das hieße der stilistisch empfindungslosen Menge zu viel Ehre antun, wollte man ihr nachrühmen, sie lasse sich von der beklagenswerten Erbärmlichkeit der Vermittlungen abschrecken. ● Immerhin, die englische Literatur ist en marche. Sie hat eine glänzende Rehabilitation erfahren, die möglicherweise durch einen Witz des Zufalls von der Schaubühne ihren Ausgang nahm, auf der sonst in England eine öde Dürre herrscht. Die Erfolge, die zwei Iren [Wilde, Shaw] und ein Schotte [Barrie] einheimsten, haben jedenfalls zu einer Revision des Urteils geführt. Danach ließ der Roman nicht mehr lang auf sich warten. Es war nur recht und billig, daß der Doyen George Meredith den Anfang machte. Und da ein Verleger dem andern die Butter auf dem Brot nicht gönnt, erschienen gleich zwei deutsche Meredith-Ausgaben [bei Bruns in Minden und bei Fischer in Berlin], von denen jedoch die von S. Fischer veranstaltete als die autorisierte und die bessere durchaus den Vorzug verdient. Freilich der berufene Meredith-Dolmetsch soll noch geboren werden. Hatte man sich schon über die englische Kolportage entsetzt, so bereitete jetzt diese literarische Reinkultur nicht minder Verlegenheit. Wer allerdings zum Verfasser des Richard Feverel oder gar des bis zur Unleserlichkeit literarischen Egoisten ein inneres Verhältnis gewinnen will, muß sich in englischem Wesen gründlich auskennen, so gründlich, daß die Engländer selbst Jahrzehnte gebraucht haben, um ihn zu würdigen. Im übrigen hat Arthur Eloesser bereits George Meredith in diesen Blättern zu charakterisieren versucht; ebenso den in französischem Feuer gehärteten George Moore, dessen sich der Verlag Egon Fleischel annahm. Moore hat eine höchst persönliche moderne Note, durch die er uns wirklich ‚sehr viel näher kommt’ als der aristokratisch arrierierte Veteran. War er [mit] seinen keltisch krausen Erstlingen ein Pionier des Naturalismus in Zolascher Manier, so hat er sich bald zu dem Realismus der Idee eines Balzac durchgerungen und einen symbolistischen Einschlag nicht verschmäht, in allen Wandlungen von einem sicheren künstlerischen Geschmack geleitet. Mit vereinzelten Büchern sind ferner letzthin zu Worte gekommen der als Schilderer von Land und Leuten in Wessex ausgezeichnete Thomas Hardy und der phantastische H. G. Wells, der als Novellist bisweilen zu philosophisch, als Philosoph zu novellistisch ist. Man sieht: eine reiche Ernte, und dabei sind der viel umstrittene Robert Browning nebst seiner seraphischen Gattin sowie Walter Pater – einer der größten Stilkünstler und Nachempfinder aller Zeiten – noch gar nicht erwähnt. Nun ist jedermann Gelegenheit gegeben, selbst ohne Kenntnis der fremden Sprache, sich mit englischer Literatur zu beschäftigen; vielleicht wird er dabei staunend die Entdeckung machen, daß alle Moderichtungen, die sich in buntem Zuge der Reihe nach auf dem Festland tummelten, im Keim auf dem ‚gekrönten Eiland’ [Shakespeare, Richard II., II. i. 40: ‚scepter’d isle’] vorhanden waren. Wie dann auch sein Urteil ausfallen mag: Ignoranz wird fortan nicht mehr als mildernder Umstand gelten können.“ ●● Auf MMs Rezension von Hall Caines The Prodigal Son braucht hier nicht näher eingegangen zu werden, da sie sich eng mit der Besprechung im LE vom 01.03.05 berührt. Aus dem gleichen Grund erübrigt sich eine detaillierte Betrachtung der Rezensionen der oben aufgeführten Romane von George Gissing, Maurice Hewlett, Warwick Deeping, John Oliver Hobbes, Elisabeth von Arnim, Lucas Cleeve und Ethel Lilian Voynich, für die auf die Besprechung im LE vom 01.01.05 verwiesen wird. Und dasselbe gilt auch für MMs Ausführungen zu Anthony Hopes Double Harness, die bis in einzelne Formulierungen hinein mit der Besprechung in der Nation vom 29.04.05 übereinstimmen. ●● Einzig neu ist die Besprechung von Jeromes ‚Schnurre’ Tommy and Co., die MM zum Abschluß seiner Sammelrezension E. L. Voynichs Olive Latham mit ihren ‚sinistren Aspekten des Lebens’ kontrapunktisch gegenüberstellt: „Darum, o Freunde, nicht diese Töne! sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudevollere. Der übermütige Jerome K. Jerome, Verfasser von Tommy and Co., möchte zum Schluß seine Reverenz machen. Herein, Du Schalk, und schlage Deine Purzelbäume! Ach, hätte doch Olive Latham Deine Schnurren lesen können; ihre seelischen Erschütterungen wären vielleicht durch leibliche geheilt worden: durch ein urkräftiges Lachen. Jeder Sauertopf, jeder Griesgram muß bei diesen Possen vergnügt werden wie bei Christian Morgensterns Galgenliedern. Tommy ist komischer als ein guter Clown (rara avis!). Wenn dies Wesen, das nicht weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, und dem man es auch nicht anmerkt – Dr. Smith, ursprünglich Herr Schmidt, muß es erst feststellen – in die Bude des armseligen Reporters hineingeschneit kommt, hält man sich bereits die Hüften. Wie sich Tommy dann nach wenig vertrauensvollen Experimenten am Kochherd zu einem gerissenen Interviewer entwickelt, das ist zum Brüllen. Und so geht es weiter durch tausendunddrei Faschingsscherze, bis Tommy zuguterletzt ihr weibliches Herz entdeckt. Wie immer bei Jerome ist die Sprache überwältigend; sie schwelgt im ruppigsten Cockney. Tradutore – traditore! Mag man sich hinterher auch eingestehen, daß das alles göttlicher Unsinn ist, es tut der Lust keinen Abbruch. Zirkus ist noch nicht das schlechteste Volksvergnügen, und das Lachen bleibt das Brot der Seele.“

Wilde, Wilde, Wilde … LE, Bd. 7, Nr. 14 (15. April 1905), 985-990.
Sammelrezension: 1. Sebastian Melmoth [Oscar Wilde], London: Arthur L. Humphreys 1904, 222 S. – 2. Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Aus dem Zuchthaus zu Reading. Ästhetisches Manifest: Drei Essais (übers. Hedwig Lachmann u. Gustav Landauer), Berlin: Schnabel 1904, 149 S. – 3. Oscar Wilde, Das Bildnis des Mr. W. H.  Lord Arthur Saviles Verbrechen (übers. Felix Paul Greve), Minden: Bruns o. J., 136 S. – 4. Oscar Wilde, Intentionen (übers. Ida u. Arthur Roeßler, mit einem Vorwort von Arthur Roeßler), Leipzig: Friedrich Rothbarth 1905, XXIV u. 213 S. – 5. Oscar Wilde, Salome (übers. Dr. Kiefer), Leipzig: Reclam o. J., 40 S. – 6. Wilde-Brevier (ed. Carl Hagemann), Minden: Bruns o. J., XII u. 134 S. – 7. Dal Young, Apologia pro Oscar Wilde (übers. Felix Paul Greve), Minden: Bruns o. J., 34 S. – 8. Felix Paul Greve, Randarabesken zu Oscar Wilde, Minden: Bruns o. J., 50 S. – 9. In Memoriam Oscar Wilde (ed. Franz Blei), Leipzig: Insel 1904, 98 S. – 10. Carl Hagemann, Oscar Wilde. Studien zur modernen Weltliteratur, Minden: Bruns o. J., 216 S. ●● „Trotzdem die Wilde-Literatur in den letzten zwei Jahren eine schier beängstigende Ausdehnung bei uns angenommen hat, kann man nicht behaupten, daß das Verständnis für den Menschen und Künstler gleichen Schritt mit ihr gehalten habe. Wohin ich forschend blick’, überall (mit verschwindenden Ausnahmen) begegnet man krasser Unkenntnis und einer entwaffnenden Unwissenheit. Nirgends, aber auch nirgends wird der Versuch gemacht, die nötige Distanz zu dieser vielfältigen Erscheinung unserer Zeit zu gewinnen, sie in historischem Lichte zu betrachten, sie in die englische Literatur einzuordnen, in der sie bei aller gallischen Okulation mit sämtlichen Fasern ihres Wesens wurzelt. Jeder Skribent meint hochnäsig, er könne sich über den wackern [Robert Harborough] Sherard [Oscar Wilde. The Story of an Unhappy Friendship (1902)] hinwegsetzen, ohne daß er sich auch nur die Tatsachen dieser Biographie zu eigen gemacht hätte. Jeder Theaterkritiker glaubt sich ein rotes Röckchen zu verdienen, wenn er von dem Gipfel seiner Modernität auf Wildes antiquierte Gesellschaftskomödien herabblickt. Jeder Universitätsprofessor fühlt sich in seiner Gottähnlichkeit, wenn er ihm eine Lücke in seiner Belesenheit, einen Trugschluß in seinen Theorien nachweisen kann. Den Grobianischen ist seine stilistische Eleganz ein Greuel, den Verfeinerten eine gefährliche Konkurrentin ihres Monopols. Die Moralpächter schütteln ihn entrüstet ab, die Satanischen lächeln über seine kleinen Inkonsequenzen. Und so ringen sie heute noch ebenso sehr um ihn wie zu seinen Lebzeiten. Was für eine grandiose Persönlichkeit muß dieser Oscar Wilde doch gewesen sein, daß ihr Zauber gar nicht verbleichen will! ● Herr Arthur Roeßler spricht allerdings die Vermutung aus, der ‚in Deutschland ausgebrochene Wilde-Rummel’ – Wilde hätte sich in Krämpfen gewunden, wenn er dieses Wort nur gehört hätte – sei ‚wohl von dem Komitee der organisierten Homosexuellen für deren Zwecke in Szene gesetzt’ worden. Wenn er ‚a Groat’s Worth of Wit’ besäße, hätte er im Gegenteil feststellen sollen, daß es endlich gelungen sei, den Dichter Oscar Wilde seiner üblen Gefolgschaft zu entreißen. Darin mag man das erfreulichste Symptom der deutschen Wilde-Renaissance sehen – wenn man überhaupt von einer solchen reden kann und will. Denn die Art dieses eminenten Künstlers und fast noch größeren Lebenskünstlers (worunter sich die Menge einen vorstellt, der mit seinem Budget geschickt zu balancieren weiß) bedingt es, daß er nur von verwandten Naturen gewürdigt zu werden vermag. Er wird also stets – zum Glück! – in partibus bleiben. Immerhin findet die deutsche Anerkennung auch allmählich in England ein Echo. Man getraut sich doch wieder, den Namen des lebendig begrabenen Toten zu drucken; George Alexander hat es gewagt, ein Drama von ihm zu spielen [The Importance of Being Earnest am 07.01.1902], das Publikum, diesem Stück einen überraschenden Erfolg zu bereiten; und die Einsichtigen beginnen zu ahnen, daß sie sich lediglich selbst vergessen haben, als sie den Dichter der Salome vergessen wollten. Wer weiß, ob sie ihn ihm Lande der ungezählten Sekten auf De Profundis hin nicht kanonisieren werden?* [Fußnote: * Inzwischen hat dies Werk dem Dichter zu einer glänzenden Rehabilitation in England verholfen.] ● Als letztes Dokument der Periode des schwachen Gedächtnisses wird der Band Sebastian Melmoth übrig bleiben. Bescheidentlich, in verschämten Klammern, steht Oscar Wilde darunter – der berühmte Name, den sein Besitzer nach der Kerkerhaft gegen den volltönenderen Sebastian Melmoth eintauschte. Indes, wir haben es hier nicht mit dem Delinquenten nach der Hinrichtung zu tun, sondern ein kunterbunter Strauß Aphorismen aus seinen früheren Werken wird ohne jede Anordnung dargeboten. Der echteste Pyrotechniker Oscar Wilde! Mit fast zuviel Geist und ein wenig einseitig dem Inhalt nach, aber formell von immer wieder verblüffendem Reiz: einer Knappheit und Anmut der Sprache, die ihresgleichen schwer zum zweiten Male findet. Den Beschluß des Bandes bildet der Essai The Soul of Man under Socialism. Was ‚Träume’ für den Tristan sind [Wesendonck-Lieder, Nr. 5], ist diese Abhandlung für De Profundis. ● Hedwig Lachmann und Gustav Landauer haben sie kürzlich verdeutscht. Früher dachte ich, Wilde habe wie sein Landsmann Shaw mit dem Sozialismus geliebäugelt; jetzt entdecke ich aber manchen persönlichen Zug darin: einmal die Verherrlichung Christi und dann die tiefe Verachtung der Journalisten. Sherard hat durchaus recht, wenn er die Ansicht vertritt, sie sei mit an Wildes Untergang Schuld gewesen. Die englische Presse hat eine unsagbar niedrige Rache an ihrem überzeugten Widersacher genommen. – Diesem glänzenden Plädoyer folgt ein schauriges Eingesandt an die Daily Chronicle über die unmenschliche Behandlung der Kinder in den Zuchthäusern – das erste, was der entlassene Sträfling schrieb; und er hatte die Genugtuung, es bald zu erleben, daß eine Wandlung zum Besseren eintrat. Wenn in diesem von gerechter Erbitterung durchbebten Artikel lediglich die beiden Sätze stünden: ‚Wo Zentralisation herrscht, herrscht Dummheit’, und ‚die Grausamkeit des Alltags ist nichts weiter als Dummheit’, so verdiente er schon der Vergessenheit entrissen zu werden. – Als dritte Spende reiht sich die zu umfassend ‚ästhetisches Manifest’ genannte Einleitung an, die Wilde der Gedichtsammlung des jungen Amerikaners [nein: englischen Studienfreundes] Rennell Rodd mit auf den Weg gab. Offenbar zielt er auf dieses Geleitwort, wenn er in De Profundis bekennt: ‚Ließ ich je einem Buche meinen Namen als Herold dienen, es wäre ein schwerer künstlerischer Irrtum gewesen.’ Die Übertragungen des trefflichen Dolmetschpaares Lachmann-Landauer sind literarische Leistungen. Wenn ich mir eine Ausstellung gestatten darf, so wäre es die: daß Wilde auch in Prosa schwerlich die etwas vulgären Wendungen ‚im Gefängnis eingesperrt’ oder ‚auf dem Holzwege sein’ gebraucht hätte. Ganz ausgezeichnet ist die Nachdichtung des Sonetts an die Freiheit gelungen. Der Versuch ist so wundervoll ausgefallen, daß ich Hedwig Lachmann mit aller Wärme ermutigen möchte, Wildes lyrische Gedichte recht bald in Angriff zu nehmen. Hier ist noch ein Schatz zu heben. ● Dagegen ist die amerikanisch grelle Erzählung Lord Arthur Saviles Verbrechen ein Talmidiamant. Der betriebsame Herr Felix Paul Greve hat die matte Novelle mit dem funkelnden Essai Das Bildnis des Mr. W. H. zu einem Bande zusammengestellt. Wie kann man? Wie kann man ferner Shakespeares Sonette in Prosa wiedergeben? Sprachlich gewandt, wiewohl ohne den letzten Schliff, ist das gemacht; ob auch zuverlässig, das möchte ich stark bezweifeln. ● So läge nun alles von Oscar Wilde in deutschem Gewande vor. Aber eine Ausgabe war den Übersetzern scheinbar nicht genug. Herr Arthur Roeßler hielt es darum für seine Pflicht, die Greve’sche Übersetzung der Intentions [1903] zu verballhornen. Schon sein Titel Intentionen ist ärgerlich verfehlt (Intentions heißt Motive – wie oft soll ich das noch wiederholen? [Siehe MMs Monitum im LE, Bd. 6, Nr. 8 (15.01.04), 542]. Nicht einmal die albernsten Schnitzer Greves, die ich hier angekreidet habe [ebd.], sind vermieden. Seltsam, höchst seltsam ist es außerdem, daß Greves Ignoranz hier in zweiter verbesserter Auflage erscheint. Wiederum liest man (S. 10) von einem James Henry (lieber Himmel, laßt doch dem Amerikaner seinen ehrlichen Namen Henry James!), wiederum taucht die alte Mrs. Oliphant in Hosen auf. Charles Reade wird hartnäckig Reades genannt. Auch sonst Ergötzliches in Hülle und Fülle: ‚ein Frühlingstag in Whiteley’ (als ob Whiteley ein idyllisches Städtchen und nicht der Wertheim von London wäre). Ich möchte den Vorstand der deutschen Shakespeare-Gesellschaft besonders auf Herrn Roeßlers Shakespeare-Kenntnisse hinweisen; vielleicht erhält er die Ehrenmitgliedschaft auf Grund von Stellen wie dieser: ‚die Prinzen Hal und Poins’ (S. 181) – Arthur fleht ‚Herbert’ um sein Leben an (S. 183) – ‚und nur dem Zufall … verdanken wir es, daß wir die Zwölf Nächte (gemeint ist Twelfth Night oder Was ihr wollt) in angemessener Aufführung zu sehen bekommen’. Dazu Quartanerfehler wie ‚document humaine’ (S. 8), ‚Charakteristikas’ (S. 147). Und so etwas übersetzt Oscar Wilde! Selbstverständlich sind das alles ‚nur’ Druckfehler; ich fürchte nur, der ganze Herr Arthur Roeßler nebst seinem weiblichen Komplizen ist bloß ein Druckfehler. ● Ebensowenig will es mir einleuchten, woher ein gewisser Dr. Kiefer das Recht nimmt, sich nach Hedwig Lachmann noch einmal der Salome zu nähern. Besser machen, Freund, oder den Mund halten! ● Auch gegen die Existenzberechtigung des von Dr. Carl Hagemann herausgegebenen Wilde-Breviers habe ich meine Bedenken. Ich dächte, die erste Bedingung eines Breviers wäre es, uns einen mustergültigen Text zu bieten. Dem unzuverlässigen Felix Paul Greve, der hier als Gewährsmann aufmarschiert, würde ich nicht über den Weg trauen. Hagemanns Anordnung der Sentenzen zeugt von methodischem Sinn, mutet aber ein wenig schematisch an. Was er gab, ist mehr ein unvollständiges Zitatenlexikon als ein Brevier. (Die Sammlung Oscariana [1895] hat übrigens Wilde nicht selbst besorgt.) ●● Nun zu den Schriften über Wilde. – Die Apologia pro Oscar Wilde (übersetzt von Greve) stehe voran, weil sie englischen Ursprungs ist. Sie erschien im Jahre des Skandals 1895, in dem sicher persönlicher Mut dazu gehörte, für einen Gebrandmarkten einzutreten. Das ist aber auch das einzige Gute, das sich der öden Arbeit des pseudonymen Dal Young [i.e. Dalhousie Young (1866-1921)] nachrühmen läßt. Und ein solches Machwerk wird nach zehn Jahren dem deutschen Publikum noch vorgesetzt und von einem anständigen Verlag mit marktschreierischer Reklame angekündigt als ein Unikum – ich hab’ es mir bei meinem Londoner Buchhändler für noch nicht ganz einen Schilling gekauft! Es betrübt einen tief, zu sehen, daß allmählich kein Schnaps mehr schlecht genug ist. ● Einen durchaus unerquicklichen Eindruck hinterläßt aufs neue der Essayist Greve in seinen Randarabesken zu Oscar Wilde. (Randarabesken, Arabesken zu – wie kann man?) Sie sind mit einem Wort ‚G’schnas’, durch das man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt. ‚Ja, ja,’ ruft der träumende Essayist dem Dichter zu, ‚ich weiß, was du willst. Ich soll es künden, wer du warst, soll sagen, was du selbst für die Nachwelt nicht zu sagen vermochtest …’ Dazu braucht Oscar Wilde Herrn Felix Paul Greve! Noch ein Satz: ‚Er ist in der französischen Sprache zu Hause wie deren Meister: was er französisch schrieb, gehört stilistisch zum Feinsten, was die Franzosen haben.’ O sancta –! Daß Wilde die Salome französisch schrieb, war eine Marotte. Ein solcher Meister des Englischen konnte eben nur eine Sprache beherrschen; und wirklich hat ihm Marcel Schwob das fremde Idiom gründlich durchkorrigiert. G’schnas, G’schnas! ● Seinen Wert empfängt das von Franz Blei herausgegebene, von Walter Tiemann mit einem feinen Titel geschmückte Büchlein In Memoriam Oscar Wilde durch den aus der Pariser Zeitschrift L’Ermitage längst bekannten Beitrag André Gides. Dieses wichtige biographische Dokument, von Künstlerhand aufgezeichnet, erscheint hier in einer deutschen Übersetzung, in die ganz unglaubliche Gallizismen eingeflossen sind. Ihm gesellen sich ein kurzer Aufsatz von Ernest La Jeunesse und ein noch kürzerer von Franz Blei selbst, den uns Otto Julius Bierbaum [als Herausgeber der Zeitschrift Die Insel] seit Jahr und Tag als einen Virtuosen des Stils aufreden will. Wenn nur in den zum Schluß angereihten Proben ein Hauch davon zu spüren wäre! Aber ich will Hans heißen, wenn – – u.s.f. ● Der große Franz Blei mit seiner ‚sprachlogischen Prägnanz’ fehlt natürlich auch in Carl Hagemanns Biographie nicht. Natürlich – denn er läßt sich nichts entwischen, was irgendwer irgendwo irgendwann ‚verkündet’ hat. Er strebt krampfhaft nach Modernität. Unmodern sein scheint ihm das höchste Laster. ‚Die Handlung seiner Stücke’, macht er Wilde zum Vorwurf, ‚ist meist unsagbar läppisch. Er mutet uns unbekümmert Dinge zu, die nicht nur nicht wahrscheinlich, nicht möglich, sondern die schlechterdings unmodern sind.’ [S. 56] Und doch ist das Moderne, wie es Dr. Hagemann kultiviert, nur die Mode von gestern. Seine Modernität ist das, was heut in der Zeitung steht, was gerade an der Tagesordnung ist. Also augenblicklich Shaw und Wedekind. Und da er ein sehr eifriger, lernbegieriger Herr ist, wird er nächstens zweifellos mit Meredith und George Moore und in zehn Jahren vielleicht auch mit Swinburne aufwarten. Einstweilen fühlt er sich selbst als Wilde-Biograph noch in der Rolle des advocatus diaboli: ‚Wilde, Wedekind und Shaw sind alle drei schrankenlose Individualisten … Wer sich nicht zu ihrer Welt- und Kunstanschauung bekennt, gehört damit gewiß noch lange nicht unter die literarisch-rückständigen, unmodernen und unempfänglichen Menschen. Ich kann mir recht gut sehr feinsinnige Leute denken, denen diese ganze Richtung nicht paßt.’ [S. 66] Klingt das nicht wie eine Entschuldigung der noch widerstrebenden Honoratioren von Essen und Umgebung? Und doch soll nicht geleugnet werden, daß Hagemann ernst mit seinem Gegenstand gerungen hat. Der Leichtfertigkeit kann man ihn nicht zeihen. Er hat sich sogar das Ziel gesteckt, ‚Studien zur modernen Weltliteratur’ zu bieten. Aber mit demselben Recht schreibt der Doktorand unter seine Dissertation über die Präposition ἀπο ‚ein Beitrag zur griechischen Kultur’. Nur das Einleitungskapitel spannt den Rahmen etwas weiter; darin werden allerhand Erscheinungen – auch ganz ephemere – zusammengestellt, um einen neuen Kultus des Gefühls daraus mit philosophischer Gebärde abzuleiten. Das Schlimmste ist und bleibt jedoch, daß Hagemann, ebenso wie Greve in seinem modernen Essai, durchaus mangelhaft über Oscar Wilde unterrichtet ist. Er hat Sherards Buch und André Gides Aufsatz gelesen; weiter nichts. So kommt es, daß beinah alle Tatsachen, aber auch alle, falsch oder ungenau sind. Der Abschnitt über Wildes Leben ist eine einzige Kette von Irrtümern. Ich würde nicht das geringste Gewicht darauf legen, wenn Hagemann wenigstens den Werken gerecht geworden wäre. Aber schon eine frühe Stelle läßt ahnen, daß ihm die englische Literatur ein böhmisches Dorf ist, und die Art, wie Wildes überaus charakteristischer Erstling mit ein paar allgemeinen Bemerkungen von bedauerlicher Trivialität abgetan wird, läßt vermuten, daß Hagemann die Gedichte niemals in der Hand gehabt hat. Statt dessen spielt er sich auf den gewiegten Wilde-Kenner hinaus, wenn er den Nachweis zu erbringen sucht, die Novelle Der Priester und der Ministrant stamme von Oscar Wilde, was für den Einsichtigen keinem Zweifel unterliegen könne. Tatsache ist, daß sie ein gewisser B. (wozu den Namen verewigen?) verfaßt hat; Wilde selbst hat dieses schlecht geschriebene, geschmacklose Machwert mit glühendem Zorn vor Gericht von sich gewiesen. Er hätte nun und nimmer auch nur einen Buchstaben seiner eigenen Schriften verleugnet. Wen er aber verleugnet hätte, das braucht nicht mehr besonders gesagt zu werden.“

Anthony Hopes Ehediorama. Nation, Bd. 22, Nr. 31 (29. April 1905), 491-492.
Anthony Hope [Anthony Hope Hawkins], Double Harness. – „In Anthony Hopes letztem Roman Double Harness (Zwiegespann, [1904] bei Hutchinson in London und in der Tauchnitz-Ausgabe erschienen) gibt es zwei Situationen, die man nicht so bald wieder vergißt. – Die eine betrifft das Ehepaar Imason. Frau Sibylla hat ihren Mann im Stiche gelassen, weil nicht alle Mädchenblütenträume reiften, und steht im Begriff, ihrem Liebhaber – einem jungen Laffen – auf seine Yacht zu folgen. Die ungünstige Witterung zwingt sie, in einem schäbigen Gasthofzimmer zu warten; aber das Unwetter hat den Ehemann, der von der geplanten Flucht Kunde erhielt, nicht gehindert, der Ungetreuen, die daheim einen kleinen Jungen hat, durch Sturm und Regen nachzureiten. Es kann kein Zweifel sein: Sibylla ist zum Äußersten entschlossen. Und nun pocht Grantley Imason an die Tür. Walter Blake riegelt auf. Was wird der verlassene Imason tun? Sich auf den Liebhaber stürzen? Ihn niederknallen? Nein, er nimmt gar keine Notiz von ihm. Er spricht über dessen Kopf hinweg, während seine Augen starr auf seine Frau gerichtet sind. Keineswegs verlegt er sich aufs Bitten, indem er ihre frühere Liebe ins Treffen führt – dazu ist er zu stolz –, sondern er erklärt mit kategorischer Bestimmtheit, er werde sich und seinen Sohn töten, falls Sibylla nicht sofort mit ihm zurückkehre. Sie ist entsetzt über diese Drohung, schwankt aber noch immer. Da kommt ihr der Liebhaber zu Hilfe: er kann den Gedanken nicht ertragen, daß er zum Mörder des unschuldigen Knäbleins werden soll. Das gibt den Ausschlag. Sie dankt ihm für die Liebe, die er ihr erzeigt, und folgt ihrem Eheherrn in die Nacht hinaus. Walter Blake aber sinkt auf einen Stuhl und schluchzt hilflos wie ein geängstigtes Kind ... – Die andere Szene führt uns zu dem Ehepaar Courtland. Tom Courtland, ein sehr wohlhabender Kaufmann, steht vor dem Ruin; er braucht Riesensummen, will er das Verderben abwenden. Der gutmütige Imason hat ihm die Hälfte vorgestreckt – die Frage ist: wird er in seinem Bekanntenkreis einen zweiten finden, der ihm so viel Geld leiht? Als einziger käme vielleicht der reiche Junggeselle Caylesham in Betracht. Und da die Not nicht nur erfinderisch, sondern auch wenig wählerisch macht, verfällt Courtland auf den Gedanken, seine Frau mit der heiklen Aufgabe zu betrauen. Ein Junggeselle wird doch einer ihm befreundeten Dame eine so delikate Bitte nicht abschlagen. Christine sträubt sich anfangs gegen die Zumutung, wozu sie ein Recht hat, weil sie von Geldgeschäften nichts versteht; aber als Tom immer dringlicher wird und ihr vorhält, daß dies die einzig mögliche Rettung sei, scheint es ihr geraten, ihren Widerstand nicht auf die Spitze zu treiben, um Tom nicht Verdacht schöpfen zu lassen. Zwischen Christine Courtland und Caylesham haben nämlich in früheren Jahren Beziehungen bestanden, von denen der betrogene Gatte nichts weiß. Er ist ein zu anständiger Charakter, als daß er seine Frau zu diesem schweren Gang ermutigte, wenn er eine Ahnung von ihrem Verhältnis zu Caylesham hätte. Sie willigt also schließlich nach heftigem innerem Kampf ein und sagt sich bei ihrem alten Liebhaber an. Der empfängt sie mit ausgesuchter Höflichkeit. Gewiß sei sie gekommen, um ihre Liebesbriefe zurückzuverlangen. Christine teilt ihm mit, was sie zu ihm geführt, und bittet ihn, ihrem Manne das Geld nicht zu leihen. Sie tut es nicht aus einer neu erwachenden oder noch nicht erloschenen Neigung zu ihrem ehemaligen Liebhaber, weil sie etwa denkt, Tom sei doch nicht imstande, die große Summe zurückzuzahlen – sie handelt so aus Liebe zu ihrem Manne, weil sie ihm diese moralische Niederlage ersparen will, und vor allem, weil sie nicht will, daß ihm diese Torheit enthüllt werde. Trotzdem gibt Caylesham in einer Anwandlung von Mitleid das Geld her. – Ist die erste Situation für britisches Fühlen und Denken besonders bezeichnend, so erhebt sich die zweite über die Schranke des Völkerpsychologischen in das Reich des Allgemein-Menschlichen. Damit hätten wir die beiden Pole des Anthony Hopeschen Eheromans. ● Wie der Titel verrät, sieht der Dichter die Ehe im Bilde eines von zwei Pferden gezogenen Wagens. Caylesham, der als Junggeselle zum Räsonneur der Berufenste ist, weil er nicht auf den Zinnen der Partei steht, hält dem jungen Walter Blake ein Privatissimum über das Kutschieren: ‚Nehmen wir einmal an, ich habe zwei Pferde und du hast auch zwei Pferde, jedes meiner Pferde ist vielleicht besser als deine beiden Pferde; aber wenn es sich darum handelt, sie einzuspannen, hast du unter Umständen doch das bessere Paar. Zwei gute geben nicht immer ein gutes Paar ab.’ Anthony Hope zeigt ohne allen Schematismus und frei von billiger Kontrastierung an fünf Ehepaaren, daß sie einzeln ausgezeichnete Menschen sein mögen, vereint an Wert einbüßen, weil sie ihre Individualität nicht unterordnen wollen oder können. Das Einzelwesen mag noch so vortreffliche Eigenschaften besitzen: sobald es sich einem Partner gesellt, muß es Opfer bringen. Verheiratet sein heißt Kompromisse machen, Rücksicht nehmen, sich anpassen. Nur wenn beide Teile nach derselben Seite ziehen, rollt der Wagen vorwärts; ist ihr Wille dagegen nicht auf dasselbe Ziel gerichtet, so kommen sie gleichermaßen zu Schaden. Wie es im Himmel keine Ehen gibt, gibt es auch keinen Himmel in der Ehe. Darum empfiehlt es sich von vornherein, alle verstiegenen Ideale, den Glauben an eine immerwährende Ekstase abzulegen und sich mit der realen Unabänderlichkeit auszusöhnen. Die holde Träume dichtende Phantasie frommt in der Ehe nichts; sie scheitert gar bald und räumt dem gesunden Menschenverstand das Feld. ‚Sensible people try to make the best of it’ – lautet Bernard Shaws Eherezept [in Man and Superman]. – Und das Beste, was Anthony Hope weiß, wenn schwere Irrungen zu einer Entfremdung geführt haben, heißt – Vergessen. Das scheint freilich den Erwachsenen nicht immer möglich, aber mit einigem guten Willen sind auch sie imstande, wenigstens beinahe zu vergessen. Die Kinder sind eher bei der Hand zu vergeben, weil sie nichts verstehen. Alles verstehen heißt dagegen beinahe vergessen – aber doch nur beinahe. So läuft diese Ehephilosophie zwar auf einen Gemeinplatz hinaus, aber es fragt sich, ob sich der Ehe anders beikommen läßt … ●● Immerhin war dies für Anthony Hope kein Hinderungsgrund, einen der amüsantesten Unterhaltungsromane der letzten Jahre zu schreiben. Amüsant und Unterhaltungsroman – das sind gleich zwei Sünden! Zum Glück nicht in England, wo die Literatur noch erheitern darf. Wo sie es sogar soll. Recht im Gegensatz zu den ungezählten französischen Eheromanen, in denen der Schmutz, und den gequälten skandinavischen, in denen die Hysterie vorherrscht (von den deutschen laßt mich schweigen), hat sich Anthony Hope kein Gewissen daraus gemacht, das Problem der Ehe in ganz unproblematischer Weise, an ganz unproblematischen Charakteren zu behandeln. Seine Figuren sind weder neu noch sind sie tief; sie lassen nicht unter dem Seziermesser eines Seelenchirurgen in psychische Abgründe schauen, aber sie vermögen uns an der Hand eines geschickten Regisseurs zu interessieren. Nur darin hat er es ein wenig versehen, daß er just für die Protagonisten einen etwas vagen, ausgeklügelten Konflikt ersann. Sonst ist die Erfindung glücklich und reich – so reich, daß drei deutsche Romane davon bequem zehren könnten. – Und endlich besticht die Sprache durch ihren künstlerischen Schliff. Von Trockenheit und Gesuchtheit hält sie sich gleich fern. Hope schreibt einen ganz entzückenden Dialog, der an die besten Traditionen des englischen Romans anknüpft. Er versteht zu plaudern und durch einen eleganten, weltmännischen Humor zu erwärmen. Sein Geist artet nie in jene krampfhafte Geistreichigkeit aus, die bei den Nachahmern George Merediths so verstimmt, weil weder die kühne Phantasie noch die Sprachprägnanz des Vorbildes dahinter steckt. – Man wäre in Verlegenheit, sollte man einen deutschen Erzähler namhaft machen, der von Anthony Hopes Art eine Anschauung erwecken könnte. Am nächsten kommt ihm wohl noch Ernst v. Wolzogen. Aber neben dem feudalen Engländer nimmt sich der deutsche Baron zuweilen recht bürgerlich aus, um nicht zu sagen: spießbürgerlich. Ich weiß nicht, ob wir es zu beklagen brauchen, daß uns solche Unterhaltungsschriftsteller fehlen; das steht jedoch fest: hätten wir sie, dann hätten wir auch jene Kultur, die wir annoch so sehr im deutschen Roman vermissen.“

Die Brownings. LE, Bd. 7, Nr. 17 (1. Juni 1905), 1242-1246.
Sammelrezension (Essay). – 1. Robert Browning u. Elizabeth Barrett Browning, Briefe (übers. Felix Paul Greve), Berlin: Fischer 1905, 495 S. – 2. Elizabeth Barrett Browning, Sonette nach dem Portugiesischen (übers. Marie Gothein), Leipzig: Diederichs 1903, XLIV S. – 3. Robert Browning, Paracelsus (übers. Felix Paul Greve), Leipzig: Insel 1904, 260 S. – 4. Robert Browning, Pippa geht vorüber (übers. H. Heiseler), Leipzig: Insel 1903, 102 S. – 5. Robert Browning, Die Tragödie einer Seele (übers. F. C. Gerden (Greve?)), Leipzig: Insel 1903, 67 S. – 6. Robert Browning, Auf einem Balkon. In einer Gondel (übers. F. C. Gerden), Leipzig: Insel 1903, 68 S. ●● „Als Douglas Jerrold [Theaterschriftsteller, Journalist und Freund Dickens’ (1803-1857)], von einer Krankheit genesen, zum ersten Mal wieder ein Buch lesen durfte, griff er zu einem Band Browning [Sordello]; aber er legte ihn sehr bald wieder aus der Hand und schrie schmerzvoll auf: ‚Großer Gott! Ich bin ein Idiot. Mit meiner Gesundheit geht es nun, aber mein Verstand ist hin. Ich kann nicht mehr zwei Zeilen eines englischen Gedichts verstehen.’ Der Rekonvaleszent tröstete sich erst, als ihm seine Angehörigen versicherten, sie befänden sich genau in der gleichen Lage. Und ebenso ergeht es noch heute allen Menschen, die nicht zufällig Mitglied der Browning-Society waren. Und selbst die fielen von einer Verlegenheit in die andere, zumal wenn ihre hartnäckigen Deutungsversuche von dem Dichter so wenig unterstützt werden wie durch die folgende Auskunft: ‚Als das Gedicht entstand, kannten nur zwei Leute seine Bedeutung – Gott und Robert Browning. Jetzt weiß Gott allein, was es bedeutet.’ Wer dazu verurteilt ist, fünf Bücher dieses Mysticissimus hintereinander zu lesen (womöglich noch in deutschen Übersetzungen), und darüber nicht den Verstand verliert, der hat überhaupt keinen zu verlieren. ● Ellen Key, Germaniae praeceptrix verbosa, hat die Brownings begeisterungstrunken in ihrem ekstatischen Essaiband Menschen [1903] vorgestellt. Vermutlich, weil sie an ihnen die denkbar besten Demonstrationsobjekte für ihre Anschauungen über Liebe und Ehe fand. Sie bestieg also den Sokrateskorb ihres Luftballons ‚Siebenter Himmel’ und streute aus seligen Höhen dem Elitepaar Blumen herab, während sie ihre Lobeshymnen anstimmte. Die deutschen Verleger spitzten die Ohren, und Herr Greve stürzte sich auf die Arbeit ... – ‚Wenn Robert Browning (schreibt Tante Ellen) den Inhalt des kleinen Schreins vernichtet hätte, in dem er sorgsam seine und Elizabeth Barretts Briefe geordnet hatte – dann würde nach der höheren Rechenkunst die Menschheit mehr verloren haben, als wenn die ganze Bank von England zu Asche geworden wäre.’ [S. 142] Diese Briefe sind allerdings ein Schatz, zumal für den Psychologen, weil sich darin zwei Menschen von höchstem Seelenadel, von beispielloser Lauterkeit des Denkens und Empfindens rückhaltlos offenbaren, zwei ganz unproblematische Menschen, deren Gefühle frei von aller Kompliziertheit sind und sich mit wahrhaft kindlicher Einfalt geben. Aber diese Briefe, unschätzbar als Seelenurkunden, sind zugleich von einer apokalyptischen Dunkelheit, einer – ob gewollten oder unbewußten, stehe dahin – Sprunghaftigkeit der Gedanken, neben der die verwegensten Schrullen der Romantiker als Paradigmata der reinen Vernunft erscheinen, und überdies (unter uns gesagt) bodenlos langweilig. […] – Browning selbst hat ja (S. 302) bekannt, daß er ‚stottere und einfache Dinge unverständlich mache’. Es ist nun reizvoll zu beobachten, wie Elizabeth Barrett allmählich von seinem Irrgartenstil angesteckt wird. Anfangs schreibt sie noch artikulierter als er, nicht so ‚in tausend Zungen stammelnd’, aber je mehr sich ihre Ideenwelt der seinen anpaßt, je weiter der seelische Amalgamierungsprozeß fortschreitet, der beide zu einer wunderbaren Harmonie des geistigen Lebens verflocht, desto tiefer wird sie in seinen Wortstrudel hineingerissen. Und nun überbieten sie sich gegenseitig in der Kunst zu orakeln, und was uns wie ein krauses Versteckspiel mit Empfindungen anmutet, die in Satzungeheuern verkapselt sind oder in gehäuften Anakoluthen irrlichtelieren, das findet bei ihnen mühelos den Weg zum Herzen und dünkte sie gewiß schließlich auch die einzig mögliche, weil ihnen selbstverständliche und nur ihnen verständliche Form. Unter all den Millionen Menschen haben sich nie zwei so bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens verstanden wie Robert Browning und Elizabeth Barrett Browning; vielleicht ist es darum all den Millionen Menschen nicht vergönnt, sie zu verstehen. Man muß sie erraten, wie die Sprüche der delphischen Pythia, traumhaft ahnen, wie unbegreifliche Schicksalsfügungen, instinktmäßig wittern, wie Spuren im Dunkeln. Und sie sahen sich im glorreichen Lichte des Tages und wurden zueinander gebracht, wie der Wind den Blütenstaub zur Eizelle trägt. […] ● Man wird zum Zeugen eines ans Wunderbare streifenden Vorgangs in zwiefacher Hinsicht: die Liebe als mächtigste Suggestivgewalt erweckt ein seraphisches, bresthaftes Wesen zu neuem Dasein, so daß sie einem Kinde Leben von ihrem Leben schenken kann, und fördert ferner aus dem geheimen Schacht ihres starken Herzens das Edelmetall ihrer Poesie zu Tage, so daß sie zur größten modernen Dichterin emporwächst. – Denn die schönste Frucht ihres Bundes war nicht ihr Sohn, den ich (er verzeih es mir in Gnaden!) ein wenig als Stilwidrigkeit empfinde, sondern die vierundvierzig Sonette nach dem Portugiesischen, die Robert Browning als köstlichsten Nachklang froh- und trüber Zeit von seiner Gattin empfing. Diese 616 Zeilen wiegen die dritthalbmal soviel Seiten ihres Briefwechsels auf. Man hat Elizabeth Brownings Liebessonette mit Recht neben die Shakespeares gestellt, und es wäre nicht vermessen, ihnen sogar den Vorzug zu geben, wenn man sich erinnern wollte, wieviel traditionellen Schmuck der Renaissance der Dramatiker in der Lyrik mitschleppte (ganz abgesehen davon, daß uns ihre Deutung verwirrt). Hier ist alle Sehnsucht, alle Liebe, alle Dankbarkeit der Briefe potenziert und in der Form kondensiert; gegenüber dem wulstigen, verschnörkelten Stil, der dort ein Echo der Browning-Schreibweise ist, bricht hier frauenhaftes Empfinden mit schlackenloser Reinheit durch. Ich will ein Beispiel anführen, um zugleich von Marie Gotheins Übersetzerfertigkeit einen Begriff zu geben: […] Das ist eine durchaus achtbare poetische Wiedergabe, die durch besonnenen Geschmack ersetzt, was ihr an Inspiration und Ursprünglichkeit des Ausdrucks gebricht. Nun ist behauptet worden, Marie Gotheins Versuche blieben allzuweit hinter der Fülle des Originals zurück, die sich durch eine Übertragung in rhythmischer Prosa eher einfangen lasse. Die strenge Gliederung des Sonetts ist sein halber Reiz; darauf verzichten wollen heißt die farbige Instrumentation einer Symphonie dem trockenen Klavier ausliefern. Was soll also der wenig künstlerische, gemeinplätzliche Einwand? Ich dächte, wir dürften zufrieden sein, wenn alle unsere Dolmetsche so von feinem Gefühl und sicherem Takt geleitet würden. ● Und ich wollte es auch sein, wenn die Übersetzungen von fünf Dichtungen Robert Brownings, die der Insel-Verlag (dem Stil nach zu schließen) an denselben Attentäter verraten hat, nicht den Eindruck einer ärgerlichen Karikatur hervorbrächten. Nie hat es einen unübersetzbareren Dichter gegeben als Browning, weil es nie einen dunkleren gegeben hat. Der Vermittler müßte in erster Linie das Chaos seiner Gedanken durchleuchten oder neu aus sich selbst heraus gebären, denn übertragen (in doppelter Bedeutung) läßt sich das nimmermehr. Dunkelheiten der Sprache von zweiter Hand nehmen sich wie unbehauene Partien eines Marmorblocks aus; wie verwischte Flächen einer Radierung. Die hier befolgte Wortwörtlichkeit, die sich weder eine Klärung der Form noch eine Erklärung des Inhalts angelegen sein läßt, führt einfach zu einem lächerlichen Zerrbild. Und wieviel Unsinn mag sich erst im einzelnen eingeschlichen haben! Man lese eine Seite dieser abstrusen Machwerke einem unbefangenen Publikum vor: es wird ihm ergehen wie dem Schüler im Faust, wenn es nicht vermutet, in ein Tollhaus geraten zu sein. – Ob die Originale freilich eine wesentlich andere Wirkung ausübten, bleibe unentschieden. Die meisten Menschen werden sich Robert Browning gegenüber stets in derselben Lage befinden wie Carlyles Frau, die nach der Lektüre des Sordello die Frage aufwarf, ob Sordello ein Mann, eine Stadt oder ein Buch sei? Immerhin leuchten in dieser ägyptischen Finsternis intervalla lucida von ungeheurer Kraft auf, und wer einen geheimen Schatz zu finden hofft, darf sich die Mühe des Grabens nicht verdrießen lassen.“

Die Entstehungsgeschichte von Goldsmiths Vicar of Wakefield. LE, Bd. 7, Nr. 19 (1. Juli 1905), 1440-1441.
Eine Dissertation von Bernhard Neuendorff (1881-1915), erschienen Berlin: Mayer & Müller 1903, IV u. 107 S. – „Mit einem rührenden Fleiß, den die philosophische Fakultät der Berliner Universität preisgekrönt hat, ist der Verfasser dieser Dissertation den Spuren Oliver Goldsmiths nachgegangen, um zu beweisen, daß dessen Hauptwerk mosaikartig aus literarischen Reminiszenzen zusammengesetzt ist. Er schießt dabei, wie alle jungen Doktoranden, so bedenklich übers Ziel, daß einen während der Lektüre seiner Schrift die Frage nicht verläßt, ob diese Jünger der Wissenschaft denn überhaupt eine Ahnung davon haben, wie ein Kunstwerk entsteht. Die Phantasie als Urquell aller Kunst scheint für sie gar nicht zu existieren; um so lebhafteren Gebrauch machen sie selbst von der Phantasie, indem sie mit einer Spürsucht sondergleichen bemüht sind, für alles literarische Vorbilder zu entdecken. Das geht hier soweit, daß selbst für die sechs Kinder der Familie Primrose bei Goldsmith die sechs Kinder der Familie Adams [in Joseph Andrews] bei Fielding als Quelle herangezogen werden. Im wesentlichen kommt Neuendorff zu folgenden Ergebnissen: die Anfänge des Vicar of Wakefield reichen schon in das Jahr 1757 zurück; für die Familie Primrose sind neben Erinnerungen an das Elternhaus vornehmlich der Joseph Andrews und der Tom Jones von Fielding als Modelle benutzt; daneben ist ein starker Einschlag Richardson’scher Motive unverkennbar. Persönlich hat mich am meisten interessiert, daß Goldsmith für seinen Roman 60 Pf[und] St[erling] erhielt – was wohl etwa dreitausend Mark nach heutiger Rechnung gleichkommt – und sich über dies Honorar beklagt hat. Es gab also damals unzufriedene Autoren und gewinnsüchtige Verleger. O quae mutatio rerum!

Führende Dichter im Zeitalter der Königin Viktoria. LE, Bd. 7, Nr. 20 (15. Juli 1905), 1516-1517.
Ein Buch über viktorianische Lyrik von F[rancis] H[eveningham] Pughe, Wien: Carl Konegen (1904), 104 S. – „Auf seine vergleichenden Studien über Byron und Wordsworth, die vor zwei Jahren erschienen, läßt Dr. Pughe nun die führenden Dichter im Zeitalter der Königin Viktoria folgen. Als solche gelten ihm Tennyson, ‚der poetische Stimmführer des Zeitalters’, Robert Browning und seine Gattin, Matthew Arnold, William Morris, Swinburne, Rossetti und seine Schwester Christina. Auch der kürzlich verstorbene Edwin Arnold, die lustige Person des Hofdichters [Poet Laureate] Alfred Austin, [Austin] Dobson, Edmund Gosse und Rudyard der Große [Kipling] werden flüchtig erwähnt. Zwar erklärt das einleitende Kapitel durchaus zutreffend, das Zeitalter der Königin Viktoria stelle sich als ‚eine der bedeutendsten Prosaperioden der englischen Literatur’ dar und der Roman habe sich zu der Bedeutung aufgeschwungen, die das Drama für Shakespeares Zeitalter besaß, aber trotzdem müssen die Romanschreiber seltsamerweise den Versschmieden weichen – also einmal umgekehrt das Bessere dem Guten. Auch Dr. Pughes Auslese soll uns nicht beschäftigen; nur als Kuriosum sei verzeichnet, daß der Name George Meredith – ich meine hier nicht den Dichter des Richard Feverel, sondern von Modern Love – nicht ein einziges Mal begegnet. Doch wozu soll man mit dem Verfasser rechten, weil er den Begriff des Dichters mit insularer Enge faßt, wozu soll man sich mit ihm auseinandersetzen, weil er den oder jenen ausgelassen hat – was dasteht, entwaffnet eigentlich schon jede Kritik. Es kam dem Verfasser hauptsächlich ja darauf an, ‚den Leser dazu anzuregen, zunächst die Dichter des Zeitalters in ihren eigenen Werken aufzusuchen und kennen zu lernen, und in zweiter Reihe ihre künstlerische Bedeutung und ihre Bedeutung als geistige Führer ihrer Zeit in der Wertschätzung nationaler Kritiker zu würdigen’. Das heißt auf deutsch: Dr. Pughe begnügt sich damit, [George] Saintsbury [A History of 19th Century English Literature (1896)], [Hugh] Walker [The Greater Victorian Poets (1895)], [Edmund Clarence] Stedman [Victorian Poets (1875)] und andere a.a.O. sprechen zu lassen, eine bewährte Walze einzulegen, wenn ihm der Atem ausgeht, aus sechs Büchern ein siebentes Büchlein zu destillieren. Solches Verfahren hätte aber bloß Sinn, wenn der deutsche Leser mit den hier behandelten englischen Dichtern eine feste Vorstellung verknüpfte, was sich im günstigsten Falle von dem einen Tennyson behaupten läßt; sonst kann es ihm wirklich – um Hauptmannsch zu reden – Wurschtsuppe sein, wie der oder jener englische Literaturprofessor, dessen Namen er wahrscheinlich nie gehört hat, über das oder jenes Gedicht eines Poeten urteilt, von dem er höchstens den Namen gehört hat. Der Kenner der englischen Literatur wird es dagegen in jedem Falle vorziehen, Saintsbury zu lesen, denn Dr. Pughes Deutsch ist vorläufig noch recht verbesserungsbedürftig. Leider sind es auch seine Kenntnisse der englischen Literatur. Ich will denn doch einen Begriff davon zu geben suchen, was Dr. Pughes Buch in Wahrheit ist. Angenommen, ich wollte die Engländer mit einigen im ‚Vaterland’ berühmten deutschen Dichtern bekannt machen, schriebe also ein englisches Buch und zitierte nun bei jeder passenden und bei manchen unpassenden Gelegenheiten Richard M. Meyer [Die deutsche Literatur des neunzehnten Jahrhunderts (1900)], aber bisweilen auch R[udolf] v. Gottschall [Die deutsche Nationalliteratur des neunzehnten Jahrhunderts, 4 Bde (7. Aufl. 1901/02)] und Adolf Bartels [Geschichte der deutschen Literatur, 2 Bde (1901/02)]. Was würden meine deutschen Kritiker sagen, wenn ich die Kühnheit hätte, in dem Abschnitt über Annette v. Droste etwa folgenden Satz zum besten zu geben: ihre epischen Versuche (worunter die prächtige Judenbuche) sollen nach Professor Richard M. Meyer in den Einzelheiten von unübertrefflicher Wahrheit sein? [S. 124] Was würden meine deutschen Kritiker sagen, falls ich Sturm schriebe, wenn ich Storm meinte, und Hebel, wenn Hebbel? Was würden meine deutschen Kritiker sagen, wenn mein englischer Wortschatz zur Charakterisierung von Dichtwerken nicht über ‚beautiful’ und ‚fine’ hinausreichte? Sie würden sagen: ich möchte zuerst einmal die betreffenden Gedichte lesen; es wäre ihnen höllisch gleichgültig, was Prof. Meyer a.a.O. sagte, das könnten sie jeder Zeit in dessen Literaturgeschichte nachschlagen; sie bewunderten meine Unfähigkeit zu charakterisieren, von meinen mangelnden Kenntnissen ganz zu schweigen; und sie würden mir raten, das nächste Mal, wenn ich englisch radebrechte, meine Niederschrift vorher von einem Engländer korrigieren zu lassen. Die Nutzanwendung für den Verfasser ergibt sich hoffentlich von selbst. Aber mit Genugtuung sei wenigstens festgestellt, daß die wissenschaftliche Objektivität wieder einmal gerettet ist.“

George Gissings letzter Roman. Nation, Bd. 22, Nr. 46 (12. August 1905), 733.
George Gissing, Will Warburton (London: Constable 1905). – „Am 28. Dezember 1903 ist, wie ich in diesen Blättern [am 09.01.04] erzählt habe, erst sechsundvierzig Jahre alt, George Gissing in dem südfranzösischen Badeorte St. Jean de Luz am Fuße der Pyrenäen gestorben. Ein Mensch – ein Kämpfer; ein köstlicher Mensch – ein kämpfender Künstler. – Nun liegt aus seinem Nachlaß schon der zweite und hoffentlich der letzte Roman vor: nach der historischen Veranilda der realistische Will Warburton. Beide künstlerisch matt, zumal neben der prachtvollen Beichte Henry Ryecrofts [in den Private Papers of Henry Ryecroft (1903)], und doch menschlich nicht ohne Reize, so daß man ihrer noch gedenkt, wenn der Verstand sie längst ein wenig ungnädig beiseite geschoben hat. ● Veranilda war der Versuch eines unablässig an seiner Vervollkommnung arbeitenden Schriftstellers, seinem Talent weitere Grenzen zu stecken. Archäologische Studien, die sich in den Falten der geschichtlichen Einkleidung bequem unterbringen ließen, waren dem ehemaligen Hauslehrer von jeher ans Herz gewachsen; hier konnte er sie an einem Stoffe aus der Zeit des Gotenkönigs Totila mit der Freude des Fachmanns, doch ohne archaistische Aufdringlichkeit verwerten. Leider hatte er nicht den Mut oder nicht mehr die Kraft, eine neue Form für das alte Gewand zu finden, und hielt sich auf der ausgetretenen Heerstraße, statt einen eigenen Weg zu suchen. Die historische Fabel war ein Prokrustesbett, in das sich die Persönlichkeit Gissings nicht recht hineinzwängen lassen wollte. Individuelles Gepräge hatten eigentlich nur ein paar Kapitel gegen den Schluß hin, in denen der vom Todesengel beschattete Dichter resigniert von der herrlichen, in all ihrer Ungerechtigkeit herrlichen Welt Abschied nahm und süßen Frieden herbeisehnte. [Vgl. MMs Besprechungen im LE vom 01.01.05 und in der VZ vom 13.04.05.] ● Mit Will Warburton, ‚a romance of real life’, kehrt George Gissing in den Bezirk von New Grub Street [1891] zurück. Der Held, wenn er auch keine Bücher schreibt, sondern nur ein schlichter Spezereiwarenhändler ist, hat manches mit Edwin Reardon gemein. Und auch zwischen den Frauengestalten hier und dort ließen sich Ähnlichkeiten aufzeigen. Aber nun ein tiefgreifender Unterschied: verschwunden (oder doch stark gemildert) ist jener heiße Zorn gegen die Welt, jenes Aufbegehren gegen das Schicksal, das ohne Wahl und ohne Billigkeit seine Gaben verteilt, jener dumpfe Groll gegen das vom schnödesten Zufall beherrschte Leben, in dem das leidige Geld die entscheidende Rolle spielt. Menschen verkümmern, reiben sich auf in Sorgen, wälzen sich nachts ruhelos auf ihrem Lager und zerschellen schließlich an den Klippen dieser wonnigen Erde, weil – ein fürchterliches Lachen gellt zum Himmel – weil ihnen die Mittel fehlen. Mangel, Not, Armut züchten das Schlechte im Leben; edle Naturen sogar sind im Kampfe wider den zyklopischen Unhold Zufall ihrer selbst auf die Dauer nicht sicher. Und wenn sie schließlich die Krisen überstanden haben, ja, dann ist etwas in ihnen gebrochen, dann klingt ihr Lachen beklommen, weil die Tragik des ‚zu spät’ noch immer wie ein Nachtmahr auf ihnen lastet. – Und doch: die am Leben leiden, lieben es mit Urgewalt, sind eigentlich berufen, den andern, den sogenannten Glücklicheren seine Schönheiten zu zeigen. George Gissing hat am Leben gelitten; George Gissing hat das Leben inbrünstig geliebt. Und es war ihm noch vergönnt, in elfter Stunde, als schon die düstern Schwingen über seinem Haupte rauschten, Frieden mit dem Leben zu schließen. Wie ein Regenbogensteg zieht die geläuterte Weisheit Henry Ryecrofts herauf, mag auch aus schwarzem Geklüft Alberichs hohnlachendes ‚zu spät’ erdröhnen. Gissing hat sich mit dem Leben ausgesöhnt. Was er in schweren seelischen Kämpfen errungen, das ging ihm nicht einmal in dem körperlichen Leiden seiner letzten Zeit verloren. Sie ist durch entsagungsvolle Milde ausgezeichnet. Durch das Bewußtsein, daß wir mit all unserm titanischen Trotz doch nichts ausrichten, nichts ändern können. ‚Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!’ [Goethe, ‚Wandrers Nachtlied’]. – Nur gelegentlich rollt noch der ferne Donner des Revolutionärs, der Demos [1886] und New Grub Street schrieb, der sich nicht in die heimtückischste aller Welten zu schicken vermochte. So bäumt sich Will Warburton innerlich dagegen auf, daß er einen Konkurrenten, der ein Haus voll Kinder und ein schnapsfrohes Weib hat, rücksichtslos in dem unerbittlichen Kampf ums Dasein zerstampfen soll. So möchte er am liebsten den kleinen Leuten, die bei ihm kaufen, ihre Kupfermünzen über den Ladentisch zurückreichen. So schleicht sich ab und zu ein bitterer Gedanke in sein argloses Herz, weil sein Leben fortan um Summen rotiert, die die Reichen für eines Augenblickes Launen dahingeben. Früher hätte Gissing das zum Leitmotiv gemacht; jetzt sind es ein paar flüchtig angeschlagene Akkorde. – Wenn man will, kann man noch mehr Persönliches aus dieser im Grunde kraftlosen Arbeit herauslesen. Will Warburton trägt, wie alle Gissing’schen Helden, die Züge seines Schöpfers: durch und durch ehrlich, etwas eigensinnig, feinfühlig, mit ausgeprägtem Familiensinn und darum voll Verachtung für die Gesellschaft und Gesellschaften. Künstlerische Neigungen dürfen natürlich nicht fehlen; sie überraschen besonders, weil es sich hier ausnahmsweise nicht um einen von der Gilde handelt, sondern um einen in Westindien geschulten Kaufmann, der zuerst in der Zuckerraffinerie tätig ist und dann als Besitzer eines Ladens Zucker pfundweise verkauft. Darum weiß Will Warburton doch ganz gescheit über Bilder zu sprechen, sieht mit kunstfreudigen Augen die pittoresken, noch unentdeckten Gegenden von London und liebt es, auf langen, einsamen Spaziergängen im Labyrinth des Millionengewimmels unterzutauchen: ‚a mere erratic chaos amid London’s multitudes’. Und es ist überaus bezeichnend, daß Gissing dem Projektenmacher Sherwood ein starkes Interesse für Malory, Froissart und die isländischen Sagas andichtet. – Er selbst, der als Intransigent begonnen hatte, mag sich freilich manchmal vorgekommen sein wie der Maler Norbert Franks, der gefälligen Publikumsleim zurecht macht, weil er leben will und das Hungern satt hat. Es ist zwar ein Verrat an der Kunst und der eigenen Begabung und den eigenen Überzeugungen, mais enfin – le public le veut. Flügellahm, um nicht zu sagen: gebrochen, geht man Kompromisse ein. Man malt Bilder wie The Sanctuary, die in der Royal Academy von der Menge begafft werden, oder schreibt einen in der Leihbibliothek eifrig begehrten Roman wie Will Warburton, der zur Gattung jener englischen Romane gehört, die nach dem Ausspruch der Baronin [Elisabeth von] Heyking junge Mädchen lesen dürfen, wenn es auch nicht so üppig darin hergeht, daß täglich drei tüchtige Mahlzeiten eingenommen werden und ‚gemütliche Nachmittagstees mit Kuchen und Sahne’ [Briefe, die ihn nicht erreichten (1903), Kap. 3]. – Über diesen persönlich anmutenden Einzelheiten vergißt man zum Glück die blasse, hausbackene Handlung. Nach einer Weile empfindet man sie nicht weiter als störend, höchstens gelegentlich als ein wenig unwahrscheinlich, da hier eine realistische Schilderung geboten werden soll. Und dann wird man plötzlich aufgerüttelt, wenn der Mann einer schwerkranken Frau, die auf Anraten der Ärzte in St. Jean de Luz weilen muß, in die bewegte Klage ausbricht: ‚Sie ist hier, weil’s die Ärzte verordnet haben, aber das ist ja alles Unsinn; in England gibt es eine Menge Plätze, die ihr ebenso gut zusagen würden, vielleicht noch besser.’ Armer George Gissing! Der Seufzer hat sich seiner eigenen wunden Brust entrungen, und er dachte gewiß, von Sehnsucht verzehrt, heim nach England, an sein geliebtes London in der Überzeugung, daß es doch bald mit ihm zu Ende gehen werde. – So gibt es Bücher, die einem künstlerisch vielleicht blutwenig bieten und uns doch eine echte menschliche Teilnahme abgewinnen. – Ave, anima valida!

Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft. LE, Bd. 7, Nr. 22 (15. August 1905), 1661-1662.
Bd. 40 des Vereins-Jahrbuchs, hrsg. von Alois Brandl u. Wolfgang Keller. – „Es scheint nun doch, als sollte sich am Shakespeare-Jahrbuch der Traum Pharaos in umgekehrter Reihenfolge erfüllen. Augenblicklich steht es im Zeichen der dicken und vollen Ähren (die Kühe wären für eine wissenschaftliche Publikation zu sinnwidrig); hoffentlich werden es auch der Bibel entsprechend sieben. Unverkennbar ist ein moderner Geist eingezogen, der es nicht für durchaus standesgemäß hält, sich in den staubigen Winkeln der Studierstube hermetisch abzuschließen, sondern einem gebildeten Publikum, so weit dies angängig ist, entgegenkommt. So hat zum erstenmal ein Schauspieler im Jahrbuch das Wort ergriffen: Ferdinand Gregori, der seinen Beruf so ernst auffaßt und so warm nach außen hin vertritt. Professor Brandl will damit der nachgestaltenden Kritik im Gegensatz zu rein ästhetisierenden die Wege ebnen, daß er Bühnenkünstler heranzieht, die über die Leistungen der hervorragendsten Darsteller in Shakespeare-Rollen Bericht erstatten; das Schwergewicht soll dabei auf der Beobachtung ruhen, auf der Wiedergabe dessen, was sich mit den Sinnen wahrnehmen läßt: also Kostüm, Aussehen, Sprechweise und Auffassung, soweit sie sich in Äußerlichkeiten verrät. […] Gregori versucht sich mit rühmlichem Mut an Sonnenthals Lear und Kainzens Romeo; aber es kommt etwas ganz anderes dabei heraus, als man nach Brandls Vorbemerkung erwarten sollte. Wir empfangen weder ein physiologisches Bild dieser beiden Künstler, noch ein psychologisches von ihrer Darstellung der beiden Rollen. Ich fürchte, der Schriftsteller muß noch entdeckt werden, der das könnte, was Brandl will; immerhin ist es verdienstlich, Bühnenmenschen, die nicht nur eine eigene Rhetorik, sondern auch eine eigene Optik haben, über Shakespeare schreiben zu lassen. Fortschrittlich ist es ferner, daß die Abhandlung einer Dame an erster Stelle steht: Marie Gothein befaßt sich mit der Frau im englischen Drama vor Shakespeare, und zwar in so anregender, fein gewürzter Weise, daß mancher Mann von ihr lernen könnte, wie man wissenschaftliche Themen behandeln kann, ohne der Langweile zu verfallen. Emil Köppels Festvortrag, ‚Konfessionelle Strömungen in der dramatischen Dichtung des Zeitalters der beiden ersten Stuart-Könige’, bleibt dagegen weit zurück […]. Noch zwei andere Festvorträge sind abgedruckt, die bei der Enthüllung des Shakespeare-Denkmals in Weimar gehalten wurden: der offizielle des Herrn Generaldirektors Dr. ing. W. von Oechelhäuser mit der unfreiwillig komischen Idee, wir dürften den Dichter mit Recht ‚Wilhelm Shakespeare’ nennen – was uns nicht im Traum einfallen wird –, und Brandls kluge, diplomatische, vorbildlich prägnante Worte. Aus dem sonstigen Inhalt seien noch hervorgehoben: eine Abhandlung von Heinrich Loewe über Shakespeare und die Waidmannskunst […] sowie einige Bemerkungen des Geh. Regierungsrats Wilhelm Münch über Betrachtungen, die Yeats in Stratford angestellt hat […]. Viel Gutes steckt noch in den zahlreichen Besprechungen der jüngsten Shakespeare-Literatur, und die Zeitschriftenschau von Carl Grabau sowie die Bibliographie von Dr. Gustav Becker stehen auf bewährter Höhe.“

Thomas Shadwell’s „Libertine“. LE, Bd. 7, Nr. 24 (15. September 1905), 1801.
Eine Studie zur Don Juan-Literatur von dem Schweizer August Steiger (1874-1954): Bern: A. Francke 1904 (zugleich Diss. Univ. Bern 1903), 66 S. – „Was gibt es doch für Absonderlichkeiten auf diesem schönen Erdball! Ein Dr. August Steiger, der auf gut Deutsch seine Arbeit ‚meinem Vater’ widmet, schreibt in englischer Sprache eine Abhandlung über einen verschollenen englischen Dramatiker, die in Bern gedruckt wird. Gegen das Englisch läßt sich im übrigen nichts einwenden, als daß man auf Schritt und Tritt den originalen deutschen Ausdruck durchspürt. Kurz, es ist Englisch made in Germany. Steiger liefert einen Beitrag zur Don Juan-Literatur, der sich mit Thomas Shadwells Libertine beschäftigt. Dieser Dramatiker aus der Restaurationszeit lebt in der englischen Literatur nicht so sehr durch seine eigenen Stücke fort wie durch Drydens gehässige Satire Mac Flecknoe, die sich gegen seinen Nachfolger auf dem vielbegehrten Posten des Hofdichters wendet. Shadwell hat auch einen Don Juan unter dem Titel Der Wüstling verfaßt, von dem ein Literaturhistoriker dem anderen nachredete, es handele sich hier um eine plumpe Nachahmung des Molièreschen Don Juan. Steiger weiß nun überzeugend darzutun, daß Shadwell nicht Molière gefolgt ist, sondern dessen Nachfolger am Palais-Royal, dem Schauspieler Rosimond, und daß er Molière nur soweit gekannt hat, wie er in Rosimond enthalten ist. Die kleine Studie ist verdienstvoll, weniger um ihres wissenschaftlichen Wertes willen, als weil sie in eklatanter Weise zeigt, daß sich literarhistorische Urteile und Behauptungen wie eine ewige Krankheit forterben.“

Shakespearedramen. JSG, Bd. 41 (1905), 249-252.
Einige nachgelassene Shakespeare-Übersetzungen von Otto Gildemeister (1823-1902), hrsg. von Heinrich Spies, (Berlin: Georg Reimer 1904), XV u. 524 S. – „Mit 17 Jahren hat sich Otto Gildemeister bereits, wie der Herausgeber dieses Sammelbandes Shakespeare’scher Dramen in seinem Geleitwort bezeugt, an eine Übertragung des Lear herangewagt. Erst nach einem Vierteljahrhundert nahm er die Arbeit wieder auf. Inzwischen hat ihm wohl die Beschäftigung mit seinem Liebling Byron, den er wirklich in deutsche Verse umgoß – [vgl. MMs vorbehaltloses Eintreten für Gildemeisters Byron-Übersetzung in der NZZ vom 07.02.02, Morgenblatt] –, die für den Dolmetschberuf unentbehrliche Gewandtheit verschafft. Freilich, ob der Reimkünstler nun auch Shakespeares Blankvers mit gleicher Vollendung meistern würde, das brauchte man nicht von vornherein unbedingt zu bejahen. Ich griff mit einer gewissen Spannung zu dieser posthumen Veröffentlichung, und sie wurde noch beträchtlich erhöht, als ich den überzeugten Ausspruch von Dr. Spies [(1873-1962), phil. Diss. Göttingen 1897] las, die Gildemeister’sche Wiedergabe von Romeo und Julia übertreffe ,selbst die als meisterhaft anerkannte Übersetzung Schlegels’. Das ist schnell gesagt und schwer bewiesen. Nach meiner Ansicht, die später noch durch einige Proben gestützt werden soll, bleibt sie weit hinter Schlegel zurück. So ganz ohne jeden Beweis werden wir überhaupt nicht eine so schwerwiegende Behauptung hinnehmen. […] – Ich kann nur die Tatsache berichten, daß ich mehrere Stunden Stichproben vorgenommen, aber nur selten Schlegel gegenüber eine Verbesserung entdeckt habe. Am meisten hat mich überrascht, daß nicht einmal der Macbeth – das Schmerzenskind im Schlegel-Tieck – wesentlich durch Gildemeister gewonnen hat. Ich würde mich jedoch herzlich freuen, wenn mir Dr. Spies das Gegenteil beweisen könnte. Das Shakespeare-Jahrbuch wird ihm sicher den nötigen Raum gern zur Verfügung stellen – schon in Schlegels Interesse.“

Bausteine. Nation, Bd. 23, Nr. 9 (2. Dezember 1905), 144.
Zeitschrift für neuenglische Wortforschung, hrsg. von Leon Kellner u. Gustav Krüger, Bd. 1, Hefte 1 u. 2 (Berlin: Langenscheidt Juli u. Okt. 1905). – „Von der unbestreitbaren Tatsache ausgehend, ‚daß die englisch-deutsche Lexikographie von heute weder den Anforderungen der Wissenschaft noch denen der Praxis entspricht’, haben Leon Kellner und Gustav Krüger es sich zur Aufgabe gemacht, diese Lücke durch ihre Bausteine auszufüllen. Und was sie in den beiden ersten Heften ihrer neuen Zeitschrift geleistet haben, erweckt den günstigsten Eindruck und verdient warme Ermunterung. Die Herausgeber schießen mit ihren Beiträgen den Vogel ab: Leon Kellner bietet im ersten Heft eine musterhaft disponierte, jedes Wörterbuch weit überflügelnde Studie über ‚suggest’ und seine Ableitungen; Gustav Krüger stellt im zweiten Heft einen bunten Strauß von verbesserungsbedürftigen Shakespeare-Stellen zusammen. Dabei schneidet er auch die Frage nach dem Verhältnis des Übersetzers zum Original an und bestreitet ‚vom höchsten künstlerischen Standpunkt’ dem Dolmetsch das Recht, ‚Warzen wegzuretuschieren’. Für praktische Zwecke müsse er es allerdings tun, wenn er allgemein mühelos verstanden werden wolle. Das muß aber, sollt’ ich denken, den Ausschlag geben, denn eine übersetzte Unklarheit wird zum Unsinn. Robert Browning z. B. mit all seinen Dunkelheiten wäre in einer fremden Sprache eine Monstrosität. – Die Bausteine haben sich so vortrefflich eingeführt, daß sie kein Forscher, überhaupt niemand, der sich mit dem Englischen gründlich beschäftigt, in Zukunft wird entbehren können.“

Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft. LE, Bd. 8, Nr. 6 (15. Dezember 1905), 454-455.
Bd. 41 des Vereins-Jahrbuchs, hrsg. von Alois Brandl u. Wolfgang Keller. – „Sub illo signo vinces … Hugo von Hofmannsthal – wohl der jüngste Festredner, der je im altehrwürdigen Weimar orakeln durfte – wollte über ‚Shakespeares Könige und große Herren’ sprechen. Er hat sich mit der dichterischen Anempfindungsgabe, die für den Nachgestalter ein stolzer Besitz, für den Neuschöpfer eine Gefahr ist, so seinem Stoffe akklimatisiert, daß er sich selbst (dieser Philologenversammlung gegenüber) als König und großen Herrn fühlte, als eine Stimme ‚aus dem Wald des Lebens’. Mit gut gespielter Bescheidenheit kehrt er den wissenschaftlichen Outsider hervor und macht von seinem künstlerischen Recht Gebrauch: Shakespeare mit der Phantasie zu lesen. Es wäre nicht minder künstlerisch, wenn es nicht gar so krampfhaft nach einem künstlichen, künstelnden und verkünstelten Stile strebte. Dagegen reden die Schauspieler, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und er ist ihnen – alles in allem – hold gewachsen. Josef Kainz versucht, seinen Kollegen Bernhard Baumeister als Falstaff, Ferdinand Gregori seinen Kollegen Kainz als Hamlet zu bioskopieren. Mit ersprießlichem Gelingen – sofern man nicht Brandls ideale Forderung als Maßstab anlegt. Schauspieler wissen über ihre eigene Kunst im allgemeinen viel sachgemäßer und vernünftiger zu urteilen als die Kritiker, die solchen Dingen meistens fremd gegenübersitzen wie der junge Mann aus der Provinz den Langusten. Dabei wäre es psychologisch reizvoll, zu erfahren, ob Kainz seine Beobachtungen auf der Bühne oder als Zuschauer im Parkett angestellt hat; sollte er – was mir nicht einen Augenblick zweifelhaft ist – als Prinz Heinz neben dem Falstaff Baumeisters agiert haben, so könnte man daraus schließen, wie unberührt er innerlich sein muß, um zu so objektivierter Betrachtung gelangen zu können. Neben diesen drei weithin leuchtenden silbernen Tafelaufsätzen des Jahrbuchs verblassen die übrigen Beiträge ein wenig. Hervorgehoben seien noch Gustav Kruegers frischer Skeptizismus gegenüber Shakespeares Bildnissen, Eugen Kilians dramaturgisch gründliche Abhandlung über Schreyvogels Romeo und Julia-Bearbeitung, sowie Hermann Reichs Quellenforschung, der seinen ‚goldenen Esel’ [Apuleius] erfolgreich durch den Cymbelin reitet. Die ständigen Rubriken des Jahrbuchs halten sich auf ihrem hohen Kurs.“

nach oben

1906

Bosheiten des Schicksals. LE, Bd. 8, Nr. 7 (1. Januar 1906), 519.
Eine deutsche Ausgabe von Thomas Hardys Erzählband Life’s Little Ironies, übersetzt von Leopold Rosenzweig. – „Life’s Little Ironies […] gehörten in meiner Erinnerung zum allerbesten, was England auf dem Gebiete der short story hervorgebracht. Hier war das ansprechende Leitmotiv von der tragischen Ironie oder der komischen Tragik des Daseins vorzüglich behandelt. Hier war noch Phantasie anzutreffen, die jeder Novelle ihren ‚Falken’ zuteil werden ließ und die karge Erfindung weder durch psychologische Verrenkungen noch durch überladenen Stimmungszauber zu beschönigen suchte. Hier war nicht zuletzt die Struktur der Novelle mit ihrer strengeren Gliederung bewahrt. Trotzdem diese Geschichten bei weitem nicht so lokal begrenzt sind wie die Wessex Tales desselben Verfassers, haben sie doch für mein Gefühl durch die Umpflanzung in eine andere Sprachatmosphäre viel von ihrem ursprünglichen Reiz eingebüßt. Wenn ich mein Urteil lediglich auf die deutsche Übertragung gründen müßte, würde sich ein beträchtlicher Temperatursturz bemerklich machen: ich würde Hardy mit allen möglichen Meistern der Novelle vergleichen, wobei er entschieden den kürzeren zöge. Zum Glück sind Bosheiten des Schicksals nur ein Auszug aus dem Original, das mir aufs neue bewiesen hat, daß alle große Kunst im Nationalen wurzelt.“

Wilde-Nachlese. LE, Bd. 8, Nr. 17 (1. Juni 1906), 1225-1229.
1. Oscar Wilde, The Rise of Historical Criticism. Privatdruck. (S. B. Luyster jr.: New York 1905), 45 S. – 2. Oscar Wilde, Das Gespenst von Canterville und fünf andere Erzählungen. Ins Deutsche übertragen von Franz Blei, Buchschmuck von Heinrich Vogeler-Worpswede. (Leipzig: Insel-Verlag 1905), 88 S. – 3. John M. Stuart-Young, Osrac, the Self-Sufficient, and Other Poems, with a Memoir of the Late Oscar Wilde. (London: The Hermes Press 1905), 120 S. – 4. André Gide, Oscar Wilde. A Study. With Introduction, Notes, and Bibliography by Stuart Mason. (Oxford: The Holywell Press 1905), 122 S. – 5. Halfdan Langgaard, Oscar Wilde. Die Saga eines Dichters. (Stuttgart: Axel Juncker 1906), 100 S. – 6. Hedwig Lachmann, Oscar Wilde. (Die Dichtung, hrsg. Paul Remer, Bd. 34.) (Berlin u. Leipzig: Schuster & Loeffler [1905]), 91 S. – 7. Johann F. Hahn, Oscar Wilde. (München: Bonfels 1906), 31 S. – 8. Insel-Almanach auf das Jahr 1906. (Leipzig: Insel-Verlag), 142 S. – 9. H. Ernstmann, Salome an den deutschen Hofbühnen. Ein Kulturbild. (Berlin: Hermann Walther 1906), 36 S. ●●● „,Und dann, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird. In Zeitungen und Enzyklopädien … überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohl nur behaglich im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.’ [Eckermann, Gespräche mit Goethe, 16.12.1828]. – Nun sitzt Oscar Wilde fest im Sattel. Weder die Hündlein, die belfernd nebenher liefen, noch das Geschmeiß, das ihn umschwärmte, vermochten ihm etwas anzuhaben. Er hat sogar – was viel mehr bedeutet – die Mode überstanden. Augenblicklich gilt es, ihn gegen die Verunglimpfungen deutscher Kritiker zu schützen, wenn in dem, was privilegierte Schwätzer und ‚intellectual monopolists’ vorbringen, wirklich eine ernste Gefahr für ihn läge. Das alles sind ja nur die Kinderkrankheiten des Weltruhms. Bald werden wir eine englische Gesamtausgabe seiner Werke besitzen [die von Robert Ross herausgegebene First Collected Edition (1908)]; es steht zu hoffen, daß aus seinem Nachlaß noch das eine oder andere ans Licht tritt; Briefpublikationen werden uns neue Aufschlüsse über sein Leben bringen – und dann wird eine kritische Biographie auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wenn alle abgewirtschaftet haben (und der Reihe nach haben Ästheten, Esoteriker, Satiriker, Possenreißer, Publikum, Kritiker, Adel, Pöbel, Zwischenstufler, Juristen, Psychiater ihr Sprüchlein hergesagt), bleibt Oscar Wilde das denkbar günstigste Objekt für die literarhistorische Forschung. Zuletzt werden sich seiner die Philologen annehmen. Aber wer zuletzt kommt, lacht am besten … ●●● [1] Ein gewisses Interesse für Philologen besitzt die Veröffentlichung eines amerikanischen Verlegers, der uns eine bisher völlig unbekannte Schrift, von deren Existenz nicht einmal die Intimsten eine Ahnung hatten, in einem Privatdruck zugänglich machte. Ich halte sogar das Werkchen über Die Anfänge der historischen Kritik für echt, wenn auch die Form nicht ausschließlich auf Wildes Konto zu setzen ist. Es stecken unverkennbare Spuren seines Geistes darin. Man merkt, daß es ihm der alte Euhemeros, dieser erste Nicolai [Friedrich Nicolai (1733-1811), bête noire Goethes, Schillers und vieler anderer], angetan hat, und für die befreundeten Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton bringt er mehr als wissenschaftliche Sympathie mit. Wo und wann diese fleißige Seminararbeit entstanden ist, vermag ich nicht anzugeben. Sie reicht gewiß in Wildes Studentenzeit zurück und ist immerhin so sachlich nüchtern, daß jede Universität, sogar eine deutsche, sie als Dissertation gut geheißen hätte. Für das große Publikum hat sie gar keine Reize; uns zeigt sie jedoch aufs neue, daß ihr Verfasser über eine erstaunliche Fülle positiver Kenntnisse verfügte, was einen französischen Schriftsteller [Ernest La Jeunesse] zu dem hyperbelhaften Ausspruch verleitete: ‚Il savait tout.’ [‚Oscar Wilde’, Revue blanche (15.12.1900); repr. in Ernest La Jeunesse et al., Recollections of Oscar Wilde (1906)]. Seltsam bleibt es auf alle Fälle, daß jetzt das Manuskript plötzlich in Amerika aufgetaucht ist; hoffentlich werden die Amerikaner, die ja eine Vorliebe für europäische Kunstwerke haben (selbst wenn sie nicht gefälscht sind), uns noch mit manchem echten Wilde überraschen. ●●● [2] Was wir einstweilen besitzen, liegt jetzt vollständig in deutscher Übertragung vor. Wer sich also weiter mit seiner Ignoranz brüstet, wird fortan nicht mehr auf mildernde Umstände rechnen dürfen. Das letzte hat Franz Blei herausgegeben, die Schnurre Das Gespenst von Canterville, die bisher nur in einem Münchener Manuskriptdruck (1897) erschienen war. Recht ärgerlich ist diese Verulkung der Spukgeschichten mit den fünf Märchen aus der Sammlung The Happy Prince – daher: fünf andere Erzählungen! – zu einem Bande zusammengekoppelt. Was würden Sie dazu sagen, Herr Franz Blei, wenn ein anderer solche Geschmacklosigkeiten beginge? Meinem Urteil über den Dolmetsch Blei hab’ ich nichts hinzuzusetzen. Es tut mir leid; aber ein Mann, der, wie etliche behaupten, entzückend über amoureuse Frauen zu plauschen weiß, sollte die Kunst des Übertragens nicht auf die leichte Achsel nehmen und seinem Stil strengere Selbstzucht auferlegen. Im übrigen würde ich ihm einen englischen Kursus für Vorgeschrittene empfehlen. Auch mit Heinrich Vogelers Illustrationen kann ich mich nur zum Teil befreunden. Der glückliche Prinz etwa, den er auf die ‚mächtige’ Säule postiert, sieht aus wie ein gefrorenes Handtuch oder ein ausgenommener Hering, und der junge Student, der neben der wundervollen Rose zum Fenster hinausblickt, hat die Intrigantenmiene eines Max Grube-Schülers. [Max Grube: (1854-1934), Schauspieler und Theaterleiter, seit 1888 am Kgl. Schauspielhaus in Berlin.] ●●● [3] Von den Bildern will ich zuerst sprechen in Stuart-Youngs mysteriösem Buche Osrac, the Self-sufficient, denn sie treten mindestens so anspruchsvoll auf wie der Inhalt. Neben drei Bildern von Oscar Wilde – darunter eine satanische Skizze aus seinem letzten Lebensjahre – befinden sich nicht weniger als drei Photographien des Autors (Bescheidenheit ist eine Zier!), aber unbegreiflicherweise stellen sie ganz verschiedene Personen dar. So wird von vornherein unser Mißtrauen geweckt. Dazu kommt, daß nach dem unerschütterlichen Zeugnis des glaubwürdigsten Gewährsmannes [Robert Ross] die Unterschrift auf einem Bilde Wildes und ein faksimilierter Brief von ihm gefälscht sind. ‚Merkwürdiger Fall!’ Und was man von einigen Behauptungen des Autors zu denken hat, das verrät z. B. seine kühne Versicherung, er habe De Profundis zum größten Teil schon vier Jahre vor der Veröffentlichung gelesen, also zu einer Zeit, wo das Manuskript hinter Schloß und Riegel lag. Ich muß gestehen: etwas Ähnliches ist mir überhaupt noch nicht begegnet, und ich kann nur vor diesem Buche warnen, das allerdings für Kuriositätensammler eine Rarität ersten Ranges zu werden verspricht. So weit der Inhalt Oscar Wilde betrifft, ist er mit höchster Vorsicht zu benutzen. Wer bürgt uns dafür, daß die an sich nicht unmöglichen Aussprüche des Dichters über Zola, Arthur Symons, George Moore u. a. wirklich in dieser Form gefallen sind? Mit den Enthüllungen Mr Stuart-Youngs will ich nichts zu schaffen haben, und seine Poesien wecken höchstens meine Lachlust. ●●● [(4) Fehlt.] ●●● [5] Lächerlich durchaus wirkt der als Saga eines Dichters drapierte biographische Versuch eines als Halfdan Langgaard drapierten Mannes. Dieser verkleidete Skandinavier, der immerhin die Freundlichkeit besitzt, Kierkegaard in einer Anmerkung zu zitieren, ist wenigstens imstande, die beiden Brüder des Lord Alfred Douglas namhaft zu machen (natürlich in falscher Schreibung) und gibt uns dadurch vielleicht einen Fingerzeig, in welcher Gesellschaftsschicht wir ihn zu suchen haben. Aber selbst diese Bereicherung unseres Wissens kann das Urteil nicht umstoßen, daß die Tatsachen des Buches wahl- und skrupellos aus André Gide und Sherard abgeschrieben sind. Von dem Bildungsgrad des Autors, der sich zum Wilde-Biographen berufen fühlte, mögen folgende Proben eine schwache Vorstellung geben: ‚Er war ein häufiger Gast im Hause Victor Hugos, und zu seinem Umgang gehörten Edmond de Goncourt, Armand Point, Henri Becque, Moréas, La Tailhède, Ross (!), Turner (!!), Gunnar Heiberg, Fritz Thaulow, um nur die bekanntesten (?) Namen zu nennen’ (S. 14). ‚Immer hatte Oscar Wilde einen oder den anderen Lieblingsdichter … Jahrelang genoß Baudelaire den Vorrang; zu seiner Pariser Zeit hatte ihn jedoch Honoré de Balzac … Balzac äußerte damals, daß alle großen Künstler unermüdliche Arbeiter waren’ (S. 16). ‚Alles, was er während seines Pariser Aufenthaltes leistete, war die Vollendung seines Stückes The Duchess of Padua (auch The Duchess of Paarma genannt), ein Versdrama … Da es nie im Druck erschien, wähnte man es verloren, und einige zweifelten sogar, daß es überhaupt existierte, bis es 1894 einem deutschen Gelehrten gelang, es aufzufinden’ (S. 17). Nein, Verehrtester, der ‚deutsche Gelehrte’ [d.i. MM] saß im Jahre 1894 noch auf der Schulbank. Und über De Profundis, das ein Jahr vor dieser Schrift im Druck erschienen ist [1905], weiß der Pseudodäne seinen Lesern folgendes zu verraten: ‚Außerdem soll er angeblich ein Manuskript von über zweihundert Seiten hinterlassen haben – eine Schrift zur Verteidigung seines Lebens’ (S. 92). Es sind heutzutage in Deutschland Bücher möglich, die schwerlich in irgendeinem anderen Lande geduldet würden, und Oscar Wilde scheint von besonderem Mißgeschick verfolgt, da sich solche Machwerke hartnäckig an ihn heften. Was mir aber beinah ebenso schlimm erscheint, ist die völlige Ratlosigkeit der Kritiker, die nur auf ihre mangelhafte Kenntnis zurückzuführen ist. Sonst könnte z. B. ein Mann wie Otto Hauser unmöglich in der Neuen Freien Presse diesem kläglichen Ignoranten nachrühmen, er schreibe ‚mit vielem Feinsinn über Wildes dichterisches Schaffen’, und seine Besprechung mit dem Satze schließen: ‚Sein Buch ist weniger umfangreich als jenes von Karl Hagemann [Oscar Wilde (1904)], aber gehaltvoller und eindringender.’ [Referenz nicht ermittelt]. Dagegen muß ich den Mannheimer Intendanten, wenn er auch kein Heldenstück vollbracht hat, energisch in Schutz nehmen. ●●● [6] Doch zum Glück haben wir jetzt wenigstens ein gehaltvolles Werkchen aufzuweisen: Hedwig Lachmanns überaus feinsinniges Essai. Von dieser Frau sollten die deutschen Wilde-Kritiker lernen, daß man sich in die Werke eines Dichters vertiefen und Urteilskraft besitzen muß, ehe man sich auf den literarischen Richterstuhl setzt. Hedwig Lachmann hat die Persönlichkeit des Menschen wie des Künstlers gleich scharf erfaßt und vermag beiden gerecht zu werden. Sie weiß, worauf es bei Oscar Wilde ankommt, ist daher seinen Schwächen gegenüber nicht blind und hebt seine Vorzüge liebevoll hervor. Mit logischer und psychologischer Folgerichtigkeit baut sich sein Leben vor uns auf, und ganz zwanglos ordnen sich ihm die Dichtungen ein. Ausgezeichnet, ja mehr: vorläufig nicht übertroffen sind die Analysen einzelner Werke, vor allem die der Salome. ‚Es ist das von der Wirklichkeit vollkommen abgelöste Kunstwerk, das des Anspruchs auf Naturwahrheit spottet, dessen Stärke in der formalen Einheit liegt, in der vom Wesensgehalt dieser Menschen völlig durchtränkten Atmosphäre.’ Besser läßt sich in einem Satz nicht der Kern des Dramas bloßlegen. Und ich habe zu meiner Freude gefunden, daß endlich auch der vielgeschmähten Herzogin von Padua eine verständnisvolle Interpretin erstanden ist. Hedwig Lachmanns Beispiel sollte den schnellfertigen Banausen eine Lehre sein, daß es nicht genügt, einen fremdländischen Schriftsteller als losgelöste Erscheinung, als Ding sui generis zu behandeln und ihn womöglich nur in miserablen Übersetzungen zu lesen, sondern daß er aus der Literatur seines Volkes heraus begriffen sein will. ●●● [7] An redlichem Willen und ernstem Streben, in seine Aufgabe einzudringen, hat es Joh. F. Hahn nicht fehlen lassen, aber man gewinnt den Eindruck, daß seine Beschäftigung mit Wilde zu sehr die Züge einer rein äußerlichen, vorübergehenden Bekanntschaft trägt. Jede Schrift, zumal jeder künstlerische Gedankenaustausch sollte eine innere Rechtfertigung haben; diese wird hier aber gleich im zweiten Satz geleugnet: ‚Die Analyse der psychologischen Grundbedingungen dieses Typus (eines Vertreters hochgesteigerten Kulturlebens) trifft fast nirgends auf Anstöße, die uns weiterbringen können, fast nirgends auf Kräfte und Werte, die für unsere Zeit noch Geltung haben, – ausgenommen vielleicht den Anstoß einer völligen Ablehnung.’ Meinem Empfinden nach käme das Gegenteil der Wahrheit ebenso nahe. Aber das ist das Merkwürdige an Hahns Ausführungen, die in einem allzu vagen, verschwommenen Stil gehalten sind, daß sie sich häufig umkehren lassen, wenn man zu einer richtigen Auffassung gelangen will. Was soll etwa der Satz: ‚Es verrät ein durch und durch rationalistisches Denken und einen Mangel an natürlichem Takt, wenn jemand durch sein Leben eine Idee zu verwirklichen sucht?’ Haben das nicht Christus, Buddha, Sokrates versucht? Vielleicht ist es bei Hahn nur ein Mangel an schriftstellerischer Betätigung, der ihn vielfach in pythisches Wortgestammel verfallen läßt und zu absurden Traumphantasien hinreißt, während uns nur mit dem klarsten Ausdruck gedient ist. ●●● [8] Einen interessanten Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Salome von Gomez Carillo enthält der (wie alle Publikationen dieses Verlags reizvoll ausgestattete) Insel-Almanach auf das Jahr 1906. Ich habe schon vor vier Jahren auf die Esquisses des Spaniers, der sich übrigens Carrillo schreibt, aufmerksam gemacht [Referenz bislang nicht ermittelt] und kann mich nicht mehr erinnern, ob diese Ausführungen einen Teil seiner Studie über Oscar Wilde bilden oder ein Originalbeitrag zu dem sonst in der Hauptsache aus Proben bestehenden Bande sind. Einerlei: man erkennt daraus, wie lange sich Wilde mit diesem Stoffe getragen hat, wie er alle Behandlungsmöglichkeiten erwog und wie haltlos die mit Vorliebe von Professoren verkündete Meinung ist, Wildes Salome sei im wesentlichen von Flauberts Herodias abhängig. Bei dieser Gelegenheit möchte ich von einem Fund Mitteilung machen, den mir ein glücklicher Zufall erst kürzlich in die Hände gespielt hat. Der Güte des Malers Ernst Oppler danke ich einen Sammelband Verse von ehemaligen Dubliner Studenten (Dublin Verses by Members of Trinity College, edited by H. A. Hinkson), in dem die Brüder William und Oscar Wilde mit mehreren Gedichten vertreten sind. Die reifsten stammen von dem eminent begabten, früh verlotterten William. Darunter das folgende, Salome überschriebene: ‚The sight of me was as a devouring flame / Burning their hearts with fire, so wantonly / That night I danced for all his men to see! / Fearless and reckless; for all maiden shame / Strange passion-poisons throbbing overcame / As every eye was riveted on me, / And every soul was mine, mine utterly, – / And thrice each throat cried out aloud my name! // “Ask what thou wilt,“ black-bearded Herod said. / God wot a weird thing do I crave for prize: “Give me, I pray thee, presently the head / Of John the Baptist.“ ’Twixt my hand it lies. / “Ah mother! see! the lips, the half-closed eyes – / Dost think he hates us still now he is dead?“’ – Man wird in diesem Sonett des Bruders, das meines Wissens bisher niemand erwähnt hat, die Urzelle des künftigen Salome-Dramas erblicken dürfen. Wie sind die ‚passion-poisons’, die alle Mädchenscham ertöteten, bei Oscar Wilde lebendig geworden! ●●● [9] Mit der Salome beschäftigt sich auch der pseudonyme [?] H. Ernstmann in einer aus Anlaß der Dresdener Aufführung von Richard Straußens Oper entstandenen Broschüre. Dem ‚Kulturbild’ ist ein Satz aus Goethes Einleitung in die Propyläen [1798] vorausgestellt: ‚Der echte gesetzgebende Künstler strebt nach Kunstwahrheit, der gesetzlose, der einem blinden Trieb folgt, nach Naturwirklichkeit; durch jenen wird die Kunst zum höchsten Gipfel, durch diesen auf ihre niedrigste Stufe gebracht.’ Zu der Beweisführung des Verfassers paßt das Motiv freilich wie Salome auf die Hofbühne: er zeigt nicht in dem ‚von der Wirklichkeit vollkommen abgelösten’ Werke die Kunstwahrheit, sondern wütet, von Scheuklappen geblendet, gegen die Naturwirklichkeit. ‚Das eigentliche Sujet dieses Stückes hat mit seelischen Schilderungen überhaupt nichts zu tun, sondern behandelt im Grunde nichts anderes, als die Darstellung der Wirkungen, die durch eine abnorme Veranlagung, oder sagen wir, Disposition des weiblichen Geschlechtsorganismus hervorgebracht werden. Das und nichts anderes ist es, was ein Dichter hier zur Darstellung bringt. Er sagt den Zuschauern: Ich will zeigen, welche Wirkungen hervorgebracht werden, wenn der – Unterleib einer Frauensperson nicht in Ordnung ist.’  [S. 14 f. (leicht gekürzt)]. Danach wird es uns Ernstmann nicht verargen, wenn wir ihn, seinem Namen zum Trotz, nicht ernst nehmen.“

Unter dem Hügel: Eine romantische Novelle. LE, Bd. 8, Nr. 17 (1. Juni 1906), 1256.
Aubrey Beardsleys Under the Hill in der Übersetzung von Rudolf Alexander Schröder (Leipzig: Inselverlag 1905). – „Die literarische Ernte des im Keats-Alter verstorbenen ‚Schreibers und Zeichners weltlicher Dinge’ [Widmung], Aubrey Beardsley, liegt in einem vor zwei Jahren (bei John Lane) erschienenen Bande vor [s. MMs Besprechung in der NR, Bd. 15, Nr. 8 (Aug. 1904), 894-6, von der vorliegende Rezension gleichsam eine gekürzte Fassung ist]. Das wichtigste daraus teilt diese Publikation des Inselverlags mit. Ein primäres Interesse hat sie eigentlich nicht, will sagen: der Schreiber gewinnt erst durch den Zeichner Relief. Mit einem Worte läßt sich der phantasiereiche und phantastische Schriftsteller charakterisieren: er ist der Zwillingsbruder des Schwarz-Weiß-Künstlers. Die beiden bizarren Balladen von den drei Musikanten und einem Barbier muten fast an, als ob der Text zu den Illustrationen geschaffen wäre und nicht die Illustrationen zum Text. Einerlei – artistisch decken sie sich vollkommen. Erlesenster Eklektizismus bildet das Wesen der romantischen Novelle Unter dem Hügel. Das Fragment ist in zierlichstem und geziertestem Rokokostil gehalten. So weit die vier vollendeten Kapitel einen Schluß auf den Inhalt zulassen, scheint es sich um eine Paraphrase, vielleicht um eine Parodie der Tannhäuser-Sage zu handeln. In der menuettartig graziösen Widmungsepistel an den Prinzen und Kardinal Pezzoli, unter dessen Protektion der Dichter die kleine Pinasse seines Witzes segeln lassen will, wird das Thema also angegeben: es sollte eine ‚amouröse Passion’ dargestellt werden, die zu der tiefen Zerknirschung der Hauptperson führt; daneben war die Erörterung kanonischer Fragen geplant. Sollte hier schon die spätere Zerknirschung des Konvertiten nach einem Niederschlag gelechzt haben? … Der winzige Handlungskern ist nur Vorwand, ihn in einen Julklapp von Attrappen zu legen. Besonders das von exotischen Schlingpflanzen aller Art überwucherte vierte Kapitel schwelgt in der Ausdeutung eines Schönheitskatalogs. Persönliche Stimmungsklänge sind eingestreut, und einige groteske Nebenfiguren scheinen direkt der Werkstatt des Zeichners entsprungen. Diese Anhäufung von Lesefrüchten, die ein Potpourri aller Kulturen vortäuscht, ist ersichtlich von dem Manne beeinflußt, der Aubrey Beardsley entdeckt hat [Oscar Wilde].“

Aus fremden Gärten. LE, Bd. 8, Nr. 17 (1. Juni 1906), 1257-1260.
Charles Algernon Swinburne, Gedichte. Aus dem Englischen von Otto Hauser. (Aus fremden Gärten, Nr. 2). (Großenhain: Baumert & Ronge 1905), 100 S. – „, Ich glaube meine Aufgabe ernst genommen zu haben und kann darauf verweisen, daß meine Beschäftigung mit Swinburne bis in den Anfang meiner Übersetzertätigkeit zurückreicht und niemals völlig außer Acht gelassen wurde.’ Und der noch nicht dreißigjährige Otto Hauser [1876-1944] blickt bereits, wie er in seiner Einführung verrät, auf eine elfjährige Tätigkeit als Vermittler ausländischer Lyrik zurück. Was hat der Vielgewandte in diesem Zeitraum nicht alles geleistet! Neben seinen eigenen ‚Lyrikauslesen’ liegen schon eine niederländische, belgische, dänische, japanische, serbische vor; von Verlaine und Rossetti hat er einzelne Werke ins Deutsche übertragen, und Chinas größter klassischer Lyriker Li-tai-pe soll demnächst [1908] folgen. Ein immenses Arbeitspensum, das dieser moderne Admirable Crichton bewältigt hat. [Anspielung auf J. M. Barries Komödie The Admirable Crichton (1902), die in der Figur des Butlers Crichton ihrerseits auf den schottischen Abenteurer und Universalgelehrten James Crichton (1560-82), genannt ‛The Admirable Crichton’, anspielt.]  Wie eine wandelnde Polyglotte kommt er mir vor. Und doch muß ich ihm bei aller Bewunderung zurufen: Herr, halten Sie ein mit Ihrem Segen! Ich staune diese Sprachkenntnisse an, mache auch der technisch virtuosen Versbehandlung mein Kompliment – aber mein Übersetzerideal ist Otto Hauser doch nicht. Kann er nicht sein. Aus rein theoretischen Erwägungen. Erstens bin ich der Ansicht, daß nur die wenigsten Menschen ihre Muttersprache meistern lernen, ein paar Bevorzugte sich vielleicht noch ein fremdes Idiom aneignen. Selbst wenn man Otto Hauser geradezu als ein linguistisches Wunder anspricht, beherrschen kann er unmöglich alle die Sprachen, als deren Dolmetsch er fungiert. Und ich bin nun einmal so altmodisch, vom Übersetzer mehr als die künstlerische Handhabung seiner eigenen Sprache zu verlangen: nämlich fast eben so hohe Vollkommenheit in der fremden Sprache. Dann erst wird er imstande sein, die Untertöne des Originals, die feinsten Nuancen und die geheimen Schwingungen des Sprachinstruments herauszuhören und mitzufühlen. Sollte Otto Hauser sich wirklich dem Französischen, Englischen, Holländischen, Flämischen, Dänischen, Japanischen, Serbischen, Chinesischen gegenüber in dieser Lage befinden? Übersetzungen von Übersetzungen zählen aber nicht mit. Zweitens läßt sich doch nur das äquivalent wiedergeben, was – um vulgär zu reden – einem liegt, was dem Mittler wesensverwandt, was seinem Stil konform ist. Ludwig Fulda würde so wenig Shakespeare erschöpfen, wie Stephen Phillips etwa Hebbel übertragen könnte. [Der Pianist Wladimir] Pachmann [1848-1933] kann nicht Beethoven, und Matkowsky nicht [Edmond] Rostand spielen. Es gibt keinen Menschen, der über eine so unbeschränkte Fülle der Töne zu gebieten vermöchte. Der sprachlichen Nachbildung geht ein Anempfindungsprozeß voraus oder vielmehr: sie gehen Hand in Hand. Nur das gelingt der Neuschöpfung, was inhaltlich und formell adaptiert wird. Ein proteischer Stilverwandlungskünstler ist ein Unding. ● Diese prinzipiellen Bedenken habe ich nie überwinden können, so oft ich Übersetzungen von Otto Hauser las. Was mit gutem Kunstverstand zu erreichen war, das blieb der Wiener nicht schuldig. Ein Letztes fehlte jedoch, irgendeine ungreifbare Substanz. Ich glaube, Hausers ‚Lyrikauslesen’ gaben immer zu viel Otto Hauser. Nicht in dem Sinne, daß eine zu starke Persönlichkeit sprach, die sich nirgends verleugnen konnte, die allem, was ihr unter die Hände kam, den Stempel der eigenen Individualität aufprägte. Sondern mir schien nicht genug von fremdem Wesen eingefangen. (Also eher ein Mangel an Anempfindungsfähigkeit.) Alles war mir zu sehr über einen Leisten geschlagen. ● Auch Swinburne, der gewaltigste lebende Lyriker, hat schwerlich in Otto Hauser seinen Meister gefunden. Beweisen kann ich das nicht; ich habe nur das Gefühl, daß sich hier verschiedene Naturen gegenüberstehen, daß ein Formtalent an einen Riesenkerl (relativ!) gekommen ist. Vielleicht ist dies noch offenkundiger geworden, dadurch daß Hauser, ‚wie es bei einem so wesentlich formkünstlerischen Dichter unbedingt nötig ist, Reimbindung und Versmaß auf das genaueste beibehielt’. War es wirklich so unbedingt nötig? Hätte sich am Ende nicht mehr geben lassen, mehr vom Inhalt, mehr von der Prägnanz des Ausdrucks, wenn man gelegentlich die Reimfessel – den Reim, der sogar für Hauser eine Fessel ist – beherzt abgestreift hätte? Sollte ihn vielleicht hier die Freude an metrischer Gymnastik, an dem Reichtum kühner Formexerzitien zu einem gewagten Spiele verleitet haben? Und war nicht der Wunsch, es einem König gleich zu tun, für diesen Prinzen bestimmend? Stefan George, der uns eben [1905] mit zwei Bänden ‚zeitgenössischer Dichter-Übertragungen’ (bei Georg Bondi erschienen) beschenkt hat, hielt es jedenfalls nicht für unerläßlich, sich in das Prokrustesbett swinburnischer Verstechnik einspannen zu lassen. Mir scheint, er tat recht daran. Zum Beweise will ich die berühmte ‚Ballade vom Traumland’ anführen. Sie lautet bei Stefan George: ‚Ich barg mein Herz in ein Nest von Rosen / Weit von dem Sonnenweg niederwärts; / So weich kann nicht weicher Schnee mit ihm kosen – / Unter den Rosen barg ich mein Herz. / Was wollt es nicht schlummern? was sollt es nicht weilen, / Wenn niemals ein Blatt von dem Rosenbaum schwang? / Was ließ ihm den Schlaf aufflatternd enteilen? / Nur eines heimlichen Vogels Gesang. // Lieg still! sprach ich: Schwingen des Windes ruhten, / Das Laub dämpft milde den stechenden Strahl. / Lieg still! denn der Wind schläft warm auf den Fluten, / Unstäter wie du ist der Wind nicht einmal. / Hat dich wie ein Dorn ein Gedanke getroffen? / Verletzt dich noch zögernder Hoffnung Fang? / Was hält deines Schlafes Lider noch offen? / Nur eines heimlichen Vogels Gesang. // Vom grünen Land, das ein Zauber umgreifet, / Schrieb niemals den Namen ein Wanderer auf, / Und süßere Frucht, als auf Bäumen dort reifet, / Kam niemals auf einem Markte zu Kauf. / Die Schwalben des Traums ziehn im trüben Gefilde; / Wie Schlaf ist in allen Wipfeln der Klang; / Dort droht in den Wäldern kein Bellen dem Wilde; / Nur eines heimlichen Vogels Gesang. // Im Lande der Träume ersah ich mein Ziel; / Dort schlaf ich und hör nichts den Sommer lang / Von Liebe in Treue, von Liebe im Spiel – / Nur eines heimlichen Vogels Gesang.’ ● Bei Otto Hauser heißt dasselbe Gedicht folgendermaßen: ‚Ich verstecke mein Herz in ein Nest von Rosen / Ganz abseits, ferne vom Sonnenschein; / Im weißen Schnee, in den grünen Moosen / Würd es nicht weicher gebettet sein. / Was schlug es dann noch? Was schlief es nicht ein, / Wo kein Blatt sich regte am Rosengerank? / Was verbannte den Schlaf noch von ihm allein? / Nur eines verborgenen Vogels Gesang. // Ich sprach: Lieg still, denn der Lüfte Kosen / Und die Sonne dringt nimmer zu dir herein, / Und der Wind, der dir gleich, dem ruhelosen, / Er schläft auf dem Meer und dem Ufergestein. / So macht ein Gedanke dir jetzt noch Pein? / Umkrallt dich noch immer der Hoffnung Fang? / Hält dich ein Kummer noch wach? O nein! / Nur eines verborgenen Vogels Gesang. // Die sichersten Karten, die ältsten Matrosen / Kennen kein Land von so zaubrischem Schein, / Verkauft nie wurden in Marktes Tosen / Früchte so süß, wie in ihm gedeihn. / Durch die Wipfel zieht Säuseln des Schlafes allein / Und die Schwalbe des Traums nur die Felder entlang; / Kein Bellen erweckt den Hirsch im Hain, / Nur eines verborgenen Vogels Gesang. // In der Welt der Träume der Schlaf ist mein, / Da hör ich kein Wort aus des Lebens Drang / Von Liebe, die Wahrheit, von Liebe, [der] Schein, – / Nur eines verborgenen Vogels Gesang.’ ● Man sieht: George hat die kunstreiche achtzeilige Strophe zu zwei Vierzeilern aufgelöst, während Hauser die Reimverschlingung peinlich bewahrt hat. So löblich an und für sich die Nachbildung der Form ist, ohne kleine Gewaltstreiche, ohne Füllsel des Inhalts geht es nicht ab. Schon in Zeile 3 sind die ‚grünen Moose’ eine Erfindung der Reimnot. Die köstliche Wiederholung in Zeile 4 ist bei Hauser spurlos verloren gegangen. In Zeile 7 ist ‚von ihm allein’ wieder durch den Reimzwang geboten, obwohl das Original keinen Anhalt dafür bietet. In der zweiten Strophe benimmt das Reimkorsett Hauser ein wenig den Atem, und in der dritten, die bei George besonders wörtlich ausgefallen ist, muß Hauser ‚die ältsten Matrosen’ und ‚in Marktes Tosen’ hinzudichten. In Summa: so sehr ich Hausers tapfern Versuch bewundre – denn wenn er auch hie und da mit dem Inhalt frei umspringt, zu Flickwörtern und Lückenbüßern braucht er nur ganz selten zu greifen –, ich ziehe doch Stefan George in diesem Falle vor, weil er mir mehr von Swinburne gibt. – Dagegen zögere ich nicht, mich für die ‚Sapphischen Strophen’ in Hausers Übertragung zu entscheiden. Vieles bei Stefan George klingt mir hier zu befremdlich, und über gewisse Härten, ja Schroffheiten des Ausdrucks kommt man nicht hinweg, selbst wenn man die von Kerr geforderte neue Technik des Lesens mitbringt. ● Bei genauerer Nachprüfung des Originals muß man dem Lob für Hauser allerdings manchmal einen Dämpfer aufsetzen. So scheint mir die ‚Ballade vom Leben’ nicht zu den glücklichsten Stücken der Sammlung zu gehören. Daß aus den drei Männern, die der ‚lady clothed like summer’ folgen, im Deutschen drei Jungfrauen werden, ist entschuldbar durch das grammatische Geschlecht dieser allegorischen Begriffe (Wollust, Scham, Furcht); im einzelnen hätten sie aber Swinburnes Züge beibehalten sollen. ‚His mouth curled and sad’ heißt nicht ‚mit üpp’gem Munde’, ‚a heavy face’ sollte nicht ‚das Antlitz schwer’ wiedergegeben sein, und in den Zeilen ‚Die Wangen trugen Spur von sehr viel Schmerz und Schmach’ (full of grey old miseries) ist der Ausdruck weder schön noch prägnant … Doch ich will nicht mäkeln. Die Schwierigkeiten, Swinburne zu übertragen, sind ungeheuer und können von keinem auf den ersten Anhieb überwunden werden. Otto Hausers Leistung verdient höchsten Respekt. Daß sie nicht einwandfrei ist, wird niemand besser wissen als er. Aber jedem, der Swinburne nicht im Original genießen kann, darf diese Nachbildung mit gutem Gewissen empfohlen werden.“ ●●● Meyerfelds Rezension blieb nicht unwidersprochen, wie folgende Zuschrift Otto Hausers im LE [Nr. 19 (01.07.06), 1408-9] zeigt: „Herrn Dr. Max Meyerfelds in seiner Besprechung meines Swinburne geäußerten Zweifeln gegenüber möchte ich erklären dürfen, daß meine Übersetzungen stets auf die Originale zurückgehen, es sei denn, daß ich es ausdrücklich anders bemerke. Dies ist einzig und allein bei ein paar Stücken meiner Japanischen Lyrik der Fall, die mir leider nicht in den Originalen zugänglich waren. Es handelt sich überdies bei meinen Lyriken stets um Erstbearbeitungen eines Gebietes, so daß mir also nur in den seltensten Fällen fremde Übertragungen, wenn ich deren bedürfte, zu Gebote stehen könnten. Daß mein Gebiet ein ziemlich umfangreiches ist und hie und da einen vielleicht verwundern macht, daran finde ich selbst gar nichts Wunderbares. Ich bin in einem polyglotten Lande [Kroatien] geboren und aufgewachsen – nebenbei bemerkt, nichts weniger als Wiener – und hatte vor Jahren die Liebhaberei, mich auf Grund meiner Kenntnis von ein paar slavischen, romanischen und germanischen Sprachen auch in die übrigen Sprachen dieser Gruppen einzulesen, und da ich damals obendrein Orientalistik studierte, kamen noch ein paar weitere hinzu; außerdem trieb ich nebenher noch ein paar weiter abgelegene Sprachen. Ich glaube dabei in jeder meiner Übertragungen dem Kenner genügend gezeigt zu haben, daß ich die betreffende Sprache genugsam beherrsche, um aus ihr so gut wie irgendein anderer übersetzen zu können. Warum ich diesen und jenen Ausdruck so und nicht anders wiedergebe, das betrifft einzelne Fälle, und da handelt es sich meist eben um jene Fälle, wo die Schwierigkeiten schier unüberwindlich sind. Gewiß weiß ich selbst am allerbesten, wo sich in meinen Büchern matte und mißlungene Stellen finden; eine glückliche Stunde ergibt vielleicht einmal eine bessere Fassung. Meine Swinburne-Übersetzungen sind in der Tat immer wieder überarbeitet worden, und käme es heute zu einer neuen Ausgabe, würde ich sie noch einmal durchnehmen. Keine Übersetzung ist so vollkommen, daß sie nicht noch besser gemacht werden könnte. Und ich will auch ganz rund heraus sagen, daß ich jede Übersetzung für einen Barbarismus halte. Nur der blutigste Dilettant wird nicht erkennen wollen, was die Nachdichtung vom Originale trennt und trennen muß. Die Ausnahmen beweisen nichts dagegen. Aber andrerseits ist der Anreiz für jeden Dichter – und nur Dichter sollen Dichter übertragen – so groß, Gedanken und Formen fremder Dichtungen in seiner Sprache wiederzugeben, daß er sich immer wieder daran versuchen wird, so sehr er auch die Schranken empfindet. Es handelt sich dabei nur um eine persönliche Liebhaberei. Und so auch bei mir, dessen eigene Bücher man freilich viel zu wenig kennt, um ein Urteil darüber haben zu können, ob ich ein Dichter bin.“ ●●● Auf Hausers Zuschrift hin meldete sich – in der Nr. 20 (15.07.06), 1482-3 – Meyerfeld noch einmal zu Wort: „John Henry Mackay macht mich durch die Zusendung seines Buches Jenseits der Wasser (‚Übertragungen aus englischen und amerikanischen Dichtern des 19. Jahrhunderts’) in freundlicher Weise darauf aufmerksam, daß auch er Swinburnes ‚Ballade vom Traumland’ übersetzt hat – und zwar vermutlich als erster, da der Band schon 1889 erschienen ist. Ich bitte dies meiner Besprechung im LE, Sp. 1257, nachtragen zu dürfen. – Indem ich Herrn Otto Hauser […] einen modernen Admirable Crichton nannte, glaubte ich seinen stupenden Sprachkenntnissen den gebührenden Respekt erwiesen zu haben, und die parenthetische Bemerkung ‚Übersetzungen von Übersetzungen zählen nicht mit’ bezog sich keineswegs auf ihn. Im übrigen will ich aber nicht verschweigen, daß mir schon die Anzeige ‚spricht perfekt Englisch und Französisch’ recht hyperbelhaft vorkommt.“

Types of Weltschmerz in German Poetry. LE, Bd. 8, Nr. 17 (1. Juni 1906), 1262.
Eine Dissertation (Columbia University New York 1905) von Wilhelm Alfred Braun. – „Als Doktorarbeit betrachtet, erhebt sich diese von einem amerikanischen Studenten deutscher Abkunft herrührende Schrift weit über das Niveau der hierzulande üblichen Dissertationen und verdient, auch mit absolutem Maßstab gemessen, Beachtung. Wie denn überhaupt ‚die himmelan stinkenden Krämerseelen der Amerikaner’ (Lenau) nicht nur von jeher die deutsche Literatur redlich bewundern, sondern ihr neuerdings auch tüchtige wissenschaftliche Arbeiten widmen. – Der Verfasser hat sich das Ziel gesetzt, einen ‚bescheidenen Beitrag zur Naturgeschichte des Weltschmerzes’ zu liefern. Er sucht zunächst eine scharfe Trennung zwischen Weltschmerz und Pessimismus durchzuführen, wobei es freilich nicht ohne einige Wortklauberei abgeht. Als Vertreter des Weltschmerzes hat er die drei Dichter Hölderlin, Lenau, Heine gewählt, weil sie drei verschiedene Typen repräsentieren. Hölderlin ist ihm der Idealist, Lenau der Pathetiker, Heine der Satiriker des Weltschmerzes. Bei dem Schwaben gibt sich dieser naiv, bei dem Ungarn selbstbewußt, bei dem jüdischen Spötter ganz egoistisch, destruktiv und unter einer grinsenden Maske verborgen. Heines komplizierte, widerspruchsvolle Natur findet bei dem jungen [geb. 1873!], gesinnungsstarken Amerikaner wohl kaum die rechte Würdigung, sonst hätte er hervorgehoben, wie unendlich wichtig Heines Gesamterscheinung in ihrer vorwärts weisenden Bedeutung ist, statt solche Gemeinplätze aufzuwärmen wie die, daß Heine ‚nie ein monumentales literarisches Werk von bleibendem Wert geschaffen’ habe und als Persönlichkeit nicht ernst zu nehmen sei (S. 84). Neue Einblicke in den Charakter der auf ihren Weltschmerz hin untersuchten Dichter wird man nicht erwarten dürfen, so wenig wie selbständige Urteile, von denen nur das eine verblüfft, daß Lenaus Liebesbriefe an Sophie Löwenthal ‚an literarischem und künstlerischem Verdienst’ sogar Goethes Korrespondenz mit Frau von Stein übertreffen und in der deutschen Literatur nicht ihresgleichen haben (S. 41). Aber das Material ist geschickt zusammengetragen und gut ausgenutzt. Wenn man hundertundneunzehn Werke zu Rate zieht, um eine Abhandlung von vierundachtzig Seiten zu schreiben, und überdies ein so interessantes Thema hat, kann der wachthabende Herr Professor [Calvin Thomas (1854-1919)] im Vorwort einen ‚wertvollen Beitrag zur literarischen Gelehrsamkeit’ konstatieren.“

Londoner Skizzenbuch. LE, Bd. 8, Nr. 23 (1. September 1906), 1694-1695.
Reisebericht von A. Rutari (d.i. Arthur Levi [geb. 1862]) (Leipzig: Ludwig Degener 1906), 292 S.: „Vor meiner englischen Reise hatte ich [Hippolyte] Taines Aufzeichnungen über England [Jena: Diederichs 1906], nach meiner englischen Reise habe ich Rutaris Londoner Skizzenbuch gelesen. Damals Vorfreuden, anticipation; jetzt Nachwehen, seediness. Damals war die Phantasie meine Mitarbeiterin, jetzt – die Erinnerung. Dort ein Gelehrter und ein Künstler (seltene Personal-Union!); hier ein emsiger Journalist. Dort ein Statistiker, der etwas freigebig Phänomene zu Gesetzen erhob; hier ein Impressionist, der seine Beobachtungen säuberlich notiert. Dort der Reiz des Darstellers; hier der Reiz des Dargestellten. In der Mitte liegt London … London … London. Ungünstige Konstellationen für Rutari: nicht die Nachbarschaft Taines drückt ihn, sondern die frische Erinnerung an London. Aber ich will gerne gestehen, daß ich manches Neue erfahren habe. Wer zum ersten Male nach London fährt, kann aus diesem (nicht immer behutsam genug stilisierten) Buche reichlich Belehrung schöpfen. Wer London verläßt, wird in diesem (ansprechend ausgestatteten) Buche reichlich Unterhaltung finden. In der Mitte liegt London … London … London.“

Neue Wilde-Kunde. VZ, Nr. 458 (Sonntagsbeilage Nr. 39), 30. September 1906, 305-308.
Robert Harborough Sherard, The Life of Oscar Wilde (London: T. Werner Laurie 1906), XVI u. 470 S. – „,Judas ist es allemal, der von den Jüngern eines Mannes seine Biographie schreibt’ – lautete ein Paradoxon Oscar Wildes [‚The Critic as Artist. Part I’]. – An ihm selbst hat sich dieser Ausspruch nicht bewahrheitet. Denn Robert Harborough Sherard, der Wildes erster Biograph geworden ist, zählte weder zu seinen Jüngern, noch hat er ihn für dreißig Silberlinge verkauft. Sondern sechzehn Jahre lang war er ihm innig befreundet, sah ihn zu den höchsten Gipfeln, die das Gaukelspiel des Lebens vortäuscht, einen andern Phaeton, emporsteigen, sah ihn in den tiefsten Abgrund stürzen, an dem die Wirklichkeit des Lebens irdische Hybris zerschellen läßt; und als Oscar Wilde verraten und verkauft wurde, als sein Name ‚zu einem gemeinen Schimpfwort im Munde gemeiner Menschen’ [De Profundis] ward, hielt Sherard treu zu ihm, während so mancher Jünger und falsche Freund den Meister verleugnete. ● Schon einmal hat Sherard das Wort ergriffen: vor drei Jahren [in Oscar Wilde. Die Geschichte einer unglücklichen Freundschaft (Erstveröffentlichung unter dem Titel Oscar Wilde: The Story of an Unhappy Friendship [1902])], ehe De Profundis veröffentlicht war, also zu einer Zeit, da der Dichter noch von der ‚guten’ Gesellschaft in England verfemt, da der Tote noch nicht erwacht war. [Siehe MMs Rezensionen des Buches in der NR, Bd. 14, Nr. 4 (April 1903), 400-7, sowie im LE, Bd. 6, Nr. 8 (15.01.1904), 541]. Damals schien es Sherard geraten, seiner Darstellung eine möglichst persönliche Form zu geben. Er erzählte von sich selbst; die Vita ward zum Freundschaftsmonument. Doch die Hoffnung, den Geächteten unter diesem Deckmantel einzuschmuggeln, erwies sich als trügerisch. – Oscar Wilde mußte selbst sprechen, um in der Heimat, die ihn aus den Reihen der Lebenden gelöscht und mit einer Grausamkeit, wie sie sich nur aus den unverbrauchten Instinkten dieses Volkes erklärt, an den ewigen Pranger gestellt hatte, wieder festen Fuß zu fassen. Er sprach, sprach von jenseits des Grabes, und sein posthumes Werk, das den Menschen so traurige Botschaft brachte, verhalf ihm zu einer Auferstehung. Der Revenant war ein andrer Oscar Wilde: nicht mehr, wie ehedem, der Herold des Ästhetizismus, der Verkünder der L’art pour l’art-Lehre, der Priester eines schrankenlosen Genußkultes, der Bannerträger der Jugend und Schönheit, der Löwe der Gesellschaften, der bitterböse Verächter der Gesellschaft, der farbenfrohe Märchenpoet, der gefürchtete und gehaßte ‚wit’, der Satiriker mit Schellenmütze und Pritsche – sondern ein Oscar Wilde in Sack und Asche, stolz erhobenen Hauptes zwar, doch im härenen Gewande des Schmerzes, ein Oscar Wilde, der die Fahne der Demut trug, darauf zwei Worte standen: Leid und Mitleid. Seltsame Verwandlung: der Prophet des Dionysos hatte Jesum Christum entdeckt, der Epikuräer war zur Heilsarmee abgeschwenkt. – So seltsam dünkte viele diese Verwandlung, daß sie das ungewohnte Kleid als Verkleidung empfanden, daß sie an der Aufrichtigkeit der Beichte zweifelten … Das ist ein typisch englischer Standpunkt, den Wilde mit bittern Worten im Dorian Gray [Kap. 1] festgenagelt hat: ‚Der Wert eines Gedankens hat nicht das Geringste mit der Aufrichtigkeit dessen, der ihn äußert, zu tun.’ – Aber so eindringlich tönte seine Stimme d’outre tombe den Mühseligen und Beladenen, so lebendig war er mit einem Male geworden, daß man an seinen Tod nicht glauben wollte. In Amerika tauchte zuerst das Gerücht auf, Oscar Wilde sei gar nicht gestorben, sondern halte sich in der verschwiegenen Zelle eines spanischen Klosters auf. Überall wollte man ihn gesehen haben: bald in New York, bald bei Sevilla, ja in London selbst. Und eine Dame, in deren Hause Wilde früher ein willkommener Gast war, begeisterte sich so für den Gedanken, daß ich ihn am Ende auch geglaubt hätte, wenn ich nicht eine Photographie von Oscar Wilde auf dem Sterbebett besäße. – Nein, Oscar Wilde ist am 30. November 1900 – kurz vor Anbruch des neuen Jahrhunderts, das er, wie ihm eine innere Stimme zuflüsterte, nicht mehr erleben sollte – in einem schäbigen Gasthof der Rue des Beaux-Arts zu Paris gestorben. Der Apostel der Lebensfreude im Elend; der berühmte Dichter als ein namenloser Sebastian Melmoth; der grandiose Spötter, der einen Orden für Ungläubige stiften wollte, als überzeugter Katholik. Auf dem Vorstadtfriedhof in Bagneux hat er seine letzte Ruhestätte gefunden, die vielleicht nicht die letzte bleiben wird. ‚Sein Grab ist das elfte in der siebenten Reihe der siebzehnten Abteilung.’ [Bei Sherard heißt es jedoch: ‚he lies in the 17th Grave of the 8th Row of the 15th Division.’ (422 f.)] – Vor diesen unerschütterlichen Tatsachen muß die Legende Halt machen, die Legende, die sein Leben mit einer dichten Decke von Schlingpflanzen umsponnen. Sherards Biographie wird gewiß dazu beitragen, sie an weiterem Wachstum zu hindern; aber noch ist zu vieles unaufgeklärt, um ihr allen Boden zu entziehen. Noch muß jeder, der heut über Wilde schreiben will, sich dabei aufhalten, eine ganze Anzahl von Irrtümern zu zerstreuen, falsche Angaben zu berichtigen, Entstellungen oder gar böswillige Verleumdungen zurückzuweisen; und keiner – höchstens einer [Robert Ross] – wäre heut imstande, alle Lücken in unserer Kenntnis dieses singulären Menschen durch authentisches Material auszufüllen. ● Unter solchen Umständen läßt sich die Frage nicht unterdrücken: ist überhaupt der Zeitpunkt für eine Biographie Oscar Wildes schon gekommen? Das wird manchem verwunderlich klingen, wenn er erfährt, daß die Wilde-Literatur heute schon (mit Ausschluß der Zeitschriftenaufsätze) zwölfhundert Nummern betragen soll, daß kaum über einen Zeitgenossen mehr geschrieben sein dürfte, und daß man mit Bestimmtheit noch eine Menge weiterer Publikationen prophezeien kann. Man wird ferner darauf hinweisen, daß wir seine Werke vollständig besitzen, und daß er sein eigenes Leben in De Profundis beschrieben hat, wie es kein andrer vermocht hätte. – Alles zugegeben … aber das Meiste, was in Deutschland über die komplizierteste Erscheinung des modernen Kulturlebens gesagt worden ist, erweckt den Eindruck, als wäre dieser Oscar Wilde aus Dublin ein Oskar Wilde aus Breslau oder Posemuckel. Wie es leider überhaupt bei uns Sitte geworden ist, Vertreter der englischen Literatur mit einer vielsagenden, nichts bedeutenden Gebärde der Superiorität abzutun. Zweitens: seine Werke sind in allen möglichen und teilweise unmöglichen Ausgaben zerstreut; erst jetzt – im Herbst dieses Jahres – soll uns eine annähernd vollständige Uniform Edition beschert werden [die 15-bändige Ausgabe des amerikanischen Verlegers A. R. Keller (1907), deren Vertrieb im Vereinigten Königreich aber auf Antrag von Robert Ross untersagt wurde]. Doch eines seiner Dramen, die vom Dichter selbst neben Salome gestellte Sainte Courtisane (eine Behandlung des Magdalenen-Stoffes), ist verschollen; von der Florentinischen Tragödie fehlt immer noch die erste Szene, und der freche Dieb, der auch das Manuskript einer biographisch ungemein wichtigen Arbeit über das Problem in Shakespeares Sonetten [The Portrait of Mr. W.H.] entwandte, scheint keine Lust zu haben, seinen Raub herauszurücken. Endlich: was ich nach schweren Kämpfen Wildes Testamentsvollstrecker von De Profundis abgerungen habe (die englische Ausgabe ist bekanntlich noch verstümmelter), stellt ein Drittel des Gesamtwerkes dar. Das eine Drittel hat freilich genügt, sich in Jahresfrist alle zivilisierten Länder zu erobern und seinen Verfasser in England zu rehabilitieren. Allein wer möchte sich vermessen, ein abschließendes Urteil über ein Buch zu fällen, von dem er zwei Drittel nicht kennt? Ob wir diese zwei Drittel mit ihren Angriffen auf lebende Personen in absehbarer Zeit kennen lernen werden, ist sehr zweifelhaft, denn, wie Bernard Shaw in der Vorrede zu einem seiner Romane sagt: ‚No document concerning a living person of any consequence (by which I mean a person with money enough to take an action for libel) is ever published in England unless its contents are wholly complimentary.’ [Cashel Byron’s Profession: Novels of My Nonage (1901)]. Wir müssen uns also vorläufig mit dem, was wir haben, bescheiden. Vielleicht erhalten wir aber nächstens die aufschlußreichen Briefe, die Wilde in seiner letzten Pariser Zeit geschrieben hat. Er war, wenn wir dem Urteil eines kritischen Gewährsmannes trauen dürfen, in den Tagen seines Glanzes kein guter Korrespondent, wohl deshalb, weil es ihm im Saus und Braus seines Lebens an Muße gebrach, innere Einkehr zu halten, Held und Zuschauer in einer Person zu werden. Aber gab er von sich selbst wenig, so besaß er doch die Fähigkeit, über andere mit feinstem Gift getränkte Dinge zu sagen, ihre Schwächen in einem einzigen Satze, oft in einem Epitheton zu erschöpfen: ‚dies Klirr’n geschliffner Worte, die zierlich in der Luft sich kreuzen [Beer-Hofmann, Der Graf von Charolais (Zweiter Akt)].’ Eine wesentlich davon verschiedene Tonart klingt aus den Briefen seines Exils und seiner Einsamkeit: da fand die gequälte Seele endlich Ruhe, sich auf sich selbst zu besinnen, da kam sie zum Bewußtsein ihrer selbst. Die stockende künstlerische Produktivität schuf sich in diesen rein menschlichen Bekenntnissen ein Ventil. Und niemand kann so unentbehrliche Zeugnisse zur Beurteilung der letzten Lebensjahre des Dichters missen. – Nun wird es vielleicht eher einleuchten, warum ich vorhin leise Zweifel äußerte, ob die Zeit für eine Biographie Oscar Wildes schon gekommen sei. Doch das Hauptargument steht noch aus. Wir haben noch nicht die nötige Distanz zu dieser vielspältigen Persönlichkeit gewonnen; weder zeitlich noch geistig. Oscar Wilde lebt noch zu sehr unter uns; sein Charakterbild wird ‚von der Parteien Haß und Gunst verwirrt’ [Wallenstein, Prolog, 102]. Die Ansichten über ihn, sowohl über den Menschen wie den Dichter, laufen diametral auseinander. Und es vergeht fast kein Monat, der uns nicht neue Aufschlüsse bringt sowohl über den Menschen wie den Dichter. – So haben wir im vorigen Jahre eine geschichtswissenschaftliche Arbeit über die Anfänge der historischen Kritik erhalten, die von einem amerikanischen Verleger ausgegraben wurde und aufs neue den Beweis lieferte, eine wie umfassende Bildung Wilde besaß [s. MMs Besprechung im LE vom 01.06.06]. Es ist erwähnenswert, daß es in England Leute gibt, die an dem Menschen sozusagen kein gutes Haar lassen und den Dichter mit geringschätzigem Achselzucken abtun zu können meinen, dagegen von dem ‚scholar’, der sich schon als Student in Dublin und Oxford einen Universitätspreis nach dem andern holte, mit der größten Hochachtung sprechen. So haben wir erst kürzlich eine vollständige Liste aller Veröffentlichungen Wildes empfangen, die zeigt, daß eine beträchtliche Anzahl Zeitschriftenaufsätze bisher dem Spürsinn der Forscher entgangen ist [Oscar Wilde: A Study. From the French of André Gide. With Introduction, Notes, and Bibliography by Stuart Mason (1905)]. So ist zuletzt ein Vortrag ans Licht getreten, den Wilde über seine amerikanische Vortragstournee gehalten hat [Impressions of America (1906)]. Wenn auch die Bedeutung solcher und ähnlicher Publikationen keineswegs überschätzt werden soll, so bieten sie doch manchen wertvollen Fingerzeig. ● Über den Menschen Wilde hat uns nun Robert Sherard in seiner mit einigen wichtigen Dokumenten und einigen ganz unwichtigen Bildern ausgestatteten Biographie neue Kunde gebracht. Eine wissenschaftliche Biographie, wie wir sie wünschen und brauchen, oder vielmehr das, was wir in Deutschland mit unsern verwöhnten und gesteigerten Ansprüchen unter einer solchen verstehn, ist Sherards Buch nicht geworden, konnte es vielleicht zur Zeit noch nicht werden. Aber abgesehen davon, daß das Material teilweise noch nicht ans Licht des Tages gefördert, teilweise noch zu versprengt ist, wendet sich Sherard an ein weniger geschultes, bei weitem naiveres Publikum und vor allem an einen größeren Ausschnitt des Publikums, dem mit unserer strengeren Methode wahrscheinlich nicht gedient wäre. Es ist ein Gebot der Billigkeit, dies bei der Beurteilung des Werkes stets im Auge zu behalten. In diesem Falle kommen allerdings besondere Umstände hinzu: die außerordentliche Schwierigkeit, in England über Oscar Wilde heute oder noch heute zu schreiben. Der Skandalprozeß des Jahres 1895 ist noch zu lebhaft in aller Erinnerung. Das Gedächtnis daran wieder aufzufrischen, wäre unklug, weil es einen Teil der Leser entfremdete oder gar abstieße. Denn wenn auch die gebildeten Kreise längst eingesehen haben, daß das Verbrechen, Oscar Wilde ins Zuchthaus zu schicken, größer war als das Verbrechen, das er begangen, so liebt es doch die breite Schicht des britischen Mittelstandes, das solide Bürgertum, nicht, von den Schattenseiten der Menschennatur Notiz zu nehmen. Andererseits ließ sich unmöglich mit Grabesschweigen über diese unerquicklichen Vorfälle hinweggehn. Sherard hat einen vermittelnden Standpunkt gefunden, der einem Ausweg gleichkommt; ist er selbst auch zu gescheit und zu eingeweiht, ihn zu glauben, so bietet er doch seine ganze Beredsamkeit auf, ihn seine Leser glauben zu machen. Doch darüber nachher noch ein Wort. Trotzdem liefert das Buch unschätzbares Material zu einer wissenschaftlichen Biographie, auf dem alle künftige Forschung wird fußen müssen, und es ist als der erste Versuch großen Stils zu betrachten, Oscar Wilde, über den bisher unendlich viel fabuliert und ästhetisiert worden ist, über den alle Stände und Berufe ihr Sprüchlein aufgesagt haben, literarhistorischer Forschung zugänglich zu machen. ● Sherard hat das Fundament gelegt. Was er über Wildes literarische Abhängigkeit vorzubringen weiß, ist freilich sehr lückenhaft, geht kaum über wenige Andeutungen hinaus. Er beschränkt sich fast darauf, den Einfluß Ruskins in Wildes Oxforder Studentenzeit zu bestreiten, indem er unwiderleglich nachweist, daß die acht Vorlesungen, die der Undergraduate bei dem Professor hörte, unmöglich eine tiefergehende Wirkung auf ihn ausüben konnten. Und wenn sich der junge Mann auch an dem spielerischen Wegebauen beteiligte, das zu Ruskins mancherlei Absonderlichkeiten gehörte, so läßt sich doch nicht behaupten, daß dieser schrullenhafte Sport, der regelmäßig durch ein solennes Frühstück gekrönt wurde, die Lebensauffassung eines Menschen zu bestimmen vermochte. Aber war Ruskin nicht sein Lehrer, so müssen es doch andere gewesen sein. Denn wenn Wilde auch jene hohe Originalität mit auf die Welt brachte, die jedem Iren als kostbarstes Angebinde in die Wiege gelegt zu sein scheint, so hat doch seine überaus empfängliche Natur sicher eine Reihe von Einflüssen aufgesogen. Hier wären William Morris und die Präraphaeliten entschiedener zu erwähnen gewesen. Sie haben zum mindesten den Boden bereitet, auf dem Wildes ästhetische Lehre gedeihen konnte; und im einzelnen verraten seine lyrischen Erstlinge vielfach Anleihen bei der Kunst Rossettis. Hier wäre vor allem Walter Pater hervorzuheben gewesen, der nur als (ein wenig nüchterner, vielleicht bewußt ausweichender) Kritiker des Dorian Gray genannt wird. In der kürzlich in der Sammlung English Men of Letters erschienenen Biographie Paters läßt sich mancher Anhaltspunkt dafür finden. Ihr Verfasser, Mr A. C. Benson, scheint es allerdings in stockbritischer, augenverdrehender Heuchelei mit einer geradezu komischen Verkennung der Tatsachen für angebracht zu halten, den mittelmäßigen Meister zu einem Nationalgott emporzuschrauben und den großen Schüler, der nur in mysteriösen Anspielungen auftaucht, als ob es immer noch ein Staatsverbrechen wäre, seinen Namen zu zitieren, zum Prügelknaben zu degradieren. Walter Paters Stil, der das reiche englische Sprachinstrument um neue Saiten vermehrte, der eine bis dahin unerreichte Grazie des Ausdrucks fand, die bald in Manier erstarrte, wirkte auf die junge Generation wie eine Offenbarung. Und da sich sein Stil leicht nachahmen ließ, machte er Schule. Eine Schar von Trabanten heftete sich an die Fersen dieses Verkünders der Kalokagathia. Nicht als ob Wilde durchaus auf seinen Schultern stünde: aber er hat unzweifelhaft von dem Oxforder Einsiedler gelernt. So weit ihm die irisch paradoxe Art nicht im Blute lag, wurde sie vielleicht durch Pater genährt, der sich im Privatleben einer auffallend ironischen Redeweise befleißigte. Aber während Paters gewagte Aussprüche ihm neue Bewunderer warben, schuf sich Wilde durch die seinen ein Heer von Feinden. So hat Pater einmal, um ein einziges Beispiel anzuführen, die Schweizer Seen als scheußliche blaue Farbtöpfe bezeichnet [‚horrid pots of blue paint’ (Benson, 191)]; Wilde übertrumpfte ihn noch, als er [bei seiner Ankunft in New York im Januar 1882] den Atlantischen Ozean kurz und bündig für ‚eine Enttäuschung’ erklärte. Sherard spielt sich hier zum advocatus diaboli auf, indem er nicht einfach herzlich mitlacht, sondern ernsthaft zu begründen sucht, daß der Ozean bei schönem Wetter und ruhiger Überfahrt keine Sensation bedeute [192 f.]. – Merkwürdigerweise hat es sich Sherard auch entgehn lassen, über Wildes Abhängigkeit von Shakespeare zu handeln. Und doch ist die ganze Herzogin von Padua voll von Shakespeare wie ein Tautropfen von der Sonne, mutet die große Liebesszene des zweiten Aktes wie ein einziges Echo der Balkonszene aus Romeo und Julia an. Daneben wären die Sonette in ausgiebigem Maße heranzuziehen. Bei Wildes stupender Belesenheit und Anempfindungsgabe sind auch die Spuren kleinerer Dichter in seinen Werken zu entdecken, und die moderne französische Literatur hat ihm manche Anregung zugetragen. Man denke nur, wie Huysmans in den Schönheits-Kapiteln des Dorian Gray spukt. ● Bleibt also für die Frage der literarischen Abstammung das Meiste noch zu tun, so hat Sherard das Problem der Vererbung energisch in Angriff genommen. Hier hat ihm keinerlei Vorarbeit zur Verfügung gestanden, und hier gibt er sein Bestes. Er ist auf Grund von gewiß sehr mühevollen Forschungen imstande, über Wildes Ahnen und besonders über seine Eltern zum Teil überraschende Enthüllungen zu machen. – Oscar Wildes Vater, Sir William Wilde, war in Dublin, ja in ganz Irland als Augen- wie Ohrenarzt gleich geschätzt und gilt heute noch – drei Jahrzehnte nach seinem Tode – als Zierde der Wissenschaft, was in der Medizin besonders viel heißen will. Er hatte in London, Berlin und Wien studiert. Bei der Vorbereitung zu einem Examen überarbeitete er sich so, daß ihn am Prüfungstag ein schwerer Fieberanfall heimsuchte. In dieser immerhin fatalen Lage empfahl ein Quacksalber der Zeit als einziges Rettungsmittel eine tüchtige Dosis Alkohol, und da diese Gewaltkur den gewünschten Erfolg hatte, wurde später sein Haus nicht gerade eine Hochburg der Temperenzler. Wildes beide Söhne, zumal der ältere, William, aber auch Oscar, vornehmlich in seiner letzten Pariser Zeit, konnten dem Alkohol nicht so heilsame Wirkungen zuschreiben. Im Leben beider hat er eine gefährliche Rolle gespielt; doch scheint es mir übertrieben, wenn Sherard die Episode aus den Studententagen des Vaters dafür verantwortlich macht. Kein vernünftiger Mensch, geschweige denn ein Mediziner, wird starkes Bier für das beste Mittel gegen Fieber halten, und selbst wenn es ihn zufällig vor dem Tode bewahrt hat, weil er auch so nicht gestorben wäre, wird er unmöglich die Torheit begehn, dies Rezept zur fleißigen Benutzung kommenden Geschlechtern weiter zu geben. Wir wollen uns vielmehr erinnern, daß in Irland neben dem Schutzpatron St Patrick nichts so sehr verehrt wird wie – der Irish. – Der junge Arzt eröffnete seine Laufbahn mit einem hochherzigen Akt der Wohltätigkeit: von seinem ersten Verdienst gründete er in Dublin eine Poliklinik, aus der das Royal Victoria Eye and Ear Hospital hervorgegangen ist. Man sollte denken, ein Mann von seiner Begabung und seinem Rufe hätte es zu großem Reichtum gebracht, aber offenbar ist er nicht über einen mäßigen Wohlstand hinausgelangt, weil ihm jedes rechnerische Talent – genau wie seinem Sohne Oscar – versagt war. Vielleicht standen ihm auch seine extravaganten Neigungen, die sich freilich nicht auf die Pflege seines äußeren Menschen erstreckten, hinderlich im Wege. Er hatte schöngeistige Liebhabereien, die ihn auf weite Reisen führten, und daneben weniger platonische Liebschaften. Nicht einmal seine Patientinnen waren vor den jähen Ausbrüchen seines ungezügelten Temperaments sicher, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre der berühmte Arzt auf die Anklagebank gekommen. Man mag sich vorstellen, daß die streng religiöse Bevölkerung der irischen Hauptstadt an der laxen Moral eines ihrer gefeiertsten Mitbürger berechtigten Anstoß nahm. Bis zu allerletzt scheint er dies libertinistische Treiben fortgesetzt zu haben. Als er auf dem Sterbebett lag, kam jeden Morgen eine verschleierte Gestalt in tiefer Trauerkleidung ins Krankenzimmer, setzte sich wortlos ans Bett und blieb bis zum Abend. Lady Wilde, die ihren Gatten aufopfernd pflegte, duldete dies schweigend, was von antiker Seelengröße oder aber von unverzeihlicher Schwäche zeugt. ● Sie war überhaupt eine in vieler Beziehung merkwürdige Frau. Ihr Mädchenname war Jane Francesca Elgee, und sie behauptete hartnäckig, ihr Patronymikon sei aus Alighieri verstümmelt, um eine Verwandtschaft mit Dante herzustellen, was ihr indes, da sie außer dem persönlichen Wunsch einer so illustren Abstammung und einer gewissen Namenähnlichkeit keine stichhaltigen Gründe vorzubringen wußte, nicht einmal von ihren Söhnen geglaubt wurde. Dabei hatte sie es gar nicht nötig, sich mit italienischen Federn zu schmücken. Ihr Großvater war der in Irlands nationaler Geschichte bekannte Erzdiakon Elgee von Wexford und ihr Großonkel der in der Literaturgeschichte berühmte Charles Maturin, Verfasser eines höchst abenteuerlichen Romans Melmoth der Wanderer, den Balzac in einem Atem mit Goethes Faust und Byrons Manfred nannte und den auch Thackeray wie Baudelaire mit Lob überschütteten. – Schon als junges Mädchen widmete sich Miß Elgee der Schriftstellerei und nahm wacker Anteil an der freiheitlichen Bewegung ihres Landes. Unter dem Pseudonym Speranza veröffentlichte sie Brandgedichte in einer irischen Zeitschrift The Nation und ebendort, unter männlichem Deckmantel, einen revolutionären Aufsatz Jacta est Alea im Jahre 1848, der den Staatsanwalt zum Einschreiten veranlaßte. Als bei der Gerichtsverhandlung der verantwortliche Redakteur wegen Hochverrats verurteilt werden sollte, rief plötzlich eine Stimme von der Galerie herab: ‚Wenn einer schuldig ist, so bin ich’s!’ Danach wurde das Verfahren eingestellt, weil sich die Richter nicht einigen konnten, die junge Dame ins Gefängnis zu schicken. Durch diesen mutigen Schritt hatte sich die glühende Patriotin ‚mit ehernen Reifen’ ans Herz ihres Volkes geklammert, das es ihr später sehr verdachte, daß sie eine kleine Witwenpension vom englischen Staat annahm. – Auch nach ihrer Verheiratung traten noch häufig exzentrische Züge bei ihr hervor. Sie war schwerlich das, was man eine gute Hausfrau nennt; sonst hätte sie ihren Mann nicht in heillos verwahrlostem Zustand, der ihn zum Gespött der ganzen Stadt machte, herumlaufen lassen. Und es ist überaus bezeichnend für ihre weltfremde, verstiegene Art, daß sie oben auf ihrem Zimmer den Gefesselten Prometheus des Äschylos voller Verzückung las, während unten in der Vorhalle Gerichtsvollzieher ihres prosaischen Amtes walteten. Sie lebte eben nicht in der gemeinen Wirklichkeit, sondern suchte sich stets in ein Traumland zu versetzen, schwebte in ihrem Sokrateskorb zu seligen Höhen empor und streifte das irdische Gewimmel kaum mit dem Blick. Als echte Phantastin umgab sie sich mit dem Dunstkreis der Selbsttäuschung. – Sherard findet zur Charakterisierung ihres Wesens das Wort schwärmerisch; aber Lady Speranza war mehr: exaltiert bis zur Krankhaftigkeit, bis zur Hysterie. Als ihr zweiter Sohn Oscar geboren wurde, hatte sie bestimmt auf eine Tochter gerechnet. Sie wollte nicht glauben, was sie nicht gewünscht hatte. Gleichsam als ob sie die Fähigkeit besäße, die Natur zu korrigieren, behandelte sie den Jungen wie ein Mädchen und steckte ihn, solang es irgend möglich war, in Mädchenkleider. Auf, Psychiater, an die Arbeit! – Pathologisch war auch ihr Bestreben, den Glauben zu erwecken, als sei der jetzige König Oskar von Schweden, damalige Herzog von Ostgotland, der Taufpate ihres Sprößlings gewesen. Dagegen steht fest, daß das Ehepaar Wilde im Jahre 1854 noch gar nicht die Bekanntschaft des Prinzen gemacht hatte. Erst drei Jahre später besuchte Vater Wilde Stockholm, wo er durch den Nordsternorden ausgezeichnet wurde. Aber die Persönlichkeit des Dichterkönigs muß in jedem Falle einen tiefen Eindruck auf die romantische Lady Speranza hervorgebracht haben. Ob damit die auffallende Ähnlichkeit zwischen Oscar Wilde und seinem angeblichen Paten zusammenhängt – wer möchte es zu entscheiden wagen? Das rätselhafte Spiel der Natur oder die geheimnisvollen Irrgänge des menschlichen Hirns spotten vielfach aller Deutungskunst. Die Verwirrung wird dadurch noch größer, daß Oscar Wilde, ‚nicht zufrieden mit dem angeborenen Duft der Jugend’, sich später für zwei Jahre jünger ausgab. Es ist natürlich sehr bequem und leuchtet dem gesunden Menschenverstand sofort ein, wenn man sagt, der begeisterte Lobredner der Jugend habe aus keinem andern Grunde, als um selbst jung zu scheinen, das Datum seiner Geburt gefälscht. Nur ist diese Psychologie für einen Oscar Wilde zu trivial. Und es bleibt zum mindesten fraglich, ob er sich erdreistet hätte, auch vor Gericht diese Fälschung aufrecht zu erhalten und dem gegnerischen Anwalt, der ihm deshalb Vorstellungen machte, mit schärfster Ironie zu antworten. Ich möchte die Vermutung aussprechen, daß wir vielleicht in dem Märchen Das Sternenkind (aus der Sammlung The House of Pomegranates) einen dichterischen Niederschlag des Verhältnisses von Mutter und Sohn sehen dürfen, wie denn überhaupt in die Märchen seltsamerweise zahlreiche biographische Züge eingewebt sind. Ganz geklärt wird die etwas verwickelte Frage wohl nie werden. ● Nach alledem – und Sherard spendet mit vollen Händen weiteres Material – wird die Wissenschaft Oscar Wilde unstreitig für erblich belastet erklären. Sein Biograph bemüht sich nun, den Nachweis zu erbringen, daß seine psychopathische Veranlagung bereits in Oxford zum Ausbruch gekommen sei. Der depravierende Einfluß der alten Universität soll den verborgenen Wahnsinn entwickelt haben. Und Sherard erblickt eine Bestätigung seiner Auffassung darin, daß Wilde selbst in De Profundis von Oxford als dem einen großen Wendepunkt seines Lebens spricht. Aber er wollte damit gewiß nur ausdrücken, daß Oxford der Start seiner Ruhmeslaufbahn war, die in glorreichem Aufschwung bis zu den Erfolgen des vom Glück verwöhnten Dramatikers führte, also bis zur Schwelle des Gefängnisses. (Ganz logisch wird darum das Gefängnis als der andere große Wendepunkt bezeichnet.) Nein, in Oxford sind die vererbten Keime noch nicht zur Oberfläche gelangt. Hier zog sich Wilde jene Krankheit zu, die eine Zeitlang als geheilt galt, in seiner letzten Periode wüsten Taumels wieder ausbrach und ihn schließlich dahinraffte, wie so viele Geistesheroen vor und nach ihm diesem tückischen Leiden erlegen sind. Fahndet man aber nach einem Anhalt dafür, daß Wilde selbst von seiner erblichen Belastung überzeugt war, so mag man ihn in dem freimütigen Geständnis seiner Apologie De Profundis finden: ‚Die Natur, unser aller Stiefmutter, war dabei im Spiele.’ – Und er hatte offenbar sein Verderben kommen sehen. Hatte es nicht nur selbst heraufbeschworen, sondern auch jeden Versuch von sich gewiesen, es abzuwenden. Es gab Möglichkeiten der Flucht, aber es gab kein Entrinnen. Er stand da, die Arme auf den Rücken geschnürt, und wehrte sich nicht. Ein dumpfer Fatalismus schien ihn zu lähmen. Er wich nicht von der Stelle. Und doch beherrschte ihn bis zu allerletzt der Glaube: ’s kann mer nix g’schehn, ’s kann mer nix g’schehn,’ weil ihm die Trugbilder die Sinne umnebelten, und weil er in vermessenem Selbstvertrauen die Person des Dichters für sakrosankt hielt. Dazwischen tönte die Stimme seines Bruders Willy, der selten nüchtern war: ‚Oscar ist ein irischer Gentleman’, und in Irland gilt das Gefängnis nicht als gar zu großer Schimpf. – Über diesen schaudervollen Abschnitt vermag Sherard nach dem ausführlichen Bericht, den er in seinem ersten Buche gegeben, wenig von Belang hinzuzufügen. Die Gefängniszeit selbst läßt er, was an und für sich kein übler Gedanke war, von Wildes Wärter Martin schildern. An neuen Tatsachen ist der Bericht verhältnismäßig arm, desto reicher an Gefühl, um nicht zu sagen: an Sentimentalität; aber es hat etwas Rührendes zu sehen, wie dieser schlichte Mann aus dem Volke in die Kunst eines Oscar Wilde einzudringen strebt und wie er den gefährlichen Demoralisator zu einem Heiligen im Kerker emporschrauben möchte. Danach scheint es nun doch, als habe Wilde in Reading, wenigstens in der zweiten Hälfte seines Aufenthalts im Zuchthaus, eine Reihe von Vergünstigungen genossen: er durfte alle ihm zugesandten Bücher mit Ausnahme der Magazine lesen, durfte, wenn er sein Tagewerk verrichtet, mit Tinte schreiben und abends sogar in seiner Zelle, so lang er wollte, Gas brennen. Von dem Augenblick an, wo ihm die Möglichkeit zu geistiger Beschäftigung geboten wurde, war er gerettet. Wir haben vielleicht – aus begreiflichem Mitleid – die Greuel des englischen Zuchthauses und die barbarischen Erniedrigungen, denen der begnadete Sträfling ausgesetzt war, etwas übertrieben; darum bleibt das System nicht minder grausam und einer großen Kulturnation unwürdig. – Selbst wenn es ihm in den letzten Monaten besser ging, hat Oscar Wilde noch unmenschlich gelitten, und seine Leiden erscheinen ganz ohne sein Zutun in märtyrerhaftem Lichte, wenn uns der gut verbürgte Ausspruch von ihm mitgeteilt wird: ‚Fünf Anklagepunkte (das endlos lange Sündenregister war im Laufe des Prozesses auf sechs Punkte zusammengeschrumpft) bezogen sich auf Dinge, mit denen ich ganz und gar nichts zu schaffen hatte. Für einen Punkt gab es eine gewisse Begründung.’ Ob sich ein englischer Gerichtshof gefunden hätte, der Oscar Wilde daraufhin zu zwei Jahren hard labour verdammt hätte? ● Der Glanz seiner Werke, die den Künstler verbergen sollten [– vgl. Vorwort zu Dorian Gray: ‚To reveal art and conceal the artist is art’s aim’ –], mag verbleichen; der Mensch wird stets etwas Überragendes, aber auch etwas Inkommensurables behalten. Jedes neue Geschlecht wird sich vor ein seltsames Kunstwerk und ein unlösbares Rätsel gestellt sehen und die Wahrheit der Worte Oscar Wildes bestätigen: ‚In meine Werke habe ich mein Talent gelegt, in mein Leben mein Genie.’ [André Gide, Oscar Wilde: In Memoriam (1902)].“

nach oben

1907

Percy Bysshe Shelley. Der Mann ( !), der Dichter und seine Werke. Nach den besten Quellen dargestellt von Richard Ackermann.  LE, Bd. 9, Nr. 14 (15. April 1907), 1130.
„Hätte meine Kritik eine Gewalt wie die Verse des Archilochos, Richard Ackermann folgte wohl doch nicht dem bewundernswerten Beispiel des Lykambes [d.h. beginge Selbstmord]… Inhaltlich braucht man sich nicht mit ihm auseinanderzusetzen. Es gibt tausendunddrei Bücher über Shelley (Helene Richter hat zuletzt [1898] ein gescheites, nur gar zu weitläufiges Werk [640 S.] über ihn geschrieben); zur Verfertigung des tausendundvierten gehörte wirklich mehr Sitzfleisch als Kopfarbeit. Überdies läßt der Zusatz ‚nach den besten Quellen dargestellt’ keinen Zweifel, welches Rezept der Verfasser angewandt hat. Er bietet einen schönen Beleg dafür, daß man sich ‚mehr denn zwanzig Jahre’ mit einem Dichter beschäftigen kann, ohne seines Geistes einen Hauch zu verspüren. Shelleys Leben ist eine Rhapsodie, Shelleys Dichten ein Fanal; Ackermanns Darstellung ein schlechter Untersekundaneraufsatz. Dieser Scholarch heißt Professor, heißt Doktor gar, aber er müßte sich vor seinem unbegabtesten Schüler schämen, so grausam mißhandelt er die deutsche Sprache. Manchmal erweckt es den Eindruck, als übersetze er mangelhaft aus dem Englischen; dann wieder schwingt er sich zu dem Stil eines Kaufmannslehrlings auf, und wie dieser strauchelt er so und so oft über Fremdwörter. Ehe er sich weiter mit ausländischer Literatur befaßt, kann ihm nicht dringend genug geraten werden, sich die Elemente der deutschen Grammatik anzueignen. Es ist peinlich, dies einem Mann von fünfzig Jahren [Richard Ackermann: 1858-1928] sagen zu müssen; um so peinlicher, als nur noch geringe Aussicht auf Besserung vorhanden scheint. Lykambes, Lykambes!“    

Die Frauenfrage in den Romanen englischer Schriftstellerinnen der Gegenwart. LE, Bd. 9, Nr. 22 (15. August 1907), 1707-1708.
Buchfassung von Ernst Foersters Marburger Dissertation aus dem gleichen Jahr (1907) mit dem Titel Die Frauenfrage in den Romanen von George Egerton, Mona Caird und Sarah Grand. – „Diese Arbeit – vermutlich eine Dissertation – scheint in engem Anschluß an einen Aufsatz des Marburger Anglisten, Professor [Wilhelm] Viëtors [1850-1918], über ‚Die Gesellschaft und die Frau[en] im englischen Roman der Gegenwart’ [Die Neueren Sprachen, Bd. 5, H. 3 (Juni 1897), 105-120] entstanden zu sein. Was Seminardirektoren summarisch und andeutungsweise behandeln, haben ihre Schüler bisweilen im einzelnen auszuführen, oder wie es Schiller ausdrückte: „Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.’ [Xenien] So erklärt es sich wohl, daß die vorliegende Darstellung, errötend den Spuren des Meisters folgend, sich auf drei Vertreterinnen des Tendenzromans beschränkt: George Egerton, Mona Caird und Sarah Grand. Alle drei haben sich in Briefen an Professor Viëtor über die Ziele und Zwecke ihres Schaffens ausgesprochen. Auf ihnen ruht in der Hauptsache Dr. Foersters Abhandlung. Sie gibt ausführlich George Egertons, Mona Cairds und Sarah Grands Ansichten über die Frauenfrage wieder und ignoriert vollständig alle Mitstrebenden wie alle Vorläuferinnen. Umsonst sucht man auch nur die Namen einer Elizabeth Browning oder George Eliot. Würde sich ein Essayist einer solchen Einseitigkeit schuldig machen, die Wissenschaft fiele sicher über ihn her. Dabei ist es mir recht fraglich, ob Foerster aus Überfluß oder aus Mangel an Kenntnissen sein Thema so eng begrenzt hat: die (auf S. 75 mitgeteilte) Liste von Romanen, deren Titelheldin eine Frau ist, weckt Bedenken; sie macht fast den Eindruck, als ob sie mit der Wahllosigkeit Eduard Engels zusammengestellt sei [Geschichte der englischen Literatur, von den Anfängen bis zur Gegenwart (6. Aufl. 1906)], ganz abgesehen davon, daß Gertrude Atherton als Amerikanerin in diesem Katalog nichts zu suchen hat. Umsonst erwartet man auch, ein Wort über den Einfluß Ibsens in England zu hören. Umsonst, von dem Verfasser Kunde zu erhalten, wie sich die männlichen Kollegen zu der Frauenfrage gestellt haben. George Egerton, Mona Caird, Sarah Grand – weiter nichts. Und Foerster verschweigt geflissentlich, daß der künstlerische Wert ihrer Bücher nur gering ist. Er macht sogar Professor Engel (für den ich ungern Partei ergreife) einen Vorwurf daraus, daß er ‚George Egerton, als die viel bedeutendere, über die ihm fast wertlose Sarah Grand stellt’ [S. 69]; seiner Meinung nach muß man, ‚wenn man ein richtiges Bild der Verfasserin entwerfen will, hervorheben, daß das Heimatland den besprochenen Autor ganz anders bewertet’ [ebd.]. Mit Respekt zu sagen: ich pfeife in diesem Falle auf das Heimatland. Sollte die Marburger Methode Schule machen, so werden wir es nächstens erleben, daß Mrs. Henry Wood oder Marie Corelli vom Standpunkt der reinen Wissenschaft aus gerettet werden. Was die Götter gnädig abwenden mögen!“

Vathek. Von John Beckford. (Editionen merkwürdiger und berühmter Romane der Weltliteratur. Erster Band.) Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Dr. Franz Blei. Leipzig 1907, Julius Zeitler. 139 S. LE, Bd. 10, Nr. 1 (1. Oktober 1907), 63-65.
„Er hat Pech, der Doktor Franz Blei. Oder vielmehr: seine Verleger haben Pech mit ihm. Kaum sind seine Praktiken sub auspiciis Insulae aufgedeckt worden – [Blei war nach Julius Bierbaum der eifrigste Mitarbeiter der kurzlebigen Zeitschrift Die Insel (1899-1902) gewesen] –, sucht er sich ein neues Betätigungsfeld für seinen Bücherblößenwahn und Phrasenkatarrh bei Julius Zeitler. Und blamiert den vertrauensseligen Mann schon auf dem Umschlag. Denn er nennt den merkwürdigen und berühmten Verfasser des merkwürdigen und berühmten Romans Vathek seelenvergnügt John Beckford. Er könnte ja auch John geheißen haben; leider hieß er aber William. Franz Blei widmet ihm eine Einleitung von vier Seiten; auf der ersten und zweiten wird er als John, auf der vierten plötzlich als William angeführt. Qu’importe! ‚Das geniert den großen Geist nicht, und den kleinen geht’s nichts an’, sagt der Refrain eines Berliner Couplets. – Jedem andern würde man sich fast schämen, ein solches Versehn aufzumutzen; bei dem großen Franz Blei ist es Pflicht, denn seine Arbeitsmethode fußt auf der Flüchtigkeit. Er schnuppert die Dinge an, fühlt das Bedürfnis, sich als ästhetischer Grandseigneur über sie auszulassen, und eilt weiter. Unbildung wird man ihm nicht vorwerfen können, Halbbildung vorwerfen müssen. Der Vielgeschäftige findet offenbar nicht die Zeit, sich mit den verschiedenen Gegenständen, die er gerade unter der Feder hat, mehr als ganz oberflächlich zu befassen. Darum stimmen seine tatsächlichen Angaben fast nie; seine Werturteile selten. So mischen sich Falsches, Schiefes, Hohles zu einem Zerrbild des Dargestellten, zu einem getreuen Abbild des Darstellers. – John – alias William – Beckford schrieb als Zwanzigjähriger, wie der Monk-Lewis, in französischer Sprache (auch eine Kuriosität, die der Dichter der Salome nachahmte) seinen orientalischen Schauerroman Vathek, der gleichzeitig mit John Moores Zeluco in England erschien. Nach Blei im Jahre 1784. Es könnte ja auch 1784 gewesen sein; leider war es aber 1786 … Denn zwei Jahre sind in deinen Augen wie ein Tag, der gestern gewesen … Byron, der vielfach, in der Lebensführung wie in seinem literarischen Schaffen, von Beckford Beeinflußte, erwähnt ihn u. a. im ersten Gesang des Childe Harold als ‚Englands reichsten Sohn’ [V. 275]. Nach Blei besaß er ‚drei Millionen jährliches Einkommen’. Es könnten ja auch drei Millionen gewesen sein; leider waren es aber nur (100.000 Pfund Sterling oder) zwei Millionen. Qu’importe! ‚Das geniert den großen Geist nicht, und den kleinen geht’s nichts an.’ Es ist unrichtig, daß man Beckford – der übrigens [der Legende nach] bei Mozart Musikstunden hatte – ‚als den Dichter des Vathek so wenig kannte wie den Vathek selber’. Byron hat ihn geliebt; er spukt in den Anfängen Shelleys, ist noch bei Maturin lebendig. Mit der ungedeckten Redensart: ‚Das Buch kam zu früh in die Zeit’, beweist Blei höchstens, daß sein Buch zu früh in die Druckerei kam. Horace Walpole war mit dem Schloß von Otranto vorausgegangen; eine ganze Reihe, John Moore, Mrs. Ann Radcliffe, Lewis, folgte nach. Ich empfehle Franz Blei dringend den Besuch eines literarhistorischen Kollegs; dann würde er nicht mehr die Sätze verantworten: ‚Der Vathek und sein Dichter sind kaum („kaum“ klingt immer nach Kompromiß) in die historische oder eine ästhetische Ordnung zu bringen. Sind schon Beziehungen zum Geiste seiner Zeit – das achtzehnte Jahrhundert – schwer aufzuweisen, so sind Relationen des Vathek zum Moralismus überhaupt nicht vorhanden, wenn man nicht die Ironie als eine solche Beziehung ansprechen will.’ Mit Verlaub: das ist Geflunker, um es gelinde auszudrücken. Von der historischen Ordnung war eben schon die Rede. Wenn der mangelnde Moralismus nicht einfach eine seichte Phrase ist, so scheint er mir auf mangelndem Verständnis zu beruhen. Blei lese doch gefälligst einmal den vorletzten Absatz seiner Übersetzung; darin wird der Verlust der Hoffnung, der kostbarsten Himmelsgabe, als ‚Strafe für zügellose Leidenschaften und für wilde Taten’ dargestellt und dem Leser eingeschärft, ‚daß es dem Menschen demütig und unwissend zu sein ziemt’[S. 139]. (Demütig sind Sie nicht, Herr Blei!) So sehr ich Beckfords glühende Phantasie bewundere – sie scheint den Ausspruch Thomas Moores vorwegzunehmen, daß Bücherlesen ebenso ersprießlich sei, wie auf dem Rücken eines Kamels nach Ispahan zu reiten –, so bereitwillig ich anerkenne, daß die Gestalt des literarischen Sardanapal auf gewisse Erscheinungen der modernen englischen Literatur stark eingewirkt hat, für so bedenklich halte ich es, Elemente romantischer Ironie in den Vathek hineinzutragen. So weit war Beckford doch noch nicht vorgeschritten. Wie man aber die Ironie als eine Beziehung zum Moralismus auffassen will, ist mir unerfindlich. – Vier Seiten Einleitung, die zu so zahlreichen Ausstellungen Anlaß geben – wem das gelingt, der darf sich etwas einbilden, freilich nicht auf seine Zuverlässigkeit. – Wie es mit dieser bei dem Übersetzer Franz Blei bestellt ist, dürften frühere Untersuchungen wohl zur Genüge dargetan haben. Ich will darum nicht erwähnen, daß er von dem Wörterbuch wieder allzu sparsamen Gebrauch macht (Beweis: ‚the hill of Pied Horses’ ist auf S. 3 bei ihm ein Wildpferdhügel, auf S. 115 richtig der Hügel der gescheckten Pferde); daß in die Übertragung eines Werkes aus dem achtzehnten Jahrhundert modern-vulgäre Gesprächswendungen einfließen (‚lassen wir ihn nur machen’ (S. 6) [Original: ‚let us leave him to himself’]; ‚sobald die Kanaille da unten beruhigt ist’ (S. 34) [Original: ‚as soon as the tumult is subsided’]; ‚gib mir warm’ (S. 88) [Original: ‚cherish me’]; ‚der Häuptling der Eunuchen war ganz weg vor Angst’ (S. 124) [Original: ‚the chief of the eunuchs, trembling with fear’] usw.). Hervorheben möchte ich nur, weil ich es als stilwidrig empfinde, daß Blei dem phantastischen Roman einen pretiösen Anstrich zu leihen bestrebt ist durch die gehäufte Anwendung von Fremdwörtern wie Appartements, obligeant, skandalisiert, degutant, charmant, Dekrepiertheit, odiös, lügübre, Ambassaden, fünest. Dadurch kommt ein fremder Ton in das greuelvolle Märchen hinein – ein Ton, der in Aubrey Beardsleys zierlichem und geziertem Rokoko-Novellenfragment Unter dem Hügel gewiß seine Berechtigung hat, mir hier dagegen an falscher Stelle zu stehn scheint. Trotz alledem liest sich das Deutsch flüssig, vielleicht zu flüssig, sicher flüssiger als das Original, und durch geschickte Kürzungen ist es dem modernen Geschmack mundgerechter geworden. – Manchmal wacht Franz Blei, und er hat durch die Ausgrabung des von den Literarhistorikern nicht nach Gebühr gewürdigten William Beckford entschiedenen Spürsinn verraten. Mallarmé geht wohl zwar zu weit, wenn er den Vathek als das stolzeste Spiel der werdenden modernen Imagination anspricht [im Vorwort zu seiner Ausgabe von 1876], aber das Buch hat unbestreitbar reiche Beziehungen zur Dichtung der Gegenwart. Orgien der Phantasie, wie sie in den Märchen der tausend und einen Nacht nicht wollüstiger geschildert werden, und eine raffinierte Grausamkeit, die sich stellenweise – so in dem Opfer der fünfzig Knaben – fast bis zur Scheußlichkeit des Marquis de Sade erhebt, sind dem Vathek gleichermaßen eigen. George Meredith verdankt dieser orientalischen Wunderwelt Anregung in seinem Märchen The Shaving of Shagpat; Oscar Wildes Katalogisierungssucht stammt daher; Aubrey Beardsleys skurrilste Blätter sind von ihr befruchtet. Doch damit ist die Bedeutung des Vathek noch nicht erschöpft. Abgesehen von seinem Kuriositätswert hat er unbedingt poetischen Reiz. Am Rand des Sumpfes erblühen zwei ganz reine Gestalten, die nur ein begnadeter Dichter schaffen konnte: Nuronihar und ihr Vetter Gulchenruz. In Nuronihar haben wir das Urbild der byronschen Haidée [in Don Juan] zu erblicken, und Gulchenruz umleuchtet die Lieblichkeit der Legende. Wer zwei solche Figuren formen konnte, hat begründeten Anspruch, bei der Nachwelt fortzuleben.“

Englische Literaturgeschichte. LE, Bd. 10, Nr. 4 (15. November 1907), 248-252.
Richard Wülker, Geschichte der Englischen Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Zweite, neubearbeitete und vermehrte Auflage. Leipzig und Wien 1906, Verlag des Bibliographischen Instituts. 2 Bde. 422 und 571 S. – „Schon nach einem Jahrzehnt kann Wülkers englische Literaturgeschichte abermals vor die Leser treten. Sie muß also ihr Publikum gefunden und damit ihre materielle Daseinsberechtigung erwiesen haben. Durchaus begreiflich bei dem Mangel an einer wirklich hervorragenden Darstellung des Gegenstandes. Einen [Wilhelm] Scherer [Germanist (1841-1886), berühmt vor allem durch seine Geschichte der deutschen Literatur (Erstaufl. 1883, 11. Aufl. 1908)] besitzen wir leider für die Anglistik nicht; [Bernhard] ten Brink reicht nur bis zur Reformation [Geschichte der englischen Literatur. Bd. 2, H. 1: Bis zur Thronbesteigung Elisabeths (1889)]; Chambers begnügt sich damit, zu orientieren (allerdings ausgezeichnet), und verzichtet darauf, zu kritisieren [Robert Chambers, Chambers’s cyclopaedia of English literature (Erstaufl. 1858-60, Neuaufl. 1901-03)]; [Hippolyte] Taine könnte häufig besser orientiert sein, damit seine Kritik an innerem Wert gewänne [Histoire de la littérature anglaise (Erstaufl. 1863, 11. Aufl. 1903; dt. Übers. 1878-80)]; Eduard Engel, nun in sechster Auflage vorliegend [Geschichte der englischen Literatur, von den Anfängen bis zur Gegenwart, 6. Aufl. 1906 (Erstaufl. 1883)] –  – Die andern … – In der ersten, 1896 erschienenen Auflage stand Wülker nur als Professor Dr. auf dem Titelblatt; inzwischen ist er Geheimer Hofrat geworden, was die Leser unbedingt erfahren mußten. Damals stand sein Name zu Recht allein auf dem Titelblatt; jetzt hätte er dort seine Mitarbeiter nicht verschweigen sollen. Der ausführliche Abschnitt über die englische Literatur der Gegenwart (140 Seiten Lexikonformat) stammt von Professor Dr. Ernst Groth in Leipzig; der fast ebenso ausführliche Anhang, der die nordamerikanische Literatur von ihren Anfängen bis auf die jüngste Zeit behandelt, hat Professor Dr. Ewald Flügel von der Stanford University in Kalifornien zum Verfasser. Daraus und aus dem Hinzukommen ausgedehnter ‚Literaturnachweise’ erklärt es sich, daß das Werk von sechshundert Seiten auf nahezu tausend angeschwollen ist. Wülker ist nicht mehr der alleinige Urheber, und er hätte schon deswegen seine Helfer an der Stelle, wo ihre Namen hingehören, erwähnen müssen, um nicht für ihre Versehen und Mängel zur Verantwortung gezogen zu werden. In seinem eignen Interesse war diese Unterlassungssünde zum mindesten unvorsichtig. Doch das mögen die drei Gelehrten unter sich ausmachen. – Jetzt stimmt es also mit der Autorschaft nicht ganz. Früher war der Titel unrichtig. Denn die ‚Gegenwart’ endete in der ersten Auflage mit Swinburne, Morris und Rossetti, die auf einer halben Seite mit etlichen hilflosen Bemerkungen abgetan wurden. Oder eigentlich mit Tennyson; waren doch schon Robert und Elizabeth Browning mehr aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen worden. Jetzt ist es ihnen kaum besser ergangen. Browning muß sich noch immer mit zwei Seiten zufrieden geben, während Wülkers wissenschaftlicher Hätschelhans, Edward Bulwer, den sechsfachen Raum beanspruchen darf. (Ich hätte mir gedacht, das erste Kriterium der ‚Wissenschaftlichkeit’ sei: jeden Dichter seiner Bedeutung gemäß zu behandeln.) Und noch immer liest man den hanebüchnen, jeden gebildeten Engländer zum Lächeln reizenden Satz: ‚Stark überschätzt von einem bescheidenen Kreise von Verehrern wurde der Dichter Robert Browning: stellte man ihn doch, aber mit vollem Unrecht, neben, ja sogar über Tennyson.’ Der Vergleich [Viktor Ernst] Neßler-Brahms drängt sich auf. – Im Vorwort zur zweiten Auflage heißt es: ‚Daß die Fortschritte der Wissenschaft seit dem ersten Erscheinen im Jahre 1896 allenthalben gewissenhaft verfolgt und verwertet worden sind, versteht sich von selbst.’ Allerdings: es sollte sich von selbst verstehn, ist aber leider nicht geschehen. Wie wäre es sonst zu erklären – um nur einen Fall herauszugreifen –, daß in der Burns-Bibliographie die beiden wichtigsten Ausgaben von Wallace und Henley-Henderson mit keiner Silbe erwähnt werden, ihre Ergebnisse im Text unberücksichtigt bleiben? Ich könnte ebenso nachweisen, daß neuere Forschungen über Lord Byron spurlos an dieser Bearbeitung vorübergegangen sind. Wie käme es sonst, daß Charlotte Brontë noch immer mit sieben Zeilen fürlieb nehmen muß, ihre Schwester Emily, die Dichterin der Wuthering Heights, mit keinem Sterbenswörtchen genannt ist? Warum fehlt noch immer ein Hinweis auf Charles Maturins bedeutendsten Roman Melmoth the Wanderer, dem die besten Franzosen überschwengliches Lob gezollt haben? – Es ist merkwürdig, daß Professoren mit Vorliebe die Fahne der Wissenschaftlichkeit herausstecken, um damit allerhand Gebrechen zu beschönigen und Schäden zu verdecken. Aber dieses Schild lockt infolge des eifrigen Mißbrauchs, der damit getrieben wird, heutzutage gottlob nur noch Gimpel an. Wissenschaftlichkeit soll sich in souveräner Beherrschung des Stoffes, in kritischem Unterscheidungsvermögen und in der Unbestechlichkeit des Urteils äußern. Alles andere ist fiddlestick … Auch eine Bibliographie kann von Wissenschaftlichkeit zeugen. Wülker stellt für seine Literaturnachweise folgenden Grundsatz auf: ‚Vollständigkeit war in ihnen weder möglich noch zu erstreben; im Gegenteil muß ihr Wert gerade in der Hervorhebung des Wichtigsten bzw. des auch für Laienkreise am leichtesten Zugänglichen gesucht werden.’ Nun, das Wichtigste ist für Laienkreise vielfach am schwersten zugänglich; entweder es übersteigt ihr Portemonnaie oder ihren Horizont, vielleicht sogar beides. Sicher kommt nach diesem Prinzip nie eine wissenschaftliche Bibliographie zustande. In der Praxis ist Wülker so verfahren, daß er jedes unter seiner Ägide ausgeführte Dissertatiönchen sorgsam bucht, als ob Leipzig der Vatikan der Anglistik sei, und bei Aufzählung der Übersetzungen merkt man die Absicht, Meyers Volksbücher, die bekanntlich gleichfalls vom Bibliographischen Institut verlegt sind, in den Vordergrund zu rücken. Man merkt die Absicht, sag’ ich … – Zu einer eingehenden Kritik dieser Literaturgeschichte ist im übrigen kein Anlaß vorhanden. Sie hat als Nachschlagewerk, wenn man sich rasch über Tatsächliches unterrichten will, ihre unbestreitbaren Verdienste, obwohl sie nicht immer ganz zuverlässig ist. Ich benutze Wülker seit elf Jahren und finde ihn recht brauchbar; aber es dürfte mir schwer fallen, mehr Gutes von ihm zu sagen. Man käme nie auf den Gedanken, Wülker zu lesen, so wie man [Wilhelm] Scherer stets wieder mit Genuß [Geschichte der deutschen Literatur (1883)] oder Johannes Scherr vielfach mit Verdruß liest [Geschichte der englischen Literatur (3. Aufl. 1883, Erstauflage 1854)]; dazu ist er nicht genug Persönlichkeit: seine Darstellung hat keinen eignen Ton, die Gabe der Charakterisierung ist ihm versagt. Bei der älteren Zeit machen sich solche shortcomings weniger bemerkbar; in den späteren Abschnitten des Buches empfindet man sie dagegen als die beiden Elemente, auf denen Aristoteles seinen Begriff der Tragödie aufbaut. – Diesem Stil hat sich Professor Dr. Ernst Groth, ‚einer der besten Kenner der jüngsten Literaturperiode’ (belehrt uns das Vorwort), trefflich anzupassen verstanden. Wer ist Ernst Groth? [Leipziger Gymnasial-Professor (1859-1936)] Sein erster Satz verrät es, tückischer als der genauste Steckbrief: ‚Von der Literatur der im beständigen Werden und Wechsel begriffenen Gegenwart kann man nur eine subjektiv gefärbte Darstellung, nur einen vielfach unzulänglichen Überblick geben.’ Nun wissen wir Bescheid: eine subjektiv gefärbte Darstellung erscheint diesem Manne als ein ‚vielfach unzulänglicher Überblick’, Subjektivität – was in diesem Falle nur Persönlichkeit bedeuten kann – als die Sünde wider den heiligen Geist der Wissenschaft. Und wir hatten gerade im Gegenteil geglaubt, je weniger subjektiv eine Darstellung der zeitgenössischen Literatur sei, um so unzulänglicher müsse sie ausfallen. Es ist die alte Geschichte: mit seiner Objektivität brüstet sich das im Punkte der Subjektivität zu kurz gekommene Subjekt. Was wir Objektivität der Wissenschaft nannten, (schrieb ich vor Jahren [in der Vossischen Zeitung vom 22.08.1903 (Morgenausgabe)], und ich schäme mich nicht, diese Sätze hier zu wiederholen, obgleich ich mich selbst zitieren muß), ist längst im Spiritus eines pathologischen Museums eingeschrumpft. Sie mag einmal in vergangenen Zeiten eine schöne ideale Forderung gewesen sein; heute jedoch gibt es dafür ein gutes deutsches Wort, und das heißt nach Ibsen Lüge. Sobald wir das Reich der exakten Wissenschaften verlassen, wird die viel berufene Objektivität ein Schönheitspflästerchen für Temperamentlosigkeit. Treitschke hat das so ausgedrückt: ‚Jene blutlose Objektivität, die gar nicht sagt, auf welcher Seite der Darstellende mit seinem Herzen steht, ist das gerade Gegenteil des echten historischen Sinns. Alle großen Historiker haben ihre Parteistellung offen bekannt.’ [Brief an den Vater vom 19.11.1864]. Und Treitschke gilt doch wohl bei aller Subjektivität als eine Zierde der Wissenschaft. Aber weniger ausgeprägten Naturen, mit denen sich keine Verständigung über diese Frage erzielen läßt, graut mit Recht vor ihrer Subjektivität: sie wählen den opportunsten Ausweg, indem sie aus der Not eine Tugend machen. Nur dürfen sie nicht mehr verlangen, daß wir uns von solcher Auffassung imponieren lassen. Entweder hat einer etwas zu sagen, oder er hat nichts zu sagen; ein Drittes gibt es nicht, hat es nie gegeben, wird es nie geben. Hat er etwas zu sagen, so nennt man’s subjektiv; hat er nichts zu sagen, so nennt man’s objektiv. – Bisweilen tritt der Fall ein, daß Männer der Wissenschaft durch ihre unumschränkte Sachkenntnis für die Abwesenheit neuer Gesichtspunkte oder für das Fehlen einer selbständigen Darstellungsgabe Ersatz bieten. Leider ist Ernst Groth nicht in dieser glücklichen Lage. Er schöpft aus den gangbaren Handbüchern, aber er weiß oft nicht, worauf es ankommt. Dann führt er irgendein belangloses Werk an und vergißt das wichtigste, statt mit nachtwandlerischer Sicherheit auf das Wesentliche loszugehn und das Unwesentliche beiseite zu lassen. So ist seine Abhandlung mit Namen von Dichtern und der Aufzählung ihrer Bücher beschwert, erzielt aber durch diese nutzlose Materialanhäufung keinen Gewinn. Umsonst sucht man bei Anthony Hope die Dolly Dialogues, The King’s Mirror und Double Harness; Quisanté wird an andrer Stelle gestreift, statt mit Nachdruck hervorgehoben zu werden. Oder bei Frankfort Moore: I forbid the banns hätte erwähnt werden müssen, alles andere aus der Feder dieses Vielschreibers konnte getrost unter den Tisch fallen. Oder bei [Alfred E.W.] Mason: auf seinen besten Roman The Four Feathers war das Gewicht zu legen, während Groth ihn nur zitiert, weil er in Ägypten angesiedelt ist. Weitere Beispiele stünden mir in Hülle und Fülle zur Verfügung. Wo bleibt da die Methode? Wo bleibt die Wissenschaftlichkeit? Mitunter empfängt man geradezu den Eindruck, als habe Groth wahllos aus dem Tauchnitz-Katalog Titel abgeschrieben. Wer bei Tauchnitz erschienen, hat es dem Zufall zu danken, daß er in dieser Literaturgeschichte Aufnahme gefunden hat. So fehlen – um nur ein paar Namen zu nennen – Granville Barker, Max Beerbohm, Ernest Dowson (einmal erwähnt, aber wie!), Lord Alfred Douglas, George Douglas, John Galsworthy, Laurence Housman (Groth weiß nicht, daß Housman der Verfasser von An Englishwoman’s Love-Letters ist), John Masefield, Sturge Moore. Dutzende von Namen bloßer Unterhaltungsschriftsteller könnten dagegen ohne Schaden gestrichen werden. – Besäße Professor Groth mehr als ad hoc-Kenntnisse, so bestünde in der Würdigung einzelner Schriftsteller nicht ein eklatantes Mißverhältnis. Rider Haggard wird in 79 Zeilen breitgetreten, Hewlett erhält nur 23. Henley wird in fünf Zeilen abgetan, während Alfred Austin durch anderthalb Seiten geehrt wird. Die Krone solcher Unwissenschaftlichkeit ist es, daß Walter Pater, einer der größten ästhetischen Erzieher Englands, mit der einen Apposition ‚der geistvolle Verfasser von Renaissancestudien’ in der Versenkung verschwindet. – Wollte ich auf Irrtümer, falsche Zahlen, unrichtige Angaben im einzelnen eingehn, so wäre kein Ende abzusehn. (Bitte, dies nicht als Hyperbel zu betrachten!) Nur das gröbste Geschütz kann hier aufgefahren werden. Ist es zu glauben, daß ein Mann der Wissenschaft in Stephen Phillips’ Tragödie Herodes beständig von einer Marianne spricht und auch Hebbels Drama Herodes und Marianne nennt? Das weiß Holzbock besser. Hält man es für möglich, daß ein Mann der Wissenschaft Wilde ein erstes Drama Die Herzogin von Parma (1882) andichtet? So viel Worte, so viel Schnitzer. Daß er Bernard Shaws Roman An Unsocial Socialist als sozialistische Abhandlung im Dienste der Fabier vermerkt? Daß er Trebitschs unverstandenen Angaben blindlings folgt? Daß er dessen Naturschrei getreu echot: ‚Die Kultur von Tottenham Court Road verhält sich zur ägyptischen Zivilisation, wie sich die gläserne Rosenkranz- und tätowierte Zivilisation der Gesellschaftsinseln zu Tottenham Court Road verhält’? Ich muß einhalten, sonst packt mich ein heiliger Ingrimm. Wahrhaftig, die Wissenschaft muß umkehren; heute schon wird sie von jedem tüchtigen Reporter beschämt. Was darf man noch von ihr erwarten, wenn sie nicht einmal mehr verläßlich ist? – Über Ewald Flügels Darstellung der amerikanischen Literatur will und kann ich nicht zu Gericht sitzen, weil ich mit dem Thema nicht vertraut genug bin. Ich fand sie übersichtlich und gut orientierend, mit ihren vielen Jahreszahlen im Bedarfsfall gewiß auch brauchbar. In der Charakteristik reiht sie sich Wülker und Groth ebenbürtig an – mit andern Worten: sie erschien mir ein wenig matt und verwaschen. Etwa so wie die Artikel im Konversationslexikon. Immerhin habe ich viel daraus gelernt und bequem gelernt. Das sei gern anerkannt. Wirklich dankbar ist man indes nur solchen Lehrern, von denen man etwas auf den Weg mitbekommt, das man nicht an jeder Straßenecke kaufen kann: den Zauber der Persönlichkeit.“

nach oben

1908

Shaws erster Monograph. NR, Bd. 19, Nr. 2 (Februar 1908), 316-318.
Holbrook Jackson, Bernard Shaw. With Four Portraits (London 1907). – „Wir saßen beim Lunch, 10 Adelphi Terrace: Shaw, Mrs. Shaw, eine junge Amerikanerin und ich [Mitte Juni 1904]. Der Hausherr, eben aus Italien zurückgekehrt, erzählte von seiner ersten Begegnung mit Anatole France. Sie waren in irgendeiner Kirche (war’s nicht in Rom?) auf ein Gerüst geklettert, um die Deckengemälde zu betrachten. Feierliche Vorstellung unter erschwerenden Umständen. France erweckte den Eindruck, als ob er den Namen des obskuren Iren zum erstenmal höre; dieser tat so, als ob er sich des welterschütternden Momentes voll bewußt sei. Aus der Unterhaltung wurde nicht viel bei der Polyglottie der Hauptteilnehmer. France redete weiter französische Feuilletons, sprach Diamanten. – Dem schlichten Shaw sagt der Diamant nichts. Seine schmucklose Rede liebt die Klimax (auch darin verrät sich der geborene Rhetor). Er baute, ganz ungekünstelt, folgende Klimax: der Bruder der jungen Dame habe ein Attentat auf ihn vor, er plane ein Buch über ihn. Ursprünglich habe er nur einen Artikel für eine Tageszeitung schreiben wollen. Das Material sei ihm aber immer mehr angeschwollen, so daß er einen Aufsatz von zwanzig Seiten in einer Monatsschrift zu veröffentlichen gedachte. Auch das erschien ihm bei der Fülle dessen, was er über Shaw zu sagen hatte, noch höchst unvollkommen. Da sei er auf den Gedanken verfallen, ein Buch von zweihundert Seiten über G. B. S. zu schreiben. Es half nichts; er verzweifelte daran, seinem Gegenstand gerecht zu werden. Schließlich habe er eingesehen, daß er eine Geschichte des europäischen Geisteslebens in zwanzig Bänden vom Stapel lassen müsse: nachdem er sich in den ersten neunzehn Bänden mit den Vorläufern seines Helden auseinandergesetzt, werde er endlich im zwanzigsten Bernard Shaw selbst behandeln. – Ob wir das Werk noch erleben werden, verschwieg der aufgeräumte Plauderer … Inzwischen hat ihn Holbrook Jackson als erster monographiert (London, E. Grant Richards). Zweihundertdreiunddreißig Seiten genügten ihm. Der Reihe nach nimmt er den Menschen, den Fabier, den Dramatiker, den Philosophen vor. Ohne ihn in neuem Lichte zu sehn, ohne unsre Kenntnis von ihm wesentlich zu bereichern, doch mit kluger Betonung dessen, worauf es bei dem Vielgewandten ankommt, und mit geschickter Zusammenfassung des Tatsächlichen. Man darf eben nicht vergessen, eine wie schwere Aufgabe der Shaw-Interpret zu bewältigen hat. Denn das beste über Shaw hat Shaw gesagt, und er hat in seinen unübertrefflichen Vorreden so viel über sich selbst gesagt, daß er den Nachzüglern eigentlich kaum noch etwas zu tun übrig ließ. ‚Ich schreibe Vorreden wie Dryden und Abhandlungen wie Wagner, weil ich es kann; und ich gäbe ein halbes Dutzend von Shakespeares Stücken hin für eine einzige der Vorreden, die er hätte schreiben sollen.’ [Vorwort zu Three Plays for Puritans (1901)] Das ist sein Standpunkt – rede, Künstler, bilde nicht. – Trotzdem hat er schon mit einundfünfzig Jahren seinen Herold gefunden. Uns interessiert am meisten, was Jackson über den Menschen zu berichten weiß. So die reizende Geschichte, wie Jung-Bernard schwimmen lernte. Ehe sein Vater ihn ins Wasser schickte, hielt er ihm eine Rede (das Reden scheint bei den Shaws eine Familieneigentümlichkeit zu sein), wie wichtig es sei, schwimmen zu können; er habe dadurch schon als Vierzehnjähriger seinem Onkel Robert [d. i. GBS’ Onkel] das Leben gerettet. Und dann flüsterte er seinem Sohn – echt irisch! – ins Ohr: ‚Nichts im Leben hat mir nachher so leid getan.’ Wenigstens den Humor hat Shaw vom Vater geerbt. Materiell dürfte es nicht allzu viel gewesen sein. George Carr Shaw, Zivilbeamter und nach seiner Pensionierung Mühlenbesitzer, scheint nie auf einen grünen Zweig gekommen zu sein. Der Sohn nennt ihn einen ‚schwachen, erfolglosen Mann’ [‚an ineffective, unsuccessful man’]. Um so energischer, zielbewußter ist offenbar die Mutter, die heute noch lebt und sich als Gesanglehrerin in London bewährt hat. Ihr verdankt Shaw die Liebe zur Musik, die früh in ihm den Wunsch aufkeimen ließ, Baritonist zu werden. – Über die Londoner Lehrjahre des Iren, der, zwanzigjährig wie sein bestgehaßter Shakespeare, in der Hauptstadt sein Glück versuchen wollte, sind wir durch seine eignen Vorreden unterrichtet. Natürlich wurde er von allen Redakteuren und Verlegern als ‚hopeless failure’ bezeichnet; seine Manuskripte erlebten die verwegensten Irrfahrten. Unter solchen Umständen konnte ihm die Armut nicht unbekannt bleiben, obwohl er glücklicherweise zu viel Phantasie besaß, sie als drückend zu empfinden. ‚Ich kann nicht sagen, daß ich viel Erfahrung von wirklicher Armut habe, ganz im Gegenteil. Eh’ ich etwas mit meiner Feder verdienen konnte, hatte ich eine herrliche Bibliothek in Bloomsbury (das Britische Museum), eine unschätzbare Gemäldegalerie auf dem Trafalgar Square und eine in Hampton Court … So lang ich denken kann, brauchte ich nur zu Bett zu gehen und die Augen zu schließen, um zu sein und zu tun, wozu ich Lust hatte. Was ist mir der lumpige Bond-Street-Luxus [„the trumpery Bond Street luxuries“], mir, George Bernard Sardanapal!’ Verhältnismäßig spät hat sich der geistige Krösus in unserm Zeitalter der Ephebenberühmtheiten durchgesetzt. Wie er mit fünf Romanen anfing, wie er als Musik-, Kunst- und Theaterkritiker die Ideale des englischen Philisters zertrümmerte, wie er als Dramatiker kein Publikum für seine Stücke finden konnte – das hat er selbst meisterhaft erzählt. – Welche Überraschungen wir noch von diesem Chamäleongeist zu erwarten haben, kann niemand heute mit Bestimmtheit sagen. Shaws Werk liegt noch nicht abgeschlossen vor uns, er ist zum Glück kein Fertiger, sondern sein Wesen bedingt es, daß er sich beständig entwickelt. Jackson ist zu sehr darauf aus, ihn festzunageln, das letzte Wort über den Philosophen, der jedes Systems spottet, zu sprechen. Aber das letzte Wort hat Bernard Shaw selbst – wenn, fünfzig Jahre nach seinem Tode, seine Biographie erscheint. Wer von uns wird dann noch im rosigen Lichte wandeln?“

Nicholas Rowe, The Fair Penitent. LE, Bd. 10, Nr. 14 (15. April 1908), 1030-1031.
Eine Dissertation von Ferdinand H. Schwarz (Bern 1906/07) mit dem Untertitel ‚A contribution to literary analysis with a side-reference to Richard Beer-Hofmann Der Graf von Charolais’. – „Ein Nachwort dieser Arbeit macht darauf aufmerksam, daß schon im vorigen Jahr in Nürnberg eine Dissertation von Chr. Beck erschienen ist unter dem Titel ‚Phil. Massinger, The Fatal Dowry: Literarhistorische Untersuchungen mit besonderer Berücksichtigung von Beer-Hofmann, Der Graf von Charolais’. Der Schweizer ist auf den Nürnberger nicht gut zu sprechen: ‚Was Beer-Hofmanns Grafen von Charolais betrifft, so laufen Becks Ansichten zu offenkundig einer gesunden Kritik zuwider, als daß sie eine Widerlegung beanspruchten.’ Ich schließe daraus fast, daß der Nürnberger zu gut auf den Grafen von Charolais zu sprechen war, denn der Schweizer ist gar nicht gut auf das wundervolle Werk zu sprechen. Nennt er es doch – schnell fertig ist der Doktorand mit seinem Urteil – eine verspätete ‚recrudescence’ des Originals (was entweder Verrohung oder Verballhornung, in jedem Falle aber eine Ungerechtigkeit bedeutet). Etliche penny-a-liners hätten allerdings den ‚letzten Massinger-Epigonen’ überschwenglich gelobt, das sei jedoch absurd. Und nun folgt der bis zum Überdruß gehörte Vorwurf, es gehe ein Riß durch das Drama, die beiden Teile seien völlig unverbunden. Das hat schon jeder penny-a-liner hervorgehoben, und es ist deshalb nicht einzusehen, warum eine wissenschaftliche Arbeit hinter den Tageszeitungen herhinkt. Hätte Herr Dr. Schwarz zu zeigen gesucht, wie sich Beer-Hofmann redlich bemüht hat, eine Brücke zwischen den beiden Hälften seines Werkes zu schlagen, so dürfte man ihm wenigstens den Mut selbständigen Denkens nachrühmen. – Im übrigen wird dargetan, daß Nicholas Rowe, der als eifriger Sammler von Shakespeare-Anekdoten bekannter geblieben ist als durch seine eigene Produktion, in seinem Drama Die schöne Büßerin (1703) vollständig von Massingers Fatal Dowry abhängig ist. Ein gewisser Henry Neale spricht von einem verwegenen Plagiat, Walter Scott von einer armseligen Nachahmung. Dr. Schwarz findet bei Rowe außerdem noch die Spuren Thomas Otways. Gleichwohl hat sich das Stück eines reichen Nachlebens erfreut. Der Verführer Lothario soll auf die Romanlüstlinge und -wüstlinge des achtzehnten Jahrhunderts eingewirkt haben (Lovelace bei Richardson). Auch nach Deutschland ist es gedrungen. Die erste Übersetzung erschien in Basel 1758, eine zweite zehn Jahre später im dritten Bande des Sammelwerkes über das englische Theater von Chr. H. Schmid. Eine nach der weiblichen Hauptfigur Kalliste genannte Bearbeitung rührte von dem Weimaraner Hofmann Freiherrn von Seckendorff her und wurde im Jahre 1780 zur Wiedereröffnung des dortigen Theaters aufgeführt; Goethe und Corona Schröter wirkten darin mit und ‚öffneten ganz den äolischen Schlauch der Leidenschaften’. – Man sieht, dieser Dissertation liegt einmal ein wirklich anregendes Thema zugrunde, und der Verfasser hat es nicht an Fleiß fehlen lassen, das einschlägige Material für seine Zwecke auszubeuten.“

Wenn die Natur ruft. LE, Bd. 10, Nr. 20 (15. Juli 1908), 1461-1462.
Jack Londons The Call of the Wild in einer ‚autorisierten deutschen Übersetzung von L. Löns : mit Illustrationen von C. L. Bull und P. R. Goodwin. Kopfleisten von Heinz Fiermann. Hannover 1907, Adolf Sponholtz Verlag.’ – „Vertierung des Tieres – mit diesem Schlagwort könnte man die Entwicklung bezeichnen, die die niederen Lebewesen in der Literatur genommen haben. Xanthos, des Achilles geflügeltes Streitroß, dem die lilienarmige Here die Stimme gewährt, weissagt dem Helden sein nahes Verderben. Argos, des Odysseus weidlicher Spürhund, ‚wedelte zwar mit dem Schwanz und senkte die Ohren herunter, aber er war zu schwach, sich seinem Herrn zu nähern’. (Schon daraus möchte man schließen, daß die Odyssee jüngeren Datums ist.) Bei Äsop sind die Tiere mit der Redegabe ausgestattet und zu moralischen Wesen oder doch zu Verkündern der Moral erhoben. Lessing mit seiner wundervollen, unerbittlichen Logik hat (in den Abhandlungen ‚Über die Fabel’) dargetan, warum die Tiere ‚auf diesem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und Moral’ besonders gute Figur machen. Jahrhundertelang waren sie dann verurteilt, dieselbe Rolle weiterzuspielen. Lafontaine behandelte sie nach zweitausend Jahren noch ganz wie [der spätgriechische Fabeldichter] Babrios. Außerhalb der Fabel wurden sie zu Statisten erniedrigt. Sie mußten stumme Rollen übernehmen, meist komischer Natur, erhielten allerdings auch gelegentlich eine nicht unwichtige Episode zuerteilt. Aber ihre Seele blieb unentdeckt. Da kamen die Lakisten [die Lake Poets] und sprachen sie als Brudergeschöpfe an: Burns, Wordsworth, Coleridge, Shelley. Es ist die Periode der Humanisierung des Tieres, wenn man einen Namen will. Nur in England, wo die Liebe zu Tieren und die Grausamkeit gegen Menschen gleich stark ausgebildet sind, war dieser übertriebene Kult mit ihnen möglich. Ihrer wahren Natur ist erst Rudyard Kipling gerecht geworden. Sie reden nicht mehr moralisch, sie überreden nicht mehr, sie werden nicht sentimentalisiert, sie sind ganz Tier und müssen in dem Menschen ihren Herrn und Meister anerkennen. Daß sie noch reden, entspricht durchaus der Märchenstimmung; aber was sie reden, ist ihnen von der Wirklichkeit eingegeben, erfüllt die Bedingungen ihres Daseins, fließt aus ihrem Instinkt. Es sind realistische Wesen, von ihren Trieben, ihren Gewohnheiten, von den Trieben und Gewohnheiten ihrer Gattung bestimmt. – Kipling hat entschieden den höchst talentierten Jack London beeinflußt, ohne daß irgendwie eine Abhängigkeit zutage träte. Ist der Angloindier im Dschungel heimisch, so sind die arktischen Gegenden des Amerikaners Domäne. Macht sich bei Kipling ein Einschlag des Phantastischen bemerkbar, so steht Jack London durchaus auf dem Boden der Wirklichkeit. Sein Held, Buck, der Sohn eines Bernhardiners und einer schottischen Schäferhündin, lebt, obwohl wir ihn nur aus seinen Handlungen und Leiden kennen, nicht aber aus seinen Worten. Lebt stärker als mancher Romanheld, den wir nur unvollkommen aus seinen Handlungen und Leiden kennen lernen, obwohl ihm ein Übermaß an Worten zur Verfügung steht. Wir bewundern die Kunst des Dichters, der dies mit den schlichtesten Mitteln zuwege bringt. Er weiß uns seinen Hund menschlich näher zu rücken, so daß wir ihn voll Anteil auf seinen Irrfahrten begleiten, lebhaftes Interesse an seinem Geschick nehmen, um ihn besorgt sind, wenn er in Gefahr schwebt, uns freuen, wenn es ihm wohl ergeht, seinen Peinigern fluchen, seine Wohltäter segnen. Ganz künstlerisch wirkt auch der Schluß: Buck wird von der Stimme des Blutes zu den Wölfen getrieben. ‚Wenn die Wölfe vor den langen Winternächten des Nordens fliehen und ihren Beutetieren zum Süden folgen, dann läuft Buck in langen Sätzen an der Spitze des Rudels und stimmt beim bleichen Scheine der Mitternachtssonne mit ein in den uralten Sang der Wölfe.’ Daher der Titel: The Call of the Wild. – England und Amerika sind ein fruchtbarer Boden für solche Tiergeschichten. Jung und alt, groß und klein können sie gleichermaßen lesen. Sie empfehlen sich durch die Fülle ihrer Handlung, sind aufregend wie ein Abenteuerroman, wurzeln in der Wirklichkeit und verletzen doch nie durch allzu krassen Realismus. Noch ein Vorzug, und nicht der geringste: jedes sexuelle Motiv ist aus ihnen verbannt; unglückliche Liebe, Ehebruch, die passion criminelle haben in ihnen keinen Platz. So recht nach dem Geschmack erwachsener Kinder. Bei aller Verwunderung über ihre Harmlosigkeit und bei aller Bewunderung für Jack London muß ich aber mit dem alten Pope bekennen: ‚The proper study of mankind is man’. Und wird es ewig bleiben.“

Studien zu William Morris’ Prose-Romances. LE, Bd. 10, Nr. 23 (1. September 1908), 1676.
Eine Greifswalder Dissertation von Arthur Biber (Greifswald: Julius Abel 1907, 97 S.). – „Eine durchaus selbständige, gescheite, tüchtige Dissertation. Rara avis! Leo Berg [Literaturkritiker (29.4.1862-12.7.1908)], der neulich noch hier die ketzerische Ansicht vertrat, unser Feuilleton sei ‚schon beinahe wissenschaftlich bedeutender als ein Teil unserer Literaturwissenschaft’ [LE, Bd. 9, Nr. 20 (15.07.07), 1518], hat unbedingt recht, je näher wir der Gegenwart rücken. Da versagt die vielgepriesene wissenschaftliche Methode; da ist man häufig nicht imstande, sich hinter einem halben Dutzend Vorgänger zu verschanzen oder sie als bequeme Sprungbretter zu benutzen. Sondern wenn man virgin soil vorfindet, muß man die eigne Urteilskraft arbeiten lassen, muß zeigen, ob man etwas zu sagen hat. Und William Morris ist – in Deutschland wenigstens – noch ungepflügtes Feld. Arthur Biber führt uns mitten in die Werkstatt des Dichters und ist uns ein kenntnisreicher, geschmackvoller Erläuterer. Bei aller Bewunderung, die er Morris entgegenbringt, redet er sich nicht in kritikloses Entzücken hinein; ja, man fühlt deutlich, daß er den glänzenden Aufputz nicht immer für Gold hält. So behandelt er die epische Technik und die Sprache der Prose Romances. Was er im einzelnen über die Alliteration, die Assonanz, den Vergleich, die Metapher, die Namengebung, den Wortschatz, die Spuren des Altnordischen, die romanischen Elemente, Dialektisches und die Wortbildung bei Morris vorzutragen weiß, zeichnet sich gleichermaßen durch sicheren Blick für das, worauf es ankommt, wie durch besonnenes Urteil aus. Nur ein Lapsus ist ihm (oder seinem Drucker) begegnet, wenn er (S. 80) Herbert Spencer mit Edmund Spenser verwechselt. Hoffentlich begnügt sich Biber nicht mit dieser Vorarbeit, die William Morris mit der Vergangenheit verknüpft und die Spuren nach rückwärts verfolgt, sondern sucht seinen Einfluß auf die zeitgenössische Dichtung in England bald festzustellen.“ [Biber ist meines Wissens später nur noch einmal mit einer kurzen Broschüre der Stadtbibliothek Breslau hervorgetreten: Wissensnötiges und Wissenswertes für den Benutzer (1933).]

Walter Paters Roman. LE, Bd. 11, Nr. 2 (15. Oktober 1908), 90-94.
Walter Horatio Pater, Marius the Epicurean: übersetzt von Felix Paul Greve (Leipzig: Insel-Verlag 1908, 2 Bde). – „Dem gebildeten oder Bildung heuchelnden Engländer gilt Walter Paters in den Jahren 1879-85 entstandener Roman Marius der Epikuräer vielleicht als stolzeste Errungenschaft seiner neueren Literatur. Dem unbefangenen Ausländer ist es beim besten Willen nicht möglich, in diesen chorus ecstaticus einzustimmen. Ihm scheint es vielmehr an der Zeit, Walter Pater der übertrieben nationalen Begeisterung zu entreißen und auf die kontinentale Goldwaage zu legen. Zu leicht befunden werden kann er nicht (oder nur von einem orthodoxen wissenschaftlichen Zünftler); aber er ist wohl doch, so sehr ihm alles Blendende und Bluffende abging, in der Heimat zu schwer befunden worden, weil er als Erscheinung so neu und anziehend wirkte, weil die Jugend für ihn Partei ergriff und weil er das Glück hatte, Jünger zu finden, die für eine eifrige Propagation seiner Lehre sorgten. Oscar Wilde, völlig unter seinem Banne stehend, nannte ihn den ‚vollendetsten Meister englischer Prosa, der jetzt unter uns weilt’ [‚The Critic as Artist, Teil I’]; George Moore, in herrlicher Wildheit aufgewachsen und Paters Einfluß, wie jedem andern, entrückt, preist ihn als den letzten großen englischen Schriftsteller, seine Imaginären Porträts als das schönste Prosabuch [Confessions of a Young Man, Vorwort zur Neuausgabe von 1904]. Gleichwohl können sich aufgeklärte und der Aufklärung zugängliche Engländer der Einsicht nicht verschließen, daß Walter Pater manche ästhetischen Auswüchse gezeitigt hat und daß sein Stil – ein Ding sui generis und daher nur in seinen Äußerlichkeiten nachahmbar – der jüngeren Generation nicht zum Heile ausgeschlagen ist. – Walter Pater war in Oxford das, was bei uns Privatdozent heißt. Aber er wurde ein Professor, in des Wortes ursprünglicher und bester Bedeutung. Ein begeisterter Lehrer der Jugend, die er, des Geistes voll, zu begeistern verstand; ein freimütiger Bekenner: der beredte Verkünder des Hellenismus und der Renaissance. Auch in seiner Scheu vor der Gegenwart ein Professor alten, keineswegs schlechtesten Gepräges. Er hatte die Gabe, sich in vergangene Zeiten einzufühlen, verflossene Kulturen nachzuleben und sie durch die Zartheit seines Wortes neu erstehen zu lassen – ein Anempfinden ganz persönlichen Stiles. Die gegebene Form für solche Fähigkeiten war der Essai. Und im Essai hat Pater sein Größtes, Bleibendes geleistet, das ihn neben die größten Meister dieser Gattung stellt. Nur in einem Punkt erreicht er hier das Ideal nicht: er schlägt selten aus der Vergangenheit die Brücke zur Gegenwart; das Vergangene lockt ihn um seiner selbst willen, nicht weil es reiche, ergiebige Beziehungen zu unsern Tagen hat; das Gegenwärtige läßt ihn kalt, weil er ihm im Grunde fremd gegenübersteht. Und wenn er sich über Erscheinungen seiner eignen Zeit äußert, legt er gern den Maßstab verblichener Jahrhunderte an, mißt er sie am Werte versunkener Perioden. Buchgelehrsamkeit und Lebensfremdheit gehen so oft Hand in Hand. – Auf der Höhe seines Könnens hat sich Pater einmal in benachbartes Gebiet vorgewagt. Sechs Jahre seines Schaffens hat er in stiller, fast anachoretenhafter Zurückgezogenheit dieser Arbeit gewidmet. Es war der Roman Marius der Epikuräer. – In Deutschland ist der Romane schreibende Professor keine Seltenheit; man braucht nur an Georg Ebers oder den Heidelberger Kirchenrat [Adolf] Hausrath alias George Taylor zu erinnern. Aber mit ihren Schöpfungen darf Marius nicht in einem Atem genannt werden. Bei ihnen liegt das Schwergewicht durchaus auf der im herkömmlichen Sinne spannenden Handlung, die von kulturhistorischen Episoden üppig umrankt wird. Bei Pater sind die Episoden sozusagen Selbstzweck; die äußere Handlung ist auf das geringste Maß beschränkt, und einzig die psychologische Entwicklung seines Helden interessiert den Autor. (Es wäre vielleicht besser, das Wort ‚Held’ zu vermeiden, nicht nur weil er zu dauernder Passivität verurteilt ist; denn der Held des Buches ist weder ein einzelner noch die Masse, sondern ein Abstraktes: die Gesamtheit der Ideen.) Die Ebers und die Genossen haben also schablonenhafte Handlungsromane mit archäologischem Hintergrund geschrieben; Pater entrollt ein kulturelles Gemälde, Kult und Kultur gleichermaßen umfassend, ein Panorama des Glaubens, Denkens und Fühlens, durch das Marius als Führer schreitet. So lebensecht auch das alte Rom geschildert ist, das Innere des Hauses etwa, ein Triumphzug, die Greuel der Arena und dergleichen: Pater ist es mehr um die philosophischen Systeme zu tun, die während der Regierung des Kaisers Marc Aurel in Blüte standen oder dem Verfall geweiht waren. Er wählt mit Bedacht eine solche Zeit des Übergangs, in der das Heidentum noch nicht erloschen, das Christentum noch nicht durchgedrungen war und die verfeinerten griechischen Schulen die feinsten Köpfe zu Anhängern zählten, weil sie ihm die Möglichkeit gibt, seinen Schüler mit allen bekannt zu machen und seine innere Entwicklung, seine geistige Vervollkommnung durch sie vollenden zu lassen und an ihnen bloßzulegen. Wir hätten also in gewissem Sinne einen Erziehungsroman. Doch ein Roman ist Marius der Epikuräer nur insofern, als etliche fingierte Gestalten darin auftreten, die mit historischen Persönlichkeiten in Berührung kommen. Eigentlich sind nur die Namen erfunden oder für sie gefunden; denn die Figuren selbst muten wie ein Mosaik von Belegstellen aus griechischen und römischen Schriftstellern an. – Richtiger wäre es darum schon, Marius als kulturhistorischen Essai zu bezeichnen. Wer das Buch als reine Dichtung aus den Tagen des Marc Aurel lesen wollte, dessen Stilgefühl würde durch die gehäuften Anachronismen verletzt werden. Der Essayist darf Goethe und Gautier und Swift und Michelet heranziehen, wenn er Fernliegendes durch einen geläufigen Begriff seinen Zeitgenossen näher bringen will. Der Historiker darf es, und Mommsen hat es weidlich getan. Der Dichter, der auf Stileinheit und -reinheit hält, wird sich vor solchen Entgleisungen zu hüten suchen. So dekadent die Zeit war, in der dieses Werk spielt, so dekadent sie dargestellt wird: das Wort ‚dekadent’ wäre in einer Dichtung natürlich verpönt. Am richtigsten bezeichnet man deshalb Marius, wie sein Verfasser selbst es vorgeschlagen, als ein imaginäres Porträt. Das Kolorit ist so echt, das Milieu so überraschend sicher getroffen, das Denken und Fühlen der Zeit so peinlich genau abkonterfeit, daß man ein Porträt vor sich zu haben meint. Aber doch kein wirkliches, nur ein imaginäres; denn bei aller Fülle inneren Geschehens, bei aller äußeren Bewegtheit fehlt der farbige Abglanz des Lebens, und hauptsächlich: die Menschen, die durch dieses etwas schemenhafte Schauspiel schreiten, sind nicht zu voller Körperhaftigkeit, zu künstlerischer Plastik gediehen, sind von keinem Schöpferodem beseelt. – ‚In Marius dem Epikuräer – schreibt Oscar Wilde in De Profundis – sucht Pater das Künstlerleben mit dem religiösen Leben in der tiefen, holden und herben Bedeutung des Wortes in Einklang zu bringen. Aber Marius ist wenig mehr als ein Zuschauer – ein idealer Zuschauer allerdings, einer, dem es gegeben ist, „das Schauspiel des Lebens mit eignen Empfindungen zu betrachten“ …; doch ein Zuschauer nur, der ein wenig zu sehr mit der Anmut der Bänke im Tempel beschäftigt ist, um zu gewahren, daß sein Blick auf dem Leidenstempel ruht.’ Der unbeschränkte Verehrer Paters wollte in diesem sehr behutsam formulierten Satze offenbar die Lebensfremdheit des Buches andeuten, wollte die Unmöglichkeit ausdrücken, Held und Zuschauer in einer Person zu sein. Es sind alle Ingredienzien zu einem guten Kuchen da; leider fehlt nur die Hefe, die erst die Gärung des Teiges hervorbringt. Der Zeitabschnitt mit seinen Kriegen und Siegen, mit dem Ausbruch der Pest und dem Einbruch der Barbaren, mit seiner Liebe zum Luxus und seinem Zwang zur Mystik ist denkbar günstig gewählt; der Stoiker auf dem Throne und neben ihm der junge, vornehme Kyrenaiker könnten die Phantasie eines Dichters befruchten. Aber das erstaunlich reiche Beiwerk strebt nach allzu minutiöser Treue. Noch der Saum an der Toga, das Schloß an der Tür sitzen zu archäologisch echt. Der Philolog ist eben nicht über den Poeten Herr geworden. Daraus erklären sich zunächst die handgreiflichen Mängel der Komposition. Pater schwelgt mit dem Wohlgefallen des Kenners, dem Entzücken des Amateurs in seinem ungeheuren Material, statt es, als Könner, zu verdichten und seinen Zwecken mit unbeirrter Rücksichtslosigkeit gefügig zu machen. Er kann es sich nicht versagen, einerlei, wie sehr die Ökonomie des Buches darunter leidet, große Einlagen zu bieten, wie die Nacherzählung des Märchens von Amor und Psyche – an sich gewiß ein Juwel – oder die Einfügung eines frei erfundenen platonischen Dialogs. Doch dadurch verschwinden uns seine Menschen streckenweise aus den Augen, und das ist doppelt schlimm, denn sie stehen nicht auf allzu festen Füßen. – Infolge des gar zu breit und selbstgefällig wuchernden Rankenwerks gewinnt man fast nie den Eindruck, daß das Leben eine Gestalt wie Marius gebären half. Er bleibt ein Produkt der Studierstube, ein Homunculus, obwohl ihm nichts Menschliches fremd bleibt. So intim wir sein Seelenleben kennen lernen, so lange wir ihm auf seinen philosophischen Wanderungen und Wandelungen folgen: er ergreift nicht von uns Besitz, klammert sich nicht mit ehernen Haken an unser Herz, wird in keinem Augenblick wahrhaft unser Freund. Kann es nicht werden, weil es ihm zu sehr an Fleisch und Blut gebricht. Das ist es: Marius leidet an Hypertrophie des Gehirns, an einem Überschuß von Intellektualismus und ist zu blutarm. Die Liebe, die Sinnenliebe hat keinen Anteil an seinem Leben. Er tritt überhaupt zu keiner Frau in Beziehungen, und die wenigen Frauen des Buches kommen nicht über das Schattenhafte hinaus. Nur ein Stubengelehrter – ‚scholarship’s constant saint’, wie ihn ein Threnodist genannt hat [Lionel Johnson, ‚Walter Pater’] – vermochte ein so umfangreiches Werk zu schaffen, in dem die Frau fast ausgeschaltet ist, die Liebe zur Frau ganz fehlt. In den Männerfreundschaften des jungen Marius spürt man wohl einen kräftigeren Anschlag; aber es scheint, als hätte Pater Angst, das Pedal zu gebrauchen, denn auch hier klingt der Gefühlston dünn. – Soll ich weiter im musikalischen Bilde sprechen, so würde ich sagen: Marius der Epikuräer ist eine Symphonie ohne plastische Melodien und mit einer ziemlich farblosen Instrumentation. Doch wenn alles gesagt ist, bleibt es das eminente Buch eines feinen Menschen, dem es leider nicht gegeben ist, das Menschliche in uns wach zu rütteln. Ein Edelmannsfressen für den Kopf, eine Armeleutbrühe für das Herz. – Die große Bedeutung Walter Paters für die Engländer liegt in seiner stilistischen Eigenart. Auch hier könnte man ihn einem deutschen Professor vergleichen: Hermann Grimm; nur daß er als sein Antipode zu gelten hätte. Während Grimm aus der Schachtelung des gelehrten Periodenbaus herausstrebte und einen Sprechstil zu bilden suchte, befleißigte sich Pater einer rein artistischen Prosa mit gelehrtem Einschlag und brachte es darin zur Virtuosität. Grimms pointierte Kürze ist schließlich nicht selbstverständlicher als Paters ciceronianische Langatmigkeit, vielleicht wirklich nur eine Sache der Technik. Stil war Pater die Kunst, poetisch zu schreiben, die Worte zu wählen und zu wägen, die Sätze wie geflochtene japanische Kästchen ineinander zu schieben. Nur ein Engländer kann diesen Stil aufrichtig bewundern, kann das Urteil fällen, Pater habe das englische Sprachinstrument um eine Saite vermehrt und die Möglichkeiten poetischer Prosa offenbart. Der in Frankreich geschulte Arthur Symons trifft eher die kontinentale Auffassung, wenn er als Paters Natur seine Unnatur erklärt [Studies in Prose and Verse (1904)]. – Und es ist natürlich ein Unding, diesen verkünstelten Stil in eine andre Sprache übernehmen zu wollen. Mag Pater auch geraten haben, einem Original ersten Ranges (er dachte dabei an Plato) müsse man häufig, ohne die Konstruktion zu ändern, Wort für Wort folgen, ‚gleich dem Bleistift, der einer Zeichnung unter dem Pauspapier folgt’ [Walter Pater, Appreciations (Kap. ‚Style’)]: mir scheint, Felix Paul Greve, der redliche Mühe auf seine Arbeit verwandt hat, ist diesem schiefen Prinzip erlegen. Wenn man, nach Paters Rezept, so ängstlich nachbildet, kommt nie ein Abbild – nicht einmal ein Abziehbild – zustande, sondern immer nur eine Mißbildung. Schriftsteller wie Walter Pater oder George Meredith, bei denen die Nuance alles ist, lassen sich nur übersetzen, wenn man für das Eigene in der Originalsprache ein Eigenes in der fremden zu bieten hat. Sonst kann wohl der Kenner des Englischen ahnen, wie sich ein Ausdruck in der Originalsprache ausnimmt: er kann aber nicht, wenn er Gefühl für seine Muttersprache hat, diese sklavische Kopie mit Genuß lesen.“

Der Amateurromancier. Aus fremden Zungen, Bd. 18, Nr. 23 (1. Dezember 1908), 1096-1098.
George Bernard Shaws frühes Romanschaffen in deutscher Übertragung. – „Fünf Romane hat Bernard Shaw in den Jahren 1879-83 geschrieben: 1. Immaturity (1879, verschollen [1931 veröffentlicht; deutsche Übersetzung 1933 unter dem Titel Junger Wein gärt]). 2. The Irrational Knot (1880, deutsch: Die törichte Heirat). 3. Love among the Artists (1881, deutsch: Künstlerliebe). 4. Cashel Byron’s Profession (1882, deutsch: Cashel Byrons Beruf). 5. An Unsocial Socialist (1883, deutsch: Der Amateursozialist). – Die vier letzten hat [der Verleger] Dr. Franz Ledermann, auf Grund der ursprünglichen englischen Fassung, von Alfred Brieger und Wilhelm Cremer ins Deutsche übertragen lassen. – Daß Shaw selbst nicht zu hoch von diesen frühen Produkten denkt oder zu denken scheint, lehrt ihr Untertitel: Novels of my Nonage (nonage bedeutet sowohl Minderjährigkeit wie Unreife). Da er mit dreiundzwanzig Jahren nicht mehr minderjährig war, kann er nur das zweite meinen. Ganz so gering muß er sie wohl doch nicht einschätzen, sonst hätte er sie nicht, ein Vierteljahrhundert nach ihrer ersten Veröffentlichung, freudestrahlend ans Licht gezogen; außerdem ist er viel zu sehr von sich und seinen Schöpfungen eingenommen, um irgend etwas, was er macht, schlecht zu finden. Das überläßt er großmütig andern. Und diese erinnern sich, daß der Shakespeare-Fresser in einer seiner bravourösen Vorreden gesagt hat, er gäbe sämtliche Dramen des Barden für eine (leider nicht erhaltene) Vorrede von Shakespeare hin, und wenden den Satz auf ihn selbst an: seine vier Romane sind nicht soviel wert wie die beiden Vorreden zur englischen Neuausgabe, worin er in seiner besten schlechten Manier die Geschichte ihrer Entstehung und mille e tre andre Dinge erzählt – marktschreierisch, aber amüsant. – Romane, die umfassende Kulturgemälde oder auch nur das psychologische Lebensbild eines Helden darstellen, darf man von Shaw nicht erwarten. Vom Roman ist nur eine im üblen Sinne romanhafte Handlung übriggeblieben. Eine Schloßherrin vergafft sich in einen Preisboxer, oder ein schrulliger Sozialist sagt sich von seiner Frau los; so in dieser Art. Selbstverständlich, werden seine Anhänger versichern, wollte er nur die Gattung verspotten. Das wurde uns auch aufgebunden, als der Dramatiker im breitesten Fahrwasser des Melodrams segelte. Der Dreiundzwanzige war schon ein uferloser talker, was er bis zum heutigen Tage geblieben. So kommt es, daß die Romane zu zwei Dritteln mindestens aus Dialog bestehen. Aus einem sehr wenig abgestuften, nach Stand und Alter der Personen differenzierten Dialog, der nicht der Freude am Charakterisieren entspringt, sondern der Freude, die eigne Stimme zu hören. Shaws Figuren sprechen alle mehr oder weniger wie er selbst (leider nicht weniger als er selbst). Von der später erworbenen Fähigkeit des Dramatikers, Rede und Gegenrede gleich wichtig zu behandeln, ist noch nicht viel zu spüren. Dagegen prägt er gelegentlich ein treffendes Aperçu, etwa das folgende: ‚Das einzige Schöne im Menschenleben ist die schöne Kunst’, worauf prompt die Antwort erfolgt: ‚Das einzige Schöne der Kunst ist das Menschenleben.’ Und auch seine paradoxe Art bereitet sich schon langsam vor. Den Satz: ‚Kummer von zweijähriger Dauer ist eine schlechte Angewohnheit’ oder den: ‚Widmungen in Büchern sind wie Aufschriften auf Grabsteinen’, brauchte der Dichter der Candida nicht zu verleugnen. Aber schließlich soll ein Roman mehr bieten als etliche dialektische Kunststücke. Wer Schilderungen oder Stimmung verlangt, wird schwerlich auf die Kosten kommen. Dialog und noch einmal Dialog und noch einmal Dialog: es sind die Zuckungen des späteren Bühnenschriftstellers. Den in Kapitel eingeteilten Dialog hat er Roman, den in Akte eingeteilten Drama genannt. Was er dort an Beschreibung zu wenig gegeben, ist hier in den weitschweifigen Regiebemerkungen niedergelegt. – Auch manche Lieblingsvorstellung des Mannes taucht schon bei dem Jüngling auf. Er läßt ein Schulmädchen den englischen ‚Theater-Minotauros’ verunglimpfen: ‚Zum Henker mit Shakespeare! Der alte Narr bildet sich etwas darauf ein, daß er abgedroschene Redensarten vorträgt.’ Es ist wie ein erstes Wetterleuchten der späteren Shakespeare-Verkleinerung, die sich bei dem Kritiker der Saturday Review zum System, zu einem Wahnsinn mit Methode auswuchs. – Nicht minder bahnt sich hier bereits sein Heldenhaß an und die Fähigkeit, die schlechtere Sache mit sophistischer Geschicklichkeit zur besseren zu machen. Der werdende Shaw kennt keinen andern Helden als sich selbst oder duldet wenigstens keinen neben sich. Wie beredt weiß er etwa den konstitutionellen Monarchen als Puppe erscheinen zu lassen, der übler dran sei als der englische Privatmann! Es ist schon ganz der Kammerdienerstandpunkt, mit dem er später an Napoleon und Cäsar herantritt. – Auch seine Theorie vom Kampfe der Geschlechter, die sich in Mensch und Übermensch mit philosophischer Wichtigtuerei spreizt, wird schon im Keime sichtbar. Zwar ist sie noch nicht, wie in den Dramen, scharf dahin formuliert, daß eine Frau nur zu wollen brauche und der Mann gehe ihr ins Netz, daß die Frau der Jäger, der Mann das Wild sei, aber sie ist in der Praxis schon durchgeführt. Es gibt für den Mann keine Rettung, sobald die Frau es sich in den Kopf gesetzt hat, ihn zu ködern. Cashel Byron macht von dieser Regel keine Ausnahme, obwohl es den Anschein hat, als schiebe er; in Wirklichkeit wird er geschoben, und die reiche Erbin ist die treibende Kraft. Immerhin hat der Romanschriftsteller in diesem Punkte noch die größere Beweglichkeit vor dem Dramatiker voraus: in Künstlerliebe z. B. bindet er, um zu trennen, trennt, um zu binden, und wirbelt die Paare wie in einer Quadrille durcheinander. – Dem Charakteristiker gelingt die Figur des skrupellosen Draufgängers bei weitem am besten. Conolly, Trefusis, Owen Jack, selbst der mit einem Rest von Schüchternheit ausgestattete Cashel Byron: sie alle sind geistige Vettern und Abbilder ihres Schöpfers. Man muß wirklich, wenn nichts andres, den Mut bewundern, mit dem Shaw sich selbst konterfeit hat. Am meisten von ihm steckt vielleicht in dem Komponisten Owen Jack: die Widerborstigkeit, der Selbstdünkel, die Überheblichkeit, die Vernachlässigung des äußeren Menschen, der kratzbürstige Bohemien, der vom Neid der besitzlosen Klassen angenagt ist, das, was die Franzosen intransigeant nennen. Wie der Maler in Zolas Thérèse Raquin immer nur die Züge seines toten Kindes auf die Leinwand zu bringen vermochte [nein, sondern des von ihm und seiner Geliebten ermordeten Ehemannes], denkt man sich, Shaw habe seinem Schreibtisch gegenüber einen Spiegel hängen gehabt, der ihm stets das eigne Bild aufs Papier warf. Er mußte sich selbst porträtieren. Und daß er so wenig retouchierte, stellt seiner Selbsterkenntnis ein günstigeres Zeugnis aus als seiner Künstlerschaft. – Denn mit der Kunst dieser Romane – auch wir wollen nicht retouchieren – ist es nicht weit her. Sie besteht im Grunde aus der Fähigkeit, Purzelbäume zu schlagen und dabei ein grinsendes Gesicht zu zeigen. Ganz so leicht ist das freilich nicht: jeder kann Purzelbäume schlagen, aber nicht jeder kann dazu lachen. Den Zuschauer nicht merken lassen, welche Anstrengung mit einer Gliederverrenkung verbunden ist, das will gelernt sein; und wenn er lange genug ein lachendes Gesicht vor sich sieht, stimmt er allmählich in das Lachen ein – so ansteckend wirkt es – und vergißt, daß dem Menschen, der sich da vor ihm produziert, die ganze Zeit das Blut in den Kopf steigt und ihm Unbehagen verursachen muß. Ist der Tausendsassa aber erst lange genug auf dem Kopf herumspaziert, so gewahrt die Menge zuletzt gar nicht mehr den Unterschied und denkt, er gehe auf seinen beiden Beinen. Unbildlich gesprochen: das Abrupte und das forciert Komische machen in Shaws Romanen den Effekt aus. Wenn er etwa seinen Herkules der Faust wie den schmachtenden Liebhaber eines Dutzendromans stöhnen läßt: ‚Mein Herz hört auf zu schlagen, Lydia. Adieu!’ so ist diese gewaltsame Komik ihres Eindrucks sicher. Am konsequentesten ist sie in Cashel Byrons Beruf durchgeführt; deshalb steht die Geschichte des Pugilisten hoch über den drei andern Romanen. Denn wenn Shaw nicht Purzelbäume schlägt, gähnt er, und das Gähnen wirkt bekanntlich noch ansteckender als das Lachen.“

Beardsley-Briefe. Kunst und Künstler, Bd. 7, Nr. 3 (Dez. 1908), 134-137.
Last Letters of Aubrey Beardsley. With an introductory note by the Rev. John Gray. London / New York: Longmans, Green & Co. 1904; Briefe, Kalendernotizen und die vier Zeichnungen zu E. A. Poe von Aubrey Beardsley. München: Hans v. Weber 1908. – „Einen Schreiber und Zeichner weltlicher Dinge hat sich Aubrey Beardsley einmal genannt. Als ob er, etwa wie Rossetti, auf beiden Gebieten Gleiches vollbracht hätte. Der Schreiber steht sogar an erster Stelle; vielleicht nur aus Koketterie, vielleicht weil er andeuten wollte, daß er auf seine schriftstellerischen Versuche stolzer war als auf seine zeichnerischen Leistungen. Am meisten bildete er sich allerdings auf seine musikalischen Fähigkeiten ein: als pianistisches Wunderkind – es gehört nicht viel dazu in England! – hatte er zuerst den Leuten Bewunderung eingeflößt, lange bevor er als zeichnerisches Wunderkind überall baß Verwunderung erregte. Künstler, im Gegensatz zu matter-of-fact-Menschen, die immer wissen, was sie wollen, und schnurstracks ihrem Ziele zustreben, sind häufig in einem seltsamen Irrtum über die Besonderheit ihrer Veranlagung befangen, wie sie bis zuletzt die unzuverlässigsten Kritiker ihrer eigenen Werke bleiben. Gibt das nicht schon der Kritik ein Daseinsrecht? … – Beardsley wollte eines Tages Schriftsteller werden. ‚Dein Wunsch war des Gedankens Vater’, Aubrey. Am üppigsten wuchern solche Marotten bei Dilettanten, obwohl auch Künstler nicht davon frei sind. Als Zeichner war Beardsley entdeckt worden (mindestens sieben Männer stritten sich um den Ruhm, sein Talent erkannt zu haben); als Schriftsteller entdeckte er sich selbst und brauchte Keinen, der ihn lancierte. Die Feder, über die er in seinen Schwarz-Weiß-Blättern so unumschränkte Gewalt besaß, sollte ihm nun zu neuen Taten gleich willfährig Gefolgschaft leisten. Eklektiker war er beide Male. Aber während der Eklektizismus sich bei dem Zeichner mählich verlor, je sicherer seine Technik wurde, ist der Schreiber nicht darüber hinausgekommen. Er bietet Lesefrüchte. Zwar keine Marktware – dazu war er zu wählerisch –, doch nicht Früchte, die im eigenen Garten und nur in seinem Garten wuchsen: exotische, archaische, kulturhistorische Früchte von absonderlicher Farbe und seltsamen Formen. Immerhin, das Arrangement bleibt sein Eigentum. Stammte es von einem Namenlosen, man wäre achtlos daran vorübergegangen; da es von einem bekannten Künstler herrührte, konnte ihm ein selbständiger Wert zugesprochen werden. Aubrey Beardsleys Schriftstellerei besitzt schwerlich primäre Geltung. Sie zehrt von geborgtem Leben. Der Zauber des Zeichners leiht ihr seinen Glanz. – Trotzdem gehört Beardsley in eine Literaturgeschichte der Gegenwart, vornehmlich infolge des unverkennbaren Einflusses, den der Zeichner auf Literaten – in England sowohl wie in Deutschland – ausgeübt hat. Gewisse Elemente des heutigen Schrifttums: die Mischung von Krausem und Grausigem, das graziös Makabre, das Perverse mit der lächelnden Miene der Unschuld, das Angefaulte unter der lockenden Larve des Lieblichen, das Infernalische mit dem Blicke der Engelsanftmut gehen auf ihn zurück. Man darf getrost von einer Beardsley-Linie in der Literatur sprechen. Vermutlich nicht mehr lange: er ist zu sehr Mode geworden; hoffentlich nicht mehr lange: diese Mode entspringt keinem Bedürfnis. – Aubrey Beardsley der Künstler wird stets eine Kuriosität, eine Extravaganz bleiben; der Mensch fängt an, uns zu interessieren, seitdem wir zwei Briefsammlungen von ihm besitzen. – Im Jahre 1904 hat John Gray, einst das Urbild des Dorian Gray, jetzt Priester in Edinburg, Aubrey Beardsleys letzte Briefe herausgegeben. Zum größten Teil sind sie wohl an ihn selber, den ‚lieben Mentor’, einige wenige nur an einen andern Geistlichen gerichtet. [Der ‚liebe Mentor’ war nicht John Gray, sondern dessen Freund und Förderer André Raffalovich. Von den beiden war nur Gray Priester.] Sie umspannen die drei letzten Jahre des Künstlers. Es ist nicht leicht, Briefe eines Zeitgenossen mit allen ihren Anspielungen auf Zeitgenossen zu edieren, weil man auf die Gefühle der Lebenden Bedacht nehmen muß; doppelt schwer ist es im zimperlichen England, wo das Schreckgespenst einer ‚action for libel’ droht und jeder Beleidigte zum Kadi laufen darf, wenn er seinen Namen in einem Dokument gedruckt findet, dessen Inhalt sein Mißfallen erregt. So rücksichtsvoll, um nicht zu sagen: ängstlich, ist John Gray verfahren, daß er die meisten Eigennamen unterdrückt oder diskret verschleiert. Selbst Beardsleys Schwester Mabel muß sich mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens begnügen, als ob es für sie eine Schande wäre, in den Briefen des Bruders erwähnt zu werden. ‚Blüte edelsten Gemütes ist die Rücksicht’ [Theodor Storm, ‚Für meine Söhne’], und das Prinzip, nach dem Gray vorgegangen, hat gewiß sein Gutes; aber es kann auch lächerlich übertrieben werden, und es schädigt vor allen Dingen das Werk selbst, weil es viele Stellen einfach um ihre Wirkung bringt. Schon darum möchten wir im vorliegenden Falle ‚goldnen Rücksichtslosigkeiten’ [ebd.] das Wort reden. Späteren Generationen kann es freilich recht gleichgültig sein, ob eine Chiffre oder der volle Name dasteht: die Mehrzahl der Personen fällt ja doch der Vergessenheit anheim und muß durch eine Anmerkung aus dem Todesschlummer geweckt werden. – Trotz der Zaghaftigkeit des Herausgebers haben mich nicht viele Briefsammlungen so stark ergriffen wie diese. Der Mensch steht dahinter, ein schwindsüchtiger Jüngling, der mit sechsundzwanzig Jahren das inbrünstig geliebte Leben lassen mußte, ein Künstler auf dem Gipfel des Ruhms, den die Sense mitten in der Ernte dahinmähte. Es ist rührend, wie sein Lebensmut emporschnellt, sobald er einige Zeit von den grausamen Anfällen verschont bleibt, wie der vom Tode Gezeichnete, der wußte, daß es keine Rettung für ihn gab, bis zuletzt hofft. Das ist schließlich nichts Ungewöhnliches: man braucht kein Phthisiker zu sein, um bis zum letzten Atemzug zu hoffen. Aber ein Wunder war es, daß er – vielleicht durch diesen übermächtigen Willen zum Dasein, diese unheimlich gesteigerte Energie – dem Verhängnis noch ein Jahr abtrotzte; ein größeres Wunder, daß er bei seinem kläglichen Zustand die Kraft zum Arbeiten fand. – So weit hätten wir eine Krankheitsgeschichte. Eine individuelle, sofern jede Krankheit individuell ist im Gegensatz zum Typus des gesunden Menschen (ganz so, wie das Unglück individuell ist im Gegensatze zum nivellierenden Glück); eine reizvolle, sofern sie ein Künstler durchmacht und das Allzu-Menschliche nicht übermäßigen Raum einnimmt. Aber das Besondere des Bandes liegt nicht in der Pathologie des Leibes – die ist nur für den Arzt das Besondere –, vielmehr in der Pathologie der Seele. – Aubrey Beardsley trat am 31. März 1897 zum Katholizismus über. Er selbst nennt es den wichtigsten Schritt seines Lebens, das im übrigen recht ereignislos war. Wie haltlos, wie entnervt, wie ausgeblasen muß der Ephebe gewesen sein, daß er, auf dieses ultimum refugium peccatorum verfallend, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche flüchtete: so wird man zu schließen geneigt sein. Und man wird sich nur zu gern ausmalen, wie der kleine Sünder, von Todesängsten geschüttelt, von den Fratzen seiner vermeintlich unsittlichen Zeichnungen bedräut, den kalten Schweiß auf der Stirn, schlotternden Gebeins um Gnade winselte. Bei Beardsley trifft es wohl doch nicht zu. Wir wissen, daß von früh auf ein starker Hang zum Glauben in ihm ausgeprägt war, daß seine intimsten Freunde von der Echtheit seiner religiösen Gefühle durchdrungen waren. ‚Meiner Ansicht nach kann man nie genug Religion bekommen, wenn man überhaupt welche haben muß’, schrieb Byron einmal, der selbst zur katholischen Lehre neigte, weil er in ihr den künstlerischsten Gottesdienst sah: ‚Der Weihrauch, die Bilder, Statuen, Altäre, Heiligenschreine, Reliquien, die leibliche Anwesenheit in Wein und Brot, die Beichte, die Absolution – das ist Etwas, an das sich das Gefühl klammern kann. Außerdem läßt dieser Glaube gar keinen Zweifel aufkommen’. [Brief vom 06.03.1822 an Thomas Moore.] Einen solchen Glauben hatte Beardsley nötig, denn es blieb ihm nicht mehr viel Zeit zum Zweifel. Einen so greifbaren, sinnenfälligen Glauben, der der Künstlernatur schmeichelte und daneben den unleugbaren Vorzug besaß, daß er schon auf Erden Vergebung der Sünden gewährte. Je näher das Ende rückte, um so mehr ward Beardsley der Glaube zum Herzensbedürfnis. Und welcher Glaube hätte ihm in seinem Siechtum so viele leibliche und seelische Tröstungen bieten können wie der katholische? – ‚Halb zog es ihn, halb sank er hin’. Die ihn zogen, mögen mit feinem Spürsinn gewittert haben, daß sich ihnen hier eine aussichtsreiche, dankbare Aufgabe eröffnete. Mit kleinen Aufmerksamkeiten, für die jeder Kranke nur zu empfänglich, wurde das Rettungswerk begonnen. Blumen wurden ihm ins Haus gesandt; bald folgte ‚köstliche’ Chocolade, als gälte es, ein kleines Mädchen zu erfreuen. Teilnehmende Besucher stellten sich bei ihm ein, und ihre sanfte Gegenwart tat ihm wohl. Die frommen Brüder erkundigten sich angelegentlich nach seinem Befinden, und er wußte ihnen Dank für so viel Sympathie. Raffiniertere Mittel werden nicht verschmäht: der junge Oswald, ein Klosterzögling, soll für ihn beten; die Fürsprache eines unschuldigen Kindes zählt ja doppelt im Himmel. Der Bekehrungsakt macht Fortschritte: schon ist der Proselyt reif, in der heiligen Lehre unterwiesen zu werden. ‚Halb zog es ihn, halb sank er hin’ … Nachdem der Übertritt erfolgt, erhält er einen Rosenkranz. ‚Vater B. war heute nachmittag bei mir und brachte mir einen lieben kleinen Rosenkranz mit, den der heilige Vater gesegnet hat. Er hat mir seinen Gebrauch erklärt. Ich komme mir jetzt vor wie jemand, der an einem kalten Tage auf der Schwelle eines Hauses gestanden und gewartet hat und der sich lange nicht entschließen kann anzuklopfen. Endlich wird die Tür aufgestoßen, und alle Wärme freundlicher Gastlichkeit erquickt den erstarrten Wanderer.’ Nun lassen sie ihn nicht mehr; überall sind sie um ihn, und wenn nicht um ihn, so doch bei ihm im Geiste. Kaum siedelt der Konvertit nach Paris über, wird für eine Begegnung mit Huysmans – auch er ein Bekehrter! – gesorgt. ‚Ich freue mich riesig, ihn kennen zu lernen’, meldet er seinem ‚liebsten Bruder’, obwohl später das freimütige Geständnis folgt, er habe sich nie etwas aus Huysmans gemacht. Wo so viel Glaube, da ist auch der Aberglaube nicht fern. ‚Ich bitte Dich, lieber ***, hilf mir mit Deinen Gebeten gegen diese Rückfälle, hilf mir auch, daß ich klug genug werde, lächerliche kleine Unachtsamkeiten zu vermeiden, die vielleicht das Übel zum Ausbruch bringen.’ Selbst das geweihte Wasser von Lourdes fehlt nicht. Gelegentlich geht der preziöse Ton, den das Novellenfragment Unter dem Hügel so virtuos handhabt, geradezu in einen altjüngferlichen über: ‚Heute Morgen empfing ich mit M(abel) das Abendmahl in der Kapelle der Erziehungsanstalt S. Thomas. Es ist eine so liebe kleine Kirche, und die Messe wurde von den Zöglingen wirklich sehr gut gesungen. Die Schwestern sind ganz reizend und haben so freundlich nach uns gesehen. Du kannst Dir vorstellen, wie glücklich der Gottesdienst uns beide gemacht hat.’ Bei aller Gefühlskargheit, die Beardsley eigen, ist eine zunehmende Innigkeit unverkennbar. Der ‚liebste Bruder’ im Glauben wird ihm zu einem ‚Bruder wie aus einem Märchen’. – – Wenn dieser Bruder aber vor dem Grabe der Faulbaumblüte in Mentone an das Grab des Herrn denkt, so grenzt das wirklich an Blasphemie. ●●● Einen andern Beardsley, den irdischen, offenbaren die aus derselben Zeit stammenden, an seinen Verleger Leonard Smithers gerichteten Briefe, die ihr jetziger Besitzer, der ‚Wiener Kunstfreund und Künsteförderer’, Fritz Waerndorfer [1868-1939], ins Deutsche übertragen hat. – F.B. (der wohlbekannte Doktor Franz Blei) leistet ihnen literarische footman-Dienste. Er meldet Mr. Smithers und Herrn Waerndorfer an und sanktioniert das von diesem eingeschlagene Editionsverfahren. ‚Den Lesern dieser Briefe ist nichts in Erinnerung zu bringen; denn ihre Liebe zu diesem Künstler ist Verehrung so sehr, daß auch der geringste Umstand seines Lebens ihnen nahe ist und bekannt der Kreis jener, die um Beardsley waren. Also sind erklärende Anmerkungen, die sich über die in diesen Briefen genannten Personen auslassen, überflüssig.’ Leider ist meine Liebe zu diesem Schriftsteller nicht Verehrung so sehr, daß ich seine Worte ohne Widerspruch lassen könnte. Die Auflage ist zwar nur für 525 Liebhaber gedruckt, aber trotz Bleis gegenteiliger Behauptung darf man zweifeln, ob fünfundzwanzig oder auch nur fünf imstande sind anzugeben, was etwa der folgende Satz bedeutet: ‚Hat Prangé über die Hawkins geschrieben?’ [Beide Namen sind bis heute nicht eindeutig identifiziert.] Oder ob sie Raffalovich, Savile Clarke, O’Sullivan e tutti quanti kennen. Oder ob sie verstehen, warum Beardsley dem Verleger empfiehlt, sein neues Geschäftslokal The Sodley Bed zu taufen. Gibt es wirklich in Deutschland so viele, die wissen, daß des Konkurrenten John Lane Geschäftslokal in Vigo Street The Bodley Head heißt? Mir soll es recht sein. Nach den beiden Proben, die Herr Waerndorfer beisteuert, steht mir freilich nicht der Sinn auf mehr. Wenn Beardsley am 26. März 1896 schreibt: ‚Hoffe, die Verhandlung ging gut aus. Aufs äußerste gespannt, das Resultat zu erfahren’, so fügt der kenntnisreiche Kommentator in einer Klammer hinzu: ‚Oscar Wildes trial’. Nun, der ist zehn Monate vorher verurteilt worden. [Beardsleys Bemerkung bezog sich auf einen Prozeß des Malers William Rothenstein gegen Smithers.] Mit demselben Recht könnte sich heute jemand nach dem Ausgang des Hau-Prozesses erkundigen. [Sensationeller Mordprozeß von 1907, der mit dem Todesurteil für den Angeklagten Carl Hau (1881-1926) endete. Das Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt, sondern in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt. 1924 wurde die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt und ein Jahr später widerrufen. Hau nahm sich auf der Flucht 1926 in Italien das Leben.] Ebenso wird ein Brief vom 29. Juli 1896 [vom Herausgeber, also Franz Blei, nicht von Waerndorfer!] mit Wildes Verurteilung in Zusammenhang gebracht. Im Mai 1895 schreibt aber Beardsley schon an Gray [nein, sondern an André Raffalovich, Beardsleys ‚dear Mentor’] nach Berlin: ‚Vermutlich steht der Ausgang des ** Prozesses in den deutschen Zeitungen – zwei Jahre Zuchthaus. Es wird ihn wohl töten.’ Wollt ihr wissen, welchen Anteil das kleine herzlose Geschöpf an dem Unglück des Mannes nahm, dem es wie kaum einem andern zu Dank verpflichtet war? Es ging am Abend des 25. Mai 1895 seelenvergnügt ins Theater … Dies nebenher. – Auch Leonard Smithers, der nach Blei ‚ein stets bereiter Helfer in der Not, ein Vertrauter in Sorge und Freude, ein Freund’ Aubrey Beardsleys war, hat keineswegs einwandfrei an dem toten Künstler gehandelt. In seiner letzten Kundgebung – bei weitem dem interessantesten Stück der ganzen Sammlung – beschwor ihn Beardsley in der ‚Todesagonie’, alle Exemplare der Lysistrata und seine sämtlichen obszönen Zeichnungen zu vernichten. Mit gutem Grund; denn die Lysistrata-Zeichnungen sind (vielleicht mit Ausnahme eines einzigen Blattes) reizlos und ihres Schöpfers unwürdig, obwohl er in einem Brief an Gray sie ‚in gewisser Beziehung für das Beste’ erklärt, das er je gemacht habe – wieder ein Beweis, daß Künstler keine Distanz zu ihren eignen Erzeugnissen haben und im allgemeinen ihr letztes Werk für ihr vollendetstes ausgeben. Jedenfalls dachte er später anders darüber. Und wenn er auf dem Sterbebett diese plumpen Erotica verleugnete und vernichtet wissen wollte, so ist niemand, nicht einmal ein Verleger, befugt, eine solche Bestimmung kaltlächelnd zu umgehn. Handelte es sich um ein Kunstwerk, dessen Verlust die Welt ärmer zurückließe, so könnte man Worte der Rechtfertigung finden; aber bei diesem lasziven Zeug –! Es bleibt unverzeihlich und kaum glaublich, daß Beardsleys Erben dazu geschwiegen haben. Bei der heute florierenden Verbreitung von Privatdrucken begegnet man Reproduktionen dieser Zeichnungen, so oft man will; selbstverständlich auch in Herrn Bleis Kunstzeitschriften.* – Ergiebig sind Beardsleys Briefe an Smithers im übrigen nicht, weder nach der künstlerischen noch nach der menschlichen Seite. Sie beschränken sich fast ganz auf geschäftliche Mitteilungen und gesundheitliche Bulletins. Pikant werden sie erst durch einen Vergleich mit den Briefen an John Gray, denen gegenüber sie zuweilen ein Stimmungskorrektiv darstellen. Von religiöser Gehobenheit, von einer Läuterung ist nichts in ihnen zu spüren. Ganz sachlich teilt er dem Verleger mit: ‚Je suis Catholique’ – knapper kann man sich wohl kaum über den wichtigsten Schritt seines Lebens äußern. Dagegen finden sich etliche sexuelle Konfessionen, die bei einem Engländer einigermaßen verblüffen. Nicht die Natur dieser Bekenntnisse – denn daß Beardsleys Sinnlichkeit eine zerebrale war und infolge seines Leidens bleiben mußte, konnte nicht zweifelhaft erscheinen –, sondern die Tatsache dieser Bekenntnisse. Ein Engländer, der so freimütig von seinen ‚rêves mouillés’ erzählt, ist immerhin eine Seltenheit. Und es entbehrt nicht eines leise tragikomischen Anstrichs, wenn der erotische Krüppel ‚äußerst eheliche Regungen’ registriert, die sich wohl nicht über die Gehirnsphäre hinauswagen durften. – Freilich, ein Jüngling Mitte der Zwanziger, der mit allen Fibern seines Wesens an diesem leuchtenden Dasein haftet, der, das nahe Ende vor Augen, unaufhörlich neue Pläne schmiedet und bis zu allerletzt an die Arbeit denkt, bleibt immer eine rührende Gestalt. Doppelt rührend, wenn dieser Jüngling schon Bedeutendes geschaffen hat, vielleicht noch Größeres zu leisten berufen war. Da gewinnt auch Nebensächliches, Gleichgültiges erhöhten Reiz, weil es von dem Mollklang eines Ave atque Vale umschwebt ist. – * Bis vor kurzem gab er [Blei] die Opale und den Amethyst für Subskribenten heraus. In der Versammlung dieser Edelsteine ist Oscar Wilde mehrfach vertreten, auch mit Beiträgen, die gar nicht von ihm stammen. [Gemeint sind die ‚Zwei Novellen von Oscar Wilde’: ‚Die Orangenschale’ und ‚Old Bishop’s’ (Opale, Erster Halbband [Leipzig 1907], 172-181).] Ein Mann, der als gewiegter Juwelenkenner gelten will, sollte auch nicht zugeben, daß die Düsseldorfer Firma Schmitz & Olbertz das öde Machwerk Der Priester und der Ministrant in seiner Zeitschrift als ein Meisterwerk Oscar Wildes anpreist [Anzeige im Doppelheft 6/7 des Amethyst vom Mai / Juni 1906]. Genügt es nicht, daß ich in der Frankfurter Zeitung [vom 09.07.07, Zweites Morgenblatt] und in der Neuen Rundschau [nein, sondern im Literarischen Echo, Bd. 7, Nr. 14 (15.04.05), 990] erklärt habe, wer diese gräßliche Geschichte verbrochen hat?“ – Vgl. auch MMs Buchbesprechung vom 01.06.09.

nach oben

1909

Kurze Anzeigen: Dramatisches. LE, Bd. 11, Nr. 11 (1. März 1909), 813-814.
Percy Bysshe Shelley, Die Cenci. Übersetzt und mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen von Georg Hellmuth Neuendorff. Leipzig: Reclam 1907. – „Am 7. Mai 1886 fand, von der Shelley-Gesellschaft veranstaltet, vor geladenem Publikum die erste und einzige Aufführung der Cenci statt. Jetzt kommen gleich zwei Männer, die das Drama unsern Theaterleuten warm ans Herz legen: Stefan Zweig in der Schaubühne [3. Jg., Nr. 31, 01.08.07, S. 85-88] und Georg Hellmuth Neuendorff bei Reclam. ‚Man könnte es nur mit aufrichtiger Freude begrüßen, wenn sich, wie es schon [Adolf] Strodtmann [1829-1879] gewünscht hat [Shelleys ausgewählte Dichtungen, Teil 1, Hildburghausen 1866, S. 8], in Deutschland eine Bühnendirektion das Verdienst erwürbe, dies Meisterwerk dramatischer Kunst aufzuführen.’ Muß es sein? … Der Inzest wäre allerdings für den heutigen Geschmack beinah ein Empfehlungsgrund; aber ich kann nicht mit Zweig finden, daß hier ‚schauspielerisch ungeheure Möglichkeiten’ zu erschließen sind. Die Cenci würden auf der Bühne kaum anders wirken als ein Schauerstück von Webster. Bei Mimen und Zuschauern, denen Shelley ein bloßer Name ist, fielen die sprachlichen Schönheiten rettungslos unter die Rampen. Es ist doch wohl etwas ganz andres, ob man Shelleys ipsissima verba oder die recht brave Übertragung Neuendorffs zu hören bekommt. Shelley zählt zu den Künstlern, die eine religiöse Weihestimmung zu erzeugen vermögen; man erschauert andachtsvoll, wenn man gewisse Gedichte von ihm liest. Zu diesen rechne ich die Cenci freilich nicht – die dramatische Form hat einen robusteren Ausdruck bedingt –; aber es gibt Verse darin, etwa Beatricens Lied: ‚False friend, wilt thou smile or weep / When my life is laid asleep?’ – Verse, die man so wenig in deutscher Übersetzung hören möchte wie eines der letzten beethovenschen Quartette vom Orchestrion. Damit soll nichts gegen Neuendorffs Verdeutschung gesagt sein. Sie ist entschieden ebener als die bei Hendel [Halle 1904] erschienene von W. Oetzmann und für zwanzig Pfennig wirklich aller Ehren wert.“

Kurze Anzeigen: Literaturwissenschaftliches. LE, Bd. 11, Nr. 11 (1. März 1909), 816.
Viktorianische Dichtung. Eine Auswahl, herausgegeben und mit Bibliographien und literarhistorischen Einleitungen versehen von Otto Jiriczek. Heidelberg: Winter 1907. – „Eine ausgezeichnete Anthologie der viktorianischen Dichtung; ein Buch, das zweifellos seinen Weg machen wird und ihn zu machen verdient. Gleich geeignet für höhere Lehranstalten wie zum Privatstudium. Dem Kundigen eine erfreuliche Revue, dem Unkundigen ein nützlicher Ausblick. In seinen positiven Angaben von wissenschaftlicher Zuverlässigkeit, in seinen ästhetischen Einführungen von wohltuender Sachlichkeit des Urteils und künstlerischem Geschmack. Professor Jiriczek braucht sich keine ‚objektiven’ Hintertüren aufzulassen und kann es verschmähen, mit dem hohen Roß der ‚Wissenschaftlichkeit’ zu prunken: seine Wissenschaftlichkeit besteht nach guter, alter Sitte darin, daß er die Dinge wirklich weiß. Trotzdem sein Buch mit Zahlen und Tatsachen gespickt ist, wird man ihm schwer eine unrichtige nachweisen können. In seinen musterhaften Einleitungen befleißigt er sich eines knappen, sachlichen Tones, der auf Schritt und Tritt den gründlichen Kenner verrät. Er hält es nicht für unter seiner Würde, den Leser zu belehren, ohne je in üble Schulmeisterei zu verfallen; er schwelgt nicht in kritikloser Bewunderung der dargestellten Dichter. Die Auswahl, die er aus ihnen trifft, genügt der höchsten Forderung: sie weckt den Wunsch nach mehr. Wohl wird der oder jener das eine oder andre Gedicht vermissen, aber jede solche Sammlung weist vereinzelte Lücken auf (das liegt in der Natur einer Anthologie), ohne daß ihrer Vortrefflichkeit dadurch der geringste Abbruch geschähe. Das Buch kann allen, die sich mit der glorreichsten lyrischen Epoche englischer Poesie vertraut machen wollen, nicht warm genug empfohlen werden.“

Ein neuer deutscher Shakespeare. Die Zukunft (Berlin), 17. Jg., Bd. 67, Nr. 30 (24. April 1909), 128-132.
Shakespeare in deutscher Sprache, hrsg., zum Teil neu übersetzt von Friedrich Gundolf, Bd. 1 (Coriolanus,  Julius Caesar, Antonius und Cleopatra). Berlin: Bondi 1908. – „Seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts tobt der Kampf um die Übersetzung von Schlegel-Tieck, ein Meisterwerk sprachschöpferischer Begabung, das unseren dramatischen Vers beeinflußt hat wie vielleicht nur noch Goethes Iphigenie und Tasso, ‚Los von Schlegel!’ war mit einem Male die Parole im Philologenlager. Gegenüber den heftigen Angriffen der Revisionisten blieb die deutsche Shakespeare-Gesellschaft auf einem diplomatisch abwartenden Standpunkt: sie bezeichnete die Verbesserung des Textes als ein dankenswertes Privatunternehmen, konnte sich aber nicht dazu verstehen, die Arbeit eines einzelnen Mannes mit ihrem Namen zu decken. […] – Und nun kommt die Tat. Nicht aus dem Generalstab und zum Glück nicht von einem Nur-Philologen. Friedrich Gundolf, ein Jünger Stefan Georges, will der deutschen Nation einen neuen Shakespeare schenken. Der erste Band der im Ganzen auf zehn Bände berechneten Ausgabe ist bei Georg Bondi in Berlin erschienen. […] – Soll man nun Hosianna oder Pereat schreien? Vorläufig weder das eine noch das andere. Obwohl wir bis jetzt nur einen kleinen Bruchteil des Gesamtwerkes haben, stehen sich die Meinungen schon gegenüber wie Schwarz und Weiß. Julius Bab urteilt begeisterungstrunken: ‚Wenn das deutsche Volk noch in irgendeinem Grade ästhetische Lebensinteressen hat, so ist die Tat Friedrich Gundolfs ein Nationalereignis.’ Und der Shakespeare-Biograph Max J. Wolff verurteilt drakonisch: ‚Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan!’ Hyperbel rechts, Hyperbel links; die Wahrheit in der Mitten. – Gundolfs erster Band enthält die Römerdramen: Schlegels Julius Caesar überarbeitet, den Coriolanus und Antonius und Cleopatra völlig neu übersetzt. Daß Dorothea Tieck, die den Coriolanus, und Baudissin, der Antonius und Cleopatra übersetzt hat, ersetzt werden mußten, versteht sich von selbst. Sie waren allzu weit hinter Schlegel zurückgeblieben. […] Wenn Gundolf sie also in den Schatten stellte, so wäre das allein noch kein Grund, allzu viel Aufhebens von seiner Arbeit zu machen. Es wäre fast ein Kunststück gewesen, sie in unseren Tagen nicht zu überbieten. Daß er es so spielend leicht tat, ist zum großen Teil das Verdienst der deutschen Sprache, die heute über ganz andere Möglichkeiten des dramatischen Ausdrucks verfügt und die reichste Entwicklung aus der Sphäre des Abstrakten zum Konkreten hin durchgemacht hat. Heil dir, daß du ein Enkel bist! – Aber wie verhält sich der neue Mann zu Schlegel? Das muß den Ausschlag geben. ‚Schlegels Anteil durfte beibehalten werden. Er läßt sich wohl verbessern, aber nicht übertreffen!’ Gundolf will sagen: Schlegel läßt sich wohl in Einzelheiten verbessern, seine Gesamtleistung jedoch nicht übertreffen. […] – Gundolfs erstes Prinzip heißt: die Wörtlichkeit so viel wie irgend möglich zu wahren. ‚Es handelte sich darum, ganz einfach zu sagen, was dastand, nicht, was auch hätte dastehen können. Darum folgte ich Shakespeares Wort so treu, wie die deutsche Sprache überhaupt heute zuließ.’ Er hat Recht: von zwei inhaltlich und formal gleich guten Versionen verdient die wörtlichere immer den Vorzug, weil sie mehr vom Original gibt. […] – Dieses Prinzip der Wörtlichkeit setzt Gundolf ferner in den Stand, die Verszahl des Originals beizubehalten. Während Schlegel manchmal eine Zeile hinzufügen muß, um Shakespeares Fülle und Wucht einzufangen, kommt Gundolf mit der dem Original genau entsprechenden Verszahl aus; ja, er geht noch weiter: wo sich bei Shakespeare eine unvollständige Zeile findet, wird sie fragmentarisch übernommen. Selbst vor Härten und Unschönheiten schreckt der Moderne nicht zurück. […] Das an sich zu billigende Prinzip wird bisweilen übertrieben. – Ähnlich ergeht es ihm, wenn er um jeden Preis die Sinnlichkeit des englischen Ausdrucks retten möchte und mit einer Kühnheit nachbildet, die mitunter der deutschen Sprache Gewalt antut. Aber das sind vereinzelte Auswüchse, auf die man nicht allzu viel Gewicht legen soll in Anbetracht des dichterischen Ingeniums, das Gundolf bewährt. Gerade hier zeigt er sich oft von einer Treffsicherheit, die seiner Arbeit den Wert einer poetischen Neuschöpfung sichert und ihn weit über Schlegel erhebt. […] – Ich sagt’ es schon: Manchmal geht Gundolf zu weit; die Freude an der Kühnheit der Metapher verleitet ihn zu wahren Saltimortali des Ausdrucks […]. Dazu kommt, daß die Übersichtlichkeit für das Auge durch eine willkürliche, selbstherrliche Interpunktion überaus erschwert wird. Hier macht sich der Einfluß des Meisters Stefan George übel bemerkbar. Wir haben nun einmal im Deutschen eine logische und keine phonetische Interpunktion; und Aristokratenart, die sonst so streng auf Form hält, sollte sich nicht souverän oder nonchalant über die Toilette des Satzes hinwegsetzen. Auch nicht über die Formen der Satzzeichen. Der kleine senkrechte Strich, der als Komma im Druck verwendet wird, sieht aus, als ob er die Beine bis unter den Hals gezogen hätte. Fort mit solchem typographischen Schnickschnack! Führt eine vernünftige, die herkömmliche Interpunktion ein; sonst könnte euch ein Übelwollender nachsagen, ihr wolltet etwas Besonderes scheinen, weil ihr nichts Besonderes seid, und ihr habt es doch wahrhaftig nicht nötig, zu solchen Äußerlichkeiten eure Zuflucht zu nehmen. […] – Zuletzt, zu unliebst nicht sage ich also: Gundolf hat, mag man im einzelnen manches gegen ihn auf dem Herzen haben, schon durch diesen ersten Band bewiesen, wie heilig ernst er seine Aufgabe nimmt und hat sie zum Teil mit schönem Gelingen gelöst. Noch steht ihm Schwereres bevor (Hamlet, Romeo, Sommernachtstraum); mäßigt er aber weise seine allzu kühne Bildnerkraft, so wird er es zur Vollendung bringen. In diesem Sinn sei ihm und seinem wagemutigen Verleger ein herzliches Glückauf zugerufen.“

Briefe, Kalendernotizen und die vier Zeichnungen zu E. A. Poe. Von Aubrey Beardsley. München: Hans v. Weber 1908. LE, Bd. 11, Nr. 17 (1. Juni 1909), 1263.
„Vor vier Jahren sind in London Last Letters of Aubrey Beardsley erschienen, Briefe eines dem Tode Geweihten an zwei Priester, von denen er sich in den Schoß der katholischen Kirche – ‚halb zog sie ihn, halb sank er hin’ – locken ließ; ein seltsam ergreifendes Buch mit Ave atque Vale‑Stimmung, mit gefaßten Mollklängen: der Abschied eines vom Geradhalter der Religion gestützten Jünglings. [Die überwiegende Mehrzahl der in der Sammlung abgedruckten Briefe war an Beardsleys ‚Mentor’ André Raffalovich (1864-1934) gerichtet, einen wohlhabenden tiefreligiösen Katholiken russisch-jüdischer Herkunft; der zweite Adressat war John Gray (1866-1934), ein enger Freund Raffalovichs und Herausgeber der Briefe. Nur Gray war Priester.] Trotz der in Deutschland noch immer nicht verebbenden Beardsley-Begeisterung blieb das Buch unbeachtet. Statt dessen gibt man uns jetzt die Briefe an den Verleger Leonard Smithers, die auch nicht einen neuen Zug dem Bilde des Künstlers hinzufügen, es sei denn die (für einen Engländer keineswegs alltägliche) Ungeniertheit, mit der er von seiner auf die Zerebralsphäre beschränkten Sinnlichkeit spricht. Dort ein liebevolles Verweilen bei dem wichtigsten Ereignis seines Lebens; hier ein im Depeschenstil gehaltenes Bulletin: ‚Je suis Catholique.’ In seiner Wortkargheit ist es bezeichnend für die ganze, literarisch wie menschlich gleich unergiebige Sammlung. In der Hauptsache sind es geschäftliche Mitteilungen: Quittungen über empfangene Honorare, Anweisungen, wie seine Zeichnungen reproduziert werden sollen u. dgl. Manches wirkt so lächerlich unbedeutend, daß man fast bei Michelangelo sich besinnen würde, es zu drucken. Andres erhält einen gewissen sekundären Reiz durch den frühen Tod des Schreibers; aber schließlich weckt jeder Schwindsüchtige, auch wenn er nicht Aubrey Beardsley heißt, Mitleid. Die Dürftigkeit des Inhalts hat den Verleger nicht geschreckt, für eine so splendide Ausstattung zu sorgen, wie sie gegenwärtig zum guten Ton gehört. Und der Wiener ‚Kunstfreund und Künsteförderer’ Fritz Waerndorfer [1868-1939], der Besitzer der Briefe, hat sie selbst übertragen mit Verzicht auf Anmerkungen, was mir nicht ratsam erscheint, obwohl er die beiden Male, wo er sich zu einer Note bequemt, mit der Chronologie auf Kriegsfuß steht. ‚In art whatever is worth doing at all is worth doing well.’ [John Griffiths Wainewright, zitiert von Oscar Wilde in ‚Pen, Pencil and Poison’].“

Whistlers Whims. Kunst und Künstler, Bd. 7, Nr. 9 (Juni 1909), 418-419.
James McNeill Whistler, The Gentle Art of Making Enemies, übers. von Margarete Mauthner unter dem Titel Die artige Kunst sich Feinde zu machen. Berlin: Bruno Cassirer 1909. – „Emerson schrieb über die Tür seiner Bibliothek das Wort whim [Emersons Essay Self-Reliance (1841) zufolge, zitiert von Oscar Wilde in ‚The Decay of Lying’]; es steht über James McNeill Whistlers Buche The Gentle Art of making Enemies [1890; 1892], das Frau Margarete Mauthner unter dem Titel Die artige Kunst sich Feinde zu machen mit Mannesmut und artigem Gelingen verdeutscht und Bruno Cassirer in der aparten Ausstattung des Originals verlegt hat. Katapult und Konfektschale in süßer Eintracht könnten den Deckel des kapriziösen Werkes zieren, der Rostand’sche Vers: ‚Il ouvre son esprit comme une bonnière’ [L’Aiglon, II. iv] ihm als Motto vorangehen. Es ist eine Kritik der Kritik in einer merkwürdigen Mischung galliger und gallischer Elemente. – Wie kam der pfauenhaft eitle, frauenhaft empfindliche Amerikaner dazu, statt gute Bilder zu malen, seinen Kritikern die Leviten zu lesen? John Ruskin (Slade-Professor!) hatte ihn heftig angerempelt: hatte ihn Hans-Wurst genannt und von Gassenjungen-Frechheit gesprochen [1877 in Fors Clavigera, zitiert von Whistler]. Er fühlte sich mit Recht beleidigt, klagte und erlebte die klägliche Genugtuung, daß sein Gegner [1878] zu der niedrigsten Geldstrafe, einem Farthing oder 21/12 Pfennig Schadenersatz verurteilt wurde. Mehr Farce als Farthing. – Ein trister Triumph! Dafür soll die ganze Bande büßen. Habt ihr mich mit Peitschen gezüchtigt, so will ich euch mit – Nadeln ritzen. Facit indignatio … Randglossen. Tom Taylor [Kunstkritiker der Times (1817-1880), der im Prozeß als Zeuge für Ruskin aufgetreten war] hat nicht unrecht: dies Pamphlet ist eine sehr natürliche, wenn auch nicht sehr gescheite Folge der peinlichen Erfahrungen, die Whistler vor Gericht gemacht hat. [Taylors Bemerkung findet sich in seiner Stellungnahme vom Jan. 1879 zu Whistlers ‚Pamphlet’ Kunst und Kunstkritiker (Dez. 1878): beides ist in Whistlers Buch abgedruckt.] Wie [Hermann] Sudermann über die Roheit [Verrohung in der Theaterkritik: zeitgemäße Betrachtungen (1902)], klagt er über die Torheit seiner Kritiker. Sie seien kein notwendiges, sondern ein ganz überflüssiges Übel, in jedem Falle aber ein Übel. Nur ein Künstler könne ein kompetenter Kunstkritiker sein. – Eine hypersensible Künstlerseele windet sich unter jeder ungünstigen Besprechung wie unter der Bastonade. Sie schreit nicht nach Leinwand, um die Verkleinerer durch große Leistungen mundtot zu machen, sondern nach Papier, um sie in all ihrer Kleinheit dem verdienten Gespött preiszugeben. Sie schreit vor Schmerzen, aber sie macht sich Luft in Scherzen. Das ist das Besondere an dem Buche Whistlers: kein heiliger Zorn flammt auf, sondern es wird ein Brillantfeuerwerk von Witzen abgebrannt. Statt eines grämlichen Grimms zeigt er nur lächelnde Grazie. Er haut nicht mit Dreschflegeln um sich, sondern spritzt Gifttröpfchen aus. Schere und Kleistertopf her! Butterfly-Whistler flicht (um den englischen Ausdruck zu übernehmen) einen Schmetterling aufs Rad. Er legt sich fein säuberlich ein Herbarium der Dummheit seiner Kritiker an. Sie werden gepreßt, etikettiert, glossiert. Kommen sie in den Glaskasten, so sitzt er allerdings im Glashaus. – Dieser Teil des Buches mit seiner rein persönlichen Polemik ist doch schon ein wenig verblaßt. Er verlangt genaueste Personalkenntnis, und die können wir in partibus unmöglich besitzen. Manches fällt unter den Tisch. Anmerkungen durften jedoch nur sparsam beigegeben werden, weil sie den Charakter der Schrift zerstört hätten. Eine Bosheit mit Kommentar ist ein Tanzbär an der Kette. – Das Prunkstück des Bandes bleibt der berühmte ‚Ten o’clock’-Vortrag [vom 20.02.1885]. ‚A miniature Mephistopheles mocking the majority’ [Oscar Wilde in seiner Rezension vom 21.02.1885] ergreift das Wort; ein ‚Meister der Badinage und Apostel der Persiflage’ [das Pall Mall Gazette vom 11.06.1888, von Whistler zitiert] macht sich einen Jux mit dem Publikum. Neue Aufschlüsse dürfen wir heute natürlich nicht mehr von ihm erwarten. Was er mit ernster Miene verkündet, ist uns in Fleisch und Blut übergegangen; zudem steht es in den Aufzeichnungen der französischen Impressionisten, in George Moores theoretischen Schriften teilweise noch schärfer formuliert. Aber das schmälert nicht Whistlers Verdienst, daß er Dinge gesagt hat, die für den modernen Maler geradezu eine Lebensbedingung sind. Gesagt hat in einem Lande, das – wie Robert Burns einmal mit gerechtem Ärger schrieb – von einem Dichter ebensoviel weiß wie von einem Rhinozeros und von einem Dichter unendlich viel mehr weiß als von einem Maler. [Anspielung auf Burns’ Brief vom 09.09.1788 an den Graveur John Beugo, in dem Burns von seinen Landsleuten sagte: ‚As for the muses, they have as much an idea of a rhinoceros as of a poet.’] Alle seine Ausführungen kreisen um den Fundamentalsatz: ‚Wenn das Publikum überhaupt Sinn für die Malerei hätte, so müßte es wissen, daß ein Bild sein eignes Verdienst hat und nicht auf dramatisches, anekdotisches oder lokales Interesse angewiesen ist’ [World, 22.05.1878; in Whistlers Buch zitiert]. Auch hier verleugnet sich der Blagueur nicht. Mancher Satz in seiner paradoxen Zuspitzung will als amerikanischer Bluff genommen sein, und die Neigung, den Bourgeois vor den Kopf zu stoßen, ist unverkennbar. Immerhin, die Ausfälle werden von den Einfällen paralysiert. Der Stil hat eine wahre Tänzergeschmeidigkeit, und man kann ‚die leichte und glitzernde Barke dieses glänzenden Laien der Schreiberkunst’, wie Swinburne ihn nannte [‚Mr Whistler’s Lecture on Art’, Fortnightly Review, (Juni 1888); von Whistler in seinem Buch zitiert], anmutig dahingleiten sehn.“

nach oben

1910

Der neue deutsche Shakespeare. Die Zukunft [Berlin], Bd. 70, Nr. 25 (19. März 1910), 390-396.
Shakespeare in deutscher Sprache, hrsg., zum Teil neu übersetzt von Friedrich Gundolf, Bd. 2 (Romeo und Julia, Der Kaufmann von Venedig, Othello). – „Friedrich Gundolfs Arbeit nimmt einen erfreulich schnellen Fortgang. Schon nach wenigen Monaten liegt der zweite Band seiner Shakespeare-Übersetzung vor. […] Wir sind jetzt also in der Lage, unser Urteil eingehender zu begründen, die Hoffnungen und Befürchtungen, die wir an den ersten Band knüpften, durch weitere Belege zu stärken. [Vgl. die Besprechung oben vom 24.04.09.] Was sogleich geschehen soll. Freilich: so unbequem und zeitraubend die Arbeit des Nachprüfens war, wir halten sie für verlorene Liebesmüh und erwarten kaum einen Erfolg davon. Denn aus Gundolfs ganzem Gebaren spricht ein unerschütterliches Selbstvertrauen, eine solche bis zum Hochmut gesteigerte Sicherheit, daß er, die Stimme des wohlmeinenden Mahners überhörend, den einmal gewählten Weg unbeirrt bis ans Ziel gehen wird. Gewiß, er hat allen Grund, sich schon jetzt des Geleisteten zu freuen; aber wenn er es für ein Absolutes, ein Unvergleichliches, einen Gipfel hält, so ist das ein Wahn; und es wäre schlimmerer Wahn, ihn in solchem Glauben zu bestärken. – […] Derselbe Dichter, der dem Blankvers die Hilfe des Ohres nicht immer geliehen hat, unterzieht die Reime Schlegels einer gründlichen Revision, ‚da sie dem heutigen Ohr nicht mehr genügen’. Kaum ein Reim Schlegels, zumal kein weiblicher, der fast überall durch einen männlichen ersetzt ist, hat Gnade vor Gundolfs Augen gefunden; und hier kann ihm allerdings nicht die höchste Anerkennung versagt werden. Selbst im Kaufmann von Venedig, den Gundolf als eine Meisterleistung Schlegels anspricht und daher nur wenigen und geringfügigen Änderungen unterwirft, sind die gereimten Stellen erfolgreich verbessert. […] Ganz Außerordentliches hat der Neue zum Teil in Romeo und Julia geleistet. Überall hält Gundolf den Vergleich mit Schlegel aus, ja, er überragt ihn mitunter beträchtlich. – […] Die Unklarheit beschränkt sich bei Gundolf nicht auf Witzworte oder dergleichen Hindernisse, sondern erstreckt sich leider vielfach auf Metaphern, sogar auf ganz simple Stellen. Er glaubt, ihrer mit seinem Prinzip der Wörtlichkeit Herr zu werden; und merkt nicht, daß die Sprachgewalt in Sprachvergewaltigung ausartet. Während Schlegel und Baudissin jedem sofort verständlich sind, weil sie sich zu bescheiden wissen, muß man für Gundolfs Lesart den englischen Text befragen, um hinter den Sinn der Stelle zu kommen. Shakespeare ist verständlich; Gundolf gibt Rätsel auf. […] Wo Shakespeare einem Publikum von Droschkenkutschern einleuchtet, verblüfft sein jüngster deutscher Dolmetsch noch eine Gemeinde von Linguisten. […] – Aber alle diese Ausstellungen (und die Reihe ließe sich erklecklich verlängern) sollen und wollen nicht Gundolfs Verdienste leugnen oder den Glauben an das hohe Gesamtniveau seiner Leistung erschüttern. Schließlich sind es kleine Versehen, die sich später einmal tilgen lassen und im Fortschritt der Arbeit vermieden werden könnten, wenn Gundolf nicht in seine Idiotismen verliebt wäre. Weniger leicht läßt sich die Sprechbarkeit des Verses einrenken. Das ist nun freilich ein schwereres Gebrechen, ich fürchte fast: eine unheilbare Krankheit.[…] – Doch wenn alles gegen Gundolf gesagt ist, bleibt sein Werk in diesen Tagen, da Trauerklöße wie Trebitsch, Grossisten wie Greve und Blagueurs wie Blei an der Arbeit sind, eine Leistung, die in der Literatur fortleben wird.“

Shaws Apostel. LE, Bd. 12, Nr. 13 (1. April 1910), 930-934.
Julius Bab [Berliner Theaterkritiker, wichtigster Mitarbeiter von Siegfried Jacobsohns Schaubühne (1880-1955)], Bernard Shaw, Berlin: S. Fischer 1910, 453 S. – „Zuerst kam Holbrook Jackson [1907]; nach Jackson kam Gilbert Keith Chesterton [1909]; nach Chesterton kam Julius Bab. Nach zwei Engländern ein Deutscher. [Hinsichtlich Holbrook Jacksons Shaw-Biographie s. MMs Besprechung in der NR vom Februar 1908.] – Zuerst ein tiefer stehender; dann ein auf gleicher Stufe stehender; jetzt – ein höher stehender? … einer, der ein bißchen prätendiert, höher zu stehen. ‚Als eine Waffe zu seiner reineren Erfüllung hat heute mein Wille das Phänomen Shaw ergriffen – nun habe, halte und nütze ich ihn, wie dieser Shaw etwa den Schopenhauer und Marx, den Wagner und Ibsen ergriff.’ [13] Dem Shaw sind ‚alle Dinge, Gedanken und Gefühle, Wissenschaften und Künste’ [11] nur Mittel zum Zweck; dem Bab aber ist der Shaw nur Mittel zum Zweck. Shaw also hat etwelche geistige Granden verschlungen; Bab jedoch hat den Shaw verspeist. Das ist der Kreislauf der Welt: Kronos stürzt den Uranos; Zeus entthront den Kronos. Der mythologische Logos. An seinem Ende steht (vorläufig) Julius Bab. […] – Jackson war der anspruchsloseste; er gab Tatsachen, von dem Biographierten wohl ein wenig zugestutzt, für den Leser aufgeputzt, die man nicht blind zu glauben braucht. Für Chesterton war Shaw im Grunde nur ein Vorwand, seinen Witz an ihm zu wetzen. Er setzt sich immer ins Licht, wenn er einen andern beleuchtet; ihm kommt es auf den Darsteller mindestens ebenso an wie auf den Dargestellten. Aber – innere Rechtfertigung seiner Methode – der Darsteller ist eine phosphoreszierende Persönlichkeit. Für Bab wird Shaw das Fundament, auf dem, das Material, mit dem, und das Gerüst, an dem er seine Weltanschauung baut. (Wo bleibt die Wetterfahne?) Er entdeckt sein neuprotestantisches Herz; verkündet eine werktätige Religion, deren Prophet Bernard Shaw heißt. – Unter seinem Ornat trägt Bab sämtliche Philosophiesysteme, und seine Predigt prunkt mit dem Universalwissen aller Zeiten. ‚Als bekannt vorausgesetzt muß werden (wenn nicht eine Kulturgeschichte ab ovo gegeben werden soll) die Summe des bis vor etwa dreißig Jahren (da Shaws Wirksamkeit und mein Leben begann) geförderten Lebens, des Lebens, das vorgefunden und weitergebildet wurde.’ [18] Wer so anspruchsvoll ist, will mit gleichem Maße gemessen sein. Ihm soll sein Recht werden. ● Diese ideale Forderung Babs an den Leser deckt sich übrigens mit der idealen Forderung Shaws an seinen Biographen. Er erzählte einmal, daß ein Amerikaner die Absicht gehabt habe, einen Artikel über G.B.S. für ein Tageblatt zu schreiben; während der Vorarbeiten habe er eingesehen, daß er seinen Gegenstand unmöglich in einer an chronischem Raummangel leidenden Zeitung erschöpfen könne, und deshalb beschlossen, ihm zwanzig Seiten in einer Monatsschrift zu widmen; doch auch dies erschien ihm so wenig ausreichend, daß er ein Buch von zweihundert Seiten plante; aber nun fingen die Schwierigkeiten erst an: denn es leuchtete ihm ein, daß man zwanzig Bände über Shaw schreiben müsse: in den ersten neunzehn Bänden habe man das Geistesleben der zivilisierten Welt zu behandeln, bis man endlich im zwanzigsten zu dem prominentesten Vertreter des zwanzigsten Jahrhunderts vordringen könne. [Diese Anekdote findet sich bereits in MMs Rezension von Holbrook Jacksons Shaw-Biographie.] – Es sind zwar nicht ganz zwanzig Bände bei Bab geworden, aber ein starker Band von 453 Seiten. Und doch urteilt Bab über die Komödie Mensch und Übermensch, die im Original nur 244 Seiten zählt: ‚Das riesige Buch … verstimmte durch seinen Umfang und seine zweifellose Weitschweifigkeit.’ [38] Er darf sich nicht wundern, daß wir ihm das Kompliment zurückgeben. Es scheint verfrüht, über Bernard Shaw, an dem alles noch oszilliert, heute schon das letzte Wort sprechen zu wollen – falls man nicht zufällig der Ansicht eines ausgezeichneten Iren [nicht identifiziert] beipflichtet, Shaw habe alle –ismen der Welt mitgemacht und sei doch stets der Shaw im Jägerhemd geblieben. [Der Ausdruck ‚Jägerhemd’ spielt an auf die Reformkleidung von Gustav Jäger (1832-1917), die in England durch Shaw populär wurde.] Einen so lebendigen Lebenden, der mit und durch Überraschungen groß geworden, der heute widerrufen könnte, was er gestern gesagt, mit leidenschaftlicher Gründlichkeit festlegen, heißt: ihn beinahe schon zu den Toten werfen. Eine Monographie von solchem Umfang, die nebenher wohl auch etwas Propaganda machen soll, ist eher dazu angetan, Leser zu schrecken als zu locken. Und der Umfang hat die ‚zweifellose Weitschweifigkeit’ auf dem Gewissen. Bab verlangt alles von dem Leser – nur nicht ein gutes Gedächtnis; sonst würde er nicht, zumal in den Anfangskapiteln, so vieles mit denselben Worten rekapitulieren, als hielte er eine Leichenrede erster Klasse. ● Darunter hat der Stil gelitten. Bab schreibt gut, sofern es ihm gelingt, seine Gedanken mit der nötigen Klarheit zum Ausdruck zu bringen. Er hat Enthusiasmus und Widerspruchsfreude, mit einem Wort: Temperament. Aber das Streben nach der nötigen Knappheit scheint ihm unbekannt. Es ist ihm gar nicht darum zu tun, etwas höchst prägnant zu sagen, unter vielen Möglichkeiten des Ausdrucks die schlagendste zu wählen; sondern er gibt häufig, wie der von ihm gehänselte Professor Alfred Klaar [(1848-1927) Dozent für deutsche Literatur und Theaterreferent der Vossischen Zeitung], ‚Zimt mit Gesichtspunkt’. [Auf S. 42 nennt Bab Klaar abfällig einen ‚typischen deutschen Bourgeois’.] Und doch ist Kürze nicht nur des Witzes Seele, ‚the soul of wit’ – brevity is the soul of writ! Das hätte Bab von Alfred Kerr lernen sollen, dessen sensualistische Ansichten er bei jeder Gelegenheit hartnäckig bekämpft. Ein Satz von Kerr wie dieser: ‚Shaw hat weniger die Güte für die Enterbten als den Groll wider die Bevorzugten’ [‚Korrekturbogen über Shaw’ (01.01.08), rpt. in Die Welt im Drama (1917), Bd. 2, S. 35] ist wertvoller als seitenlange sozialistische Ausführungen von Bab. Warum? Weil Kerr mit einem sicheren Schlag den Nagel auf den Kopf trifft, während Bab um das Loch herum hämmert; weil Kerr das Richtige in denkbarster Zuspitzung bietet (die Mühe des Formens ist überwunden), während Bab, den Handwerkskasten vor uns auskramend, mit dumpfer Wucht breit schlägt. Es kommt hinzu, daß seine Sätze – hier mehr als in den gehaltvollen Betrachtungen des Kritikers der Schaubühne – mit philosophischer Terminologie gespickt sind. Wenn auch den einfachsten Dingen ein gelehrtes Mäntelchen umgehängt wird, fühlt man sich an die Habilitationsschrift eines Privatdozenten der Philosophie erinnert. Dadurch erhält das Buch bei aller Vehemenz eine gewisse Unsinnlichkeit des Ausdrucks, die sich gelegentlich zu einem so peinvollen Bilde versteigt wie: ‚Die Aufführung löste kritische Stimmen aus.’ [25] (‚Auslösen’ an sich ist schlimm genug; ‚Stimmen auslösen’ ist fürchterlich.) ● Doch ein Privatdozent der Philosophie hätte auf die Schreibung der englischen Worte größere Sorgfalt verwendet, hätte nicht geduldet, daß etwa der Name Lickcheese [in Widowers’ Houses] in drei Formen begegnet. Ein Privatdozent der Philosophie, dem der Grundsatz sine ira et studio schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, hätte von ‚Shaws Ankunft in Deutschland’ [Kap. I] nicht eine so parteiische Darstellung gegeben. Ein Privatdozent der Philosophie wäre vor allem nicht dem klassischen Shaw-Dolmetsch [Siegfried Trebitsch] kritiklos gefolgt. So sind in der prachtvollen Stelle über den Engländer (aus dem Man of Destiny) nicht weniger als vier Übersetzungsfehler verewigt worden; so ist in einem Zitat aus Major Barbara blühender Blödsinn stehen geblieben: ‚Es gibt weder gute Menschen noch Schurken; es sind alle[s] Kinder eines Vaters; und je schneller sie aufhören, sich durch Beiworte unterscheiden zu wollen (soll heißen: einander zu beschimpfen), desto besser.’ [416] Die kleinste Schauspielerin in Düsseldorf weiß heute, daß in den deutschen Shaw-Ausgaben nicht selten genau das Gegenteil von dem steht, was im Original zu lesen ist; der große Herr Bab will es offenbar nicht wissen, denn er verschmäht es, den richtigen Wortlaut der Zitate zu fixieren, und treibt – um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen – log-rolling. Zweimal nämlich hebt er die große Energie des klassischen Shaw-Dolmetschs rühmend hervor [25, 37]; im stillen denkt die kleine Schauspielerin aus Düsseldorf, ob er sich durch etwas anderes nicht namhafter gemacht haben sollte. Was würde Herr Bab wohl dazu sagen, wenn er in einer Schrift über Lessing den Satz fände: der Pastor Samuel Gotthold Lange [1711-81] hat den Horaz [in seinen Horazischen Oden (1747)] ‚mit bemerkenswerter Energie’ eingedeutscht? [Lange war die Zielscheibe von Lessings Spott im Vademecum für den Herrn S. G. Lange (1754).] Während er sich hier also jedes Urteils begibt, kann er es sich nicht versagen, den Titel Der Amateursozialist, der nicht von dem klassischen Shaw-Dolmetsch herrührt, als eine falsche deutsche Übersetzung anzumerken [142]. (Hält er etwa den Titel Der Teufelskerl [The Devil’s Disciple] für richtig? Er verschweigt es uns.) Log-rolling! – Es gibt nur eine Erklärung: Bab versteht überhaupt kein Englisch. Nun kann ein Deutscher heute gewiß ein Buch über Shakespeare oder Byron schreiben, ohne je eine Zeile von ihnen im Original gelesen zu haben; aber er kann heute kein Buch über Shaw schreiben, ohne in jedem einzelnen Falle auf das Original zurückzugreifen, sonst muß er darauf gefaßt sein, daß wir vieles, was er aus seiner falschen Vorlage folgert, anzweifeln. ● Auch in der englischen Literatur, die dem Iren immerhin einiges mitgegeben, hat Bab noch nicht das Bürgerrecht erworben. Sie wird – mit einziger Ausnahme des zeitgenössischen Oscar Wilde – recht spärlich herangezogen. Den Namen Samuel Butler zum Beispiel, dem Shaw eingestandenermaßen viel verdankt (man kann sich jetzt über ihn bei Leon Kellner flüchtig orientieren [Die englische Literatur im Zeitalter der Königin Victoria (1909), 8], wird man im ganzen Buche vergeblich suchen; gemeint ist natürlich der Verfasser [1835-1902] von Erewhon und The Way of the [All] Flesh, nicht der Hudibras-Dichter [1613-80], was natürlich den klassischen Shaw-Interpreten bewog, die beiden durch Jahrhunderte getrennten Namensvettern zu vermengen. Ich möchte durchaus nicht den Anschein erwecken, als legte ich übermäßiges Gewicht auf das Entlehnte; aber man sollte es kennen, schon aus dem Grunde, weil sich nur so das Originale feststellen läßt. ● Unter solchen Umständen war es ein Gebot der Klugheit, daß Bab auf das ‚Dogma der Wissenschaftlichkeit’ [15] verzichtete. Vor der Wissenschaft wiegt sein Werk federleicht – wenigstens vor der literarhistorischen. Ob auch vor der nationalökonomischen, entzieht sich meinem Laienurteil. Persönlich fühle ich mich gerade diesen Partien seines Buches verbunden; ich habe viel aus ihnen gelernt und bestätige ihm das gerne, wenn ich auch seine kühne Behauptung: ‚Wer ein Ding so sieht, muß bald alle so sehen’ [15] unmöglich unterschreiben kann; darauf gibt es nur die eine Antwort: Gott sei Dank, nein! ● Nun trifft es sich günstig, daß Bab nicht den Komödienschreiber, sondern den Fabier Shaw in den Mittelpunkt seines Werkes rückt und ihm die Palme reicht. – Den Künstler läßt er nur mit starken Einschränkungen gelten. ‚Nicht im Grunde, aber letzten Endes, auf den Höhepunkten seines Pathos ist Bernard Shaw ein Dichter.’ [400] Jeder, der Marchbanks und Keegan und Dubedat [in Candida, John Bull’s Other Island und The Doctor’s Dilemma] – die drei künstlerischsten Gestalten seines poetischen Schaffens – bewundert, wird Bab darin zustimmen und es ihm als Verdienst anrechnen, daß ihn die liebevolle Beschäftigung mit seinem Gegenstande nicht, wie es schon so manchem Biographen ergangen ist, in eine kritiklose Schwärmerei hineingetrieben hat. Er scheidet sehr scharf und fein zwischen Dichter und Schriftsteller – eine Wesensdivergenz, der er eine subtile Abhandlung widmet – und kommt zu dem einwandfreien Ergebnis, daß Shaws Schriftstellerpathos nur vereinzelt die Intensität erreicht hat, ‚in der es dichterisches Leben vortäuscht’ [351]. Gerade augenblicklich hat sich, wie Bab betont, die ‚Kurve’ seines Schaffens ziemlich weit von künstlerischer Höhe entfernt [293]: der Debatter führt das Wort, der uferlose talker hat die Schleusen seiner Beredsamkeit geöffnet (wehe, wenn sie losgelassen), und das rein äußerlich durch die Einheit des Ortes und der Zeit zusammengehaltene Drama ist zur Diskussion entartet. Im ganzen fühlt sich Bab dem Dichter zu wahlverwandt, als daß er den Journalisten Shaw, ‚vielleicht den größten seit Voltaire’ [434], für einen großen Dichter ausgeben könnte; im einzelnen findet sich hier aber doch manches überschwengliche Urteil, so wenn Major Barbara für Shaws geistig reichstes Werk [377] oder die faden Späße der ‚Zeitungsausschnitte’ für das beste aktuelle Witzblatt erklärt werden, ‚das die letzte Periode hervorgebracht hat’ [392]. ● Höher durchaus steht ihm der Sozialpolitiker. Er verkennt nicht, daß Shaw ‚das ernsteste Denken, die beste Arbeitskraft, die meiste Zeit seines bisherigen Lebens an das soziale Problem gewendet hat’ [144], daß hier seines Wesens Wurzeln haften. Seine politische, nicht seine ästhetische Wirksamkeit gilt ihm als ‚die reinste, die organischste in seiner reichen Natur’ [198]. Der Kern des Shaw’schen Lebenswerkes liegt in der Praxis: seine Tätigkeit als Gesellschaftsreformer, als Agitator will Bab als den Generalnenner seiner Existenz aufgefaßt wissen. Alle Ausstrahlungen dieser vornehmlich auf das Praktische gerichteten Energie führt er auf ihr Puritanertum zurück. In diesem erblickt er ‚die einzige lebendige protestantische Religion’ [69] – die einzige, die noch wahrhaft religiöses Empfinden nährt. Vermöge ihrer ausgesprochen antiphilosophischen Veranlagung sollen die Engländer mit ihrer resoluten Sachlichkeit imstande gewesen sein, ‚die erdnächste und tatbefreundetste Form der Religion’ [98] auszubilden und damit den Grundstein zu Englands Größe zu legen. Von diesem aktivierten Glauben erhofft Bab den ‚wissenden Narren’ [451] (gemeint ist wohl der wissende Tor, im Gegensatz zu Wagners ‚reinem Toren’ [Parsifal]), die Sehnsucht der modernen Zeit. Aber indem er einen solchen Hymnus auf das Puritanertum singt, scheint er zu vergessen, daß es auf geistigem oder doch auf künstlerischem Gebiet für England ungefähr die gleiche Bedeutung hatte, wie der Dreißigjährige Krieg für Deutschland auf materiellem Gebiet. Noch heute leidet die Insel unter seinen Nachwirkungen, und die verdammte sittliche Heuchelei, die in England den Menschen das Leben verbittert und jeder freien künstlerischen Regung den Garaus zu machen droht, ist ein Erbteil aus jener Zeit, das die Gegenwart mit Grauen betrachtet. – Aus dem Puritanertum abstrahiert Bab das Lebensziel Bernard Shaws: ‚auf der ganz wachen, durchdringenden Bewußtheit des Iren die ganze Welt englischer Sicherheit und Schaffenslust neu zu gründen, neu zu gründen auf die Terminologie eines erweiterten und erneuten Protestantismus’ [110]. Der theoretische Fabier wird (nach Bab) zum Verkünder einer Lehre, die nach der völligen Versöhnung von Religion und Wirklichkeit trachtet. Sein Reich also ist von dieser Welt; und das Gottvertrauen des ‚tattrunkenen Neuprotestanten’ [427] liegt in seiner Hingabe an die Lebenskraft. ‚Bernard Shaw zeigt wieder die Möglichkeit eines politischen Menschen von religiösem Grundtrieb. Das ist seine europäische Bedeutung.’ [408] Sind etwa Bismarck und Gladstone nicht politische Menschen von religiösem Grundtrieb gewesen? Mir will es scheinen, als habe Shaw selbst, ein Anhänger der eugenics – nicht umsonst nennt er seine harmonischste Figur daher Eugen [Eugene Marchbanks] –, mit der Züchtung des poet-philosopher eine höhere Staffel erklommen. Und wichtiger als eine Religion, wie immer sie heißen möge, mit Ethik dünkt mich die Überwindung der Religionen durch Ethik: durch anständige Gesinnung, durch freies Menschentum. – Während Bab dem Bühnenschriftsteller gegenüber seine völlige Unabhängigkeit und Unbefangenheit zu wahren weiß, läßt er sich von dem puritanischen Prediger, dem sozialistischen Ethiker einfangen und streut selbst das Babtisten-Evangelium aus. Der geistvolle Darsteller wird zum begeisterten Jünger. Das eine muß ihm zugestanden werden: daß er den Meister an Inbrunst übertrifft. Aber diesem wäre gewiß vor einem Proselyten bange, dem das unheilige Lachen fremd ist.“ ●●● Angesichts einer solchen Philippika verwundert es nicht, daß sich der also Verdammte im Heft 15 des LE (01.05.10, 1127-29) zur Wehr setzte: „Dr. Max Meyerfelds Aufsatz ‚Shaws Apostel’ (Heft 13) veranlaßt mich zu einigen Berichtigungen formaler Natur, wie sie vor das Forum korrekter Literaturhistorie gehören, vor das der Kritiker mein Werk Bernard Shaw zitiert hat: ● 1. Gestattet es mir der literarische Anstand so wenig als der allgemein menschliche, einen Unschuldigen für mich leiden zu lassen – selbst wenn dieser Unschuldige ‚nur’ der von Dr. Max Meyerfeld so völlig verworfene Siegfried Trebitsch ist. Jener ‚blühende Blödsinn’, den ich nämlich nach Meyerfeld blind von Trebitsch übernommen habe, steht – das hätte der Advokat philologischer Gewissenhaftigkeit doch erst nachprüfen sollen! – gar nicht bei Trebitsch. Vielmehr habe ich hier, wie an mancher anderen Stelle, die vorliegende Übersetzung abgeändert, soweit es mir nach Studium des englischen Originals ratsam schien. Daß meine eigene Kenntnis des Englischen dazu nicht ausreicht, gestehe ich gerne zu; doch habe ich das ganze Material mit sehr kundigen Freunden (englische Sprachlehrer, gerichtlich vereidigte englische Dolmetscher und geborene Engländer, Herr Dr. Meyerfeld!) durchgearbeitet. Wie hätte ich auch anders mir den Stoff aneignen sollen, da Shaws Werk zu einem sehr großen und mir besonders wichtigen Teile überhaupt noch nicht übersetzt ist. – Was nun die von Dr. Meyerfeld mit so wenig Glück zitierte Stelle aus Major Barbara anlangt, so war ich sehr wohl unterrichtet, daß ‚stop calling one another names’ im Sprachgebrauch des Alltags einfach ‚aufhören, einander zu beschimpfen’ heißt. Mir schien aber hier der unverschliffene wörtliche Sinn ‚sich bei Namen rufen’ sehr wesentlich vorzuklingen, weil hier der Heilsarmee-Major in puritanischer Terminologie spricht, die nicht nur gegen unanständiges Benehmen, sondern zugleich gegen Ungleichheit überhaupt, gegen jede (durch die ‚Namen’ repräsentierte) Individuation unter Kindern eines Vaters protestiert. Deshalb verwarf ich Meyerfelds so naheliegende Übersetzung ebenso bewußt wie Trebitschs besseres ‚sich mit Namen belegen’, und glaubte den theologischen Sinn des Satzes am besten zu treffen durch ‚sich durch Beiworte unterscheiden wollen’. – Dr. Max Meyerfeld kann natürlich nach wie vor meine Übersetzung für falsch erklären, aber er wird zurücknehmen müssen, daß ich kritiklos einer ‚falschen Vorlage’ gefolgt bin. ● 2. Wie vereint es Dr. Max Meyerfeld mit dem Gebot literarhistorischer Gewissenhaftigkeit, wenn er den ‚wissenden Narren’, von dem auf meiner Schlußseite die Rede ist, als eine ausgerutschte Parallele zu Wagners ‚reinem Toren’ hinstellt? Durch Shaws ganzes Werk und mein ganzes Buch geht die Wendung von ‚Narren’ als den wahren Weisen; das ist geradezu Shaws geistiges wie stilistisches Leitmotiv. Aber von allem anderen abgesehen: auf der Titelseite meines Buches steht als Motto die Stelle aus Major Barbara, von der mein Satz auf der letzten Seite eine ganz eng angelehnte Variation ist. [„Aber ich staune: Kann ein Narr Kanonen machen?“ – „Wer denn sonst, wenn nicht ein Narr?“] Hätte die Leidenschaft, über meine Leiche hinweg Siegfried Trebitsch noch einmal zu töten, Herrn Dr. Max Meyerfeld nur ein klein wenig wohlwollendes Aufmerken übrig gelassen, so hätte er kaum diesen nächstliegenden Zusammenhang verfehlen und mir eine so läppische Entgleisung unterstellen können. ● 3. Dr. Meyerfeld hält meiner Weitschweifigkeit als Muster den so trefflich pointierten Satz Alfred Kerrs vor: ‚Shaw hat weniger die Güte für die Enterbten als den Groll wider die Bevorzugten.’ Dieser trefflich pointierte Satz scheint mir, wie die vortrefflich pointierten Sätze Alfred Kerrs häufig, nur leider das wirkliche Verhältnis auf den Kopf zu stellen. Es steht Dr. Meyerfeld natürlich frei, Kerr recht zu geben und mir unrecht; aber wie er diesen Satz als die bessere Konzentrierung meiner nur zu weitschweifig vorgetragenen Ideen hinstellen kann, bleibt mir unverständlich: mein Buch hat beinahe nur ein Ziel: den Unsinn dieses Satzes zu beweisen, klarzustellen, daß Shaws Kritik nicht aus Groll, Skepsis und Nihilismus, sondern aus einem tief religiösen Pflichtgefühl erwachsen ist. Wenn meinem Kritiker dieser Unterschied immer noch nicht klar ist, so scheinen die Dinge, für die ich zu seinem Bedauern so viel Atem gebrauchte, doch eben nicht ‚die einfachsten’ zu sein.“ ●●● Damit war die Sache aber keineswegs ausgestanden; denn auf Babs Verteidigung folgte stehenden Fußes die ‚Entgegnung’ Meyerfelds (Sp. 1129): „Punkt 1 ist, was der Berliner ‚Quatsch mit Sauce’ nennt. ‚The sooner they stop calling one another names’ heißt: je eher sie aufhören, einander zu beschimpfen. Nichts, gar nichts andres. Der Hinweis auf puritanische Terminologie ist nur durch die Unkenntnis des Englischen zu entschuldigen. – Mir war, von der Aufführung Major Barbaras her, im Gedächtnis geblieben, daß diese Stelle von dem klassischen Shaw-Dolmetsch gröblich mißverstanden worden war. Da Herr Bab sich sonst nicht scheut, Stellen von 22 und gar 25 Druckzeilen mit allen ihren Fehlern (trotzdem er eine Kompanie von Helfern hatte – help yourselves, helpers!) wortwörtlich den deutschen Ausgaben nachzuschreiben, wie ich durch eingehende Vergleichung festgestellt habe, hielt ich es nicht für nötig, diese vier Zeilen noch einmal nachzuschlagen. Ich wußte mit absoluter Sicherheit, daß sie unrichtig wiedergegeben waren. Ich halte also nach wie vor Herrn Babs Übersetzung sowohl wie die des klassischen Shaw-Dolmetschs für falsch – sie sind es! – und wiederhole nachdrücklich die Behauptung, daß Herr Bab häufig kritiklos einer falschen Vorlage gefolgt ist. – Dagegen konstatiere ich gern, daß Herr Bab den klassischen Shaw-Dolmetsch menschlich in Schutz nimmt (‚wir halten fest und treu zusammen’), literarisch aber desavouiert. – 2. Der ‚wissende Narr’ ist letzten Endes doch wohl auch auf eine falsche deutsche Übertragung zurückzuführen. Wann endlich wird Shaw aus dem Österreichischen [– Trebitsch war Österreicher –] und Babylonischen ins Deutsche übertragen werden? – Mit wohlwollendem Aufmerken hat dieser Punkt nicht das geringste zu tun. Wenn sich Herr Bab die Mühe genommen hätte, meine Kritik aufmerksam zu lesen, so hätte er herausfinden müssen, daß sie mit Wohlwollen wattiert ist, wozu allerdings bei einem recht mittelmäßigen Buche keine zwingende Veranlassung vorlag. – 3. Selbstverständlich hat der aus einem Aufsatz Alfred Kerrs angeführte Satz keine primäre inhaltliche Übereinstimmung mit den von Herrn Bab vorgetragenen Ideen. Ich betonte, daß mir dieser Satz in seiner Prägnanz wichtiger, und ließ durchblicken, daß er mir nebenher auch richtiger erscheine als Herrn Babs weitschweifiges Gerede. Sein treues Puritanergemüt empfindet nicht, daß in dem funkelnden Iren der Kämpfer stärker ausgeprägt ist als der Helfer; und sein Stil hat zu Shaws wetterleuchtendem und wetterwendischem Naturell weniger Beziehungen als zu – ‚Zimt mit Gesichtspunkt’.“ ●●● Julius Bab hat sich auf MMs ‚Entgegnung’ hin nicht weiter geäußert. Aber es scheint doch, als habe er Meyerfelds Kritik nicht einfach abgeschüttelt, sondern habe ihr – wenn auch nicht zugegebenermaßen – Rechnung getragen, als er 1926 eine erweiterte und revidierte Fassung seiner Shaw-Biographie herausbrachte. Bezeichnenderweise heißt es dort nämlich im Vorwort: „Die Welt und die Weltgeltung Bernard Shaws haben sich […] während der Lebensdauer dieses Buches gewaltig verändert. Und wenn es nun in neuer Gestalt hervortritt, um den Autor bei Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres zu grüßen, so sieht es sich vor einer vielfach neuen Aufgabe. Es gilt nicht nur all das nachzutragen, was von diesem rastlos tätigen Manne in den letzten fünfzehn Jahren geschaffen worden ist; es kann und muß auch sehr vieles weggelassen werden, was damals zur Einführung Shaws noch nötig schien und was heute völlig entbehrlich scheint. Was in Sonderheit ‚Shaws Ankunft in Deutschland’ betrifft, der damals ein besonderes Kapitel gewidmet wurde, so ist der lange Weg von jenem Zeitpunkt, als Siegfried Trebitsch für Shaws erste Werke in Deutschland vergeblich eine Bühne und ein Theater suchte, bis zu dem Welterfolg der Heiligen Johanna interessant genug. Aber das ist eigentlich ein Kapitel der deutschen Kulturgeschichte, aus dem wir über das Wesen Bernard Shaws sehr wenig Neues erfahren, und es kann deshalb wegbleiben. – Damals hatte der Verfasser noch das Bedürfnis, seine Meinung gegen die der anderen kriegerisch auszuspielen. Heute genügt es ihm, einfach auszusprechen, was er sieht. Denn dies muß nebenbei bemerkt werden, daß nicht nur die Welt und Bernard Shaw, sondern auch der Schreiber dieser Zeilen fünfzehn Jahre älter geworden ist. Und das hat im wesentlichen die Folge, daß es ihm heute keineswegs mehr so wichtig ist wie damals, die Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken und die Selbstverständlichkeit zu verkünden, daß er die Welt nur so darzustellen gedenkt, wie seine Augen sie sehen. Vor dem dreißigsten Jahre darf man vielleicht noch glauben, es käme darauf an, die Welt zu gestalten, indem man ihr sein Ich einflößt. Mit fünfundvierzig muß man wissen, daß es darauf ankommt, ein Ich zu gestalten, dadurch, daß man möglichst viel Welt in sich aufnimmt; und man muß wissen, daß sonderbarerweise nur ein Ich, das willig wächst, keines, das wütend will, zu irgendeiner Macht über die Welt berufen ist. – So war von dem alten Buche die Einleitung hinfällig geworden, und in seiner gesamten Tonart war vielerlei umzustimmen. […].“ (7-9)

Literary Reviews and Criticisms. LE, Bd. 12, Nr. 21/22 (1.  August 1910), 1621.
Eine Aufsatzsammlung, erschienen 1908, von Prosser Hall Frye (1866-1934). – „Dreizehn Aufsätze sind in dem Buche vereinigt. Sieben gehören der französischen Literatur an: die über Balzac, George Sand, Zola, Maupassant, Corneille, Anatole France, Sainte-Beuve; sechs der englischen und amerikanischen: über das elisabethanische Sonett, Dryden, Swift, Hardy, Hawthorne und Emerson. Es sind Essais, die jeder amerikanischen Zeitschrift zur Zierde gereichen: sie fassen geschickt zusammen, worauf es ankommt, verraten eine gediegene Bildung und wissen, über das Stoffliche hinaus, fruchtbare Fragen zu stellen. Bisweilen sind sie dem Verfasser nur ein ‚peg’ für seine eigenen Ansichten, die immer von scharfem Denken zeugen. An feinen Bemerkungen fehlt es im einzelnen nicht.“

Shakespeare-Nachdichtungen. LE, Bd. 12, Nr. 23 (1. September 1910), 1657-1666.
Shakespeare in deutscher Sprache, herausgegeben und zum Teil neu übersetzt von Friedrich Gundolf (Bd. 1-4); Shakespeare Sonnette [sic], Umdichtung von Stefan George; Shakespeares Sonette, übertragen von Eduard Saenger. – Zu Gundolfs Dramen-Ausgabe: „[…] Wie Gundolf der deutschen Sprache verbunden ist, nennt er mit besondrer Anerkennung einen teuren Namen: den Stefan Georges. ‚Seine Übersetzungen aus sechs Sprachen sind vorbildlich durch ihre dichterisch-deutsche Gewalt wie durch ihre ehrfürchtige Treue gegen die Urbilder. Ich nenne diesen Namen hier zum Dank, weil mir ohne Georges Beispiel Mut und Möglichkeit einer Neuübertragung Shakespeares gefehlt hätte. […]’ Ich kann nicht finden, daß aus der Wolke des Meisters einzig Segen auf den Jünger herabgeträufelt ist. Er hat ihm leider auch manche Eigenwilligkeit abgeguckt, die das Verständnis seiner Arbeit nicht fördert. Zwar macht er die Marotte der Minuskeln nicht mit, aber er interpungiert durchaus nach der George-Weis. Gegen individuelle Interpunktion ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß man sich gewissen Grundregeln unterwirft. Im Deutschen herrscht nun einmal die logische Interpunktion. Sie mag etwas pedantisch erscheinen, hat aber auch ihr Gutes, sofern sie der Durchsichtigkeit des Satzgefüges zustatten kommt. Gundolf befleißigt sich, den Spuren des Meisters folgend, der phonetischen Interpunktion. Er setzt also da Kommata, wo eine Atempause, und verschmäht sie da, wo ein grammatischer Einschnitt kenntlich gemacht werden soll. Mich dünkt, die Übersichtlichkeit seines (nicht eben transluziden) Verses hätte entschieden gewonnen, wären Relativ- und daß-Sätze vom Hauptsatz markant getrennt worden. Solche selbstherrliche Äußerlichkeiten der Satztoilette muten an wie genialische, aber billige Künstlerschleifen. […] – An seinem bewunderten Vorbild rühmt Gundolf die ‚ehrfürchtige Treue gegen die Urbilder’. Sie ist gleichermaßen sein Leitstern. Wörtlichkeit innerhalb der Grenzen des fremden Idioms soll jedem Übersetzer als höchstes Prinzip vorschweben. Aber der Nachdruck darf nicht auf Wörtlichkeit ruhen, sondern auf dem einschränkenden Zusatz. Wörtlichkeit, die den Sprachkörper mißbraucht, ist Vergewaltigung und wohnt Tür an Tür mit dem Unsinn. Das Prinzip, als solches durchaus zu loben, ist bei Gundolf vielfach übertrieben. Er wird ein Fanatiker der Wörtlichkeit und knebelt mitunter die deutsche Sprache. […] – Auch formal stößt Gundolf den britischen Dramatiker zurück, indem er die Sprechbarkeit des Verses erschwert oder versehrt. Fragt den besten Sprechkünstler der deutschen Bühne, welche Zumutungen Gundolf an die Zunge stellt! Namentlich Coriolan und Othello sündigen in dieser Beziehung. Es ist kaum möglich, ein Dutzend Verse zu finden, die nicht durch nachschleppende Appositionen, auf Stelzen einhergehende Epitheta auch den Shakespeare-Kenner beirren und seinen Genuß beeinträchtigen. Hier, scheint mir, liegt das Hauptgebrechen der neuen Arbeit. Sie nimmt nicht genug auf die Bedürfnisse der modernen Bühne Rücksicht. Diese vollgepackten, überladenen Verse mit ihren verwegenen und entlegenen Vergleichen geben dem Hörer zu viel Rätsel auf. Shakespeare, der eminenteste Dramatiker, wird ins Buch zurückverwiesen, der Lektüre ausgeliefert. Wer den Dichter will verstehn, darf nicht ins Theater gehn. – Doch so mancherlei und so viel man gegen Friedrich Gundolf auf dem Herzen haben mag, das eine ist zu betonen: er strauchelt, nicht weil er nicht genug kann, sondern weil er zu viel will. […]“ – Zu Stefan Georges „Umdichtung“ von Shakespeares Sonetten: „Wenn es den Rezensenten nachginge, die sich bisher über Stefan Georges Bearbeitung der shakespeareschen Sonette (er schreibt affektiert: Sonnette) geäußert haben, so wäre sie als ein Nationalereignis zu betrachten. Die Mitglieder der Tafelrunde zu gegenseitiger Beweihräucherung wollen uns glauben machen, es hätte keine günstigere Verbindung stattfinden können als zwischen dem göttlichen William und Stefanus Optimus Maximus. In Wahrheit läßt sich kaum eine ungleichere Ehe denken. […] – Stefan Georges Umdichtungen der Shakespeare-Sonette sind zum großen Teil monströse Musik, man könnte auch sagen: bare Prosa; sind eins sicher nicht: deutsche Verse. […] Nein, deutsche Verse sind das nicht. Und das Original verhält sich inhaltlich zur Übertragung wie die Auflösung des Rätsels zum Rätsel. (Die umgekehrte Reihenfolge schiene sowohl logischer wie psychologischer.) Gewiß, Shakespeares Sonette bergen manches Geheimnis, und amusische Kommentatoren haben noch mehr hineingeheimnißt; aber man wird das Englische eindeutig finden neben dem kimmerischen Dunkel der georgeschen Verdeutschung. Ist, was er schreibt, überhaupt noch deutsch? […] Ist das deutsch oder botokudisch? Ich weiß es, offen gestanden, nicht. Ich weiß nur, daß man, um wissend zu werden, sich vom Orakel Georges zum Tabernakel Shakespeares wenden muß. […] – Und doch, wenn alles gegen George gesagt ist – niemand darf verkennen, daß seine Verirrungen, ähnlich wie bei Gundolf, einem zu hoch gespannten, einem überspannten Wollen entspringen. Er möchte, cäsarisch ausgedrückt, den Olymp versetzen. Möchte nicht ein Extrakt, sondern den Duft, nicht den Schatten eines Dinges, sondern die Idee selber geben. […]“ – Zu Eduard Saengers Sonetten-Übertragung: „Gegenüber solcher Hybris bedeutet Eduard Saengers Übertragung ein Verweilen auf dieser festen Erde. Er fliegt nicht; dafür stürzt er auch nicht ab. Er steigt nicht zu eisigen Gipfeln empor; dafür wirkt er auch nicht verstiegen. Er rüttelt nicht an den natürlichen Grenzen unsrer Sprache; dafür bleibt ihm der Vorwurf der Unnatur erspart. Er denkt den großen Gedanken dieser Schöpfung nicht von sich aus neu, denkt ihn nicht in neuer Fassung zu bieten, sondern ordnet sich als Letzter, nicht als Geringster dem Zuge jener wackern Männer ein, die mit Geschick und Geschmack ein seltenes Reis umzupflanzen bemüht waren. Er wurzelt in guter Tradition, sofern er deutsche Verse zu schreiben trachtet, und überwindet die Tradition nicht ganz, sofern er sich der ‚poetischen’ Diktion in die Arme wirft. […] Genug der Beispiele. Eduard Saengers Arbeit bleibt eine respektable Leistung ohne Georges titanische Vermessenheit und ohne seine orphische Besessenheit.“

nach oben

1911

Wenn man müßigen Gedanken nachhängt. LE, Bd. 13, Nr. 8 (15. Januar 1911), 607.
Jerome K. Jeromes Second Thoughts of an Idle Fellow in deutscher Übersetzung. – „Seit 1898 ist dieses gute Plauderbuch des englischen Humoristen bekannt. Wir haben wenig dergleichen. Vielleicht erfreut sich Jerome deshalb hierzulande einer Beliebtheit und einer literarischen Wertschätzung, die ihm von kompetenten heimischen Beurteilern abgesprochen wird. Immerhin: er versteht zu fabulieren, verfügt über Erfindungsgabe und Grazie, hat eine satirische Ader, ohne den Leser durch die Bitterkeit seiner Bemerkungen zu verletzen, und weiß alle Vorzüge geschickt zu mischen. Letzte Aufschlüsse will er nicht geben, darf man also auch nicht von ihm verlangen. Wer eine Reise tut, findet in einem Band Jerome immer einen unterhaltsamen Gesellschafter. – Der Übersetzer [G. Goldstein] hat sich bemüht, ein lesbares Deutsch zu schreiben.“

George Meredith. LE, Bd. 13, Nr. 13 (1. April 1911), 990-991.
Ernst Dick, George Meredith. Drei Versuche. – „Ursprünglich wollte der Verfasser nur eine Übersetzung des Essay on Comedy von George Meredith geben. Er hat dann dieser Sisyphusarbeit […] ein Kapitel über das Leben und die Werke des Dichters sowie eine Abhandlung über das komische Element bei Meredith vorausgeschickt. Auf diese Weise sind drei Abschnitte entstanden, die (sprachlich anfechtbar) als drei Versuche bezeichnet werden; es hätte vollkommen genügt, diese dreifache Betätigung einen Versuch zu nennen. – Ein Deutscher widmet dem im vorigen Jahre [1909] verstorbenen George Meredith ein Buch voll uneingeschränkter Liebe. Der erste Deutsche. Und er weiß, daß er sich in partibus befindet. Vielleicht erklärt das den allzu superlativistischen Ton. Dr. Dicks Bewunderung für den Menschen wie den Dichter ist gleich groß. ‚Seit Goethe dürfte unsere Welt keinen so vielseitigen und so prachtvoll gleichmäßig ausgebildeten Menschen gekannt haben wie Meredith’, urteilt er, ohne uns diese Vielseitigkeit veranschaulichen zu können. Den Dichter will er in einem Atemzug mit Ibsen und Tolstoi genannt wissen, was mir keine besonders glückliche Nebeneinanderstellung scheint. Er schätzt ihn höher als Wordsworth, Shelley, Keats, Byron, Tennyson, Browning, Rossetti und Swinburne (im Ernst!), was ich für eine recht unglückliche Nebeneinanderstellung und eine maßlose Übertreibung halte. ‚Balzac ist nirgends stärker, noch Flaubert überzeugender,’ ruft er ein andermal aus. Kurzum: Meredith, Meredith über alles, über alles in der Welt! – Und diese Liebe ergießt sich gleichmäßig auf alles, was Meredith hervorgebracht: er war ‚als Dichter gleich groß in der Poesie wie in der Prosa, in der Tragödie wie in der Komödie, in der Lyrik wie in der Epik’. Hier ist Dr. Dick noch bedingungsloser anerkennend als die enragiertesten englischen Meredithianer, die bald den Lyriker, bald den Romancier preisgeben. Er schreibt diesem eine Popularität zu, die er nie besessen hat und nie besitzen wird, wenn er von dem Roman Richard Feverel behauptet: ‚Die Hauptpersonen … sind beinahe so bekannt wie irgend vier Charaktere aus irgendeinem Drama Shakespeares.’ Vielleicht verdienten sie es; keineswegs sind sie es. Man merkt: die Liebe macht den Darsteller blind. Er sieht überhaupt nur Licht; und wenn er privatim den Schatten gesehn hat, verschweigt er ihn öffentlich. Soll man diese Methode züchten oder züchtigen? – Einmal heißt es von einem Roman, die Wirkung sei die, ‚daß man ihn mit Entzücken liest und dabei fast etwas müde wird, bevor das Ende erreicht ist’. Aber ist das wirklich eine Besonderheit gerade dieses Romans (Harry Richmond)? Gilt es nicht unterschiedslos von sämtlichen Romanen George Merediths, daß sie durch die irrlichtelierende Handlung, die gewundene Diktion, das Übermaß von Geist sehr stark ermüden? Er kann sich nimmer erschöpfen und leeren [Schiller, ‚Der Taucher’]; infolgedessen erschöpft er seine Leser. Was Dr. Dick für den Hauptvorzug hält: ‚daß der einzige wirklich Kompetente, der Dichter selber, die Glossen zu den Charakteren geschrieben hat’ – liegt nicht eben darin, in diesen unaufhörlichen, selbstgefälligen, strotzend pretiösen Reden, eine Hauptschwäche? Ist sie nicht dafür verantwortlich, daß Meredith, der bewußt an diesem Erbteil des englischen Romans festhielt, dem heutigen Geschlecht vielfach antiquiert erscheinen muß? – Doch man darf nicht in dem vorliegenden Buche eine Antwort auf diese Fragen suchen wollen. Nun ist es gewiß leichter, die Mängel als die Vorzüge bei dem Titaniden George Meredith zu sehn. Jede Leihbibliothekabonnentin wird sagen können, warum dieser komplizierte Engländer sie im Grunde kalt läßt; nicht einer von hundert Lesern wird anzugeben vermögen, worin seine Größe besteht. Daß Dr. Dick diese Größe absolut schlackenfrei sieht, verleiht seiner Schrift ihren Kuriositätsreiz; mehr kann ich ihr nicht zubilligen.“

Das Land der Sehnsucht. LE, Bd. 13, Nr. 19 (1. Juli 1911), 1415-1416.
William Butler Yeats, The Land of Heart’s Desire: Ein dramatisches Märchen in einem Aufzug […] Aus dem Irischen übertragen von Frieda Weekley und Ernst Leopold Stahl. (Englisches Theater in deutscher Übersetzung, hrsg. von Dr. Ernst Leopold Stahl). – „Aus dem Irischen? Mit demselben Recht könnte jemand, der Grillparzers Drama Ein treuer Diener seines Herrn überträgt, auf das Titelblatt setzen: ‚Aus dem Ungarischen’. Grillparzer wäre, wenn sich dieses Einteilungsprinzip nach dem Ort der Handlung einbürgern sollte, ferner noch aus dem Griechischen, dem Französischen, dem Spanischen, dem Hebräischen zu übersetzen, und es ergäbe sich der Begriff der Polyglotte des Schauplatzes. – Der erste Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus glaubte, seiner also etikettierten Verdeutschung ein Geleitwort ‚von dem modernen irischen Drama’ (Umfang 1½ Seiten) anhängen zu müssen. Darin bezeichnet er Shaw als den einzigen in Deutschland anerkannten Vertreter der modernen irischen Literatur; mit demselben Recht könnte jemand Herrn Franz Molnár den einzigen in Deutschland anerkannten Vertreter der modernen ungarischen Literatur nennen. Darin spricht er auch von Synges Legende Der heilige Brunnen: ‚Mystisch-maeterlinckisch beginnt es … Shawesk-grotesk geht es weiter’. Vier Epitheta – viermal daneben geschossen. Es trifft außerdem nicht zu, daß hier zum ersten Male eine deutsche Übertragung erscheine ‚von dem bedeutendsten der heutigen Iren mit Shaw, dem merkwürdigen W. B. Yeats’: Herr Professor Eduard Engel hat uns schon vor Jahren [1904], ohne Gegenliebe zu finden, für Countess Cathleen einzunehmen gesucht. Noch ‚merkwürdiger’ als der oben angeführte Satz ist dieser: ‚Von den anderen Männern und Frauen, die gleich Shaw darauf ausgehen, der der englischen gegenüber so selbständigen und so verschiedenen, der Einwirkung keltischen Einflusses noch stark unterworfenen Wesensart des Irländers auch in der Literatur Ausdruck zu geben’ usw. Alles, und noch einiges mehr, auf 1½ Seiten. – Zum Glück ist die Übersetzung besser. Sie läßt freilich die von William Archer den Versen nachgerühmte ‚murmuring, cooling melody’ weniger ahnen als die prosodischen Eigentümlichkeiten des Dichters. Während er sich aber gelegentlich nur einen trochäischen Fuß gestattet, unterbrechen die Nachdichter gleich durch ganze trochäische Zeilen das jambische Gefüge. – Und der Dramatiker Yeats? Hieße er Jehts, er wäre gewiß ein Hätschelhans der akademischen Theatervereine; er würde von Universitätsprofessoren umlärmt, von ihren Frauen angeschwärmt. Folklore in Dialogform bewegt mich nicht sonderlich, und lieber als ein Elementargeist wäre mir elementar oder Geist.“

Jahrbuch des Verbandes deutscher Schriftsteller in Amerika. LE, Bd.13, Nr. 20 (15. Juli 1911), 1492-1494.
Jahrbuch der „Association of German Authors in America“. – „Hätte sich hier ein Austauschprofessor oder ein Mitglied des Vereins zur Erhaltung des Deutschtums im Ausland oder ein Geheimer Kommerzienrat der Liga zur Erhaltung von Orden im Inland zu äußern: sie gäben gewiß ihrer vaterländischen Freude bewegten Ausdruck, daß sich im fernen Erdteil so viele Männer und Frauen deutscher Abkunft zu löblichem Tun versammelt haben, um, meist in poetischer Form, zu versichern, daß ihr deutsches Fühlen und Denken noch nicht erstorben ist. Allein die gute Gesinnung macht leider keine guten Verse, nicht einmal annehmbare Prosa, und der patriotische Brustton vermöchte den wild gewordenen Dilettantismus, der sich in diesem Jahrbuch austobt, nur in den Augen von Schützenbrüdern zu beschönigen. […] Mit Emphase, mit der zitternden Träne in der Stimme, wird die ‚Gefühlskiste’ aufgeklappt, und wir finden so beliebte Themen wie die goldene Jugendzeit, das treue Mutterherz, das traute Vaterhaus, die teure ferne Heimat, das hehre deutsche Lied in einer etwas ranzigen Sentimentalität behandelt. […] Blutiger Dilettantismus auf der ganzen Linie. Lyrische Scheidemünzen, die im Mutterlande kein Studentenalmanach auszugeben wagt. Klischees der Empfindung, denen jede begabte höhere Tochter in weitem Bogen auswiche. […] – Bis uns die Deutschamerikaner wieder ihre Aufwartung machen, haben sie hoffentlich eine Änderung unseres schmählichen Literaturvertrags mit den Vereinigten Staaten, die auf ihrem Programm steht, durchgesetzt; das wäre eine so verdienstliche Tat, daß wir dann noch geringere dichterische Spenden, ohne mit der Wimper zu zucken, hinnehmen würden.“

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll. LE, Bd. 14, Nr. 3 (1. November 1911), 216-218.
Maud Churton Braby, Modern Marriage and how to bear it [1908], ins Deutsche übersetzt [1910] von Clara Sokolowsky-Theumann. – „[…] Lange hält der witzige Umschlag den Betrachter fest. Dann stürzt man sich kopfüber in den Inhalt. Zweihundertneununddreißig Seiten ohne den Zusatz ‚und wie man sie ertragen soll’. Aber vielleicht kann sie wirklich nur ein Junggeselle ertragen, der sich an der Hand dieses Leitfadens (oder sollte man Leidfaden schreiben?) von einer wissenden Ariadne durch das Labyrinth eines Landes führen läßt, von des Bezirk so viele Wanderer zurückkehren. Von keiner Sachkenntnis getrübt (de cela au moins il est vierge), lauscht er den Lehren einer gescheiten Frau. Maud C. Braby [gest. 1932] unterweist ihn mit der Einsicht und Vorsicht einer Engländerin. Ehemänner würden wohl bald ihr Augurenlächeln aufsetzen und, der grauen Theorie überdrüssig, bei ihrer eigenen Frau Zuflucht suchen. Darum, scheint mir, ist der Hagestolz der ideale Leser dieses Kompendiums der modernen Ehe. – Kann er auch als kompetenter Beurteiler gelten? Die Ehehörigen werden ihn als krassen Außenseiter ablehnen; der Redakteur jedoch, der ihn mit arger List zur Besprechung dieser Schrift herangezogen hat, könnte ihnen erwidern, daß, hier wie überall, die gründlichste Information niemals die Intuition zu ersetzen vermag. Schließlich hat Strindberg, der immerhin einige praktische Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hat, nichts Wertvolleres oder Bleibenderes zu dem Thema Ehe geäußert als etwa der Apostel Paulus oder Schopenhauer, von denen der eine sich mit platonischer Liebe, der andere mit grimmigem Haß begnügte. Jeder Mann (und jede Frau) weiß gleich viel und gleich wenig über die Ehe. Ob er nun seine eiserne Hochzeit gefeiert hat; ob ihr das Hymen lieber war als der Gott Hymen: sie wissen, ‚daß wir nichts wissen können’. Und ihrer Eheweisheit letzter Schluß ist die schöne Redensart, mit der man in England jemand Mut zuspricht, sich in das Unabänderliche zu fügen: try to make the best of it. Mehr kann keiner sagen. Weder der Pastor, der am Eingang, noch der Jurist, der am Ausgang der Ehe steht – unsern Eingang segne Gott, unsern Ausgang gleichermaßen –; auch nicht der Arzt, der in ihrer Mitte seines Amtes waltet. Aber sie alle denken in wunderbarer Harmonie von diesem wundersamen Heiligen Marriage: s’il n’existait pas, il faudrait l’inventer .... – Mehr weiß auch Maud Braby nicht. Und wenn sie es weiß, sagt sie es nicht. Sie sagt z.B. mit keinem Wort, daß die meisten Ehen aus einem Punkte zu kurieren sind (der andere ist der Geldpunkt). Wie das Physiologische der Ehe überhaupt nur gestreift wird. Sie erwähnt mit keiner Silbe die für moderne Menschen wichtige Frage der getrennten Schlafzimmer, die Europens Tante Ellen mit Recht zu einer kardinalen Angelegenheit gemacht hat. Maud Braby ist keineswegs gouvernantenhaft zimperlich, aber sie schreibt eben doch für ein englisches Publikum, und das zwingt sie zur Reserve, wenn ihr Buch als Lehrmittel Eingang in die höheren Töchterpensionate finden soll. In seiner jetzigen Form kann es getrost jedem achtzehnjährigen Mädchen auf den Verlobungstisch gelegt werden – wenigstens in Deutschland. Bei uns sind die Achtzehnjährigen heute so aufgeklärt und so vorurteilslos, daß sie über manche Bemerkung dieser spezifisch englischen Schrift überlegen lächeln können. – Anderes wird ihnen, weil zu insular gefaßt, unfaßlich erscheinen. Wenn Fräulein Mieze Meyer liest, der Typus der geschlechtslosen Frauen sei in der Zunahme begriffen, so wird sie dankbaren Herzens konstatieren, daß sich ihre Landsmänninnen noch nicht zu dieser Höhe der Kultur aufgeschwungen haben. Wenn ihr die Engländerin einredet, das Heim sei der Ort, ‚wo es Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt’ [S. 31], wird ein abgeschiedenes englisches Landhaus vor ihrem geistigen Auge emporsteigen, aber schwerlich Mamas Schreibtisch, auf dem die Woche in splendid isolation prangt. Wäre es daher nicht zweckmäßiger, solche Bücher zu adaptieren statt wörtlich zu übersetzen (abgesehen davon, daß die Übersetzung besser sein dürfte)? Es handelt sich hier doch um kein Kunstwerk, dessen Lokalkolorit gewahrt bleiben muß, um keine statistische Broschüre, deren Zahlen wissenschaftlichen Wert beanspruchen können. – Sondern um die Erörterung der Doktorfrage, ‚wie man, obgleich verheiratet, glücklich werden kann’ [die Überschrift des Schlußteils des Buches; im übrigen war How to be Happy though Married der Titel eines Buches, das Oscar Wilde 1885 rezensierte, was bei Braby aber unerwähnt bleibt]; um allerlei probate Mittel aus der Hausapotheke einer klugen Frau; um Reformvorschläge, die totgeboren zur Welt kommen, solange die Kinder nicht aus der Welt zu schaffen sind; um eine harmlose Plauderei, von der so gut wie von der Ehe gilt: try to make the best of it.

nach oben

1912

John Keats, Gedichte. Übertragen von Gisela Etzel. […] Englische Dichter. Band I. In Übertragung von Alexander v. Bernus […]. LE, Bd. 14, Nr. 9 (1. Februar 1912), 653-654.
„Zwei Übersetzer werben gleichzeitig für Keats. Und doch gilt noch immer Schopenhauers Ausspruch: ‚Gedichte kann man nicht übersetzen, sondern bloß umdichten, welches allezeit mißlich ist.’ […] Die Auslassungen sind bei dem Flexionsreichtum der deutschen Sprache fast unvermeidlich, Zutaten selbst durch die Reimnot unentschuldbar. In beiden leistet Gisela Etzel ein Erkleckliches. […] Alexander v. Bernus geht mit dem Dichter glimpflicher um, aber nicht mit der deutschen Sprache. […] Doch man soll Nachdichtungen als Ganzes zu genießen suchen und auf einzelne menschliche Entgleisungen nicht allzuviel Gewicht legen. Handelte es sich nicht um die vollendetsten Gedichte der englischen Sprache, man müßte das Gute beider Mittler rückhaltlos anerkennen; aber das Ziel erreichen beide nicht – Gisela Etzel, weil sie dem Inhalt, Alexander v. Bernus, weil er der Form Gewalt antut.“

Die Sonette aus dem Portugiesischen und andere Gedichte. Von Elisabeth Barrett Browning. In deutscher Übertragung von Helene Scheu-Rieß. LE, Bd. 14, Nr. 12 (15. März 1912), 870.
„[…] Ein zwingender Grund für diese dritte Verdeutschung der Sonette aus dem Portugiesischen wäre nur darin zu erblicken, daß die Nachzüglerin ihre beiden Vorgänger [Marie Gothein (1903) und Rainer Maria Rilke (1908)] überträfe. Aber zur Höhe Marie Gotheins schwingt sie sich nicht immer auf; dafür steht sie allerdings weit über dem von Snobinski & Co. bewunderten Rilke. Hätten wir nicht schon die bessere Übersetzung, die jetzige verdiente reiches Lob. So fühlt man sich ein wenig an Mephistos Wort erinnert: ‚Weh dir, daß du ein Enkel bist!’ Immerhin bekundet sich poetisches Anpassungsvermögen und eine beträchtliche Formgewandtheit. Eine Nachdichtung wie etwa die des einundzwanzigsten Sonetts hat und behält ihren Sonderwert. Neben dem unvergleichlichen Wunder der Sonette verblassen die andern Gedichte. Das Wunder war für mich nicht, wie gut eine sozusagen unbekannte Frau, sondern wie schlecht der sozusagen nicht ganz unbekannte Rilke die Sache gemacht hat. Wenn ähnliches in seinen Originalstrophen stehen sollte, so begreift man wohl, warum Molluskeles und Waschlappski gegenüber diesen nicht selten poesieverlassenen Gebilden von einer neuen Wortkunst sprechen.“

Bayreuth. LE, Bd. 14, Nr. 15 (1. Mai 1912), 1088-1089.
Eine Sammlung von Zeitungsartikeln über Bayreuth von Anna Bahr-Mildenburg und Hermann Bahr. – „Herr und Frau Hermann Bahr haben neun Zeitungsaufsätze über Land und Leute von Bayreuth in einem handlichen Bändchen vereinigt, das die Parsifal-Pilger als amüsantesten Antibahrbahrus ihrem Reisegepäck einverleiben werden. Madame nimmt Frau Cosima, Siegfried und seine rechte Hand, den Kapellmeister Müller, vor. Monsieur schwelgt in Stimmungen; streift durch die Wälder, durch die Auen; ergründet, was deutsch und echt; treibt Publikumspsychologie; entdeckt ‚Snöbl’, eine Kreuzung von Berlin W und Wiener Schottenring (der Name ist mindestens so widerlich wie die Gattung); singt ein Preislied auf die Präzision der Arbeit und kann sich ‚das Dasein der Nation, ja der gesitteten Menschheit ohne Bayreuth nicht mehr denken’. Begeistert, wie er ist, verkündet er den Satz, Wagners Werk habe ‚den Menschen erst wieder die tragische Kunst gebracht, die seit der Griechen Zeit erloschen war’ (Shakespeare, der schlechtere Stücke schrieb als der Verfasser des Perfect Wagnerite [George Bernard Shaw (1898)] und des glorreichen Tänzchens [Hermann Bahr (1911)], zählt natürlich für Snöbl nicht, von Schiller ganz zu schweigen). Begeistert wie er für die Sache ist, spricht er mit höchster Unbefangenheit von der Mildenburg (ach! die Gattin ist’s, die teure). Für Herrn Snöbl vom Schottenring mag das ja einen pikanten Reiz haben: ‚nain, dieser Bahr – also was sich so ein Kinstler olles erlauben kann’; Frau Snöbl im Grunewald findet es aber in einem lichten Augenblick vielleicht weniger geschmackvoll … – Entwurzelte Zeitungsaufsätze werden selten besser. Unter dem Strich, zwischen Potsdamer Platz und Steglitz, zwischen schlecht geschriebenen Leitartikeln und gar nicht geschriebenen Lokalnotizen genossen, waren sie ergötzlich; im anspruchsvollen Sonderrahmen suchen sie vergeblich ein Separatdasein vorzutäuschen. Neun Blätter aus Bayreuth geben, selbst wenn man sie aneinanderreiht, noch kein Bild von Bayreuth. Wer sich überzeugen will, wie ein Schriftsteller flüchtige Impressionen durch die Kunst der Darstellung zu bleibender Existenz steigern kann, der lese in George Moores Hail and Farewell [1911] die Seiten über Bayreuth.“

Masters in Modern German Literature. LE, Bd. 14, Nr. 23 (1. September 1912), 1671.
Sechs Autorenporträts (Liliencron, Dehmel, Gerhart Hauptmann, Holz, Heinrich Mann, Thomas Mann) von Otto Eduard Lessing von der University of Illinois. – „Vermutlich ist ihm [dem Verf.] dieses Buch aus seinen Vorlesungen erwachsen. Es behandelt, nach einem orientierenden Aufsatz über die literarischen Strömungen der jüngsten Vergangenheit, sechs zeitgenössische ‚Meister’ oder, wie man jetzt mit einem Sportausdruck sagt, Kanonen. […] Am schärfsten geht Lessing wohl mit Hauptmann ins Gericht, über den er das zusammenfassende Urteil fällt: ‚Sein geistiger Horizont ist eng. Er ist in beschränktem Sinne der Dichter des sozialen Mitleids. … Innerhalb seines besonderen Bezirks ist er ein Meister, den wir lieben und schätzen. Als Weltdichter enttäuscht er bitter (exasperatingly disappointing).’ Am wohlwollendsten spricht sich Lessing wohl über Arno Holz aus, den er für den stärksten Künstler unter den Modernen erklärt und von dem es am Schluß des Essais heißt, er sei der Kleist unsrer Zeit. Liliencron und Dehmel werden durchaus sympathisch besprochen; Heinrich Mann wird sich der Anerkennung freuen, die seine novellistische Eigenart so früh in partibus findet. Hörer und Leser dürfen sich diesem Wegweiser in das Land der modernen deutschen Dichtung getrost anvertrauen.“

nach oben

1913

Der Junker von Ballantrae. LE, Bd. 15, Nr. 10 (15. Februar 1913), 723.
Robert Louis Stevensons The Master of Ballantrae in deutscher Übersetzung von Alphonse Neumann. – „Mit Robert Louis Stevenson werden deutsche Verleger schwerlich viel Seide spinnen – es sei denn, daß sie ihn als Jugendschriftsteller einschmuggeln. Tatsächlich kann dieser Roman virginibus puerisque unbedenklich auf den Weihnachtstisch gelegt werden. Er gehört zur Gattung der Indianergeschichte, der es um aufregende Vorkommnisse und spannenden Vortrag zu tun ist. Mut und Edelmut sind die stärksten Triebe in dieser enterotisierten Welt. (Der ‚Junker’ hat zwar ein Verhältnis mit einer Dirne, aber – o fürchtet nichts! – die ist immer betrunken und daher nicht zurechnungsfähig.) In England, wo die Freude an der story lebendig geblieben ist, weil das Lesepublikum sich seine Naivität zu wahren gewußt hat, konnte Stevenson zum Range eines Klassikers emporsteigen. Selbst Erwachsene lassen sich von den Schauern dieses epischen Kinomikrokosmos willig eine Gänsehaut über den Rücken rieseln, und die Anmut des Schriftstellers rechtfertigt einigermaßen solchen Umgang. Denn hinter oder sogar noch über dem poetischen Wert seiner Werke steht die Liebenswürdigkeit des Menschen, die für den fremden Leser als stimmungszeugendes Element leider fortfällt. Er wird den nächtlichen Zweikampf der feindlichen Brüder meisterhaft finden, sonst aber häufig an den Dramatiker Wildenbruch denken. Technisch scheint ihm die Erzählung dadurch unnötig erschwert, daß sie einem treuen Verwalter in den Mund gelegt wird. Das geht im einzelnen nicht ohne Gewaltsamkeiten ab, wenn auch die Spannung bis zum Schluß erhalten bleibt. Stevenson und Zentralheizung vertragen sich schlecht; man muß für ihn zum Kaminfeuer zurückkehren.“

Elisabeth und ihr deutscher Garten. LE, Bd. 15, Nr. 10 (15. Februar 1913), 723-724.
Elizabeth von Arnims Roman Elizabeth and Her German Garden [1898] in deutscher Übersetzung von Hedwig Deneke-Wächter. – „Nach Jahren liest man dieses erste, beste Buch der Gräfin Arnim wieder und staunt – ob der Blödigkeit des Zufalls, der solche aller Sensation, ja scheinbar aller Wirkung in die Ferne baren Aufzeichnungen halb beschaulicher, halb sanft satirischer Art, die im Preise des Landlebens gipfeln, einmal zum book of the season aufbauschen konnte. – Haben Bücher, nach dem Worte des verschollenen Terentianus Maurus, ihre Schicksale, so haftet an Modebüchern ein Fluch. Tausende und Abertausende verschlingen sie in kürzester Frist; verschlungen schon hat sie der schwarze Mund. Dem grellen Lichte eines Einjahrruhmes folgt die ewige Nacht der Vergessenheit. Denn der Orkus gibt seine Toten nicht heraus. Wer liest noch Schlager wie Jena oder Sedan? [von Franz Adam Beyerlein (1903)] und Götz Krafft [von Edward Stilgebauer (1904/05)], wer geblähten Schund wie das Tagebuch einer Verlorenen [von Margarete Böhme (1905)] und den Heiligen Skarabäus [von Else Jerusalem (1909)]? Bestenfalls fristen sie als Ladenhüter der Leihbibliotheken in der finstersten Provinz ihr verstaubtes Dasein. Nirgends ist die Sterblichkeit im ersten Jahre größer als auf dem Gebiete der Unterhaltungslektüre. – Elisabeth und ihr deutscher Garten konnte ein Modeerfolg nur in einem Lande werden, wo die Liebe zum Garten, zu Blumen, zur frischen Luft ein bis zum Sport gesteigertes Seelenbedürfnis ist. Viel mehr steckt nicht in dem Buche. Ein Mann des Zornes und drei fröhliche, nach dem Monat ihrer Geburt benamste Kinder beleben seine stillen Seiten. Ein Kutscher kündigt; aus England trifft eine mehr lästige als lustige, auf Notizenkram versessene Besucherin ein. Umsonst sucht man nach einer Spur von Handlung oder Charakteristik. Es ist nichts in dem Buche als der Duft des mit Leidenschaft gepflegten Gartens und die Melodie einer sinnierenden Frau. Elisabeth plaudert frisch, fromm, fröhlich, frei: eine Dame von Welt in der Wildnis, eine nach Deutschland verschlagene britische Aristokratin. Sie sagt, was ihr bei uns gefällt oder mißfällt. Gelegentlich kräuseln sich ihre Lippen zum Spott; bisweilen zieht ein leiser Schatten über ihre Stirn – aber alles ist in harmlose Heiterkeit getaucht. Ein Buch, das keinem Menschen weh tun kann. […]“

Ludwigs Wagner-Buch. LE, Bd. 15, Nr. 15 (1. Mai 1913), 1036-1038.
Emil Ludwig, Wagner oder die Entzauberten. – „Auch Richard Wagners Stündlein mußte kommen. Sein hundertster Geburtstag rückt heran; schon dröhnen die Drommeten der Zentenarfeier in unser Ohr. Da durfte die Stimme des Thersites im Jubelchore nicht fehlen. Kein schönes Fest ohne große Abrechnung; fragt sich nur, wer die Zeche zahlt! – Es ist nun einmal, scheint es, eine liebe Nationaleigenschaft der Deutschen, die Altäre, vor denen sie auf den Knien gelegen, nach einiger Zeit zu stürzen. Was gestern befehdet worden ist, heut anerkannt wird, findet morgen neue Widersacher. Und die Gegner von morgen haben vor den Gegnern von ehedem den Mangel an Leidenschaftlichkeit voraus. Das ist der Lauf der Welt und das Los des Großen auf der Erde oder wenigstens auf deutscher Erde. – Zum Glück können es die Großen vertragen. Ihr Nachruhm ist erst gesichert, wenn er stürmisch angezweifelt wird. Die Unsterblichkeitsaktien jedes Künstlers sind dem schwankenden Kurse der Zeiten ausgesetzt. Meistens wiederholt sich die gleiche Entwicklung: bei Lebzeiten stößt er anfänglich auf erbitterten Widerstand und dringt schließlich durch; bald nach seinem Hingang setzt die Reaktion ein. – Warum sollte Richard Wagner, der als Mensch wie als Künstler Angriffsflächen in Fülle bietet (auch der enragierteste Wagnerianer kann es nicht mehr leugnen) – warum sollte just er vor diesem Schicksal bewahrt bleiben? Aber er hat wirklich Glück, wie im Leben so im Sterben; denn das erste Buch, das nach seinem Tode über ihn herfällt, das ihn systematisch zu verkleinern sucht, ist in seiner ‚neidigen Niedertracht’ so maßlos und nebenbei so heiter ahnungslos, daß es ihm eher nützen als schaden wird. – Emil Ludwig glaubte eine Mission zu erfüllen. Die Abkehr von Wagner hat fraglos schon weite Kreise ergriffen; vor allem die Jugend, einst des Meisters treuester Schildknappe, weigert ihm heute vielfach die Gefolgschaft. Der Boden war also gelockert. Aber wenn man vergiftete Samenkörner ausstreut, darf man nicht nahrhafte Frucht erwarten. Statt die ‚in Suggestion Befangenen’ zu wecken, wird der Effekt dieses peinlich penetranten Buches ein Achselzucken oder ein Lächeln sein. Wagner vernichtete den Meyerbeer; Emil Ludwig zieht aus, den Wagner zu vernichten; that is the humour of it – oder soll man von irdischer Gerechtigkeit sprechen? – Im Menschlichen wie im Musikalischen schießt die Schrift bedenklich übers Ziel. Ludwig hätte rundheraus erklären dürfen: als Mensch war Wagner ein Ekel, wenn er auf jeder Seite betont hätte: eben ein Genie – ein Genie – ein Genie. Statt dessen legt er der Beurteilung des Menschen Wagner, den er als souveränen Regisseur gelten läßt, einen merkwürdigen Maßstab zugrunde. Er zählt die Schattenseiten im Wesen Wagners auf: wie egozentrisch er war; wie er alle Personen, mit denen er in Berührung kam, schnöde für seine Zwecke ausbeutete; wie schlecht er sich als Freund benahm; wie er nie den Dunstkreis des Schauspielers verließ und stets darauf aus war, sich in Szene zu setzen; wie der Wille zur Wirkung, einerlei mit welchen Mitteln, sein Leben beherrschte. Aus diesen und ähnlichen Zügen wird gefolgert, daß Wagner keiner von den ganz Großen gewesen sein könne, weil man bei ihnen seine Eigenschaften und Eigenheiten nicht finde. Das geht so weit, daß selbst Äußerlichkeiten wie seine Prunksucht, seine Vorliebe für schwelgerische Einrichtungen gegen ihn ausgeschlachtet werden. In der Art etwa: ‚Wagners Sinne mußten von außen angeregt werden; während man die Werkstatt großer Musiker meist anders schildern hört, geräuschlos, schlicht, zur inneren Sammlung ladend.’ Läßt sich ein universelleres Rezept des Trugschlusses denken? Danach könnte jemand argumentieren: Richard Strauß fährt gerne Automobil; Mozart hat nie in einem Kraftwagen, geschweige in seinem eigenen, gesessen; folglich ist Richard Strauß kein großer Musiker. – Man kann sich auch schwer eine ungerechtere und unrichtigere Würdigung des Musikers Richard Wagner vorstellen. Statt den Tristan als das Hauptwerk des Meisters in Anspruch zu nehmen und alle andern Tondramen irgendwie in Beziehung dazu zu setzen, eliminiert Ludwig den Tristan. Der Tristan ist und bleibt ein Wunder; der Tristan steht abseits als ein Ding sui generis; der Tristan ist die große Ausnahme, das einzige Mal, daß Wagner sozusagen seine Theorien nicht ad absurdum führte. Was ist das für eine seltsame Methode, das Hauptwerk eines Künstlers aus seinem oeuvre hinauszubugsieren, statt alle Wege bei ihm münden zu lassen! Es wäre nicht minder sophistisch, wollte einer den Faust aus der Totalität des Goetheschen Schaffens ausscheiden. Auch die Meistersinger – das zweite Mal, daß Wagner aus der Rolle fiel – wollen sich nicht recht in Ludwigs Widerlegungssystem einfügen und werden daher, aus Verlegenheit, mit Nebensätzen abgespeist. Vielleicht ist es besser so: denn wer Eva das typische Lustspielfigürchen nennt, ist ein Philosoph, wenn er schweigt. Wo Ludwig aber gar rein musikalische Werturteile fällt, kommt es ihm nicht auf eine Ungeheuerlichkeit an wie diese, die Götterdämmerung als eine wirkliche Oper im Verdi-Stile zu bezeichnen. (Was heißt Verdi-Stil? Ist der Stil des Falstaff nicht durch eine Welt vom Stil des Troubadour getrennt?) – […] Nur gegen Wagners Vergötterung, nicht zur Verneinung seines Genius wollte der in Bayreuther Tradition aufgewachsene Emil Ludwig zu Felde ziehen. Aber kein ehrlicher Haß hat ihm die Feder geführt, sondern eine fatale Sensationssucht. Nicht aus innerstem Drang wütet hier eine verwandte Natur gegen eine Sache (was nach Ludwig für Wagners Kampf gegen Meyerbeers Opern entscheidend gewesen sein soll). – Wenn es heißt, daß von den Jüngern eines Mannes Judas allemal seine Biographie schreibe [ein Epigramm Oscar Wildes], so hat dieses Buch höchstens Bartholomäus verfaßt, welcher – geschunden wurde.“

Frankenstein oder Der moderne Prometheus. LE, Bd. 15, Nr. 15 (1. Mai 1913), 1085.
Mary Shelleys Schauerroman in „berechtigter“ Übersetzung aus dem Englischen von Heinz Widtmann. – „Bis auf den Tag kennen wir das Entstehungsdatum dieses Geisterromans. Am 18. Juni 1816 war das Ehepaar Shelley bei Lord Byron, in dessen Villa Diodati am Genfer See, zu Besuch. Da das regnerische Wetter den Aufenthalt im Freien nicht ratsam erschienen ließ, blieb man bis spät in die Nacht hinein ums Kaminfeuer versammelt. Man vertrieb sich die Zeit mit der Lektüre deutscher Gespenstergeschichten und fühlte sich durch sie so angeregt, daß man es ihnen nachzutun beschloß. (Wir haben also hier in der englischen Literatur ein Seitenstück zu La cruche cassée [der Anregung zu Kleists Zerbrochenem Krug].) Shelley, dem die Idee zu einer Art Halluzination verhalf – alles Nähere steht in den landläufigen Biographien – Shelley gab, in richtiger Einschätzung seiner Kräfte, den Versuch bald auf. Byron, der das Gerüst seiner Erzählung schon fix und fertig im Kopfe trug, kam, seinem Temperament entsprechend, nicht über die Skizze Der Vampyr hinaus. Einzig Mrs. Shelley gelangte zum Ziel. Ihr Werk, später in Chamounix fortgesetzt, hieß Frankenstein oder Der moderne Prometheus. – Nachdem wir so der Literarhistorie unsere Reverenz erwiesen haben, dürfen wir ketzerisch modern sein und den Roman für ein primitives Beispiel der heute unendlich verfeinerten Gattung erklären. Dieser Alraunerich ist weit davon entfernt, uns das Fürchten zu lehren; wir fühlen uns eher geneigt, bisweilen über ihn zu lächeln. Manche seiner Taten sind auf eine recht rationalistische Weise motiviert, andre wiederum wollen durchaus als übernatürliche Vorgänge hingenommen sein. Daraus ergibt sich ein zwiespältiger Eindruck, über den der heutige Leser nicht leicht hinwegkommen wird. Doch sei anerkannt, daß die abenteuerreiche Geschichte bis zum Schluß spannend vorgetragen wird. – […] Der Verleger sucht auf dem Umschlag ziemlich plump den Anschein zu erwecken, als habe Shelley (dem die Vorrede zugeschrieben wird) den Roman verfaßt. Dichtende Ehepaare sind zwar nichts Seltenes, wohl aber die Gleichwertigkeit ihrer Leistungen; dafür sind mir außer den Brownings nur die Blüthgens [Victor und Klara Blüthgen] bekannt. Und wie kommt Herr Heinz Widtmann dazu, seine Übersetzung berechtigt zu nennen? 97 Jahre Schutzfrist – das ist mehr, als Hermann Bahr sich träumen läßt.“

Lord Chesterfields Briefe an seinen Sohn. LE, Bd. 15, Nr. 20 (15. Juli 1913), 1447-1448.
Eine Auswahl in zwei Bänden, hrsg. und eingeleitet von Hans Feigl. – „Prediger guter Lebensformen enden nicht selten als Prügelknaben von Leuten, die sich auf ihre schlechte Kinderstube etwas einbilden. Die mit dem dreifachen Erz des Jägerhemds bewaffnete Brust entrüstet sich über Schnallenschuhe und Spitzengilet. Der Knote lächelt über den Knigge. Das ist der Lauf der Welt ... – Auch Philip Dormer Stanhope, Earl of Chesterfield, ist vor solchem Schicksal nicht bewahrt geblieben. Seitdem Dr. Johnson ihm die Moral eines Höflings und die Manieren eines Tanzmeisters nachgesagt hat, haben ihn alle Flegel nach Herzenslust gedroschen. Trotzdem ist der englische Cortegiano erstaunlich frisch geblieben, und der Staub der Jahrhunderte hat seinem eleganten Stil wenig anzuhaben vermocht. Inhaltlich mutet natürlich manches recht sonderbar an: the glory of yesterday will be the infamy of tomorrow, könnte man ein bekanntes Wort variieren. Darüber wird sich also niemand wundern; wohl aber darüber, wie unglaublich modern Chesterfield in vielem ist. […] – Die Briefe beginnen an den siebenjährigen Knaben und erstrecken sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren. Sie heben in etwas schulmeisterlichem Tone an, gehen in den hofmeisterlichen über und werden gegen das Ende hin väterlich vertraut. ‚Mein lieber Freund’ lautet zum Schluß die Anrede. Gewiß sind die Briefe eines Dollarkönigs an seinen Sohn humaner – [Anspielung an den deutschen Titel von George Horace Lorimers Letters of a self-made merchant to his son (vgl. MMs Besprechung in der NZZ vom 08.12.03, Nr. 340, Morgenblatt)] –, aber man darf nicht verlangen, daß um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts schon die Seele des Kindes entdeckt war. Chesterfield verlangt von seinem Sprößling reiche Bildung, eine Bildung auf humanistischer Grundlage. Seine Parole hieß: Bücher und Welt. Sein Ideal war ein kultivierter Hedonismus. Ich kenne schlechtere. – Für den modernen Leser entbehren auch die Begleitumstände dieser weltmännisch pädagogischen Briefe nicht eines pikanten Reizes. An ihrem Eingang steht eine verführte Gouvernante, die der frivole Vater auf Grund einer renommistischen Wette zu kirren wußte; an ihrem Ausgang eine heimliche Witwe mit zwei Kindern, die der duckmäuserische Sohn hinterließ. Glänzender hat auch nicht Richard Feverel [in Merediths gleichnamigem Roman] das pedantische Erziehungssystem Sir Austins ad absurdum geführt. – Die mit gutem Geschmack ausgestattete, im typographischen Bild leicht altertümelnde Übersetzung erhöht den Genuß der Lektüre dieses Polonius in extenso.“

nach oben

1914

Spiel und Gegenspiel. LE, Bd. 16, Nr. 9 (1. Februar 1914), 652-653.
Eine deutsche Ausgabe von Kiplings Actions and Reactions. – „Nordlandreise. Natur-Dekorationen. Cook-Passagiere. Nach drei Tagen hat die Mehrzahl geistiges Schmollis getrunken. Irgendwo auf hoher See bricht man das Schweigen durch eine Unterhaltung mit einem Leutnant aus Karlsruhe. Er spricht Englisch fast ohne jeden Akzent […]. Bald bringt er mich auf die englische Literatur der Gegenwart. Der Leutnant bekennt seine Vorliebe für Kipling. […] Was er denn so unvergleichlich bewundernswert an seinem Idol finde? fragt man. Sehn Sie, antwortet er, Kipling ist für mich der einzige Dichter, der sehn kann. Der zu beobachten und das Beobachtete wiederzugeben weiß. […] Der Kerl hat Augen wie ein Raubtier oder ein Raubvogel. Damit durchdringt er das Universum. […] – An diese Unterredung mußte ich denken, als ich die sehr ungleichwertigen, in dem Bande Spiel und Gegenspiel vereinten Geschichten las. Ein junger Hamburger Kaufmann hatte mir vor Jahren ähnliches gesagt. Und als dritter im Bunde der Kipling-Enthusiasten sans phrase könnte der deutsche Kaiser genannt werden. Trotz so erlauchter Gesellschaft muß ich doch sagen: mais enfin, ce n’est pas mon genre. Und keiner kann aus seiner Haut. Optische Bereicherung ist gewiß etwas sehr Schönes; aber es gibt Werte, die mir näher liegen (woran vielleicht meine Kurzsichtigkeit, hoffentlich nur die physische, die Schuld trägt.) Wenn ich lese, soll mehr als meine Iris oder Epidermis in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich will etwas empfinden. Und wenn das nicht ist, gebe ich mich auch gern mit musikalischen Reizen zufrieden. Exotisches Milieu, Exaktheit der Beobachtung, moderne technische Errungenschaften, wenn nichts anderes hinzukommt, lassen mich kalt. Vor diesem schwachen Kipling bin ich ganz kalt geblieben […]. Nur eine Erzählung, die Hundegeschichte ‚Garm als Geisel’, hat mich tief ergriffen. Keiner kennt so die Tierseele wie Rudyard Kipling. Daneben ist selbst sein begabter Schüler Jack London ein Waisenknabe.“

Rosa die schöne Schutzmannsfrau. LE, Bd. 16, Nr. 10 (15. Februar 1914), 721.
Eine Sammlung von Grotesken von Mynona [Salomo Friedlaender]. – „Im Verlauf der hier gesammelten vierundvierzig Grotesken fühlt man sich etliche Male zu herzhaftem Lachen, noch öfter zu einem Lächeln veranlaßt. Nicht jedes fünfaktige Lustspiel kann sich dessen rühmen. Die durch wohltätige Kürze ausgezeichneten Schnurren halten etwa die Mitte zwischen Bierulk und Kabarettfrozzelei. Ist es schon Blödsinn, so hat er doch helle Augenblicke. Zwar birgt sich hinter diesen Gesichtsverzerrungen und Gliederverrenkungen am geistigen Trapez selten eine tiefere Bedeutung, aber die possierlichen Purzelbäume wirken durch zeitgenössische Anspielungen oder Anrempelungen manchmal pikant. In dem heillosen Gemenge von Vernunft und Widersinn ist die Aktualität nicht die schlechteste Zutat.“

Flowers from the Fatherland. LE, Bd. 16, Nr. 15 (1. Mai 1914), 1078-1079.
Eine Anthologie deutscher Lyrik, ins Englische übersetzt von A. M. Everest. – „Schon der Titel dieser, hundertzwei Übersetzungen deutscher Gedichte umfassenden Blumenlese ist mir, offen gestanden, zu blumig; auch hat das Wort ‚Fatherland’ einen leise ironischen Beiklang. Never mind! – Wer da weiß, daß – in der Sprache des Titels zu reden – die Umpflanzung eines lyrischen Gedichts in fremden Boden alle Schaltjahre einmal gelingt; daß die Reimnot häufig groteske Zusätze, Umschreibungen, Paraphrasen gebiert; daß es nicht leicht ist, den Inhalt von Versen unverfälscht wiederzugeben, sehr schwer, ihren Rhythmus, ihre Melodie, ihren Duft einzufangen: wer all das weiß, kann von dieser Sammlung nicht enttäuscht werden, weil er wenig erwartet hat. […] Doch der des Deutschen unkundige Leser wird sich um solche Dinge schwerlich kümmern. Ihm genügt es, sich mit den ausgesuchten Perlen und Similibrillanten unserer Lyrik stofflich vertraut zu machen. In dieser Beziehung mag ihm der vorliegende Band gute Dienste tun.“

Der fremde Prinz. LE, Bd. 17, Nr. 6 (15. Dezember 1914), 374-375.
Untertitel: ‚Roman. Von E. Phillips. Frei nach dem Englischen übertragen von K. Rybiczka.’ – „Wer ist E. Phillips? Ein Mann oder eine Frau? Britischer oder amerikanischer Abstammung? Nachschlagewerke versagen. ‚Frei nach dem Englischen’ besagt nicht genug. Der Nachname (in seiner etymologisch falschen Schreibung) hat durch den Dramatiker des Vornamens Stephen Geltung erlangt. Es ist nicht anzunehmen, daß sich eine Dissertation dereinst damit befassen wird, Geschlecht und Nationalität des Verfassers aufgrund innerer Kriterien festzustellen. Und doch verspürt man eine leise Regung von Elsas Neugier: zu erfahren, woher er kam der Fahrt. [Hinter „E. Phillips“ verbirgt sich der Engländer E(dward) Phillips Oppenheim (1866-1946), Verfasser vieler erfolgreicher Thriller und anderer Unterhaltungsromane.] Hat ein Engländer es gewagt, seinen Landsleuten einen so wenig schmeichelhaften Spiegel vorzuhalten, dann verdient solcher Freimut alle Anerkennung. Nur unter diesem Gesichtspunkt kann das Buch jetzt auf Berücksichtigung rechnen; denn es ist ein recht knalliger Detektivroman. – […] Dieser Fremde Prinz fängt wenigstens spannend genug an. Ein geheimnisvoller Amerikaner, der mit einer rätselhaften Mission in Liverpool landet, wird im Extrazug auf der Fahrt nach London erdolcht. Der mit der Entdeckung des Mordes betraute amerikanische Gesandtschaftsattaché wird in einer Droschke erdrosselt. Also gleich zwei Kapitalverbrechen, was entschieden besser hält. Sie kommen auf das Konto des japanischen Prinzen Maiyo, der im Auftrag seiner Regierung studienhalber in London weilt und durch den Besitz der feindlichen Aktenstücke seinem Vaterlande einen unbezahlbaren Dienst zu leisten gedenkt. […] – Daneben hat Prinz Maiyo […] die Aufgabe, der westlichen Zivilisation (oder dem, was wir dafür halten) als geschmeidiger Räsonneur allerlei Aufrichtigkeiten zu sagen. Er tut es mit einem so merkwürdig aktuell anmutenden Scharfblick, daß man sich erstaunt fragt, wann dies Buch geschrieben wurde, und ob es sich hier nicht vielleicht um ein vaticinium post eventum handelt. [Oppenheims Spionageroman (Originaltitel The Illustrious Prince) war 1910 erschienen.] Einige Sätze aus dem politischen Glaubensbekenntnis, das der ‚Japs’ dem englischen Minister ablegt, seien angeführt: ‚Ich mußte mich fragen, ob Sie als militärische Macht groß seien, und das fand ich nicht. Ich mußte mich weiter fragen, wie Sie im Falle eines europäischen Krieges Ihr Land verteidigen könnten. Da Sie Ihre Flotte an allen Ecken Ihres großen Besitzes nötig haben, ist Ihr Land nicht imstande, sich zu wehren. … Ich will Ihnen sagen, was Ihrem Lande fehlt. Die Liebe zum Vaterland ist bei Ihren jungen Leuten nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Ich glaube, keiner wird einen Finger rühren für sein Land, wenn es seiner bedarf. So ist Ihre heranwachsende Jugend. … Die Rücksicht auf Ihren Welthandel tötete alle besseren Gefühle. Verzeihen Sie meine Offenheit. Ihre Rasse geht abwärts. Japan aber braucht Verbündete, deren Antlitz himmelwärts blickt (?).’ […] Sollte E. Phillips am Ende weder britischer noch amerikanischer Abstammung sein?“

nach oben

1915

Amerikanische Eindrücke. LE, Bd.17, Nr. 8 (15. Januar 1915), 510-511.
Ludwig Fulda, dritte und vierte, umgearbeitete und stark vermehrte Auflage seines Amerikabuches (1. Aufl. 1906). – „Wie Fulda über Reisebeschreibungen im allgemeinen denkt, spricht er in dem Satze aus: ‚Ich glaube, daß, wer von fremdem Volkstum erzählt, sowohl dem Lande, das er bereist hat, als auch ganz besonders seinem eigenen durch die Anerkennung von Vorzügen einen größeren Dienst leistet als durch die Hervorhebung von Mängeln.’ So hat er sich überall von dem Prinzip einer wohlwollenden Neutralität leiten lassen und ist dem amerikanischen Volke ein vorurteilsloser Beurteiler, dem deutschen ein geschmackvoller Darsteller geworden.“

The Soliloquy in German Drama. LE, Bd. 17, Nr. 20 (15. Juli 1915), 1270-1271.
Dissertation von Erwin W. Roessler, veröffentlicht in der Reihe Columbia University Germanic Studies. – „Eigentlich verhält es sich mit dem Selbstgespräch im Drama genauso wie mit dem mehrstimmigen Gesang in der Oper. Er ist eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand, ein Widersinn, ein Nonsens; aber da die ganze Gattung unter den Begriff des Irrealen fällt, ist nicht einzusehen, warum sich gegen ihre irrealste Spitze aller Spott wenden soll. […] – Das wäre (in einer Nußschale) etwa das Wesentlichste über den Monolog. Ungefähr sagt das Erwin W. Roessler auch, nur mit ein bißchen andern Worten. Er braucht freilich über hundert Seiten, das Selbstgespräch von seinen Anfängen bis zur Gegenwart zu verfolgen. Nach Doktorandenbrauch nimmt er die Klassiker, die Romantiker, die Modernen einzeln vor. Ich kann beim besten Willen nicht finden, daß bei einer solchen philologischen Mikroskoparbeit etwas von Belang herauskommt, und empfinde nicht einmal Genugtuung darüber, daß Europas umständliche Methoden in Amerika so bereitwillig nachgeahmt werden. Warum saust ihr, Amerikaner, nicht auch mit dem wissenschaftlichen Elevator in die Höhe?“

Der Fall Hamlet. LE, Bd. 18, Nr. 5 (1. Dezember 1915), 311-312.
Untertitel: ‚Ein Vortrag mit einem Anhang: Shakespeares Hamlet in neuer Verdeutschung von Gustav Wolff, Professor der Psychiatrie an der Universität Basel.’ – „Man war auf das Schlimmste gefaßt. Nicht ohne Not schickt man zum Professor der Psychiatrie; oder vielmehr: wenn dieser sich freiwillig zum Kommen entschließt, müssen doch recht bedenkliche Symptome vorliegen. Das Krankheitsbild des Prinzen Hamlet war als fingierter oder sogar als wirklicher Wahnsinn diagnostiziert worden. Nun nahm sich eine Kapazität auf diesem Gebiete die Mühe, den hohen Patienten gründlich zu untersuchen. Im Geiste sah man schon den dänischen Thronfolger reif für die Gummizelle oder zum mindesten für ein Sanatorium. – Um so angenehmer fühlt man sich enttäuscht. Der Arzt urteilt: ‚Es ist viel, was sich so ein armer Mann, wie Hamlet ist, von seinen Erklärern gefallen lassen muß.’ In erfreulichem Gegensatz zu ihnen verwirft er den ‚Phlegmatiker mit fettleibiger Diathese’, will nichts von einem krankhaften Depressionszustand wissen, schaltet soweit wie möglich alle Psychopathologie aus. Selbst die jetzt beliebte Psycho-Analyse der Freudschen Schule wird zum Glück nicht ernsthaft in Betracht gezogen […]: ‚Jeder Punkt in seinem Verhalten ist psychologisch so klar, daß wir zum Verständnis des Falles Hamlet keine Hysterie, keine Melancholie, keine Neurasthenie, keine fettleibige Diathese, keine verdrängten Komplexe brauchen, sondern, wie bei allen andern Shakespeareschen Gestalten, alles Geschehen mit psychologischer Notwendigkeit sich enwickeln sehen.’ – Gegen diesen sympathischen Schluß der Wolffschen Weisheit ist nichts einzuwenden; nur bin ich nicht so ganz überzeugt, daß damit sämtliche Schwierigkeiten des Werkes aus der Welt geschafft sind. Mir leuchtet immer noch am meisten die Auffassung ein, Hamlet als einen Phantasiemenschen in einer höchst realen Umgebung zu sehen. Diese Veranlagung treibt ihn in den Irrtum, bei andern die Empfindungen vorauszusetzen, die er selber hegt. Es ist das tragische Schicksal aller phantasiebegabten Menschen … – Dem Vortrag Professor Gustav Wolffs folgt eine neue, von ihm besorgte Verdeutschung des Gedichts. Beim Hamlet bin ich prinzipiell gegen jeden derartigen Versuch, weil er verlorene Liebesmüh’ ist. Schlegels Übersetzung ließe sich auch durch das größte Meisterwerk aller Zeiten heute nicht mehr verdrängen. Was seit über hundert Jahren Gemeingut des deutschen Volkes ist, das kann kein Gott und keine Polizeivorschrift im Handumdrehen beseitigen.“

nach oben

1916

Der Marketenderwagen. LE, Bd. 18, Nr. 9 (1. Februar 1916), 581-583.
Klabund, Der Marketenderwagen. Ein Kriegsbuch. – „Klabund, von Alfred Kerr ins lyrische Leben hineingeführt, ist nun so weit und sollte mählich eine Empfindung dafür bekommen, daß er ihm und uns etwas schuldig ist. Haben wir anfänglich an seine Begabung willig geglaubt, so sind wir aus Gläubigen jetzt zu Gläubigern geworden. Wir haben etwas von ihm zu beanspruchen; erwarten etwas von ihm. Talent verpflichtet. Die Leichtigkeit des Schaffens enthebt durchaus nicht der Verantwortung. Es ist keinem ein Dienst damit getan, nicht einmal dem durch dick und dünn mitgehenden Verleger, Sammelbändchen hurtiger Skizzen, die noch naß von der Druckerschwärze der Zeitungen sind, abermals zu veröffentlichen; noch weniger ist es ein Verdienst. Fingerfertigkeit allein macht nicht den Künstler. Mehr als schnell hervorgebrachte, schnell herausgebrachte Federübungen vermag ich in diesem aus 27 Geschichten bestehenden ‚Kriegsbuch’ nicht zu sehn. – Unter dem Titel Der Marketenderwagen kann ich mir, bei meiner militärischen Unberührtheit, wenig vorstellen.“

Dickens. LE, Bd. 18, Nr. 16 (15. Mai 1916), 985-988.
Wilhelm Dibelius, Charles Dickens. – „Im zwanzigsten Kriegsmonat hat Professor Wilhelm Dibelius einen 525 Seiten starken Band über Charles Dickens erscheinen lassen. Bei B. G. Teubner, Leipzig und Berlin. Zunächst mein Kompliment dem Verleger. Er hat sich dadurch, daß diese Monographie einem englischen Dichter de pur sang gilt, nicht von ihrer Veröffentlichung mitten im wüstesten Streit abschrecken lassen. Hat dem wissenschaftlichen Werk vom reinsten Wasser sogar eine gediegen vornehme Ausstattung beschert. So soll es sein. Das Sprichwort verlangt zwar, daß man mit den Wölfen heule; niemand aber kann verlangen, daß man mit den Irren tobe. Ist es in andern Ländern anders, so haben wir die Genugtuung, daß wir Wilden in diesem Punkte wirklich bessere Menschen sind. Bedarf es da noch der Rechtfertigung, der Entschuldigung, der Beschönigung? Etwa des Hinweises darauf, daß Dickens eine hohe Verehrung für deutsches Wesen im Herzen trug? Es wäre naiv, zu glauben, der leidenschaftliche Dichter mit seinen Bourgeois-Neigungen ergriffe, wenn er heute lebte, nicht für seine Landsleute begeistert Partei. Selbst die Tatsache, daß er etliche ihrer ‚Nationallaster’ als ein Hogarth der Feder an einen unvergänglichen Pranger gestellt, hielte ihn so wenig zurück wie den Zeitgenossen Bernard Shaw, britisch, doch unkritisch für sein Land einzutreten. Sind wir schon bessere Menschen, so haben wir es auch nicht nötig, uns durch schlechte Gründe besser zu machen. Die Hauptsache ist: in Deutschland kann während des Krieges ein Buch über einen englischen Dichter erscheinen. – […] So erfreulich es ist, daß ein deutscher Gelehrter in Muspillistürmen über die Seelenruhe verfügt, ein Dickens-Werk zu beenden, so überflüssig scheint es mir, daß er es sich nicht versagen kann, die leidige Politik hineinzuziehen, statt die reine Flamme der voraussetzungslosen, vorurteilslosen Wissenschaft sorgsam zu hüten. Im Vorwort betont Professor Dibelius: ‚Ich brauche kaum zu betonen, daß ich in dieser schweren Kulturkrisis nur als Deutscher fühlen kann.’ Warum das Selbstverständliche hervorheben? Könnte ein vernünftiger Mensch im Ernst erwarten, daß ein gebildeter Deutscher anders als deutsch empfindet? Bedurfte es erst ‚dieser schweren Kulturkrisis’, ihn deutsch, nur deutsch fühlen zu lassen? – Dibelius fährt dann fort: ‚Daß Englands Tyrannei zur See… durch diesen Krieg gebrochen werden muß, ist mir selbstverständlich; und sollte dieser schwere Krieg dazu nicht genügen, so wird ein zweiter dazu nötig sein.’ Gegen einen solchen zweiten Krieg wäre nichts einzuwenden, wenn seine Befürworter – wozu sie zweifellos gerne bereit wären – ihn persönlich im vordersten Schützengraben zum Austrag brächten. Gegen eine scientia militans läßt sich freilich etwas einwenden; der Mann der Studierstube sollte lieber nicht in die Arena der Aktualität steigen. – Zum Glück war diese Biographie ‚in allem Wesentlichen abgeschlossen, als der Weltkrieg ausbrach’. Er hat also nicht den Standpunkt des Verfassers nachträglich sicht- oder spürbar verschoben. Ob er aber doch nicht die ganze Zeit in seinem Unterbewußtsein rumorte und manchem Urteil die letzte scharfe Prägung aufdrückte? Das Erstaunliche an diesem Buch bleibt für mich ein ausgesprochener Mangel an Liebe zu seinem Gegenstand. Wenn sich einer hingesetzt hätte mit dem vorgefaßten Plan, Dickens abzutun, seine groteske Überschätzung bei der Mitwelt und seine völlige Bedeutungslosigkeit für die Nachwelt zu erhärten, er hätte es nicht gründlicher besorgen können als Dibelius mit seiner Objektivität. – […] Auch das Bild, das er von der Persönlichkeit des Dichters entwirft – im Umfang des Gesamtwerks sehr sparsam und ohne irgendwelche neuen Aufschlüsse –, ist nicht besonders schmeichelhaft geraten. Es wird erwähnt, daß er eitel bis zur Lächerlichkeit war, daß er manches von der ‚sprichwörtlichen Eitelkeit des Heldentenors’ hatte (dazu war er wohl nicht unbedeutend genug); an anderer Stelle ist von dem ‚entsetzlich blechernen Klang’ seines Pathos die Rede. Herbe, ja harte Urteile über einen Menschheitsbeglücker. Ob sie berechtigt sind oder nicht: es würde ihnen nichts verschlagen, wenn sie außer dem Salz mit attischem Salz gewürzt und mit einem Körnchen Liebe gemischt wären. – Wie sich überhaupt keine Biographie ohne Liebe schreiben läßt – vielleicht muß man sogar ein wenig in sein Modell verliebt sein –, so heischt Dickens, in demselben Grade wie unser Schiller, ein voll gerütteltes Maß dieser Liebe. Weil sein Werk breite Angriffsflächen bietet, auch dem ungeschulteren Blick handgreifliche Schwächen verrät. Aber wer ihn in der Jugend mit heißem Herzen genossen hat, kann ihn nicht mehr ganz im späteren Leben verlieren. Er behält für ihn etwas Sakrosanktes – ein unantastbar teurer Besitz. Man muß jung sein oder jung geblieben sein, will man einem Dickens gerecht werden; dann mag man in reiferen Jahren zu andern Göttern beten und wird doch von ihm sagen, was Byron trotz aller Enttäuschung seinem schmerzlich geliebten England zurief: ‚With all thy faults I love thee still.’“

Londoner Spaziergänge. LE, Bd. 18, Nr. 19 (1. Juli 1916), 1224-1225.
Sil-Vara, Londoner Spaziergänge. – „Mit gutem Grund wirft Sil-Vara – bis zum Ausbruch des Kriegs Korrespondent reichsdeutscher und österreichischer Blätter – […] die Frage auf: ‚Kann man eine Novelle von mäßigem Umfang schreiben und sie London nennen? […]’ – So darf man nicht erwarten, in diesen dreiunddreißig zum Buche vereinigten, der Fürstin Mechtild Lichnowsky gewidmeten Zeitungsaufsätzen, wie der selige Joseph Pulitzer zu sagen pflegte, the marrow, the bone, the essence, the quintessence, the gist, the pith von London zu finden. Das vermöchte kein Herkules. Sil-Vara hütet sich klugerweise vor Übertreibungen wie vor Verallgemeinerungen. Er genießt und läßt den Reiz des Transistorischen genießen. Zieht nicht aus flüchtigen Erscheinungen bis zum Platzen aufgeblasene Schlüsse im Maßstab von 1:7.000.000 und nach dem berüchtigten Beispiel vom rothaarigen Kellner, das leider unsern lieben Theodor Fontane manchmal zur Nachahmung verführte. Er beschreibt, was er beobachtet hat; und wie er’s beschreibt, ist es unterhaltend.“

Bosies Quittung. LE, Bd. 18, Nr. 24 (15. September 1916), 1500-1508.
Alfred Douglas, Oscar Wilde and Myself (London 1914). (Anmerkung der Redaktion: “Dieser Aufsatz wurde vor Kriegsausbruch geschrieben.“) – „Sein [Douglas’] Buch Oscar Wilde und Ich ist ein Racheakt. An Oscar Wilde sowohl wie an seinem Nachlaßverwalter Robert Ross. Was hat Ross begangen, daß sich ‚der alte Douglas-Haß’ [Fontane, ‚Archibald Douglas’] auch auf ihn erstreckt? Er hat das Manuskript von De Profundis im Jahre 1909 dem Britischen Museum geschenkt mit der Bestimmung, daß es nicht vor dem Jahre 1960 eröffnet werden dürfe. Lord Alfred wäre dann neunzig Jahre alt und menschlicher Voraussicht nach wohl kaum noch unter den Lebenden. Es empfahl sich, eine endgültige Verfügung über den Verbleib des Originals zu treffen; denn wer möchte, bei der in England herrschenden Zaghaftigkeit, dafür bürgen, daß das vollständige De Profundis nicht einem ähnlichen Schicksal anheimgefallen wäre wie Lord Byrons biographische Aufzeichnungen, die sein Freund Thomas Moore eines Tages rasch entschlossen den Flammen übergab? Das wollte Ross hintertreiben, indem er das Werk der Nation zum Geschenk machte. – Hätte Douglas nicht im Jahre 1913 einen aussichtslosen Beleidigungsprozeß gegen [Arthur] Ransome, womit er Ross treffen wollte, in einer Anwandlung junker- oder jungenhaften Übermuts vom Zaune gebrochen, so wären die persönlichen, allzu persönlichen Teile von De Profundis niemals zur Kenntnis der Mitwelt gelangt. Der lebende Oscar Wilde konnte nicht mehr gegen seinen früheren Freund Zeugnis ablegen; so mußte denn seine Stimme d’outre-tombe im Gerichtssaal gehört werden. – Nun behauptet Douglas, erst damals, als jener Prozeß schwebte, habe er einen Einblick in das vollständige Werk erhalten, von dem ihm eine Abschrift durch die Anwälte seines Gegners zugestellt wurde. Er behauptet ferner, bis dahin ganz und gar ahnungslos gewesen zu sein über den wahren Charakter von De Profundis. Er habe überhaupt nicht gewußt, nicht wissen können, daß diese schmählichen Expektorationen an ihn und gegen ihn gerichtet seien. – Er behauptet es oft und behauptet es nachdrücklich; allein dadurch gewinnen seine Worte nicht an Wahrscheinlichkeit. Ich werde im folgenden den Nachweis liefern, daß keinen Menschen ein Vorwurf trifft, außer Douglas selbst, wenn ihm erst so spät ein Licht aufging. – Nachdem Wilde im Gefängnis zu Reading ‚die volle Brust des argen Stoffs’ entladen hatte [Macbeth, V.iii], sprach er in einem Brief an Robert Ross den Wunsch aus […], eine Kopie seiner ‚Epistola in carcere et vinculis’ solle an Bosie gesandt werden. Das ist geschehn. Douglas macht auch gar nicht den Versuch, es zu bestreiten. Er will aber nur einige wenige Sätze davon gelesen und dann, in der Überzeugung, daß der Verfasser nicht recht bei Sinnen war, als er sich alle Bitternis in der Einsamkeit seiner Zelle vom Herzen wälzte, die Zuschrift ins Feuer geworfen haben. (Selbst der Jude Apella würde das nicht ohne weiteres glauben [Horaz, Satiren].) – Also schon im Jahre 1897 hätte Douglas Gelegenheit gehabt, zu erfahren, daß Wilde peinliche Abrechnung – auch in Zahlen – mit ihm gehalten und über Schuld wie Schulden gestöhnt hatte. Er hätte aus der deutschen Ausgabe vom Jahre 1905, die jenen Brief zuerst mitteilte, ersehn können, daß Robert Ross genau den Weisungen des Autors gefolgt war. Er hätte in der an mich gerichteten Widmungsepistel zur erweiterten englischen Ausgabe von De Profundis im Jahre 1908 den folgenden Satz (S. XIII) von Robert Ross lesen können: ‚I need say here only that De Profundis … is cast in the form of a letter to a friend not myself.’ (Wer hätte wohl der andere Freund sein sollen, wenn nicht Lord Alfred Douglas?) Und wenn ihm dies alles noch nicht genügt hätte, brauchte er nur die deutsche kommentierte Ausgabe von De Profundis aus dem Jahre 1909 aufzuschlagen. Da hätte er in meiner Einleitung (S. XVII) die unzweideutige Feststellung gefunden: ‚De Profundis oder das, was wir De Profundis zu nennen pflegen, ist … ein Brief Oscar Wildes aus dem Zuchthaus in Reading an seinen Freund Lord Alfred Douglas.’ Das ließ doch wohl kein Mißverständnis zu! – Es ist also nicht wahr, wenn Douglas den dreisten Vorwurf erhebt, Ross habe den Anschein erweckt, als sei ihm De Profundis zugeeignet. Es ist zum mindesten sehr unwahrscheinlich, wenn Douglas beteuert, erst im Jahre 1913 habe er Kenntnis davon bekommen, daß De Profundis an ihn gerichtet und was in den unterdrückten Stellen enthalten sei. Die Welt hat es lange vorher gewußt, und man kann es nur als einen schlecht erfundenen Witz bezeichnen, wenn der Adressat eines Briefes am spätesten erraten haben will, daß er der Adressat des Briefes war. – Die annoch unpublizierten, bislang nur durch Auszüge in den Zeitungen bekannt gewordenen Teile von De Profundis, die gewiß kein allzu schmeichelhaftes Bild des jungen Lords entwerfen, haben bei ihm eine ins Maßlose gesteigerte Sinnesänderung hervorgerufen. Was Wilde in jäher Verzweiflung über ihn sagte, hätte er vielleicht verwinden können; daß aber unparteiische Richter, als Meinung gegen Meinung stand, sich zugunsten dieses lange Verfemten entschieden, das verwundete Douglas ins Mark und raubte ihm den letzten Rest der Selbstbeherrschung. – Seitdem schäumt er vor Wut, spritzt seinen Geifer nach allen Seiten aus und scheint es als Daseinszweck zu betrachten, das Andenken seines toten Freundes in den Schmutz zu ziehen. ‚Hast du mich in De Profundis verunglimpft, so will ich dich jetzt in all deiner Kleinheit und Gemeinheit konterfein’ – das war der leitende Gedanke, der Douglas die Feder führte.“

nach oben

1917

Kollege Richthofen. NZZ, 29. August 1917, Erstes Abendblatt, Nr. 1592.
Manfred Freiherr von Richthofen, Der rote Kampfflieger. – „Zu Beginn des Krieges hat die durch schlagende Knappheit ausgezeichnete Sprache im deutschen Heeresbericht ihren tiefen Eindruck auf die erregte Volksseele nicht verfehlt. Die lakonische Kürze des Generalquartiermeisters, jetzigen Kriegsminister von Stein, dessen Name seinem lapidaren Stil das Gepräge zu geben schien, durfte als vorbildlich gelten. Neben seinen wirklich wie in Stein gemeißelten Worten verblaßte die überschwengliche Redseligkeit manches Berufsschriftstellers. Offenbar liegt die im Dienst vom Soldaten als etwas Selbstverständliches geforderte Zucht auch in seinem Stil. Er bleibt letzten Endes immer ein militärischer Rapport, eine Meldung. Gefühle werden, wenn nicht ausgeschaltet, so doch bewußt zurückgedrängt; das Tatsächliche bildet die Grundnote. Diese matter-of-factness, für ihren bestimmten Zweck ein nicht zu unterschätzender Vorzug, ist freilich der Gefahr einer gewissen Einförmigkeit ausgesetzt und führt leicht zu der übertragenen Bedeutung des Ausdrucks, die an Nüchternheit grenzt. Wer ‚schreiben’ kann, dem wird auch die konzise Tatsachensprache im gegebenen Falle zu Gebote stehen; wer nur über diese verfügt, braucht darum noch nicht im höhern Sinne schreiben zu können. – So liegen die Dinge bei dem Rittmeisterr, dem Flugmeister von Richthofen. Er kann nicht schreiben; er weiß, daß er nicht schreiben kann; aber er erhebt auch nicht den Anspruch, es zu können. Er weiß sogar vielleicht, daß er niemals das geworden wäre, was er ist, wenn er ein kunstmäßiger Schriftsteller wäre. Denn dazu gehören, neben manchem andern, Nerven, Empfindungsstärke, Farbensinn, musikalisches Gefühl; und wenn er Nerven hätte, dann wäre es mit seiner Kunst des Fliegens aus. Ein Schriftsteller könnte schwerlich Kampfflieger werden (D’Annunzio bestätigt den Satz, Vollmoeller widerlegt ihn nicht); ein Kampfflieger kann unmöglich Schriftsteller sein. Aber er schreibt dennoch … – Nun ja, was man gemeinhin schreiben nennt. […] Das war mir psychologisch die wertvollste Entdeckung, daß für diese Heroen der Tat, denen die Brust mit dem dreifachen Erz der Empfindungslosigkeit gewappnet sein muß, die Sprache dazu da ist, ihre Gefühle zu verbergen. Wer mit dem Tod gleichsam Duzbruder ist, darf kein Herz haben. Wenn er eins hätte, es wär’ um ihn geschehen. […] – Die Aufzeichnungen des Freiherrn v. Richthofen werden nicht fortleben. Wenn er selbst fortleben sollte, müßte ihm ein gnädiges Schicksal die Gunst gewähren, daß seinen Leistungen ein ebenbürtiger Darsteller erstehe. Die Alten priesen bekanntlich Achilles glücklich, weil er einen Homer als Herold seines Ruhmes fand. Achilles ohne Homer hätte für uns nie gelebt; am Ende ist der ganze Achilles nur eine poetische Erfindung. Manfred v. Richthofen ist nicht sein eigener Homer geworden. Ich wünsche dem deutschen Achill der Luft, daß ihm das Los des Peliden erspart bleibe. Unter dieser Bedingung wird er gerne darauf verzichten, einen Homer zu finden.“

Au camp. NZZ, 14. November 1917, Zweites Morgenblatt, Nr. 2142.
Vorankündigung: „Der französische Maler H. Bing […], der zwei Jahre in deutschem Gefangenenlager zugebracht hat, gibt eine Serie von Originallithographien heraus, die, unter dem Titel Au camp, am 1. Dezember erscheinen werden. Diese Blätter […] sind von Meisterhand gezeichnet. Bing realisiert in der Lithographie Wirkungen von erstaunlicher Kraft, mit selbständiger, sicherer Technik. Das Werk ist eine ergreifende Schöpfung, über jede Aktualität und alles Anekdotische erhaben. Diese Typen aus allen Weltteilen, Soldaten, Zivilisten, Frauen und Kinder, sind scharf gesehen, tief empfunden, wahr gegeben; alle verbrüdert durch denselben Schmerz; über alle Aktualität hinaus behält das Werk künstlerischen und menschlichen Wert.“ – Siehe hierzu auch die ergänzende Mitteilung der Redaktion (Hans Trog) in der NZZ vom 18.12.17, Nr. 2378: „Au camp, die jüngst hier als demnächst erscheinend angekündigte Lithographienmappe H. Bings, liegt jetzt vor […] Wie schon der Titel besagt, beziehen sich die Motive dieser Steindruckserie alle auf die Zeit, die Bing (geb. 1888 in Paris) als Zivilinternierter in Holzminden zugebracht hat. Seither ist Bing dann bekanntlich als Internierter in die Schweiz gekommen, wo er sich im simmentalischen Erlenbach aufhält.“

nach oben

1918

John Galsworthy und die besitzenden Klassen Englands. LE, Bd. 20, Nr. 14 (15. April 1918), 874-875.
Eine Marburger Dissertation von Kurt Schrey. – „Undenkbar wäre der umgekehrte Fall: daß in Oxford jetzt eine englische Doktorschrift über Heinrich Mann erschiene. Grund zur Selbstverhimmelung? Eher dazu, die Gegenseite zu beklagen. In einem Siechenhaus stimmt man kein Triumphgeheul über die eigene Unversehrtheit an; bricht auch nicht in Wehgeschrei über das Verhängnis des andern aus. Sondern: ein Gefühl, aus Dankbarkeit und Mitleid gemischt, ergreife von uns Besitz. – […] Doktoranden dürften im allgemeinen schwerlich die geeigneten Beurteiler kniffliger Gegenwartsprobleme sein. Die verlangen umfassendere Kenntnisse, als das Seminar, reifere Erkenntnisse, als Jugend sie zu geben vermag. Auch für Kurt Schrey trifft das zu. […] Als ich seinen ersten Absatz las, wollt’ ich fast verzagen. Eine ganz willkürliche Auswahl aus der Romanernte des Jahres 1904, worin Hall Caine neben Rudyard Kipling gestellt und Rider Haggard mit George Gissing in einem Atem genannt wird, war ebensowenig dazu angetan, schwarze Gedanken zu verscheuchen. Kinder, Kinder, das geht nicht – nicht einmal in einer Dissertation. […] – John Galsworthy, der meines Wissens durch keine Äußerung während des Krieges eine Erschütterung seines seelischen Gleichgewichts verriet, hat kürzlich wieder durch die mannhafte Ablehnung der ihm zugedachten Ritterswürde den Beifall weniger Edlen gefunden. Als Persönlichkeit bleibt er vorbildlich, mag man über seine Kunst immerhin geteilter Ansicht sein. Ich bin mit dem Versuch, sie nach Deutschland zu bringen, auf nicht allzuviel Gegenliebe gestoßen. Seine Kritiker hierzulande haben sich an das ihnen vorliegende Einzelwerk gehalten, statt es als Glied seines Gesamtschaffens zu betrachten. Namentlich seine Dramen, die (ich weiß, ich weiß) um ein Jahrzehnt zu spät über den Kanal drangen, waren auf diese Weise unschwer abzufertigen. In Universitätskreisen hat man sich gründlicher mit ihm befaßt und die Bedeutung seiner Persönlichkeit erkannt. Ich habe sie in diesen Blättern (XIII, 1090ff.) ohne Begeisterung, doch in aufrichtiger Verehrung und hoffentlich richtiger Einschätzung nachgezeichnet. – Kein heute lebender Schriftsteller hat den Engländern einen so scharf geschliffenen Spiegel vorgehalten, hat die verschiedenen Klassen seiner Landsleute wahrheitsgetreuer wiedergegeben. Darum sind vornehmlich seine Romane eine ethnographische Goldgrube. Galsworthy ist ein mit manchem Tropfen sozialen Öls gesalbter Dichter; aber zum Dichter von hinreißendem Schwung fehlen seinem Blute etliche Tropfen Champagner. Er hat die Liebe zu den Bedrückten und Unterdrückten, ohne die kein Künstler Großes zeugen kann; aber seine Gerechtigkeitsliebe, die auch die Kehrseite wahrnimmt, sein Streben nach Unparteilichkeit ist vielleicht noch stärker ausgeprägt. Die Musik seiner Bücher hat nichts Beseligendes; die kontrapunktische Arbeit verdient höchste Anerkennung. Wenn alle Kunst letzten Endes auf Übertreibung beruht, wird die Zurückhaltung, die Gefühlskargheit, der Mangel an animalischer Wärme bei Galsworthy als ein Überwuchern des Verstandes empfunden werden. Wie ihm selbst geht seinen Gestalten alles Schwärmerische ab. Er bleibt ein bürgerlich nüchternerer Tolstoi mit insularem Einschlag. Aber sein Gesamtwerk braucht heute schon hinter dem weniger Europäer zurückzustehen und hat kosmopolitische Geltung erlangt.“

Wenn Diplomaten schreiben. LE, Bd. 20, Nr. 17 (1. Juni 1918), 1022-1024.
My Four Years in Germany, die Memoiren des ehemaligen US-Botschafters James W. Gerard, in denen der amerikanische Diplomat seine während eines vierjährigen Aufenthalts in Deutschland gewonnenen Eindrücke wiedergegeben hat. – „Daß er verteufelt wenig ‚von dem wirklichen Leben und der Psychologie der Deutschen gelernt’ hat, wird auf Grund dieser Vier Jahre in Deutschland niemand mehr bestreiten wollen. Wie könnte einer, der auch nur die oberflächlichste Kenntnis des deutschen Geisteslebens während dieses Krieges besitzt, sonst den Versuch wagen, einen Gegensatz zwischen dem deutschen Volk und der deutschen Regierung aufzustellen! Selbst ein Südamerikaner, der kaum über die Stufe des Menschenfressers hinaus ist, wie der Botokude, glaubt doch nicht im Ernst, eine Regierung könne vier Jahre lang einen Kampf gegen den halben Erdball führen, wenn das Volk nicht hinter ihr stünde. In diesem wie in manchem andern Punkt hat der amerikanische Botschafter sich einfach die von keiner Sachkenntnis getrübten Gedankengänge des amerikanischen Präsidenten angeeignet. Er macht sogar dessen Phraseologie wacker mit, indem er seine antipreußische Gesinnung betont, ohne sie indes mit antideutscher gleichgesetzt wissen zu wollen. Wie der sterbende Cromwell das Bewußtsein hatte, ein ‚Werkzeug des Herrn’ zu sein, darf der lebende Gerard das Bewußtsein haben, als gefügiges Werkzeug des Herrn Wilson betrachtet zu werden. – […] Selten hat ein Mensch eine größere Gelegenheit verpaßt. Dieser James W. Gerard hätte der Welt ein Lichtbringer werden können, ein Apostel der Wahrheit. Als letzter Vertreter einer Großmacht in der deutschen Hauptstadt hat er, während dreier Kriegsjahre, vielleicht mehr gesehen und gehört als irgendein Sterblicher. Ihm stand die Pforte zum Ruhmestempel sperrangelweit offen. Er brauchte nur das, was er gesehen, vorurteilsfrei, das, was er gehört, urteilsvoll wiederzugeben. Aber wie in einem Märchen von Hauff eine Gestalt vorkommt, die alles gesehen hat, ohne dabei gewesen zu sein, hat das Schicksal diesen amerikanischen Diplomaten dazu bestimmt, bei allem dabei gewesen zu sein, ohne etwas zu sehen. Und wenn er etwas sah, hinderte ihn sein Schlemihltum daran, es schriftlich festzuhalten. Neidlos gönnen wir diesen Diplomaten alter Schule der neuen Welt. Kummervoll rufen wir ihm einen umgeprägten Satz Lessings nach: ‚Ist es zum Unglücke der Völker nicht genug, daß sie solche Diplomaten haben; müssen diese auch noch solche Bücher schreiben?’“

Leselese. LE, Bd. 21, Nr. 1 (1. Oktober 1918), 26-28.
Zur Rubrik ‚Der Büchermarkt’ im LE, Bd. 20, Nr. 23 (01.09.18), 1455-1456. – „Mir erschienen Kataloge von jeher als die empfehlenswerteste Lektüre vor dem Schlafengehen oder noch genußreicher – daß ich die schlechte Angewohnheit nur eingestehe! – im Bett. Kataloglesen ist sozusagen ein Patiencelegen der Gedanken. Die Fülle von Namen und Zahlen hat etwas außerordentlich Beruhigendes; ihre völlige Zusammenhanglosigkeit ist ein Opiat, ein Palliativ, ein Schlummerpunsch fürs Gehirn. Der unselige Joseph Pulitzer selig erkor zwar den Tasso Goethes zu solchem Schlafmittel, aber dafür wird ihm sein Lohn im Malebolge werden. […] – Ein paar Zeilen weiter unten erfährt [man], daß derselbe Verleger [Heinrich Böhme in Hannover] zu dem Trinkgeld von 20 Mark die von einem gewissen E. Sander […] verantwortlich gezeichnete Erzählung Der Priester und der Meßnerknabe ‚aus dem Englischen’ herausgibt. Was es damit für eine Bewandtnis hat, hab ich im LE VII, 990 [s.o.] und in einer Zuschrift an die Frankfurter Zeitung vom 9. Juli 1907 [s.o.] aufgedeckt. Dieses ‚pornographische Erzeugnis’ wurde lange auf Oscar Wildes Konto gesetzt; selbst die Tatsache, daß er das geschmacklose Machwerk vor Gericht von sich abschüttelte, wollte etliche Superkluge nicht überzeugen. Erst als ich den Verfasser, ehedem Oxforder Student, jetzt Pfarrer (wer lächelt da mit arger List?), aus dem Dunkel der Namenlosigkeit hervorzog, verschwand Wildes Name vom Titelblatt. Nun besitzen wir von dieser Novelle schon zwei Ausgaben: eine als Düsseldorfer Privatdruck, eine bei der Firma Schneider & Kunert in Budapest (brr!) erschienen. Bei der herrschenden Papierknappheit war es ein unumgängliches Gebot der Stunde, uns eine dritte Ausgabe zu bescheren. Und die Vorurteilslosigkeit des deutschen Volkes im fünften Kriegsjahr wird durch die Veröffentlichung einer solchen englischen Geschichte ins hellste Licht gerückt. War sie früher für zwei Mark zu haben, so ist sie jetzt, beherzt dem Zug der Zeit folgend, auf das Zehnfache emporgeschnellt. Da sage einer noch, daß in Deutschland Mangel an Papier und Papiergeld für die überflüssigsten Dinge bestehe!“

Wilde als Plagiator. NZZ, 30. Oktober 1918, Erstes Morgenblatt, Nr. 1442.
Bernhard Fehr, Studien zu Oscar Wildes Gedichten: „Zu den von jeher beliebtesten Mitteln, anerkannten Größen am Zeuge zu flicken, gehört der gegen sie erhobene Vorwurf der Abhängigkeit von Vorbildern. Dem kann keiner entgehen. Denn selbst das Genie kommt nicht fix und fertig zur Welt wie Pallas Athene, die gewappnet dem Haupt ihres Vaters entstieg. Auch der junge Beethoven – um gleich den Stern der höchsten Höhe zu nennen – wäre ohne Haydn und Mozart nicht denkbar, mögen immerhin seine frühen Schöpfungen schon die Klaue des Löwen verraten. Jeder Künstler ist eine Frucht seiner Zeit, wird – vielleicht – ein Befruchter der künftigen. – […] Für den Historiker bleibt es stets reizvoll, solche Abhängigkeit aufzuzeichnen. Es geschieht in der Form von Entwicklungsstudien. Damit verwandt, doch weniger gutartig ist die Motivenjägerei. Bösartig wird die Plagiatbeschuldigung. Auch sie hat vor den Größten nicht Halt gemacht. […] Jetzt muß Oscar Wilde daran glauben. Bernhard Fehr, von seiner Tätigkeit in Zürich und St. Gallen her bekannt, als deren Ertrag er ein für Studenten zu rascher Einführung brauchbares Büchlein Streifzüge durch die neueste englische Literatur vor sechs Jahren veröffentlichte, rückt nun dem infolge ‚mangelhafter Urteilslosigkeit der Wilde-Verehrer’ maßlos überschätzten Dichter, als ordentlicher Professor der englischen Philologie an der Universität Straßburg i.E., ordentlich zu Leibe. […] Die eingehende Beschäftigung mit Wildes Gedichten, auf die sich die Darstellung vorläufig beschränkt, ‚hat meine Ansichten über sein Können ernüchternd umgewandelt’, heißt es freimütig in der Vorrede. ‚Bei keinem andern Dichter wird man weniger als bei ihm der Versuchung widerstehen können, das Wort Plagiat in den Mund zu nehmen.’ […] – Hier liegt der fundamentale Irrtum des Buches. Es ist, soviel ich sehe, keinem halbwegs kritischen Geiste je eingefallen, auch in England nicht, der ersten Gedichtsammlung Wildes (1881) übertriebene Bedeutung beizulegen. In ihr sind schülerhafte Anfänge, studentische Stilübungen, erlesene Fassungen eines belesenen jungen Mannes vereinigt. Noch die vorgeschrittensten Stücke wimmeln von deutlich vernehmbaren Anklängen. Wenn die nächsten Freunde Wildes von diesen Gedichten sprachen, geschah es nie ohne ein Lächeln. – […] Auf dieser Voraussetzung hätte Fehr fußen sollen, statt sich in den Wahn hineinzuschreiben: ‚So muß eine verständnisvolle, aber gerechte Kritik Wildes dichterische Werte auf eine bescheidenere Norm, als sie den Wilde-Verehrern genehm ist, herabsetzen.’ Er bekämpft Gegner seiner Einbildungskraft; konstruiert sich in der Phantasie Widersacher; rennt offene Türen ein. So aufschlußreich im einzelnen seine Untersuchungen sind und mit so tödlichem Ernst dargetan wird, wie unverfroren und systematisch der junge Wilde die Blumenbeete seiner Nachbarn plünderte – ein Gewinn unseres Wissens um diesen Dichter oder die Dichtung im allgemeinen springt dabei nicht heraus. Mag Professor Fehr auch das Schwergepäck der Belesenheit anschleppen und Kanonen der Gelehrsamkeit auffahren – er beweist doch mit einem ungeheuren Aufwand von Mitteln schließlich nur etwas, was niemand bestritten hat.“ – Fehr veröffentlichte eine Erwiderung in der NZZ vom 18.11.1918, Erstes Morgenblatt, Nr. 1507 unter der Überschrift ‚Nein! Eine maßlose Überschätzung Wildes’: „Dr. Max Meyerfeld, der große Wilde-Kenner hat mich angegriffen (Nr. 1442). […] Dr. Meyerfelds Besprechung ist zum größten Teile eine Auseinandersetzung mit meinem Vorwort, aus dem drei Sätze zitiert werden. (Übrigens! Von ‚mangelhafter Urteilslosigkeit (!) der Wilde-Verehrer habe ich nicht gesprochen’.) […] Meyerfelds Vorwürfe, die sich an die drei Zitate anknüpfen, könnten, selbst wenn sie gerechtfertigt wären, nie und nimmer den eigentlichen Kern meiner Arbeit treffen, an die der Kritiker überhaupt nicht herangetreten ist. Er macht es sich sehr bequem. Er wendet sich davon ab mit der Bemerkung, sie sei überflüssig, sie fördere unser Wissen über den Dichter oder die Dichtung im allgemeinen nicht. Überhaupt sei die Gedichtsammlung Wildes (1881) ein Erstling, dessen Unselbständigkeit nur ich so blutig ernst nehme. Eine Überschätzung der Gedichte durch die Wilde-Verehrer bestünde nur in meinem Gehirn. Da liege der fundamentale Irrtum des Buches. – Selbst wenn diese Überschätzung ein Gebilde meiner Phantasie wäre, so könnte auch dies den Wert meiner Arbeit in keiner Weise berühren. Ich wollte doch nicht die wissenschaftlich belanglose These verfechten, Wildes Gedichte seien überschätzt worden. Ich wollte vielmehr die frühern Gedichte, die für die Beurteilung des spätern Wilde wichtig sind, in den richtigen Zusammenhang der englischen literarischen Überlieferung der 1870er Jahre rücken und, darauf fußend, die spätern reifen Gedichte in den sich immer mehr erweiternden, über Englands Grenzen hinausstrebenden Kreis dichterischer Erscheinungen hineinstellen. […] Ich bin gar nicht der bloße Motivenjäger, als den Dr. Meyerfeld mich hinstellt, und ich frage mich ernstlich: ‚Hat er eigentlich mein ganzes Buch gelesen?’ Denn folgerichtig hätte er dann auf Grund seiner jetzigen Auffassung der Gedichte in seiner starken Ausdrucksweise über mein Buch einen Artikel schreiben müssen, der die Überschrift trägt: ‚Eine maßlose Überschätzung Wildes!’“

Studien zu Oscar Wildes Gedichten. LE, Bd. 21, Nr. 4 (15. November 1918), 246-248.
Siehe vorausgehenden Eintrag. – „Nun kommt Professor Bernhard Fehr, der erste nicht und sicher nicht der letzte, mit wissenschaftlichem Schwergepäck beladen, zieht ein Aktenstück nach dem andern aus seiner wohlgefüllten Mappe, schleudert finstern Blicks bedruckte Felsblöcke, türmt den Pelion der Motivenjägerei auf den Ossa der Belesenheit und – rennt offene Türen ein. Mit Kanonen schießt er nach den kleinen Singvögeln der Kamönen. Im Schweiße seines Angesichts müht er sich um den Nachweis, wie abhängig Wilde von seinen Vorbildern war. Aber welcher Einsichtige hat es je bestritten? […] Erklärt sich dieses Buch am Ende nur durch die mangelnde Sehkraft des Professors, durch das ihm fehlende Augenmaß? […] Fehrs hartnäckiges Besserwissen wird auf die Dauer lästig. Er behauptet gern Dinge, denen kein Mensch widersprochen, er widerspricht Dingen, die kein Mensch behauptet hat. […] Welch ein Aufwand von Gelehrsamkeit ist nutzlos hier vertan! Und die Folgerungen, Professor Fehr, sind nicht immer fair.“

nach oben

 

 

 

zuletzt aktualisiert: 10.08.16