Horst Schroeder

Buchbesprechungen aus der Zeit der Weimarer Republik

1919 1920 1921 1922 1923 1924
1925 1926 1927 1929 1932  

1919

Gundolfs Shakespeare. LE, Bd. 22, Nr. 1 (1. Oktober 1919), 27-31.
Bd. 10 (Schluß) von Friedrich Gundolfs Shakespeare-Übersetzung. – „Mit dem zehnten Bande ist Friedrich Gundolfs deutscher Shakespeare zum Abschluß gelangt. Im Zeitraum eines Jahrzehnts hat der Mittler – der erste, der sich die Kraft und die Geduld zutraute, an sämtliche Dramen des Briten Hand anzulegen – seine ungeheure Arbeit bewältigt. […] – Ich habe mich mit Gundolfs ersten Bänden, als man noch hoffen durfte, den Fortgang des Unternehmens ersprießlich zu beeinflussen, mehrmals auseinandergesetzt. Lest, was ich im zwölften Jahrgang dieser Blätter (Sp. 1657 ff.) geschrieben habe. Es ist heute gültig wie am ersten Tage und wird es bleiben. Ich habe nichts hinzuzufügen, nichts zurückzunehmen. Gundolf hat seitdem nichts gelernt, nichts vergessen. Die Gesetze, nach denen er antrat, hat er bis zum Schluß getreu befolgt. […] – Es war im Jahre 1910, zwei Tage bevor Josef Kainz nach Wien fuhr, um sich dem Messer des Arztes auszuliefern. In einer kleinen Gesellschaft kam die Rede auf Gundolfs neue Shakespeare-Verdeutschung. Kainz wollte meine Ansicht wissen. Ich kargte nicht mit Anerkennung. Da ließ er sich vom Hausherrn den zweiten Band des Werkes geben, schlug den Romeo auf, und die schmiegsamste, geschulteste Zunge der deutschen Bühne stolperte über Gundolfs holprige Metrik. Der unerreichte Sprecher lehnte sie leidenschaftlich ab. […] – Schlegel-Tieck, bewundert viel, erst neuerdings auch viel gescholten, trug die Kraft in sich, hundert Jahre lang beinahe kanonische Geltung zu bewahren. […] Ob Gundolf, im Sprachlichen unleugbar ein Wegweiser, sich ebenso lange behaupten wird?“

Die goldene Maske. LE, Bd. 22, Nr. 2 (15. Oktober 1919), 104.
Ein Roman von Heinz Salmon. – „Herr Heinz Salmon […] hielt es anscheinend für eine Notwendigkeit, den Dorian Gray  noch einmal zu schreiben. ‚Ein moderner Schriftsteller’, läßt er seinen in Geist ertrinkenden Klugredner ausrufen, ‚debütiert meistens mit etwas, von dem der weise Ben Akiba gesagt haben würde, daß es schon dagewesen sei.’ Stimmt auffallend für diesen Roman. Bis zur Lächerlichkeit kopiert er bewußt sein Vorbild. Alles, aber auch alles ist übernommen: Handlung, Charaktere, Dialog, noch das Vorwort. Dazugekommen sind zwei oder drei Züge aus dem Leben Oscar Wildes, dem das Buch gewidmet ist. Das Bildnis hat sich in eine goldene Maske verwandelt; der schöne Dorian und der zynische Lord Henry sind in dem einen Alexander Eberhard zusammengeflossen. Selbst auf die Nebengestalten erstreckt sich der Nachbildungstrieb (die Zirkustänzerin Zita = Sybil Vane, der eifersüchtige Neger = Matrose). Das Feuerwerk der Unterhaltung wird böse verwässert. […] Mit Kunst hat der Versuch so viel zu tun, wie wenn Dilettanten sich ans Klavier setzen und über ein gegebenes Thema phantasieren.“

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1920

Englische Literatur. Berliner Tageblatt, 1. Februar 1920, Nr. 58, Sonntagsbeilage (‚Literarische Rundschau’), 2. Beiblatt.
Der englische Büchermarkt zur Zeit des 1. Weltkriegs mit besonderer Berücksichtigung jener „wenigen Edlen“ , die sich nicht von der allgemeinen Kriegshysterie haben anstecken lassen: John Galsworthy (Beyond), H. G. Wells (Mr Britling sees it through), Edward Garnett (Truth’s Welcome Home), Mrs Henry Hobhouse (An Appeal to Caesar), Patrick McGill (The Great Push), Charles H. Sorley (Marlborough and other Poems), Alan Saeger (Letters and Diary). – „Tauchnitz erscheint wieder. Nun muß sich alles, alles wenden. Das heißt: er ist auch während des Krieges erschienen; aber statt der modernen Autoren, die sonst seinen Stamm und seine Stärke bildeten, wurden Lücken in seinen Beständen aufgefüllt und die alte Garde (Bacon, Marlowe, Carlyle) ergänzt. Jetzt kommen wieder die beim reisenden Publikum des Kontinents so beliebten Kriminalgeschichten, die bei uns ihr Hauptabsatzgebiet in den Filmtheatern finden, wo sie gleichermaßen Dienstmädchen und Millionäre ergötzen oder das Gruseln lehren. Es kommen auch wieder Arnold Bennett und Bernard Shaw, die beide, vielwendig wie sie sind, bald hott, bald hüh zu sagen wußten (kein Widerspruch, es ist so!). Aber daß sie kommen, darf schon als ein Erwachen aus der Psychopathia bellicosa, wiewohl gewiß noch nicht als das Völkerfrühlingserwachen verzeichnet werden. […] – Vieles hat sich im Vereinigten Königreich während des Krieges gewendet. […] Mit Recht hat man behauptet, nie zuvor habe sich England so viel mit deutscher Literatur befaßt. Den Kenner englischer Sprachbequemlichkeit setzte es geradezu in Erstaunen, woher plötzlich alle diese Inselbewohner kamen, die des Deutschen mächtig waren – falls ihm nicht schon einige Jahre vor dem Krieg aufgefallen sein sollte, daß die Kenntnis der deutschen Sprache in Großbritannien sich zusehends, wenn auch selten hörbar, verbreitet hatte. – Jetzt trug sie ihre Früchte. Die Zahl der gegen Deutschland gerichteten Bücher war überwältigend groß. Sie strotzten von wüsten Beschimpfungen, von grotesken Ammenmärchen; ja, selbst offenkundige Lügen wurden nicht verschmäht, wenn sie sich ad maiorem patriae gloriam als nützlich erwiesen. (Vielleicht haben nur die Amerikaner mit ihrer Wolkenkratzersehnsucht auf diesem Gebiet noch Höheres geleistet.) Ich darf das gelassen aussprechen, denn ich stand nie im Rufe der Anglophobie. Noch heute, in der Erinnerung an diese Schlammflut mit ihren hoch aufspritzenden Haßwellen, steigt mir die Schamröte ins Gesicht. Wer das Idealbild des englischen Gentleman als keinen leeren Wahn empfindet, wie dies der Freiherr Ernst v. Wolzogen in seiner albernen Engländer-Diatribe neuerdings tut, war in tiefster Seele betroffen, daß mit so vergifteten Waffen gekämpft wurde. Der vermessene Glaube an die ‚superiority of the English race’ (nicht bloß die körperliche) trat so selbstsicher hervor, wie auf der Gegenseite die Überzeugung, daß die Welt eines Tages an deutschem Wesen genesen müsse. Doch es lohnt nicht, bei dieser Sorte von Schriften, der eigentlichen Kriegsliteratur, zu verweilen. An Schmutzigkeit der verwendeten Mittel wetteiferte sie getrost mit dem Sensationsjournalismus; bewundern konnte man an ihr nur die Willigkeit, mit der sie für Downing Street Propaganda machte. Vorüber, ach, vorüber! – [… Es] ist begründete Hoffnung vorhanden, daß sich die Literatur eine ihrer vornehmsten Aufgaben zurückruft: die Völker zu verbinden. Sie braucht nur das Menschliche über dem Nationalen nicht zu vergessen.“

Robert Burns. LE, Bd. 22, Nr. 12 (15. März 1920), 761-762.
Hans Hecht, Robert Burns. Leben und Wirken des schottischen Volksdichters. – „‚Anläßlich’ der Zentenarfeier von Burns hatte die Philosophische Fakultät der Berliner Universität im Jahre 1896 eine Preisaufgabe gestellt: ‚Quellenstudien zu Robert Burns’. Die zur Gedächtnisfeier Wilhelms III. am 3. August 1897 erfolgende Verkündigung der Urteile ergab, daß unter den fünf Bewerbern der stud. phil. Hans Hecht aus Mannheim und der stud. phil. Max Meyerfeld aus Gießen waren. Den Preis haben sie beide nicht erhalten. (Immerhin – der eine eine rühmende Erwähnung, der andere ein Akzessit.) Lang, lang ist’s her. Eheu fugaces, Postume, Postume, labuntur anni [Horaz, Oden, II.14]… – Alte Liebe scheint wirklich – manchmal – nicht zu rosten. Wenigstens gilt das für Hans Hecht, während sein Nebenbuhler von dunnemals, ein loser Falter, an vielen Blütenkelchen nippte. Was der Berliner Student der Anglistik mit heißem Bemühn in Angriff nahm, hat der Basler Ordinarius mit beharrlicher Abgeklärtheit vollendet. Ein schönes Zeugnis der Ausdauer in unserer flüchtigen Zeit. Fast ein Vierteljahrhundert währt nun schon seine Beschäftigung mit Robert Burns, und was so lange währt, ist gut geworden.“

George Moores Jesus-Roman. LE, Bd. 23, Nr. 3 (1. November 1920), 144-147.
George Moore, The Brook Kerith. A Syrian story. – „1911 wurde das Szenarium Der Apostel veröffentlicht. Mit der (von mir angeregten) Einleitung: ‚Als ich die Bibel zum erstenmal las’. Ein verblüffender Vorwurf: Jesus ist am Kreuze nicht gestorben, sondern wurde nur von einem Starrkrampf befallen und trat, nach Heilung seiner Wunden, in ein Kloster der Essener ein. Hier trifft, fünfundzwanzig Jahre später, der umherirrende Paulus mit ihm zusammen. Das Wunder der Auferstehung läßt der an Renans Geist geschulte Skeptizismus George Moores also nicht gelten; es ist jedoch für den Gottsucher aus Tarsos der Atem seines Glaubens. Ohne dieses Wunder kann die von ihm verkündete Heilsbotschaft nicht die Welt erobern, und ‚damit das Christentum lebe, muß Christus sterben’. Paulus erschlägt den Heiland, um weiter im Dienste seiner Idee wirken zu können. – Ein grandioser Stoff; ein Einfall von höchster Kühnheit. […] Für mich bestand der Reiz des dramatischen Entwurfs in der Improvisation. ‚Erliegen Sie nicht der Versuchung, sie auszuführen!’ mahnte ich. Denn wer besäße heutzutage genug Naivität, daß er sich getrauen dürfte, dem Heiland Worte eigener Prägung in den Mund zu legen! Wer vermöchte ihn mit der Hoheit und Herzenseinfalt, der Kraft und Schlichtheit, der Bilderwucht und -fülle des Evangeliums sprechen zu lassen! – Solchen Erwägungen zum Trotz war George Moore, nachdem er sich alles Irische und Irdische von der Seele geschrieben hatte, auf die Dauer nicht abzuhalten, sein dramatisches Skelett mit epischem Fleisch zu umgeben, das Szenarium Der Apostel zu dem Roman Der Bach Kerith zu verarbeiten. Hier möge eine Stelle aus meinen Londoner Aufzeichnungen des Jahres 1914 folgen: ‚Donnerstag, 4. Juni. Nachmittags bei George Moore. Er erzählte mir, daß er im Februar in Palästina gewesen, um Lokalstudien zu machen für einen Roman, dem sein Dramenentwurf Der Apostel zugrunde liege. Er schwärmte von einem Kloster, das er zum Schauplatz der Handlung ausgewählt. […]’ – Oscar Wilde hat in De Profundis einen rein ästhetischen Jesus gezeichnet, George Moore in dem Roman Der Bach Kerith einen rein rationalistischen. Es geht in der Tragödie seiner Lebensgeschichte sozusagen alles mit natürlichen Dingen zu, und statt mit einer welterschütternden Katastrophe schließt sie mit einem gemächlichen Idyll: wie Evelyn Innes sucht der Erlöser Erlösung von dem Alpdruck der Vergangenheit hinter Klostermauern. Jesus ist ein ‚Mönch’ wie die andern auch. Er weidete Jahre lang ihre Schafe, führte ein open air life und fand offenbar wenig Gefallen an ihren talmudischen Haarspaltereien. Sein Verhängnis trieb ihn nach Jerusalem, wo er auf Geheiß des Pilatus seinen Henkern ausgeliefert wurde. Durch einen glücklichen Zufall holte ihn der reiche Jüngling Joseph von Arimathia, dessen Werdegang die erste Hälfte der Erzählung füllt, rechtzeitig vom Kreuze und brachte ihn in sein Landhaus, wo er dank der Pflege einer alten, kräuterkundigen Dienerin genas. Danach kehrt er zu den Brüdern zurück und übernimmt wieder seinen früheren Beruf. Die furchtbare Jerusalemer Episode ist aus seinem Gedächtnis ausgelöscht. (Seltsame Psychologie!) Er hält seine dort gepredigte Lehre für die große Verirrung seines Lebens. Schon denkt er, seiner vorgerückten Jahre wegen, daran, die anstrengende Tätigkeit einer jüngeren Kraft zu überlassen, sich selbst in den Frieden der Brüdergemeinschaft zurückzuziehen. – Und so könnte er in das große Vergessen eingehen, wenn ihn nicht eines Tages der eifervolle Apostel aus seiner Beschaulichkeit aufscheuchte. Lange sträubt sich Paulus dagegen, den sanften Bruder Jesus als den gekreuzigten Jesus von Nazareth anzuerkennen; nicht einmal die Wundmale vermögen ihn zu überzeugen. Jesus will mit nach Jerusalem wandern, um die Lehre seines Apostels als Lüge zu entlarven. Kann dieser auch nicht mehr zweifeln, daß er den von ihm verkündeten Messias vor sich habe, so scheidet er doch von ihm in dem Bewußtsein, daß er einem Irren begegnet sei. Und wenn sie nicht gestorben sind … – George Moore hat also seinem Dramenentwurf die Giftzähne ausgebrochen. Die Pointe, daß der Meister von der Hand des Jüngers getötet werden muß, damit die Lehre nicht untergehe, fehlt im Roman. Das englische Lesepublikum, das von Mudie mit der Milch der frommen Denkungsart versorgt wird, hätte sich auch entschieden dagegen aufgelehnt. So wurde ihm die veränderte Fassung dargereicht – weniger gewaltsam und dafür belanglos. Der Roman in seiner neuen Form gehört der einzigen verbotenen Gattung der Literatur an. Seine endlosen landschaftlichen Schilderungen, seine weitläufigen Debatten über die Auslegung von Bibelstellen sind eine wahre Geduldsprobe, und die Nüchternheit des Ganzen muß verstimmen.“

Indipohdi. NZZ, 24. Dezember 1920, Erstes Morgenblatt, Nr. 2135.
Gerhart Hauptmann, Indipohdi. – „Wenn nicht alles täuscht, hat hier ein schmerzliches Erlebnis seinen poetischen Niederschlag gefunden. Die Wunde eitert noch. Schon einmal hat Hauptmann die Wesenskluft zwischen Vater und Sohn in einem Drama behandelt, das zu seinen menschlich ergreifendsten Kundgebungen gehört: im Michael Kramer. Wie dort im Schlußakt der alte Künstler seinem genialischen, verkommenen Sohne Arnold die Leichenrede hält – das wächst über den Anlaß hinaus in höchste und letzte Lebensdinge. So entwirft hier der Vater Prospero eine wundervolle Schilderung von der strahlenden Körperlichkeit seines mißratenen, aufrührerischen Sohnes Ormann. Diese Verse schwelgen geradezu in der Ausmalung jugendlicher Schönheit. Selten hat Elternglück, das sich im Anblick eines von der Natur verschwenderisch ausgestatteten Kindes sonnt, eine solche Glorifizierung erfahren. Selten ist einem in ephebenhafter Anmut prangenden Menschenkinde ein so herrlicher Hymnus gesungen worden. Er wäre eine würdige Nänie für den frühvollendeten Otto Braun; er verdient, mit Goethes Achilleïs in einem Atem genannt zu werden. Schon um dieser Einlage willen, die sich fast zu einem musikalischen Prunkstück ausweitet, wird man für Indipohdi immer einen Sonderplatz in der Erinnerung aufbewahren. – Menschlich Ergreifendes spricht auch aus der Grundstimmung des Werkes. Wir glauben, eine tiefe Müdigkeit daraus aufsteigen zu fühlen. Schatten der Schwermut sinken hernieder, eine edle Trauer entlädt sich. Prospero hat erkannt, daß die Macht des Guten in diesem irdischen Wirrsalstale gleichbedeutend ist mit des Guten Ohnmacht. Es verlangt ihn nach dem höchsten Bergesgipfel und dem letzten Erdenziel: dem Tod. Den fürchtet er nicht, nur ein neues Leben ‚in dieser sonnendüsteren, zweideutigen Schöpfung’. Eine buddhistische Weltflucht klingt an, Nirwana lockt, und Prospero geht zum Schluß beseligt in das Nichts oder in das All ein. – Hauptmann ist aus der unseligen Zerrissenheit unseres Erdteils und unserer Gegenwart in eine exotische Vergangenheit geflüchtet. Indipohdi bildet gemeinsam mit dem Weißen Heiland das ferne Wunderreich, worin der Dichter vor dem Unwetter des europäischen Zusammenbruchs Unterschlupf suchte.“

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1921

Literarische Notizen. NZZ, 6. März 1921, Viertes Blatt, Nr. 343.
„Im Meister-Saal zu Berlin [am 04.03.21] las Walter Lesch, ein junger Zürcher, aus eigenen Schriften: zwei Kapitel eines Entwicklungsromans Aufklang und sieben kurze lyrische Gedichte. […] Es nimmt sehr für den jungen Schriftsteller ein, daß er sich allen literarischen Auswüchsen bewußt fernhält. In den Eingangsseiten des Romans, der den Helden Giovanni im Kreise gleichgestimmter Freunde und geliebter Mädchen vorführt, zittern die Kämpfe und Krämpfe der Pubertätsjahre nach. Besonders wohltuend fällt die seelische Reinheit auf, mit der hier Frühlings-Erwachen geschildert ist.“

Oskar Wilde über Frauen, Liebe und Ehe. LE, Bd. 23, Nr. 12 (15. März 1921), 760.
Ausgewählte Textpassagen, herausgegeben von Rudolf Paust. – „‚Wildes Berühmtheit ist dank der Tätigkeit des Berliners Dr. Meyerfeld, eines der ersten Kritiker Deutschlands, auf einer gründlichen Darstellung seiner literarischen Arbeiten begründet. Meyerfeld hat seinem Gedächtnis große Dienste erwiesen, nicht nur dadurch, daß er über den Menschen und über den Künstler schrieb, sondern auch dadurch, daß er sein Gedächtnis gegen die literarischen Räuber in seinem Lande schützte, die aus dem allgemeinen Interesse Vorteile zu erhaschen gesucht haben. Jeder deutsche Schmierer schreibt in Zeitschriften über Wilde, aber Meyerfeld ist da, um die Krämer mit Keulenschlägen in ihre Höhlen zurückzutreiben.’ So sah Robert H. Sherard im Jahre 1906 die Dinge. Max Herkules Meyerfeld ist nicht imstande gewesen, den Augiasstall auf die Dauer zu säubern; sonst wäre diese Veröffentlichung unterblieben. Eine solche geist- und sinnlose Aneinanderreihung von Stellen hat niemals ein Daseinsrecht gehabt; am wenigsten in Zeiten der Papiernot.“

Irische Volksmärchen. LE, Bd. 23, Nr. 16 (15. Mai 1921), 1013.
Douglas Hyde (Hrsg.), Beside the Fire, übers. von Käte Müller. – „Neben dem bis ins Groteske gesteigerten Mittel der Übertreibung wird von den Iren gern mit dem Zug gearbeitet, eine Geschichte schneeballartig anwachsen zu lassen, sie bei jeder Wiederholung mit neuen Einzelheiten auszuschmücken, wie es J.M. Synge im Playboy of the Western World so ergötzlich dargestellt hat. Rein dichterisch stehen diese keltischen Märchen mit ihrer oft krausen Phantastik keineswegs so hoch wie die germanischen mit ihrer ansprechenderen Phantasie.“

Irenaeus. LE, Bd. 24, Nr. 1 (1. Oktober 1921), 15-17.
August Stein, posthum herausgegebene Sammlung von Gesellschaftsbildern, zuerst veröffentlicht in der Frankfurter Zeitung unter Steins Pseudonym Irenaeus. – „Man erfährt jetzt aus dem Vorwort, daß der Berliner Korrespondent sich nicht etwa zu dem Kirchenvater gleichen Namens besonders hingezogen fühlte, sondern durch die Wahl dieses Allonyms der einzigen Tochter, Irene, eines ihm befreundeten Ehepaars eine zarte Huldigung darbringen wollte. Der Politiker als Troubadour – dieser romantische Zug fügt sich schön in das Bild des verehrten Mannes. Etwa die Hälfte der Aufsätze gibt Charakteristiken politischer Persönlichkeiten; die andere Hälfte befaßt sich mit sogenannten faits divers ‚aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben zur Zeit Wilhelms II.’. Hier hat der Plauderer von seltenen Reizen das Wort. – […] Bedenkt man, wie rasch Steins journalistische Arbeit häufig ausgeführt werden mußte, so bleibt es erstaunlich, daß er auf ihre Form so viel Sorgfalt verwenden konnte. Er war kein Stilfex, doch er hielt auf saubern und anmutigen Zuschnitt. Ihm war es in erster Linie um das Was zu tun; daß das Wie in der Bedrängnis des Augenblicks keine Not litt, zeugt für die Zucht des Schreibers. Dabei hat man die Empfindung (selbst wenn man es nicht von ihm wüßte), daß er keineswegs leicht produzierte. […] Der Leser seiner Aufsätze aber wird, einen von Hebbel notierten Satz Sheridans umkehrend, bekennen: ‚Was so verdammt schwer zu schreiben ist, ist oft leicht zu lesen.’“

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1922

Brevier der feinen Küche. NZZ, 8. Januar 1922, Fünftes Blatt, Nr. 32.
Ein Kochbuch von Julie Elias (1866-1945), Modejournalistin und Ehefrau des Kunsthistorikers und Übersetzers Julius Elias (1861-1927). – „Brevier der feinen Küche nennt Julie Elias, sonst Zielrichterin im Wettrennen der Mode, ihren Ausflug ins Kulinarische […]. Wer je den Vorzug gehabt hat, in dem durch eine herrliche Gemäldesammlung geschmückten Heim der Verfasserin ihre erlesenen gastronomischen Schöpfungen kennen zu lernen, der schwört ohne weiteres auf die Worte der Meisterin. Denn jemand, der sich so oft und so erfolgreich in der Praxis bewährt hat, daß ihm fast schon eine legendäre Berühmtheit anhaftet, kann in der Theorie unmöglich versagen. Hier spricht keine platonische Verehrerin, sondern eine in allen Künsten des Kochtopfs erprobte Liebhaberin. […] Wie alles, was Julie Elias mit feiner Feder schreibt, ist auch dieses Brevier, selbst für Männer, lesbar, ist sogar mit literarischen Anspielungen pikant gewürzt. Gleich fällt ihr, wenn etwa ‚Trittmadam’ zur Frühlingssuppe gebraucht wird, ein Vers aus den Dafnisliedern  von Arno Holz ein, und Goethe wird so oft als Kronzeuge angerufen, daß das Goethe-Jahrbuch nicht umhin kann, dieses Kochbuch zu registrieren. ‚Während des Krieges kochte man nicht mehr, was schmeckte; es mußte schmecken, was gekocht wurde’, heißt es im Vorwort; dem gegenüber soll jetzt den Frauen durch Hinweis auf eine gepflegte Zubereitung wieder Mut gemacht werden. Grundsätzlich wäre vielleicht nur zu bemerken, daß die Ausführung jetzt vielfach an den unerschwinglichen Preisen scheitert. Der Magen ist willig, doch der Beutel ist schwach. […] Sicherlich werden viele die Wahrheit des englischen Satzes: ‚The proof of the pudding is in the eating’ feststellen wollen. Der ‚Pudding’ umfaßt hier die Gebiete: Suppen, Fische, Gemüse, Fleischgerichte, Saucen, süße Speisen, Backwerk, Vorgerichte, Eierspeisen, Salate und – überraschende Seltenheit bei einer Dame – Getränke. Guten Appetit!“

Gordon Craig und das Kino. NZZ, 26. Februar 1922, Viertes Blatt, Nr. 260.
Gordon Craig, ‚The Cinema and its Drama’, The English Review, Bd. 33, Febr. 1922, S. 119-122. – „Nach der maßlosen Überschätzung, deren sich, namentlich in Deutschland, das Kino sogar bei ernst zu nehmenden Beurteilern erfreut, die das Filmdrama in einem Atem mit dem Wortdrama nennen, ist es nicht verwunderlich, daß ein Künstler strengster Observanz vielleicht in das andere Extrem verfällt.” – Einen halben Monat später referierte die Redaktion der NZZ eine ausführliche Gegendarstellung, die ihr zu dem Artikel zugegangen war: „Die jüngst – Nr. 260 – in Übersetzung hier erschienene Auslassung des berühmten, in seiner Art genialen englischen Bühnenreformers Gordon Craig hat die Leute von der Kinobranche offenbar etwas nervös gemacht. Vom Herausgeber des Kinematograph & Lantern Weekly in London ist uns eine Gegenäußerung gegen die von Craig temperamentvoll-einseitig formulierten Ansichten zum Thema Kino zugegangen […].“ (‚Gordon Craig und das Kino’. NZZ, 15.03.22, Nr. 346.)

Hoffnung auf Friede. LE, Bd. 24, Nr. 19 (1. Juli 1922), 1201-1202.
Autorisierte Übersetzung von H. G. Wells’ Washington and the Hope of Peace. – „Wackrer Wells! Mitten im Krieg, als der Wahnsinn eine staatserhaltende Geisteskrankheit geworden war, entdeckte der Vater des Mr Britling (vgl. LE XXI, 588 ff.) seine schöne Menschlichkeit und stellte sie über die verheerende Nationalität, den Krankheitserreger. Jener Brief, den der schwer geprüfte Britling an einen vom gleichen Schicksal betroffenen deutschen Vater schreibt, wird als eins der edelsten Dokumente menschlicher Gesinnung oder als eins der menschlichsten Dokumente edler Gesinnung in einer von allen bösen Dämonen verseuchten Literatur weiterleben. [Vgl. MMs Aufsatz ‚Britling’ im LE, Bd. 21, Nr. 10 (15.02.19), 588-591, sowie seine Buchbesprechung im Berliner Tageblatt vom 01.02.20, Nr. 58.] – Seitdem ist H.G. Wells, der als Verfasser phantastischer Romane begann, nicht mehr von der politischen Schaubühne abgetreten. Welche Wandlung! Auch in Deutschland war bei Kriegsausbruch viel die Rede davon, nicht mehr wie bisher dürften sich die Künstler in eitler Selbstsucht der Politik fernhalten, sie müßten werktätigen Anteil an den Geschicken der Volksgemeinschaft nehmen. Manch einer wagte damals den Sprung; längst haben sich die Schnecken in ihr Haus zurückgezogen. Keinen sah man bei uns, mit einziger Ausnahme des von der Industrie her kommenden Rathenau, zu allgemeiner Geltung gelangen, während England bereits seinen Shaw hatte, seinen Wells erhielt, Frankreich in Romain Rolland und Barbusse Sprecher fand, auf deren Stimme die Welt hörte. Wenn wir nicht ewig im Hintertreffen bleiben wollen, müssen wir ernstlich daran denken und alles dafür tun, unseren geistigen Erzeugnissen den Weltmarkt zu erobern. Es genügt nicht, daß wir Maschinen exportieren. – Dieser vom politischen Johannistrieb erfaßte Wells ließ es sich nicht nehmen, als Berichterstattter für die Daily Mail zur Konferenz nach Washington zu gehen. Von dem Jingo-Blatt versprach er sich wohl den breitesten Nachhall. Seine Tätigkeit an dieser Stelle kam jedoch zu vorzeitigem Ende, weil er die Dinge beim rechten Namen nannte und freimütig das befreundete Frankreich als das hinstellte, was es nicht erst seit den Tagen von Washington ist. – Inzwischen sind wir schon nach Genua gekommen, ohne daß sich Wesentliches an der Weltlage geändert hätte. Wells sieht sie als überaus besorgniserregend, aber nicht als ganz hoffnungslos an. […] Natürlich heißt die Hoffnung – Amerika. Es könnte dem armen Europa vielleicht wieder auf die Beine helfen, denn es hat die Taschen voll, aber es hat leider auch die Nase voll. Wells schließt seine Aufsatzreihe mit einem Traum von einer besseren Welt. Nach den ernüchternden Realitäten kann er es sich nicht versagen, ein Utopien auszumalen, in dem jeder zum höchsten Wuchs seiner geistigen Vollendung gedeiht. Das Aug’ des Dichters rollt in schönem Sinn. Wackrer Wells! Wir salutieren.“

Die Schatzinsel. LE, Bd. 25, Nr. 4 (15. November 1922), 240-241.
Stevensons Treasure Island in neuer deutscher Übersetzung, mit Zeichnungen von Rolf v. Hoerschelmann. – „Virginibus puerisque. Aber doch mehr für Knaben. Für Knaben, die noch an Abenteuern mehr Gefallen finden als an Jungfrauen. Wenn sich die Jugend nicht mehr für Kingston und Ballantyne und Cooper begeistere, dann wolle er nichts mehr von der Welt wissen – erklärt Stevenson in einem als Proömium und Programm vorausgehenden Gedicht. Ja, begeistert sich die angelsächsische Jugend heute wirklich noch für jene Meister? Stevenson selbst freilich, von alten Knaben zum Klassikerrrang emporgehoben, hat noch nichts von seiner heimischen Geltung eingebüßt; so stark wirkt der Zauber des Menschen nach. Der Verfasser der Schatzinsel ist ein Inselschatz geblieben. Gerade jetzt stellt man wieder ein Buch mit persönlichen Erinnerungen an ihn zusammen. Ist ihm auch die Liebe der modernen britischen Jugend geblieben? Wenn sie für Abenteuer zu Land und zu Wasser erglüht, hat sie, sollte man denken, ein Anrecht auf die neuesten Erfindungen; so ein Schmöker müßte ihr zum mindesten durch Marconi und Einstein schmackhaft gemacht werden. Kipling, der sich in den Wundern der Technik auskennt und dessen Technik vielfach ein Wunder ist, versäumt das nicht. Er wirkt neben Stevenson mit seiner vielfach veralteten Technik wie ein mit allem Komfort ausgestattetes amerikanisches Riesenhotel neben dem Gasthof in einem englischen Provinzstädtchen; allerdings auch wie ein Pianola, fast schon wie ein Orchestrion neben einem Spinett. – Die Übersetzung erfüllt allerhöchste Ansprüche. Wäre die Geschichte nicht in ein so vorzügliches (nur unvollständig interpungiertes) Deutsch übertragen, ich hätte sie schwerlich bis zu Ende lesen können, da ich leider aus den teens bin und die ganze Gattung mich nie reizte. Zu beneiden ist der Mittler um seine Kenntnis der Seemannssprache. Sein Name wird nicht genannt. Warum auch! Der Verlag hält es für richtiger, die Namen des Zeichners und der Druckerei mitzuteilen. Trotzdem sei er freundlichst ersucht, aus dem Dunkel hervorzutreten. Wir können so tüchtige Kräfte nicht entbehren.“

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1923

Ein deutscher Wilde. LE, Bd. 25, Nr. 7/8 (1. Januar 1923), 410-412.
Oscar Wildes Werke in fünf Bänden (Berlin: Deutsche Bibliothek 1922), ein Nachdruck der zehnbändigen Ausgabe Sämtliche Werke in deutscher Sprache (Wien: Wiener Verlag 1906-1908). – „Wie oft werde ich gefragt, ob es denn keine deutsche Gesamtausgabe der Schriften Oscar Wildes gäbe! Danach scheint es, daß Literaturfreunde und Büchersammler von der ursprünglich, 1906, im Wiener Verlag erschienenen Ausgabe nichts wissen – oder nichts wissen wollen, weil sie ihren Ansprüchen an Wert oder Ausstattung nicht genügt. Und doch ist diese Ausgabe – von einem dunklen Ehrenmann lange vor dem glorreichen Schieber-Völkerfrühling veranstaltet –, wenn sie auch nicht recht leben und noch weniger: recht leben konnte, offenbar nicht totzukriegen. Das unverwöhnte Publikum kauft sie, und damit ist für den Geschäftsstandpunkt ihre Existenzberechtigung erwiesen. Auch Auflagen haben ihre Schicksale. Die Konkursmasse des Wiener Verlags – der Gerichtsvollzieher scheint von Wilde unzertrennlich, wie die Bacchanten von Dionysos – ging an den Globus-Verlag in Berlin über, der zuerst mit den Restbeständen aufräumte und dann etliche Neudrucke in verschiedenem Gewand herstellte. Deren letzter segelt unter der Flagge ‚Deutsche Bibliothek G.m.b.H., Berlin’. – Aus den zehn Bänden des Wiener Unternehmens sind jetzt fünf geworden, ohne daß Wesentliches ausgeschieden wäre. Die früher zwei Anhangbände füllende, ach! so gut gemeinte, als Materialsammlung unentbehrliche, aber mit äußerster Vorsicht zu gebrauchende Lebensgeschichte Wildes von seinem Freunde Robert H. Sherard ist ersetzt durch eine Einführung Philipp Aronsteins, die sich Oscar Wilde: Sein Leben und Lebenswerk nennt. Ihr Verfasser hat sich als wissenschaftlicher Forscher im Bereich der englischen Literatur umgetan und genießt, durch die Gründlichkeit seiner philologischen Arbeit, eines verdienten Rufes in Fachkreisen. Wenn es sich um einen ‚minor poet’ – sagen wir: um einen Zeitgenossen Shakespeares handelte, würde Aronstein gewiß seinen Mann stehen. Aber unser Zeitgenosse Oscar Wilde verlangt von einem, der ihn biographisch-kritisch darzustellen unternimmt, doch wohl mehr als das Schwergepäck des Gelehrten. Nur eine starke Persönlichkeit wird es wagen dürfen, eine so starke Persönlichkeit nachzuzeichnen. Aronstein wirkt sympathisch, weil er mit Nachsicht über die Schwächen des Menschen, mit Bewunderung über die Vorzüge des Künstlers Wilde spricht, und unterscheidet sich dadurch vorteilhaft von dem hochmütigen Ton, den einige deutsche Essayisten Wilde gegenüber anzuschlagen beliebten. Man hat den Eindruck: hier gibt sich ein wohlwollender Beurteiler alle erdenkliche Mühe, seinem Gegenstand gerecht zu werden. Aber er muß versagen, weil er rein schriftstellerisch zu wenig für seine Aufgabe mitbringt. Weder seine Einstellung noch seine Darstellung haben etwas Zwingendes, und statt des schlagenden Ausdrucks, der die Nuance auf die Goldwaage legt, herrscht meist der herkömmliche vor. – Wäre wenigstens das Tatsächliche untadelig! Aber man ist überrascht, wie weit Aronstein auch hinter der selbstverständlichen Forderung der Exaktheit zurückbleibt. Da rächt es sich, daß er lediglich auf Sherards Angaben fußt, die er blindgläubig hinnimmt. […] – Auch sonst hätte er manchen Lapsus vermeiden können […] – Noch ein Wort über die Textbehandlung in der neuen Ausgabe. Stichproben zeigen, daß hier und da kleine Änderungen vorgenommen wurden – von einem ungenannt gebliebenen Revisor. Ich finde, er verkennt sein Amt, wenn er mir in meine Übersetzung der Herzogin von Padua etwelche Druckfehler hineinkorrigiert. [MMs harsche Kritik ist m.E. völlig unberechtigt.] – Wie schön wär’ es, wenn wir von dieser annähernd vollständigen, dieser so vollständigen Ausgabe der Werke Oscar Wildes, wie es mit Wahrung der Sonderrechte möglich ist, freudig sagen könnten: der deutsche Wilde. Wie wir von dem deutschen Ibsen sprechen, wenn wir die Fischersche Gesamtausgabe meinen. Dieses Glück scheint dem Dichter der Salome in Deutschland nicht widerfahren zu sollen. Vielleicht ist die Gelegenheit ein für allemal verpaßt, da heute jeden Verleger die Kosten schrecken werden. Um so mehr sollte die bestehende Ausgabe danach streben, durch zähes Bessern des Erreichten dem Ideal näher zu kommen.“

Enter: D. H. Lawrence. LE, Bd. 25, Nr. 11/12 (1. März 1923), 581-584.
Autorisierte deutsche Ausgabe von The Rainbow. – „Kein Schriftsteller englischer Zunge hat in den Jahren seit Kriegsausbruch so viel von sich reden gemacht wie D. H. Lawrence, Verfasser mehrerer umfangreicher Romane. Ihr äußeres Schicksal mag dazu beigetragen haben, seinen jungen Ruhm zu fördern; denn verschiedene von ihnen wurden in Großbritannien sowohl wie in Amerika auf den Index gesetzt. Die materielle Schädigung eines Autors kommt auch in den angelsächsischen Ländern der Verbreitung seines Namens zustatten, und die unfreiwillige Reklame, die ein Verbot des Zensors allemal aufwirbelt, ist eher geeignet, einer positiven Leistung zu nützen als ihr Abbruch zu tun. – Soweit es sich aus der Ferne beurteilen läßt, hat Lawrence heute besonders unter der durch den Krieg in ihrem Wesen gewandelten, von der viktorianischen Tradition messerscharf geschiedenen Jugend seine begeisterten Anhänger – was stets als ziemlich sicheres Kriterium für Zukunftswerte gelten kann. Besucher aus England, nach ihren neuen dichterischen Größen gefragt, nannten Lawrence fast immer an erster Stelle. Lange bemühte ich mich vergeblich, eines Buches von ihm habhaft zu werden. Erst im letzten Sommer hatte eine deutsche Dame die Freundlichkeit, mir seinen Roman Sons and Lovers zu leihen. – Unverkennbar, dieser Lawrence ist ein Kerl. Zweifellos wagt er Dinge auszusprechen, die niemand vor ihm in der englischen Literatur mit solcher Offenheit behandelt hat. Seine Einseitigkeit grenzt an Besessenheit. Aber er hat unbedingt das Zeug dazu, ein Großer zu werden. Mein regster Anteil an seiner Person erlitt freilich eine gelinde Abkühlung, als ich mir sagen lassen mußte, daß er, offenbar aus nationaler Voreingenommenheit, der deutschen Übersetzung seiner Werke kein Gewicht beizulegen erklärt habe. Sollte er wirklich so borniert oder so engherzig sein? Es wäre um so törichter, als man gleich nach der ersten Bekanntschaft mit ihm den Eindruck hatte, daß Deutschland seine Vorzüge rückhaltlos anerkennen, ja vermutlich die Wiege seines Weltruhms sein werde. Er befände sich mit Shakespeare, Byron, Wilde, Shaw nicht einmal in schlechter Gesellschaft. – Nun gibt der Insel-Verlag die autorisierte, 662 Seiten starke Übertragung des Romans Der Regenbogen von D. H. Lawrence heraus. Mit der Abneigung muß es demnach nicht gar so schlimm sein. Trotzdem ist es keine ungemischte Freude, wenn man bedenkt, daß namhafte deutsche Schriftsteller nur unter schweren Kämpfen die Drucklegung neuer Bücher oder den Neudruck bereits verlegter heutzutage durchsetzen können. Ich weiß mich wahrhaftig von den nationalistischen Scheuklappen frei, die ich eben dem Engländer zum Vorwurf gemacht habe; doch solange heimische Geistesarbeiter von Rang unter der Papiernot und den monströsen Unbilden der Zeit ächzen, haben wir keinen Grund, Ausländer, und seien sie noch so bedeutend, bei uns einzuführen. Charity begins at home. Das gilt auch für deutsche Verleger. Dies vorausgeschickt, sei der Insel-Verlag zu seinem Wagemut beglückwünscht. – …Was ist das Bezwingende an D. H. Lawrence? Daß er keinen Zweifel an seiner Gestaltungskraft aufkommen läßt. Hier ist wirklich ein Menschenbildner am Werke. Er stellt scharf ausgeprägte Individuen hin, die sich scharf einprägen. Ihres Wesens Generalnenner ruht vorläufig noch in einem Punkte. […] Liebe und Kampf, der Kampf um die Liebe, der Kampf in der Liebe ist sein ewiges Thema oder seine ewige Melodie. Gewiß kein neues Thema, sondern die älteste Melodie in neuer Harmonisierung, mit allen Kakophonien moderner Instrumentation. Bei Hebbel ist dieser Zweikampf ein Turnier, in dem mit zerebralen Lanzen gestochen wird; Spitzfindigkeiten sprühen. Bei Strindberg besteht der aus Haßliebe geborene Kampf zwischen Mann und Frau darin, daß sie durch ihr Mißtrauen die Luft vergiften und einander täglich bis aufs Blut reizen; ein Zusammenleben wird Höllenqual auf die Dauer. Nach dem Dialektiker und dem Neurastheniker ist Lawrence wesentlich ungeistiger. Alle Anziehung und Abstoßung quillt bei ihm aus der körperlichen Vereinigung. Der Geschlechtsakt ist für ihn der große Regulator der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. […] Lawrence geht bis an die äußerste Grenze, wenn er in sexualibus schwelgt, wühlt, rast. […] Die kontinentale Vorstellung von den zurückhaltenden, gefühlskargen, kühlen, frigiden Inselbewohnern findet an Lawrence keine Stütze. – […] 662 Seiten: ganz arm an äußerem Geschehen und reich an innerem Erleben. Des Dichters hohe Kunst macht es möglich. Trotzdem ist manches viel zu breit geraten. Lawrence hat die Angewohnheit, Dinge, die ihn wichtig dünken, dreimal oder noch öfter zu sagen, als ob er mit einer Leserschaft von Schwerhörigen rechne; dann wiederholt er beständig das Wort, auf das es ihm ankommt. Auch das scheint eine Besonderheit von ihm, daß seine Bücher schlecht komponiert sind. Entbehrliche Episoden werden endlos ausgesponnen. […] Aber das alles zählt nicht gegenüber der kraftstrotzenden Fülle eines solchen Könners. – Und ein Könner hat ihm das deutsche Gewand verliehen. Diese von F. Franzius besorgte Übersetzung ist als etwas Außergewöhnliches zu rühmen. Sie hat Stil, ihren eigenen Stil, der sie zu einer selbständigen Leistung emporhebt. Nur an wenigen Stellen spürt man den ursprünglichen Ausdruck hindurch; ganz vereinzelt haben sich Anglizismen eingeschlichen. Vielleicht geht der Dolmetsch in der Sucht nach Verdeutschung zu weit, wenn er die Leute von Derbyshire Platt sprechen läßt; doch wenn es so treffsicher und anheimelnd geschieht, empfindet man die entwurzelte Mundart gegenüber der fälschenden Schriftsprache als das geringere von zwei Übeln.“ – Ergänzend zu dieser Rezension veröffentlichte die Redaktion des LE am 01.05.23 (Nr. 15/16, 859) folgende „Zuschrift“ Meyerfelds: „Von einer Seite, die es wohl am besten wissen muß, wird mir mitgeteilt, meine Angabe (LE XXV, 581), der Romanschriftsteller D. H. Lawrence habe erklärt, einer deutschen Übersetzung seiner Bücher kein Gewicht beizulegen, entspreche nicht der anders bekundeten Gesinnung dieses mit einer Deutschen verheirateten Engländers. Er habe seiner tiefen Sympathie für Deutschland wiederholt den schönsten Ausdruck gegeben und in Verzagenden den Glauben an unsere Zukunft wieder gestärkt. Da ich keinen Grund habe, dies zu bezweifeln, ist es meine Pflicht zu sagen, worauf sich mein Vorwurf nationaler Engherzigkeit stützte. Die von mir erwähnte deutsche Dame ließ durch ihre in London lebende Schwester beim Verleger von D. H. Lawrence nach den Bedingungen für eine Herausgabe seiner Romane in deutscher Sprache fragen, und dort wurde ihr der von mir angeführte Bescheid zuteil.“

Übersetzungen englischer Lyrik. LE, Bd. 25, Nr. 17/18 (1. Juni 1923), 872-874.
Shelleys Dichtungen in „neuer Übertragung“ durch den expressionistischen Dichter Alfred Wolfenstein (1883-1945); die Anthologie Britanniens neue Dichtung, übersetzt und herausgegeben von Karl Arns und mit einer Einleitung versehen von Paul Selver. – „Nun legt Alfred Wolfenstein Dichtungen von Shelley in neuer Übertragung vor. Durch eigene Lyrik legitimiert, wagt er sich an diese Dichtungen heran, ‚die nach Shakespeare die schönsten Werke der englischen Sprache sind’. Soweit ich Wolfensteins Produktion kenne, habe ich sie als vehement und turbulent in der Erinnerung. Kampf und Krampf ist darin. Er steht mit seiner aufrührerischen Gebärde wohl den Aktivisten nahe. Am liebsten möchte er den Ossa auf den Pelion wälzen. Zugegeben, daß auch bei dem rebellischen Schwärmer Shelley die Empörung als Grundakkord anklingt; aber sie ist immer bei ihm musikalisch abgestimmt. War er ein Sänger und ein Kämpfer, so ist bei ihm der Kampf doch durch Melodie geadelt, die Auflehnung durch Wohllaut beschwichtigt. Nicht umsonst hat ihn jemand den Chopin der englischen Sprache genannt; so mit Melos getränkt, tönt sie bei ihm. […] – Nach diesem grundsätzlichen Vorbehalt soll Wolfensteins Verfahren im einzelnen durchleuchtet werden. […] Was hier an einem Gedicht nachgewiesen wurde, trifft auf sämtliche zu. Stets wird ein Extrakt geboten; das also gestutzte Original erfährt im einzelnen dann noch willkürliche Übergriffe. Was würde man von einem Musiker denken, der – nehmen wir ein bestimmtes Beispiel: Chopins Prelude in Des-dur für die Geige bearbeitet derart, daß er es in eine andere Tonart überträgt, den Mittelsatz in E-dur, weil für die Violine ungeeignet, fallen läßt und auch sonst sich eigenmächtige Änderungen erlaubt! Das ist ungefähr Wolfensteins Rezept. Hat man es mit Entschiedenheit abgelehnt, so bleibt anzuerkennen, daß der Nach- oder Umdichter kein Un-Dichter ist. Er gibt vielfach nicht Shelley, sondern Wolfenstein; aber er hat wenigstens etwas zu geben. – Bei Karl Arns scheint dies keineswegs festzustehen. So dankenswert das Unterfangen ist, Britanniens neue Dichtung in ihren Hauptvertretern zu spiegeln, so grotesk mutet es an, wenn gleich sechsundsechzig nach Rasse, Rang, Alter, Temperament verschiedene Poeten in der Übertragung eines einzigen Mittlers aufmarschieren. Kein prosodischer Fregoli vermöchte diese schlechterdings unlösbare Aufgabe zu bewältigen. Auch auf der Leier des Nachdichters ist die Saitenzahl beschränkt, und wenn er sich zutraut, jedem Naturell und jeder Gattung gerecht zu werden, läuft er Gefahr, stets die gleiche Leier vernehmen zu lassen. […] – Paul Selver hat zu dem armselig ausgestatteten Bändchen die Einleitung beigesteuert. Er bemüht sich darin, Ordnung in das Namengewirre zu bringen, die Fülle der Erscheinungen zu sichten, mehrere Poetengruppen hervorzuheben. […] Das Ferment der ganzen Bewegung ging von der Sammlung Wheels seit 1916 aus. Hier sind es besonders die Sitwells, Schwester Edith nebst den Brüdern Osbert und Sacheverell, die mit jugendlichem Übermut gegen Petrefaktes und Cliquentum anrennen. Ihre Satire, mit Recht auf das log-rolling, die gegenseitige Beweihräucherung, zielend […], spitzt sich bis zu schärfsten persönlichen Angriffen in der Art Byrons zu. Von den Sitwells darf man, wenn sie erst einmal gründlich aufgeräumt haben, noch Positives erwarten.“

Deutsche in England […]. LE, Bd. 26, Nr. 1 (Okt. 1923), 53-54.
C.R. Hennings, Deutsche in England (Stuttgart 1923); Kuno Francke, The German Spirit (New York 1916). – Zu Hennings’ Buch: „‚Was vergangen, kehrt nicht wieder; aber ging es leuchtend nieder, leuchtet’s lange noch zurück!’ [Anfang des Gedichts ‚Erinnerung und Hoffnung’ von Karl Förster (1784-1841)] Man muß, wie ein Pastor an der Gruft eines blöde vor der Zeit geknickten Menschenlebens, sentimental werden, wenn man hier am Grabe der deutschen Leistungen in England steht. ‚Kein Volk hat mit so viel Pflichtgefühl und Fleiß zur Größe Englands beigetragen wie das deutsche’, urteilt Hennings zusammenfassend. Auf jedem Gebiete menschlicher Betätigung – vielleicht mit einziger Ausnahme des Sports – haben deutsche Hirne und Hände Bleibendes in England geschaffen. Die Quittung dafür erhielten sie im Weltkrieg, als (dank dem teuflischen Organisationstalent Lord Northcliffes) eine beispiellose Hetze gegen alles, was deutschen Ursprungs war, inszeniert wurde. […] Nachdem Hennings im ersten Teil seines Buches, bei den Tagen der Hanse beginnend, als treuer Chronist verzeichnet hat, wie befruchtend deutscher Einfluß drüben wirkte, tut sich im zweiten Teil ein Trümmerfeld auf. […] Frei von gehässiger Wut und ohnmächtigem Geschimpfe ist die Darstellung. Ja, das Buch klingt trotz allen Bitternissen nicht ganz hoffnungslos aus. Der Leser klappt es, elegisch gestimmt, zu und seufzt mit Äneas: ‚O Königin, du weckst der alten Wunde unnennbar schmerzliches Gefühl.’“ [Schiller, ‚Die Zerstörung von Troja’, 1] – Zu Franckes Veröffentlichung: „Über den drei, von Kuno Francke in den ersten Kriegsjahren gehaltenen Vorträgen, die eine tapfere defensio deutschen Wesens in partibus bedeuten, könnte das Bibelwort stehen: ‚Man sagt ihnen genug, aber sie wollen es nicht hören.’[Jesaja 42:20] Die Amerikaner waren in diesem Punkte schon damals unbelehrbar und sind es leider zum großen Teil noch heute. Man liest die sachkundigen Ausführungen und die schlagenden Argumente des Professors der deutschen Kulturgeschichte an der Harvard-Universität mit einem Gefühl wie ein unheilbar Kranker die Anpreisung eines neuen Heilmittels lesen mag. Was hat er davon, daß es andern vielleicht nützt! Was helfen alle guten Worte, wenn sie taube Ohren treffen! ‚Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste.’“

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1924

Phaidon-Drucke […]. LE, Bd. 26, Nr. 8 (Mai 1924), 507.
William Wordsworth, Gedichte, deutsch von Ludwig Goldschneider (zweiter Phaidon-Druck: Wien 1924); Jonathan Swift u. Alexander Pope, Aphorismen, deutsch von Ludwig Goldschneider (dritter Phaidon-Druck: Wien 1924). – „Welch ein Genuß, welch eine seltne Freude! Wordsworth naht auf schneeig-weißem Büttenpapier in Pergamenteinband, Swift-Pope kommen auf gelb getöntem Bütten in blauem Lederrücken zu uns. – […] Klassische Übersetzungen kommen noch seltener vor als Schaltjahre. Was Ludwig Goldschneider für dreizehn Gedichte von Wordsworth (eine gar zu spärliche Auslese) und die Xenien der zu gemeinsamer Epigrammatik verbundenen Dichter Swift und Pope hier geleistet hat, ist entschieden Klasse – doch klassisch? Man halte etwa nur das Sonett ‚An der Westminster Brücke’ (warum fehlt der Bindestrich?) neben das Original, und man wird begreifen können, daß dieses den Engländern als weihevoller Besitz ihres Sprachgutes gilt, während man vor der hochachtbaren Übertragung doch nicht mit Andacht zu knien braucht. – Die Ausstattung bleibt also, da es sich nur um karge Proben eines geschmackvollen Nachdichters handelt, bei allem Geschmack ein bißchen luxuriös. Immerhin – welch ein Genuß, welch eine seltne Freude!“

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1925

Schooling. LE, Bd. 27, Nr. 4 (Januar 1925), 241.
Schulroman von Paul Selver. – „Bei uns waren die Schulgeschichten komisch (man schüttelt sich noch vor Lachen, wenn man an Ecksteins Besuch im Karzer denkt), ehe sie anklagend wurden (Hesse, Emil Strauß, Heinrich Mann e tutti quanti). In England, scheint mir, waren sie anklagend (man denke nur an Nicholas Nickleby von Dickens), ehe sie komisch wurden (F. Anstey). […] Paul Selvers Schulroman gibt, frei von jeder Tendenz, ein möglichst getreues Abbild der Wirklichkeit. […] Mir hat der Roman, der durchaus unromanhaft wirkt, willkommenen Einblick in das heutige Schulwesen Englands gewährt.“

Was unrecht ist an der Welt. LE, Bd. 27, Nr. 8 (Mai 1925), 506.
Gilbert Keith Chestertons Essaysammlung  What’s Wrong with the World (1910) in einer „autorisierten Übertragung“ von Clarisse Meitner. – „Wie alle Bücher Chestertons leidet auch dieses an einer Elefantiasis seiner Manier, an einem Troppo seiner Besonderheit. Man kann nicht dauernd auf dem Kopf stehn; und wenn man es kann – der sich produzierende Künstler hält es vielleicht länger aus als der Zuschauer –, soll man es nicht. Mir wenigstens ist es nicht vergönnt, mehr als ein ganz geringes Quantum von Chestertons Jonglierfertigkeit zu genießen. Mit einem anderen Vergleich: Kaviar in kleinen Portionen ist herrlich; nichts als Kaviar widersteht einem bald. Und wenn gar ein ‚orthodoxer Christ’ ausschließlich mit gedanklichen salti mortali und stilistischen Kapriolen zu wirken trachtet, so sucht man sein Heil in der Flucht. Ich bewundere Chestertons geistiges Feuerwerk, aber weder sein katholisches Feuer noch sein heidnisches Werk wärmt mich. Mea culpa.“

Söhne und Liebhaber. LE, Bd. 27, Nr. 9 (Juni 1925), 559.
D. H. Lawrence, Sons and Lovers, aus dem Englischen übertragen von F. Franzius. – „In seinem Reisebuch Flügel der Nike läßt sich Fritz von Unruh durch einen schwärmerischen englischen Jüngling über Lawrence den Dichter also belehren: ‚In dem englischen Mittland war seine Geburt. Sein Vater ein Säufer, seine Mutter das Licht. Schwer war sein Kampf… Er glaubt nicht, daß Sehnsucht und Leidenschaft auch im Erleben der Wirklichkeit je ineinander fließen.’ Wenn man will, mag man in diesen wenigen Sätzen den Kern der Söhne und Liebhaber von D. H. Lawrence sehn, dessen Wesensart ich vor zwei Jahren hier zu zeichnen suchte (Lit. Echo XXV, 581 ff.). Unverkennbar ranken sich heimatliche Erinnerungen um die Kohlengruben des englischen Mittellandes und die benachbarte Stadt Nottingham. Durchaus erlebt, wie jede Figur des Romans, das Ehepaar Morel: der Vater Bergmann und Säufer, die Mutter Dulderin und Seele. Pauls Liebe zu seiner Mutter gehört zum Schönsten in aller modernen Dichtung. Daneben die Liebe zu zwei Frauen: in der unsinnlichen Jugendfreundin Miriam verkörpert sich alle Sehnsucht, in der von ihrem Manne getrennt lebenden Clara findet alle Leidenschaft ihren Niederschlag. Himmlische und irdische Liebe. Der schwerblütige Paul kann sich für keine von beiden entscheiden und zieht nach langem Schwanken in die Welt hinaus, wohl um Maler zu werden. Das ist für 632 Seiten gewiß nicht überwältigend viel an Inhalt; um so reicher der seelische Gehalt. Seit Thomas Hardys Jude the Obscure ist eine solche Gestalt wie dieser Paul Morel, ringend und bezwingend zugleich, kaum zum zweitenmal in der englischen Erzählungskunst geschaffen worden. – Auch der Übersetzer F. Franzius wurde nach Verdienst in jenem früheren Aufsatz erhoben. Er scheint mir hier in der Verwendung des Dialekts gelegentlich zu weit zu gehen, sollte etliche Menschlichkeiten und Irrtümer tilgen, trifft aber den Stil des Werks durchaus.“

Briefe an Fanny Brawne. LE, Bd. 27, Nr. 9 (Juni 1925), 562-563.
John Keats’ Briefe an seine Freundin, ins Deutsche übertragen von Adolf Girschick. – „Allerlei Fragen drängen sich auf. Erstens: ist John Keats durch seine Dichtungen in Deutschland so bekannt und geschätzt, daß diese Auswahl von Briefen an Fanny, sein Mädchen, auf unbedingten Anteil rechnen kann? Zweitens: sind diese Briefe so bedeutend, sind sie etwas so Einmaliges, daß sie, losgelöst von dem Dichtwerk des Schreibers, auf eigene Existenz Anspruch erheben könnten? Oder liegt der Fall so, daß die Briefe etwas sind, weil sie von Keats herrühren, daß sie dagegen nichts zu sagen hätten, wenn sie nicht von Keats wären? Zweifellos ist das menschliche Interesse stärker als der literarische Wert, das biographische Moment überwiegt das künstlerische. Die Briefe der Brownings etwa kann man bewundernd lesen, ohne das geringste von ihren Werken zu wissen. Diese Briefe jedoch wird man nur ins Herz schließen, wenn der Dichter Keats darin schon einen bevorzugten Platz einnimmt. Hätte er nicht die Schwindsucht gehabt (und vielleicht noch ein anderes Leiden); wäre er nicht mit 25 Jahren gestorben; hätte ihm Shelley nicht die Totenklage gesungen; vor allem: wäre er nicht Englands größter Lyriker geworden – seine Liebesbriefe hätten es durch sich selbst schwerlich verdient, auf die Nachwelt zu kommen.“

Jung-England. LE, Bd. 27, Nr. 12 (September 1925), 718-719.
Jüngstes England, eine Anthologie zeitgenössischer britischer und irischer Literatur, ausgewählt, übersetzt und mit einer Einführung versehen von Karl Arns. – „Seinem im Bunde mit Paul Selver vor zwei Jahren herausgegebenen Bändchen (oder Heftchen) Britanniens neue Dichtung (vgl. LE XXV, 873) läßt Karl Arns, der rührige Pionier, ein Buch Jüngstes England folgen. Dort beschränkte er sich darauf, fünfeinhalb Dutzend britischer Lyriker in deutschem Sprachgewand vorzustellen, während sein Mitarbeiter, als Prologus waltend, bemüht war, sie fein säuberlich in Gruppen einzuteilen, zu rubrizieren und zu charakterisieren. Hier umspannt Arns das ganze Gebiet moderner englischer Literatur aus eigener Kraft, bestreitet sozusagen Text und Melodie allein (bloß für die Übersetzung der meisten Gedichte von Yeats hat er die Hilfe eines weiblichen Doktors in Anspruch genommen). – Wer zählt die Männer, nennt die Damen, die gastlich hier zusammenkamen! Der gesamte Heerbann britischer – nicht nur englischer – Poeten wird aufgeboten. Vollständigkeit, versichert Arns im Vorwort, lag ihm fern; aber man wird in seiner Namenliste wohl eher Überflüssige als Fehlende finden. […] – Seiner Belesenheit schuldet man unbedingt eine Verbeugung. Keiner vor ihm hat sich so ausführlich mit Jung-England oder dem jüngsten England beschäftigt. Selbst schwer zugängliche Bücher, wie der Ulysses von Joyce, sind berücksichtigt. Es muß mühsam und kostspielig gewesen sein, sich das Material zu beschaffen. Englische Vorarbeiten gibt es nicht allzu viele, und meine deutschen sind für Arns offenbar nicht vorhanden. – Wenn ihm nun auch noch die Farben für alle, die er zu zeichnen unternahm, auf der Palette zur Verfügung ständen, wäre die Freude doppelt so groß. Aber da empfiehlt es sich, seine Ansprüche zu mäßigen. Arns schreibt weder lebendig noch kunstvoll. Er hat für die verschiedensten Begabungen die eine braune Seminarsauce bereit, die Begriffe wie subjektiv und objektiv, realistisch und romantisch, und wie alle die schönen Schulausdrücke heißen mögen, mit Famuluseifer bevorzugt. Er legt die Dichter ins Herbarium, statt sie auferstehn zu lassen. Seinem Stil wäre mehr Tempo, mehr Temperament, mehr Abwechslung, mehr Anschaulichkeit zu wünschen. […] Doch statt bei unerfüllten Wünschen oder stilistischen Beschwerden zu verweilen, sei lieber dankbar anerkannt, daß hier einer mit großem Fleiß und nicht geringen Schwierigkeiten sich an ein fast noch ungepflügtes Feld heranwagte.“

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1926

Gegen Shaw. LE, Bd. 28, Nr. 4 (Januar 1926), 243-244.
„Eine Streitschrift“ von Herbert Eulenberg (1876-1949). – „Bernard Shaws Vorherrschaft auf deutschen Bühnen mag heimische Dramatiker, die umsonst Einlaß begehren, zum Widerstand reizen. ‚Die maßlose Überschätzung dieses Clowns, den unsinnige Gefolgschaft zum Künstler der Gegenwart (gemeint ist wohl: zum meistgespielten Autor) heraufbegünstigt hat, ist Anlaß und Berechtigung für diese Streitschrift gewesen.’ Kein Zweifel: Herbert Eulenberg meint es ehrlich mit seinem Kampf wider den irischen Minotauros, der die fettesten deutschen Tantiemen verschlingt. […] Aber er macht von dem Vorrecht des Pamphletisten: verblendet zu sein, übertriebenen Gebrauch. Er schüttet das Kind mit dem Bade aus. Läßt nun wirklich kein gutes Haar mehr an Shaw. Mutzt ihm sogar manches auf, wofür er gar nicht verantwortlich ist […]. Shaw zu bekämpfen mag ein Verdienst sein; ihn so zu bekämpfen ist es nicht.“

Eindrücke in England. LE, Bd. 28, Nr. 9 (Juni 1926), 558.
Eine Broschüre des Lehrers Rudolf Kapp über seine Eindrücke von einem zweiwöchigen Aufenthalt an einer englischen grammar school. – „Wenn der Verfasser über Dinge spricht, die nichts mehr mit seinem Beruf zu tun haben, muß sein Urteil gelegentlich verurteilt werden. Es ist unverständig, alle Buchhandlungen in London als ‚reinste Stapelplätze von geschmacklos aufgehäuften Büchermassen’ zu bezeichnen, und grotesk, eine musikalische Abhängigkeit von Deutschland ‚trotz Gilbert und Sullivan’ festzustellen. Gleichwohl könnte die kleine Schrift im Bereich der Scholarchen gute Dienste tun, wenn sie sich von ihrer Parteipolitik freimachen wollten.“

Schlichte Geschichten aus den indischen Bergen. LE, Bd. 29, Nr. 1 (Oktober 1926), 47.
Kiplings Plain Tales from the Hills in einer neuen Übertragung von Marguerite Thesing. – „Plain Tales from the Hills (5 Silben gegen 12 im Deutschen), beinahe vierzig Jahr’ alt, sind – ich will nicht sagen: frisch wie am ersten Tag geblieben, aber ganz lebendig, weil sie ein Stück Wirklichkeit spiegeln und hervorragend gut erzählt sind. Ein Meister regte hier die Schwingen: Menschliches gab er auf eine menschliche Art wieder und hob es in den Bereich der Kunst. Eine Novelle wie die am Eingang stehende Lispeth, die Geschichte einer indischen Madame Butterfly, hat ewiges Leben. Gegen den Schluß hin finden sich einige schwächere Erzählungen, ohne daß sie das ungewöhnlich hohe Niveau des Bandes beeinträchtigten. […] Die Übersetzung von Marguerite Thesing liest sich nicht übel; bei größerer Sorgfalt wären offenkundige Flüchtigkeiten des Drucks oder des Ausdrucks zu vermeiden gewesen.“

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1927

Bildnis eines Rothaarigen. LE, Bd. 29, Nr. 9 (Juni 1927), 549.
Hugh Walpoles Portrait of a Man with Red Hair (1925), in deutscher Übersetzung veröffentlicht als Band I in der von Thomas Mann und Herman George Scheffauer herausgegebenen Reihe Romane der Welt. – „Übleren Kitsch – das muß ich denn doch sagen – hab ich selten gelesen. Trotz ‚gebildeter’ Aufmachung grinst hundertprozentige Kolportage daraus hervor. Man wähnt, sich in ein Londoner Vorstadttheater verlaufen zu haben, wo ein thriller gespielt wird […]. Wenn man es darauf angelegt hätte, ein Unternehmen ab ovo zu diskreditieren, hätte man schwerlich eine günstigere Wahl treffen können. Wer ist für den Import dieses ersten Bandes verantwortlich? Einerlei, Thomas Mann deckt ihn mit seinem Namen. Und es wird für ihn eine riesige Blamage.“

Romane der Welt. LE, Bd. 29, Nr. 11 (August 1927), 670-671.
Drei Werke in der von Thomas Mann und Herman George Scheffauer herausgegebenen Reihe Romane der Welt: Herman Melville, Taïpi [Typee]; Zane Grey, Die Grenzlegion [The Border Legion]; G. B. Shaw, Cashel Byrons Beruf [Cashel Byron’s Profession]. – „Die ‚Romane der Welt’, rührig und rüstig unter dem seltsam divergenten Lenkerpaar Thomas Mann und Scheffauer voranschreitend […]: niemand wird behaupten wollen, daß sie einen Platz auf dem Parnaß beanspruchen können. Ihre grellen Umschläge versprechen immer noch: ‚Große Namen – Neue Titel – Jeden Freitag ein neuer Roman – Jeder Roman ein Erlebnis’; doch wem durch die Bände dieser Sammlung bisher wirklich ein Erlebnis geschenkt wurde, der trete vor.“

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1929

Neue Bücher. NZZ, 5. August 1929, Abendausgabe, Nr. 1513.
Edward Prime-Stevenson, Long-Haired Jopas. Old Chapters from twenty-five years of Music-Criticism. Privately printed for the Author by the Press of “the Italian Mail”, Florence 1928. – „Who’s Who, dem englischen Kürschner, zufolge hat Edward Prime-Stevenson, ein Amerikaner von mehr als sechzig Jahren, vielseitige Interessen, doch seine besondere Liebe scheint der Musik zu gehören. In dem vorliegenden Bande, der in einer beschränkten Auflage von 135 Exemplaren erschienen ist, sind musikalische Aufsätze verschiedenster Art und von recht ungleichem Werte gesammelt. Der weit hergeholte Titel – wer ist so klassisch gebildet, daß er das von der Schulbank her noch wüßte? – bezieht sich auf Didos Hofsänger Jopas, der in Vergils Aeneide [I.740] vorkommt (man denkt zuerst an einen langhaarigen Indianerstamm). Prime-Stevenson hat viele Opern und viele Sänger der Alten wie der Neuen Welt gehört, die dem heutigen Geschlecht kaum noch dem Namen nach bekannt sind. Er schwelgt in Erinnerungen, die für ihn wirklich ein Paradies sind, aus dem ihn die Anhänger moderner Richtungen nicht vertreiben können. Aber wenn er über diese schreibt, spürt man deutlich, daß er nicht mehr folgen will oder kann. Schon über Wagner findet sich dieser Satz: ‚Wagner ist oft – leider – ein uninspirierter, langweiliger, weitschweifiger, sich wiederholender, ungesanglicher, unmelodischer Komponist.’ Das würde kein grüner Konservatorist sagen können, ohne sich lächerlich zu machen. Danach wundert man sich nicht, daß die Elektra von Richard Strauß – eines der größten Kunstwerke unsrer Tage – die ‚häßlichste’ Oper genannt wird, die je zur Aufführung gelangte. Solche Urteile, wenn sie auch den Beifall manches Banausen finden mögen, sollte man heute nicht mehr drucken lassen – nicht einmal in 135 Exemplaren.“

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1932

Shaw als Musikkritiker. NZZ, 9. August 1932, Morgenausgabe, Nr. 1475.
George Bernard Shaw, Music in London 1890-1894. 3 Bde. London 1932. – „Nach vierzig Jahren hält es Bernard Shaw für nötig, seine gesammelten Musikkritiken, die er vom 28. Mai 1890 bis 8. August 1894 für die World schrieb, in drei Bänden herauszugeben […]. Wie hoch muß dieser Mann sich selbst einschätzen, wenn er das, was er vor so langer Zeit für den Tag geschrieben hat, der Nachwelt nicht verloren gehen lassen will! Ob heutige Leser freilich den Musikkritiker von damals ebenso hoch einschätzen werden, das steht auf einem andern Blatt. Vielleicht finden sie, daß er von dem Recht, mit Glanz danebenzuhauen, allzu ergiebigen Gebrauch macht. So urteilt er z.B. über die Sinfonie von Hermann Götz, sie sei die einzige wirkliche Sinfonie, die seit Beethovens Tod komponiert worden sei, und drücke Schubert, Mendelssohn, Schumann einfach an die Wand, und Brahms sei im Vergleich mit Götz ein Tölpel. Überhaupt ist Shaw auf Brahms, der sich heute noch in England ein bißchen in partibus befindet, nicht gut zu sprechen, sonst könnte er dessen vierte Sinfonie nicht mit diesen schnoddrigen Sätzen abtun: ‚Brahms nimmt ein abgedroschenes Thema; gibt ihm ein absonderliches Ansehen, indem er es in die ausgesuchtesten, weit hergeholten Harmonien einkleidet; legt sein Gesicht in strenge Falten (was eine englische Hörerschaft auf der Stelle davon überzeugt, daß sehr viel in ihm stecken muß) und findet, daß eine stattliche Zahl Klugschnäbel bereit ist, sich dafür zu verbürgen, daß er so tief wie Wagner und der wahre Erbe Beethovens ist.’ Da kann man nur ausrufen: Si tacuisses…

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zuletzt aktualisiert: 10.08.16