Horst Schroeder

MM: Leben und Werk von Max Meyerfeld (1875-1940)

Mit einer Bibliographie seiner Veröffentlichungen

1. Herkunft 2.1. Studium Gießen 2.2. Studium Straßburg  

Max Meyerfeld im Kreise einiger Freunde aus England
(Aufgenommen im Zoologischen Garten Berlin am 8. September 1927, Siegfried Sassoons 41. Geburtstag.)
Von links nach rechts: Osbert Sitwell (1892-1969), Romancier, Lyriker und Memoirenschreiber; MM;
Siegfried Sassoon (1886-1967), Antikriegsdichter und Autor einer halb-autobiographischen Trilogie;
Nellie Burton (gest. 1935), legendäre Vermieterin von Junggesellen-Wohnungen im Haus 40 Half Moon Street, London W.;
Sacheverell Sitwell (1897-1988), Bruder von Osbert, Lyriker, Reiseschriftsteller, Biograph, Autor von Büchern über Kunst. 1

1 The National Portrait Gallery, The Sitwells and the Arts of the 1920s and 1930s, ( London 1994), Abb. S. 203.


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1. Herkunft, Elternhaus, Schule

Max Meyerfeld oder MM, wie wir ihn hier der Einfachheit halber mit dem Kürzel nennen wollen, mit dem er später als etablierter Journalist in der Neuen Zürcher Zeitung seine Artikel zeichnete, wurde am 26. September 1875 in Gießen geboren. Er stammte aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Treysa bei Schwalmstadt (Hessen) ansässig war. Sein Vater war der „Mehl- und Landesproduktenhändler“ Levi Meyerfeld (? – Anfang 1887). Seine Mutter war Auguste Meyerfeld (? – 18.09.1877), geb. Friedberger (ebenfalls aus Treysa). Amtlichen Angaben zufolge war MM das zweite – und einzig weitere – Kind der Eheleute, doch ist von dem anderen Nachkommen nichts Näheres überliefert.

Von den Geschwistern der Eltern sind in unserem Zusammenhang von Interesse Levis Schwester Sarah (Treysa 1850 – Frankfurt 1929) sowie Augustes Bruder Max (1850 – ?): denn diese Geschwister gingen miteinander die Ehe ein und fügten auf diese Weise die Meyerfeld- und die Friedberger-Familie noch enger aneinander. – Außerdem gab es noch ein weiteres elterliches Geschwister, das der Erwähnung bedarf: Hans (John) Meyerfeld (Treysa 1838 – Berlin 1907). Doch auf ihn werden wir später noch zurückkommen.

Im Jahre 1874 zogen sowohl MMs Eltern als auch das Ehepaar Friedberger um von Treysa nach Gießen. Doch schon 1877, zwei Jahre nach seiner Geburt, starb MMs Mutter; und Anfang 1887, als MM kaum 11 Jahre alt war, starb auch der Vater.

Des Vollwaisen nahmen sich daraufhin Onkel und Tante in Gießen an und erzogen ihn zusammen mit ihren eigenen beiden Söhnen Ernst und Otto. (Ernst Friedberger [17.05.1875 Gießen – 25.01.1932 Berlin] machte sich später auf dem Gebiet der Hygienewissenschaft einen Namen und wurde – nach Promotion und Habilitation – schließlich 1926 Direktor des Preußischen Forschungsinstituts für Hygiene und Immunitätslehre in Berlin-Dahlem. Von Otto Friedberger [22.06.1876 Gießen – ?] wissen wir bislang nur, daß er im Jahre 1900 in Gießen mit einer Dissertation Über die elektrochemische Reduktion einiger Chlornitrotoluole [sic] promovierte.)1

Mittlerweile hatte die Schulzeit für MM begonnen: 1882 wurde er in die dreiklassige Vorschule des „Gymnasiums“ (des heutigen Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums) eingeschult2 , trat 1885 in das Hauptgymnasium über und legte dort zu Ostern 1894 die Reifeprüfung ab.3 Im Hinblick auf MMs zukünftigen Werdegang sei zudem angemerkt, daß es sich bei dem „Gymnasium“ um ein humanistisches Gymnasium gehandelt hat – also um eine Schule mit den Fremdsprachen Latein und Griechisch, nicht aber mit Englisch und Französisch.

Über MMs Schulzeit ist nichts bekannt, außer daß MM sie in guter Erinnerung behielt, wie er in einem Nachruf auf Herman Schiller (1839-1902), den Direktor des Gießener Gymnasiums von 1876 bis 1899, ausdrücklich hervorhob:

So viele Menschen sind auf ihre Schulzeit schlecht zu sprechen. Bittere Erinnerungen herrschen bei ihnen vor. Wenn man sie später darüber reden hört, erwecken sie den Eindruck, als wollten sie einen bösen Traum abschütteln. Wie auf ein Martyrium, auf unwürdigen Frondienst, auf eine Zeit jugendlicher Knechtschaft blicken sie auf die zwölf Jahre zurück. Selbst die strapazenreiche Soldatenzeit erscheint ihnen hinterher in angenehmerem Lichte. Und der Stoffel von Unteroffizier ist ihnen am Ende noch lieber als ein Herr Magister, der sie bis aufs Blut gepeinigt … Erklären konnt ich mir das zur Not: die Seele des Kindes ist das denkbar feinste Instrument, ist besonders empfindlich gegen alle Stiche und Sticheleien; während den Erwachsenen das Leben [all]mählich abhärtet und auch ein wenig abstumpft. Aber ich hatte stets ein Gefühl des Bedauerns für diese Armen, die sich als Opfer hinstellten.
Wenn ich an die Schulzeit herrliche Erinnerungen bewahrt habe, so verdank’ ich sie keinem mehr als Herman Schiller, der in der kleinen Universitätsstadt Gießen alle die Jahre hindurch mein Direktor gewesen. […] Er kannte keine Unterschiede des Standes und der Konfession. In einer Zeit des wild tobenden Klassenhasses wich er nicht um Haaresbreite von seinen freisinnigen, fortschrittlichen Überzeugungen. Alles Muckertum war ihm in tiefster Seele zuwider; ja, er machte aus seiner antikirchlichen Gesinnung kein Hehl. Schaudernd erzählte man sich von ihm, daß er während des Gebets zum Fenster hinausgeblickt, daß er die Frankfurter Zeitung ins Konferenzzimmer mitnahm. Auch wird ihm niemand nachsagen wollen und können, daß er den jetzt so beliebten Hurrahpatriotismus in seiner Schule großzog. Ich habe ihn nie, weder an Kaisers noch an Großherzogs Geburtstag, eine Festrede halten hören. Ein Haydn’sches Quartett entsprach bei solchem Anlaß seinen Neigungen mehr als schlechte vaterländische Gedichte. […] Sein Unterricht in der Geschichte und in der deutschen Literatur ist schlechterdings unvergeßlich. In einer Stunde konnte man bei ihm mehr lernen als bei manchem Professor in Jahr und Tag. Unerschöpflich war er in Anregungen, in der Gabe, ein Thema von den verschiedensten Seiten zu beleuchten. […]4

Trotz dieser Ruhmrede ist nicht anzunehmen, daß MMs Schulzeit ohne alle Krisen verlaufen ist. Das legt auch eine Bemerkung MMs aus dem Jahr 1920 nahe, als die Öffentlichkeit durch die posthum publizierten Tagebücher Felix Poppenbergs (1869-1915) von den tiefen Depressionen erfuhr, unter denen dieser so beliebte Gesellschaftsautor in seiner Kindheit gelitten hatte. Hierfür hatte MM nur die Worte übrig: „Nicht gar so tragisch vermag ich die Anwandlungen selbstquälerischen Trübsinns, der ‚Heautontimoroumenie höchsten Grades’ bei dem Jüngling zu nehmen. Welcher empfindsame Knabe hätte nicht mit dem Gedanken des Selbstmords gespielt!“5

So gesehen ist MMs kurze Erzählung ‚Durchgefallen’ (1901) – einer der wenigen Ausflüge MMs in den Bereich der Belletristik – vielleicht nicht ganz ohne autobiographischen Bezug. ‚Durchgefallen’ erzählt nämlich die Geschichte eines Untertertianers (Robert Schmidkunz), der sich nach drei nicht bestandenen Prüfungen das Leben nehmen will, hiervon aber schließlich durch das gute Zureden seines Onkels abgehalten wird:

„Hör’ mich ’mal an, Robert,“ hub er [der Onkel] endlich an. „Du hast nie gelernt, die Zähne aufeinander beißen. Es is traurig, aber es is so. Das is das ganze Kunststück im Leben: zu wollen. Tamen heißt dennoch. Das Tamen mach’ Dir für die Zukunft zur Richtschnur. Ich sage nicht: wer will, der kann; aber wer will, der kann nie ganz unglücklich werden. Du bist nich’ schlecht un’ bist nich’ dumm, hast Herz un’ Verstand auf’m rechten Fleck; Du bist nur schwach, hast keine Willenskraft. Die läßt sich aber erwerben, wenn man sich selbst in die Schule nimmt. Sich nicht irr machen lassen, darauf kommt’s an, von früh auf. Wer ’was leistet, muß Selbstvertrauen haben. Und wer nichts leistet, darf sich nich’ alles Selbstvertrauen auspeitschen lassen. Ein Mißerfolg macht stark, un’ drei Mißerfolge machen stärker. Deinen Denkzettel hast Du weg; aber das is’n Sporn für die Zukunft. Tamen, mein Junge, tamen! Und nun laß uns nach Hause gehen und Abendbrot essen!“6

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2. Studium

2.1. Gießen

Am 28. April 1894 immatrikulierte sich MM an der Universität seiner Heimatstadt, um neuere Philologie zu studieren. Neuere Philologie – das hieß damals in Gießen ganz allgemein „Neuere Sprachen“, und zwar Deutsch, Englisch und Französisch, da weitere moderne Sprachen im Curriculum noch nicht vertreten waren und eine weitergehende organisatorische Unterteilung noch nicht vorgenommen war. Doch konkret meinte neuere Philologie im Falle MMs, um heutige Bezeichnungen zu gebrauchen, Germanistik und Anglistik. Hinzu kamen ergänzende Studien in Philosophie und Kunstgeschichte.

Dem seiner Dissertation angehängten Lebenslauf zufolge waren MMs akademische Lehrer im Sommersemester 1894: in der Germanistik Otto Behaghel, Josef Collin, Adolf Strack und Peter von Bradke7 ; in der Anglistik Dietrich Behrens und Karl Ludwig Pichler; in der Philosophie Hermann Siebeck und Carl Groos 8 ; und in der Kunstgeschichte Bruno Sauer.

Obwohl das Vorlesungsverzeichnis der „Großherzoglich Hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen“ noch heute einsehbar ist, ist es naturgemäß nicht möglich anzugeben, welche Lehrveranstaltungen MM im Sommerhalbjahr 1894 im einzelnen belegt und welche er tatsächlich auch besucht hat. Um sein Defizit in der Beherrschung der englischen Sprache zu beheben, wird er höchstwahrscheinlich an den „Übungen des germanisch-romanischen Seminars“ (Behrens) und an den „englischen stilistischen Übungen“ im „praktischen Seminar für neuere Philologie“ (Pichler) teilgenommen haben; ob er aber Behaghels dreistündige Vorlesung „System und Methode der deutschen Philologie“ gehört hat oder dessen zweistündige Lehrveranstaltung über „Die Dichtungen Walthers von der Vogelweide“, ist eine müßige Spekulation.

Dies Wenige ist auch schon alles, was sich über MMs Studienzeit in Gießen sagen läßt; denn kaum begonnen, war sie bereits wieder vorbei: am Semesterende exmatrikulierte sich MM in Gießen, um sein Studium an der Universität Straßburg fortzusetzen.

MM hat sich meines Wissens nie zu dem in Gießen verbrachten Studiensemester geäußert, und in den „Visitenkarten“, die er von sich in Wer ist’s? abgegeben hat, wird die Gießener Universitätszeit ebenfalls mit Stillschweigen übergangen.9 Der Grund für diesen Akt autobiographischer Vergangenheitsbewältigung – und damit für MMs Weggang von Gießen – dürfte klar sein: MM wird die Universität Gießen als eine Provinzuniversität empfunden haben, womit er – was seine eigene Studienrichtung betraf – wohl nicht unrecht hatte: von seinen oben genannten akademischen Lehrern hat sich niemand in der Wissenschaft einen Namen gemacht, sieht man von Otto Behaghel ab, einem der führenden sog. Junggrammatiker. Aber theoretische Linguistik war, wie wir rückblickend wissen, nicht MMs „Ding“.

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2.2.  Straßburg

Am 24. Oktober 1894 schrieb sich MM also an der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg ein und nahm in der Schwarzwaldstr. 22 ein Zimmer. Weshalb Straßburg? Da wir MMs weiteren akademischen Werdegang kennen, darf man vermuten, daß für Meyerfelds Entscheidung weniger das Ansehen der Universität Straßburg als solcher ausschlaggebend gewesen ist als vielmehr das Renommee eines ganz bestimmten akademischen Lehrers: das von Alois Brandl (1855-1940), dem Lehrstuhlinhaber für englische Philologie.

Der gebürtige Österreicher Alois Brandl galt Anfang der 1890er Jahre als „der künftige erste Mann der Anglistik“.10 Dabei hatte er seine Laufbahn unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen begonnen: nämlich wegen des Fehlens des Faches Englisch im Lehrplan seiner Schule (wie bei MM) ohne ausreichende Sprachbeherrschung.11 Für Frederick Furnivall, den Begründer der Early English Text Society, war dieser Umstand ein unüberwindbares Karrierehindernis: als er 1879 den frisch promovierten Anglisten von der Universität Wien in London kennenlernte, sagte er zu Henry Sweet, dem bekannten Phonetiker (und Urbild von Professor Higgins in Shaws Pygmalion): „Schade um den jungen Brandl, der eben angekommen ist; er scheint fleißig zu sein, spricht aber ein so schauderhaftes Englisch, daß er nie eine Professur bekommen kann.“12 Aber hier irrte der berühmte Furnivall: 1881 habilitierte sich Brandl in Wien, 1884 ging er als außerordentlicher Professor nach Prag, und 1886 veröffentlichte er eine imposante Coleridge-Monographie (Samuel Taylor Coleridge und die englische Romantik), die nur ein Jahr später sogar ins Englische übersetzt wurde (Samuel Taylor Coleridge and the English Romantic School).13 Dies war der entscheidende Durchbruch: 1888 erhielt Brandl einen Ruf nach Göttingen, und im Früjahr 1892 wurde er als Nachfolger von Bernhard ten Brink (gest. 29.01.1892) als ordentlicher Professor nach Straßburg berufen.

Dies war also der Mann, der Meyerfelds anglistische Studien fortan im wesentlichen bestimmen sollte und bei dem MM in seinen beiden Straßburger Semestern (WS 1894/95, SS 1895) höchstwahrscheinlich die beiden Lehrveranstaltungen ‚Shakespeare und seine Vorgänger’ und ‚Marlowes Doctor Faustus’ besucht haben wird. (Die beiden Veranstaltungen sind vor dem Hintergrund der Shakespeare-Biographie zu sehen, die Brandl soeben veröffentlicht hatte und an der er immer weiter feilte, bis sie schließlich bei ihrer Neuauflage 1922 auf mehr als die doppelte Länge angewachsen war.) Gut möglich, daß MM auch – nolens volens? – Brandls über zwei Semester angelegte Vorlesung ‚Historische Grammatik der englischen Sprache’ (Teil I: Altenglisch; Teil II: Mittel- und Neugenglisch) gehört hat – mit welchem Gewinn bzw. Vergnügen sei dahingestellt.

Die anderen Dozenten MMs in Straßburg waren seinem curriculum vitae zufolge: in der Anglistik der native speaker Thomas Miller, dessen Lehrveranstaltungen sich durch Lebens- und Praxisnähe auszeichneten (‚Praktische Grammatik der englischen Sprache für alle Studierenden’, ‚Landeskunde: London’, ‚Landeskunde: Irland und Wales’, ‚Living English Writers [Meredith, The Comedians]’); in der Germanistik Rudolf Henning, Eugen Joseph, Ernst Martin und Wilhelm Wetz – Letztgenannter wechselte Ende 1895 von Straßburg nach Gießen (!), wo er die Stelle eines außerordentlichen Professors für englische Philologie übernahm, bis er 1902 zum ordentlichen Professor für Anglistik nach Freiburg berufen wurde; in der Romanistik die beiden Lektoren Alexander Röhrig und Heinrich Schneegans sowie Gustav Gröber, der berühmte Herausgeber des Grundrisses der romanischen Philogie (1888 ff.) und Begründer der Zeitschrift für romanische Philologie (1877); in der Kunstwissenschaft Adolf Michaelis sowie Georg Dehio, Autor des epochemachenden Werkes Die kirchliche Baukunst des Abendlandes (1884 ff.) und Herausgeber des weitverbreiteten Nachschlagewerkes Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (1905 ff.); in der Philosophie Theobald Ziegler; und in der Musikwissenschaft schließlich Gustav Jacobsthal.14

Der Hinweis auf seine musikwissenschaftlichen Studien in Straßburg, so marginal sie auch gewesen sein werden, ist vielleicht der interessanteste Punkt in MMs Namensliste; denn er deutet auf eine Seite von Meyerfelds Wesen hin, die man angesichts seiner enormen Produktivität im Bereich der Literatur – sei es als Übersetzer, sei es als Literatur- oder Theaterkritiker – nur zu leicht übersieht: seine ausgeprägte Liebe zur Musik. Meyerfelds Nichte Alice erinnert sich, daß MM sich bei Familientreffen häufig ans Klavier setzte und die ganze Versammlung zu Tränen rührte, wenn er, das Waisenkind, die Arie aus Undine intonierte: „Vater, Mutter, Schwestern, Brüder / Hab’ ich auf der Welt nicht mehr: / Kehrt’ ich auch zur Heimat wieder, / Fänd ich alles öd’ und leer“; oder wenn er aus Schumanns Liederkreis (op. 39) Eichendorffs ‚In der Fremde’ vortrug: „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot / Da kommen die Wolken her. / Aber Vater und Mutter sind lange tot: / Es kennt mich dort keiner mehr. // Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit, / Da ruhe ich auch. Und über mir / Rauscht die schöne Waldeinsamkeit, / Und keiner kennt mich mehr.“ Doch MMs Liebe zur Musik erschöpfte sich natürlich nicht in gefühlsbetonter Hausmusik: das belegen seine zahllosen Opern- und Konzertkritiken – darunter die Besprechung der Uraufführung von Strauß’ Elektra (NZZ vom 29.01.09, Nr. 29) –, seine Hommage auf Heinrich Grünfeld anläßlich dessen 50jährigen Künstlerjubiläums (NZZ vom 13.11.28, Nr. 2082) bzw. sein Nachruf auf den berühmten Cellisten (NZZ vom 30.08.31, Nr. 1640), sein Entsetzen über die Transformation von Figaros Hochzeit in einen Stummfilm (NZZ vom 12.08.20, Nr. 1331) und schließlich seine ständigen Querverweise auf die Musik in seinen Theater- und Literaturkritiken – wie z.B. in der Rezension von George Gissings The Private Papers of Henry Ryecroft: „Für die Melodie dieses Buches wüßt’ ich keine passendere Begleitmusik als den zweiten Satz der Beethoven’schen Sonate Op. 90 in E-Dur.“ (FZ vom 12.02.04, Nr. 43). Insofern ist es nichts als die reine Wahrheit, wenn MM in dem Steckbrief, den er 1908 von sich selbst für das deutsche Who’s Who? anfertigte, in der Rubrik ‚Lieblingsbeschäftigung’ eintrug: „Musik“.15

Ansonsten gibt es von dem Studienjahr 1894-1895 noch zu berichten, daß MM in der einen oder anderen Lehrveranstaltung von Ziegler oder Jacobsthal sicherlich Albert Schweitzer begegnet sein wird, der sich im Oktober 1893 an der Universität Straßburg immatrikuliert hatte16 − Belege für diese Annahme sind mir allerdings nicht bekannt –, und daß in diese Zeit MMs erstes Theatererlebnis fällt, das dokumentiert ist: eine Gastvorstellung von Leo Birinskis Raskolnikoff mit Adalbert Matkowsky in der Rolle des Rodja. Wir wissen hierüber aus einer Besprechung von einer Berliner Inszenierung mehr als zwanzig Jahre später, in der MM bekannte, daß „Matkowsky in dieser Rolle […] für mich während meiner Straßburger Universitätszeit ein Erlebnis“ gewesen sei: „Die Nervosität war wohl seiner kraftstrotzenden Natur versagt; aber er brachte einen versengenden Feuerstrom der Rede mit. Auf meinem Sterbebett werde ich ihn noch vor mir sehen, wie er auf die Knie fiel, nein: hinschlug, nein: niederdonnerte, sich die Zunge aus dem Halse riß und sein Geständnis halb hervorwürgte, halb herausschrie. Kein Gerichtssaal der Welt vermag solche Erschütterungen zu bieten.“ (NZZ vom 26.10.17, Nr. 2009). – MM blieb übrigens ein großer Verehrer Matkowskys und schrieb nach seinem Tod einen Nachruf (NZZ vom 19.03.09, Nr. 78).


Fortsetzung folgt.
Stand 02.02.12

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1 EC, Stokvis, Stadtarchiv Gießen, Universitätsarchiv Gießen, Staatsarchiv Darmstadt (Sign. C 12, 40 / 123-175, 336 ff. [ADK]), MMs und Otto Friedbergers Lebenslauf im Anhang ihrer Dissertationen.
2 Zur Geschichte des Gießener Gymnasiums siehe Carl Walbrach: Gießen und sein Gymnasium. Gießener Anzeiger. Beilage Heimat im Bild, Nr. 20 (1955), S. 77-79.
3 Lebenslauf im Anhang der Dissertation.
4 Herman Schiller. Ein Gedenkblatt. FZ, 14.06.1902, Abendblatt, Nr. 163.
5 Felix Poppenberg revenant. LE, Bd. 22, Nr. 8, 15.01.1920, Sp. 455-456. – Der Ausdruck ‚Heautontimoroumenie’ spielt an auf Baudelaires Fleurs du Mal, Nr. 83.
6 Durchgefallen. Nation, Bd. 19, Nr. 2, 12.10.1901, S. 32.
7 Gest. 1897 – deshalb von MM in seiner Vita mit dem Symbol † gekennzeichnet.
8 In MMs Lebenslauf fälschlicherweise „Gross“ geschrieben.
9 Wer ist’s: Zeitgenossenlexikon, enthaltend Biographien und Bibliographien, zusammengestellt von Herrmann A. L. Degener, 3. Ausg. (Leipzig 1908), S. 911.
10 Thomas Finkenstaedt, Kleine Geschichte der Anglistik in Deutschland. Eine Einführung (Darmstadt 1983), S. 98.
11 Elisabeth Turowski, ‚Alois Brandl (1855-1940)’, in: Deutsche Shakespeare-Gesellschaft West, Jahrbuch 1991, (Bochum 1991), S. 292.
12 Alois Brandl, Zwischen Inn und Themse: Lebensbeobachtungen eines Anglisten (Berlin 1936), S. 137f.
13 Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, daß Brandls Monographie in England von dem hochangesehenen Athenaeum wegen zahlloser, im einzelnen nachgewiesener Schludrigkeiten gnadenlos „verrissen“ wurde (Athenaeum, 18.06.1887, S. 791-794; ebd., 02.07.1887, S. 20-21). Auch die ebenfalls sehr geschätzte Quarterly Review konnte die Augen nicht vor Brandls vielen Heulern verschließen, war aber nicht so unbarmherzig wie ihr Schwesterblatt, sondern betonte: „we regard these mistakes the more leniently on account of his [Brandl’s] many valuable criticisms. […] We therefore avail ourselves of his criticisms, while silently correcting his verbal errors.“ (Quarterly Review, Juli 1887, S. 60-96 [hier: S. 61]).
14 In MMs Lebenslauf wird außerdem noch ein gewisser ‚Mayer’ genannt, den ich jedoch nicht einordnen kann: die zwei Namensvertreter, die ich ermitteln konnte – Emil Walter Mayer (1854-1927), Professor für Systematische Theologie, und Otto Mayer (1846-1924), Professor des Öffentlichen Rechts –, passen schlecht in das vorliegende Szenario.
15 Wer ist’s: Zeitgenossenlexikon, 3. Ausg., S. 911.
16 Albert Schweitzer, Aus meinem Leben. Selbstdarstellungen und Erinnerungen, hrsg. von Gerhard Fischer, (Berlin / Ost 1988), S. 16 ff.

 

 

 

zuletzt aktualisiert: 10.08.16