Horst Schroeder

Nachrufe aus der Zeit des Kaiserreichs

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1901

Walter Besant. Nation, Bd. 19, Nr. 10 (7. Dezember 1901), 156.
Gründer der „Incorporated Society of Authors“ und Verfasser des folgenreichen Romans All Sorts and Conditions of Men (gest. 09.06.01). – „Im Sommer dieses Jahres starb Sir Walter Besant, dreiundsechzigjährig, der frühere Kompagnon von James Rice [1843-1882], der Verfasser des Romans Allerlei Arten und Stände von Menschen, der Begründer der Incorporated Society of Authors. Damit dürften seine Ruhmestitel erschöpft sein. Um es gleich zu sagen: Walter Besant hat sich um die Literaten größere Verdienste erworben als in der Literatur. Mit Fug und Recht ward er darum von der Königin in den Ritterstand erhoben [1895]. Als selbständiger Schriftsteller wird er mit einem Werk in die Literaturgeschichte kommen. Richard Wülker [Professor für Anglistik an der Universität Leipzig (1845-1910)] bezeichnet ihn zwar als den bedeutendsten Romanschriftsteller unserer Tage [Geschichte der englischen Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (1896), S. 595]. Aber was sollten wir von einer französischen Literaturgeschichte denken, die dem Hüttenbesitzer-Ohnet ähnliche Auszeichnung zuteil werden lassen wollte, was von einer deutschen, die ….? [Anspielung an das sentimentale Schauspiel Der Hüttenbesitzer (Le Maître de forges) von Georges Ohnet (1848-1918)]. Doch nein: nomina sunt odiosa. Ein Glück für Professor Wülker, daß die bedeutenden englischen Romanschreiber unserer Tage bei uns so wenig bekannt sind. Immerhin sei in ihrem Namen feierlichst Protest erhoben. – Ein Jahrzehnt währte die gemeinschaftliche Tätigkeit von Walter Besant und James Rice. Eine Reihe von Romanen ist ihr entsprungen. Darunter Der goldene Schmetterling [The Golden Butterfly (1876)] keine Eintagsfliege; doch auf seine schillernden Flügel hat sich längst der Staub gesenkt. Wem der größere Anteil am Erfolg zufällt, ist bis jetzt noch durch keine Dissertation festgestellt worden; aber man war stets bereit, ihn auf das Konto des Überlebenden zu setzen. Zwei Gründe mögen dafür den Ausschlag gegeben haben: einmal ist dieser gewöhnlich im Vorteil, weil ihm die Möglichkeit geboten ist, sich bei den Zeitgenossen aufs neue in Erinnerung zu bringen; zweitens gelang es Walter Besant, unmittelbar nach dem Tode seines Mitarbeiters den Treffer seines Lebens zu ziehen. Deshalb schoben ihm die dankbaren Mitbürger die bessere Hälfte der Anerkennung für seine voraufgegangene Tätigkeit zu. – 1882 erschien der Roman All Sorts and Conditions of Men. Dickens war schon zwölf Jahre tot, aber seine Tradition lebte noch kräftig weiter. Hier segelte Walter Besant behaglich im Dickens’schen Fahrwasser. Der Meister der Pickwickier hatte das Angebinde, das die moralischen Wochenschriften dem englischen Roman in die Wiege gelegt hatten, wieder neu aufgeputzt: die Charaktere haben alle something odd. Von dieser Gewohnheit machte Besant ergiebigsten Gebrauch. Sie muß den Engländer besonders anheimeln, weil sie einen nicht unliebenswürdigen Nationalzug festhält. Thackeray mochte oder konnte sich noch nicht völlig davon lossagen. Erst George Eliot gab diesem Fielding’schen Kunstmittel beherzt den Laufpaß. Walter Besant klammerte sich daran und verdankte ihm gute Wirkung, verständnisinnigen Beifall. Da ist auch nicht eine Gestalt in den All Sorts and Conditions of Men, die nicht irgend etwas Verschrobenes an sich hätte. In dem Boarding-House – fürwahr die geeignetste Stätte! – der Mrs Bormalack ist eine Gesellschaft versammelt, die durchweg, gelinde gesagt, einen Sparren hat. Das fängt bei der Heldin Angela Messenger an – man achte einmal auf diesen Namen, der ihre Sendung auf Erden gleich zweimal auszudrücken beliebt – und hört bei dem amerikanischen Ehepaar Davenant auf. ‚Eine unmögliche Geschichte’ hatte der Verfasser seinen Roman im Untertitel genannt, als hätte er selbst damit das Phantastische, Verstiegene seiner Fabel empfunden und entschuldigen wollen. Nur die Konsequenz, mit der diese Anhäufung von Unmöglichkeiten dargestellt ward, lieh ihr einen schwachen Schimmer von Wahrscheinlichkeit. In dieser Beziehung brauchen übrigens die englischen Humoristen bis zum heutigen Tag die Nachbarschaft der französischen Possenreißer nicht zu scheuen. – Diesem Roman, der eine gewisse kecke Liebenswürdigkeit, eine pausbäckige Frische bewahrt hat, widerfuhr, wie allgemein bekannt, ein merkwürdiges, ja einzigartiges Geschick. Die unmögliche Geschichte ward kühn in die Wirklichkeit übertragen. Der Traum des Dichters ging wider alles Erwarten in Erfüllung. Er gab den Anstoß zur Gründung des Volkspalasts im Osten Londons. Fünf Jahre nach dem Erscheinen des Romans erstand in Mile End Road im Herzen Whitechapels für die Armen Walter Besants ‚Palace of Delight’: ein Hirngespinst ward in Stein verewigt. Was Miss Kennedy aus eigener Kraft und Tasche vermocht hatte, das zu realisieren, hielt das englische Volk für eine Ehrenpflicht. Man kann alle utopistischen Schriften der Weltliteratur, von Platos Idealstaat angefangen bis herab auf Bellamys Firlefanzerei [Looking Backward 2000-1887 (1888) von Edward Bellamy (1850-1898)], durchgehen: nicht einer einzigen fiel solcher Lohn anheim wie dem harmlosen Roman Walter Besants. Kaum ein Weltverbesserer hat so viel Greifbares in so kurzer Zeit gestiftet wie Angela Messenger. Die Naivität der Engländer hat sich und Walter Besant in dem People’s Palace ein unvergängliches Denkmal gesetzt. – Was er danach schuf, gehört nicht mehr der Literaturgeschichte an; höchstens der Kulturgeschichte: denn seine antiquarischen Neigungen ließen ihn im London des achtzehnten Jahrhunderts einkehren, das er mehrfach eindringlich geschildert hat. Ihren Niederschlag fanden diese wissenschaftlichen Studien noch in einem seiner letzten Romane, im Apfelsinenmädchen (The Orange Girl [1899]). Leider ist es ein verwahrloster Hintertreppenroman, um nichts besser als The Mystery of a Hansom Cab [von Fergus Hume (1859-1932), veröffentlicht 1886] oder ähnlich erbauliche Machwerke, trotzdem auch hier die Erinnerung an Dickens, nicht nur durch die obenauf schwimmende Tendenz, wachgerufen wird. Wie die Pickwickier eifert Besant gegen das Unwesen der Schuldgefängnisse; wie in Oliver Twist werden wir in einen Verbrecherkeller eingeführt. Aber, von anderen Mängeln zu schweigen, die Technik – recht eigentlich die Achillesferse des englischen Romans, selbst bei seinen berühmtesten Vertretern – verrät hier die Hand eines Kindes oder eines Greises. Das vierte Geschlecht [The Fourth Generation (1900)] endlich, keine Fortsetzung des Wolzogen’schen Capriccios [Das dritte Geschlecht (1899)], sondern eine kriminalistische Ausdeutung des alttestamentarischen Bibelwortes von der Rache Jehovas, stellt geradezu entehrende Zumutungen an den Durchschnittsleserverstand, dem das Blaue vom Himmel herunter fabuliert wird. Hier verteidigt der Veteran zu schlechterletzt noch die Anwendung des Zufalls im Kunstwerk, woran vielleicht Max Halbe [1865-1944] seine Freude hätte, auf die wir indes einstweilen noch zu Gunsten der poetischen Notwendigkeit verzichten müssen. Besants Kraft war erlahmt. An diesem Urteil wird auch der nach seinem Tode erschienene Roman The Lady of Lynn nichts mehr ändern. – Seine Verdienste um den englischen Schriftstellerstand, namentlich um Anfänger in ihrem Kampf mit gewissenlosen Verlegern, werden sicher den Ruhm seines vorzeitigen Herbsts überdauern. Ein wohlwollender, gütiger Mensch ist mit ihm dahingegangen. Der hat sich mit ehernen Lettern in das Buch der Menschheit eingetragen. Viel mehr als den guten Willen brachte der Literat nicht mit. In letztem Betrachte ist er ein gewisses Dilettantentum nie los geworden. Vielleicht entschließt sich Professor Wülker deswegen doch, sein Gutachten ein wenig umzumodeln.“

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1902

Herman[n] Schiller. Ein Gedenkblatt. FZ, 14. Juni 1902, Nr. 163, Abendblatt.
Direktor des Gymnasiums der Stadt Gießen von 1876 bis 1899, Seminarleiter und Universitätsprofessor (gest. 11.06.02). – „So viele Menschen sind auf ihre Schulzeit schlecht zu sprechen. Bittere Erinnerungen herrschen bei ihnen vor. Wenn man sie später darüber reden hört, erwecken sie den Eindruck, als wollten sie einen bösen Traum abschütteln. Wie auf ein Martyrium, auf unwürdigen Frondienst, auf eine Zeit jugendlicher Knechtschaft blicken sie auf die zwölf Jahre zurück. Selbst die strapazenreiche Soldatenzeit erscheint ihnen hinterher in angenehmerem Lichte. Und der Stoffel von Unteroffizier ist ihnen am Ende noch lieber als ein Herr Magister, der sie bis aufs Blut gepeinigt … Erklären konnte ich mir das zur Not: die Seele des Kindes ist das denkbar feinste Instrument, ist besonders empfindlich gegen alle Stiche und Sticheleien; während den Erwachsenen das Leben [all]mählich abhärtet und auch ein wenig abstumpft. Aber ich hatte stets ein Gefühl des Bedauerns für diese Armen, die sich als Opfer hinstellten. ● Wenn ich an die Schulzeit herrliche Erinnerungen bewahrt habe, so verdank’ ich sie keinem mehr als Herman Schiller, der in der kleinen Universitätsstadt Gießen alle die Jahre hindurch mein Direktor gewesen. Gymnasialdirektor: so manchem Schüler läuft bei diesem Klang eine Gänsehaut über den Rücken; und die Eltern haben vor dieser Respektsperson eine geheime Scheu. Man darf wohl sagen: gewöhnlich ist der Direktor das bestgehaßte Wesen am Platze. Auch Herman Schiller wurde nicht gerade von der Liebe seiner Mitbürger verfolgt. Er wußte sich zu trösten; dachte gewiß manchmal bei sich: Oderint, dum metuant [mögen sie hassen, solange sie nur fürchten (Cicero, Philippicae, I. 14)] (er liebte die lateinischen Zitate!). Sie haben ihn redlich gehaßt; aber mehr noch gefürchtet. Als an seiner pädagogischen Musteranstalt, während sie im Zenit ihres Ruhmes stand, eine veritable Diebesbande entdeckt wurde, da gönnte man ihm, so beklagenswert das Ereignis an sich war, die empfindliche Niederlage. Man machte ihn dafür verantwortlich, als ob der Baumeister Schuld trüge, wenn ein Haus in Flammen aufgeht. Hohn und Spott brachen aus ihrem Versteck hervor, und Gießen erlebte damals vielleicht seinen besten Witz, da alle Welt von Schillers Räubern sprach. Und als er vor ein paar Jahren infolge eines Konflikts mit der hessischen Regierung sein Amt niederlegte, da mögen die besorgten Herren Väter im Stillen aufgeatmet haben. ● Warum ward er gefürchtet? Er war streng, unerbittlich streng und – gerecht. Die Tränen der Mütter vermochten ihn nicht zu rühren, der Groll der Väter nicht umzustimmen. Wie manche Bitte mag an diesem Felsblock von Granit abgeprallt sein! Er kannte keine Unterschiede des Standes und der Konfession. In einer Zeit des wild tobenden Klassenhasses wich er nicht um Haaresbreite von seinen freisinnigen, fortschrittlichen Überzeugungen. Alles Muckertum war ihm in tiefster Seele zuwider; ja, er machte aus seiner antikirchlichen Gesinnung kein Hehl. Schaudernd erzählte man sich von ihm, daß er während des Gebets zum Fenster hinausgeblickt, daß er die Frankfurter Zeitung ins Konferenzzimmer mitnahm. Auch wird ihm niemand nachsagen wollen und können, daß er den jetzt so beliebten Hurrahpatriotismus in seiner Schule großzog. Ich habe ihn nie, weder an Kaisers noch an Großherzogs Geburtstag, eine Festrede halten hören. Ein Haydn’sches Quartett entsprach bei solchem Anlaß seinen Neigungen mehr als schlechte vaterländische Gedichte. Der Zufall wollte es, daß Gießen während Schillers Direktorium einen freireligiösen Bürgermeister hatte: an geheimen Intrigen von Seiten der ängstlich um das Seelenheil besorgten Pfaffen fehlte es da wahrlich nicht. Freilich, seine Duldsamkeit war eine stärkere Waffe. ● Herrschte so bei den Erwachsenen eine Mischung aus Furcht und Haß, so hatten die Schüler – wie leicht erklärlich – Angst vor diesem Allmächtigen. Namentlich die der unteren Klassen. Wenn er gravitätisch durch den Schulhof stolzierte und seine finsteren Blicke umherschweifen ließ, lief ein Frösteln durch die Reihen. Daß er eigentlich mit seinen streichholzdünnen Beinen, auf denen ein Falstaffbauch lastete, eine recht komische Figur abgab, kam uns nicht zum Bewußtsein. Die Angst verwandelte sich indes in Ehrfurcht, ja in Bewunderung, sobald aus dem Direktor der Lehrer ward, sobald wir nähere Fühlung mit ihm gewannen. Sein Unterricht in der Geschichte und in der deutschen Literatur ist schlechterdings unvergeßlich. In einer Stunde konnte man bei ihm mehr lernen, als bei manchem Professor in Jahr und Tag. Unerschöpflich war er in Anregungen, in der Gabe, ein Thema von den verschiedensten Seiten zu beleuchten. Dabei verkehrte er, vermutlich um sich selbst den abgedroschenen Gegenstand zu würzen, mit seinen Primanern in durchaus individueller Weise; kannte jedes Einzelnen Schwächen und Vorzüge. So lernte er am Menschen, während er die Menschen lehrte. Ein wenig Polyhistor, blendete er wohl durch sein umfangreiches Wissen; mehr noch durch sein staunenswertes Gedächtnis. Und er war stets eifrig bemüht, dem Unterricht eine möglichst große Abwechslung zu verleihen. Auch verschmähte er es nicht, Tagesfragen heranzuziehen, um an ihnen und durch sie Ereignisse der Vergangenheit zu erklären. Kurzum: er mied die Schablone, verhalf der Persönlichkeit zum Sieg. ● War er auch bei weitem seine beste Lehrkraft, so gelang es ihm doch, vornehmlich jüngere Lehrer von ausgesprochener Eigenart seiner Anstalt zu gewinnen und den rechten Mann an den rechten Platz zu stellen. Er hatte Probekandidaten und erlebte seine Freude an ihnen – allerdings hielten sie es meistens nicht lang auf dem Katheder aus. Aber sie schwärmten für den Pädagogen Schiller, dessen Seminar in Deutschland wohl seinesgleichen suchte. Unaufhörlich war er darauf bedacht, Neuerungen einzuführen, wodurch wir vielfach die Rolle pädagogischer Versuchskaninchen spielen mußten. ● Herman Schiller war ein Scholarch, doch kein Scholastiker. Ein durchaus moderner Mensch, der in seiner Zeit und für seine Zeit lebte. Modern als Widersacher alles Dunkelmännertums, als beherzter Vorkämpfer der Freiheit und Individualität. Er hat nicht lange gelebt [geb. 07.11.1839], doch er war lange tätig. Er hat viel erlebt und nichts überlebt. Denn er ist ein Mensch gewesen und das heißt ein Kämpfer sein. Sein Andenken wird wie in der Wissenschaft so auch bei denen, die sich seine Schüler nennen dürfen, nicht vergehen.“

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1904

George Gissing. Nation, Bd. 21, Nr. 15 (9. Januar 1904), 233-235.
Englischer Romancier (gest. 28.12.03). – „Es war bei einem Diner der Literarischen Gesellschaft. Ich saß neben dem jungen Mr. Harrison [Austin Harrison (1873-1928), Journalist und Schriftsteller, Herausgeber der English Review 1910-1923], dem Sohn Frederic Harrisons [Rechtsgelehrter und Kulturphilosoph (1831-1923)]. Er erzählte mir, sein Vater – ein Siebzigjähriger – versuche sich jetzt zum erstenmal an einem Roman [Theophano: the Crusade of the Tenth Century (1904)] … Ich weiß nicht mehr, welche Gedankenverbindung mich plötzlich zu der Frage drängte, ob er mir etwas von George Gissing mitteilen könne; aber ich weiß noch sehr gut, warum mir dieser Dichter gerade damals besonders am Herzen lag. – Spät hatte ich seine Bekanntschaft gemacht – viel zu spät, wenn ich bedenke, wie wir manchen im Grunde gleichgültigen Schriftsteller eine Zeitlang mitschleppen, nur weil ihn uns der Zufall in den Weg geführt hat. Und derselbe Zufall hat uns andere, die uns weit mehr geben können, wer weiß wie lange vorenthalten. Eigentlich haben wir ja zu allen Künstlern ein ganz persönliches Verhältnis; oder wenn auch nicht zu allen, so doch zu denen, die wir lieben, deren Werke in unserer eigenen Natur eine verwandte Stimmung finden. Doch es herrscht auch in diesem Gefühlskreis die Tücke des Objekts. Haben wir erst einmal den Anschluß an einen hervorragenden Menschen versäumt, so raffen wir uns schwer auf, diese Lücke auszufüllen. Das angeborene Widerstandsvermögen ist da mit im Spiele. Ich glaube, es entwickelt sich auch [all]mählich, ohne daß wir es wollen, eine leise Voreingenommenheit, eine gewisse Tücke des Subjekts. Wir haben so lange gewollt und es nicht gekonnt, daß wir dann, wenn wir können, nicht mehr wollen. Jeder von uns, die wir uns beruflich mit der Literatur, mit der Kunst überhaupt befassen, hat so ein kleines Sündenkonto. Der eine kennt Mendelssohn, der andere Hölderlin nicht. – Kurz, ich kannte lange nichts von George Gissing als seinen Namen. Und immer stand er auf meiner Liste. Da wurde mir eines Tages sein letztes Buch The Private Papers of Henry Ryecroft (Westminster: Archibald Constable [1903]) aus England zugeschickt. Ich überwand das unbehagliche Gefühl, die Bekanntschaft mit einem Dichter durch sein letztes Werk zu eröffnen, und begann die Lektüre. Kaum hatte ich zwanzig Seiten gelesen, da war es mir zur Gewißheit geworden, daß ich schon ein persönliches Verhältnis zu dem Dichter gewonnen hatte: seine Menschlichkeit hatte sich mir erschlossen. Er schlug Akkorde an, die in mir fortklangen. Er weckte vertraute Stimmungen. Er belebte meine Einsamkeit. Er brauchte mich nicht zu überreden, er überzeugte mich. Seine Betrachtungen über alles Leidvolle, was Menschenbrust durchbebt, über alles Freudvolle, was Menschenherz erhebt, waren mir aus der Seele gesprochen. Und vor allem: seine Liebe zu England brauchte nicht um Gegenliebe bei mir zu betteln. Aber je weiter ich las, um so mehr bestärkte sich der Eindruck: hier spricht ein Mann, der mit dem Leben abgeschlossen, völlig abgeschlossen; der seinen Frieden mit der Welt gemacht hat. Ein Mann, der im Leid des Daseins hart gehämmert worden ist: ein Dulder. Er betrachtet von der Höhe seiner Einsiedlerwarte das ferne Gewimmel der törichten Menschlein, die in beständigem Kampfe aller gegen alle hadern, nicht mit Zarathustra-Bitternis, sondern mit mildem Lächeln; nicht mit dem Hochmut, der andere verachtet, um mit der eigenen Person Kult zu treiben, aber auch nicht mit dem Zynismus, der sich selbst verachtet, um andere verachten zu können. Hier spricht ein Mann, letzten Verstehens voll, der das abgegriffene Terenzwort ‚nichts Menschliches ist mir fremd’ mit Fug im Wappen führen darf. Doch weil er alles versteht, hütet er sich, alles zu verzeihen. Weil er den Becher des Wehs bis zur Neige gekostet, weil er durch den schnöden Zufall seiner armen Geburt nicht mit den Frohen an der Tafel des Lebens sitzen durfte, sondern ihr die Leckerbissen abringen mußte, hat er den Genuß innerlich überwunden und ist doch für seine Annehmlichkeiten empfänglich geblieben. Seine Seele hat sich auf sich selbst besonnen. In dieser Renaissance, die jenseits von Hoffen und Harren steht, erblühen ihm ein neuer Glaube an die Menschheit und eine vertiefte Liebe zur Natur. Wie ihm die Natur in der Stille seiner ländlichen Muße näher rückt, entfernt sich die Menschheit seinem Blick. Er wird der wahre Einsame, glücklich im Besitz seiner selbst. Nun sollen ihm die anderen seine Kreise nicht mehr stören … ● Man fühlt es sogleich: Henry Ryecroft, der sich nach jahrelangem, enttäuschungsreichem Frondienst in der Tagesschriftstellerei freiwillig zur Ruhe gesetzt hat, der sturmgefriedete, in der vita contemplativa aufatmende Henry Ryecroft ist George Gissing. Die romanhafte Einkleidung nimmt dem Bekenntnisbuch nichts von seinem autobiographischen Werte. Sie mag durch den Geschmack des britischen Publikums veranlaßt sein: denn in England hat man es gern, wenn sich der Autor hinter seinem Werke versteckt oder zum mindesten eine Maske vorbindet. Schon durch diesen Drang zur Offenheit, dieses ersichtliche Bedürfnis, Erdichtetes und Erlebtes in Einklang zu bringen, zu unlösbarer Mischung zu veramalgamieren, diese Rousseau’sche Note, die Goethe, von der Allmacht der Persönlichkeit durchdrungen, zu einer keynote künstlerischen Schaffens erhob, unterschied sich George Gissing wesentlich und vorteilhaft von dem Gros der englischen Massentrabanten. Er hätte sich nie in der Rolle eines Schleppenträgers des öffentlichen Geschmacks wohl gefühlt, nie zu einem Schönheitsfärber aus Profession gleich den Unterhaltungsfabrikanten erniedrigt. – Was wunder, daß George Gissing bei seinen Landsleuten als Apostel des Pessimismus verschrien war? Daß sie ihn als einen konsequenten Realisten brandmarkten und – solche ebenso verwegene wie verlegene Vergleiche sind ja nicht auszurotten – ihm den Makel eines englischen Zola anhängten? Der optimistische Grundzug dieses gesündesten Volkes bäumte [sich] auf, wandte sich von ihm ab. Die ganze neuere englische Literatur ist ein leuchtendes Manifest des unverbrüchlichen Glaubens an den Sieg des Guten; Browning, Carlyle, Ruskin haben ihm die Fahne vorangetragen, in dieser Gefühlszone als Proselytenmacher gewirkt. Da hat der Pessimismus verlorenes Spiel. Jünglinge, die mit Gott und der besten seiner Welten zerfallen sind, mögen durch dieses heilsame Durchgangsstadium gehen; der gereifte Mann blickt lächelnd vom Hafen der gesicherten Existenz auf seine Jugendirrungen zurück. Wenn aber ein Greis wie Thomas Hardy sich in den Pessimismus verbohrt, so erweckt das höchstens Mitleid. Vielleicht hat George Gissing unter seinem Rufe gelitten; seine Bücher haben es sicher, denn sie fanden nur in beschränktem Maße Gnade vor den Augen der nach Erheiterung lechzenden Lesegemeinde. Sie begrüßte den Umschwung in seiner Gesinnung, das mildere, wohltemperierte Empfindungsklima seines Henry Ryecroft mit freudiger Genugtuung und bereitete seinem letzten Werk einen Erfolg, den sie früheren Spenden seiner ehrlichen Feder verweigert hatte. –  – Mir schien das Einlenken zu sanfter Resignation, Henry Ryecrofts wehmütige Weise, die nun George Gissings Schwanengesang wurde, durch äußere Umstände geboten oder beschleunigt. Ich hatte eine Ahnung, daß ihm eine Schwinge gebrochen sei, daß er flügellahm am Boden flattere. Und sie ward leider bestätigt. Damals sagte mir mein Gewährsmann, George Gissings Tage seien gezählt; die tückische Lungenschwindsucht gestatte ihm nicht mehr, in Englands Nebel zu leben; er habe in Südfrankreich einen Badeort aufgesucht, ein Todgeweihter. Am 28. Dezember ist er dort (in Jean-de-Luz) gestorben. ●●● Mehr noch fast als den Dichter pries mir Mr Harrison den Menschen. George Gissing war sein Hauslehrer gewesen. Er kannte die widrigen Schicksale, die dieses Edelwild gehetzt hatten. Als blutjunger Mann hatte er sich mit einem gemeinen Frauenzimmer, einer Wäscherin, eingelassen, die er später aus Anstand heiratete [Marianne Helen Harrison (1858-1888), ohne geregelten Beruf; Eheschließung am 27.10.1879]. Die turbulente Ehe, die den verheißungsvollen Schriftsteller zu niedriger Lohnarbeit zwang und seine Exkommunikation aus der besseren Gesellschaft zur Folge hatte, nahm für ihn den denkbar günstigsten Ausgang: sie, die er aus dem Straßenschmutz aufgelesen hatte, kehrte in ihr Element zurück [1882]. Der Niederschlag dieser Erfahrungen soll sich in dem Roman Thyrza (1887) finden. Mein freundlicher Tischnachbar rühmte ferner ganz besonders die Einleitungen, die George Gissing zu der sogenannten Rochester Edition von Charles Dickens’ Werken geschrieben habe [1899 ff.]. Hier sei Dickens, der doch nachgerade anfange, der Zeit seinen Tribut zu zollen, zum erstenmal ein unbefangen-moderner Kritiker erstanden. (Ich erinnere mich, daß es dieser Ausgabe in England zurzeit nicht an Anfechtungen gefehlt hat.) – George Gissing wurde am 22. November 1857 in Wakefield geboren, der uns durch Oliver Goldsmiths unsterbliche Idylle geläufigen Fabrikstadt in Yorkshire. Seine Erziehung erhielt er am Owens College in dem nahen Manchester und bezog später, täusch’ ich mich nicht, die Universität Oxford. [Nein, Gissings akademische Karriere endete 1876, als er wegen eines geringfügigen Diebstahls, begangen für sein ‚gemeines Frauenzimmer’, vom Owens College verwiesen und zu einer einmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.] Mit siebenundzwanzig Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch. [Diesem Buch war noch vorausgegangen der Roman Workers in the Dawn (1880), der jedoch kaum Beachtung gefunden hatte.] Der Titel The Unclassed (Die Klassenlosen) steht wie ein Wegweiser am Eingang seiner Laufbahn. Von Anbeginn gehörten seine Sympathien den Enterbten, den Ausgestoßenen, den Stiefkindern des Schicksals. Sie waren ihm ans Herz gewachsen. Er machte nicht die bei den Romanschreibern seines Landes herrschende Mode mit, den Besitzenden zu schmeicheln, sich vor Rang und Würden ehrfurchtsvoll zu verneigen. So kam es, daß ihm die Reichen, Selbstsüchtigen, im Luxus Schwelgenden literarisch nicht recht gelingen wollten, wie Charles Dickens und Anzengruber, oder doch farblos blieben, während er sich allmählich zum besten Kenner des unteren Mittelstandes in England entwickelte. Warum sollten auch – nach einem Ausdruck Thackerays – ‚die da unten wimmeln’ [Zitat nicht ermittelt] zu Romanhelden weniger geeignet sein? Lediglich weil das Publikum lieber in Paläste als in Hütten schaut, sich lieber im Glanze sonnt als in Dürftigkeit friert? Nein, das Glück – lehrt George Gissing – ist sehr gleichmäßig unter alle Klassen und Stände verteilt: ‚Das Leben der Allerärmsten ist ein Nahrungskampf; auf die Reichsten, die von diesem einen Druck befreit sind, stürmt eine solche Menge künstlicher Sorgen ein, daß die wenigen Augenblicke wahrhafter Ruhe, die ihnen gegönnt sind, die ihrer Antipoden nicht übertreffen … Es ist ein Irrtum, der bloßer Gedankenlosigkeit entspringt oder der Unkenntnis, wenn man sich einbildet, die arbeitende oder sogar die mittellose Bevölkerung stöhne beständig unter der Bürde ihres Daseins. Man gehe doch einmal die ärmste Straße im Londoner Ostend entlang, und man wird ebensoviel Gelächter hören, ebensoviel Lustigkeit antreffen wie sie irgendeine Verkehrsader des Westens bietet … Man freut sich des Lebens ebensosehr in den Slums wie im Palast.’ [Demos, Kap. 30] ● Freilich, George Gissing hat von diesem Lebensgenuß nur einen schwachen Abglanz zu geben vermocht. Ihm stellte es sich nicht farbig dar, sondern grau, grau in grau. Erst sein Henry Ryecroft entdeckt, da schon der Abend seiner Erdenfrist dämmert, die rosigen Töne, und so scheint die Praxis seiner Theorie doch etwas zu widersprechen. Bei aller Verwandtschaft mit Dickens hat die Natur den strengen Richter des Dichters leider um dessen köstlichstes Angebinde betrogen: den Humor. – Wohl griff Gissing herzhaft ins volle Menschenleben hinein, aber nicht mit Dickensscher Illusionsfreudigkeit, sondern mit Zola’schem Schematismus, von seines Gedankens Blässe ein wenig angekränkelt. Er hat sich hier ein System ausgebildet, das angeblich den Reiz der Neuheit besaß. ‚Wonach ich strebe – verkündet er durch den Mund eines Schriftstellers [Harold Biffen], der wie alle seine Lieblingsfiguren eigene Züge mitbekommen hat –, das ist ein absoluter Realismus im Bereich der niedrig Anständigen. Das ist, wie ich es auffasse, ein neues Feld; ich kenne keinen Schriftsteller, der das gewöhnliche, gemeine Leben treu und ernst behandelt hat. Zola schreibt ausgesprochene Tragödien; seine nichtswürdigsten Gestalten werden heroisch durch den Platz, den sie in einem stark imaginären Drama ausfüllen. Ich will die wesentlich Unheroischen vornehmen, das Alltagsleben jener breiten Volksmehrheit, die kärglichen Verhältnissen preisgegeben ist. Dickens verstand die Möglichkeit solcher Arbeit, aber sein Hang zum Melodrama einerseits, sein Humor andererseits hinderten ihn, sich ihr zu widmen.’ [New Grub Street, Kap. 10] – Das Ergebnis dieses mehr wissenschaftlichen als belletristischen Reproduktionsverfahrens wäre – unaussprechliche Langweile: denn sie verleiht nach Gissings eigner Versicherung dem Leben der ‚ignobly decent’ das Gepräge. Zum Glück steckte zu viel vom Dichter in ihm, als daß er dem Fluch der Methode heillos erlegen wäre. ● Berührte er sich also in der Stoffwahl mit Dickens, so war Zola dem Anfänger unstreitig Vorbild in der Ausführung. Er trachtete nach Totalität, ohne jedoch die gewaltige Monumentalität seines Meisters zu erreichen. Ihm gebrach es an der zyklopischen Faust, die nach Gutdünken auftürmt oder zerschmettert; er hatte eine peinlich genaue Hand, die sich auch in der sorgsamen Ausfeilung des Stils verriet und in dem Betracht wenigstens den Franzosen übertraf. Dessen Milieulehre verpflanzte er mit Stumpf und Stil nach England, und in der Fülle des Details bleibt George Gissing kaum hinter ihm zurück. Seine Breite knüpft nicht etwa an die üble Tradition des britischen Romans an, der sich von jeher gern im Irrgarten müßigen Fabulierens und dichtgesäter Abschweifungen tummelte, sondern sie bekundet deutlich Zola’schen Einfluß darin, daß jede Einzelheit noch in dem Gesamtorganismus ihren Zweck erfüllt. Immerhin hütete sich Gissing wohlweislich, die Theorie auf Kosten der Straffheit der Komposition zu übertreiben. ● Sein Streben nach Wahrheit äußerte sich auch darin, daß er die Liebe, das A und O der Literatur, auf das gehörige Maß zu reduzieren suchte. Zweifellos aus Abneigung gegen den englischen Dutzendroman, der kein anderes Thema kennen will als die Beziehungen der Geschlechter zueinander. Die Vorliebe des Publikums für diesen Gegenstand erklärte er daraus, daß es so wenig Liebe in der wirklichen Welt gebe; aus demselben Grund verlangen ja auch die Armen immerwährend Geschichten von den Reichen zu lesen. ‚Die Liebe ist im Leben der meisten Frauen das Unbedeutendste. Sie dauert ein paar Monate, möglicherweise ein Jahr oder zwei, und dann bezweifle ich, ob sie oft die erste Erwägung ist.’ Und wie stellt sich der Mann zu dieser Kardinalfrage? ‚In der Regel ist die Ehe das Resultat eines gelinden Vorziehens, das durch die Umstände ermutigt und bedächtig zu einem starken sexuellen Gefühl gesteigert wird … Dieselbe Art Gefühl könnte fast für jedes nicht gerade abstoßende Weib erzeugt werden.’ [New Grub Street, Kap. 26; 22] In George Gissings Büchern ist denn auch von vielen anderen Dingen die Rede, was gewiß für Leihbibliotheken-Stammgäste keine empfehlenswerte Eigenschaft war. ●● Seiner beiden wichtigsten Romane wäre noch in Kürze zu gedenken. Schon zwei Jahre nach seinem Erstling erschien Demos (1886), im Untertitel eine Erzählung vom englischen Sozialismus genannt und mit einem Motto aus Goethe geschmückt: ‚Jene machen Partei; welch’ unerlaubtes Beginnen! / Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst.’ [Vier Jahreszeiten] (Dem trefflichen Mann sei seine bei jeder Gelegenheit bezeugte Verehrung für Goethe insbesondere und für deutsche Geisteskultur überhaupt nicht vergessen.) Als novellistisches Freskogemälde einer politischen Bewegung ist Demos stark verblaßt. So meisterhaft auch die Schilderung einer Proletarierfamilie gelungen ist, so glücklich unter den Gegenspielern Licht und Schatten verteilt sind, so künstlerisch die Vertreter des Sozialismus – hier die radikalen, dort die ästhetischen, denen William Morris als Folie diente – abgestuft werden: die praktische Verwirklichung der sozialistischen Ideen, die den Kern der Handlung bildet, mutet romanhaft an. Jedoch keineswegs romanhafter als Walter Besants Utopie, die eines Tags in Stein verewigt ward. Eigentlich steht andres im Vordergrund: ein Kampf ums Majorat und das uralte epische Motiv vom Fluch des Goldes. An den Mutimers, einer im Schweiße ihres Angesichts arbeitenden, ungebildeten, aber in ihrer Art durchaus glücklichen Familie, wird gezeigt, wie der Dämon Geld alle Daseinsbedingungen umstülpt und den Charakter verdirbt. Die Schwester verblödet im Genuß; der eine Bruder entwickelt sich zum Taugenichts, der andere begeht Treubruch. Recht behält die alte Mutter, die den hereinbrechenden Reichtum von sich abwehrte und warnend ihre Stimme erhob. Von hier führt im weiten Bogen eine Linie zu Henry Ryecroft, der die kulturellen Segnungen bescheidenen Besitzes preist und mäßigen Wohlstand für die Basis einer daseinswürdigen Existenz hält. – Bei Henry Ryecroft mündet alles, was George Gissing geschaffen. Wie sein Zwillingsbruder spricht uns Edwin Reardon an aus dem prachtvollen Roman New Grub Street (1891), der mit dem Herzblut seines Verfassers getränkt ist. (Grub Street war in Popes Zeitalter das Zentrum der Literaturbörse.) Hier hat George Gissing ein journalistisches Vanity Fair entrollt. Gab er in Edwin Reardon seinen David Copperfield, so gelang ihm in Jasper Milvain eine männliche Becky Sharp. Diesem wetterwendischen, ein bißchen frivolen, im Grunde aber nicht schlechten Gesinnungsproteus der Feder gebührt vielleicht unter sämtlichen Charakterporträts des Dichters die Palme. Und als Kontrastfigur fast ebenbürtig der anständige, das Leben und die Kunst gleich ernst nehmende, ringende Literat Reardon, der sich nach Sonne sehnt und das Land der Griechen mit der Seele sucht: ein Henry Ryecroft der Vergangenheit. Neben den beiden Protagonisten unvergeßliche Episodengestalten aus dem piccolo mondo moderno des Schriftstellertums. Mit der Wollust des Schmerzes werden hier die Leiden eines von widrigen Verhältnissen niedergezogenen, innerlich stolzen, sich zu Tode schreibenden Märtyrers seines Berufs aufgezeichnet. – Aber erfreulicherweise schließt George Gissings Lebenswerk nicht mit einer solchen Disharmonie. Die Krankheit muß ihn über das rauhe Diesseits emporgetragen, ihm die Augen für die freundlicheren Aspekte des irdischen Jammertals geöffnet haben. So schaute er noch, da er sich langsam zum Abschiednehmen rüstete, die Strahlen der untergehenden Sonne, sah die Welt von ihrem Purpurlicht übergossen. Dem Tode blickte er mit stoischer Gelassenheit, als freier Mann in Spinozas Sinn entgegen. Und als ihn schon die Schatten der Nacht umschwebten, fand er eine weichere Melodie, Töne voll süßen Friedens. Aus dem Halbdunkel treten Henry Ryecrofts verklärte Züge hervor …“

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1905

Sir Henry Irving. Die Zeit (Wien), Nr. 1100, Morgenblatt, 17. Oktober 1905.
Der berühmte englische Schauspieler und Theaterleiter (gest. 13.10.05). – „I. Mit Henry Irving hat die englische Schauspielkunst ihren Altmeister und ihren berühmtesten Vertreter verloren. Ja, man darf ohne Übertreibung sagen: der bekannteste Histrione der Welt ist von der Weltenbühne für immer abgetreten. […] In England wurde er vergöttert – was die Menge freilich nicht hinderte, ihn so wenig zu unterstützen, daß er sein Theater aufgeben mußte. In Amerika war er Jahrzehnte hindurch ein gern gesehener Gast. […] Sein Name wurde mit Macready und Garrick in einem Atem genannt. Und als letzter der ganz großen englischen Schauspieler wird er in die Geschichte eingehen. – Über sein bewegtes Leben vermag ich kaum mehr zu sagen, als in den Handbüchern steht. Er war am 6. Februar 1838 in Keinton [Mandeville] in der Nähe des durch seine Kathedrale bekannten Glastonbury geboren […]. Seinen bürgerlichen Namen Brodribb gab er auf, als er sich der Bühne zuwandte […]. Die Natur hatte den Kaufmannsjüngling, der eines Tages aus dem Bureau davonlief, weil ihn das Kulissenfieber gepackt hatte, glänzend bedacht. Er besaß einen jener prachtvollen Charakterköpfe, wie man sie nur in England und höchstens noch in Amerika antrifft. Auf allen seinen Bildern fallen ein Paar strahlender Augen unter einer majestätischen Stirn auf. Eine feierliche Würde lag auf diesem edeln Gesicht, geradezu etwas Sakrales. […] Dazu eine geschmeidige Figur, die bis ins Alter hinein jung blieb. Doch auch die dreizehnte Fee war an seiner Wiege erschienen. Die Stimme, die für den Schauspieler das ist, was die Hände für den Musiker, war bei ihm in die Kehle hinabgerutscht. Seine Sprachwerkzeuge bildeten die Laute nicht in der Höhlung des Mundes, sondern in den tieferen Regionen des Schlundes. Wie ein Gurgeln stieg es daraus empor. Ein beständiges Ächzen und Krächzen. Mir ist es bis zum heutigen Tag unfaßbar, wie ein Mensch mit diesem Reibeisenorgan, das immer erst einen Geröllhaufen beiseite zu schieben schien, Romeos Liebesgeflüster versinnlichen konnte. Später hat er klüglich nur noch Bösewichter und Intriganten dargestellt. Und hier wurde ihm der Mangel zu einem Vorzug. Richard III., Jago und ähnliche Teufel müssen mit Irvings Stimme gesprochen haben oder sollten es wenigstens, weil unsere Phantasie es so will. – Der Einundzwanzigjährige machte in London sein Debüt. Mit welchem Erfolge, geht daraus hervor, daß er sieben Jahre die Provinz beglücken mußte, ehe er wieder in der Hauptstadt auftreten durfte. Auf diesen nomadenhaften Wanderfahrten durch die grauen, kunstlosen Handelsstädte ist ihm das groteske Elend seines Standes nicht erspart geblieben. Aber eben dadurch, daß er all das Ungemach kleiner Mimen am eigenen Leibe erfuhr, hat er später unendlich viel für die soziale Hebung seiner Genossen getan. Wie er dann eines Abends durch den Theaterschriftsteller Dion Boucicault aus dem Nichts emporgezogen wurde, das hat Irving in seinen Erinnerungen mit wehmütigem Humor erzählt. – Erst vom Jahre 1871 an, als er an das Lyceum kam, datierte seine in der Theatergeschichte einzig dastehende Ruhmesbahn. Länger als drei Jahrzehnte war Henry Irving der Statthalter Shakespeares in England, das Lyceum ein Tempel der Kunst. Er hatte das Glück, in Ellen Terry eine ebenbürtige, von manchen sogar höher gepriesene Partnerin zu finden. Nun widmete er sich ausschließlich der Darstellung Shakespeares (von vereinzelten Paraderollen abgesehen), und er fühlte sich so ganz als Apostel des Stratforders, daß er von der modernen Produktion überhaupt nicht Notiz nahm. Ward ihm dies auch nicht mit Unrecht von den lebenden Autoren verdacht, so lassen sich Irvings Verdienste als Shakespeare-Interpret kaum überschätzen. […] So schwang sich das Lyceum in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu seinem Weltruf empor. Und viele Inszenierungen Irvings sind bis zum heutigen Tage vorbildlich geblieben, trotzdem Beerbohm Tree durch den Pomp seiner Ausstattungseffekte die Menge dauernder zu ködern verstand. – Dieses übertrieben dekorative Prinzip, das Shakespeares Drama in die Nähe von Feerien rückte, aber gerade dadurch die Gunst des Publikums errang und behauptete, hat Henry Irving schweren Schaden getan. Er mußte das Lyceum aufgeben und soll einen großen Teil seines Vermögens dabei eingebüßt haben. Freilich, an Ehrungen hat es ihm darum nicht gefehlt. So oft er auftrat, überschütteten ihn Parterre und Galerie gleichmäßig mit ihrem Beifall; denn vor nichts hat der gesinnungszähe Engländer solchen Respekt wie vor der Tradition. Und Irving war längst eine von der Tradition geheiligte Persönlichkeit geworden. Drei Universitäten des Landes hatten ihm den Ehrendoktor verliehen: Dublin, Cambridge, Glasgow, und die Königin handelte sicher nach dem Wunsch des Volkes, als sie ihn in den Ritterstand erhob. Aber es muß doch für den alten Mann, der einer großen Sache Gut und Blut geopfert hatte, ein unsäglicher Schmerz gewesen sein, als er das Lyceum, die Ruhmesstätte englischer Schauspielkunst, einem Variété weichen sah. […] ● II. Vielleicht war Sir Henry schon zu alt und ich noch nicht alt genug, als ich ihn im Mai 1901 kennen lernte. Gräßlicher kann man nicht enttäuscht werden. Es war eine Katastrophe. Freund [Arthur] Eloesser [– der Berliner Literaturwissenschaftler und Journalist (1870-1938) –] und ich saßen kopfschüttelnd da, wie vor etwas Unbegreiflichem. Das sollte der gefeiertste europäische Schauspieler sein –  – nein, es war unmöglich. Freilich, wir vergaßen, daß aller Schauspielerruhm mehr oder minder lokal fundiert ist. [Adolf von] Sonnenthal [1834-1909] wurzelt in Wien; der herrliche Matkowsky stößt Nicht-Berliner oft ab. Wenn man einen Künstler zum erstenmal sieht, entdeckt man mit Vorliebe seine Schwächen und ahnt im günstigsten Fall eigentlich nur von fern seine Bedeutung. Erst allmählich kommt man hinter das Geheimnis einer Individualität. Auch der Künstlerruhm zehrt von der Gewohnheit. So sehr, daß etliche Künstler geradezu eine lokale Gewohnheit geworden sind. Und wenn das englische Sprichwort sagt: ‚Common fame has a blister on its tongue’ (Popularität hat ein Bläschen auf der Zunge), so fällt es dem Außenstehenden immer leichter, die Gründe für das Bläschen als für die Popularität zu finden. – An jenem Abend spielte Irving den Coriolan. Wir waren noch ganz erfüllt von der Wundergestalt, die Matkowsky unlängst geschaffen: jeder Zoll ein Held, ein Sieger. Und was erlebten wir nun? Der Bezwinger Coriolis schritt in einer Maske daher, als wolle er mit Shylock auf dem Rialto in Venedig feilschen. Ein widerlich grinsendes Gesicht mit stachlig schwarzem Bart, der offenbar die Wildheit des Kriegers veranschaulichen sollte. Und wenn der edle Römer den Mund auftat, meinte man ein Mauscheln in englischer Sprache zu vernehmen. Auch die Art, wie der Konsul mit weit ausholendem Schritt – dem typischen Schritt der Intriganten an kleinen Bühnen – dahinstolzierte, war einfach lächerlich. Aus dem geborenen Aristokraten, dem Herrenmenschen mit dem Adlerblick, von dem es heißt: ‚Er würde Zeus nicht um den Donner schmeicheln und trägt das Herz auf der Lippe’ [Coriolan, III. i], ward in Sir Henrys Verkörperung ein übelgelauntes, galliges, menschenscheues Wesen. Aus dem Coriolan ein Vetter Timons. Der Mangel an Lebensklugheit, an der diplomatischen Gabe, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, verkehrte sich bei ihm zur Grillenfängerei. Dieser Coriolan war nicht offenherzig wie ein Kind und vom Bewußtsein der inneren Tüchtigkeit über irdische Niedertracht erhaben, sondern ein mürrischer Geselle, ein verstockter Bösewicht mit einer richtigen Intrigantenphysiognomie. Der vom Dichter gezeichnete Charakter war nicht wiederzuerkennen. Dazu kamen mimische Eigenarten und sprachliche Unarten des Darstellers, die den unbefangenen Beobachter verscheuchen mußten. Nur ein Eindruck ließ sich nicht verscheuchen: Henry Irving schleppt die Kette seiner Vergangenheit am Fuße; jetzt ist er pensionsbedürftig. – Dennoch sah ich ihn mir im Mai 1903 wieder an. Als Dante in einem Spektakel [Dante] von Sardou. Hier machte er von der in England herrschenden Gewohnheit, die Rolle auszusehen, statt sie zu spielen, eifrigst Gebrauch. Ein ausgezeichneter Dantekopf. Viel mehr gab er nicht, und für fünf lange Akte war das kaum genug. Das brüchige Organ verfügte nur noch über eine Skala von Gutturallauten. Die Worte wurden von allerhand störenden Nebengeräuschen verschlungen. Der alte Mann erweckte herzliches Mitleid. Er mutete an wie sein eigner Schatten. – Doch ich bin dem Geschick dankbar, daß ich nicht mit diesem niederschmetternden Eindruck von Henry Irving schied. Sein Shylock war die letzte Rolle, die ich von ihm sah, im Mai dieses Jahres. Unvergeßlich, wie er dieses Monstrum vermenschlichte! Er stand kaum auf der Bühne, da waren ihm alle Besonderheiten, die sonst den Genuß so trübten, vergeben und vergessen. Ein wahrhaft großer Künstler, einer der Allergrößten, hatte uns sogleich in seiner Gewalt und machte mit den Zuschauern, was er wollte. Wie er nun den Shylock auffaßte, ob er den geldgierigen Hebräer oder die geknechtete Kreatur oder den liebenden Vater betonte, das war durchaus nebensächlich. Und bis zur Stunde vermag ich mir über seine Auffassung nicht Rechenschaft zu geben. Man erlebte etwas weit Größeres: da stand ein Mensch vor uns, der uns sein eigenes Wohl und Wehe miterleben ließ. Der uns wie mit eisernen Klammern festhielt und uns beben und triumphieren machte. Der nicht mehr Shylock spielte, sondern ein getretener Erdenwurm war, der sich zu tragischer Höhe emporreckte. Es war ein ethisches Erlebnis, wie wir es der Duse als Kameliendame oder Oskar Sauer [1856-1918] als Gregers Werle [in Ibsens Wildente] verdanken. Und wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, kann ich nicht vergessen, wie Henry Irving im vierten Akt den Gerichtssaal verließ: ein Menschensohn, der für seine Überzeugung ans Kreuz geschlagen wurde. – Um dieses Shylock willen sei das Andenken Henry Irvings gesegnet. Bin ich auch zu spät gekommen, seine Größe in ihrem ganzen Umfange mitzuerleben, so durfte ich doch noch einen Hauch seines Geistes spüren, durfte es fühlen: das englische Volk hat einen Heros der Kunst verloren.“

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1909

Adalbert Matkowsky. In memoriam. NZZ, 19. März 1909, Drittes Abendblatt, Nr. 78.
Schauspieler (gest. 16.03.09). – „‚Fühlt überhaupt noch ein besserer Mensch den Drang, ins kgl. Schauspielhaus zu gehen, seitdem Matkowsky – er, der Herrlichste von allen! – krank ist und wahrscheinlich nie … (sei still, mein Herz!)’ … So schrieb ich hier vor 2 Monaten [am 26.01.09], als leider kein Zweifel mehr war, daß Adalbert Matkowsky nie wieder die Bühne betreten werde. Das Schicksal hat uns Zeit gegönnt, uns mit dem Gedanken vertraut zu machen. Und doch: jetzt, da er uns genommen ist, wollen wir es nicht glauben. Noch sehen wir die Reckengestalt vor uns; noch tönt uns der Klang seiner Stimme ins Ohr; noch bewahrt unser Gedächtnis mit unverminderter Kraft die Erinnerung an zahlreiche seiner Kunstwerke. Nur ihr Schöpfer ist dahingegangen (sei still, mein Herz!); seine Schöpfung lebt unter uns fort. – Adalbert Matkowsky ist nur 50 Jahre alt geworden. Er war in Königsberg geboren, sollte Kaufmann werden, entlief der Lehre, genoß bei H[einri]ch Oberländer die beste Ausbildung, wurde schon als Neunzehnjähriger an das Hoftheater in Dresden engagiert, kam dann zu Pollini nach Hamburg, von da nach Berlin, wo er fast zwei Jahrzehnte am königl. Schauspielhaus wirkte. – Was war das Besondere an Matkowsky? Um es mit einem Worte zu sagen: sein überlebensgroßes Format. Er war der einzige deutsche Schauspieler unserer Tage, der Könige und Heroen glaubhaft zu verkörpern wußte. Zunächst äußerlich. Er überragte seine Mitspielenden um Haupteslänge. Und da es oft seine Rolle mit sich brachte, daß er als einsamer Held von steiler Höhe auf das ihm zu Füßen wimmelnde Volk mit seinen gemeinen Leidenschaften herabzublicken hatte, so kam ihm seine Hünengestalt sehr zustatten. Durch den Adel seiner Erscheinung hatte er nicht selten halb gewonnenes Spiel. Auf einem mächtigen, wohlproportionierten Körper saß, von einem edel geformten Halse getragen, ein feiner Römerkopf. Am Hofe Hadrians hätte dieser Ostpreuße in Ehren bestanden; oder er hätte verdient, im Gefolge eines Borgia einherzuschreiten. Sein ‚hoher Gang’ [Faust I, 3394] wäre jedem Renaissancemenschen ein Ruhmestitel gewesen. Ich brauche nur die Augen zu schließen und sehe Matkowsky als Richard II. mit der lässigsten Grazie die Treppe hinansteigen. Bei ihm war die Majestät von Königen, der ungebeugte Stolz von Heroen wahrhaftig kein leerer Wahn. – Warum man diese Äußerlichkeiten erwähnt? Einmal, weil sie immer rarer werden auf Deutschlands Schaubühnen (nicht umsonst wird in diesem Worte dem Auge besonders Rechnung getragen). Heute, wo so viele Krüppel und Zwerge auf unsern Brettern herumschleichen, ist man allerdings geneigt, dergleichen Firlefanz mit einer geringschätzigen Geste abzutun. Sehr mit Unrecht: bei allen Kulturvölkern wird auf die äußere Erscheinung des Mimen Gewicht gelegt; wir sollten darum nicht aus der Not eine Tugend machen. Dann aber haben wir eingesehen, daß sich das Körperliche nicht von dem Seelischen trennen läßt. Eine Gestalt ist nur dann restlos zu versinnlichen, wenn sie der Illusion nichts schuldig bleibt. Eine Turandot, die nicht schön, ein Lear, der nicht ‚jeder Zoll ein König’ [König Lear, IV, vi] ist, hat verspielt. Wo sich die Erscheinung des darstellenden Künstlers nicht mit der vom Dichter vorgeschriebenen Figur deckt, wird es uns doppelt schwer, an ihn zu glauben. – An Adalbert Matkowsky haben wir inbrünstig geglaubt. Es scheint ein bloßer Zufall, daß in seinem Vornamen die beiden Worte ‚Adel’ und ‚hell, leuchtend’ (im englischen bright ist der altdeutsche Stamm enthalten) vereinigt sind; es waren aber die beiden Grundtöne seiner Natur. Wenn er als Coriolanus hoch zu Roß erschien, wie aus Erz gegossen, mit der trotzigen Kraft eines Colleoni, so umfloß ihn der Adel eines Hochgebornen, der die Berührung mit der schmutzigen Menge scheut. Wenn er als Jung-Siegfried hereinstürmte, war er von einem Leuchten, von überirdischem Glanze umsprüht, ging lachende Lust von ihm aus. – Dem körperlichen Maße entsprechend waren die Affekte, die Matkowsky wiederzugeben hatte. Er war der Mann der ungebrochenen Leidenschaften. Die primären Triebe der Menschennatur kamen bei ihm zu grandiosem Ausdruck. Hat je ein Romeo glühender geliebt? Ward je Othello von wilderer Eifersucht verzehrt? Hat Heinz je ausgelassener mit den Zechkumpanen getollt? Solche Naturen, die gewissermaßen auf eine Wesensseite gestellt sind, hat er von jeher mit genialer Treffsicherheit in ihrem Kern erfaßt. – Vor etlichen Jahren ging er dann ins sogenannte Charakterfach über. Aus dem Mortimer wurde der Leicester [in Schillers Maria Stuart], aus dem Carlos der Marquis Posa [in Schillers Don Carlos], aus dem Heinz der Heißsporn [in Shakespeares Heinrich IV.]. Wie er als Jüngling ganz Flamme war, wurde er jetzt gebändigte Glut. Nun überzeugte er selbst diejenigen, welche, von dem Überschwang seines Temperaments abgestoßen, ihm gelegentlich ‚Kulissenreißerei’ vorgeworfen hatten. – Und er griff zu den reiferen Männern, und sie bedeuteten, wenn möglich, eine noch höhere Staffel seiner Kunst. Götz, Tell, Wallenstein waren seine letzten großen Leistungen. Sein früher bisweilen ungezügeltes Temperament war jetzt völlig dem Willen zu gebändigter Kraft dienstbar. – Schiller und Shakespeare waren seine Meister. Von Karl Moor bis Macbeth war die Galerie seiner Gestalten lückenlos. Brachte er für den deutschen Dramatiker den Feuerbrand der Rede, die Wucht des Pathos mit, so blieb er der tieferen Psychologie des Engländers nichts schuldig. Er scheiterte eigentlich nur am Hamlet. Dieser Zweifler, der mit der Tat spielt, lag dem Felsblockschleuderer nicht: Matkowsky hätte nun und nimmer so lange gezaudert wie Shakespeares Skeptiker. – Leute, die ihn oberflächlich kannten, haben behauptet, der geborne Schiller-Darsteller hätte Hebbel nicht spielen können. Sie haben nie seinen Golo gesehen, nie seinen Holofernes, nie seinen Halbgott Siegfried, nie den großen Menschen Kandaules erlebt. Bei Hebbel wäre ihm noch der Meister Anton erstanden. Und Hebbel hätte ihn vielleicht doch noch zu Ibsen geführt, mit dem er vielleicht innerlich wenig Berührungspunkte hatte, obwohl wir von ihm einen idealen Borkman, den einzigen Baumeister Solneß erträumten. – … Er ist dahin. Was soll die Trauer? Hadern wir nicht mit dem tückisch grausamen Schicksal, das ihn uns geraubt, sondern seien wir ihm dankbar, daß wir zu Zeugen seines Triumphes werden durften. Wir wußten, daß er nicht seinesgleichen hatte. Wir alle, deren Bewunderung Liebe war, empfinden sein Scheiden als einen persönlichen Verlust.“

Algernon Charles Swinburne. NZZ, 15. April 1909, Zweites Abendblatt, Nr. 104.
Englischer Lyriker, Essayist und Dramatiker (gest. 10.04.09). – „‚Unwerter bleibt die Welt zurück, entkrönt, / Da nimmer nun in hohem Sang sein Herz / Geburt und Tod und Nacht und Tag versöhnt’: auf den Tod Richard Wagners – wohl des einzigen von ihm bewunderten Deutschen – hat Swinburne diese Verse geschrieben [‚The Death of Richard Wagner. I’, übers. Otto Hauser], die ihm selbst nun in die Gruft nachtönen mögen. – Bleibt die Welt unwerter zurück? Nur die englische. Denn dem Ausland ist der Name des eben im zweiundsiebzigsten Jahre gestorbenen Dichters Algernon Charles Swinburne zum erstenmale bekannt geworden, als er im verflossenen Jahre für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Im letzten Augenblick hat dann ein anderer den Preis erhalten, und der Unsterbliche, der nie das Danaergeschenk öffentlicher Anerkennung begehrte, konnte aus seliger Höhe über diesen Streich des blöden Schicksals lächeln. Prämierungen sind für kleinere Talente da. Er aber war der Größten Einer. Wenn den Gebildeten – nach Ibsens Tode – August Strindberg als der stärkste Intellektualist gilt, so darf Swinburne als der stärkste Formalist in Anspruch genommen werden. Als ein Lyriker, der neben Byron und Shelley, Victor Hugo und Baudelaire seinen Ehrenplatz verdient. Aber die Welt hat nicht von ihm Notiz genommen … nun, er hat auch nicht von der Welt Notiz genommen. Aber der Welt ist er nicht gestorben … nein, denn er wird ewig in der Weltliteratur leben. In einer wie begnadeten Zeit müssen wir doch leben, daß wir an einem solchen Zeitgenossen achtlos vorübergehen können! – Es war nicht immer so. Schon der Dreiundzwanzigjährige erregte mit zwei Dramen im Stile der Elisabethiner [sic] Aufsehen durch die hohe Vollendung der Form [The Queen-Mother, Rosamond]. Mit achtundzwanzig Jahren veröffentlichte er seine Tragödie Atalanta in Calydon (1865), die sich als einzige moderne Dichtung durch das wundervolle Ebenmaß ihrer Chorgesänge neben den klassischen Werken der Griechen behaupten kann. Gleich das erste Chorlied – ‚Wenn des Frühlings Meute jagt auf des Winters Spur, / dann waltet in Wäldern, auf Auen und Wegen / die göttliche Mutter und füllt die Natur / mit lispelndem Leben und rieselndem Regen’ – erinnert durch den Adel und den Schwung der Verse an Sophokles. Swinburnes Ruhm war damit für alle Zeiten besiegelt. Aber der Ruhm kann, soll er nicht in Vergessenheit geraten, die Reklame nicht entbehren; und für die sorgte – nicht der aristokratische Dichter, ein Aristokratensproß und ein Verächter des profanum vulgus, sondern ein plebejischer Angriff, der sieben Jahre später, als Swinburnes flammende Songs before Sunrise erschienen waren, von Robert Buchanan ausging. Da wurde er von einem Moralfanatiker als Vertreter der ‚fleischlichen Schule’ gebrandmarkt, und das genügte im prüden England, ihn, wenn auch nicht dauernd berühmt, so doch vorübergehend berüchtigt zu machen. Immerhin, für die besten seiner Landsleute, mochte sich das Ausland auch ablehnend verhalten, stand seine Größe unerschütterlich fest. Sie hat in vier Jahrzehnten keine Einbuße erlitten. Bis ganz zum Schluß blieb dem Dichter – wahrlich ein seltenes Beispiel! – seine Schaffenskraft treu. Kein Erlahmen seiner Gestaltungsfreudigkeit ist bemerkbar. Als Lyriker, als Dramatiker, als Kritiker ging er unbeirrt seinen Weg weiter. An der Schwelle der Siebziger schon, entzückte er seine Gemeinde durch einen von destilliertestem Geist erfüllten Roman Gegenströme der Liebe [Love’s Cross Currents], in dem wir wohl ein früheres Werk zu sehen haben. In seiner letzten Gedichtsammlung Eine Kanalfahrt [A Channel Passage and Other Poems (1904)] überraschte er durch die grandiose Schilderung eines Sturmes, den er vor fünfzig Jahren selbst erlebt hatte und jetzt mit unverminderter Gewalt darstellte, obwohl er so lange im Gedächtnis aufbewahrt lag. Und in seinem allerletzten Werke, den vier knappen dramatischen Szenen Der Herzog von Gandia, ist eine Glut der Renaissance eingefangen, um die ihn mancher Jüngere beneiden dürfte. Für das große Publikum brauchte all das nicht geschrieben zu sein; es hatte wohl nur noch eine dunkle Ahnung von der Existenz Swinburnes. Längst war es still um ihn geworden. Die Reihen der befreundeten Präraphaeliten hatten sich gelichtet; andere Götter waren aufgekommen, und fern vom Gewühl der Welt hatte sich Swinburne mit seinem Intimus Theodore Watts-Dunton in ein abgeschiedenes Tusculum zurückgezogen. Dort ist er nach kurzem Krankenlager verblichen. – Algernon Charles Swinburne stellt eine merkwürdige Mischung der Elisabethiner und Präraphaeliten dar. Hatte er von jenen die ungebrochene Leidenschaft geerbt, so dankte er diesen die formale Vollendung. Er war ein erlesener Künstler der Form. Ein Sprachkünstler allerersten Ranges. (Nicht nur ein Meister der englischen Sprache, denn daneben hat er auch Verse in lateinischer und französischer Sprache geschrieben.) Aber kein bloßer Sprachkünsteler, wie etwa Stefan George, sein wesensverwandtester Dolmetsch. Seine Anfänge zeigen ihn als Byron-Schüler; es war ein flüchtiger Einfluß. Dann fühlte er sich von der Rossetti-Weis angezogen. Die schwüle Sinnlichkeit strömte ihm von hier zu. Aber während der Dichtermaler in seinen Versen eigentlich immer mit der Sordine spielt, entfaltete Swinburne bald den vollen Glanz des Orchesters. Kein anderer hat das Instrument der englischen Sprache mit gleicher Virtuosität gehandhabt. Er entlockte ihm eine berauschende südländische Sinnlichkeit, den üppigsten romanischen Wohllaut. Nicht umsonst hatte er an den Altären Victor Hugos und Baudelaires geopfert. Aus allen Schatzkammern der Weltliteratur hatte sich seine Sprache Juwelen aufgelesen. Sie verkehrte mit den Griechen wie unser Hölderlin, so daß man Swinburne, der über eine erstaunliche klassische Bildung verfügte, gern als modernen Hellenisten bezeichnet hat; sie gebot über die Wucht der Bibel, über die Glut des Hohen Liedes; ihr war das tönende Pathos Schillers nicht fremd. Und dieser unerhörte Eklektizismus der Form äußerte sich auch in der Behandlung des Metrums. Man müßte eine Prosodie ausschreiben, wollte man alle Versmaße aufzählen, die Swinburne meisterte. Die Schwierigkeit des Reims überwand er spielend; seine stupende Technik lechzte wahrhaft nach Hindernissen, die er mit Siegerlächeln nahm; es wimmelt bei ihm von Alliterationen, Assonanzen, Binnenreimen, so daß jeder Übersetzer mutlos die Hände in den Schoß sinken lassen muß. Und dem Reichtum der Form entspricht der Reichtum des Inhalts. Swinburne konnte in seinen Kinderliedern zart und keusch sein wie William Blake; konnte wie ein alttestamentarischer Prophet wettern, wenn es die Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu treffen galt, konnte der Freiheit zujubeln wie ein politischer Märtyrer; konnte den Sturm der Elemente entfesseln und säuseln wie linde Lenzesluft; konnte im Purpur einherschreiten und verschmähte danteske Greuel nicht; konnte ätherisch sein wie Shelley und dekadent wie sein geliebter Baudelaire. Aber am wohlsten fühlte sich seine Lyrik in wehmutsvoller Betrachtung. Leben, Liebe und Tod sind die Goldranken in ihrem seidenen Teppich. Sind die drei Saiten seiner Harfe, die immer wieder erklingen. Die Finger des Lebens spielen auf den Tasten des Todes ihre Melodien. Ohn’ Ende wiederholt sich dieses dunkle Cellomotiv von Chopinscher Süße. Leben, Liebe und Tod sind für Swinburne, was Prometheus und Napoleon für Byron, was die Freiheit und die Humanität für Schiller waren. Und wenn man ihm dereinst im Pantheon der englischen Nation ein Denkmal errichtet, so versäume der Bildhauer nicht, diese drei Figuren am Sockel anzubringen. – … Der Lyriker langte nach dem Lorbeer des Dramatikers. Doch keines von Swinburnes Stücken hat sich je die Bühne erobert; sie sind theaterfremd, ja geradezu theaterfeindlich, wenigstens seine gigantischen Hauptwerke, während sich die unbedeutenderen Rosamunde-Dramen dem Rahmen der Bühne einfügen. Zunächst bedürfte es eines geübten Fachmannes, der den Umfang der Werke erbarmungslos etwa auf die Hälfte reduzierte; aber selbst dann würde man finden, daß Swinburne das Wesen des Dramas oder daß das Wesen des Dramas ihn nicht erfaßt hat. Denn das Drama lebt vom Dialog; und Swinburne, der Lyriker, wurzelt im Monolog. Immerhin muß man seine Atalanta in die Nähe der Sophokleischen Dichtung stellen, und seiner riesenhaften Maria Stuart-Trilogie läßt sich überhaupt kein Werk unserer Zeit an die Seite setzen. – Endlich der Kritiker. Was er als Dramatiker für sich selbst nicht erreichte, hat er als Essayist seinen über alles verehrten Elisabethinern verschafft. In ausführlichen Studien behandelte er Chapman und Ben Jonson, und Shakespeare sah er von seinem benachbarten Gipfel mit den liebenden Augen des Dichters. Das Chaos des Mystizissimus William Blake suchte er zu klären und wies der Forschung, die an ihn anknüpfte, damit die Wege. – Vielleicht mußte auch Swinburne erst sterben, damit die Lebenden das Geheimnis seines Wertes erkennen. Im Lande der Träume ersah er sein Ziel; vielleicht mußte er erst ins Land der Träume hinabgehen, um zu ewiger Wirklichkeit zu erwachen.“

John Millington und St. John. N & S, Bd. 130, Nr. 390 (September 1909), 447-456.
Die beiden Dramatiker John Millington Synge (gest. 24.03.09) und St. John Hankin (gest. 15.06.09). – „I. … Und ein großes Sterben hub an in der englischen Literatur. ‚Unwerter bleibt die Welt zurück, entkrönt, / Da nimmer nun in hohem Sang sein Herz / Geburt und Tod und Nacht und Tag versöhnt.’ [Swinburne, ‚The Death of Richard Wagner. I.’, übers. Otto Hauser]. Algernon Charles Swinburne stieg zuerst in Charons Kahn [am 10.04.09: s.o. MMs Nachruf in der NZZ vom 15.04.09]. Der größte Alexandriner aller Zeiten. Der Schlüsselbewahrer zur Schatzkammer der Weltliteratur. Byron-Schüler, Präraffaelit, Elisabethaner, Hellenist in einer Person. Noch auf der letzten Fahrt muß er dem schlottrichten Fährmann griechische Hexameter rezitiert oder eine Villanelle vorgesungen haben. Und auf der Asphodeloswiese empfingen ihn seine Teuren: Shakespeare, Chapman, Ben Jonson; Villon, Victor Hugo, Baudelaire; William Blake. Zwanzig Zeitgenossen entblößten schweigend das Haupt, als der Sarg zum Bahnhof geleitet wurde – ganze zwanzig. So ehrt England seine herrlichen Toten. Banausen, Böotier! – Und John Davidson, der Schotte, verschwand [am 23.03.09] freiwillig von dieser Erde, die er, wie Thomas Hardy, nur noch mit grämlichen Augen zu schauen wußte. Immer bittrer war sein Wähnen von dieser Welt geworden; ein einziges ‚J’accuse’ stöhnte zuletzt aus seiner Dichtung. Es stöhnte, es jammerte – es dröhnte nicht, daß der Boden bebte und die Wälle wankten. Ihm fehlte die Kraft, durch das Leid im Lied die Menschen auf die Knie zu zwingen. Sie schüttelten nur die Köpfe, daß er so mißmutig geworden und von des Lebens Lust nichts mehr wissen wollte. Da ging er zum Postamt, schickte seinem Verleger ein Paket beschriebener Blätter – The Testament of a Man forbid [1901] – und ward nicht mehr gesehn. – Und George Meredith legte sich [am 18.05.09] zum letzten Schlummer nieder. Er hatte seit einem Jahrzehnt geschlummert, nachdem seine Anfänge noch in die Zeit gefallen waren, als Dickens die Herzen bewegte und George Eliot die Geister erregte. Zeitlebens hatte er einen Fuß im Steigbügel, ohne daß es ihm gelang, sich der wetterwendischen Stute ‚Volksgunst’ auf den Rücken zu schwingen. Dafür feierten ihn seine Getreuen als den Browning des Romans, als einen Shakespeare der Prosa [Oscar Wilde in ‚The Critic as Artist, Part I’]. Ohne Übertreibung. Es gibt Kapitel bei George Meredith, die zum Wunderbarsten beschreibender Dichtung gehören, die man nie wieder vergessen kann, wenn man einmal so glücklich war, das üppig wuchernde Gestrüpp beiseite zu schieben und zu ihnen vorzudringen: etwa die Zauberinsel in Richard Feverel und das Bad im Ozean in Lord Ormont. Und es gibt bei George Meredith Gestalten, namentlich weibliche, von einer so modernen Differenziertheit, mit so vielen Facetten – etwa Diana [in Diana of the Crossways] –, daß die Frauenfiguren modernerer Dichter daneben dürr und dürftig erscheinen. Immerhin, das Gestrüpp ist nicht zu leugnen. Die Deutschen, deren Lebenstempo jetzt ein rascheres geworden ist, weigern Meredith den Tribut der Anerkennung, finden ihn arrièriert, Jean Paulisch umständlich, mit einem Worte: langweilig. Aber sie lesen diesen Sprachgewaltigen und Sprachvergewaltiger in Übersetzungen, die nicht diskutabel sind, und wollen nicht berücksichtigen, daß er fast der Generation ihrer Großväter angehört. Gottfried Keller hat auch nicht ums Jahr 1900 geschrieben. – Swinburne und Meredith sind dahingegangen wie der greise Nestor, nachdem sie gesagt, was sie zu sagen hatten. Doch von zwei Dramatikern soll hier die Rede sein, denen es das Schicksal wehrte, ihren eignen Ton zu finden oder, wenn sie ihn schon gefunden hatten, ihm Gehör zu verschaffen. ‚Unendliche Sehnsucht’ weckt ihr Scheiden vielleicht nur [bei] einem kleinen Kreise naher Freunde; aber es weckt bei allen tiefes Bedauern, daß sie auf der Mittagshöhe ihres Schaffens abbrechen, gleichsam von vollen Schüsseln aufstehn mußten. ●●● II. John Millington Synge, in der Nähe von Dublin geboren, starb, erst achtunddreißigjährig, in seinem irischen Vaterland, das er glühend liebte wie alle Iren, dem er bis zuletzt treu blieb wie die wenigsten Iren. Seine Legende Der heilige Brunnen – das einzige seiner Dramen, das hierzulande bekannt geworden, – ist im Deutschen Theater [in Berlin] vor drei Jahren gespielt und bald begraben worden. Ich habe sie zu übersetzen versucht [s. Rubrik „selbständige Veröffentlichungen“]. Bitte, das soll keine falsche Bescheidenheit sein. Ich staune heute, daß ich es wagte, diese Dichtung mit ihrer nationalen Melodie, schwermütig wie die Hirtenweise im Tristan, auf einem fremden Instrumente nachzublasen. – Wie verfällt man just auf Synge, von dem damals noch kaum ein Engländer gehört hatte? Man kauft sich in London eine irische Zeitschrift. Nicht weil sie den schönen Namen Dana trägt, der so viel bedeutet wie das griechische Gaia: Allmutter; sondern weil George Moore, einer der feinsten Schriftsteller, die heute leben, auch einer, für den die Deutschen keine Zeit haben, seine ‚Moods and Memories’ darin aufzeichnet [Mai – Okt. 1905]. Aprilheft 1905. In dem dünnen Heftchen steht ein Aufsatz in französischer Sprache, von einem ‚Lover of the West’ [Henry Lebeau] geschrieben. Ein Franzose erzählt, daß er in Dublin ein merkwürdiges Stück The Well of the Saints gesehn habe, und versucht, obwohl er das Idiom nur mangelhaft verstand, die Fabel wiederzugeben. Auch eine kunstlose Inhaltsangabe vermag zu fesseln. Endlich einmal ein Stoff! Ein Stoff, der abseits vom Wege gewachsen. Keine Haupt- oder Staatsaktion; keine Familienkatastrophe; keine Eifersuchtstragödie; nicht einmal ein dreieckiges Verhältnis. Man ist interessiert und schreibt dem Autor. Bittet ihn, wenn möglich, um Übersendung seines Werkes. Er tut’s, und man muß sich bei der Lektüre von Seite zu Seite sagen: hier hat einer etwas überraschend Neues gemacht. Das Neue liegt nicht so sehr im Stoff. Zwei blinde Bettler, die Ärmsten der Armen, erhalten die Gabe des Augenlichts, werden sehend und sehnen sich nach ihrem früheren Zustand zurück. Schon oft ist das Recht auf Blindheit behandelt worden. Der Franzose Clemenceau hat ihm kurz vorher chinesischen Überwurf gegeben [in seinem Stück Le Voile du Bonheur (1901)], und Richard M. Meyer [Berliner Germanist (1860-1914)] will nächstens dem Motiv durch die Weltliteratur nachpürschen. Und doch, in der Grausamkeit, um nicht zu sagen: Roheit, mit der hier dem bemitleidenswürdigsten körperlichen Leiden begegnet wird, ist ein eigner, wenn auch keineswegs lieblicher Ton angeschlagen. Aber das verblüffend Neue liegt in der Form. Hier hat einer den überaus kühnen Versuch gemacht, die idiomatische Sprechweise der gälischen Bauernbevölkerung mit englischen Worten nachzubilden. Das geht so weit, daß er selbst ihre Syntax ins Englische übernimmt, also etwa für das fehlende Präteritum des Keltischen eine Umschreibung mit dem Partizip riskiert und manches dergleichen. Natürlich mutet auch den Engländer diese sonderbare Neuschöpfung fremd an; der Ausländer verstand sie vielfach nicht und hielt zum Zwecke der Übertragung eine Transkription ins Englische für unerläßlich. Doch es genügte, daß mich der Dichter in seine grammatischen Besonderheiten einweihte, so daß mir der Sinn überall völlig klar wurde. Mehr ließ sich kaum geben. – Ich schickte ihm dann meine fertige Übersetzung. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß Synge des Deutschen mächtig war. Er hatte Deutschland öfter besucht, hatte sich in den bayrischen Alpen aufgehalten und sich von dort, mit seiner Geige am Weg aufspielend, nach Italien durchgeschlagen. Der Sohn eines armen oder verarmten Dubliner Rechtsanwalts, ein fahrender Gesell, ein Spielmann, man dürfte sagen: ein ‚Taugenichts’, hätte seiner Natur nicht jede sonnige Heiterkeit, das unbekümmerte In-den-Tag-hinein-Leben gefehlt. – Auch Paris war ihm wohlbekannt. Hier hatte ihn in einem Dachkämmerchen William Butler Yeats aufgelesen, dieser irische Fanatiker, dieser keltische Zionist (der Ausdruck bedarf keiner Erklärung, denn ihrer Begabung, ihrem Temperament und ihren Schicksalen nach sind die Iren katholische Juden), dieser von nationaler Begeisterung Trunkene, der am liebsten alle Iren zu einer die Welt beherrschenden Macht vereinigen würde und, da ihm dies nicht gelingt, sich damit bescheidet, der keltischen Sprache zu einer Renaissance zu verhelfen. Der haltlose Synge, der die Musik eben an den Nagel gehängt hatte, weil ihm Zweifel an seiner Befähigung für diese Kunst gekommen waren, und wie ein Kork auf dem Ozean der Literatur herumtrieb, wurde von Yeats mit Beschlag belegt. ‚Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen; hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.’ [Schiller, Wilhelm Tell, II. i] Und Synge sog neuen Saft aus der Berührung mit der heimischen Erde. Ein fast schon verlorener Sohn, kehrte er nach Erin zurück und verbrachte fortan alljährlich mehrere Monate unter der keltisch sprechenden Bevölkerung der Insel. – Seine dort gesammelten Erfahrungen sind in einem Buche über die Aran Islands [1907] niedergelegt. Es sind in der Hauptsache folkloristische Studien. Hier fand er unverbildete Menschen. Hier fand er den reichsten Sagenschatz. Hier fand er in den Menschen prächtige Märchenerzähler (jeder Ire ist ein geborener Aufschneider, also auch ein Dichter). Hier fand er seine seltsamen Dramenstoffe. Bald tragisch wie eine Episode aus Hermann Heijermans’ Hoffnung [Op Hoop van Zegen (1900)] – Riders to the Sea [1904] –, bald derb-komisch wie eine Hans Sachs’sche Schnurre – The Shadow of the Glen [1903] –. Man kann ganz deutlich verfolgen, wie ihm durch die Erzählung eines Autochthonen über die wunderbare Heilung eines Blinden zuerst der Gedanke an seinen Heiligen Brunnen aufgestiegen sein muß. – Nun war er reif für die vaterländische Sache. Nun konnte Yeats mit ihm zusammen ein irisches Nationaltheater gründen, das in der Hauptstadt seinen Sitz haben und von hier aus der ganzen Insel eine neue Theaterkultur beibringen sollte. Was dem Grimstader Apothekerlehrling [Henrik Ibsen] gelungen, warum sollte das dem Dubliner Dichter unmöglich sein? An allen Ecken und Enden regten sich die Schaffenden. Ich glaube, es waren fast so viele Produzenten wie Konsumenten da, und der größte Künstler unter ihnen, George Moore, hatte sich längst verstimmt zurückgezogen, nachdem er kurze Zeit die Idee gehätschelt hatte wie eine Geliebte. – Putzige Idee das, gerade von Irland aus eine neue Theaterkultur in die Welt schicken zu wollen. Von Irland aus, hoben die Programmatiker hervor, waren schon einmal vor vielen, vielen Jahrhunderten heilige Männer in die Welt hinausgegangen, mutige Missionare, um für eine neue Sache Propaganda zu machen. Aber eine neue Religion, möchte man erwidern, wendet sich allemal zuerst an die Mühseligen und Beladenen, an die Unbemittelten, und die Theaterspielerei kostet von jeher Geld, Geld und noch einmal Geld. Ein Glück, daß den Theoretikern eine wohlhabende Dame hilfsbereit beisprang [Lady Gregory]! – Im Juni 1907 traf ich endlich mit Synge in London zusammen. Er war mit seiner Truppe herübergekommen, die, ermutigt durch die heimischen Erfolge, in England eine Tournee veranstalten wollte. Ich habe keine allzu deutliche Erinnerung an seine Physiognomie zurückbehalten; das Bild, das Yeats der Vater [John Butler Yeats (1839-1922)] von ihm gezeichnet, hat die eignen Eindrücke etwas verwischt. Aber die Augen des Mannes sind mir unvergeßlich. Ich habe nie traurigere Augen gesehn. Der Schmerz und die Träumerei von Jahrhunderten schienen darin zu liegen. Augen, die um Gnade winseln können wie ein geschlagener Hund. Augen, die am liebsten nach innen schauen, weil sie zu viel von der Bitterkeit der Welt erblickt haben. Alles Vage, Verschwimmende, das Irland eigen, die grenzenlose Melancholie der irischen Landschaft lugte aus diesen Augen. Dabei stimmten sie nicht recht zu der Gesamterscheinung. Von Erscheinung war Synge vierschrötig, ein wenig gedunsen, und man hätte ihn seinem ungepflegten Äußeren nach einen Bohemien nennen dürfen, wenn ihm nicht jede Grazie der Bewegung gefehlt hätte. An diesem Nachmittag erzählte er mir von seinem Leben, seinen Plänen, seinen Hoffnungen; sprach auch von seiner erschütterten Gesundheit. An diesem Tage hab’ ich sicher nicht mehr gelacht ... – Etliche Tage später sah ich ihn abends im Theater, als man sein Stück The Playboy of the Western World, das in Dublin einen wüsten Skandal verursacht hatte, zum erstenmal in London aufführte. Er hatte seinen Frack an; aber er sah wirklich nicht ganz so aus, wie man sich das Idealbild des englischen Gentleman denkt. Sein Gesicht war quittegelb, und er konnte seine furchtbare Erregung nicht verbergen. Hatte auch Grund dazu, denn man befürchtete ähnliche geräuschvolle Kundgebungen wie in Dublin von der irischen Bevölkerung Londons, die sich zu den Vorstellungen ihrer Landsleute drängte wie zu einer Volksversammlung. – Warum hatten sich die braven Iren so ungebärdig benommen? Weil Synge angeblich die Keuschheit des irischen Weibes in den Schmutz gezerrt. Du lieber Himmel, er hatte gezeigt, daß die Weiber auf der grünen Insel, so gut wie in der ganzen Welt, aus Fleisch und Blut bestehn und daß der dickste Bizeps, wenn er auch mit einem winzigen Hirn vereinigt ist, die meiste Chance bei ihnen hat. Die braven Iren! Balzacs Ausspruch, daß die Tugend des Weibes eine Erfindung des Mannes sei, war natürlich nie zu ihren Ohren gedrungen. [Der Ausspruch stammt nicht von Balzac, sondern von George Moore, der in seinen Confessions of a Young Man (Kap. 8) fälschlicherweise vorgibt, ihn in Balzacs Glanz und Elend der Kurtisanen gefunden zu haben. Bezeichnenderweise ‚zitiert’ Moore Balzac auch nicht im Original, was sonst seine Art war, sondern es heißt bei ihm: ‚Woman’s virtue is man’s greatest invention.’ Und schließlich entspricht das Diktum auch überhaupt nicht dem Frauenbild Balzacs.] Sie befanden sich in Kampfstimmung. – Gleich mußte die gefährliche Stelle kommen. Und wirklich, das Ungewitter entlud sich: ein Heulen, Zischen, Stampfen, Tuten, gegen das der ekle Radau bei einer Hauptmann-Première in Berlin eine Symphonia domestica ist. Die Erbitterung eines Naturvolkes machte sich Luft. Ich habe immer gefunden, daß die angelsächsische Rasse, trotzdem man ihr Temperamentlosigkeit nachsagt, ihre Leidenschaften weit stürmischer äußert als die Romanen, wenn auch weniger oft. Selbst der Patriotismus klingt in England verteufelt echt. – Übrigens: diese irische Truppe – mit ein, zwei Ausnahmen lauter Dilettanten – war erstaunlich einexerziert. Seit den Russen hatte ich ein so exaktes, gleichsam selbstverständliches Zusammenspiel nicht mehr erlebt. Berufsschauspieler sind dagegen Stümper. Woraus man vielleicht schließen könnte, daß die vielgerühmte Kunst des Ensembles nicht ganz so schwer ist, wie wir meinen. Sie brauchten sich allerdings nur zu geben, wie sie waren, und in keinem Augenblick hatte man den Eindruck, daß diese Vorstellung durch Verstellung zustande kam. – An jenem Abend sah ich Synge zum letzten Male. Er reiste bald darauf nach Irland zurück. Schrieb mir dann gelegentlich. Schickte mir seine Komödie The Tinker’s Wedding [1908] ‚with cordial good wishes’. (Ich kann das Büchlein nicht ohne Rührung in die Hand nehmen.) Wenn er länger geschwiegen hatte, mag immer Krankheit daran schuld gewesen sein. Bald war’s eine Influenza, bald eine Operation. Danach meldete er, daß es ihm viel besser gehe. Nicht lange. Zuletzt muß er nur kurze Zeit krank gewesen sein. Vielleicht hat ihn gerade auf dem Sterbebett eine Honorarsendung von mir erreicht für drei Aufführungen des Heiligen Brunnens in Lemberg. – Armer Synge! Il était grand dans son genre, mais son genre n’était pas grand [frz. Redensart]. Er war an ein Programm genagelt. Aber wenn er mehr als eine nationale Berühmtheit hätte werden wollen, hätte er doch eines Tages seinen irischen Bauern den Rücken kehren müssen. Heimatkunst ist auf die Dauer ein Armutszeugnis. Jetzt hat er vier oder fünf kleinere Dramen hinterlassen, die in Irland immer ihr Publikum finden und den Schlaf der Welt nicht stören werden. ●●● III. Lautlos ist Synge von der Bühne des Lebens abgetreten. Wenigstens durch seine Todesart hat sich der gleichaltrige St. John Hankin einen effektvollen Abgang verschafft. Er war zur Kur in Llandrindod Wells, einem walisischen Badeort, um seine Nerven aufzufrischen, und scheint in einem Anfall seelischer Depression, wie John Davidson, den Entschluß gefaßt zu haben, ein Ende zu machen. Er stahl sich aus seinem Hotel fort, nicht ohne dem Stubenmädchen vorher ein Geldstück in die Hand zu drücken, band sich ein Paar siebenpfündiger Hanteln um den Hals und sprang in die Tiefe an einer romantischen Stelle, genannt Lovers’ Leap, weil dort einmal ein Liebespärchen, der Tradition zufolge, von einem herabhängenden Felsblock ins Wasser gegangen war. Zwei Sätze des an seine Frau gerichteten Abschiedsbriefes sind der Erwähnung wert: ‚Ich wünschte,’ schrieb er, ‚wir hätten keinen Körper oder wenigstens keinen kranken. Im Himmelreich soll das, wie mir meine Schwester sagt, der Fall sein.’ Merkwürdig, daß ein Mann wie Hankin noch solche Illusionen hatte; aber selbst die Aufgeklärtesten in England bleiben zeitlebens große Kinder, werden die theologischen Märchen ihrer Jugend nie los. Die Religion ist eben in England eine Macht, über die alle Bildung nichts vermag. Und dann nennt er sich in diesem Abschiedsbrief an seine Frau, auf den Titel seines letzten Werkes [The Constant Lover (Uraufführung posthum 1912)] anspielend, ihren ‚ewigen Geliebten’. Es ist wunderbar, daß sich angelsächsische Männer die Illusion der Ehe so zu erhalten wissen, frisch wie am ersten Tag. – Doppelt wunderbar bei einem Manne wie St. John Emile Clavering Hankin. Denn der Mensch hinterließ, in Übereinstimmung mit seinem Oeuvre, den Ausdruck eines Skeptikers, ja eines leisen Zynikers. Man brauchte nur wenige Worte mit ihm zu wechseln, um die Überzeugung zu gewinnen, daß ihm nicht allzu viele Illusionen geblieben waren. Das Leben erschien ihm im Bilde der Hühnerleiter. Er hatte ihm auf den Grund geschaut. Hatte seinen Unwert erkannt. ‚Fair is foul, and foul is fair.’ [Macbeth, I. i]. Er wußte, daß ein blöder Zufall die Karten mischt und daß der Egoismus die Trümpfe ausspielt. Der Wissende glaubte das Recht zu haben, sich über diese beste aller Welten ein wenig lustig zu machen. Enthusiasmus war ihm fremd oder fremd geworden, wenn dem Abgebrühten auch sonst nichts Menschliches fremd war; und sein kritischer, bohrender Verstand, der beständig auf der Lauer lag, bewahrte ihn davor, sich zu begeistern. – Ich traf Hankin und Frau in einer Gesellschaft bei Robert Ross, dem Freunde Oscar Wildes. Der fremde Schnitt seines Gesichtes fiel sogleich auf. Die seitlich stehenden, verschmitzt lächelnden Augen mit den wie ein Kohlestrich hochgezogenen Brauen hätten einen an einen Zugehörigen der gelben Rasse denken lassen können – Max Beerbohm, der kecke Karikaturist, hat diesen Zug glücklich verwertet –, wäre nicht Hankin mehrere Köpfe größer gewesen als die meist zierlichen Japaner, hätte er nicht noch die hochaufgeschossenen Engländer weit überragt. – An diesem Abend las er zwei Einakter. Zuerst: The Burglar Who Failed. Im Motiv sehr stark an den ersten Akt von Bernard Shaws Arms and the Man erinnernd: nicht die Überfallene – eine resolute junge Dame bei Shaw – hat Angst, sondern der Überfallende, ein Dieb, der ein kompletter Trottel ist. Bei Shaw ist es ein Motiv, und es lohnt eigentlich nicht, mehr daraus zu machen; Hankin hat es überflüssigerweise breit geschlagen. Dann – ja was er dann las, weiß ich nicht mehr. Ich hörte nicht zu. Ich hatte mich in der Zwischenzeit mit dem Sohn Oscar Wildes [Vyvyan Holland] unterhalten, und ich muß gestehn: seine Schicksale, von der Tragödie des Vaters beschattet, interessierten mich mehr. Das Leben war wieder einmal stärker als die Literatur. [Vgl. in der Rubrik ‚Aufsätze’ MMs Essay ‚Englische Menschen’ vom Nov. 1924.] – Nicht so bei Hankin. Literarische Reminiszenzen schienen gewissermaßen ein Sprungbrett für ihn. Noch einmal machte er eine mit Händen zu greifende Anleihe: bei Sudermanns Heimat, als er die freigeistige Heldin, die aus einem engen bürgerlichen Milieu stammt, ins Elternhaus zurückkehren und die verlorene Tochter ihre vorgeschrittenen Ansichten zum Entsetzen ihrer Familie auftrumpfen ließ. Ohne Magda wäre Hankins Janet nie geboren worden. Als das Drama The Last of the De Mullins im Winter 1908 von der Stage Society in London aufgeführt wurde, sagte dies William Archer in seiner Kritik dem Verfasser. Eine Sudermannsche Figur in Shaws Tonart übertragen: so ähnlich drückte es Archer aus. Und nun verlor der ruhige, sonst seiner selbst scheinbar so sichere Hankin die Contenance. Er fiel über den verdienten Kritiker her (in einem Artikel, der die unschöne und unwahre Überschrift trug ‚Cet Animal est très méchant’) und warf ihm persönliche Sottisen an den Kopf. Man sieht, auch in England haben Rezensenten mit dem reizbaren Geschlecht der Dichter zu rechnen; und wiewohl es drüben nie eine Zeitschrift Kritik der Kritik [eine ‚Monatsschrift für Künstler und Kunstfreunde’ (Breslau, 1905-1908)] gegeben hat, so steht es jedem Angegriffenen frei, sich tüchtig zur Wehr zu setzen, und das britische Publikum ist, aus einem sportlichen Interesse sozusagen, aus Gründen des fair play, nur zu gern bereit, die Partei des Verfassers zu ergreifen, unbekümmert, auf welcher Seite das Recht ist. – Er war nie gut auf die Kritiker zu sprechen, der selige St. John Hankin, trotzdem er selbst auf diesem Gebiete begonnen und mit feiner Witterung für die Schwächen der Dramatiker sie im Punch weidlich verspottet hatte. Ja, er maß seinen früheren Kollegen die Schuld an der intellektuellen Verblödung des englischen Dramas bei. Man möchte sich nur die Gegenfrage erlauben, warum die ‚Schaffenden’ sich das ruhig gefallen ließen. So gut man in einer Küstenstadt des südlichen Norwegen, von lauter Kretins und Schurken umgeben, ein aufrechter, starker Mann bleiben kann, kann man in der Hauptstadt des britischen Reiches, von lauter Kindern und Tröpfen umgeben, ein aufrechter, starker Künstler bleiben … – Was wir den besseren Bürgerstand nennen, the upper middle class, war des Dramatikers St. John Hankin Domäne, wie es der Jagdgrund des Romanschriftstellers John Galsworthy ist. Diese Klasse mit ihren offenkundigen Vorzügen, die der Befangene nicht sehn will, und ihren offenkundigen Mängeln, die der Kenner im  Konvexspiegel sieht, diese Klasse, die der Rumpf des britischen Riesenreiches ist (George Moore würde sagen: des Brixton Empire) wurde von Hankin mit Vorliebe aufs Korn genommen. In seinem Erstling The Two Mr. Wetherbys wie in seinem letzten Drama, dem schon erwähnten The Last of the De Mullins. Am amüsantesten für meinen Begriff ist er den engherzigen Spießern in The Return of the Prodigal zu Leibe gerückt. Hier hat er in dem jungen Tunichtgut, der erfolgreiche Erpressungsversuche bei seinem alten Herrn macht, einen überaus ergötzlichen Vertreter höherer Wurstigkeit geschaffen, und die Schnoddrigkeit, mit der dieser raté gesalbt ist, läßt ihn beinah als einen liebenswürdigen Mitbürger erscheinen. In der frivolen Komödie The Cassilis Engagement berühren sich zwei Kreise: die Gentry und der Bodensatz des Bürgertums. Es ist höchst pikant, wie dem jungen aristokratischen Springinsfeld, der sich in einer schwachen Stunde mit einem reizenden, aber ungebildeten Chormädchen, noch dazu von zweifelhafter Herkunft, verlobt hat, die Augen über seine vermeintliche Liebe geöffnet werden. Man könnte diesen Stoff fast aktuell nennen in einem Zeitalter, wo es kaum ein Gaiety-girl billiger als einen Herzog tut. Aber die kluge Mutter, die ihren törichten Sohn über alles liebt, begeht eigentlich eine recht gemeine Handlung, indem sie den Jungen auf raffinierte Weise loseist, und das geht dem englischen Theaterpublikum wider den Strich, weil ihm nichts schmerzlicher ist als desillusioniert zu werden. – ‚Es ist die Aufgabe des Dramatikers, das Leben darzustellen, nicht darüber zu debattieren’, hat Hankin in der witzigen Vorrede zu seinen Three Plays with Happy Endings gesagt. Man könnte vermuten, der Satz habe eine Spitze gegen Shaw, der sich immer mehr zu einem unermüdlichen, aber die Hörer ermüdenden talker entwickelt hat, hätte Hankin nicht gerade von ihm am allermeisten gelernt. Das eine hat er freilich nicht von ihm gelernt: sich durchzusetzen. Hankin, der schwächere Nerven hatte, war des Harrens überdrüssig. Und so warf er in einem Augenblick der Mutlosigkeit die Flinte ins Korn. – England kann keinen seines Schlages missen. Keinen von seiner Begabung, keinen von jener göttlichen Schamlosigkeit, die den Künstler macht. Wenn das englische Theater, für dessen geistige Hebung jetzt so viel geschieht, wirklich aus einer Kleinkinderbewahranstalt wieder zu einem Sammelplatz der Intellektuellen werden soll, dann muß die Parole heißen: Alle Mann an Bord! Hankin hat nicht wie die seichten Melodramatiker oder die albernen Possenlieferanten gefälscht. Er hat nicht rosige Gläser vorgehalten, um die faule Welt in zauberhafter Beleuchtung zu sehn; hat nicht die schwarze Brille aufgesetzt, um die schöne Welt seinen Zeitgenossen zu verleiden. Er nahm das Leben, wie es ist: als eine Mischung von Hohem und Niedrigem, von Gutem und Bösem, von fair und foul. Vielleicht war er noch nicht groß in seinem Genre, aber sein Genre war groß.“

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1912

Berliner Theater. NZZ, 2. Dezember 1912, Zweites Abendblatt, Nr. 335 (Nr. 1700).
Otto Brahm, Leiter des Deutschen Theaters (1894-1904) und des Lessing-Theaters (1905-1912), gest. 28.11.1912. Siehe Sektion "Theater-, Musik- und Filmkritiken".

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1914

Kleine Chronik. NZZ, 17. Februar 1914, Erstes Morgenblatt, Nr. 236.
Hermann Nissen, Berliner Schauspieler und Präsident der Deutschen Bühnengenossenschaft (gest. 15.02.14). – „Die genossenschaftlichen Bestrebungen im Schauspielerberuf fanden in ihm [Nissen] einen energievollen Verfechter, der freilich mit seinem autokratischen Temperament vielfach auch starken Widerstand hervorgerufen hat.“

Berliner Brief. NZZ, 27. September 1914, Erstes Sonntagblatt, Nr. 1354.
Victor Arnold, Schauspieler (Selbstmord, 16.09.14). – „[…] ‚Menschenopfer unerhört’ fallen auf den Schlachtfeldern; ihnen gehört unser ganzes Mitleiden. Die unheroischen Opfer des Krieges müssen besten Falls mit unserm tiefen Bedauern zufrieden sein. Ihnen mehr zu gönnen wäre Gefühlsverschwendung. – Als ein solches Opfer fern vom Schuß sank vierzigjährig der ausgezeichnete Komiker des Deutschen Theaters, Victor Arnold, dahin. Er hatte in friedlichen Tagen ein Haus gekauft; jetzt blieben ihm die Mieter den Zins schuldig. Da bildete sich der leicht erregbare Mann ein, er müsse verhungern. Die furchtbaren Greuel der Kriegsberichte hoben seine Phantasie aus den Angeln. Der grausame Ernst der Zeit verwirrte ihm den Sinn. Er konnte nicht über das eigene Weh hinwegkommen, und aus solchen Zwangsvorstellungen sah er keinen andern Ausweg als den Tod. In einem Sanatorium bei Dresden, wo er Genesung finden sollte, hat er ihn gesucht. – Wie hätte uns der Tod dieses Künstlers in normalen Zeiten erschüttert! Er war ein Gestalter ersten Ranges. Eine schöpferische Natur, die von den Niederungen burlesker Späße bis zu den Gipfeln menschlicher Tragikomik reichte. Am größten war er, wenn er in seine Stiefkinder des Schicksals etwas vom Schmerz aller Erdenkreatur hineinlegen konnte, wenn sie über ihren engbegrenzten Bezirk gleichsam zu symbolischen Gebilden emporwuchsen. […] In einem gleichgültigen, längst vergessenen russischen Stück gab er einen verzagten Heiratskandidaten, und ein Satz, den Arnold sprach, haftet fester im Gedächtnis als Werk und Autor. Molières George Dandin, dieser erbarmungslos Verspottete, ward in seiner Darstellung der Ewigkeitstypus des Hahnreis. Das Lachen über ihn verstummte jäh; man hielt den Atem an, vom Medusenhaupt des Leids versteinert. Ein Bajazzo, von Melancholie umkrallt. Jetzt wissen wir: so war er selbst…. – Wie hätte uns der Tod dieses Künstlers in normalen Zeiten erschüttert! Jetzt liest man die Nachricht, bedauert den Heimgegangenen und denkt der abertausend Krieger, die in der Blüte ihrer Kraft von einem blöden Zufall hingerafft werden. Schlagt die Todesanzeigen der Kreuz-Zeitung auf – Seiten sind täglich damit gefüllt –, und der Menschheit ganzer Jammer faßt euch an. Auch jeder gefallene Feind hat eine Mutter oder eine Schwester, eine Frau oder eine Braut. Ein Ozean von Tränen umbrandet den Weltkrieg. Der Einzelne, mag man ihn noch so hoch geschätzt haben, muß es sich heute genügen lassen, von seinen nächsten Angehörigen betrauert zu werden.“

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1915

Berliner Theater. NZZ, 3. Februar 1915, Zweites Morgenblatt, Nr. 129.
Hans Pagay, Schauspieler (gest. 21.01.15). – „Der liebe, gute Hans Pagay ist im Alter von 73 Jahren gestorben. War er auch – im Theaterjargon zu sprechen – nur ein Episodist, so war er als solcher doch von unschätzbarem Werte, weil er mit höchster künstlerischer Bescheidenheit diente und nie über die ihm vorgezogenen Linien der Dichtung hinaustrat. Als Klosterbruder (im Nathan) und als Bruder Lorenzo wird er am längsten in der Erinnerung leben: das waren liebenswerte, dem Leben abgelauschte Gestalten von rührender Menschlichkeit. Wenn ich in Verona einem Franziskaner auf der Straße begegnen sollte, würde ich ihn ohne weiteres als Hans Pagay ansprechen; so sehr war hier die Kunst zur Natur geworden. […] Mir sind noch zwei herrliche Schöpfungen von ihm im Gedächtnis: der Crainqueville in Anatole Frances Schauspiel, wo der armselige Grünkramhändler mit unendlich traurigen Augen in eine Welt blickt, die er nicht mehr versteht, wie sie sein Leid nicht versteht [s. ‚Theaterkritiken’, NZZ vom 07.01.04, Nr. 7], und der Onkel Hofrat in Hermann Bahrs verschollener Sanna, wo die Lüsternheit des Greises von Pagay mit unheimlicher Dämonie veranschaulicht wurde [s. ‚Theaterkritiken’, NZZ vom 16.04.05, Nr. 106]. Aber sonst waren Milde und Güte, Sanftmut und Heiterkeit seine Domäne; die flossen wie ein warmer Quell aus seinem Wesen. Darum hatte seine Kunst so gar nichts Künstliches. Er brauchte sich nicht zu verstellen, wenn er Weisheit und Herzensreinheit darzustellen hatte. Ave, anima pia!“

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1916

Berliner Theater. NZZ, 9. Mai 1916, Zweites Mittagblatt, Nr. 740.
Paul Schlenther, anfänglich Theaterkritiker der Vossischen Zeitung, dann Direktor des Wiener Burgtheaters und schließlich Feuilleton-Redakteur des Berliner Tageblatt (gest. 30.04.16): „Es war erstaunlich, ihn zur alten Höhe emporwachsen zu sehen, die köstliche Nachblüte seines kritischen Waltens zu verfolgen. Was diesem vorher Rang und Reiz verliehen hatte: die Sicherheit und Unbeirrbarkeit des Urteils, das stets in geschliffener Form geäußert wurde, das ging ihm auch mit zunehmenden Jahren nicht verloren. Er war ein scharfer Richter, doch kein Scharfrichter. Er tötete das Schlechte nur, um dem Bessern die Bahn freizumachen. Zweierlei zeichnete Schlenthers Rezensionen aus: die umfassende Bildung, die er sich in Wilhelm Scherers Schule angeeignet hatte, und die gebildete Fassung, die ihm eignete, auch wenn er ablehnen mußte. – Persönlich hab’ ich Schlenther erst in seiner letzten Zeit kennen gelernt. Wie der Dichter Otto Erich Hartleben als Zechgenosse von seinen Freunden in dankbarem Gedächtnis bewahrt wird, wird der Kritiker Paul Schlenther nicht von Gambrinus zu trennen sein. Immer hatte er ein Glas seines geliebten Pilsener vor sich; es schien ihm die kastalische Quelle. Obwohl er seinem Umfang nach gewiß nicht an Falstaff erinnerte, der den Kanariensekt bevorzugte, hatte er die lustig und listig zwinkernden Äuglein des feisten Ritters und auch dessen behenden Witz. So oft ich Schlenther mit seinem unverkennbar ostpreußischen Dialektanflug reden hörte, verließ ein Lächeln meine Lippen nicht. Und er sprach meisterhaft. Im Verband der Berliner Theaterkritiker hielt er vor wenigen Monaten einen glänzenden, formvollendeten Vortrag über die Schäden der Nachtkritik, der in der Fülle seiner Gedanken wie in der epigrammatischen Zuspitzung von unvergleichlicher Geistesschärfe zeugte. Daß es ihm daneben auch nicht an Herzenstönen fehlte, ersah man aus den wundervollen, tief ergreifenden Worten, die er dem toten Felix Poppenberg nachrief. Es dürfte wohl seine letzte Leichenrede gewesen sein; nun liegt der Redner selbst auf der Totenbahr’.“

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1917

Berliner Theater. NZZ, 26. Januar 1917, Viertes Mittagblatt, Nr. 152.
Albert Niemann (gest. 13.01.17), Heldentenor, 1866-1888 Mitglied der Berliner Hofoper, von Richard Wagner mehrfach zu Erstaufführungen engagiert. – „Albert Niemann weilt nicht mehr unter uns. Ich habe ihn nie gehört. Einmal wäre dazu Gelegenheit gewesen: als er bei einer Schiller-Feier die erste Strophe des Reiterliedes sang. Es war das einzigemal, daß er sein Gelübde brach, nie mehr die Bühne zu betreten, nachdem er ihr in der Vollkraft den Rücken gekehrt hatte. Vielleicht wäre es peinlich gewesen, die Reste einer Stimme zu vernehmen, deren Glanz in entschwundenen Tagen die Männer entzückt, die Frauen berückt hatte. Doch wahrscheinlich lag das Wunder seines persönlichen Zaubers gar nicht im rein Gesanglichen (man liest jetzt sogar von seiner spröden Stimme), sondern in der unlösbaren Verbindung von Sänger und Darsteller. […] Wenn ich mir eine Vorstellung von dem Heimgegangenen, nach Walhall Emporgestiegenen machen will, muß ich an Adalbert Matkowsky denken, der vom gleichen Stamme war, und in der Erinnerung überlebensgroß dasteht. Wohl deshalb, weil dieses Riesengeschlecht im Aussterben begriffen ist. – Gesehen habe ich Niemann öfter, in der Bierkneipe oder im Weinhaus. Die Trinkfestigkeit gehört auch zum Bilde dieses urwüchsigen Germanen. Haar und Bart waren längst ergraut, das Auge flackerte in tiefen Höhlen. Wie ein Heros der Vorzeit saß er dumpf brütend da. Alle wußten, wer er war; kaum einer, was er war. La Rochefoucauld bezeichnet die Popularität als ‚den Vorzug, von denen gekannt zu werden, die man nicht kennt’; ist das nicht eher ein Nachteil?“

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1918

Oscar Sauer. NZZ, 5. April 1918, Abendblatt, Nr. 452.
Namentlich nicht gekennzeichnete Kurzanzeige über den Schauspieler und das langjährige Mitglied des Lessing- und Deutschen Theaters (gest. 03.04.18): „Zu den Zierden und innerlichsten Potenzen des alten Lessingtheaters Otto Brahms gehörte Oscar Sauer, der nun zweiundsechzig, seit Jahren ein gebrochener Mann, gestorben ist. […] Seine Stimme, Künderin der menschlichen Güte, wird denen, die ihn einmal hörten, unvergessen bleiben. Als seine größten künstlerischen Leistungen werden ihm Gregers Werle in der Wildente, der Brack in der Hedda Gabler und der Stadtvogt im Volksfeind nachgerühmt. Im Künstlertheater, in dem nach Brahms Tod einige seiner Jünger seinen Geist mit apostolischem Eifer pflegen wollten (leider zu kurz nur), spielte er den Attinghausen im Tell. Maximilian Harden hat von ihm das schöne Wort geprägt: ‚Manche können mehr. Wenige sind mehr.’ Alfred Kerr widmet ihm im fünften Band seiner Kritik [Die Welt im Drama (1917)], der sich das Das Mimenreich nennt, empfundene Verse: ‚Zählst nicht zu den Histrionen, / Zählst zu keinem „Rollenfach“. ─ / Wo die Abendmenschen wohnen, / Schlummert deines Hauses Dach!’“

Oscar Sauer. NZZ, 8. April 1918, Erstes Abendblatt, Nr. 464.
Langfassung des vorstehenden Nachrufs. – „Er war Schauspieler; nur ein Schauspieler; Mitglied und reinste Spiegelung der unter Otto Brahm vereinigten, in ihrer schlichten Kernechtheit fast schon sagenumsponnenen Künstlerschar aus versunkenen Tagen. Ein Menschendarsteller. Ein Seelenkünstler. Ein Gewissenrüttler. Eine ethische Macht voll bezwingender Eindringlichkeit. Ein Priester, der mit reinen Händen das Feuer hütete und alles Feuerwerk weit von sich wies. – Die meisten Mimen machen’s mit der Maske (gute Maske – halb gewonnenes Spiel, sagt ein Kulissenwort.) Viele mit der Stimme. Einige mit den Händen. Oscar Sauer mit den Augen. Sein Blick war seiner Menschlichkeit Leuchtkraft; oft ein überirdisches Licht. Er hatte ein nur ihm eigenes und darum auch nicht erlernbares Blinzeln, das den Verhärtetsten weich stimmte, wie an Kindheitserinnerungen rührte, die Seele sprengte und das Eis auftauen ließ. – Ob er nun als Gregers Werle (in Ibsens Wildente) von dem Dreizehnten am Tisch des Lebens sprach; ob er als sterbender Attinghausen die Schweizer Volksgenossen zur Einigkeit mahnte; ob er (in seiner Hauptmann-Galerie) als Michael Kramer an der Leiche des Sohnes über die letzten Fragen des Daseins nachsann; als Johannes Vockerat (in den Einsamen Menschen) sich über den Zwiespalt seiner Empfindungen Rechenschaft gab; als lichtumflossener Dorfschullehrer (im Hannerle) dem verstockten Sünder ins Gewissen redete; als Assessor Wehrhahn (im Biberpelz) die aufgeblasene Beschränktheit des Beamtentums zu veranschaulichen hatte; ob er als heiliger Antonius (in Maeterlincks Legende) die Niedertracht des irdischen Geschmeißes erfuhr – überall erreichte Oscar Sauer seine tiefsten Wirkungen durch den wundersam seelenvollen Blick der Augen. – […] Wenn er jetzt, von Ibsen und Brahm sanft an der Hand geleitet, vor Petrus steht und ihn mit seinem gütigen Blick anzwinkert, wird ihm der barsche Pförtner unverzüglich das Tor öffnen. Ein wertvoller Mensch schreitet hindurch. Der Glorienschein der Kunst schwebt über seinem Haupt.“

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zuletzt aktualisiert: 10.08.16