Horst Schroeder

Aufsätze aus der Zeit der Weimarer Republik

1919 1920 1921 1922 1924 1925
1926 1932        

1919

Britling. LE, Bd. 21, Nr. 10 (15. Februar 1919), 588-591.
H. G. Wells’ Roman Mr Britling sees it through im Ersten Weltkrieg: „Ende Juli 1918 wurde mir der Roman Mr Britling sees it through von H. G. Wells in der englischen Fassung übergeben. Nicht etwa von einer Zeitschrift zur Besprechung, sondern von der militärischen Stelle, für die ich damals im Hilfsdienst arbeitete, zur Begutachtung. Mit besonderem Nachdruck war von irgendeiner Seite auf dieses epische Erzeugnis eines ‚Feindes’ hingewiesen worden. Die schöne Literatur des uns bekriegenden Auslandes, in ihrer Gesamtheit durch ein Einfuhrverbot für Hinz und Kunz unschädlich gemacht, wurde wohl nur in Ausnahmefällen berücksichtigt. So kam es, daß wichtige Stimmen von drüben gar nicht oder sehr verspätet zu uns drangen. – Dieser Roman war, wie auf der Rückseite des Titelblattes verzeichnet stand, bereits gegen Ausgang des Jahres 1916 in England erschienen und hatte es jetzt schon zur dreiundzwanzigsten Auflage gebracht. Wenn man die in Friedenszeiten für Romane bekannter Autoren übliche Auflagehöhe von 5.000 während des Krieges in England beibehalten hatte, so war dieses Buch von dem sehr bekannten und mit Recht geschätzten Wells also schon in weit mehr als 100.000 Exemplaren verbreitet. Und die Verbreitung des Werkes ließ natürlich einen Schluß auf seinen Widerhall zu. Undenkbar, daß so viele Gegner sich einen Roman anschaffen. Die hier vorgetragenen Ansichten mußten bei den englischen Lesern nicht auf Widerstand gestoßen sein, vielleicht sogar Anklang in ihren Herzen gefunden haben. Daraus mochte sich die Bedeutung erklären, die nach gut anderthalb Jahren dem Mr Britling von einer deutschen Militärbehörde beigelegt wurde. – […] Mr Britling ist als Verkörperung des Durchschnittsengländers gedacht. (Der Name stört mich; für mein Empfinden ist er nicht geschmackvoller, als wollte man einen Deutschen Germanerich nennen.) Dieser Britling soll möglichst typisch das Verhältnis des Wald- und Wiesen-Engländers zum Deutschen vor und im Krieg wiedergeben. […] Er lebt mit seiner Familie idyllisch harmlos auf dem Lande in Essex, ein besserer Vater als Ehemann. Für seine Kinder hat er einen deutschen Hauslehrer, Herrn Heinrich, kommen lassen. Der wird, seiner Erscheinung wie seines Gemüts wegen, von allen ein bißchen als komische Figur betrachtet, weiß sich aber durch sein treuherziges Wesen bei ihnen beliebt zu machen. Die Gegensätzlichkeit der Naturen schließt nicht aus, daß er sich mit Britlings ältestem Sohne Hugh besonders anfreundet. – Der Krieg bricht los. Heinrich muß nach Deutschland zurückkehren. Man erfährt aus einer schwerlich übertriebenen Darstellung, welche Panik in den ersten Monaten die Engländer erfaßt hatte, und wie lächerliche Formen sie zum Teil annahm. Alle Nebengestalten und Episoden seien hier beiseitegelassen. Britlings Ältester muß hinaus. Fällt. Über Norwegen trifft die Nachricht ein, daß auch Heinrich gefallen ist. – Und nun setzt sich Mr Britling hin, um Heinrichs altem, in Pommern lebendem Vater seine Teilnahme auszusprechen. Der Brief fängt wie eine gewöhnliche Beileidsbekundung an, wächst dann aber über den Anlaß empor, wird zu einer politischen Abrechnung des Engländers mit dem Deutschen, schreitet gleichwohl über nationale Schranken hinweg und ruft die Väter in allen Völkern zu einem Bunde wider den die Jugend schlachtenden Vernichter auf. Nicht mitzukriegen, mitzutrauern sind wir da: so tönt die Stimme der Menschlichkeit, nachdem sich die Brust des argen Stoffs entladen, lauter und warm aus einem Engländer herrührt, mündet es seiner Natur gemäß in Gott [sic] … ‚England, das seine Söhne verloren hatte, schrieb an Deutschland, das auch seine Söhne verloren hatte.’ – (Das Schlußkapitel des Romans – hier krönt der Schluß wirklich einmal das Werk –, eben jener Brief des Engländers an den Deutschen, wird vom Verlag Max Rascher in Zürich unter dem selbständigen Titel Mr Britling schreibt bis zum Morgengrauen als zweites Bändchen der von René Schickele herausgegebenen Europäischen Bibliothek veröffentlicht.) – ‚Durch diesen kläglichen Sturm geistlosen Hasses darf wohl auch einmal ein Gruß gesendet werden, der keinerlei Haß enthält’, schrieb Britling. Aber was nützte der Gruß, wenn er den Adressaten nicht erreichte! So dachte also ein Mensch in England; so frank äußerte er sich; so tapfer versuchte er, eine Brücke über den rasenden Ozean der Völkerverhetzung zu schlagen. Und keine Antwort scholl ihm vom andern Ufer entgegen. Mit diesem Wells, der sich bemühte, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und vorurteilslos darzustellen, wäre doch eine Auseinandersetzung, bei aller Verschiedenheit der Ansichten vielleicht sogar eine Verständigung möglich gewesen. Wann und wo hatte einer aus dem feindlichen Lager das so bestimmt öffentlich ausgesprochen, daß auch Deutschland, aus tausend Wunden blutend, Menschenopfer unerhört darbringe? Daß sich in allen Völkern die Väter zum Schutze ihrer Söhne zusammenschließen müßten? Daß nur sie dem Weltenwahnwitz Einhalt zu tun vermöchten? Daß die ‚wilden Esel des Nationalismus’ (der Ausdruck verdient, dem Bartlett wie dem Büchmann einverleibt zu werden) in allen Ländern für den Krieg verantwortlich seien? – Hinter diesem einen Britling-Wells, dem der Schmerz die Sprache verliehen hatte, standen gewiß – das durfte man aus seiner reichen Gefolgschaft schließen – unzählige Stumme, die gleich ihm fühlten. Aber der ewige Jammer der zweiundfünfzig fluchwürdigen Metzelmonde wird es bleiben, daß Leute, die nur die in Amerika geprägte, nicht genug zu verdammende, weil so gräßlich verdummende Formel ‚Right or wrong – my country!’ unentwegt brüllten, als Helden gefeiert wurden, während die, denen eine Botschaft an die Menschheit auf die Lippen gelegt war, bei jenen andern nichts zu sagen hatten. – … Als ich den Roman beendet hatte, war ich tief bewegt. Über alles Trennende, über leichengefüllte Abgründe hinweg schüttelte man dem mutigen, menschlichen Verfasser in Gedanken die Hand. Mehr als anderthalb Jahre waren seit Erscheinen dieses Bekenntnisses verstrichen – unfaßbar! Mich packte ein heiliger Zorn. Und doch mußte ich mir sagen: nicht aus böser Absicht hatten die Zeitungen geschwiegen, sie durften nicht sprechen. – Nie hatten mich die künstlerischen Eigenschaften eines Romans weniger gekümmert; ich stand ganz im Banne dieser nach Wahrheit ringenden Stimme. Sie durfte auch unserm Volke nicht länger unbekannt bleiben. So schloß ich das erbetene Gutachten mit der Anregung, den Brief Vater Britlings an Vater Heinrich als ein Heft der von der Obersten Heeresleitung herausgegebenen Sammlung Stimmen aus dem Weltkrieg zu veröffentlichen. Der an der Spitze des Amtes stehende Offizier – das muß rühmend hervorgehoben werden, denn es zeugte von Großzügigkeit – ging ohne weitere Nachprüfung auf den Vorschlag ein und betraute mich mit der Übersetzung. – Als ich mich der Arbeit unterzog, merkte ich freilich bald, daß ich in der ersten ergriffenen Stimmung die für Deutschland günstigen Äußerungen wesentlich überschätzt hatte. […] Weniger freundliche Stellen, die Anrempelungen des kaiserlichen Hauses – die übrigens aus der in einem neutralen Lande erfolgten Publikation gestrichen sind – schienen daneben eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wir hätten schließlich auch eine solche Retuschierung vornehmen können, ohne der Sache zu schaden; aber es war undenkbar, daß wir den Vorwurf der Brandstiftung unwidersprochen während des Krieges einsteckten. – Schweren Herzens mußte ich also meinen Vorschlag zurückziehen. Möge nun Mr Britling, auf dem Umweg über die Schweiz, zu recht vielen deutschen Lesern gelangen!“

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1920

Felix Poppenberg revenant. LE, Bd. 22, Nr. 8 (15. Januar 1920), 452-456.
Porträt des Reiseberichterstatters und Kunstkritikers Felix Poppenberg (1869-1915) aus Anlaß einer unter dem Titel Menschlichkeiten erschienenen Auswahl aus seinem Nachlaß, herausgegeben von Ernst Heilborn und Elsa Herzog. – „Ob Poppenberg mit seiner ängstlichen Scheu vor Mysterien der Veröffentlichung in allen Stücken zugestimmt hätte, bleibt eine müßige Frage. Er braucht sich freilich nicht zu sorgen, denn er wird von Freundeshand ‚mit den caressantesten Fingerspitzen’ angefaßt. Die vita privata (auch ein Lieblingswort von ihm) betrachtete er als kostbares Gut, fast als Heiligtum, das kein profanes Späherauge entweihen sollte; trotzdem konnte er es nicht hindern, daß die eigene – ganz ohne Zutun? – ein bißchen zum secret de Polichinelle wurde. Die Verhältnisse waren stärker als er. Das ist einer der Widersprüche in seinem Leben. – Heilborn spricht einmal von dem ‚Mißverhältnis’ zwischen Geburt und pekuniärer Lage auf der einen und dem Bedürfnis nach großzügiger Lebensführung auf der andern Seite. […] Ich habe ihm gegenüber stets die Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit, von Theorie und Praxis bitter empfunden. Geradezu als Generalnenner. Der Eindruck wird durch neue Züge seines Bildes bestätigt.“

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1921

Aus dem unzünftigen Weimar. NZZ, 1. Juni 1921, Erstes Morgenblatt, Nr. 797.
Plauderei über einen Weimar-Aufenthalt 20.-21. Mai anläßlich der Jahrestagung der Goethe-Gesellschaft – mit detaillierter Besprechung der Aufführung von Othmar Schoecks Musik zu Goethes Singspiel Erwin und Elmire. – „Als ich in Weimar ankam, wurde mir schonend eröffnet, alle Hotelzimmer seien besetzt; auch in den Pensionen gäbe es kein leeres Loch mehr. […] Der wilde Schreck wich bald milderen Gefühlen, als ich erfuhr, daß ich im Hause der Frau v. Stein untergebracht sei. Eine liebenswürdige Musikschülerin hatte sich bereit erklärt, mir ihre Zimmer abzutreten. […] Ein Klavier, eine Geige, eine Laute kündeten den Beruf der Bewohnerin. Tausendunddrei Nippsachen waren rings verstreut. Ein Blick auf den Schreibtisch zeigte nicht die Bilder der Dioskuren oder des Konsistorialrats Herder (was sollte auch ein junges Blut mit ihnen anfangen!), wohl aber das eines in Triest geborenen, von allen Backfischen zum Liebling erkorenen, durch seine Stimme berückenden, durch seinen Mangel an Seele manchmal verstimmenden Schauspielers (den Namen werdet ihr nie erfahren) [i.e. Alexander Moissi] und die Photographie eines Kinodarstellers – bitte sehr, mit eigenhändiger Unterschrift –, der im Rufe besonderer Eleganz steht, weil er mindestens über ein Viertelhundert Anzüge gebietet. Andere Zeiten, andere Götter. […] – Abends fand im Deutschen Nationaltheater, wie sich Weimars Musentempel jetzt ein bißchen hochtrabend nennt, zu Ehren der Goethe-Gesellschaft eine Festvorstellung statt. Man bereitet sich würdig darauf vor, indem man, trotz Regen, durch Weimars Gassen schlendert. […] Aber ach! an der ersten Ecke stolpert man über einen Berliner Bekannten. Da taucht auch schon der zweite auf. Universitätsprofessoren, Gelehrte, Schriftsteller, Verleger werden sichtbar. Man ist nicht nach Weimar gekommen, um sie zu treffen. […] Man ist gekommen, um Othmar Schoecks Musik zu Goethes Singspiel Erwin und Elmire zu hören. Der Schweizer Komponist durfte es als eine Ehrung betrachten, daß man ein Werk von ihm für den Goethetag bestimmt hatte und ihm damit zur ersten Aufführung in Deutschland verhalf. Er verdient es. Hat er auch hier das Problem nicht restlos gelöst, so freute man sich doch der Bekanntschaft mit einem nach hohen Zielen strebenden, durchaus modern empfindenden Musiker. – Darin liegt eigentlich schon voll ausgedrückt, warum die Sache nicht ganz glücken konnte. Goethes Singspiel ist eine Harmlosigkeit von dunnemals, ein Divertissement für Hofdamen, das Mitmachen einer Modegattung. […] Man wird die Empfindung nicht los: hier ist am untauglichen Objekt Kraftaufwand getrieben. […] – Trotz solcher Bedenken, die sich nicht unterdrücken lassen, hat mir das Werkchen gefallen. Irgendetwas in Schoecks Handschrift sprach meine Sinne an. Mögen auch die Goetheaner strengster Observanz aus dem Häuschen geraten – es kann nicht bemäntelt werden, daß Erwin und Elmire für den heutigen Geschmack eine etwas läppische Lebkuchenreimerei ist. Auch das Lustspiel Die Mitschuldigen, das den Abend füllen half, ist nur durch die Persönlichkeit des Verfassers, nicht kraft seiner Qualität scheinlebendig geblieben.“

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1922

Zeichen der Zeit. NZZ, 17. Juni 1922, Erstes Morgenblatt, Nr. 793.
„Lord Northcliffe bereist gegenwärtig Deutschland. Er gibt seine dort gewonnenen Eindrücke wieder. Schildert den Lesern, die gerne hören wollen, was sie glauben, und gerne glauben, was sie hören wollen, wie glänzend es den Deutschen gehe, wofür er zum Beweis die vollbesetzten Schlemmerlokale anführt. Der edle Lord, dem höchste Objektivität am Herzen liegt, täte vielleicht gut daran, wenn er, statt bei Schiebern und ähnlichem Gelichter einzukehren, seine Schritte auch einmal zu den geistigen Arbeitern lenken, mit Männern der Wissenschaft Fühlung nehmen, sich bei Künstlern umschauen möchte. Er könnte da die schöne, in England als heiliges Vermächtnis gehütete Lehre des Nationalpoeten Wordsworth vom Plain living and high thinking (von einfacher Lebensführung und hohem Gedankenflug) in einer Art verwirklicht finden, die ihm Verwunderung, möglicherweise sogar Bewunderung ablockte. Freilich, Wordsworth hat sich unter einfacher Lebensführung wohl kaum kümmerlichste Daseinsbedingungen, den aufreibenden Kampf mit der Notdurft des Tages vorgestellt und gewiß noch weniger an Frondienste der akademischen Jugend gedacht. – Folgendes hat sich in Halle vor kurzem ereignet (wie einem Bericht des B[erliner] T[ageblatt] entnommen sei). Sitzung der Kant-Gesellschaft. Der blinde Greis [Hans] Vaihinger [1852-1933] hält eine Ansprache. Nachher wird das Ergebnis eines Preisausschreibens über ‚die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnislehre von Friedrich Nietzsche’ verkündet. Fünf Bearbeitungen sind eingegangen. Drei davon kamen nicht in Frage. Einer wurde der volle Preis in Höhe von 3000 Mark zugesprochen. Aber noch eine fünfte Arbeit war eingelaufen, jedoch nur zu einem Drittel fertiggestellt. Die Preisrichter erachteten dieses Fragment als wissenschaftlich so außerordentlich wertvoll, daß einer von ihnen dafür aus seiner Tasche den gleichen Betrag stiftete. Als Verfasser ergab sich der einundzwanzigjährige Werner Schiednitz aus Leipzig. Der also Ausgezeichnete tritt freudestrahlend vor, bedankt sich und erteilt Auskunft, warum seine Arbeit nicht fertig geworden sei. Er habe tagsüber zu arbeiten als Zeitungsausträger, als Aufseher in einem Meßpalast, als Zettelverteiler. Unter diesen Umständen müsse man verstehen, daß ihm die Zeit gefehlt habe. ‚Jetzt aber – und sein Gesicht leuchtet – nachdem man ihm die 3000 Mark übergeben habe, sei das etwas anderes….’ – Diese ergreifende, ja wahrhaft erschütternde Begebenheit spricht für sich selbst. Sie soll in der Welt bekannt werden, damit man weiß, mit welchen Opfern in Deutschland heute der Wissenschaft gedient wird. – Lord Northcliffe wird keineswegs versäumen, auch das seinen Lesern zu erzählen. Vielleicht gehen ihnen dann die Augen nicht nur auf, sondern etlichen von ihnen sogar die Augen über.“

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1924

Meine Namensvettern. NZZ, 30. Januar 1924, Zweites Mittagblatt, Nr. 147.
Causerie über das von Meyerfeld verwandte Namenskürzel „M.M.“. – „Eigentlich handelt es sich nur um Initialenvettern, um Leute, die mit mir die Anfangsbuchstaben des Namens gemeinsam haben. Doch auch von einem veritablen Namensvetter kann ich ein artig Liedlein singen [Erich Meyerfeld, Grundstücksmakler: er wurde 1927 wegen Betruges zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt]. – Ich kenne den Mann nicht, aber ich mißbillige ihn. Er läßt keine Reklamefläche aus. Wie es Menschen gibt, die an Platzfurcht leiden, könnte man diesem nachsagen, daß er an Platzmut kranke. Besonders hat er es auf die erste Seite von Zeitungen und Zeitschriften abgesehen. Da patzt er seine Firma in der Form eines Poststempels hin. Nicht minder ist er wild auf die Haltestellen der Elektrischen und die Tunnels der Untergrundbahn. Wohin man guckt und spuckt in Berlin, überall springt einem der ominöse Name in die Augen. Damit dürfte der Zweck der Übung erfüllt sein. – Es ließe sich ein Grad schriftstellerischer Eitelkeit denken, dem diese systematische Reklame nicht ungelegen käme, da sie den durch wahllose Propagandamittel geförderten Namen unter die Leute bringt. Es ließe sich ebensogut ein Grad menschlicher Empfindlichkeit denken, der sich bis zu dem Wunsche versteigt, einen derartig durch die Gassen und Gazetten geschleiften Namen abzulegen. – Als ich vor zwanzig Jahren in New York einfuhr und hoch oben an den Dächern eine Zigarre ‚Robert Burns’ angepriesen fand, war mein erster Gedanke: ich möchte nicht Schottlands Nationaldichter gewesen sein, um Aushängeschild für einen Tabakfritzen zu werden, um schließlich einer Zigarre meinen guten Namen zu vermachen. Doch vielleicht ist das erst die wahre Berühmtheit, wie ja auch Bismarck es nicht hindern konnte, daß ein Hering durch ihn oder er durch einen Hering populär wurde. – Also ich kenne meinen reklamewütigen Namensvetter nicht, aber ich mißbillige ihn. Durchaus. Von ganzem Herzen. Von ganzer Seele. Von ganzem Gemüt. ● Meiner Initialenvettern gibt es gleich ein Drittel Dutzend. Muß es nicht auffallen, daß grade das doppelte M als Abkürzung sich solcher Beliebtheit erfreut? Wer kennt so viele namhafte D.D. oder W.W.? – Da ist zunächst der M.M. der Vossischen Zeitung: der Musikkritiker und Komponist Max Marschalk, Gerhart Hauptmanns Schwager. Wären Berliner Blätter das Hauptfeld meiner Tätigkeit, ich hätte längst beantragt, daß einer von uns beiden seine Chiffre ändere. Eine Stilverwechslung ist ja zum Glück bei Kundigen ausgeschlossen; dennoch ist es peinlich, sich so und so oft von Wichtigtuern sagen zu lassen, sie hätten beim Frühstück mit Vergnügen gelesen, was ich über das letzte Konzert der hochdramatischen Sängerin Amanda Brustkorb geäußert hätte. Der umgekehrte Fall wird gewiß viel seltener vorkommen, sintemal die NZZ (o Valuta!) in Berlin eine rarissima avis geworden ist. Sonst wär’ es auch um den Schlaf meiner Nächte geschehen. Seitdem es übrigens in Berliner Redaktionen Sitte geworden ist (o vanitas vanitatum vanitas!), die belanglose Kunstkritik, auf die weit eher ein übler Schauspielerwitz als [Ludwig] Speidels Wort von der Unsterblichkeit eines Tages zutrifft, mit vollem Namen zu zeichnen, sind Irrtümer nur noch bei Böotiern und Banausen möglich. Eine Chiffreänderung kann unterbleiben. ● Harmloser liegt der zweite Fall. Da ist die Champagnerfirma Matheus Müller, die ihre Annoncen gerne mit einem doppelten M schmückt. Ich hätte gar nichts dagegen, wenn meine Leser zu der Ansicht oder der Einsicht gelangt wären, hier müsse wirklich eine Verwandtschaft bestehen; und ich hätte noch weniger dagegen, wenn sich das edle Sekthaus gelegentlich des armen Vetters aus Berlin erinnern möchte. ● Unangenehmer ist Nummer drei. Es gibt hier, noch nicht lange, ein Montagsblatt, von dem betriebsamen Herrn Stefan Großmann geleitet, das sich durch die Kürze seines Namens ins Bewußtsein der Zeitgenossen einzuhämmern gedachte. Neben der täglichen, alltäglichen B.Z. [Berliner Zeitung] haben wir den Sonntagnacht erscheinenden M.M., den Montag-Morgen. Ich muß mich jedes Werturteils über diesen Namensvetter enthalten, da ich ihn noch nie in der Hand gehabt habe; und wenn ich mich damit nicht beeile, wird es mir auch vielleicht nicht mehr gelingen, da er die längste Zeit gelebt haben soll. Aber ich muß gestehn, daß ich sonntags in den späten Abendstunden ungern durch die Straßen Berlins lustwandle, weil mir an jeder Ecke eine Zeitungsverkäuferin mit ihrem süßen [Adelina] Patti-Wohllaut entgegenzwitschert: der M.M., der M.M. Ja, erlauben Sie mal, Verehrteste – bin ich manchmal versucht, ihr zu erwidern –, wie kommen Sie eigentlich dazu, mich mit dem Kosenamen anzureden, der nur wenigen mir nahestehenden Menschen verstattet ist? Sollten wir uns schon so oft zusammen in der Gosse gewälzt haben? Um unliebsames Aufsehen zu vermeiden, bewahre ich die Zurechtweisung knirschend im Geheg der Zähne; doch wird mir wohler sein, wenn dieser M.M. endgültig aus dem akustischen Weichbild Berlins verschwindet. ● Auch dem vierten Namensvetter dürfte voraussichtlich kein allzu langes Leben mehr beschieden sein. Er ist der gefährlichste von allen, weil er sich mit Windeseile von der Maas bis an die Memel über ganz Deutschland verbreitet hat. Wie arglos und wie unbedeutend nimmt sich dagegen die Konkurrenz eines Kollegen, eines moussierenden und eines papierenen Unternehmens aus! Dieser M.M. ist der wahre Feind. Alt und jung, reich und arm, hoch und niedrig führen ihn gleichermaßen im Munde. Er ist der Götze, der Minotauros unseres Landes. Wollt ihr erfahren, wie er heißt? Nun denn, M.M. ist die Abkürzung für Millionen Mark, womit heutzutage das arme, das verarmte deutsche Volk rechnet. Oder gottlob nicht mehr rechnet, denn Millionen Mark nimmt einem längst kein Bettler mehr ab, und wir sind schon bei der Milliarde gelandet oder gestrandet. Aber es hat den Anschein, als sollten wir jetzt aus diesem Schacht, der uns so rapide in die Tiefe sausen ließ, durch einen andern Schacht emporgeführt werden [Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident]. Wir müssen von vorn beginnen und mit Zehnern und Hunderten rechnen lernen. – Hoffentlich atmet dann, wenn der schwarze Schlund auch diesen letzten M.M. verschlungen haben wird, noch im rosigen Licht der alte – – M.M.“

Englische Menschen. Die Neue Rundschau, Jg. 35, Bd. 2, Nr. 11 (November 1924), 1151-1179. [Auszug nachgedruckt in der Rubrik „Echo der Zeitschriften“ im LE, Bd. 27, Nr. 4 (Jan. 1925), 226-227.]
Erstes Wiedersehen mit London nach zehn Jahren: I. Frontispiz; II. Wiedersehen mit London; III. Wandel-Bilder; IV. Stimmen und Stimmungen; V. Wiedersehen mit Menschen: 1. Robbie [Robert Ross †]; 2. Oscar Wildes Sohn [Vyvyan Holland]; 3. George Moore; 4. John Galsworthy; 5. William Archer; 6. die Sitwells; 7. Siegfried Sassoon; 8. Dame Nellie [Nellie Burton] [zu den letztgenannten drei Porträts vgl. das Photo am Anfang unserer Dokumentation]; VI. Kolophon. ●●● I. Frontispiz: „Nach zehn Jahren… Nach solchen zehn Jahren… Nach solchen zehn Jahren… – Man darf es getrost aussprechen: mehr Ereignisse, grauenvollere Geschehnisse haben sich in dieses Jahrzehnt zusammengedrängt als in irgendein früheres der Weltgeschichte. Millionen Menschen verbluteten; Millionen Menschen verarmten. Länder sanken in den Staub; Länder erhoben sich aus dem Schutt. Reiche wurden zu Bettlern; Bettler wurden zu Schiebern, Schieber zu Reichen. Der Haß feierte nie dagewesene Orgien. Der Glaube geriet in Konkurs. Nationalität zerquetschte Humanität. Right or wrong – my country war die allgemeine Verdummungsparole. Freundschaften platzten wie Seifenblasen; Bande barsten; alles Wertvolle menschlicher Beziehungen wankte. […] – Wenn Kriegsjahre, nach volkstümlicher Rechnung, doppelt zählen, dann haben die folgenden Friedensjahre für uns dreifach gezählt. […] Und doch sind sie mir wie ein Tag vergangen, der gestern gewesen. So deutlich seh ich meine gute Miss – es war Mitte Juni 1914 – auf dem Bahnsteig von Victoria Station in London stehn und mir Abschiedsgrüße zuwinken, als die Maschine sich keuchend in Bewegung setzte. – ‚Wissen Sie noch, was Sie damals zu mir gesagt haben?’ fragte Lucy mit funkelnden Augen jetzt, Mitte Mai 1924. – Ich darauf, nichtsahnend: ‚Wahrscheinlich take care of yourself oder God be with you till we meet again oder etwas ähnliches.’ – Sie, fast beleidigt ob solcher Gedächtnisschwäche: ‚O nein, Sie haben zu mir gesagt: „Was auch kommen mag, lassen Sie es in unsrer Freundschaft keinen Unterschied machen.“ Wissen Sie das wirklich nicht mehr?’ – Ich mußte nachdrücklich verneinen. – ‚Gestehn Sie es offen ein, Lieber: Sie haben gewußt, daß es Krieg gibt!’ – ‚Nein, meine Gute, ich habe vom Krieg nichts gewußt. Wie sollte ich auch? Ich habe den Krieg nicht gewollt; ich habe den Krieg nicht gemacht.’ – […] Nein, ich habe vom Krieg nichts gewußt. Ich hab ihn nicht gewollt; ich hab ihn nicht gemacht. Ich hab ihn nicht einmal verloren. Denn empfände man all die Beschimpfungen und Demütigungen, die das deutsche Volk im letzten Jahrzehnt erfahren hat, als persönlichen Tort, so sähe man überhaupt keine Möglichkeit, die Dinge wieder einzurenken. Nur die Allgemeinheit konnte so viel Gemeinheit ertragen. Das Einzelwesen, das alles auf sich anwenden wollte, wäre seelisch zusammengebrochen und würde den Stachel nie wieder los. Wenn sechzig Millionen sich in die Riesenlast teilen, wird für den Einzelnen das Päckchen leichter… – Das Leben ist kurz. Nachtragen zeugt nie von hoher Intelligenz. Man kann nicht ewig als gekränkte Leberwurst herumlaufen. Zum Donnerwetter, einmal muß man den Anfang machen, die Vergangenheit in die Wolfsschlucht zu werfen. Alte Freunde locken. Also auf gen London!“ ●●● II. Wiedersehn mit London: „[…] ‚Wie finden Sie London verändert?’ Jeder erkundigt sich danach in den ersten Tagen. […] Wenn es nur so einfach wäre, diese Frage klipp und klar zu beantworten. […] Die wichtigste Veränderung ist unbestreitbar das Verschwinden der silbernen Kette, die sich über die linke Seite des männlichen Beinkleides spannte und in der linken Hosentasche mündete. Keiner trägt sie mehr, diese silberne Kette, woran die kleine Goldbörse befestigt war. Sie existiert nicht mehr in England, so wenig wie das englische Gold noch im freien Verkehr existiert. – Das dünkt mich, offen gestanden, die einschneidendste Veränderung: England ohne Sovereigns. Amerika hat sie wohl zum größten Teil geschluckt, wie das Gold der übrigen Welt. Die Fünfpfundnote, vordem Englands kleinstes Papiergeld, hat fünf Junge geworfen und die Pfundnote sich wiederum in zwei Zehnschillingscheine gespalten. Welche Wandlung! ‚Am Golde hängt doch alles’; nur das Gold hängt nicht mehr an allen. – Vom Schwund des Goldes ausgehend, hätte der Wirtschaftspolitiker (ich bin keiner) jetzt darzulegen, daß auch in England, wo der Reichtum seßhafter war als in sämtlichen Ländern Europas, vielfach eine ‚Umschichtung’ der Vermögen erfolgt ist. Durch die außerordentlich hohe Besteuerung während der Kriegsjahre (sie ebbt nun sachte ab) sind wohl die Großgrundbesitzer am schwersten getroffen worden, und manch einer sah sich gezwungen, seinen Besitz blutenden Herzens zu veräußern oder seine Lebenshaltung wesentlich einzuschränken. Erloschen ist der Glanz freilich nicht, nur um einige Kerzen herabgemindert. Es braucht nicht als Nationalunglück zu gelten, daß jemand, der drei kostbare Gemälde besitzt, eins davon über das große Wasser wandern läßt. – Andererseits hat der Krieg mit seinen ungeheuren Verdienstmöglichkeiten und seinen Möglichkeiten ungeheuren Verdienens Existenzen, die bis dahin im Dunkel hausten, gleichsam über Nacht in grelles Licht gerückt. Auch in England gibt es profiteers oder Kriegsgewinnler; und diese, dem Inselmenschen von jeher verhaßten nouveaux riches mit ihrer Sucht, die großen Herren zu spielen oder durch Protzerei aufzufallen, stehn hier im denkbar übelsten Geruch. – Damit hängt unverkennbar ein Anschwellen des Antisemitismus zusammen. Weit häufiger als früher sieht man jetzt in Londons Westend Hebräer, die entweder aus dem Osten zugezogen oder aus dem Ostend umgezogen sind. Man sieht sogar in den westlichen Stadtbezirken die drei ominösen Buchstaben [Jew] vor rituellen Speiseanstalten. Und in andern Anstalten sieht man Inschriften, in denen sich der Grimm des Pöbels, wie üblich, Luft macht.“ ●●● III. Wandel-Bilder: „Aufzufallen scheint nicht minder einem großen Teile der Londoner Frauen heute Bedürfnis. Eine internationale Mode – Start: Paris – gab es zwar seit Menschengedenken; daneben aber hatte jedes Land seine Besonderheiten oder meinetwegen auch nationale Torheiten. Die sind augenscheinlich im Aussterben begriffen. […] Die letzte Narretei: das abgeschnittene Haar (the cropped or bobbed hair) ist in London ebenso heimisch wie in andern Hauptstädten Europas. […] – Unendlich verbreiteter und anfechtbarer ist das Bemalen des Gesichts. Diese widerwärtige Unsitte galt ehedem als Vorrecht besonders gefälliger Dämchen, die mangelnden natürlichen Vorzügen durch künstliche nachhelfen mußten und ihre Anziehungskraft auf die Männer durch laute Farben zu erhöhen hofften. In letztem Betracht rechnet ja jede Verrücktheit der Frau mit der Sinnlichkeit des Mannes. Zweifellos hat es zu allen Zeiten, in allen Ländern Männer gegeben, auf die ‚gemalte Wangen’ (von Goethe als Lockmittel der Bajadere gegenüber einem Gotte hervorgehoben), kirschrote Lippen und pechschwarze Brauen einen starken Reiz ausübten. Aber die Frauen wollen es anscheinend nicht wahrhaben, daß es auch Männer gibt – und, weiß Mahadöh, sie sind weder der Zahl noch dem Werte nach die Minderheit –, auf die das weibliche Tuschkasten-System abschreckend, wenn nicht gar abstoßend wirkt. Corriger la nature mag in der Gartenkunst, in der Malerei, vielleicht in allen Künsten bisweilen ein Gebot höherer artistischer Einsicht, die Konsequenz eines überlegten und überlegenen Stilprinzips werden. Auch dem menschlichen Körper gegenüber darf der Grundsatz Anwendung finden, solange er seine Mittel diskret verhüllt, statt sie schamlos zur Schau zu stellen. Die Mühe muß nur eine wirkliche Verbesserung des Aussehens erreichen; dann gibt der Erfolg recht. Aber die Wohltat wird zur Plage, wenn sie lediglich einen Stich ins Gemeine erzielt. – […] Auch sonst sind an der Engländerin tiefe Wandlungen zu beobachten. Man hat, ohne es im einzelnen begründen zu können, das Gefühl: ihre vornehme Zurückhaltung hat sich ein bißchen gelockert. Sie ist mehr aus ihrer Verkapselung herausgegangen, hat die Starrheit des wandelnden Noli me tangere abgestreift. Ja, man darf füglich behaupten: sie ist aggressiver geworden. – Natürlich machen sich hier Nachwirkungen oder Nachwehen der Kriegserlebnisse geltend. Die zur Selbständigkeit, zur Tätigkeit aufgerufene Frau mußte den umfriedeten Bezirk ihres Hauses, ihres Puppenheims verlassen und kam in Berührung mit der unsanften Öffentlichkeit. Aus ihrem beschaulichen Dasein wurde sie jäh in die Aktivität geschleudert, war am Ende darauf angewiesen, selbst Geld zu verdienen, und findet nun nicht reibungslos den Rückweg zur früheren passiven Rolle. […] – Noch ein Wort über das Rauchen der Frauen. Es ist durchaus kein Meerwunder, eine Frau – bitte: kein Frauenzimmer – am helllichten Tag in Piccadilly mit der Zigarette zu sehn. In den Restaurants, in den Kinos paffen Damen mit Männern um die Wette. Hat Mrs Grundy Grund zu moralischer Entrüstung? Warum soll ein Genußmittel, das beide Geschlechter zu schätzen wissen, dem einen in der Öffentlichkeit, dem andern bloß im stillen Kämmerchen erlaubt sein? […] – Auch die Männerwelt Londons hat sich in ihren Aspekten verändert. […] Zylinder und Mütze, der Aristokrat und der Prolet unter den Hüten, sind während der Tagesstunden fast völlig verschwunden. Der in Mode gekommene weiche Filzhut, früher Homburg genannt, weil ihn Eduard auf die Badereise mitnahm, überbrückt als echter Demokrat Klassenunterschiede. […] Man entdeckt viel ‚Konfektionsarbeit’, und so salopp die Kleidungsstücke gemacht sind, so salopp werden sie getragen. Zwar hält man getreulich noch an den alten Kleiderregeln fest, die für die verschiedenen Tageszeiten zu gelten haben, aber der strenge Zwang weicht allmählich laxeren Gepflogenheiten, […] und sogar im Parkett der Theater gewahrt man einen Sakko mitunter, ohne daß das britische Imperium deswegen in seinen Grundfesten bebte. […] – An den liebenswerten Seiten des englischen Wesens hat nicht einmal die Umwälzung der letzten Lustren zu rütteln vermocht. Wenn man gar aus dem Hexenkessel Berlin kommt, fühlt man sich bald in die Luftschicht sanfterer Sitten versetzt. Hier sind urbanere Umgangsformen zu Hause. Hier waltet noch eine vorbildliche Höflichkeit; hier gedeiht noch die seltene Blume der Rücksicht. Alles spielt sich in einem Seelenklima der gemäßigten Ruhe (andante con moto) ab. Es geht auch ohne rauhe oder rohe Worte; es geht ohne die große Schnauze wahrscheinlich besser. Etwas vom erwachsenen Kind wird der Engländer nie los: es bleibt der gewinnendste Zug seines Wesens. Und überaus rührend ist seine Liebe zu Tieren. […] All das drängt sich, nach längerer Pause, dem Besucher erneut ins Bewußtsein, wenn er schaudernd an heimische Zustände denkt. Darum beschmutzt er sein Nest noch nicht, weil er den Unterschied so kraß und schmerzlich empfindet. – Ein Deutscher an höchster, an allerhöchster Stelle [Kaiser Wilhelm II.] hat vor vielen Jahren, als er die Segnungen eines Aufenthalts in seiner Mutter Heimatland genoß, den Ausspruch getan, es sei schwer, in Großbritannien nicht neidisch zu werden. [Vgl. MMs Aufsatz „Oh! To be in England. II.” in der NZZ vom 16.08.26, Nr. 1317.] Es ist noch viel, viel schwerer geworden.” ●●● IV. Stimmen und Stimmungen: „Fünf Wochen bin ich in London gewesen, habe einer Königin (lieber Alfred, platze nicht!) und einem Dienstmädchen die Hand gedrückt, habe mit Lords und Gemeinen am Tisch gesessen, bin in Klubs und Bürgerhäusern Gast gewesen, habe mich unter den Reichsten bewegt und unter die Volksmenge im Hyde Park gemischt: niemals ist mir etwas Unfreundliches begegnet, niemals hab ich ein unfreundliches Wort gegen Deutschland zu hören bekommen. [Mit ‚Alfred’ ist Alfred Kerr gemeint; mit der ‚Königin’ Königin Marie von Rumänien, die am 3.6.1924 Ehrengast beim Festessen des PEN Clubs war. (Siehe The Times, 04.06.24: ‚Writers’ Work for World Unity. P.E.N. Club Luncheon.’)] – Trotzdem – wer wollte behaupten, alles Schreckliche der letzten Läufte sei vergessen! […] Selbstverständlich ist der gebildete Engländer zu wohlerzogen, zu höflich, vielleicht auch zu scheu, den einzelnen Deutschen für die erduldeten Leiden verantwortlich zu machen. Es wäre, nebenbei gesagt, auch reichlich borniert. Aber man spürt bisweilen eine gewisse Distanz, glaubt zu fühlen, daß es unterirdisch noch in ihm rumort. Diese auf ihrer Insel geborgene Bevölkerung hat ja nicht einen winzigen Bruchteil von dem erlebt und erlitten, was wir in den Hungerjahren des Krieges und erst recht in den Taumeljahren des Friedens durchzumachen hatten. Keine Phantasie kann, ohne schwindlig zu werden, dem tollen Tanz ums papierne Kalb folgen. Von der Armut Deutschlands läßt sich keine Vorstellung erwecken. – Um so weniger, als alle Reisenden, die im Frühjahr aus Italien, Sizilien, Spanien, der Schweiz nach England zurückkehrten, sagenhaft aufgebauschte Geschichten über die Zahl der Deutschen, die sie unterwegs getroffen, und über deren würdeloses Benehmen mitbrachten. Der Engländer, dem die Welt offen steht, konnte nicht begreifen, daß die Deutschen nach zehn furchtbaren Jahren der Einkerkerung auch einmal das brennende Verlangen hatten, davonzufliegen. Aber er glaubte gern die immer wieder aufgetischte Mär, schon früh um elf Uhr hätten die Deutschen Champagner bestellt (es wird am Ende nur Asti spumante gewesen sein) und bis in die Nacht gezecht. Als eine amerikanische Malerin beteuerte, das mit eignen Augen gesehn zu haben, ward ich so wütend, daß ich die legendäre Flasche Schampus mit den in Belgien abgehackten Kinderhänden verglich. – Immerhin, so menschlich die Massenflucht war, sie war ein Taktfehler. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung mußten die Sammlungen für die darbenden deutschen Kinder in London eingestellt werden. […] – Und damit wären wir beim heikelsten Gegenstand. Die Ansicht des Durchschnittsengländers über den Krieg zu ermitteln, stößt natürlich auf allerlei Schwierigkeiten, weil das Thema noch so heiß ist, daß man immer befürchten muß, sich die Lippen zu verbrennen. Der Engländer – es wird jetzt nicht ganz ohne die üblen Verallgemeinerungen abgehn, die mir eine deutsche Greueltat sind – spricht nicht mehr gern über den Krieg und alles, was er im Gefolge hatte. Seine vorherrschende Empfindung gegen diesen Nachtmahr in unser aller Leben ist: ‚We are sick of it’ (wir haben es satt, es steht uns bis dahin). Kommt einmal eine nüchterne Unterhaltung zustande, so gerät man sehr bald auf die Sandbank der nicht zu erschütternden Überzeugung, Deutschland trage die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges. ‚Ich mag kein Politiker sein’, hat einer der berühmtesten Briten zu mir gesagt, ‚aber niemand leugnet, daß ich etwas von Psychologie verstehe, daß ich die menschliche Natur kenne. Deutschland, sehn Sie, hat drei erfolgreiche Kriege geführt; also lag es in seiner Natur, den vierten anzufangen. Wenn einer drei erfolgreiche Romane geschrieben hat, kann er nicht anders: er muß den vierten schreiben. So war es mit Deutschland.’ Wenn man dagegen lachend Widerspruch erhebt, weil es doch inkommensurable Dinge seien; wenn man sich auf Lloyd Georges bekannte Lesart beruft, alle Völker seien mehr oder minder in diesen Krieg hineingetorkelt; wenn man die aus den Archiven inzwischen veröffentlichten Dokumente heranzieht, merkt man leider, daß alle Worte am Fels der Überzeugung abprallen. […] Hier kann bloß die Zeit einen Umschwung bewirken. […] – Man ist auch verwundert, daß der Engländer mit seinem ausgeprägt sportlichen Sehwinkel so selten ein Wort der Anerkennung für das im Kampfe gegen drei Viertel (oder waren es vier Fünftel?) der Welt von Deutschland Geleistete findet. Die Erklärung dafür scheint in der Tatsache zu liegen, daß ihm der Endsieg, dieser Endsieg in seiner ungeahnten Größe, wohl selbst als eine tolle Überraschung, gleichsam als ein pervertierter Blitz aus heiterm Himmel gekommen ist. Es wäre zuviel verlangt, von einem böse zugerichteten Boxkämpfer zu erwarten, daß er, während die Schläge mörderisch auf ihn niedersausen, auch noch ein Organ für die Schönheit der Kampfweise seines Gegners habe, ihr seine Bewunderung zolle, ihm sein ritterliches Kompliment nicht vorenthalte. Der Engländer war viel zu sehr aktiv beteiligt, als daß er den spectator ab extra hätte spielen können. Er war tatsächlich so stark engagiert, daß er – um im Bilde des Boxkampfes zu bleiben – sich schon bei der Sekundenzahl sechs oder sieben angelangt wähnte. Das Endergebnis muß nicht anders auf ihn gewirkt haben, als wenn der Boxer in solcher Lage plötzlich erführe, sein furchtbarer Gegner sei, vom Herzschlag getroffen, umgesunken. Er hat sich bis heute noch nicht ganz von dem freudigen Schreck erholt. – Und weil England nicht nur mit seinem Gut, sondern auch mit seinem Blut viel mehr gelitten hat, als die Kriegspropaganda bei uns wahrhaben wollte, wird es nicht so rasch vergessen können, wie man zum Segen Europas wünschen möchte. Das steht indes fest: die Natur des Engländers neigt nicht zum Nachtragen. Er ist keineswegs so besessen antideutsch, daß er die Behandlung billigt, die sich der am Boden liegende Gegner von gestern gefallen lassen muß. Dagegen sträubt sich sein Sinn für fair play. Französischer Terror gegenüber einem wehrlosen, aus tausend Wunden blutenden Opfer ist dem Engländer – glaubt es mir aufs Wort! – in der Seele zuwider. Ja, ich kann es auf meinen Diensteid nehmen: die geistige Jugend Englands (nicht die Biceps-Rowdies und nicht die Hirnschwund-Clerks des Mittelstandes) verurteilt Frankreichs Triumphatorrausch aufs schärfste. Vielleicht war sie nie franzosenfreundlich im Herzen. An ihr hat das Cordiale der Entente schwerlich einen überzeugten Fürsprecher gehabt, weil sie die Unterschiede der Rasse von jeher zu stark empfand. Es ist nicht anders geworden. – Zwar für den Deutschen als ζον πολιτικόν hegt auch die geistige Jugend Englands mitnichten übertriebene Sympathien, aus dem einfachen Grunde, weil er noch nicht geboren ist oder sich leider in einem höchst rudimentären Zustande befindet. ‚The case is hopeless’, wurde mehr als einmal, im Hinblick auf jüngste Ereignisse, von wohlmeinenden Beurteilern gesagt. Aber wie sind sie des Lobes voll für deutsche Literatur, deutsche Bühnenkunst und vor allem für deutsche Musik! Der Rosenkavalier von Richard Strauß war dieses Frühjahr in London ein Sieg auf der ganzen Linie, so daß politische Stänker mit eingekniffenem Schwanz abziehen mußten; jedoch Madame [Cécile] Sorel [von der Comédie Française (1873-1966)] aus Paris wurde, trotz Verbeugung vor Shakespeare, nicht einmal lauwarm empfangen. Frankreichs Kunst stagniert; Deutschlands Kunst vibriert – das wäre die kürzeste Formel für die Wertschätzung des Neuen, das von beiden Ufern des Rheines kommt. Auf diesem Felde liegen vorläufig die starken Wurzeln unsrer Kraft. – Nun ja, werden Übelwollende dazwischenwerfen, die Engländer haben erreicht, was sie wollten. Sie haben uns unsre Kolonien, unsre Schlachtflotte genommen, sie haben sich an deutschem Privateigentum vergriffen (laßt euch sagen: dies wird von den besten Engländern als ein nicht zu tilgender Schandfleck angesehn). Sie haben nie etwas dagegen gehabt, daß die Deutschen in Kunst und Wissenschaft die erste Geige spielten, wenn sie sich nur im Völkerkonzert mit einem untergeordneten Instrument begnügten. Das Volk der ‚Dichter und Denker’ war nie mißliebig; wenn wir nur politisch klein und hübsch brav im Hintergrund blieben, verursachten wir dem weltbeherrschenden Albion kein Unbehagen. – So ganz stimmt’s freilich doch nicht. England hat keineswegs erreicht, was es wollte; oder nur zur einen Hälfte das erreicht, was es wollte, während ihm die andre Hälfte wider Erwarten über den Kopf gewachsen ist. Sicherlich war ihm ein allzu starkes Deutschland ein Dorn im Auge; doch ein allzu starkes Frankreich ist es nicht minder. Früher war die deutsche Flotte das Schreckgespenst für England; jetzt ist es die französische Luftflotte, so daß ängstliche Gemüter jenseits des Kanals schon seit Jahren stöhnen: denk’ ich an Frankreich in der Nacht… England fühlt, daß es recht eigentlich aus dem Regen in die Traufe gekommen ist. England weiß, daß es das Problem der Arbeitslosigkeit im eignen Lande niemals lösen wird, solange der deutsche Absatzmarkt brach liegt, und hätte somit aus schnödem Eigennutz (bitte sehr: ‚das Volk der Krämer’) ein brennendes Interesse daran, daß Deutschland wieder hochkommt. England rechnet damit, daß Deutschland in zehn Jahren zu seiner alten Größe gelangt sein wird. […]“ ●●● V: Wiedersehn mit Menschen. ● 1. Robbie: „Den einen, dem ich am liebsten die Hand geschüttelt hätte, fand ich nicht mehr unter den Lebenden. Robert Ross ist schon im Oktober 1918 gestorben. Am Herzschlag. Noch nicht fünfzigjährig. Der Jammer des Krieges, unsagbarer eigner Kummer, abscheuliche Anfeindungen, aufreibende Prozesse haben ihn vor der Zeit verbraucht. […] – Deutsche Menschen wissen kaum, wer dieser Robert Ross gewesen ist – es sei denn, daß sie De Profundis von Oscar Wilde oder dessen Biographie von Frank Harris kennen. In beiden Werken ist ihm ein unvergängliches Denkmal gesetzt, das keines Buben Hand zu schänden vermag. Man muß schon in Heiligengeschichten blättern, um so rührende Züge selbstloser Hingabe zu finden. – […] Wer diesen Ross, den ‚Treusten aller Treuen’, persönlich nicht gekannt hat, der kennt ihn nicht. Der kann unmöglich ermessen, welch ein Golfstrom der Güte von ihm ausging. Seine Menschlichkeit, nicht sein Werk erhält ihn am Leben. Dabei besaß er eine nicht zu unterschätzende Gabe, den Stil seiner Zeitgenossen zu parodieren, ihre Eigenart oder Manier in skits zu verulken (sie sind in dem Bande Masques and Phases gesammelt). Noch höher stand seine wundervolle, beim Meister aller Meister in die Schule gegangene Kunst mündlichen Erzählens. Keiner, der ihr je gelauscht, blieb unbeschenkt. […] – Robbies Anwartschaft auf die Unsterblichkeit ist von keiner Mode des Tags, keiner Kurve des Ruhms, keiner Welle der Gunst abhängig. Er bleibt der ewige Freund. Zu den Sternen erhoben. Ein Mythos. […]“ 2. Oscar Wildes Sohn [Vyvyan Holland (1886-1967)]: „Er hat ein beklagenswertes Schicksal gehabt. Mitleid war mein erstes Gefühl ihm gegenüber; Mitleid wird das letzte bleiben. – Vor vielen Jahren lernte ich ihn bei Robert Ross kennen. ‚Das ist Oscars Sohn.’ Als er unter dem im Zimmer hängenden, von Harper Pennington gemalten Bilde seines Vaters stand, fiel die starke Ähnlichkeit auf. – An jenem Abend las St. John Hankin (mit eisernen Hanteln um den Hals sprang er später in Llandridnod Wells, einem walisischen Badeort, ins Wasser) zwei dramatische Skizzen vor. [Siehe hierzu MMs Nachruf auf St. John Hankin: ‚Ich traf Hankin und Frau in einer Gesellschaft bei Robert Ross, dem Freunde Oscar Wildes. […] An diesem Abend las er zwei Einakter. […] Dann – ja was er dann las, weiß ich nicht mehr. Ich hörte nicht zu. Ich hattte mich in der Zwischenzeit mit dem Sohn Oscar Wildes unterhalten, und ich muß gestehn: seine Schicksale, von der Tragödie des Vaters beschattet, interessierten mich mehr.’ (N&S, Bd. 130, Sept. 1909, S. 454.)] Hernach kam die Unterhaltung auf die Novelle in der europäischen Literatur. Bei allem klugen Gerede wurde Knut Hamsum vergessen. Auf ihn wies der junge Wilde, der bis dahin schweigend zugehört hatte, und zitierte den Schlußsatz einer short story des Norwegers in deutscher Sprache, noch dazu ohne jeden fremden Akzent. ‚Sie sprechen deutsch, und so gut deutsch!!’ Da nahm ich ihn beiseite und bat ihn, mir von sich zu erzählen. Er sprach von seiner trostlos traurigen Jugend: wie er, nach der Katastrophe seines Vaters, in der Welt herumgestoßen worden sei und auch einmal in Wiesbaden ein Jahr lang die Schule besucht habe. – Das Mißgeschick ist ihm nicht von den Fersen gewichen. Er verlor zu Beginn des Krieges seinen älteren Bruder Cyril in Flandern [am 09.05.15], verlor später in London, unter tragischen Umständen, seine junge Gattin, die im Badezimmer verbrannte. Er selbst machte den Krieg als Offizier mit und hatte, wie mir berichtet wurde, unter seiner Abstammung zu leiden. Trotzdem er schon in früher Jugend seinen väterlichen Namen abgelegt hat – eine Base von ihm, William Wildes Tochter, führt als einzige noch den lange geächteten Namen [„Dolly“ Wilde (1895-1941)] –, wurde seine Herkunft ruchbar, und er mußte zu einem anderen Truppenteil versetzt werden. So mittelalterlich grausam kann man in England sein: es genügte den Hohlköpfen offenbar nicht, daß sie den Vater zur Strecke gebracht hatten; dessen Sünden sollten auch noch – Vorrecht eines eifervollen Gottes! – an dem unschuldigen Sohne geahndet werden. – Bald nach dem Waffenstillstand trat er als Teilhaber in ein Exportgeschäft. Es ist immerhin eine schnurrige Vorstellung, sich den Sohn Oscar Wildes an einem solchen Schreibpult zu denken. Das Experiment war nicht von langer Dauer. – Jetzt wohnt er in einem behaglichen Haus an einem historischen Square in Chelsea, besitzt eine kostbare Bibliothek, ist viel auf Reisen und betätigt sich nebenher als Dolmetsch aus dem Französischen. Seiner Übertragung von Paul Morands Ouvert la nuit  [Open All Night (1923)] wird feines Sprachgefühl nachgerühmt. Er wäre gewiß der letzte, der behaupten wollte, seines Vaters Genie geerbt zu haben; er ist damit zufrieden, daß ihm die Früchte dieses Genies in den Schoß fallen. – Alles Gute, Vyvyan.“ ● 3. George Moore: „[…] Kaum hab ich aber meinen Namen genannt, so wird mir die Tür des Speisezimmers geöffnet, und ich stehe vor George Moore. […] By George! Nun taut er auf. […] ‘Ich habe grade meine besten Bücher geschrieben.’ ‚Und für die halten Sie?’ ‚The Brook Kerith [1916] und Héloise und Abélard [1921].’ – Ich äußerte tiefes Bedauern, daß er jetzt alle seine Bücher zu so unerschwinglichen Preisen herausgebe. ‚Früher war ich wohl der beste Kenner Ihres Werkes. So meinten Sie selbst manchmal. Aber seit 1914 hab ich kein Buch von Ihnen mehr zu Gesicht bekommen. Drei Guineas für einen Roman – das geht über die Mittel eines mittellosen Mitteleuropäers.’ – ‚Lassen Sie sich sagen, daß es eine vorzügliche Kapitalanlage ist. Wenn die Subskription eröffnet wird, kostet ein Buch von mir drei Guineas. Im Nu sind alle Exemplare vergriffen! Wenn Sie nachher ein Buch anschaffen wollen, kostet es sieben Guineas. Sie haben also nicht drei Guineas ausgegeben, sondern vier verdient.’ – Ich erkundigte mich, warum er neuerdings dieses ungewöhnliche System der Veröffentlichung wähle. – ‚Ganz einfach, weil mich die Subskriptionsausgabe vor Belästigungen schützt. Jeder, der Anstoß an meinen Büchern nahm, konnte mir Ungelegenheiten bereiten; denn meine Moral ist nicht die der Leser. Das Unglaublichste war, daß ich sogar wegen des Titels eines Romans vor Gericht mußte. Ich hatte mein Frühwerk A Modern Lover umgearbeitet und unter dem Titel Lewis Seymour and some women [1917] herausgebracht. Ein Varietékomiker, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte, fühlte sich durch die Wahl des Namens beleidigt – er steht schon so in der ursprünglichen Fassung von 1883 – und verklagte mich auf Schadenersatz. Dabei stellte sich heraus, daß der Kerl in Wirklichkeit gar nicht so hieß, sondern sich erst seit kurzem diesen Künstlernamen beigelegt hatte. […] Wäre der Music Hall-Fritze oder -Lewis mit seiner Klage durchgedrungen, dann könnten wir mit aller Kunst einpacken. Das hob auch Lord Justice Darling in der Urteilsbegründung hervor. Der sogenannte Seymour wurde mit seiner Klage abgewiesen; ich aber hatte die Kosten des Prozesses oder einen Teil davon zu tragen. Um in Zukunft solchen Scherereien zu entgehn, beschloß ich die Subskription.’ [Siehe zu diesem Prozeß The Times, 24.11.17: ‚High Court of Justice. King’s Bench Division. A Novel by Mr George Moore’.] – Trotzdem bleibt es schade, daß einer der hervorragendsten Künstler Englands, der von den Lebenden die höchsten Preise, nach Joseph Conrad, auf dem Autographenmarkt erzielt, dieses Präventivmittel benutzt und so der Verbreitung seiner Bücher einen Damm setzt. – […] Conversations in Ebury Street [1924] nennt der als Plauderer unübertroffene George Moore – er will sich nimmer erschöpfen und leeren – einen eben veröffentlichten Band Unterhaltungen, die er mit Berufsgenossen und Freunden geführt – zu haben vorgibt. […] Ich habe dem unversieglich sprudelnden Moore-Quell so oft gelauscht in all den Jahren, daß ich eines Tages auf den Gedanken verfallen könnte, die wirklichen ‚Unterhaltungen in Ebury Street’ der Welt zu schenken. – … Und wiederum in Ebury Street. Längst achte ich nicht mehr der Schätze, die von den Wänden des Hauses grüßen; denn ich habe hier einmal drei Wochen gewohnt und alle die Manets, Monets, Renoirs und übrigen Herrlichkeiten der französischen Impressionisten in Muße bewundern, mich der Sheraton-Möbel und des Aubusson-Teppichs täglich freuen können. Des Hauses höchste Herrlichkeit bleibt ja doch der Hausherr. – Trotz Mitte Mai brennt ein Feuer im Kamin; wir frösteln und rücken die Sessel dicht heran. – ‚Mein lieber Moore, wie bringen Sie nur das Wunder fertig, immer noch das enfant terrible, manchmal sogar den gamin der englischen Literatur zu spielen?’ Er lachte herzhaft und erriet sofort, daß mit der Frage sein Angriff auf den vierundachtzigjährigen Thomas Hardy, den anerkannten Meister epischer Heimatkunst, gemeint war [in Conversations in Ebury Street, Kap. 6-7].  Dafür hatte den Angreifer wieder Middleton Murry in seiner Zeitschrift The Adelphi begeifert (nette Brüder das – Kollegen!). [Siehe John Middleton Murry, ‚Wrap me up in my Aubusson Carpet’, The Adelphi, Bd. 1, Nr. 11 (April 1924), S. 951-958.] – […] Es ist ihm nicht unbekannt, daß er in Deutschland lange nicht so eingeschlagen hat wie seine beiden engeren Landsmänner. ‚Wilde war natürlich ein Künstler bis in die Fingerspitzen; er hatte unendlichen Charme. Bernard Shaw mag mit dem Beifall of all galleries and pits in Europe zufrieden sein. Ein genialer Journalist.’ […]” ● 4. John Galsworthy: „Zu einem andern Romanschriftsteller. Größere Gegensätze sind kaum vorstellbar als der irisch sprunghafte, irisierende, moussierende Moore und der englisch beständige, in sich gefestigte, abgeklärte Galsworthy. – Auch ihn kenne ich nun schon an die zwanzig Jahre, kenne ihn noch aus der Zeit, als er seine Bücher John Sinjohn zeichnete [1897-1901]. […] Als ich ihn zuerst im Hause seiner Schwester, der translucid vergeistigten Mrs. Sauter [Ehefrau des deutschen Malers Rudolf Sauter], begegnete, sah er wie Gerhart Hauptmann aus – nur entfurchter, geglätteter, mondäner. Die Ähnlichkeit hat sich mit den Jahren abgeschliffen: heute wirkt Galsworthy in der äußern Erscheinung, desgleichen in der die Worte sorgsam wägenden Sprechweise wie ein Diplomat. Und etwas davon ist in sein Wesen übergeflossen. Der Schriftsteller, der mit der Geißelung des cant anfing (The Island Pharisees), wird vornehmlich durch die Verherrlichung der breiten britischen Mittelschicht fortleben (The Forsyte Saga). In diesen englisch gewendeten Buddenbrooks verleugnet sich durchaus nicht eine scharfe Beobachtung für die Schwächen des minutiös gemalten Standes, aber noch weniger eine große Bewunderung. […] Heute, vom Weltruhm umschmeichelt, macht er ein wenig den Eindruck eines aus der Opposition in die Regierungspartei gelangten Parlamentariers. Er schwebt ein bißchen olympisch über dem Getriebe. […] Vielleicht hat dieser Eindruck letzten Endes seinen Grund in unserm persönlichen Verhältnis. Ich bin als erster für den Dramatiker Galsworthy eingetreten, ohne daß er in Deutschland solchen Widerhall gefunden hätte wie in seiner Heimat. Ich steh im Banne der Empfindung, als ob mich der Dichter für nicht ganz unschuldig an diesem mangelnden Publikumserfolg halte. Wenn dem so ist, hat er seine feine Rache genommen, da er mich auf einem Bankett als den ‚Translator of Wilde’ bezeichnete – oder soll ich sagen: zeichnete? – Trotz dieser eingebildeten oder echten Trübung war es eine ungetrübte Freude, im Gartenstreif seines schönen Hauses in Hampstead neben diesem Edeling auf und ab zu wandeln. Er hat ein scharfes Auge für die Unvollkommenheit alles Irdischen, doch ein wärmeres Herz für das Gute der Menschheit. Und seine Liebe gehört uneingeschränkt den Tieren. Wo immer es um eine gerechte Sache geht, wird John Galsworthy nicht fehlen.“ ● 5. William Archer: „,Treu wie Gold’ hat ihn George Moore einmal genannt. Das Gold ist nicht treu geblieben; Archer ist es. Völlig unverändert im Aussehn, ungebeugt, noch nicht ergraut, trägt er, die verkörperte Gediegenheit, auf hohen Schultern Last und Lust seiner achtundsechzig Jahre. – Dieser Schotte mit dem Adlerblick hat schon zu einer Zeit Theaterkritiken geschrieben, da wir noch fast in den Windeln lagen. Man darf ihn getrost als besten Kenner des Welttheaters ansprechen; denn Amerikas und Japans Bühnenkunst sind ihm durch eignes Studium nicht minder vertraut als die europäische. Man darf ihn wahrscheinlich sogar den einzigen Theaterkritiker nennen, der von sämtlichen Erdteilen gekannt wird. Er hat Ibsen auf den Schild gehoben, Hauptmanns Hannele den Engländern vermittelt, alles Neue gefördert, woher es immer kam, und stets dem Theater gegeben, was des Theaters ist: kein verstiegener Doktrinär, sondern ein Bannerträger des common sense. Sein letztes theoretisches Werk: The Old Drama and the New [1923] stellt die Summe einer ungeheuren Brettererfahrung dar […]. – Dieser Archer blieb aber nicht in grauer Theorie befangen: von früh auf hat er sich selbst als Dramatiker versucht […]. Was er in der Jugend sich wünschte, hat er nun die Fülle. Er hat den großen Publikumserfolg mit einem eignen Stück: Die grüne Göttin. Keiner weiß besser als er selbst, daß es ein schieres Melodram ist; aber keiner weiß auch besser, wie schwer es ist, ein Drama so gut zu baun, daß es zwei Stunden lang die Aufmerksamkeit einer kunterbunten Menge nicht locker läßt. Das mag ihm vor sich selbst als Rechtfertigung dienen. – Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, daß der konsequente Vorkämpfer des geistigen Dramas so inkonsequent war, nach der Huld des Haufens zu haschen. Und noch tragikomischer ist es, daß ein Geistesarbeiter, der jahrzehntelang in aufreibender Tagesfron sein karges Auskommen fand, mit einem Füllsel müßiger Stunden mehr verdienen soll als mit allem, was seine beste Hirnkraft und sein Herzblut heischte. Die grüne Göttin ist in New York, wenn ich recht unterrichtet bin, über 1000mal (in Buchstaben: tausend), in London bestimmt über dreihundertmal gespielt worden. – William Archer konnte daraufhin den Kritikerberuf an den Nagel hängen und darf sich nun spät, doch nicht zu spät, im Segen der Tantiemen sonnen. Möge die Grüne Göttin ihm niemals nicht grün sein! – Mir ist er in London stets der zuverlässigste Berater gewesen. Auch ich fand ihn treu wie Gold.“ ● 6. Die Sitwells: „Frankreich hatte die Brüder Goncourt und Marguerite [Les trois Marguerites]; Deutschland hat die Brüder Mann; England hat sogar drei Schwestern Brontë gehabt: gleichartige Begabung innerhalb derselben Familie (verschiedenartige dürfte häufiger sein). In allen diesen Fällen handelt es sich um Romanschreiber. – Daß eine Schwester und zwei Brüder sich lyrisch betätigen, in holdestem Einvernehmen einander Konkurrenz machen, ist ein hapax-legomenon der Literaturgeschichte. Sir George Sitwell, der Vater, Besitzer von sechstausend Morgen Land und einer Handpresse, interessiert sich für Historie und Gartenkunst im regelmäßigen Stil. Seine Kinder Edith, Osbert und Sacheverell haben ganz in modernes Fahrwasser eingelenkt, sind, was wir mit einem Schlagwort von gestern aktivistisch nennen, haben den Kampf gegen poetische Tradition und Konvention auf ihre Fahne gesetzt und schreiten der neuen Bewegung als Führer voran. […] Sitzt man mit ihnen an Sonntag-Abenden in ihrem fast museumsartig mit exotischen und expressionistischen Kunstwerken vollgepfropften Heim zusammen, so hat man etwa folgenden Eindruck: Edith, absonderlich gewandet, wirkt wie ein strenges Götterbild der Vorzeit, verschlossen, schweigsam, von Legendenluft umwittert. Osbert, der künftige Baronet, mit Energie geladen, von unbezähmbarer Angriffslust, läßt seiner clever smartness  (oder soll man smart cleverness sagen?) die Zügel schießen. Sachie, das Kücken, hoch aufgeschossen, im Sitzen noch ein halber Riese, forschend und grübelnd, wißbegierig und kundig, hat etwas vom Parsifal. – Die Ansichten über Wesen und Wert ihrer Begabungen gehen auseinander. Edith gilt wohl allgemein als die lyrischste Natur. Sie hat mehrere Anthologien (Wheels) herausgegeben und ist selbst mit Gedichten von oft bizarrer Schönheit darin vertreten. Daß eine junge Dame, die bukolische Töne pflegt, ein ‚Sauflied’ à la Villon schmettern kann, bleibt ein Kuriosum. – Andre glauben wieder an Sacheverell, der durch ein dickes Buch über die Kunst des Barock im Süden [1924] vor kurzem erwies, daß er in vielen Sätteln zu reiten versteht. Bei ihm darf man jeden Tag auf Überraschungen gefaßt sein, ohne daß er kapriziös wäre. – Am heftigsten befehdet wird Osbert; so schallt ihm das Echo seiner eignen erquicklichen Attacken zurück. Seit Lord Byron die English Bards and Scotch Reviewers vornahm, hat kaum einer mehr in England die Epigonen mit solcher Vehemenz gezaust. […] – Daß beide Brüder, die als Offiziere im Heer dienten, die Greuel des Kriegs und die Überschwenglichkeiten der Heimpatrioten in Gedichten voll blutigen Hohns aufzudecken wagten – einzig von Siegfried Sassoon darin erreicht –, stellt ihrem persönlichen Mut ein rühmenswertes Zeugnis aus. – Wenn alles erwogen ist, setze ich wohl doch auf Osbert. Er wird eines Tages eine glänzende Gesellschaftskomödie schreiben. […]“ ● 7. Siegfried Sassoon: „Die Sassoons kommen in England gleich nach den Rothschilds. Von der Mutter her hat Siegfried Künstlerblut in den Adern: sein Oheim ist der ehedem gefeierte Bildhauer [William Hamo] Thornycroft [1850-1925], abgestempelter Akademiker. Natürlich war Siegfried ein Dichter, ehe der Krieg ihm die Zunge löste; doch seine edle Menschlichkeit entfaltete sich erst in ihrem ganzen Wuchs, als die Menschheit verkümmerte. Er muß Furchtbares im Felde durchgemacht und muß es furchtbarer empfunden haben als die andern, weil ihm ein Gott zu sagen gab, was er leidet. Und stärker noch in ihm war das Mitleiden. Er denkt, wenn die fliehenden Truppen über den Leichnam eines Feindes hinwegstürmen und ihn tiefer in den Schlamm treten, der deutschen Mutter, die träumend am Feuer sitzt und Strümpfe für ihren Sohn strickt. Er stößt nicht in das Horn der hirnverbrannten Kriegsphraseologen, sondern brandmarkt sie als ‚Junker’. Für ihn bedeutet Kämpfer sein nicht: sich der Waffen des Geistes begeben. Er ist den Herrschenden daheim sehr unbequem geworden, weil er ihnen die Wahrheit zu sagen suchte. In aller Not vergißt er nicht seines Beethoven, Bach, Mozart, an denen sich seine Träume entzündeten, die in seinem Herzen Kathedralen bauten. – Waren es auch nicht die genannten Meister, so hat uns am Pfingstsonntag, auf dem herrlichen Landsitz des großen englischen Musikprotektors, Hugo Wolf einen Dom errichtet, in dem wir voll Andacht knieten.“ ● 8. Dame Nellie [i.e. Nellie Burton, in Anspielung an die australische Opernsängerin Dame Nellie Melba (1861-1931)]: „Sie ist – um nach so viel Literatur eine Herzstärkung darzureichen – saftig wie ein niederländisches Kirmesbild; phantastisch wie ein Capricho von Goya; eine Walpurgisnacht-Gestalt; ein Wesen von Shakespearescher Erdennähe. Vorgeahnt in ihrer äußern Erscheinung von unserm Schiller, da er (so ungefähr) sang: ‚es steigt das Riesenmaß des Leibes hoch über Menschliches hinaus.’ [vgl. Die Kraniche des Ibykus]. Doch sonst beileibe nichts von Erinys. Ein wandelnder Koloß. Ein schreitender Turm. Wie den meisten Dicken lacht ihr die Gutmütigkeit aus dem Vollmond-Gesicht. Verschmitzt zwinkern die Äuglein. Es wuchtet das Doppelkinn. – Ein Instinktmensch vom reinsten Wasser, von unverfälschter Triebhaftigkeit. Stark im Haß, stärker in der Liebe. Wer sich ihre Gunst verscherzt hat, dem ist sie gram übers Grab hinaus. Wen sie ins Herz geschlossen, für den gibt sie ihr Hemde her. Sie spuckt auf die Schale; späht nach dem Kern. Sie fragt einen Dreck nach Vorurteilen, wenn ihre Sympathien im Spiele sind. – Fünf Jahre war sie Krankenschwester in Deutschland. Liebt das Land und liebt die Menschen. Zieht den Durchschnittsdeutschen dem Durchschnittsengländer vor, weil sie ihn für intelligenter hält. Gutem, das sie dort genossen, bewahrt sie treues Gedenken. Und bewährt es durch die Tat. Als [der Deutschenhasser und Hetzredner Horatio William] Bottomley [1860-1933] zu Beginn des Krieges eine Versammlung in die Albert-Hall berief (sie faßt achttausend Personen, war zum Bersten voll) und vorschlug, alle in England seßhaften Deutschen sollten interniert werden, forderte er die Anwesenden auf, wer dafür sei, möge die Hand heben. Ein Birnam-Wald [Anspielung auf Macbeth] von Händen wuchs in die Luft. Man schritt zur Gegenprobe: eine einzige Hand reckte sich hoch. Wacker, wacker. Es sei der mutigen Frau nicht vergessen. Und da sie wie ihr Vetter Falstaff weiß, daß Vorsicht das bessere Teil der Tapferkeit ist [vgl. Henry IV, Part I, V.iv.120], räumte sie das Feld, ehe der Mob Lynchjustiz an ihr vollstrecken konnte. – Selbst gottlob ganz unliterarisch, zieht sie durch das Urtümliche ihrer Menschlichkeit jüngere Schriftsteller an, die bei ihr aus- und eingehn. […] Und ihre ‚boys’ sind ihr dankbar, wie die Reihen ihrer Widmungsexemplare bekunden. […]“ (Als Nellie Burton im Herbst 1935 starb, nahm der Verfasser ihres Nachrufes [höchstwahrscheinlich Osbert Sitwell] MMs Porträt von ‚Dame Nellie’ zum Ausgangspunkt seiner Würdigung. [‚Miss Burton of Half Moon Street’, Manchester Guardian, 11.10.35, S. 10].) ●●● VI: Kolophon. „Seid mir nicht böse, ihr andern, die ich schon lange kenne und meiner Porträtgalerie nicht einverleibt habe. Auch ihr nicht, die ich jetzt erst kennen lernte und späterer Aufzeichnung vorbehalte. Darunter so wertvolle, nicht zu vergessende Bekanntschaften wie die der wundermilden ‚Lady of Wimbledon’ [Adela Schuster, großzügige Mäzenin Oscar Wildes; MM schickte ihr 1925 ein Exemplar seiner Ausgabe von Wildes Epistola: In Carcere et Vinculis, signiert ‚For Miss Adela Schuster from the Translator. April 1925’ (The Oscholars, vol. 2, no. 7, July 2002, ch. 4)] und der ‚Vergoldeten Sphinx’ [Ada Leverson (1862-1933); vgl. MMs Nachruf in der NZZ vom 11.09.33, Nr. 1629]. – Ihr alle ließet mich das Schauspiel des Lebens mit eignen Empfindungen betrachten. Es waren erquickliche Gefühle, wenn ich euch Inselbewohner, ein jeder eine Insel für sich, inmitten eurer gefestigten und festlichen Behaglichkeit sah. Es waren wehmütige Gefühle, wenn ich an deutsche Menschen zurückdachte, die auf dem Meere der Ungewißheit hin- und hergeworfen werden. – Was euch auch vorübergehend getrennt haben und im Augenblick vielleicht noch trennen mag: ihr seid berufen – das schreibe ich an dem Tage, da vor zehn Jahren England in den Krieg gegen Deutschland eingetreten ist [04.08.1914] –, in Zukunft miteinander zu marschieren. – Q.f.f.f.s. [quod felix, faustum fortunatumque sit: was erfolgreich, beglückend und gesegnet sein möge].“

De Profundis Appears in Full. Complete Manuscript, Translated into German, Reveals Wilde’s Unbounded Vanity. New York Times, 21. Dezember 1924.
„’While in prison he wrote a kind of apology for his life, a manuscript amounting to about forty-five thousand words, now in the hands of his literary executor…’ So it was stated in the third supplementary volume of the Dictionary of National Biography, which appeared in 1901. That was the first known about a work which, since then, has taken its place in the world’s literature. It is now published in full for the first time and, curiously enough, not in English but in German. – I remember well how I read that notice for the first time in the Reading Room of the British Museum in London and how I immediately felt the desire to learn more about what the prisoner of Reading Gaol had written there. Impelled by that purpose, I got into communication with the writer of the short notice in the Dictionary of National Biography – Thomas Seccombe, who has since died [1923] – and he referred me to Robert Ross, Wilde’s executor – also since dead –, at that time one of the proprietors of the Carfax Gallery in London, since all his information had come from this source. I looked up Ross and asked for more particulars about the work which had been written under such remarkable circumstances, but Ross was rather sparing of details, since he thought that the time for making these public had not yet come. I did not allow myself, however, to be put off by his reluctance, but constantly returned to the matter, both in conversations and in letters: so much so that Ross, who was a very busy man, said once that he gradually came to hate the handwriting of his tormentor. – In the ensuing years German interest in Oscar Wilde’s personality and writing grew livelier. A Wilde renaissance began in Germany, brought about to some extent by the enormous stage success of Salome. The wave of interest in Wilde broke over Russia, touched other European lands; even in England signs of a friendlier attitude became apparent. Robert Ross, therefore, hesitated no longer to make public the work of his friend, in the form of an excerpt. And Germany, he decided, should have the jus primi legendi, in recognition of the fact that Germany had materially contributed toward the cancellation of Wilde’s debts and had laid the foundations for his posthumous fame, which moved Ross to make the facetious remark that Oscar Wilde had been ‘made in Germany’ – wherein, by the way, flanked by Shakespeare, Lord Byron and Shaw, he was in by no means bad company. I shall permit myself also to say – since Ross himself often said it – that, in doing this, he wished to pay a special honor to me. And thus it came about that it was I who first published that which the world knows as De Profundis (Ross supplied this title) in the January and February, 1905, issues of the Neue Rundschau. – Its success surpassed all expectations. Immediately after publication in the Berlin magazine it appeared as a book in German. Nor was the English edition long delayed. Soon after the work was translated into all the languages of culture, and it is by no means an exaggeration to estimate the total number of copies of De Profundis published at one million. – That this De Profundis was merely a torso was shown at the very start by the opening sentence, which was incomplete, and by the numerous gaps in the text, indicated by rows of periods. […] The fact that the book was written in the form of a letter was disclosed nowhere: for the purpose of keeping this concealed, Ross, whose tact and skill cannot be too highly praised, even did not refrain here and there from making slight alterations. For instance, he would substitute in place of a quite personal ‘you’ the more general phrase ‘my friends,’ and introduce other similar slight alterations, to say nothing of transposing sections of considerable length. – He drew aside the veil a bit later when he enriched De Profundis with ‘additional matter’ on the occasion of its appearance in the thirteen-volume edition of the complete works of Oscar Wilde, published by Methuen & Co. at London in 1908. In the dedication of the De Profundis volume of this edition to me Ross wrote: ‘I need only say here that De Profundis is a manuscript of eighty close-written pages on twenty folio sheets; that it is cast in the form of a letter to a friend not myself …’ – This excerpt from De Profundis, which Ross said would be final, was the basis for my new German version, published in 1909, and I felt no qualms at lifting the veil even more in my introduction, wherein I wrote: ‘Now for the first time the proper light is cast upon the work, since it is disclosed as a letter. De Profundis, or rather that which we are accustomed to call De Profundis, is a letter, just as much as the letters, here published, to Robert Ross; it is a letter from Oscar Wilde, in the penitentiary at Reading, to his friend Lord Alfred Douglas… Proof of the fact that the author so considered it is to be found in the title suggested by him for the work – Epistola: in Carcere et Vinculis.’ – Thus German readers at least knew the truth as far back as 1909; and to English readers it was no longer a secret. – There seemed to be no prospect that the work, in unmutilated form, would appear until long years had passed. […] But in 1912 something unexpected happened. The writer Arthur Ransome published a ‘critical study’ of Oscar Wilde. It dealt almost exclusively with Wilde’s works; his life was touched upon only in a few lines here and there where mention of it was absolutely unavoidable. But a statement by Ransome, without mentioning any name, concerning the evil influence of a friend of Wilde, was considered an insult by Lord Alfred Douglas, who thereupon brought suit against Ransome for slander. The accused, who had stated with unquestionable discretion facts long known, was compelled to adduce proof of the truth of his assertion. For this purpose the manuscript deposited in the British Museum was fetched forth and read out from start to finish in court. Since all the newspapers published columns about the court proceedings, the world at that time learned for the first time about the suppressed portions of De Profundis. […] The dead Oscar Wilde testified against the living Douglas, and the testimony of the dead carried more weight. In April, 1913, judgment was rendered against the plaintiff, with costs. – But Douglas’s aggressiveness was not dampened by this decision. He became his own spokesman by publishing a book of more than 300 pages, entitled Oscar Wilde and Myself, describing his relations with his former friend as he visualized them. In this book Oscar Wilde is degraded, Lord Alfred Douglas glorified. […] Thus it was that the accused spoke out publicly against his accuser. And it is not until now, ten years later, that the accuser is heard. The son of Oscar Wilde has turned over to me, in order that it may be published in German, the complete manuscript of De Profundis, of which only about two-fifths were known before. Here, then, is an instance of something hitherto almost unknown – the publication in translation, before it appears in the language in which it was originally written, of a work which, even before its appearance, has won celebrity. Despite the fact that the world has become accustomed to the old title De Profundis, it has been deemed unsuitable for the work in its entirety, since therein less profound, even profane, things – gormandizing, expenses, unpaid bills – are talked about, often and in detail. I chose the title suggested by Wilde – Epistola: in Carcere et Vinculis (‘A Letter: In Prison and Fetters’). Even though it may have been meant partly in jest, it has at least the advantage of coming from the author himself. The whole is something quite different from a fragment. – And now let the letter – surely the longest ever written – speak for itself. […] What the prisoner of Reading wrote is by no means an attempt to whitewash himself and unload all the blame on another – as is so often the case with convicts, since to act thus is both human and understandable. […] Though this assures him of the reader’s sympathy, the picture which he draws of himself, notwithstanding, is far from being something merely sympathetic. It reveals a megalomania that is well-nigh pathological. Oscar Wilde credits himself with a social and artistic eminence which he never attained in his lifetime, which posterity likewise has never granted him. Moreover, an unbounded vanity makes itself disagreeably apparent in his writing. Even in his deepest humiliation he attaches a truly grotesque importance to what the newspapers said about this or that, what was contained in an article about him planned for a French magazine, how a dedication to him was worded. This may serve as proof that it was, indeed, art which invariably played the dominating part in Wilde’s life: nevertheless, though this may be humanly characteristic, it is not necessarily humanly attractive. In the deepest ‘mire of Malebolge’ one should be able to dispense with reporters. Justice having been done to all this, let us pass on to admire the language in which Wilde’s thoughts are clothed. In the hitherto unpublished parts of the work which he wrote in Reading Gaol we are confronted with something which, for sheer beauty of expression, is not to be found either in the rest of Wilde’s work or in that of any contemporary writer. […] Occasionally the form suffers under the deep emotional disturbance in the writer. There are repetitions; some things are sloppily expressed; here and there corrections have been shunned in order that the directness of feeling may not be weakened. But such trifles pale before such beauty. Even in prison Oscar Wilde had not lost the art of writing.”

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1925

I beg to introduce ... LE, Bd. 27, Nr. 4 (Januar 1925), 193-194.
Einleitung zum Januar-Heft des LE, das ausschließlich den Beiträgen von vier englischen Gegenwartsautoren gewidmet war (Galsworthy, Hermon Ould, Sassoon, Osbert Sitwell). – „Mit besonderer Freude wird man, hoffentlich, dieses Heft begrüßen: es ist ausschließlich Beiträgen englischer Autoren gewidmet. Wir dürfen darin einen willkommenen Beweis für die Wiederannäherung der Völker erblicken. Einmal müssen die internationalen Beziehungen aufs neue geknüpft werden. Wer sollte bereitwilliger dazu die Hand bieten als die, welche durch das Wort wirken! Zu lange hat es die Welt ertragen müssen, daß der kläglichste politische Dunkelmann, der nichts zu sagen wußte als Verhetzendes und Verletzendes, mehr zu sagen hatte als literarische Lichtbringer, die Abgründe zu überbrücken beflissen sind. Indem wir schaudernd an diese finsteren Zeiten zurückdenken, wollen wir alles tun, ihre Wiederkehr zu verhindern. – Vier Engländer von Namen und Bedeutung sind bei uns zu Gaste. Sie haben auch im tollsten Tanz des Wahnsinns die Besinnung nicht verloren. John Galsworthy erhob seine edle Stimme, als es galt, die darbenden Kinder in Deutschland vor dem Untergang zu retten; sein schönes Gedicht machte damals die Runde durch deutsche Zeitungen, und er verzichtete großmütig auf seine Einnahmen, die ihm aus den verarmten Ländern Mitteleuropas zustanden. [Siehe hierzu meine kritischen Anmerkungen anläßlich von MMs Nachruf auf Galsworthy in der NZZ vom 07.02.33, Nr. 236.] Hermon Ould wurde von den Quäkern nach Berlin geschickt und hat manches zur Linderung der Not unter den Studenten beigetragen. Siegfried Sassoon ließ in seinen Gedichten das Mitleid hell aufklingen, und Osbert Sitwell hielt mit dem Hohn für die heimischen Hyperpatrioten nicht zurück. Heißt Schriftsteller sein die Sache der Humanität höher werten als die des Nationalismus? Dann wäre der Welt nicht schlecht gedient. ● Von diesen vieren braucht einer deutschen Lesern nicht vorgestellt zu werden: John Galsworthy. Sein Name hat universelle Geltung erlangt. Als Romancier wie als Dramatiker, als Novellist wie als Essayist ist er hall-marked. […] Galsworthy ist in Deutschland nicht weniger bekannt als Thomas Mann in England. Die Nachwelt wird zu entscheiden haben, ob der Verfasser der Forsyte Saga oder der Verfasser der Buddenbrooks das Rennen machen wird. – Siegfried Sassoon ist erst seit der Schicksalswende in helles Licht gerückt. Er hat den Krieg mitgemacht, aber er hat nicht seine Dummheiten und Grausamkeiten mitgemacht. Für ihn bedeutete Kämpfer sein nicht: die Waffen des Geistes niederlegen. Seine zart besaitete Natur bäumte sich gegen die Leiden der Völker und der Einzelwesen auf. Er sagte die Wahrheit, als persönlicher Mut dazu gehörte, und sie erwies sich in der allgemeinen Verblendung als so unbequem, daß nichts unterlassen wurde, ihren Verkünder kaltzustellen. […] – Ein Fachmann nicht minder tritt Hermon Ould vor uns hin. Er hat bis vor kurzem (in Gemeinschaft mit Horace Shipp) innerhalb der English Review einen der zeitgenössischen Bühne gewidmeten Abschnitt ‚Theatre-Craft’ herausgegeben und seinen Blick keineswegs auf das Heimatland beschränkt, sondern alle fortschrittlichen Bestrebungen auf dem Gebiet der Inszene mit förderndem Anteil verfolgt. […] – Wer wäre berufener, über Londons Koterien zu schreiben, als Osbert Sitwell? Steht er doch, an der Seite seiner Geschwister Edith und Sacheverell, mitten im literarischen Getriebe und versendet als Scharfschütze Pfeile nach allen Richtungen. Ja, man möchte wetten, daß man auf die Frage, welche Koterie in London heute die einflußreichste sei, ziemlich allgemein die Antwort erhielte: die Sitwells. Sie haben mit einem großen Reinemachen in der stickigen guten Stube der englischen Lyrik begonnen, manchen Hausrat in die Rumpelkammer verwiesen und durch eigene Leistungen bei Widersachern Kopfschütteln erregt, doch auch eine Menge Bewunderer sich geschaffen. Osbert ist von den dreien wohl der aggressivste und darum der am meisten befehdete. […] ● So ist es für den Kenner ein erlesenes Vergnügen, vier Engländern von solchem Rang zu lauschen, und es mag für die in diesem Bezirk weniger Heimischen eine Quelle der Belehrung werden. – Wir danken und salutieren.“

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1926

„Oh! To be in England.“ [I]. NZZ, 15. August 1926, Erste Sonntagausgabe, Nr. 1309.
Betrachtungen über England nach einem neuerlichen fünfwöchigen Aufenthalt. – „Ich eigne mir den Titel an. Steht er über einem Loblied, einem Päan, einem Hymnus? Er steht über einem Buch, das ich so wenig kenne wie seinen Verfasser. [Der Titel eines Buches von S.P.B. Mais (1922), eine Anspielung an die berühmte erste Zeile von Robert Brownings Gedicht ‚Home-Thoughts from Abroad’.] Doch aller Wahrscheinlichkeit nach soll mit dem ‚Oh!’ nicht Schmerz, sondern Freude geäußert werden. – Ach! in England zu sein, wieder für fünf Wochen in England zu sein, englische Luft zu atmen, unter englischen Menschen zu leben… In dem England, das unmittelbar vor meiner Ankunft einen großen Sieg errungen, einen der größten seiner modernen Geschichte: den Sieg über den Generalstreik. Diesmal erlitt der furchtbare Feind außer seiner vollkommenen Niederlage noch obendrein das Odium der Lächerlichkeit, so daß ihm, wie Kenner versichern, für lange Zeit kein britischer Kopf nachwachsen wird. – Die Leute waren nach diesem innern Mafeking [Anspielung an den erfolgreichen Widerstand der Stadt im 2. Burenkrieg (1899-1900)] noch ein bißchen in Triumphstimmung. Konnten nicht genug erzählen von der Hilfsbereitschaft, der Disziplin und dem Humor der Londoner Bürger. Jeder habe die Unannehmlichkeit mit guter Laune getragen, keiner dem andern durch ein griesgrämiges Gesicht und verärgertes Benehmen das Leben unnötig schwer gemacht. Ich will es gerne glauben, daß die selbstsichere Heiterkeit dieser Inselmenschen sich glänzend bewährte. Ein Optimismus, der jeder Lage gegenüber an seinem Schibboleth: ‚make the best of it’ festhält, ist wirklich beneidenswert. Man möchte recht viel von dieser Gottesgabe für den eigenen Bedarf annektieren. – Besonders freute mich die mehrfach bestätigte Mitteilung, daß zwei meiner nächsten Freunde – beides Schriftsteller, die sonst gar nichts mit Politik zu tun haben – eifrig und erfolgreich, sozusagen hinter den Kulissen, an der Beilegung des Konflikts mitwirkten. [Anspielung auf Osbert Sitwell und Siegfried Sassoon.] Meine Gedanken schweiften heimwärts… Fiele bei uns es jemals einem hochtrabenden Herrn Minister ein, sich der Hilfe lyrischer Dichter in einer solchen Angelegenheit zu bedienen? […] Da wären wir nun wieder bei dem nie zu erschöpfenden Thema: Deutschland und England angelangt. – (Ich habe darüber schon so oft geschrieben, zuletzt in der Neuen Rundschau – November 1924 –, daß mir, will ich mich nicht wiederholen, zu sagen fast nichts mehr übrig bleibt. Zum Glück wechseln die Empfindungen von Jahr zu Jahr; also sei das hervorgehoben, was diesmal das Markanteste war.) – Fünf Wochen hab ich täglich die Times gelesen, aber ich kann keineswegs behaupten, daß ich in dieser mit Nachrichten aus allen Weltteilen gespickten Zeitung, die wohl immer noch auf dem Erdball als die beste zu gelten hat, viel über Deutschland gefunden hätte. Der einzige Gegenstand, welcher mit aller Ausführlichkeit behandelt wurde, war die Fürstenentschädigung; lange Telegramme meldeten das Ergebnis der Volksabstimmung. Dafür muß Interesse vorhanden gewesen sein. Ich merkte das auch an mancherlei persönlichen Auskultationen. Man atmete beruhigt auf, als das gesittete, gebildete deutsche Volk bekundete, daß es von ‚bolschewistischen’ Praktiken nichts wissen wolle. – Aber sonst Interesse für Deutschland? Nein, dreimal nein. Wir müssen uns, wurmt es noch sehr, mit dem Gedanken abfinden, daß Deutschland als europäische Großmacht für lange Zeit ausgespielt hat. Auf die Stufe von Serbien oder Montenegro herabgedrückt. Der gefürchtete Nebenbuhler existiert nicht mehr; der böse Konkurrent ist mattgesetzt. Wie es im sozialen Leben einen ersprießlichen Verkehr nur zwischen Menschen von gleicher Gesellschaftsstufe gibt, nicht anders scheint es zwischen den Nationen im politischen Leben. ● Von Deutschenhaß ist natürlich in London nichts zu spüren. Der war ein künstliches Gewächs des Krieges, mit den verwerflichsten Mitteln voll infernalischer Tücke gezeugt. Seiner ganzen Veranlagung nach ist der Engländer nicht zum Hassen geschaffen. Haß setzt eine intellektuelle Leidenschaftlichkeit voraus, zu der sich die wirklichen oder vermeintlichen Erbpächter des common sense nur im äußersten Notfall aufschwingen. – Das Deutschland gegenüber jetzt vorherrschende Gefühl ist eine totale Gleichgültigkeit. Von allen Regungen hat Gleichgültigkeit den tödlichsten Stachel, weil sie – keine Regung ist; weil sich ihr so schwer beikommen läßt; weil sie sich auf ein unterirdisches, ein subkutanes Dasein beschränkt. Und doch hilft Gleichgültigkeit vielleicht am ehesten über die Kluft hinweg. Man mag darin eine Art Palliativ sehen. Die Gefühle, die noch in der Tiefe rumoren, beruhigen sich so am raschesten. Was wir von Herzensgrund wünschen möchten. – Freilich, so schnell wie wir es wünschen, wird sich der Heilungsprozeß schwerlich vollziehen. Dafür sorgen die an allen Ecken, in allen Flecken aufschießenden Kriegerdenkmäler, Verewigungen eines transitorischen Zustandes. […] Im Hinblick auf die von allen um die Zukunft besorgten Menschen angestrebte Völkerversöhnung – Bündnisse wie Feindschaften sind nur Wandelbilder der Weltgeschichte – wäre es ein Akt hochherziger Bescheidenheit gewesen, wenn man es bei dem einen Denkstein des unbekannten Soldaten, dem Cenotaph in Whitehall, hätte bewenden lassen. Das ist ein schlanker, stelenähnlicher Bau, mitten im Straßengetriebe des Millionengewimmels aufgestellt, ohne den Wagenverkehr zu behindern. Künstlerisch ist das vielleicht nicht sehr hervorragend; in seiner Schlichtheit liegt das Ergreifende. Und ergreifender noch ist die schlichte Huldigung, die kein Vorübergehender ihm versagt. – Ich habe mich an einem Sonnabend um die Mittagsstunde, wenn alle Geschäfte schließen, dort in der Nähe postiert – kam aus der Westminster-Abtei, Britanniens wählerischer Walhalla, wo die pompösen, die prominenten Toten, die mit den berühmten Namen, ruhen. Eine gute Viertelstunde stand ich dort, Umschau haltend. Nicht ein einziger ging vorüber, der dem Namenlosen nicht seine Referenz erwiesen hätte. Jeder Arbeiter, der, scheinbar in seine Zeitung vertieft, oben auf dem Omnibus saß, lüftete die Kappe, sobald er sich diesem geweihten Flecken Erde näherte. Keine Frau, die nicht fromm das Haupt gesenkt hätte. Mir feuchteten sich unaufhörlich die Augen, und ich verbeugte mich vor dieser wundervollen Wohlerzogenheit des britischen Publikums. Da will keiner sich von dem andern abheben. Herzenstakt schreibt Uniformität des Handelns vor. Jeder anerkennt: ein Symbol hat nur einen Sinn, wenn es ohne Widerspruch hingenommen wird. Ach, daß es doch überall so wäre! ● Noch ein paar Worte seien hinzugefügt über die Lauheit des Engländers, wenn es sich um deutsche Verhältnisse handelt. Das Schicksal des französischen Franc wurde mit regem Anteil verfolgt. Schon mußte der arme Franzmann 170 Francs für das englische Pfund bezahlen. Aber wenn man davon erzählte, was wir auf diesem Gebiete durchgemacht haben, daß wir für einen Brief schließlich Milliarden aufwenden mußten, daß grauenhafte Teuerung und gräßlicher Mangel Hand in Hand gingen, begegnete man äußerster Fassungslosigkeit. Man wurde wie ein Münchhausen angeglotzt. Bis zu diesem Grade der Geldentwertung vermochte die britische Phantasie nicht vorzudringen (wir selbst sind heute kaum noch dazu fähig). Infolgedessen hat man auch von der Verarmung in Deutschland keine Vorstellung. Man will sie nicht glauben, weil man auf Reisen im Ausland so viele wohlhabende Deutsche trifft […]. – Das Mitleid mit dem labilen französischen Franc hält übrigens Albions reiselustige Söhne und Töchter durchaus nicht davon ab, in hellen Haufen nach Frankreich hinüberzufahren. Ich sah den Frühzug, der von Victoria Station abgeht, aber ich sah in dem endlos langen Zug auch nicht einen Platz unbesetzt. […] – ‚Wie kann man bloß in ein hochvalutarisches Land fahren!’ hatte mir ein Freund (selbst sprungbereit, nach Südfrankreich abzudampfen) scherzend entgegengehalten, als ich mich vor der Reise von ihm verabschiedete. Viele scheinen wie er gedacht zu haben. Auf Londons Straßen, in Londoner Gast- und Vergnügungsstätten hörte ich kaum je etwas anderes als die Sprache der Einheimischen. Der Franzose, der Belgier, der Italiener können sich bei dem Tiefstand ihrer Währung einen längeren Aufenthalt in der wesentlich teurer gewordenen englischen Hauptstadt nicht mehr leisten. […] Der Deutsche, noch immer unter Paßkontrolle stehend und als Vergnügungsreisender offiziell nicht zugelassen, tut aus andern als pekuniären Gründen gut daran, vorläufig auf eine Masseninvasion zu verzichten. ● Wie aufreizend unter Umständen schon eine Anzahl von etwa dreißig biedern Deutschen wirkt, wurde mir an einem Sonntag in Hampton Court, dem lieblichen Städtchen an der Themse, das früher königliche Residenz war, sowohl ad oculos wie ad aures demonstriert. Die Herrschaften, vielleicht Gewerbetreibende, vielleicht harmlose Ausflügler, nahmen im ersten Stock eines Restaurants an langer Tafel ihr Gabelfrühstück ein. Es ging fröhlich her. Der Wirt, ein vorsichtiger Mann, hatte den bedienenden Kellnern weisgemacht, es handle sich um holländische Gäste, was englische Kellner in ihrer linguistischen Ahnungslosigkeit ohne weiteres geglaubt hatten. Nach beendeter Mahlzeit erhob sich ein älterer Herr, begann eine Rede mit der den Tatsachen widersprechenden Feststellung: ‚Wir sind hier unter uns’ und schloß mit einem ‚Hoch auf unser geliebtes Vaterland’. Wozu das? Wären die anwesenden Engländer der deutschen Sprache mächtig gewesen, wie leicht hätte es zu abfälligen Bemerkungen, am Ende gar zu einem Krawall kommen können! Ist diesen Leuten denn ihre Taktlosigkeit niemals auszutreiben? Werden sie nie lernen, daß man in fremdem Lande nur durch Zurückhaltung auffallen soll? Es gibt leider eine Sorte deutscher Touristen, an denen Hopfen und Malz verloren ist. – ‚Wir sind unter uns’ – das hätten die Londoner mit größerem Rechte dieses Jahr von sich und ihrer Season sagen können. Nicht einmal die Anwesenheit des japanischen Prinzen Chichibu verlieh ihr außergewöhnlichen Glanz. Die Internationalität in der Kunst kam immerhin durch die Gastspiele der deutschen Oper unter Bruno Walter in Covent Garden, einer Pariser Truppe mit Sacha Guitry und seiner Gattin Yvonne Printemps im Gaiety-Theater und des russischen Balletts mit der Karsavina in His Majesty’s [Theatre] zum Ausdruck. Trotzdem waren die Briten mehr als früher unter sich. Sogar die Dominions hatten nicht viele Vertreter von dunklerer Hautfarbe und bunterer Tracht entsandt.“

„Oh! To be in England.“ [II]. NZZ, 16. August 1926, Mittagausgabe, Nr. 1317.
Fortsetzung des vorigen Artikels. – „Oh! To be in England… Was macht diese Inselmenschen für den kontinentalen Besucher so reizvoll und stets aufs neue fesselnd? – Man zitiert ihn [Kaiser Wilhelm II.] ungern, erstens weil man ihn überhaupt in Ruhe lassen soll und zweitens, weil seine Aussprüche meist mit Elan danebentrafen; aber einmal hat er etwas gesagt, vor vielen, vielen Jahren, als er bei seiner königlichen Großmutter zu Besuch weilte, das sich jedem Fremden als richtig aufdrängen wird: es sei schwer, in England nicht neidisch zu werden. – Jeder denkt hierbei selbstverständlich zuerst an den Reichtum des Landes. […] In einem Lande, wo die krassesten Gegensätze zusammenstoßen, wo krösushafter Überfluß und schäbigste Armut aufeinander prallen, wo Slums und Paläste, Whitechapel und Mayfair im Weichbild einer Stadt vereinigt sind, hört Materielles nimmer auf. – Natürlich ist der ‚große’ Krieg auch an dem Inselreich nicht spurlos vorübergegangen. Die Leute klagen immer noch Stein und Bein. Steuern und Abgaben sind gegenüber dem Vorkriegsstatus bedrohlich gewachsen, die Kaufkraft des Pfundes beträchtlich gesunken. Jeder hat Opfer bringen müssen. Gerechterweise haben die Reichsten am stärksten geblutet. Nehmen wir an, die Oberschicht habe die Hälfte ihres Kapitals eingebüßt. Du lieber Himmel, was will das, an den Verlusten der kontinentalen Völker gemessen, besagen? Hätten die Stöhnenden in England ein Augenmaß dafür, sie würden inne, wie gut, wie beneidenswert gut sie nach wie vor dastehen. ● Mehr als ihre irdischen Güter schienen mir von jeher ihre kulturellen beneidenswert. Dieses ‚Volk von Krämern’ hat unbestritten mit seinen äußern Formen und seinem ganzen Lebenszuschnitt, der die Gebote der Zweckmäßigkeit wie der Ästhetik erfüllt, die Welt erobert. […] Dieses Volk, das so früh in den Reigen der europäischen Großstaaten eingetreten und zum Choregen aufgerückt ist, hat sich dem Leben gegenüber den blanken Blick und die heitere Einstellung der Jugend bewahrt. […] Die geistige Beweglichkeit dieser erwachsenen Kinder hält sich vielfach in engen Grenzen. Sie lassen den lieben Gott einen braven Mann und seine Schöpfung die beste aller Welten sein. Rütteln selten an der bestehenden Ordnung der Dinge. Finden sich eher mit Unerquicklichem ab, als daß sie schroff aufbegehrten. Schon in gewöhnlicher Konversation zieht ja der glatte Widerspruch den Vorwurf schlechter Manieren nach sich. Etwas mehr Opposition, Rebellentum, Gärstoff – danach lechzt man gelegentlich, wenn man aus Deutschland kommt. – Aber dann bestechen diese Inselmenschen wiederum durch wunderbare Eigenschaften. Manners makyth man (die Manieren machen den Menschen) lautet ein alter englischer Spruch, der noch heute Richtschnur ist. Die Urbanität ihrer Sitten tut dem Herzen wohl, zumal, wenn man aus Deutschland kommt. Bei ihnen ist Höflichkeit die Dominante, wie Grobheit in andern Ländern. Man gibt sich willig dem Zauber einer mildern Luftschicht im gesellschaftlichen Umgang hin. Noch zwischen sozial Geschiedenen herrscht ein verbindlicher Ton. Auf Schritt und Tritt lassen sich kleine rührende Züge beobachten. Das bitterböse Wort: Homo homini lupus erweist sich in diesen freundlicheren Bezirken als blöde Verleumdung, als schmähliche Übertreibung. ● Das Unvergleichlichste und Herrlichste: die Liebe des Engländers zu Tieren und Blumen. […] Mir unvergeßlich (der Vorfall dürfte bald zwanzig Jahre zurückliegen; Ernst Oppler [impressionistischer Maler (1867-1929), Mitbegründer der Berliner Sezession] ist mein Zeuge), wie beim Besuch eines Klosters in der Umgebung von Florenz ein blutjunges englisches Mädchen dem ehrwürdigen Pförtner, der einen im Klosterhof vergnügt herumhüpfenden Frosch zertreten wollte, wutbebend mit dem Ausdruck entgegensprang: ‚You brute!’ Zu einem Mann im Ordenskleid gesagt! – Tiere haben in England ihr zweites Paradies gefunden. Sie werden alle gleich behandelt: Pferde, Lämmer, Hunde, Katzen. Als der Leiter des Feuilletons der Frankfurter Zeitung, der schon lange tote Fedor Mamroth [1851-1907], einmal eine Englandfahrt beschrieb, äußerte er den Wunsch, wenn er wieder geboren würde, möchte er als Kuh des Herzogs von Devonshire zur Welt kommen. Der das schrieb, war weiß Gott kein Ochse. – Welche Verehrung Pferde genießen, dafür bietet Olympia mit seiner glänzenden Horse show alljährlich das prachtvollste Beispiel. […] – Die Liebe zu Hunden kommt oft einer Affenliebe gleich, hat ausgesprochen sentimentalen Anstrich (wie denn überhaupt der als matter-of-fact abgestempelte Brite sein vollgerütteltes Maß Sentimentalität besitzt). Kürzlich war in den Gazetten zu lesen, ein siebzehnjähriger Junge habe sich freiwillig aus dem Leben befördert, weil er den Tod seines Hundes nicht verwinden konnte. […] Man gibt mit unsern vierbeinigen Freunden, die vor den zweibeinigen das voraus haben, daß sie niemals enttäuschen und daß ihre Freude stets aufrichtig ist, manchmal ein bißchen zu viel an. Wenn sie von echten Porzellantellern die gleiche Nahrung wie ihre Herrin zur gleichen Zeit im gleichen Raum erhalten – ich habe das tatsächlich auf einem Landsitz erlebt –, so geht das, bei aller Liebe, wohl doch zu weit. – Besonders gut hat es in England auch die Katze. […] – Ebenso fällt die größere Zahmheit der Vögel auf. Jeden Nachmittag erscheint im Hyde Park ein alter Mann, der die Spatzen füttert; sie nehmen ihm die Brotkrumen aus den Lippen, picken auch von den Händchen der Kinder die Bröselein behutsam auf. So zutrauliche Sperlinge sucht man anderswo vergeblich. Alle Vorübergehenden sehen dem seltsamen Schauspiel, das wie eine Varieténummer anmutet, belustigt zu. Sind es nicht große Kinder, die an solchen idyllischen Aspekten ihre harmlose Freude haben? ● Ein Sportfieber schüttelt zurzeit die Welt, ganz so, wie sie von der Tanzmanie gepackt ist. England, Heimat und Hauptpflegestätte des Sports, darf ihn unter den Faktoren aufzählen, die ihm den Krieg gewinnen halfen; denn ohne die körperliche Vorbildung seiner Jugend hätte es wohl nie seine Heere so schnell auszubilden vermocht. Der deutsche Schulmeister hat an dem britischen Trainer sein Gegenstück gefunden. – Nun hat es in England seit langem Leute gegeben, die der Ansicht waren, auf Schulen und Universitäten werde des Guten in sportlicher Beziehung zu viel getan, da der Ehrgeiz der meisten Schüler und Studenten auf Rekorde, statt auf ‚Höchstleistungen’ in den Wissenschaften gerichtet ist. Es ist eine schwere Sorge der Pädagogen. Unter denen, welche die Hypertrophie des Sports mit Waffen des Spotts angegriffen haben, befindet sich auch Bernard Shaw; ‚alles andere, nur nicht Sport’ macht er als Erholung namhaft. Eine jüngere Dichterin, Edith Sitwell, führt unter den Dingen, die von jeher ihr ‚intensives Mißvergnügen’ bereiteten, jede Art Sport auf – ‚mit Ausnahme des einen, Rezensenten totzuschlagen’. – Die Gegner des Sports oder vielmehr seiner unleugbar vorhandenen Auswüchse kämpfen in England für eine verlorene Sache; denn dieser Gott oder Götze der Massen läßt sich nicht mehr entthronen. […] Selbst Lächerlichkeit vermag ihm nichts mehr anzuhaben, und lächerlich ist nachgerade die Wichtigkeit, womit nichtigste Sportbegleiterscheinungen in der Presse zur Sprache kommen. […] – Wenn man dann wieder vernimmt, wie die Sportleidenschaft in den Tagen des Generalstreiks als Ventil diente, die Massen ablenkte, Gegensätze ‚spielend’ überbrückte, indem sich die Streikenden und ihre Widersacher bei irgendeiner Veranstaltung lachend die Hände reichten, so begreift man, daß britische Politiker den Sport weder schmähen noch verschmähen.“

„Oh! To be in England.“ [III]. NZZ, 18. August 1926, Abendausgabe, Nr. 1330.
Schluß der Serie. – „Ich will nun endlich etwas vom Londoner Theater erzählen. Meine Leser wären mir gram, wenn ich es unterließe. Doch ich fürchte, den Erwartungen nicht zu entsprechen, und zwar nicht, weil sie hinter meinen Ansprüchen empfindlich zurückblieben, sondern weil ich, offen gestanden, nach vier bis fünf Dutzend Berliner Premieren im Sommer, selbst in einem verregneten Sommer, wenig Neigung verspürte, die szenischen Genüsse fortzusetzen. Ein Sonnenuntergang in Kensington Gardens ist mir lieber als Reinhardts sämtliche Dekorationswunder. Nur die Donnermaschine dünkt mich sympathischer als die ‚himmlische Artillerie’. Auch hatten wir ja, während der verflossenen Spielzeit, in Berlin eine regelrechte Londoner Season, denn kein englisches Theaterstück, ob gut oder schlecht, blieb uns erspart. – Es lag also kein zwingender Grund vor, die Bekanntschaft mit konventionellen britischen Bühnenwerken in ihrem Ursprungslande weiter zu pflegen. Ich hätte gerne neue Dramatiker entdeckt, so wie es mir einst gelang, den annoch unbekannten John M. Synge ans Licht zu ziehen. Doch obwohl ich mit der Laterne nach ihnen suchte und bei Leuten vom Bau emsig Umfrage hielt – der große Fund wollte nicht glücken. – Am meisten hergemacht wurde von dem Iren Sean O’Casey, der mit einem Satz aus dem Dunkel in eine etwas grelle Berühmtheit sprang, als ihm irgendein Literaturpreis [der Hawthornden-Preis 1925] zufiel. Asquith hat bei der feierlichen Überreichung den Mund ein bißchen voll genommen; braucht man in literarischen Fragen die Worte weniger zu wägen als in politischen? [Zur Laudatio von Herbert Henry Asquith, 1st Earl of Oxford and Asquith, siehe die Times vom 24.03.26: ‚Hawthornden Prize Award. Lord Oxford’s Tribute to Mr Sean O’Casey’.] Augustus John, an Betriebsamkeit und Sicherheit der Zeichnung unserm [Emil] Orlik vergleichbar, hat den neuen Stern alsbald gemalt. Die drei bisher im Druck vorliegenden Stücke von O’Casey sind in ihrer Mischung von Tragik und grimmem Humor, in der Fixierung des irischen brogue durchaus von Synge beeinflußt, ohne, wie mir scheint, seine Urwüchsigkeit zu erreichen. Irland ist allemal O’Caseys Thema; hier sind ersichtlich die Wurzeln seiner Kraft. Ob sie, wenn er fremden Boden berührt, ihm treu bleiben wird? Heimatkunst hat in den seltensten Fällen universelle Bedeutung. Ein Hauptmann, der nur die Weber geschaffen hätte, wäre schlesischer Lokalbesitz geblieben. Der einzige Dialektdichter, den die Weltliteratur aufzuweisen hat, ist Robert Burns. Auch O’Caseys größter Reiz ruht im Sprachlichen, und gerade der ist unübertragbar (es sei denn, man nehme den Dialekt zu Hilfe, wodurch freilich eine logische Inkongruenz entsteht, weil jede Mundart geographisch begrenzt ist.) Trotzdem soll der Ire schon ins Deutsche übersetzt werden. Die Urteilslosigkeit der Vermittler kennt keine Grenzen mehr. – Noch ein andrer Ire durfte sich eines guten Erfolges rühmen: T[homas] C[ornelius] Murray [1873-1959] mit seinem Schauspiel Autumn Fire. Erst spät erreicht den nicht mehr jungen Schullehrer, der eine ganze Reihe von Stücken im Verborgenen schrieb, die Anerkennung: Herbstfeuer (wie Sudermännisch der Titel!) ist eines alternden Mannes Liebe zu einem jungen Mädel; er heiratet sie, stürzt vom Pferde, woraufhin sie sich ihrem Stiefsohn zuwendet. Natürlich in allen Züchten; doch dem Gelähmten bleibt nur noch seine Religion. Das ist beinah’ eine Familienblattgeschichte von höchster Dagewesenheit. Murray wirkt etwa so modern wie Turgenjew. – Sonst – sonst – bin ich schon am Ende? Die beiden Nachkriegsheroen Frederick Lonsdale und Noel Coward steh’n immer noch in Gunst. Sie sind Lieblinge des Publikums, weil ihre Komödien spannen, und Lieblinge der Schauspieler, weil sie mit guten Rollen bedacht werden. Ihr etwas penetranter Ruhm ist längst nach Berlin gedrungen; es gibt heutzutage kaum noch einen Erfolg, der sich nicht international austobt. – Daneben werden die üblichen Gesellschaftsausschnitte sowie die gangbaren thrillers oder Reißer und gar nichts von Shakespeare gespielt, ganz wie seit Olims Zeiten. Dieser theatralische Speisezettel ist mir nachgerade vertraut. Ich kann den Abstieg nicht gar so erschröcklich finden. Denn erstens stehen wir selbst nicht mehr auf so viel höherer Stufe, wiewohl wir es uns mit literarischer Heuchelei stramm einbilden; zweitens hat in England niemals das Theater prätendiert, mehr zu sein als Amüsierstätte; drittens versöhnt mit allem Plunder die gefällige Verpackung – will sagen: eine hübsche Ausstattung und die meist hervorragende Darstellung (ebenso wie bei uns). Nur altmodische Leute geh’n ins Theater, um ein Stück zu seh’n; der moderne Mensch will seh’n, wie eine Rolle von der M. dargestellt oder ein Kleid von der N. bloßgestellt wird. – Entschieden voraus ist uns der Londoner noch in der Tanzoperette. Die Berliner Aufführung von No, No, Nanette [von Vincent Youmans, deutsche Erstaufführung im Metropoltheater am 08.11.25] hielt sicher den Vergleich mit der Londoner nicht aus. Ein junger englischer Musiker, der sich eben in Zürich die Sporen verdient hatte, riet mir dringend zum Besuch einer andern amerikanischen Tanzoperette: Lady, be good (was für ein Titel!) von George Gershwin, weil hier zum erstenmal der gelungene Versuch unternommen worden sei, den Jazz-Rhythmus streng durchzuhalten. Ich fand den Versuch allerdings gelungen – – bloß in anderm Sinn. Diese dauernden Hackbrettweisen werden unerträglich, wenn sie die Kost eines ganzen Abends bestreiten wollen; dergleichen ist doch nur als pikantes Zwischengericht genießbar. Das Ohr fängt allmählich an, vor den Zerrbildern der modernen Musik zu streiken, wie das Auge häufig vor den Kakophonien der modernen Malerei gestreikt hat. Ein Trost: man malt wieder anders; warte nur, balde komponiert man auch wieder anders. – Nun ist von einer wahrhaft revolutionären Neuerung auf der englischen Operettenbühne zu melden. Früher verlangte man von den weiblichen Stars vor allen Dingen, daß sie dem Ideal der Ansichtspostkartenschönheit genügten, daß sie den landläufigen Begriffen des prettypretty (ungefähr das, was wir mit Kitsch bezeichnen) an Haupt und Gliedern entsprachen. Es war das goldene, das süßliche Zeitalter der Edna May, der Gertie Miller und wie sonst die Gaiety-Göttinnen hießen. Damit scheint es endgültig vorbei. Wenigstens treten jetzt in zweien der beliebtesten Operetten Künstlerinnen auf, die nichts mehr von jenem frühern Typ der Schönheit haben und mit ihren greulich verschminkten Gesichtern einfach mordshäßlich sind. Wenn sie den Mund aufmachen, um zu singen oder das, was sie singen nennen, glaubt man einen Papagei krächzen oder einen Pfau krähen zu hören. Doch darauf kommt es keineswegs an. Moderner Anschauung zufolge liegt die Schönheit in der Elastizität des Körpers und in der Schwungkraft der Beine. Der Puppenkopf und des Gesanges Gabe haben ausgespielt. Wie die Melodie vom Rhythmus in der Musik verdrängt worden ist, hat der Rhythmus der untern Gliedmaßen über die Melodie der Gesichtszüge den Sieg davongetragen. Wer wagt jetzt noch zu behaupten, daß England sich künstlerischem Fortschritt verschließe! ● Von künstlerischem Fortschritt auf dem Gebiete des englischen Films schweigen selbst heimische Beurteiler. In dieser Industrie kann sich Großbritannien mit amerikanischen und deutschen Erzeugnissen, die bei Fachmännern am höchsten im Kurs stehen, durchaus nicht messen. Aber es erhebt auch keinen solchen Anspruch. Der Film spielt bei den Gebildeten des Insellandes lange nicht die Rolle wie auf dem Festland; er spielt überhaupt keine Rolle. – Bei uns wird es fast als Zeichen rückständiger Gesinnung angesehen, wenn einer den Film als Kunstgattung ablehnt, wenn er ihm neben seiner informatorischen und besonders nach der Seite des Grotesken hin unterhaltenden Fähigkeit nicht auch eine künstlerische Mission zugesteht. Es gibt bei uns genug sonderbare Schwärmer, die heute schon die Produktion der Lichtspielbühne höher einschätzen als die der Sprechbühne – keineswegs amusische Zeitgenossen. Nach der Vorführung von Chaplins Goldrausch [1925] rief einer berauscht aus: das größte künstlerische Ereignis dieser Zeit! Dagegen hab’ ich in England nie einen künstlerischen Menschen getroffen, der den Film, wenn er sich anmaßt, mit dem Theater in Wettbewerb zu treten, auch nur einen Augenblick ernst genommen hätte. Künstlerische Menschen gehen drüben nicht ins Kino. Sie tun es mit einem Achselzucken ab. Das will besagen: wie kann der Mensch bloß auf das Wertvollste, das er vor aller andern Kreatur voraus hat, verzichten und einer von Stummen für Taube gebotenen Unterhaltung gleichen Rang einräumen wollen wie der Wortkunst! – Musische Menschen in England sind für das Problem einfach nicht zu haben. George Moore starrte mich aus seinen wasserblauen Augen verständnislos an. Siegfried Sassoon lief empört aus einer solchen Verschandelung davon. Osbert Sitwell würde mir die Freundschaft kündigen, wenn ich ernsthaft mit ihm davon reden wollte. Galsworthy warnte mich eindringlich, mir die Verfilmung seines Romans The White Monkey [1925] anzusehen. Hat er schon seine Einwilligung dazu gegeben, so lehnte er doch die Folgen energisch ab. Erwähnenswert übrigens, daß ihn der hier viel diskutierte Film Panzerkreuzer Potemkin, zu dem ich ihn während seines Berliner Aufenthaltes mitnahm, weniger als Kunstwerk denn als Propagandawerk fesselte. [Der Film war Anfang Mai 1926 in die Berliner Kinos gekommen. Galsworthy sprach am 18.05.26 vor dem Deutschen Pen-Club in Berlin.] Bernard Shaw verdient einen besondern Lobstrich, daß er die Riesensummen, die man ihm für die Verfilmung seiner Dramen bot, mit der Miene des Grandseigneurs ausschlug. – Anders als Richard Strauß, dem es von seinen englischen Bewunderern – mit Recht, nur zu sehr mit Recht! – verübelt wurde, daß er selbst an die herrliche Rosenkavalier-Musik Hand anlegte, um sie dem Prokrustesbett der Flimmerleinwand gefügig zu machen. Er wäre besser nicht nach London gereist, wo seine Geschäftstüchtigkeit (wie auch anderswo. Die Red.) verstimmte. – In England verlangt man von großen Männern, daß sie ein rühmliches Beispiel geben. Je größer einer als Künstler ist, desto mehr wünscht man, zu ihm emporzublicken, an ihm einen Führer in den Versuchungen des Lebens zu haben, auch den Menschen bewundern zu können. – Neugier trieb mich ins Filmdrama Lady Windermeres Fächer [1925]. Oscar Wilde ohne Worte. Selten entsprang Absurderes einem Kinohirn. Der große Lubitsch zeichnet als Regisseur. Was müssen diese Filmkapitäne für ein Verhältnis zur Kunst haben, daß sie so skrupellos in Apolls Lorbeerhain wüten wie der Bär im Porzellanladen! Und schon droht uns von jener Seite Goethes Faust.“

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1932

Sprachvermehrung. NZZ, 5. September 1932, Morgenausgabe, Nr. 1629.
Deutsche Lehnwörter in der englischen Sprache seit der Jahrhundertwende. – „Keinem Besucher des Englands der Nachkriegszeit können die Wandlungen der Umgangssprache verborgen geblieben sein. Sie hat sich, wie man ohne Übertreibung feststellen darf, in keinem europäischen Lande durch den Krieg stärker verändert als in England. […] Zunächst darf man getrost die Behauptung aufstellen, daß in keiner andern Zeit eine solche Sprachbereicherung stattgefunden hat wie in unsern Tagen. Das erklärt sich ohne weiteres aus dem Überhandnehmen von Sport und Technik, die immer breitere Volksschichten erobern. Jede Erfindung, die populär wird, läßt ihre Spuren in der Sprache zurück. Das Fliegen z.B. hat Dutzende von neuen Ausdrücken gezeitigt; Auto, Kino, Radio folgen in gemessenem Abstand. Auch die Wissenschaft hat ihren Anteil an der Vermehrung des Sprachguts. Hier dürfte die Medizin unbestritten den ersten Platz einnehmen. Doch weitaus den stärksten Einfluß muß man dem Krieg zuerkennen. Er ist wirklich ein Sprachbereicherer geworden wie kein Ereignis zuvor. Freilich hat es auch nie einen Krieg gegeben, in den so viele Völker verwickelt waren, so daß der von uns gebrauchte Name ‚Weltkrieg’ bezeichnender ist als der im Englischen übliche ‚The Great War’. – Dieser Weltkrieg unseligen Angedenkens hat eine Handvoll deutscher Wörter über den Kanal geworfen. Gleich zu Beginn der Streitigkeiten, als nach dem unerwarteten Eingreifen Großbritanniens der Schlachtruf ‚Gott strafe England!’ in Deutschland aufkam, annektierten die Engländer das Verb ‚strafen’, als ob ihnen ihr eigenes ‚to punish’ nicht mehr genügt hätte. Das englische ‚to strafe’ hat wohl mehr den Sinn von ‚Vergeltung üben’. In einem frühen Stadium des Kriegs, als noch mit Worten gekämpft und mit Manifesten geschossen wurde, nahmen die Engländer auch das Wort ‚Kultur’ auf im Gegensatz zum angelsächsischen ‚culture’. ‚Kultur’ ist bei ihnen die spezifisch deutsche Auffassung der Kultur; das Wort, von Engländern gebraucht, hat also einen Stich ins Ironische. Schwer zu erklären ist es, wieso das im Deutschen kaum angewendete Wort ‚Schrecklichkeit’ dem Englischen einverleibt wurde; damit sollten wohl alle Scheuseligkeiten des Kriegs, der ganze menschenunwürdige Zustand getroffen werden. Dagegen begreift man, daß die britischen Feinde sich das Wort ‚Kamerad’ aneigneten, das die zur Übergabe bereiten deutschen Soldaten mit erhobenen Armen äußerten; es liegt viel mehr darin als in dem englischen ‚comrade’. Endlich kam im Krieg noch das Wort ‚Minenwerfer’ hinüber. Schon vorher war durch die Diplomatensprache ‚Weltpolitik’, durch die Musik ‚Leitmotif’ (meist in dieser Schreibung) und ‚Glockenspiel’, durch den Bergsport ‚Rucksack’ und ‚Bergschrund’ in Umlauf gesetzt. Daneben finden sich im Englischen von deutschen Eindringlingen noch ‚Backfisch’ und ‚Hausfrau’, ‚Ersatz’ und ‚Ausgleich’, ‚Kinderspiel’ und ‚Festschrift’. – Im Verhältnis zu den von der deutschen Sprache aufgesogenen englischen Wörtern bleibt es ein karges Häuflein.“

 

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zuletzt aktualisiert: 10.08.16